Part 2
In höchster Bestürzung fuhr er empor, das Schwellen der roten Linie anstarrend. Dann stürzte er auf den altmodischen gestickten Klingelzug hin und riß daran.
Jemand klopfte; ohne das Herein abzuwarten, erschien ein Kopf in der Thür, und eine wie verrostet klingende weibliche Stimme meldete, daß das Mädchen nicht da sei — »womit könnte ich dienen?«
Es war Frau Gornemann selbst, seine Wirtin.
»Lassen Sie, bitte, irgend jemand nach dem Arzte eilen — Sanitätsrat Herz, Mohrenstraße 28!«
Frau Gornemann war ganz eingetreten. Die Situation für sie sehr interessant — höchst pikant!
Es war eine starke Dame von mittlerem Alter, mit unförmlicher und wie mit verzweifelter Überanstrengung eingeschnürter Taille; ein männlich ausgeprägtes Gesicht von starkem und kaltem Ausdruck, dick gepudert, von dem überaus künstlichen Gebäude einer pompösen Frisur überragt. Sie trug ein schweres schwarzes Seidenkleid, eine protzige Herrenuhrkette mit Berloques baumelte aus dem Taillenschluß; zwischen ihren Rockfalten raschelte ein Seidenhündchen mit gänzlich von langen Haaren überhangenem Gesicht und einem feinen Glöckchen am Hals.
Der Blick ihrer eisigen Augen belebte sich, und sie nickte mit einem fast cynischen Lächeln. Sie versteht vollkommen: der festlich gedeckte Tisch und der Damenbesuch, Alles!
»Schnell! Lassen Sie schnell den Arzt rufen! — Ich bitte! — Sie stirbt! — ein Blutsturz —«
Neugierig rauschte Frau Gornemann mit dem klingelnden Hündchen, das sie nie verließ, an den Divan heran.
»Eine befreundete Dame —« erläuterte er linkisch. Es klang recht dumm! Was denn sonst? — man kennt dergleichen! — sie bedarf keiner Erklärung! — schien der ironische Zug ihres von einem Bartflaum überschatteten Mundes zu sagen.
Die Gegenwart dieser Frau, vor der er stets eine Abneigung gespürt, empfand er selbst in diesem Augenblick als eine Entweihung; statt ihrer, der Ohnmächtigen, befiel ihn eine Scham. Aber Eile — höchste Eile!
Frau Gornemann rauschte hinaus, um den Auftrag auszuführen, dann kam sie wieder, das weibliche Mitgefühl hatte doch über die kritische Neugier die Oberhand gewonnen. Ja, fast schien sich seine Ratlosigkeit ihr selbst mitgeteilt zu haben. Es ist jetzt keine Zeit zu Glossen!
Nach der Ewigkeit einer halben Stunde erschien der Sanitätsrat. Er machte sich sofort an den Fall, ohne die außergewöhnlichen Umstände zu beachten. Und dieser Fall lag einfach: eine schwere innere Blutung — sofort solle die Kranke zu Bett gebracht werden — er wolle so lange bleiben ...
Magnus’ verzweifelter Blick traf Frau Gornemann. In einem schnippischen Anfall erklärte diese, die massiven Schultern hebend, daß sie weder Platz, noch ein Bett übrig hätte!
Es half kein Zaudern und keine Rücksicht im Angesicht dieser Gefahr. So ward die Kranke also in Magnus’ Schlafstube gebettet. Völlige Reglosigkeit, völlige Stille, Eisumschläge und eine Liste von Vorsichtsmaßregeln. Offenbar hing das Leben der Ärmsten nur noch an einem Haar. —
Thränen zitterten durch Magnus’ Stimme, als er den Sanitätsrat beim Fortgehen nach den Aussichten fragte.
Der Arzt hob die Schultern langsam empor, preßte die schmalen, bartlosen Lippen vollends ein und hob die grauen Büsche der Brauen über den freundlich und gutmütig blickenden Augen. Da er Thränen über die Wangen von Magnus stürzen sah, tappte er ihm auf die Schulter: »Was machen Sie für Geschichten!« schien dies stumme Tapfen zu sagen.
»Sie begreifen, Herr Sanitätsrat ...«
Es schien ein Appell an den Menschen. Dr. Herz war nicht der Hausarzt der Familie Joël, aber er hatte den jungen Joël, dem jener andere zu weit ab wohnte, gelegentlich eines flüchtigen Leidens hier in derselben Wohnung behandelt.
»Machen Sie sich keine Gedanken, junger Herr!« fiel er ein. »Wir Ärzte sehen und hören nur, was wir wollen. Wir erleben hier in Berlin jeden Tag einige Romankapitel.«
Nach einer kurzen Pause: »Leben die Angehörigen der Dame hier in Berlin?«
»Beide Eltern.«
»Sie thäten gut, dieselben zu benachrichtigen.«
»Oh!«
»Es wäre das Beste — und möglichst bald, ehe Sie eine noch viel schlimmere Verantwortung übernehmen. Ich kann Ihnen übrigens für die Nacht und überhaupt eine Wärterin senden,« (mit einem bedeutsamen Blick nach der Schlafstube: — Frau Gornemann möchte er die Kranke nicht anvertrauen!)
»Bitte, Herr Sanitätsrat!«
Magnus war aufs äußerste bestürzt. Welch eine Situation! Welch eine Verlegenheit! Die armen Eltern — arme Emmy! Er weiß, der Tod wäre ihr lieber, als ein Wiedersehen mit ihren Eltern an diesem Ort ...
Eine Stunde darauf erschien Schwester Jemima, ein wachsblasses Gesicht mit großen, dunkelgrauen Augen, die weder Kummer, noch Schreck, noch Freude, noch Trauer zu kennen schienen; ihr Gang war ein schattenhaftes Schweben und ihre Bewegungen völlig lautlos. Sie war eine geborene Komtesse M. und als Wärterin in allen aristokratischen Krankenstuben beliebt.
Auch sie sah und hörte nichts und schien über nichts nachzudenken. O, auch sie erlebte Romankapitel genug in ihrem schweren Dienst! Moralische Kasteiung ist ja noch viel verdienstvoller, als körperliche!
* * * * *
Am Morgen noch vor acht Uhr betrat Magnus in der Treskowstraße das Haus, wo Emmys Vater, der Zahlmeister a. D. Köster, wohnte. Es war eines jener Häuser, die gleich nach dem Neubau schon einer zehrenden Alterskrankheit verfallen, als ob die Armut, die sie bewohnt, ein bösartig gefräßiges Ungeziefer sei. Man wies ihn in einem feuchtdüstern, brunnenartigen Hof nach einer Hintertreppe. Langsam stieg er die abgetretenen Stufen hinan, als schleppte er mit seiner peinvollen Meldung eine Last empor. Die dumpfe Luft der Armut, die ihm entgegenwehte, fiel ihm schwer aufs Herz. Die Thüren trugen entweder gar keine Schilder, oder sie waren mit einer Menge vergriffener Karten, ja nur Zettelchen statt solcher bedeckt. Hinter der einen gellte Weibergekeif, Kindergeschrei jeglicher Tonart drang aus allen Ritzen, das ganze Haus schien davon zu vibrieren. Und er hatte dulden müssen, daß sie, die Geliebte, unter solchem Druck atmete! Wenn sie wieder besser ist ... ach, er wagte nicht, sich diese Hoffnung vorzugaukeln!
Emmy hatte die Verhältnisse ihres Elternhauses nur mit kurzen Andeutungen gelüftet. Ihr Vater hatte als Zahlmeister in der Armee gedient, er litt am Größenwahn, sein störrischer Sinn hatte ihn hart an einer Insubordination vorbeistreifen lassen, und er kam noch gerade mit dem blauen Auge eines einfachen Abschieds davon. Dann hatte er sich in allerlei Winkelstellungen versucht, die seinem stolzen Sinn aber zu subaltern dünkten. Nun war er seit lange ohne Beschäftigung, seine angeborene Rolle als verkanntes Genie ins Virtuosenhafte ausbildend. Die Mutter war ein Engel an duldender Güte. Sie war vor ihrer Heirat Lehrerin gewesen, nun gab sie für ein Spottgeld Klavierstunden an erste Anfänger. Drei Geschwister waren gestorben, Emma war die einzige — ihrer Eltern Trost und Hoffnung! — das hatte Magnus längst gemerkt.
Im vierten Stock fand er eine Thür beigelehnt. Eine scharfe militärische Stimme inquirierte jemand da drinnen.
»Also um sieben Uhr hat sie das Geschäft bereits verlassen?«
Die Köster hatten jedenfalls in ihrer Angst um die rätselhaft Ausgebliebene zu Kapp und Müller geschickt und diesen Bescheid erhalten.
»O Gott, was ist denn das?« jammerte eine matte Frauenstimme.
Magnus stutzte. Er hatte mit Frau Gornemann ein Märchen vereinbart, und da war dieser verdächtige Punkt, daß Emmy das Geschäft wider die Gewohnheit um sieben Uhr statt gegen neun verlassen, übersehen worden. Zu einer anderen Zeit hätte ihn der Gedanke angewidert, sich mit dieser Frau gemeinsam auf krumme Wege zu begeben, denn er war Berliner genug, um hinter dem »Witwentum« von Frau Gornemann eine schwüle Vergangenheit zu wittern. Aber die entsetzliche Verlegenheit drängte.
»Je kräftiger Sie flunkern, desto eher wird Ihnen geglaubt, Herr Joël!« lautete die Parole, die seine Vermieterin ihm auf den schweren Gang mitgab.
Wohlan! Und er klopfte an die Thüre.
»Herr–rein!«
Ein kräftiger Mann, schwarzhaarig, mit argwöhnisch spürenden dunkeln Augen blieb in seinem aufgeregten Gange durch die Stube halten. Diese war mit Möbeln und Hausgeräten überfüllt, am Fenster stand ein altes Tafelklavier aus gelbem Kirschbaum.
»Ich komme, um Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter zu bringen —« brachte Magnus ziemlich sicher hervor.
Mit einem Freudenschrei schoß eine kleine Frau mit einem kümmerlichen Gesichtchen, das die Angst nun vollends verstört hatte, aus einem Winkel empor.
»Wo ist sie? — Sie haben Nachricht? — Um Gotteswillen, wo ist sie?«
Gleich wandelte sich die Freude in Schreck. Magnus sah, wie die zarte, gebrechliche Frau am ganzen Leibe vor Aufregung zitterte.
»Ihre Tochter lebt! Sie brauchen nicht das Ärgste zu denken!« rief er.
Herr Köster spannte die Augen. »Du kannst gehen, Karl,« sagte er zu dem Knaben, welcher der Überbringer der Nachricht von Kapp und Müller gewesen. Als fürchtete er, des Nachbars Kind könnte Dinge über seine Tochter zu hören bekommen, die sich nicht für die Verbreitung im Hause eigneten. Er argwöhnte immer nur das Schlimmste.
»Also Ihre Tochter ist gestern Abend auf der Straße plötzlich erkrankt. Ich war zufällig in ihrer Nähe. Sprang noch rechtzeitig heran, sonst wäre sie auf das Trottoir hingestürzt. Wir brachten sie ins Haus. Es wurde ein Arzt gerufen und der erklärte sofort —«
»O Gott!« stieß Frau Köster aus, und sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.
»Verhehlen Sie uns nichts!« rief Herr Köster — »wir sind auf alles vorbereitet nach dieser Nacht!«
»Ich bitte, sich zu beruhigen! Der Doktor, den ich — den wir sofort rufen ließen, erklärte es nicht für sehr gefährlich — ein leichter Blutsturz —«
»Warum hat man sie denn nicht zu uns gebracht? Oder noch besser zur Charité, wo sie jedenfalls die sicherste Hülfe gefunden« — fiel jener ein.
Die arme Mutter zuckte entsetzt bei dem Worte »Charité« zusammen, als bedeute das den Gipfel der Schande.
»Der Doktor erklärte sofort, daß die Kranke nicht weiter transportfähig —«
»Wir müssen gleich zu ihr, Frau! Hier hilft kein Jammern und kein Besinnen! Wo ist es, wenn ich bitten darf?«
»Charlottenstraße 55=a= bei meiner Wirtin« — (das klang nicht gut!) »bei einer Frau Gornemann,« verbesserte er sich. »Eine barmherzige Schwester war die Nacht über da. Es ist für alles gesorgt. Sie können ganz ruhig sein.«
»Mein Name ist Joël —« fügte er zögernd, mit einer leichten Verbeugung hinzu. Er hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, wenn er nicht diesen stadtbekannten Namen trüge.
»Ach — von den Joëls in der Leipzigerstraße?« fragte der Vater heftig. Gleich stürzte sich sein Argwohn auf den Namen.
Magnus nickte. Kann es unter den reichen Leuten denn keine Ehrenmänner geben?
»Wie kam — wie kam das Mädchen denn um sieben Uhr in die Charlottenstraße, Herr Joël?«
Magnus erstaunte selbst später über seine Geistesgegenwart, die diese Frage nach kürzestem Zögern parierte:
»Die Dame war, so viel ich herausbekam, im Auftrag von Kapp und Müller ausgegangen ...«
Doch Frau Köster schnitt all diese Abschweifungen von der Hauptsache mit der Erklärung ab, daß sie vor allem hin müßten — gleich auf der Stelle! O, sie läßt sich nur vom ersten Schreck so niederducken — nachher findet das Schicksal sie stets gewappnet!
»Darf ich Ihnen meine Droschke zur Verfügung stellen? — sie ist bereits bezahlt,« fragte Magnus.
Sie nahmen das Anerbieten an, und er empfahl sich, froh aufatmend. Doch da draußen auf der Straße fiel der Jammer über den drohenden Verlust der Heißgeliebten wieder über ihn her. Während er im Sonnenschein durch das Gewühl der Rosenthaler Straße schritt, stürzten ihm plötzlich Thränen aus den Augen. Und ein Gefühl, daß nachdem, wenn sie ihm geraubt würde, das ganze Leben für ihn keine Bedeutung mehr hätte, legte sich gleich einem Schleier über seine Sinne. —
* * * * *
Magnus war nach einem kleinen Hotel in der Nachbarschaft übergesiedelt; den Seinen gegenüber hatte er diese Veränderung mit einem ansteckenden Krankheitsfall in der Familie Gornemann begründet, so kam er auch jeder Überrumpelung in der Wohnung zuvor.
Die Kranke schwebte zwischen Tod und Leben; die Miene des Sanitätsrates bemühte sich krampfhaft, eine Hoffnung zu heucheln. Frau Köster und Schwest Jeremima teilten sich Tag und Nacht in die Pflege, während Herr Köster ruhelos ab und zu ging, von der Sorge um sein Kind gehetzt. Magnus verrichtete seinen Dienst im väterlichen Geschäft wie ein Träumender. Alle Gedanken bei ihr! — und es war eine solche Qual für ihn, wenn er in ihrer Nähe weilte, seine überquellende Sorge sänftigen, den Ausdruck seines Schmerzes unterdrücken zu müssen, damit die Eltern nicht Verdacht schöpften.
Doch nur zwei Tage gelang die Täuschung gegenüber Herrn Kösters argwöhnischem Spürsinn. Diesem war die angstvoll vibrierende Teilnahme eines Wildfremden, angeblich nur durch einen Zufall Angenäherten, gleich verdächtig vorgekommen, so sehr sich Magnus gerade in seiner Gegenwart Gewalt anthat.
Kapp und Müller hatten auf seine Erkundigung nichts von einem in ihrem Auftrag erfolgten Ausgang um sieben Uhr gewußt, Fräulein Emma hatte im Gegenteil ein Familienfest für ihr Urlaubsgesuch vorgeschützt. Dazu trat der schändliche Verrat der kleinen, leblosen Dinge, die unseren Alltag tyrannisieren, ja zuweilen unser Schicksal meistern. Magnus hatte sorgfältig alle Spuren, die zur Entdeckung des Geheimnisses führen konnten, entfernt. Der Doktor suchte bei einem seiner Besuche nach einem Zettelchen, um den lateinischen Namen einer Tinktur darauf zu schreiben; er griff aufs Geratewohl in den Papierkorb und zog ein beschriebenes Blättchen hervor, auf dessen leere Seite er den Namen hinwarf. Herr Köster, der die Besorgung in der Apotheke übernahm, erstarrte, als er unterwegs das Blättchen näher prüfte: es war das Stück eines Briefcouverts, und die Adresse, an Herrn Magnus Joël gerichtet, zeigte die Handschrift seiner Tochter! Keine Täuschung: — ein gewisser flotter, für ihre Hand charakteristischer Schnörkel ließ keinen Irrtum aufkommen.
Dann, bei seiner Rückkehr, gab die Kranke selbst den Anlaß zur Gewißheit. Er war leise an das Lager herangeschlichen. Magnus saß dort neben der Mutter. Emmys fieberglänzende Augen weiteten sich, sie schienen nach jemand ins Leere hinein zu suchen. Endlich trafen sie Magnus’ Antlitz. Nun tastete ihre Hand mit Mühe, bei der übergroßen Schwäche, über die Bettdecke nach ihm hin. Sie suchte seine Hand, und er reichte sie ihr, alle Vorsicht vergessend. Mit einem seltsamen Ausdruck des Glückes schloß sie die Augen, die Hand immer noch haltend.
Herr Köster wußte genug. Emmy und Herr Joël hatten sich längst gekannt — der Krankheitsanfall und das zufällige Eingreifen dieses übergefälligen Herrn war erfunden — seine Tochter, seine einzige verführt und verdorben! — und dort steht der Verführer!
Ein ungeheurer Grimm überfiel ihn. Er hätte sich am liebsten auf den Verbrecher gestürzt. Mit zitternder Stimme ersuchte er, Herrn Joël draußen auf der Straße sprechen zu dürfen. Dort ging er geradenwegs auf die Sache los.
»Sie haben uns irre geführt, Herr Joël, als Sie uns meldeten, wie der Unglücksfall sich ereignet —«
»Herr Köster!«
»Ich denke, es ist jetzt nicht der Moment, Komödie zu spielen. Ich weiß alles — kenne die Beziehungen des Mädchens zu Ihnen —«
Magnus hielt es diesen Umständen und den fanatischen Blicken des in seinem Vaterstolz Verwundeten gegenüber nicht mehr für angebracht, sein Märchen aufrecht zu erhalten.
»Ja, ich liebe Ihre Tochter!« flüsterte er, und er legte beteuernd die Hand auf die Brust; seine Augen strahlten.
»Liebe Ihre Tochter ...« höhnte Köster. »Ungeheure Gnade — der reiche Herr Joël, der sich herabläßt, meine Tochter mit seiner Liebe zu beglücken!«
Dann in einen Ton jammernder Verzweiflung umschlagend: »Mein Kind, mein armes Kind! — sie war unsere ganze Freude! — Liebe Ihre Tochter ... was heißt denn das? Bekennen Sie doch Farbe, Herr!« Drohend klang es, und unwillkürlich wich Magnus zur Seite.
»Ich versichere Sie — ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist ...« fiel Magnus ein.
»Kennen wir — kennen wir! — bin lang genug in Berlin, um zu wissen, was solche Liebe bedeutet ... zum Teufel, Herr, ich fordere die Ehre meiner Tochter von Ihnen! Sie haben Ihren Ruf vernichtet! Sie werden mir Rechenschaft geben, Herr ...«
»Ein so verzweifelt unglückseliger Zufall —« stotterte Joël — »ich bin bereit, alles gut zu machen ...«
Er war sich zwar nicht klar, wie das zu geschehen hätte; gleich schämte er sich auch der Redensart.
»Mit Geld? Zum Teufel mit Ihrem Geld! Eine Ehre läßt sich nicht mit Geld reparieren! — Mein Kind, mein armes Kind —« jammerte der Vater von neuem los.
»Herr Köster, hören Sie doch ...« bat Joël, von innigem Mitleid ergriffen.
»Lassen Sie mich! — es ist jetzt nicht der Moment — wir rechnen schon mit einander ab! — lassen Sie mich ...«
Und er wehrte Joël ab, zu folgen, während er eiligst um die nächste Ecke bog. Joël stand und sah der Gestalt des unglücklichen Mannes nach, wie sie, die Arme mit den geballten Fäusten in ohnmächtigem Grimm nach abwärts gesenkt, dahinwankte.
Wie verstört strich er selbst aufs Ungewisse durch die Straßen. Der Mann hat recht! Der Ruf des Mädchens ist vernichtet — kein Geld der Welt vermag ihn herzustellen, denn der Leumund glaubt nicht an die Schändlichkeit dieses Zufalls. »Welche Sühne könnte ich leisten? Blut wäre trivial — und widersinnig, ihm, dem Vater, solches anzubieten!«
Der Gedanke an einen Ausweg fiel ihn an. Sein Geschick für immer an das ihre zu fesseln? — sie zu heiraten? — Das bedeutete für seine Familie, für seinen Vater das Ende der Welt! — Und er belog sich, daß er dennoch den Mut haben würde, den Schritt zu thun, der ganzen Welt zum Trotz — wenn sie nur am Leben bliebe — nur das!
Aber sie wird und kann nicht am Leben bleiben! Der Sanitätsrat hat ihm erst heute Mittag jede Hoffnung geraubt.
Ein Eheversprechen? — das klänge hier im Angesicht des sicheren Todes wie ein entweihender Hohn.
Herr Köster erschien an diesem und dem folgenden Tage nicht mehr in Joëls Wohnung. Es war die stumme Ächtung, die er über sein armes Kind verhängte. Sein Starrsinn gebot ihm, eher grausam, ja brutal zu sein, als den Schein auf sich zu laden, daß er seine und der Seinen Ehre antasten ließe.
* * * * *
In der Villa Joël zu Charlottenburg wurde der Geburtstag des Chefs gefeiert; zugleich das Gründungsfest des Berliner Hauses. Magnus durfte und konnte nicht fern bleiben, ein triftiger Vorwand fand sich nicht. Doch würde er Gelegenheit erhaschen, sich zeitig genug zu entfernen — denn die Geliebte lag im Sterben.
Herr Hildebrand Joël, der seit fünfzehn Jahren verwitwet war, bewohnte einen Teil des Parterregeschosses der großartigen Villa, während sein Ältester, Gisbert, mit seiner Familie die übrigen Räume inne hatte. Für Magnus hätte sich wohl noch ein Plätzchen in dem weiten Hause gefunden, doch hatte sich das Bedürfnis herausgestellt, daß einer von der Firma wenigstens seine Wohnung in Berlin und in der Nähe des Geschäftes hatte. So hatte Magnus in erster Ermangelung eines besseren Logis, und da er durchaus anspruchslos war, sich bei Frau Gornemann eingemietet, selbst die Bedienung verschmähend, die ihm sein Vater aufdrängen wollte, damit auch diese Filiale des Namens Joël mit genügendem äußeren Glanz vertreten würde.
Gisbert Joël war mit einer Tochter des großen westfälischen Eisen-Sturz vermählt; sein Schwager war der Baron Kehren, ein wegen seines wütenden Strebertums in weiten Kreisen der Armee berüchtigter Offizier. Gisbert war das Gegenstück des jüngeren Bruders. Schon die fast ans Geckenhafte streifende Sorgfalt für Kleidung und Äußeres verriet den Lebemann. Er hatte seine Jugend tüchtig ausgetobt, und der Arnheim von Herrn Hildebrand wußte davon zu erzählen; aber das Stirnrunzeln des alten Herrn war wohl nicht ernst zu nehmen: — leben und leben lassen! — ein Joël, der der schönsten Figurantin von Friedrich-Wilhelmstadt Equipagen und Pferde hält und den Mut hat, bei Friedländer Zehntausende für ein Schmuckstück aufschreiben zu lassen, um damit die Gunst einer bekannten Soubrette zu erobern — das bringt den Namen nur in Umsatz, das kann den Glanz des Hauses nur erhöhen! Warum begeht der Jüngere keine solche Heldenthaten? Man muß ihn wahrhaftig zwingen, standesgemäß Geld zu vergeuden! Hätten die beiden Cyniker, Vater und Sohn, erfahren, daß ein Joël allabendlich in einen Rumpelkasten von Omnibus kroch, um in den Blicken eines unscheinbaren Ladenmädchens seine Seligkeit zu finden — sie hätten ihn für ein Tollhaus reif erklärt.
Da Magnus so schmählich aus der Art geschlagen, da er nichts für den Ruhm des Hauses zu thun gewillt war, blieb schließlich nichts übrig, als ihn wenigstens glänzend zu verheiraten. Magnus war mit seinen vierundzwanzig Jahren alt genug; er würde einen Musterehemann abgeben — meinte Frau Gisbert, eine lebhafte und imposante Brünette, nach ihrer Art ironisch mit den Lippen zuckend.
Es war auch schon eine Braut für ihn bestimmt. Bei Gisberts war eine Cousine der geborenen Eisen-Sturz zu Besuch, eine Gußstahl-Prinzessin aus Bochum. Eine blühende Blondine von bezaubernd liebenswürdigem Wesen — und sie schien sich wahrhaftig für den »guten Kerl« von einem Magnus zu erwärmen, all den glänzenden Huldigungen zum Trotz, denen ihre Schönheit und ihr Reichtum ausgesetzt waren. Der engere Familienrat hatte diese Heirat beschlossen. Gisbert erklärte zwar die Dame viel zu schade für den »Duckmäuser«; er war selbst mit einer schönen und reichen Frau verheiratet, gönnte das gleiche Glück aber keinem anderen. Die beiden Schwestern, Frau Gisbert und Baronin Kehren, pflichteten lachend, ihre berühmt prächtigen Zähne weisend, diesem Urteil bei. Auch sie hätten für die gußstählerne Cousine wohl eine bessere Partie erwünscht, aber mit dieser Heirat waren allerlei verlockende Pläne verknüpft. Der Alte beabsichtigte nämlich nach Magnus’ Verheiratung, diesen das Obergeschoß beziehen zu lassen und für Gisbert eine Mustervilla zu erwerben, die er auf die erdenklich prachtvollste Weise ausstatten wollte. Die beiden Schwestern schwärmten schon von dem neuen Besitz, und eifrig arbeiteten sie an dem Heiratsprojekt.
Magnus sah sein Schicksal. Über kurz und lang mußte er ja doch von der Geliebten getrennt werden! Über diese Trennung hinaus war alles andere, was geschähe, gleichgültig! Aber er glaubte das Schicksal noch eine Weile aufhalten zu können! —
Welch eine entsetzliche Qual, heute hier mitten im Festestrubel zu weilen, als Sohn des Hauses den Höflichen und Zuvorkommenden zu spielen, eine lächelnde Miene aufzusetzen und den Damen banale Nichtigkeiten zu spenden — während Emmy im Sterben liegt und eine Welt unter ihm zusammenzustürzen droht!
Die Festtafel war in dem großen neudekorierten Hauptsaal hergerichtet. Während die Austern gereicht wurden, bewunderte man den jüngst erst fertig gestellten Meyerheimschen Fries und die farbenglühende italienische Decke von Meurer. Doch den Haupteffekt gab der herrliche, sonnenfrohe Frühlingstag, der durch die hohen Bogenfenster der Gartenterrasse hereinglänzte. Die hohen Bäume waren noch von dem bronzefarbenen Hauch der ersten Knospung überhaucht, während das Strauchwerk schon in seinem vollentfalteten grünen Schmucke prangte. Auf dem blendenden Smaragd der Wiese stolzierten kostbare weiße Pfauen, und die saisongemäßen Beete voll seltener Tulpenarten machten, von hier oben gesehen, die Wirkung von bunten Geschmeidestücken aus der Renaissance. Das feine Säuseln eines unsichtbaren Springbrunnens lag wie ein dämpfender Schleier über dem vielartigen Geräusch der Speisenden; ein paar Amselstimmen bemühten sich, von draußen her zur Tafelmusik beizusteuern.
Der Glanz der Gäste konnte fast mit der Pracht der Gedecke, dem Prunk der schweren Aufsätze und der auch jetzt am hellen Tage brennenden Kandelaber wetteifern. Einige strotzende Generalsepauletten, einige verdienstvolle Ordenssterne von staatlichen Würdenträgern, ein paar Breitseiten von Diner-Orden auf der Brust von Flügeladjutanten, einige Kommerzienräte, einige vielgezackte Kronen aus der Diplomatie, ein paar der augenblicklich modernsten Namen aus Kunst und Litteratur.
Natürlich hatte der Festordner Gisbert seinem Bruder Magnus die gußstählerne Prinzessin als Nachbarin zudiktiert. Und es geschah von seiten der Verschworenen das möglichste, um die Gäste wie das Paar selbst auf dessen Zusammengehörigkeit aufmerksam zu machen. Die zukünftige Braut wurde mit Aufmerksamkeit überhäuft, die beiden Schwestern ließen sie und Magnus nicht aus den Augen, mit Lächeln und Nicken und allerlei kleinen bedeutsamen Zeichen suchten sie die Gelegenheit zu schmieden.
Magnus verrichtete ein Wunder an Selbstbeherrschung. Krampfhaft zwang er sich, er, der sonst still war und nicht den Ruf eines interessanten Gesellschafters besaß, zu einer lebhaften Unterhaltung. Wollte er doch dem lieben und hübschen Wesen an seiner Seite, dem die helle Lebenslust aus den blauen Augen lachte, diese frohe Festesstunde nicht verderben! — galt es doch mit dem Klang seiner eigenen Worte und seines Lachens den wühlenden Schmerz hier in der Brust betäuben! Vielleicht mochte auch der Wein, den er in vollen Römern herabstürzte, seine Schuldigkeit thun ....
Die Verschworenen hatten ihr Werk mit feiner List insceniert. Nach den ersten feierlichen Galatoasten erhob sich Herr Perkisch, der bekannte Tafelpoet, der, wie Koch und Lohndiener, in gewissen Kreisen zu den notwendigen Requisiten eines Diners gehört. In seiner schwungvollen Art feierte er das Glück des Hauses Joël. Nicht das gegenwärtige allein, sondern ein zukünftiges, das er mit einem ausdrucksvollen Zwinkern seiner schmalen Augenschlitze fern dort hinten auf der smaragdenen Wiese zwischen den weißen Pfauen aufsteigen sah. Und sein beim Reden vergnügt schmunzelnder Mund malte dies Glück in so verlockenden Farben aus, daß die beiden Schwestern ganz Begeisterung waren. Der von ihnen gedungene Tafelpoet konnte seinen Auftrag nicht effektvoller ausführen.