Chapter 10 of 20 · 3959 words · ~20 min read

Part 10

Oben auf dem Plateau, zwischen Tender und Lokomotive wies er ihr einen Sitzplatz zwischen den Kohlen auf mitgenommenen Decken an, den sie ablehnte, indem sie sich in die eine Ecke des Schutzdaches schmiegte. Nachdem die bewaffnete Eskorte eingestiegen, gab er den Pionieren das Zeichen zur Abfahrt.

Anfangs ging die Fahrt mit einiger Geschwindigkeit. Dann als die letzten Lichter der Stadt in der Ferne verschwunden waren, begann die Maschine ihren Lauf zu verlangsamen, denn ringsum, vorwärts, rückwärts nichts als das schwarze Land, die schwarze Nacht des wolkenbedeckten Himmels, ein gleichsam schwarzes, unheilbrütendes, alles umhüllendes Schweigen, alle Signale gelöscht, die Wärterhäuser verlassen, nur der Schein des Feuers, der von Zeit zu Zeit, wenn die Esse geöffnet wurde, über Ackerfurchen und dürre Hecken, gefrorene Wassertümpel, einsame Wegestrecken und schlafende Häuser wie gespenstisch hinhuschte, die übrige Dunkelheit noch um so tiefer verdichtend. Nun begann es zu schneien, ein immer stärkeres Gewirbel, das hier, in der sausenden Fahrt, eine sturmartige Heftigkeit annahm, eine zweite Nacht, die mit ihrem fort und fort niederflatternden Schleier die andre verdeckte; selbst die Flocken nahmen außer dem Bereich der Feuerstreifen, wo sie roten Funken glichen, eine schwarze Färbung an.

Und vorwärts in die Nacht hinein, mit wechselndem Tempo; jetzt war es nur ein Schleichen, ein vorsichtiges Tasten, als wenn die Maschine irgend einen heimtückisch über das Geleise gelegten Stamm, oder eine Ausrenkung der Schienen witterte; ein paarmal, so an den Brücken, wurde gehalten und die Bahn rekognosziert. Dann aber, wie in neu gewonnener Sicherheit ging es in einem tollkühnen Gejage wieder los, als schämte man sich des Zagens; bis auch dieser Ansatz zur Eile wieder erlahmte und das fast schrittweise Vorwärtstasten wieder begann. Die Dunkelheit scheint wie ein körperlich zu überwindendes Hindernis; das langsame Vorwärtsdringen ist wie ein Anstemmen dagegen, und der fort und fort wirbelnde, tobende und in peitschenden Streifen anwehende Schnee macht die Illusion dieses Anstemmens fast zur Wirklichkeit.

Wie lange dauerte solche Fahrt? Ihn, den Lieutenant, dünkte sie viele Stunden lang. Und seltsam, wie er sich ihr Ende nicht einmal herbeiwünschte — wie er fort und fort so weiterzufahren wünschte — ein seltsam thörichtes Gelüste, denn sie, deren rätselhafter Bann ihn zu solchem geheimnisvollen Wunsche stachelte, hatte keinen Blick für ihn, für niemand von den Prüssiens, die in ziemlicher Enge den schmalen Raum besetzt hielten. Zweimal hatte er versucht, ein Wort an sie zu richten, eine Frage, ob sie nicht fröre, ob er ihr ein Glas Wein zur Stärkung anbieten dürfe. Nichts, kein Wort, nur ein kühl abweisendes Kopfbeugen. Sie schien unempfindlich gegen die Dunkelheit, gegen den Schnee, vor dem sie unter dem Schutzdach nur teilweise gedeckt war; auch gegen die eigenartige Gefahr — ja diese schien sie zu reizen, und ihm war es, wenn die Maschine zum neuen Vorrasen ausholte, als umspielte ein ganz unmerkliches Zucken der Befriedigung ihren schön geschnittenen Mund. Ihre Augen blieben unverwandt durch das runde Lugfenster nach außen gerichtet, in das unaufhörliche Gewirbel hinein.

Und so war er in ihren Anblick versunken, wie ihn dünkte, stundenlang; stand und sah und staunte und empfand eine seltsame, schmerzlich süße Freude, die Blicke an ihrer geheimnisvollen Schönheit zu weiden, seine Sinne an dem herben Hauch der Tapferkeit zu erquicken, der sie umwehte und ihr Wesen hinaushob über die gebrechliche Koketterie ihres Geschlechts. Er hätte viel darum gegeben, ihr den Ausdruck seiner Bewunderung nur mit einem Worte andeuten zu dürfen — ja nur mit einem Blick — besonders dann, wenn die Lichtflut der geöffneten Esse sie mit dem feurigen Mantel umfloß und ihre Gestalt wie in einer überirdischen Glorie leuchtete. Auch gegen den blendenden Feuerschein schien sie unempfindlich, nur blieb sie zuletzt nicht mehr ganz so regungslos starr; jetzt begann sie von Zeit zu Zeit den Kopf um die Eisenkante des Schutzschirmes vorzubeugen, des scharfen, eisigen Wehens nicht achtend. Und sie horchte mit gespannteren Augen.

»Herr Lieutenant,« sagte sie plötzlich, »ich bitte Sie, in wenigen Minuten halten zu lassen! Es ist hier!«

»Aber wieso?« entfuhr es ihm verwundert. Denn nichts als das Schneegetriebe da draußen.

»Ich höre unsere Hunde. Es ist hier! Bitte!«

Jetzt erst vernahmen die andern durch das Gedröhn und Gerassel und vieltönige Geräusch des eisernen Ungeheuers ein Gekläff und Geläut von Hunden. Jetzt war es, als huschte der Feuerschein, das Gestöber durchdringend, über das steile Dachwerk eines schloßartigen Gebäudes.

»Bitte!«

»Halt!« befahl der Lieutenant. Mit kreischendem Laut stoppte die Lokomotive.

»Ich danke Ihnen! Sie haben mir — uns (verbesserte sie sich) einen großen Dienst erwiesen —« Damit raffte sie die Kleider zusammen und stieg hinab.

»Mein Fräulein —«

Er wollte ihr nach. Er durfte sie doch nicht so in die Nacht hinein ... Als wenn er ihr dennoch etwas zu sagen hätte — mochte sie es hören wollen, oder nicht ... Aber fort! Er stand und sah ihre Gestalt durch das Gestöber dahineilen, immer undeutlicher, bis sie gänzlich in der Nacht verschwand. Nichts als das Gekläff der Hunde, das jetzt laut durch die Nacht hallte, von der großen dunklen Masse her, die seitwärts des Schienenstranges durch den Schnee dämmerte.

»Befehlen der Herr Lieutenant weiter zu fahren?«

»Los!« rief er dem Pionier zu — es klang wie ein Ruf der Befreiung von dem hexenhaften Bann, von der sinnbethörenden Vision. »Und geben Sie ein paar tüchtige Sporen!«

Die Maschine nahm einen tollen Anlauf und raste in die Nacht hinein, um bald darauf in einem von Soldaten wimmelnden Bahnhof zu münden, dem Ziel der abenteuerlichen Fahrt.

Los — ja los! Doch das Wort erwies sich als ohnmächtig gegen den Zauber solcher Erinnerung. Immer wieder tauchte das Bildnis ihrer Erscheinung, in den vibrierenden Glutmantel gehüllt, gaukelnd vor seinen Sinnen empor, auf dem Marsche, im Schneeschlamm der grundlosen Wege, im Bivouac, dem schlaf- und feuerlosen, jetzt, während des Gefechts — da schien es erst recht in seinem Element, wo die Hornsignale gellten, die Kugeln zischelten, die Erde unter dem Donner der Geschütze erbebte, und der Tod sich seiner reichen Ernte freute unter den stürmenden, vom beißenden Pulverqualm umwogten Kolonnen.

Plötzlich aber war es fort, mit jeder Dämmerung seines Bewußtseins getilgt. Als es dann wiederkehrte, nach einigen Tagen, hatte es die Gestalt eines gespenstischen Phantoms angenommen, das mit feurigen Flügeln vor ihm hereilte, da draußen im stöbernden Schnee, während er mit immer qualvollerer Sehnsucht die Lokomotive zur Eile spornte und das brüllende »Los! Los!« seines Wundfieberwahns ihn, zur Verzweiflung der Wärter, bis an die Grenze der Erschöpfung brachte. —

Der Schloßensturm hatte sich ausgetobt, und die Tageshelle rückte vom Erker aus wieder gegen den Kamin vor, dessen Glüheffekte dämpfend. Da hallte die Korridorglocke. Erschreckt fuhr Léonie aus ihrem brütenden Schweigen empor: »Ich bin für niemand zu sprechen!« rief sie. »Adolf, willst du dafür sorgen?«

»Es ist Mariot,« entgegnete er — »ich kenne ihre Art zu läuten, frisch, resolut wie ihr ganzes Wesen.« (Das letztere nicht unabsichtlich).

»Noch nicht!« rief Léonie, die flach übereinander gelegten Hände in flehender Gebärde zu ihrem Gatten erhoben. »Jetzt noch nicht! — ich möchte mich besinnen — ich will mich ...«

Und sie stockte, die Hände fielen herab, und ihre Augen wandten sich wieder dem Feuer zu, es war ein leidenschaftliches Auflodern darin, und zwischen den Brauen wetterten die kurzen, tiefen Furchen: ein abermaliges Aufbäumen der Französin in ihr. Mehr als das! In diesen Minuten flog mit blitzartigem Zickzack all das vor nun zwanzig Jahren Geschehene an ihr vorüber. Sie wiegte langsam den Kopf, und jetzt schüttelte sie ihn heftig: »Nein, ich kann nicht! Ich bin entschlossen! Ich durfte nicht wanken, auch das war ja schon sündhaft — — nein!«

Diesmal gellte das Wort laut durch den Saal. Es war der Axthieb, der in den jungen Blütenbaum gefahren. Der Geheimrat fühlte, daß es dagegen für ihn keinen Widerstand geben dürfte. Man sollte sie nicht quälen, gerade jetzt nicht, da der Mai heranrückte, der den Frankfurter Frieden gebracht. War es nicht jedesmal um diese Zeit, daß die alten Zweifel und Schmerzen, ja die geheim gärenden Reuegedanken in ihr mit oft erschreckender Gewalt wieder auflebten. Und sie sollte jetzt, gerade jetzt, ihre Zustimmung geben, daß die Enkelin ihres Vaters einen Preußen ... Nein! Es würde schon so bleiben müssen! »Armes Kind!« entfuhr es ihm unhörbar. Und lauter: »Beruhige dich nur, Léonie, ich werde mit Mariot alles besprechen —«

Dann saß sie, die Hände an die Augen pressend, wie gelähmt, und horchte auf den Klang seiner Stimme im Nebenraum, die berichtete, entschuldigte, in einen bedauernden, dann zärtlichen Ton fiel und schließlich ganz verstummte. Vergeblich wartete sie auf Mariots Antwort: — doch kein Ton ihrer Stimme. Kannte sie ihre Tochter denn nicht? Mußte sie nicht wissen, daß das Mädchen eine solche Nachricht mit stummem Stolze hinnehmen werde? — kein weichlicher Ausbruch der Verzweiflung! — nicht vor anderen!

»Nein« — Würde es unabwendbar, unverrückbar bleiben, dies grausame Wort? Hatte sich damals, vor zwanzig Jahren, nicht ein andres »Nein« dennoch in ein »Ja« verwandelt?

Nein! — jenes erste, das die Französin ausstieß gegen die stutzende Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, da sie an einem Dezembermorgen die in ein Lazarett verwandelten Säle ihres väterlichen Schlosses La Mireille durchschritt und auf einem der Lager, in der Reihe französischer Verwundeter, auf ~sein~ Antlitz stieß. Sie hatte es wohl erkannt. Wieder, wie in jener Nacht auf der Lokomotive, fühlte sie die Augen des Preußen auf sich gerichtet, jetzt leidensgroß, wie von dem Schreck einer fiebernden Vision geweitet, da auch er sie erkannt haben mußte. Welch ein tückischer Zufallskobold! Welch eine Brutalität romantischer Verkettung!

Aber wie in einem Zwang willenloser Suggestion erlahmte ihr Zögern, und sie war an das Bett herangetreten und hatte ihn begrüßt; das, was sie ihm wie den andern als Herrin des Hauses schuldig war. Stand sie nicht jetzt im Dienst der Barmherzigkeit, die keine nationalen Stachelzäune kennt? War sie ihm nicht zu Dankbarkeit verpflichtet? Denn was wäre aus La Mireille geworden, wenn ihr nicht die Fahrt hierher verstattet worden, und sie dann nicht durch ihre tapfere Haltung die Schätze des Schlosses vor den Vandalismen der barbarischen Soldateska, wie sie meinte, zu schützen vermocht? Heftig hatte der Kampf um La Mireille getobt, sie war nicht von ihrem Posten gewichen, ja einen Brand, der auf dem linken Flügel ausbrach und diesen einäscherte, hatte nicht am wenigsten ihre Energie einzuschränken gewußt.

Dieser Begegnung folgten andere, immer häufigere, besonders später, da der Verwundete in der Genesung war und sich im milden Sonnenschein der Touraine auf der Terrasse des Schlosses bewegen konnte. So sehr das »Nein« in ihrer Brust sich sträubte dagegen. Was geschah denn? Ein liebenswürdiger, ein hochgebildeter Mann, der das reichste Verständnis zeigte für die edle Geisteskultur ihres Vaterlandes, und der dessen Sprache in seltener Vollendung sprach — durchaus nichts von einem Barbar! An diesen schien sie erst erinnert zu werden, als er in seiner vollen Montur vor ihr stand, um Abschied zu nehmen. Er hatte sie wiederholt gebeten, mit ihr korrespondieren zu dürfen, jetzt wiederholte er die Bitte, nichts als diese, aber sie fühlten beide die stille Glut verhaltener Leidenschaft, das Weh des Abschiedes durch ihre Worte vibrieren. Sie fand abermals nicht die Kraft, das »Nein!« über ihre Lippen zu bringen, während doch ihre Augen, wider ihren Willen, so jakräftig erglänzten.

Das verbrecherische Geheimnis eines Briefwechsels zwischen einem Preußen und einer Französin, während gerade die Ihrigen, besonders ihr Vater, in dem Schmerz und der Entrüstung über den schreienden Hohn dieses Frankfurter Friedens patriotisch schwelgten! Oft genug war sie im Begriffe, die geheime Schmach dieser komplottartigen Verbindung mit einer jähen Entsagung abzuthun — vergeblich!

Da tauchte er plötzlich vor ihren erschrockenen Augen leibhaftig wieder auf. Es war zu Spaa, wo sich die Familie S. zur Kur befand. Er war gekommen, um von ihrem Vater nichts Geringeres als ihre Hand zu erbitten. Alles durfte er für diese Werbung in die Wagschale legen: seine stattliche Persönlichkeit, seinen Namen, sein Vermögen, seine bevorzugte Staatsstellung, die zu einer glänzenden Karriere berechtigte — aber auf der gegnerischen Schale nichts als die beiden Worte: »Frankfurter Friede,« die der Vater und berühmte Schriftsteller mit einer gewissen theatralischen Entrüstung zur Antwort einsetzte. Hiermit wäre wohl der Schluß dieses so romantisch begonnenen Abenteuers gegeben gewesen, wenn nicht im Winter darauf Herr S. selbst eine unerwartete Lösung herbeigeführt: eine blendende, reiche Partie, die er seiner Tochter, als eine feste Abmachung hinter ihrem Rücken, vorschlug und kraft seiner väterlichen Autorität aufzwingen wollte. Da geschah es, daß ein andres »Nein« sich in ihrem Herzen aufbäumte gegen solche Vergewaltigung. Das heilige Vaterland verzeihe ihr das Verbrechen, wenn sie in dieser grausamen Drängnis wankend wurde und sich dem geliebten Manne nunmehr auslieferte, allen Hassesvorurteilen zum Trotz. So lief also in den Dezembertagen von 1871, da jene Kämpfe um Orleans jährig wurden, eine Notiz durch die Boulevardblätter, die Tochter des Schriftstellers S. habe sich gegen den Willen der Ihrigen mit einem Prüssien ehelich verbunden. Welche Blasphemie! Die offenbare Kirchenschändung, begangen an dem Namen eines der patriotischsten Schriftsteller etc. etc.

Der Schritt bedeutete für sie die Verbannung; sie hatte seitdem die Ihren weder wiedergesehen, noch den Boden ihres Heimatlandes betreten. Zwischen ihr und jenen stand noch immer die Mauer des Frankfurter Friedens aufgerichtet. Und sie hoffte auf deren Fall, sei es, daß die Revanche sie im kühnen Wagemut eines Tages gewaltsam umstürzte, sei es, daß der Großmut des Siegers sie in reuiger Einkehr von selbst beseitigte, wie sie mit vielen ihrer Landsleute chimärisch beanspruchte. So hoffte und hoffte sie in ererbter französischer Selbstverblendung — »=c’est plus fort que moi!=« — man soll und muß ihr verzeihen! — auch Mariot! —

Jetzt öffnete sich die Flügelthüre, und Mariot erschien auf der Schwelle. Léonie’s schlankes, stolzes Ebenbild, doch von liebreizender Frische, mit freien, offenen, hellen Augen, den deutschen Augen ihres Vaters; auch der vollere Mund zeigte nicht die energische und strenge Verschlossenheit, die den Lippen ihrer Mutter solch herben Ausdruck verlieh. Jetzt war das Oval ihrer Wangen von fahler Blässe überhaucht, und ihre Augen hatten etwas angstvoll Gespanntes, als fürchteten sie, sich in Thränen zu verraten; ihre Lippen, aus denen die sonst blühende Farbe gewichen, atmeten halb geöffnet, in verhaltener Erregung.

Langsam näherte sie sich dem Kamin. Langsam erhob sich Léonie, nicht ohne daß ihre Hand sich tastend auf die Lehne des Sessels stützte. Dann ruhte der Kopf der Tochter stumm, in zitterndem Schweigen an der Schulter der Mutter.

»Wirst du mir verzeihen, mein Kind, mein armes Kind?«

»Mutter, wie du beschließest, so ist es — so ist es« — (ein kurzes Stocken, dann laut und fest:) »so ist es recht, Mutter!«

Die Mutter hatte die Frage in französischer Sprache gestellt; Mariots Antwort geschah auf deutsch. In Léonies Brust war es wie ein Zurückzucken. Deutsch — jetzt, in solcher Stunde! Wie hart, wie abweisend es klang, wie feindlich, trotz der Bedeutung der Worte! Als wenn sich ein zweiter Friede von Frankfurt plötzlich aufgerichtet zwischen ihrem Herzen und dem ihres Kindes. —

Vierzehn Tage darauf, an einem Spätmorgen, trat der Geheimrat mit einem Zeitungsblatt in der Hand an seine Gattin heran, die auf einer Chaiselongue ruhte, lässig und müde in Journalen stöbernd. Die Balkonthüre stand auf, wohlig warme Luft strömte herein, die Straße lag geblendet im lachenden Frühlingssonnenschein, und der Reflex der goldig-grellen Lichtflut umspielte mit einer gewissen frohen Deutlichkeit die Gegenstände des Zimmers. Auf dem Balkon sonnten sich die Stubenpflanzen, die Palmenfächer glänzten in breitem Metallglanz, die Azaleen standen im leuchtenden Flor, helle Knospenpunkte schimmerten im jungen hellgrünen Laub. Doch Léonie hatte keine Freude an diesem Frühlingsweben; es lastete auf ihr wie ein schwerer Alp: nicht die Nähe des unseligen 10. Mai allein, die auch in anderen Jahren eine gewisse krankhafte Krise in ihr hervorrief, nein das dumpf anklagende Schmerzgefühl, daß sie sich ihren Lieben, dem Gatten wie dem Kinde, entfremdet durch ihr trotzig-beharrliches »Nein«, daß sie in ihrem eignen Hause eine Fremde geworden, als Französin geduldet unter den Preußen — ja so war es! Das schonende Benehmen täuschte sie nicht darüber hinweg. Oh, sie empfand sehr wohl, wie hinter jeder Liebkosung ihres Gatten der geheime Vorwurf lauerte. Hatte sie nicht wie erleichtert aufgeatmet, als Mariot, wie beschlossen wurde, nachdem man die Werbung des Freiherrn von Werthern in aller Form abgewiesen, zu ihrer Tante nach Schlesien abgereist war? Nun hatte sie nicht mehr die Anklage der großen, wie im geheimen Weh erstarrten Mädchenaugen zu bestehen. Hier galt es nicht eine jener flatternden Ballneigungen durch einen Thränenstrom wegzuschwemmen, nein, Wussow hatte recht, ein Blütenbaum war niedergehauen worden, da hilft kein tröstendes Anbinden und Aufrichten ....

Wegen einer Uniform! Fast war es zum Lachen. So sind wir von der hohen Civilisation; ein Vorurteil, ein Fetzen alter Tradition, eine Phrase, ein gelltönendes Wort: Revanche, Satisfaktion, Ehre, Standesbewußtsein, dergleichen vermag bestimmend in unser Schicksal einzugreifen; der rote Lappen des Frankfurter Friedens stachelt immer wieder von neuem den Preußenhaß unserer westlichen Nachbarn zum wütenden Koller auf.

Aber durfte sie anders handeln? Durfte sie ihrem alten Vater diese neue Schmach anthun? Ihm, der gerade jetzt, als die Beschickung der Berliner Ausstellung durch französische Künstler im Werk war, seinen chauvinistischen Warnruf in poetischen Trompetenworten =à la= Victor Hugo hatte erschallen lassen; da ihr älterer Bruder, ein Schlachten- und Revanchemaler von Ruf, als einer der ersten sich zu dem Gang =à Berlin= weigerte? Jetzt, gerade jetzt! — arme Mariot, deren Glück einer Verkettung politischer Zufälle zum Opfer fallen mußte! — daran klammerte sie sich zum Schutz gegen ihre Selbstanklage. —

»Léonie, ich wollte dich avertieren —« sagte der Geheimrat, »du sollst nicht überrascht werden. In der Zeitung steht eine gewisse Notiz —«

»Gieb her!«

»Du darfst nicht erschrecken — es handelt sich um deinen Vater —«

»Wieder einen seiner Ausfälle gegen euch Preußen? Gieb!«

»Nicht das. Dein Papa ist krank, er liegt auf Schloß La Mireille danieder.«

»Tot!« schnellte sie auf.

»Nicht das, armes Herz! Aber wir wollen auf alles gefaßt sein! — komm, laß dich nicht zu sehr alterieren.«

Sie entwand sich seinem sanft umfassenden Arm: »So will ich hin! Gleich! Sofort!«

»Oh! Du bist selber leidend. Du willst hin?«

»Er soll nicht sterben, ohne daß er mir verziehen — er darf nicht! Sofort werde ich abreisen!«

Vergebliches Überreden, sie von ihrem Entschluß abzulenken: die alte tapfere Art des Jahres 70 schien in ihr von neuem aufgeweckt. Sie wollte hin, nach Mireille, durch das Verhau von Vorurteil und Haß und Verblendung, das ihr die Heimat feindlich verwehrte, sich einen Weg bahnen zu ihrem sterbenden Vater hin, sich das erlösende Wort der Verzeihung von seinen Lippen erflehen, dann wird alles gut — »auch hier!«

»Wegen uns mache dir doch keine Gedanken —« wehrte er.

»Ich wünsche, daß auch hierin etwas entschieden werde —« sagte sie mit dumpfem Starren. Und das andere nur hingemurmelt: »Ich wünschte zu wissen, wo ich hingehöre ...«

Was meinte sie damit? Man muß sie gewähren lassen! Er dachte an ihre That von damals, ein ermutigendes Wort wäre eine Herabwürdigung gewesen; seine Begleitung, die er ihr für ein paar Reisestunden wenigstens, angeboten, lehnte sie ab: es wäre besser, daß sie allein mit ihren Gedanken sei. So half er ihr auf dem Bahnhof in ein Coupé erster Klasse, das die Bezeichnung ›Berlin-Köln-Paris‹ trug, (den andern kürzern Weg über Frankfurt hatte er absichtlich ausgeschlossen) stand und winkte, während der Zug in der Wolke selbsterzeugten Dampfes mit steigendem Rasseln hinglitt, nach dem Coupéfenster hin, wo ihre hohe Gestalt aufgerichtet hielt, nur mit einem ganz leisen Neigen ihres fahlblassen, tiefernsten Antlitzes seinen Abschiedsgruß erwidernd. Immer noch stand er, da der Zug längst entschwunden. Was war das für ein seltsamer Gedanke, der sein Herz wie mit eiskalter Hand umkrampfte? Wenn sie nicht mehr wiederkehrte ... ist sie doch gegangen, sich Entscheidung zu holen, wo sie denn hingehört! Unsinn! Für einen Königlichen Vortragenden Rat im Finanzministerium ein ganz berufswidriger Gedanke! Wie kam er dazu? Und während er seltsam schnell mit den Augen zwinkerte, als gälte es dort etwas zu unterdrücken, lachte er halblaut auf. —

Am neunten Tage nach diesem stand er abermals auf dem Perron, um sie nach ihrer Rückkehr in Empfang zu nehmen. Er hatte während der ganzen Zeit nur ganz knappe Nachrichten von ihr erhalten, Depeschen, in der Hast hingeworfene Zeilen, Geschäftliches, ihre Rückreise und Ankunft betreffend. Ihr Vater war der heftigen Lungenentzündung erlegen, die Zeitungen brachten Nekrologe und das übliche kritische Resumé seiner litterarischen Bedeutung, die Franzosen betrauerten aufrichtig den Verlust eines großen Patrioten. Von ihr war ihm keine Andeutung zugekommen, ob sie ihn noch lebend angetroffen und den Zweck ihrer Reise, seine Verzeihung, erwirkt. Er war sehr erregt, wieder in völlig berufswidriger Weise, als er jetzt ihrer in schwarzen Krepp gehüllten Gestalt aus dem Coupé half und sie dann in stummer Umarmung an seine Brust preßte. Ihren Zügen war die ausgestandene Leidenszeit aufgeprägt; sie schien gealtert und ihre Wangen abgehagert; war es nur eine Täuschung, daß beim Zurückschlagen des langwallenden Schleiers die Scheitelwellen ihres Haares im deutlichen Grau erschimmerten?

Für jetzt nur die wenigen, halbgestammelten Worte, die solchen Empfang zu begleiten pflegen. Doch die eine Frage, die deutlich ihre Seelenverfassung erraten ließ: »Mariot? Ist gute Nachricht von ihr da?« Mit solch vibrierender Bangnis schienen die Worte ausgepreßt.

»Ich danke. Sie scheint wohl — Du findest einen Brief von ihr vor. Lieb wie immer — — Wir wollen den Diener mit deinen Sachen vorausfahren lassen, ist dir’s recht, Léonie?«

Erst als sie im Wagen saßen, kam die Antwort auf diese Frage »Ach ja, Luft! Ich atme auf. Laß uns einen Umweg durchs Grüne machen!«

Er befahl dem Kutscher, einen größeren Umweg durch den Tiergarten zu nehmen. Es war ein wunderschöner Frühlingsabend. Vor den beiden Cafés am Potsdamer Platz wimmelte es von Gästen, auf den Trottoirs davor war ein lebhafter Begehr nach grellbunten Blumen; die herrlichen Linden der beiden Platzsquares standen in leuchtendem Grün, die antikisierenden Wachttempel überragend; fernhin verduftete der Prospekt der Leipzigerstraße im rosigen Dunst, selbst das hastende, rasselnde Verkehrsleben schien von einer festlichen Verklärung überhaucht. Sie fuhren durch die Bellevuestraße, unter dem dämmernden Schattendach der strotzend belaubten Kastanien, an denen die Kandelaberkerzen der weißen und roten Blüten eben aufgesteckt waren; in den Vorgärten waltete der Wetteifer, welcher den andern in der Pracht seines Blumenflors überböte, eine Frühlingsspezialität dieser stimmungsvollen Avenue.

»Wie schön es hier ist — bei euch —« entfuhr es flüsternd Léonies Lippen. »Ach die Luft!«

Wiederholt atmete sie in vollen erquickenden Zügen, als wenn sie von einem herzbeklemmenden Druck befreit werde.

Und beim Anblick des Tiergartens ein Ruf des Staunens: »Wie grün!«

»War es denn dort noch nicht —« fragte er zögernd.

Sie wandte den Kopf zur Seite, wo die Siegesallee mit ihren korrekten Lindenbäumchen sich in die Ferne verengte, von dem in der Abendsonne glühenden Goldkoloß der Siegesgöttin beherrscht. »Eis ...« hauchte sie hervor. Und ein Schauer schien sie zu überrieseln.

Er verstand. Doch nicht der üppige Garten der Touraine, wo sie die Tage geweilt, — nein das Eis des Hasses, auf das sie gestoßen, als wäre ihr ganzes Inneres davon erstarrt bis in den Blick ihrer dunkelumrandeten Augen hinan.

Eine Stille lang, während er das Wort klingen zu hören wähnte, fuhren sie durch das Waldesdunkel des Parkes. Leise tastete er nach ihrer Hand: »Gut, daß du wieder da bist, Léonie« — begann er. »Mir war sehr bang.«

»Du hattest Ursache, du Ärmster —« flüsterte sie dumpf. Dann auffahrend, mit einem schrillen Ton: »Ah, dieser Haß! Sie sind toll! Sie vergiften alles damit! Selbst die Pietät einer Sterbestunde ist ihnen nicht heilig vor ihrem Haß!«

Dann nach einer abermaligen Stille: »Wie war ich geeilt, nur um seine Hand noch einmal zu ergreifen! Es war ein Wunder, daß man mich überhaupt vorließ, — bis an das Lager meines armen Vaters. Ihm sei verziehen, Gott sei seiner Seele gnädig! Wenn er mir auch nicht verziehen — wenn er auch gegangen ist, ohne mir zu vergeben ...«

Ihre Stimme stockte in plötzlicher Erschütterung.

»Nicht?!« rief er in voller Empörung.

Sie faßte sich, reckte sich empor: »Ich habe mich tapfer gehalten all die Zeit über, mein Stolz gegen den Haß meiner Brüder und Verwandten — sie waren unerbittlich, von einer beleidigend kühlen Höflichkeit. Aber ich blieb, ich wollte nicht weichen, bis ich an dem Grabe meines Vaters mein Gebet gesprochen —«

»Du trafst ihn noch bei Besinnung?«