Chapter 5 of 20 · 3987 words · ~20 min read

Part 5

Verwundert blieben einige Passanten drüben auf der Mauerseite stehen, wie rücksichtslos stürmisch am hellen Mittag dort der starke Mann das schlanke Weib an seine Brust preßte.

Und die Seligkeit dieses Mein- und Deinseins wandelte sie bald wieder zu Kindern. Eine halbe Stunde darauf standen sie vor einem Laden der Leipziger Straße, der Erstlingsausstattungen liegen hatte, und weideten sich an all den duftigen, spitzenumhauchten Herrlichkeiten. Emmys Gesichtchen glühte. Allerlei bedeutsame Bemerkungen wurden zwischen ihnen geflüstert; in köstlicher Verlegenheit lächelten sie beide.

»Komm doch hinein!«

Er wollte sie nach dem Eingang des Ladens drängen; aber sie wehrte.

»Nein, nein, nein — jetzt auf keinen Fall! — es soll trotzdem nicht zu kurz kommen!«

»Mein gutes, liebes Weib!« hauchte er hin, und seine Blicke ruhten verklärt auf ihr, während sie beide durch das Gewühl der Straße weiter schritten.

* * * * *

Von da ab nahm die ehemalige Kassiererin von Kapp und Müller die ökonomische Regelung des Haushaltes in die Hand. Anfangs erschrak sie, auf wie schwankendem Untergrund diese Ehe gegründet worden war. Und ihretwegen hat er sich in dies Elend gestürzt!

Die Lage war ziemlich trostlos. Der Vorrat an Pretiosen war versiegt, Magnus hatte gewirtschaftet, als wenn ihm der unerschöpfliche Arnheim der Firma Joël noch zur Verfügung stände. Sein ehemaliger Reichtum erwies sich als ein Fluch.

Doch jetzt ist keine Zeit, da zu sitzen und zu grübeln und sich von schweren Gedanken niederdrücken zu lassen! Jetzt gilt es tapfer zu sein!

Sie ordnete eine Beschränkung des Haushalts an; vom ersten Januar würden sie eine noch viel kleinere Wohnung beziehen. Sie verrichtete Wunder der Sparsamkeit; zumeist heimlich, daß er es nicht merkte, denn sie sah, wie es ihn schmerzte, sie darben und sich in den kümmerlichen Verhältnissen krümmen zu sehen.

Magnus hatte in dem Bureau eines Konsortiums zum Bau elektrischer Arbeitsbahnen ein Unterkommen gefunden. Er paßte als Kaufmann dort nicht hin, aber man gab vor, seine stilistischen Fähigkeiten für die Korrespondenz zu verwerten — in Wahrheit handelte es sich um den Namen Joël, der in den Manipulationen der Gesellschaft ein effektvolles Schild abgab, ja sogar als Köder herhalten mußte. Man bezahlte ihn erbärmlich, versprach ihm aber um so mehr. Wieder schämte er sich, seine Lage vor Emmy offen darzulegen. Er hoffte in seiner sanguinischen Art in die blaue Zukunft hinein. Unterdes versank er in Schulden, ehe er sich dessen versah.

Emmy war den ganzen Tag über, wo er in Berlin war, sich selbst und ihren Sorgen überlassen. Die Gedanken umlauerten sie, schlichen ihr nach auf Schritt und Tritt, saßen mit ihr am Nähtisch und leisteten ihr Gesellschaft am Küchenherd, wo sie das frugale Mahl für sein Kommen am Abend rüstete.

Sie hat ihn zum Bettler gemacht! — sie hat den Frieden des Hauses Joël zerstört! — sie hat ihn von dem Herzen seines Vaters getrennt! Was für ein Ungeheuer von Egoismus ist sie denn, daß sie bleibt und ruhig zusieht, wie die Kluft sich erweitert und das Elend wächst? Fort mit ihr, der Unglücksspenderin — der Friedensstörerin! — es wäre so einfach — weiter nichts, als daß sie ihn verließe — spurlos verschwände — dann wäre er frei! — Wohin, das ist einerlei! — sie weiß, sie wird an dieser Trennung zu Grunde gehen! — wenn sie ihn damit rettet — wie gern, ach wie gern!

Immer wieder stemmte sie sich gegen die Unseligkeit solcher Gedanken. — Jetzt nicht! — sie ist schuldig auszuharren, bis sie ihrem Kinde das Leben geschenkt! Dann vielleicht erst recht! O Gott, giebt es denn keinen Ausweg?

Die gute Mama Köster wagte sich immer wieder mit einem Vorschlag heran: man müßte eine Versöhnung mit der Familie Joël versuchen. Die wenigen Nachrichten, die von den Joëls in den stillen Winkel herüberdrangen, konnten schon dazu ermutigen. Der alte Herr litt offenbar unter dem Schlag, den ihm sein Jüngster versetzt. Sein Gesundheitszustand war nicht der allerbeste. Siering, der erste Buchhalter des Hauses, der Magnus zufällig begegnete, meinte, es kostete nur einen Gang, nur ein Wort, — der Alte wäre so weich, (»er ist überhaupt nur ein Polterer!«), eine Versöhnung ließe sich unschwer in Scene setzen. Magnus schüttelte ungläubig den Kopf; und sein Trotz bäumte sich auf.

Aber Frau Köster klammerte sich immer zäher an den Plan. Sie träumte von einem Fußfall — von einer rührenden Verzeihungsscene —

Der Größenwahn des Herrn Köster fuhr in voller Entrüstung dagegen an. — »Was? wir sollen klein nachgeben? Nimmermehr! Ihr werdet sehen, man wird schon kommen, uns zu holen, wenn man uns braucht! — warten wir nur geduldig!«

»Unterdes sind wir verhungert —« sagte die stumme Angstmiene von Frau Köster.

Und Emmys Mutterhoffnung bestärkte sie. Sie scheute sich nicht, vor ihrer Tochter offen ihre Gedanken schillern zu lassen.

»Wenn es ein Knabe sein sollte — wenn wir das Glück hätten, daß es ein Knabe wäre, Emmy —«

Die junge Frau errötete.

»Nun, man redet doch darüber, mein Kind — also wenn es ein Knabe wäre! — Herr Gisbert Joël hat, wie mir Magnus versichert, keine Aussicht auf einen Erben — bleiben wir also allein übrig, die den Namen Joël retten. Und so ein Kerlchen zieht uns alle heraus. Dem wird der alte Herr nicht widerstehen — der Großpapa wird ihm in die Glieder fahren ...«

Eines Vormittags, kurz vor Weihnachten, erschien in der Damerowstraße ein Herr von militärisch strammem Aussehen und fragte in gemessener Höflichkeit nach Herrn Joël. Auf Emmys Bescheid, daß dieser nicht zu Hause sei, hob er bedauernd die breiten Schultern und zog aus der Seitentasche seines Rockes einen Pack Papiere in aktenmäßigem Format.

»Bedaure sehr — ich habe für diesen Fall Exekutionsbefehl. Gerichtsvollzieher Moller mein Name —«

Emmy schrak zusammen und erblaßte; mit zitternden Händen griff sie nach den Papieren.

»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, Frau Joël —« sagte der Biedermann mit seiner gutmütigen Baßstimme, — »es ist nicht der Rede wert — eine Operation, die nicht weh thut — derweil kommt Zeit, kommt Rat —«

Und vor sich her knurrend, fügte er hinzu: »Ihnen kann es doch nicht schwer fallen, die paar hundert Mark aufzutreiben!«

Er schüttelte dabei den feisten Kopf. Seine Augen fuhren forschend von Möbel zu Möbel in der Stube umher, dieselben auf ihren Wert abschätzend.

Emmy blätterte mechanisch in den Papieren mit ihrem Gemisch von Gedrucktem und Geschriebenem und zehnerlei Handschriften.

Plötzlich fuhr sie auf — der Gerichtsvollzieher prüfte gerade ein zierliches Luxusschränkchen, ein Überbleibsel aus Magnus’ Luxustagen; die prächtige Schnitzarbeit schien ihn zu interessieren: »Das Stück allein —« sagte er, mit der Hand über den reichprofilierten Sims fahrend, »deckt zehnmal die Schuld — und es ist Ihnen gewiß entbehrlich?«

Emmy stürzte herzu: — »Das nicht! — auf keinen Fall das!« rief sie, mit der Hand abwehrend.

Der Mann wunderte sich über die Erregung. Emmy errötete, den wahren Grund ihrer Weigerung wagte sie nicht anzugeben —: das Schränkchen hatte zur Aufbewahrung der fertigen oder in Arbeit begriffenen Kinderausstattung gedient. Es war ihr eine so wundersame Freude, die Thüren desselben zu öffnen und sich mit den winzigen Sächelchen zu beschäftigen. So war ihr das Schränkchen zu einer Art Heiligtum geworden.

»Das nimmermehr! Nehmen Sie sonst alles!«

Herr Moller war wohl an dergleichen Sonderheiten gewöhnt. Er wählte also ein paar andere Möbel, die ihm entbehrlich schienen und brachte seine Siegel an, die Operation, wie er es nannte, mit Aufzählung schlimmerer Fälle, wie zur Beruhigung, begleitend.

Dumpf brütend saß sie da, als er fort war, der Schreck zuckte in ihr nach. Da klingelte es abermals — der Briefträger.

Mechanisch nahm sie den dargereichten Brief, betrachtete ihn — er sah recht gleichgültig aus, sie kannte die Schrift nicht — etwas Geschäftliches? — vielleicht abermals eine Mahnung? —

Und mit ganz mechanischen Griffen, all der Gedanken voll, öffnete sie das Couvert.

Gleich, als sie die Überschrift sah, ward sie sich des Mißgriffes bewußt. »Lieber Bruder!« stand dort.

Aber unmöglich, das Folgende nicht zu lesen! — wenigstens nicht einen Blick in die Zeilen zu werfen. Was ist geschehen? Gisbert schreibt an Magnus — das erste Mal seit der Verstoßung ...

Ihre Hände zitterten, als sie las:

»Lieber Bruder!

Du wirst Dich wundern, von mir diese Zeilen zu erhalten. Unser alter Vater ist die Veranlassung. Er befindet sich nicht gut, gewisse Ereignisse haben ihm stark zugesetzt und, wie es scheint, seine Gesundheit untergraben. Ich weiß nicht, ob Dir daran gelegen ist, nach der Leichtigkeit zu urteilen, mit der Du Deine Familie, die es so gut mit Dir meint, bei Seite warfst, hiervon Notiz zu nehmen. Jedenfalls hielt ich es für meine Pflicht, Dich zu benachrichtigen. Auch magst Du aus diesen Zeilen die Andeutung herauslesen, daß der Moment zur Anbahnung eines Friedens nicht ungeeignet ist. Nicht, daß wir Dein Handeln nachträglich billigen, nicht, daß wir uns mit dieser Ehe nachträglich einverstanden erklären, aber wir sind geneigt, uns überzeugen zu lassen, daß Du damals mit Deiner Ehre engagiert warst, daß Dein leider zu weiches Herz sich von einem billigen Mitleid überwältigen ließ — Du erklärtest ja ausdrücklich, daß Du nur ~aus Mitleid~ ...«

Emmy war es, als erhielte sie von einer unsichtbaren Hand einen Schlag ins Gesicht. Der Brief entglitt ihr. Ihre Brust rang nach Atem, und ihre Hände umtasteten den Hals, als drohte sie zu ersticken. Jetzt meinte sie zu Boden zu schlagen — wankend stürzte sie auf das Sofa zu — und dort, mit einem gellenden Schrei, löste sich die Erstickungsangst.

Lange hielt sie das Antlitz mit den Händen bedeckt; Stirn und Wangen brannten wie nach einem wirklichen Schlag. Sie bebte am ganzen Körper vor Erregung. Immer wieder wiegte sie den Kopf unter den Händen — es ist wohl nicht möglich! — es ist nicht denkbar! Jetzt ließ sie die Hände sinken — ihre Augen stierten leer in der Stube umher — endlich trafen sie das Papier am Boden —

Sie schnellte empor, fuhr auf das Papier hin und raffte es auf — ihre Hände flogen — vor ihren Augen schwirrte es — es gelang ihr nicht, eine Zeile zu verfolgen — ihre Blicke stöberten wie trunken die Buchstaben entlang — endlich! da hatte sie es wieder, das entsetzliche Wort!

»Aus — Mit — leid!«

Langsam und laut kamen die Silben über ihre Lippen. Dann bewegten sie sich stumm — immer die schrecklichen drei Silben — wie ein mächtiger Magnet hielt das Wort ihre Augen gebannt — unmöglich, die Blicke davonzureißen!

Und sie wiegte das Haupt auf und nieder — jetzt schneller: — ja, ja, ja — das ist’s! Es war das Mitleid! Eine ungeheure Helle lohte von dem Worte auf, alles, alles beleuchtend.

Nun knitterte sie das Papier in den Händen zusammen — konvulsivisch, in einem Zornausbruch über sich selbst: — Gott im Himmel, wie konnte sie sich so von Blindheit schlagen lassen! Bedurfte es erst eines Briefes, um sie das Wort lesen zu machen! Deutlich stand es überall geschrieben — jede Sorge des Tages, das ganze Elend ihrer Lage trug die Devise: »Aus Mitleid!«

Ja, aus Magnus’ Augen, aus seiner verkümmerten Miene hätte sie es lesen müssen! —

Nein, nein, das ist nicht wahr! Er liebt sie dennoch! Aber das Mitleid ist stärker gewesen, als die Liebe!

Und in einem gewaltigen Thränenstrom brach der ungeheure Schmerz sich Bahn.

* * * * *

Emmy beschloß zu gehen. Es bedurfte keines Entschlusses — es war so selbstverständlich — das Wort wies ihr gebieterisch die Thüre.

Bald! Heute — nachher — gleich — ehe Magnus zurück ist! Es muß sein!

Wohin? Das ist gleichgültig! Es ist alles ein Nebel, darin sie vorwärts tastet aufs Geratewohl — sie wird auf einen Abgrund stoßen, der so barmherzig ist, sie aufzunehmen — vielleicht trifft sie ein Wasser, das sie mit hinwegreißt und allem ein Ende macht ...

Magnus pflegte einen bestimmten Zug der Stettiner Bahn am Abend zu benutzen. Bis dahin war Zeit, alle Vorbereitungen zu ihrer Flucht zu treffen. Ihr war so elend, sie raffte alle Willenskraft zusammen; mechanisch, in einer Art Betäubung hantierte sie. Es gab viel zu schaffen und zu ordnen. Ein rührendes Pflichtgefühl gebot ihr, nicht vom Posten zu desertieren, ohne diesen blank und in Ordnung zu hinterlassen.

So machte sie sich mit größerer Peinlichkeit als sonst daran, die kleine Wohnung, die die Stätte ihres kurzen Glückes war, in Stand zu setzen. Mit dem Reinigen und Kramen vergingen Stunden. Oft überwältigte sie eine Schwäche infolge der Anstrengung; sie ließ sich nieder, um auszuruhen — dann fühlte sie Thränen in ihren Augen schwellen — sofort machte sie sich wieder auf — zum Weinen und Grübeln ist jetzt keine Zeit! — Thränen machen weich! — sie sollte und durfte in ihrem Entschluß nicht wankend werden!

Dann kam die Stunde, wo sie sonst das Essen zu bereiten begann. Auch das! Wenn er nach Hause käme, sollte er nicht einen kalten Herd und einen leeren Tisch vorfinden. Freilich würde er nichts von der Speise anrühren, wenn sie nicht da wäre — der erste Schreck würde ihn lähmen — dann würde ihn die Angst zur Suche nach ihr aufhetzen.

Eine plötzliche Furcht ergriff sie: — er konnte früher kommen, sie überrumpeln, dann erlahmte ihr die Kraft, das Unselige auszuführen ...

Es war alles fertig, das Fleisch brodelte im Topf, es begann zu dunkeln — jetzt erst gewahrte sie, daß draußen der Schnee heftig stöberte. Das hatte den Tag über angedauert, die Pfade im Garten waren verweht, alles Geräusch von der Straße drang nur gedämpft herüber. Sie schauerte, und ein Gefühl des Frostes überrieselte sie. Hier innen war es warm und behaglich — so traulich dämmerte der gelbe Schein der Lampe — sie mußte an die süßen Stunden der Abendstille denken, wenn die Welt da draußen schwieg und nur ihr Glück hier immer wach war, spät in die Nacht hinein.

Vorüber!

Sie setzte sich an seinen Schreibtisch, um die paar Zeilen des Abschieds an ihn zu schreiben. Er sollte nebst ihnen den Brief des Bruders vorfinden, wenn er käme. Eine gewaltige Erregung kam über sie, und die Feder zitterte in ihrer Hand. Als sie die ersten Zeilen hingeworfen, klingelte es.

Sie erschrak heftig — es war sein Klingeln! Erst ein leises Ticken, um sie vorzubereiten, dann das laute, freudige Signal seiner Ankunft. Auch darin gab sich seine Sorgfalt für sie kund.

Sie knitterte das angefangene Schreiben in die Tasche und eilte, um zu öffnen.

Er war es. Sie prallte zurück, wie vor einem Unerwarteten, Fremden.

»Was ist Dir, Emmy?«

»Ach, Du bist es — ich hatte Dich nicht gleich erkannt ...«

»Puh, ein Wetter —« prustete er, mit den Füßen stapfend. Seine Kleider waren mit Schneeflocken überhaucht.

»Ich bringe eine tüchtige Kälte mit herein — Du hast wohl Angst?« rief er, da sie zögerte, nach ihrer Gewohnheit in seine Arme zu fliegen.

Ach, seine Stimme — seine Augen — seine Nähe! Sie fühlte etwas wanken innerlichst. Sie breitete ihre Arme aus und stürzte in die seinen. In einem Sturm leidenschaftlicher Freude umpreßte er ihre Gestalt. Ihr Kopf wiegte an seiner Schulter: »ach Maggi ... Maggi!«

»Was ist Dir, mein Herz?«

Der seltsam flehende Ton ihrer Stimme machte ihn stutzig.

»Was ist Dir? Bist Du nicht wohl?« fragte er, ihr Köpfchen von seiner Schulter hebend.

»Doch, doch —« nickte sie mit gesenkten Augen.

»Du hast Dich wahrscheinlich wieder zu sehr angestrengt — wie oft habe ich Dich gebeten, das zu unterlassen — Du siehst blaß und verstört aus.«

Sie wollte des Gerichtsvollziehers erwähnen und das als Grund ihres Aussehens anführen. Ah, — er wird genug auszustehen haben — sie will ihn und sich nicht die Stunde dieses Abschiedes durch solche Trivialität vergällen!

»Nichts, Maggi ... es ist das Gewöhnliche, Du weißt.«

Sie litt in letzter Zeit viel an migränehaften Kopfschmerzen.

»Du wirst Dich gleich nach Tisch hinlegen, Du armes Herz! — Können wir bald essen? Ich bringe einen Wolfshunger mit. Ich bin nicht zum Frühstücken gekommen.«

»Das Essen ist bald fertig — Du wirst nasse Füße haben, Maggi —«

»Nun und Du fragst nicht, warum ich so früh komme? — eine gute Nachricht!« rief er in die kleine Küche hinein, wo sie an den Geschirren zu hantieren begann.

»Nun?«

»Die Simbergs haben mir eine Gratifikation zu Weihnachten versprochen. Genug, um manches abzumachen — und es bleibt noch tüchtig für das Christkindchen. Ich freue mich kindisch auf das Fest!«

Und nach einer Pause, da keine Antwort aus der Küche kam: »Nun, freust Du Dich nicht?«

»Herrlich!« rief sie überlaut.

Wenn er geahnt, welch einen Schmerz ihr die Lüge dieses Ausrufes ausgepreßt!

Er erklärte sein frühes Kommen. Es galt eine Arbeit, die Abfassung eines Prospektes, die er dort im Comptoir doch nicht vollendet hätte. Es wäre Arbeit bis spät in die Nacht hinein.

Das war schon einigemal vorgekommen. Während sie drinnen in der Schlafstube schon zu Bette lag, hörte sie dann das Kritzeln seiner Feder vom Schreibtisch her, und der Schein der Lampe, den sie nicht missen wollte, streckte sich wie in hütender Wacht bis zu den Füßen ihres Lagers hin. Und so war sie dann eingedämmert.

Bald saßen sie an dem kleinen Tisch beim einfachen Mahle. Wieder krampfte sie alle Kraft zusammen, um sich unter seinen Blicken aufrecht zu halten. Sie war fahlblaß. Das konnte auch ein Symptom ihres Übelbefindens sein. Jeder Blick, jedes Wort, jede Bewegung von ihm war eine zärtliche Sorge für sie. Einmal flammte eine Röte über ihr Antlitz — es ist eine Lüge: — nicht »aus Mitleid!« — nein aus Liebe! aus Liebe!

Sie wollte es ihn Auge in Auge frei herausfragen; er wäre nicht imstande gewesen zu lügen. Aber das würde nichts bessern an der Lage. In den Augen der andern bleibt die häßliche Devise: »Aus Mitleid!« dennoch bestehen. Nach wie vor bedeutet sie für ihn den Makel! — Fort mit dem Makel!

Er geleitete sie selber hinein in die Schlafstube und bettete sie dort. Sie bestand darauf, sich in den Kleidern zu legen, da sie nachher noch zu thun hätte. Es gab einen kleinen Streit deswegen, und er mußte nachgeben.

Wohl eine Stunde lang lag sie dort wie angekettet durch seine Sorge, die immer wieder herbeischlich, um nach ihr zu sehen. Zu ihren Füßen wachte der Schein von der Lampe her, und sie hörte wie sonst das Kritzeln seiner Feder.

Ihre Gedanken stürmten fiebernd. Sie wird nicht frei kommen — jetzt! Er wird sie nicht einmal bis zur Thür lassen! Also auf morgen! O die unsägliche Qual dieser Nacht, wo jeder Pulsschlag einen Abschied von ihm bedeutet ...

Ihre Augen irrten in der Stube umher. Jetzt huschten sie über das Schränkchen hin. Einzelne Schächtelchen und Medizinflaschen standen dort von ihrer Krankheit her. Warum zuckte sie empor? warum fuhr es wie ein siedender Strom durch ihre Glieder? Und die Augen wie hingebohrt dort auf die Stelle, wo die Fläschchen standen ...

Es war eines darunter, das Morphium enthielt; es hatte ihr oft Linderung gebracht — aber ein gefährliches Ding! — wie vorsichtig waren die Tropfen jedesmal abgezählt worden! Magnus hatte es sogar eine Zeit lang vor ihr verborgen, daß sie nicht einmal in seiner Abwesenheit einen Mißgriff thäte. Deutlich unterschied sie es jetzt unter den anderen Gläsern.

Wie ein Wirbelwind fuhr es durch ihre Gedanken — nur ein Hinhuschen nach dem Schränkchen — ein Griff nach dem Fläschchen — nur ein mutiger Schluck daraus — das ist die Flucht! Weiter kann man nicht fliehen, als dahin! Niemand holt sie zurück von dort — und sie ist dann so sicher vor dem selbsteigenen Gelüst einer Wiederkehr!

Wohin? — Auf einmal weiß sie — wohin!

Und während all ihre Fibern bebten, als wäre dieser Entschluß eine körperliche Erschütterung gewesen — raffte sie dennoch so viel Vorsicht zusammen, um ihm die drei Schritte dorthin zu verheimlichen.

Langsam, langsam erhob sie sich, und zollweise, einem nächtlichen Diebe gleich, rückte sie auf den Strümpfen vorwärts nach dem Schränkchen hin.

Jetzt griff sie nach dem Glas — es gab ein leises Klirren, so bebte ihre Hand.

Sie fühlte, wie sie vor Schreck erblaßte. Sie horchte — nichts als das unermüdliche Kritzeln der Feder und das leise Ticken des treibenden Schnees am Fenster.

Jetzt hielt sie das Fläschchen — wieder wie ein Dieb schlich sie damit gegen das Lager zurück. Dort gegen den Bettpfosten gelehnt, wollte sie es öffnen. Das gelang ihr nicht, der Glasstöpsel hatte sich festgesetzt. Sie drehte und arbeitete daran — umsonst, der Stöpsel rührte sich nicht!

Die Thür ist verriegelt! Als ob Jemand fliehen will — schon hat er die Thür erreicht — wider Erwarten versagt das Schloß ... er ist gefangen!

Eine Verzweiflung bemächtigte sich ihrer, es zuckte in ihr, das Glas an dem Pfosten zu zerschlagen und das kostbare Naß aus den Scherben zu schlürfen. Abermals zerrte sie an dem Stöpsel — ein stöhnender Ruf entfuhr ihren Lippen.

Gleich war Magnus aufgesprungen und auf den Ruf herzugeeilt. Er war noch rechtzeitig da, um sie vor dem Hinstürzen aufzufangen.

»Was ist Dir? warum bist Du aufgestanden ...«

Es war keine Ohnmacht — ihr Atem flog so stürmisch — und sie wehrte seinen Fragen mit heftigem Kopfschütteln.

Er brachte die Lampe herein, da fiel sein Blick auf das Fläschchen, das ihre Hand noch immer umkrallt hielt. Er erkannte es sofort an dem Glasstöpsel.

»Herr des Himmels — was hast Du gethan?«

Er war wie gelähmt vor Schreck. An dem verzweifelten Stieren ihrer Augen, an dem verstörten Ausdruck ihrer erregten Miene erkannte er sofort, daß sie nicht zur Linderung eines Schmerzes danach gegriffen.

»Verzeih ...« stöhnte sie.

Das Wort bestätigte den fürchterlichen Verdacht. Er entriß ihr das Fläschchen, hob es gegen das Licht — sie konnte nicht viel genommen haben. Nun merkte er erst, daß der Stöpsel haftete.

Er stürzte an dem Lager nieder. — »Bist Du von Sinnen —« schrie er — »Du wolltest ...«

Sie nickte. Die unheimliche Energie dieses Nickens lähmte ihm ein weiteres Wort. Entsetzt stierte er sie an.

Sie wies mit der Hand nach dem Papier auf dem Tisch hin.

Er griff danach, flog es durch — schleuderte es hin. Er begriff nicht — offenbar hatte er das verhängnisvolle Wort gar nicht getroffen.

»Du bist krank! Du bist von Sinnen! Du könntest — Du könntest mich verlassen — mich? Hast Du denn kein Mitleid ...«

Das Wort löste die Starrheit. Mit einer stürmischen Bewegung umschlang sie seinen Hals und preßte sein Haupt an das ihre.

Ihr Körper erschütterte unter ihrem heftigen Schluchzen.

»Maggi — o, Maggi — Maggi ...«

Allmählich fand sie außer diesen noch andere Worte. Und schluchzend wie ein Kind beichtete sie ihm alles. Ihr Fluchtversuch, und wie das häßliche Wort sie zu dem unseligen Entschluß getrieben ...

»Wer hat das gesagt?« schnellte er auf.

»In dem Briefe dort stand es.«

Er raffte den Brief auf, suchte, suchte in den Zeilen. Da stand das Wort! Nun loderte es auch ihm wie eine Flamme entgegen.

»Es ist nicht wahr!« rief er schrill, und seine Augen sprühten. — »Glaubst Du es denn, Emmy? Ich bitte Dich, ich beschwöre Dich! — glaubst Du es denn? Konntest Du es glauben?«

Nein, nein, keine Komödie in diesem Augenblick! Kein kindisches Leugnen! Abermals stürzte er vor ihr nieder, das Haupt an ihrer Brust bergend.

»Ich bin feige gewesen, Emmy — verzeih’ Du mir! Ich meinte, uns zu retten mit dem Wort. Hab’ ich nicht gezeigt seitdem, daß es eine Lüge war? — Aber ich will hin! — gleich morgen will ich hin! — will das Wort widerrufen — sie sollen wissen, was es angerichtet! — sie sollen wissen, wie ich Dich liebe! — ach, wie ich Dich liebe! — wie ich Dich liebe!«

»Und dann sollen sie mich zum zweitenmal verstoßen! — bleibst Du mir nicht, Emmy?« —

Lange nachdem saß er noch an ihrem Lager in der Nachtstille, während der Schnee an das Fenster tickte, und horchte auf das Fluten ihres Atems wie damals. Ein tiefer Schlaf hatte sie als Widerspiel nach all der Erregung des Tages übermannt.

Hatte der Tod sie ihm nicht zum zweitenmal geschenkt? Und ein sieghaftes Frohgefühl durchbebte ihn, daß sie ihm nun bleiben würde für immer. —

Herr Köster triumphierte, als er von einer gewissen Rührscene hörte, die am andern Tage in der Villa Joël zu Charlottenburg sich zwischen Vater und Sohn abspielte: »Ich habe es ja gewußt — Sie brauchen uns — sie können ohne uns nicht auskommen!«