Chapter 3 of 20 · 3969 words · ~20 min read

Part 3

Alles zielte mit offenen und verstohlenen Blicken auf das Paar. Nun, nachdem Perkisch geendet und das erste Läuten und Klingen der Gläser verhallt war, wußten die Schwestern eine Art Cour vor dem Paar in Scene zu setzen. Sie traten vereint auf Magnus und Fräulein Helmons zu, und ihre Blicke, ihr Lächeln und die Art, wie sie mit den beiden anstießen, alles das sah wahrhaftig wie eine Gratulation aus! Andere folgten dem Beispiel. Hier und da wurde getuschelt — »noch nicht offiziell!« hieß es — »aber die Verlobung hängt in der Luft!«

Fräulein Helmons glühte, aber mit ihrem bezaubernden Lächeln überwand sie die seltsame Verlegenheit. Ihrem Herzen schien es wahrhaftig fast recht zu sein, wenn sich all diese versteckten Huldigungen zu einer wirklichen greifbaren Gratulation verdichteten.

Magnus ließ in seiner etwas linkischen Art den unbegreiflichen Sturm gegen sich anprallen. Zum Teufel, es kann doch kein Mensch auf der Welt mit klingenden Gläsern und Toasten zu einer Ehe gezwungen werden!

Eben fand sich der alte Papa ein, sein Rotweinglas (er trank nie Champagner) in der Hand, um zu »gratulieren« — wie soll man es sonst nennen? Über sein glattrasiertes, von einem silberschimmernden Kranzbart unter dem Kinn eingerahmtes Gesicht vibrierte ein Ausdruck verschmitzter Freude. Mit bekannter Artigkeit verneigte er sich vor seiner zukünftigen Schwiegertochter, und seinen liliendünnen Lippen entschlüpfte ein besonders liebenswürdiges Kompliment. Kräftig stieß er dann mit Magnus an, und seine grauen, schlauen Blinzelaugen forschten in dessen Miene: — »Nun, alter Junge?« rief er laut.

Zugleich erhielt Magnus von rückwärts einen Schlag auf die Schulter: — »Prosit Brüderchen!«

Es war Gisberts schnarrendes Leutnantsorgan, und das feiste, von einem unternehmenden Schnurrbart gezierte Gesicht des Lebemannes grinste ihn an.

Warum that der Duckmäuser auf das erhobene Champagnerglas keinen Bescheid? Magnus zuckte zusammen, sein Blick stierte wie gebannt nach dem einen Gartenfenster hin.

Gegen die sonnige Helle des Gartens scharf abgezeichnet, stand dort ein Dienstmann, einen Brief in der einen Hand haltend, während die andere schirmartig über den Augen erhoben war; sein von der Eile echauffiertes Gesicht weidete sich mit glotzender Neugierde an dem festlichen Gewirr hier innen. Seine Erscheinung wirkte wie eine lächerliche Trivialität; der Mann mochte irrtümlicherweise den Weg durch den Garten genommen haben. Ein Diener sprang hinzu und winkte entrüstet dem Eindringling ab.

Magnus erblaßte, und eine eisige Blutwelle ließ ihm den Atem stocken: — es ist die Todesnachricht!

»Was hast Du nur, Bruder?« rief Gisbert stutzend.

»Nichts — nichts! — es wird vorübergehen!«

Und mit einer konvulsivischen Anstrengung, die ihn sogar körperlich zu schmerzen schien, zwang er seine verstörte Miene zu einem Lächeln. Gellend stieß sein Glas gegen das des Bruders — »Prosit!« rief er schrill.

Er wollte hinausstürzen in seinem Schmerz, um dem Dienstmann das verhängnisvolle Billet zu entreißen, aber er fühlte sich wie gelähmt — als wenn etwas hier innen zerbrochen wäre — mechanisch setzte er sich mit den anderen wieder zu Tisch.

Gleich darauf reichte ihm Gisbert über die Schulter den Brief hin: »Ei, ei, Brüderchen« — flüsterte der Lebemann — »eine Damenhand und eilig!«

Auch das schien dieser eingefleischte Egoist dem andern nicht zu gönnen.

Magnus entriß dem Bruder den Brief, und seine bebende Hand barg ihn uneröffnet in der Brusttasche — hatte er noch nicht den Mut dazu, das Unselige hinzunehmen? Fürchtete er, sich nicht beherrschen zu können und eine Scene hervorzurufen? Hinweg mit den schwarzen Schatten aus der Festessonne ...

Abermals krampfte er all seine Willenskraft zusammen — später staunte er darüber, wie er es fertig gebracht, das Lächeln auf sein Antlitz zu bannen und seine Rolle als höfliche Gesellschaftspuppe weiterzuspielen, während ihm der Brief mit der Todesnachricht auf der Brust brannte.

Endlich hob Frau Gisbert, die die Honneurs des Hauses machte, die Tafel auf. Er riß den Brief auf — es war nicht die Todesnachricht — nur begehrte die Sterbende ihn noch einmal zu sehen ...

Heimlich machte er sich auf — hielt auf der Straße eine vorüberfahrende Droschke an und ließ sie nach Berlin hineinjagen, was sie zu jagen vermochte.

* * * * *

Wohl eine Stunde hatte er in dem Dämmer der verhangenen Stube an dem Krankenlager gesessen. Emmy hatte vorhin sein Kommen mit offenen, zum Bewußtsein erwachten Augen begrüßt, jetzt hielt das Fieber wieder ihre Sinne umschleiert. Ihre heiße, pochende Hand hatte in der seinen geruht, ihre bebenden Lippen hatten sich bemüht, ihm ein paar Worte zuzuflüstern, doch auch hierzu reichte die Kraft nicht mehr aus. Anstatt der Worte schwoll in ihrem Auge eine Thräne und rollte langsam über die von fliegender Glut gerötete Wange.

Sie weiß — es ist die Scheidestunde! — Sie hätte so gerne, ach so gerne gelebt und geatmet in dem Sonnenschein seiner Liebe! Wenn auch nur auf Monate, Wochen und Tage — solange das Schicksal ihr den Sonnenschein gönnte. Aber nicht dem unsäglichen Weh dieser Scheidestunde entquillt solche Thräne. Sie hatte in diesen Tagen öfter nach dem Vater gefragt und bald verstand sie die ausweichenden Antworten der Mutter, daß er vorhin, als sie schlief, dagewesen, daß er dann und dann wiederkommen wollte; sie sah die Thränenspur auf den verhärmten Wangen ihres Mütterleins — immer schwerer, immer schwüler fühlte sie den Alp der väterlichen Ächtung auf sich lasten. Ihre gestammelten Fieberworte gaben Zeugnis von dem Druck, unter dem ihre Seele keuchte.

O, Magnus wußte jene Thräne sehr wohl zu deuten!

Während er dort brütend und vor sich niederstierend saß, begann ein Trotz in ihm zu wachsen, grimmig und herausfordernd; er fühlte eine zuckende Gier, aufzuspringen und die Lüge und Heuchelei zu zertrümmern, unter der er ihre herrliche Liebe in seinem Kleinmut wie ein ungeheures Verbrechen versteckt. Was für erbärmliche, feige Wichte sind wir doch, wir von der sogenannten Gesellschaft, die wir das festgewurzelte Glück unserer Herzen auf ein Gebot des sogenannten Herkommens herausreißen! Ein gewaltiger Zorn gegen sich selbst ergriff ihn — wohlan, da nun doch alles zusammenstürzt, so will er wenigstens Rache nehmen an dem Phantom dieses Herkommens ...

Er stand auf und hatte mit Frau Köster eine Unterredung nebenan im Salon, die diese brave Frau zuerst erschrecken machte, dann in einen Thränenstrom ausbrechen ließ — er wehrte noch gerade, daß sie nicht seine Hand, die sie umklammert hielt, an ihre Lippen drückte. Dann traf er Anordnungen mit Schwester Jemima, und deren starre, schicksalsstumme Augen schienen sich wie zu einem Erstaunen zu weiten, ein Affekt, den sie sonst nicht kannte. Frau Gornemann aber, die ebenfalls um ihren Beistand angegangen wurde, hatte Mühe, nicht mit einem Lachen hell herauszuplatzen, trotz der Situation — und sie rauschte davon, das Seidenhündchen zwischen ihren Rockfalten festhaltend, ganz außer Fassung gesetzt über das Gehörte: zu welch entsetzlichen Verrücktheiten die Liebe, die platonische zumal, einen jungen Mann hinreißen kann! Totschießen und ins Wasser springen ist gar nichts dagegen!

Magnus machte sich eilig auf, denn es war keine Minute zu verlieren, ehe der Tod sein Vorhaben zerschnitt. Er suchte einen früheren Schulkameraden auf, der jetzt die Stelle eines Hilfspredigers an der Neuen Kirche bekleidete.

»Gottlob, daß ich Dich treffe, Bruno!« rief er, in die stille Studierstube des theologischen Strebers tretend.

»Was ist Dir, Magnus? Du bist so erregt —«

»Durchaus nicht! — ich komme, — um einen wichtigen Dienst von Dir zu fordern!«

»Sehr gern — aber nimm doch Platz!«

»Es ist höchste Eile — bist Du bereit, mich zu verheiraten?«

»Sehr gern — aber ...«

Der junge Geistliche stutzte vor seinem eigenen schnell entschlossenen Ja. Seine nüchterne Denkungsart hinderte nicht, daß die Erinnerung von geheimen, auf einem Verbrechen basierenden oder auf ein solches zielenden Heiraten ihn anflog.

»Kein aber! Entweder bist Du bereit oder nicht! Ich habe keine Zeit! Meine Braut liegt im Sterben, und ich wünsche ...«

Hier versagte Magnus die Stimme.

Den Prediger erfaßte ein Mitleid — »Aber ich bitte Dich — was ist denn geschehn? Setz’ Dich doch und erleichtere Dein Herz!«

»Ja oder nein! Halt’ mich nicht auf!« rief Magnus.

Aber er war dem Geistlichen, bevor dieser sich zu einer folgenschweren Amtshandlung herbeiließ, doch wohl eine Erläuterung schuldig. Und er erklärte in kurzen hastenden Worten die Lage.

Der Geistliche machte ein bedenkliches Gesicht — der Fall war ihm noch nicht vorgekommen.

»Ich bitte Dich, ich beschwöre Dich, Bruno! Es muß sein! Sie soll nicht mit dieser Schande belastet zu Grabe getragen werden! Der Makel soll nicht an ihrem Namen haften über das Grab hinaus!«

Der Geistliche hatte in Magnus’ Elternhaus verkehrt, er ahnte die Katastrophe und wagte darauf hinzuweisen.

Entrüstet wehrte Magnus. »Es ist alles gleichgültig! Eine Autorisation meines Vaters sagst Du — ich bitte Dich — der Tod autorisiert mich! — Du willst also nicht —?«

»Ich mache Dich darauf aufmerksam, daß diese improvisierte Eheschließung meinerseits ja doch keine gesetzliche Gültigkeit haben würde.«

Das klang mehr, als wollte der Prediger seine eigenen Zweifel damit niederschlagen. Und ein anderer Zweifel fuhr darein: ob Magnus sich wirklich zu dieser phantastisch zu nennenden Extravaganz entschlossen haben würde, wenn der Tod nicht endgültig seine Autorisation gegeben.

Doch der Beruf des Seelenretters erwachte in ihm, und er redete sich ein, daß er sich dieser an ihn herantretenden Pflicht nicht entziehen dürfte.

Gut, er wollte in einer Stunde zur Stelle sein, unter dem Vorbehalt, daß »später« die nötige Formalität nachgeholt würde.

Magnus eilte zum Juwelier und erstand die Trauringe. Dann hetzte er nach der Treskowstraße, fand Herrn Köster aber erst am zweiten Orte. Der Mann geriet außer sich vor Überraschung. Gleich aber war der alte unausrottbare Dünkel wieder da:

»Ich habe das auch nicht anders von Ihnen erwartet, Herr Joël!« rief er, diesen mit seinen fanatischen Augen anblitzend. —

Eine Stunde darauf fand die seltsame und in ihrer Seltsamkeit so ergreifende Feierlichkeit statt.

Schwester Jemima hatte einen Altar mit einem Kruzifix und einigen brennenden Kandelabern gerüstet. Dies konnte an eine andere — später vorzunehmende noch viel ernstere Feier, die dieser ersten folgen würde, gemahnen.

Als Trau-Zeugen waren zugegen die Eltern, Schwester Jemima und die Wirtin. Die Amtshandlung des Predigers fand in einem vorsichtigen Flüsterton statt, den die Stille des Sterbezimmers gebot — einige kurze einleitende Worte — einige inbrünstig hingehauchte Gebete, die der gewaltigen Tragik der Stunde entsprachen. Seine Stimme bebte — auch ihn meisterte die Rührung.

Die Braut schien nicht bei Bewußtsein zu sein — ein paarmal ging ein Aufhorchen über ihre Züge — die Wirklichkeit mochte sich ihr in einem Traume verdämmern.

Nun richtete der Prediger die rituellen Fragen an sie: — ob sie gewillt sei, dem Geliebten auf Tod und Leben die Hand zu reichen. Da zuckte ein so seltsam ungläubiges Lächeln um ihre vom Fieberodem geöffneten Lippen — langsam hob sie die Wimpern und starrte den Frager ungläubig angstvoll an: was will man denn? — was kommt man denn, mir solch ein Trugbild vorzugaukeln in dieser Stunde? — warum läßt man mich denn nicht in Ruhe sterben?

Nun fühlte sie, wie etwas Kaltes, Metallisches sich über einen Finger ihrer rechten Hand streifte. Dann wurde diese Hand von einer andern ergriffen, und sie fühlte wieder etwas Heißes darauf glühen — den Brand von leidenschaftlichen Küssen, die zwei Lippen darauf preßten.

Magnus war in die Kniee niedergestürzt, ihre Hand, die den Trauring trug, wie verzweifelt umklammernd.

Der Prediger hielt seine beiden Arme segnend über dem Paare ausgebreitet, und seine bebende Stimme flüsterte: »Der Herr segne Euch und behüte Euch — der Herr hebe sein Angesicht auf Euch —«

Da ward sein Flüstern durch Magnus’ hervorbrechendes Schluchzen unterbrochen: — »Nein, Du darfst nicht! Du darfst nicht gehen — mein Weib! — mein liebes, liebes Weib ...«

Gewaltsam mußten sie den halb Sinnlosen von dem Bette entfernen. —

* * * * *

Magnus stand am anderen Morgen im Kabinet seines Vaters.

»Du hast mich rufen lassen, Vater?«

Der alte Herr saß vor dem einfachen, mit grünem Leder bezogenen Schreibpult, die Unterarme auf die Platte gelegt, und hielt ein Schriftstück, das er dem Haufen von Vorlagstücken entnommen, seiner weitsichtigen Augen wegen, mit den Händen abgestreckt.

Auf diese Meldung des Sohnes nickte er nur unmerklich mit dem Kopf, legte das Schriftstück hin und nahm ein anderes. Dann nach einer Pause, wie auf das Papier einredend, sagte er:

»Ich dächte, Du hättest Dich zu entschuldigen — Du wärest uns eine Erklärung schuldig —«

Magnus schwieg.

Ein drittes Schriftstück und: »Was soll das heißen, daß Du Dich an einem solchen Tage auf französisch drückst? Ich möchte mir doch sehr ausbitten! — wo hast Du denn die Manieren her?«

Das Schriftstück zitterte ein wenig in den Händen.

Magnus griff zu der für die Situation so banalen Trivialität einer Notlüge:

»Ich leide in letzter Zeit an Schwindelanfällen —« Und die Worte erstickten ihm fast im Hals. Teufel! was für ein Rückfall in die alte Feigheit!

Der Kopf des Vaters wandte sich langsam herum, und die grauen schlauen Blinzelaugen unter den silberschimmernden Büschen der Brauen glitten prüfend kurz über Magnus’ Gestalt.

»Du siehst in der That in letzter Zeit nicht ganz gut aus. Du machst Dir zu wenig Bewegung. Ich wünschte, daß Du Deine Ritte am frühen Morgen wieder aufnähmest.«

Magnus errötete.

»Du hättest Dich wenigstens gestern Deiner Desertion wegen entschuldigen können,« fuhr jener fort, abermals in die Papiere hinein. »Nun, es ist aber jetzt egal — wir haben Dich hoffentlich herausgerissen: das Telephon rief Dich also nach Berlin ins Geschäft, verstehst Du?«

Die Stimme des alten Joël klang ungewöhnlich weich: es war nicht des Vorwurfs wegen, daß er seinen Jüngsten hatte rufen lassen; es war etwas anderes im Werk.

Eine Pause, die nur das dumpf surrende Geräusch der den Elevator treibenden Dampfmaschine, die den Elevator trieb, ausfüllte; die Gegenstände, die Luft hier in dem kleinen, mit dunkler Ledertapete bekleideten Kabinet, schienen zu beben von diesem Surren.

»Bitte, bleib’ einen Moment!« knurrte der Alte — »=à propos=, ist die neue Sendung aus Neuschatel schon ausgepackt? — wie ist sie ausgefallen?«

»Man ist eben daran, sie auszupacken.«

Ein Nicken und: »Bitte, klingle Sierling!«

Magnus drückte dreimal auf den Elfenbeinknopf neben der mit mattem Glas versehenen Thür.

Wieder eine Pause, bis der Buchhalter erschien, einen Pack erledigter Papiere in Empfang nahm und in seiner aalglatten Art wieder durch die Thür hinaushuschte.

»Setze Dich — ich habe mit Dir zu reden, Magnus.«

Herr Joël =senior= rieb die flachen Hände übereinander und machte dann damit die Gebärde des Waschens — eine offenbare Verlegenheit, wie er seine Rede zu inscenieren hätte. Ungeduldig wiederholte er: »Aber, ich sage Dir ja, Du sollst Platz nehmen!«

Magnus gehorchte und setzte sich auf einen der Lederpolster, seitab des Pultes, vor dem Fenster.

Der Alte lehnte sich mit dem Kopf gegen die hohe geradaufragende Rückwand des altertümlichen Holzsessels und visierte mit den Augen einen der wetterprophetischen Apparate an, welche über dem Pulte hingen.

»Du weißt — das heißt, Du müßtest wissen, worum es sich handelt,« begann er. »Du wirst gestern deutlich genug gemerkt haben, was unser aller sehnlichster Wunsch ist. Und wie ich voraussetze, hast Du nichts dawider. Fräulein Helmons ist hübsch, sogar schön, man kann nicht liebenswürdiger sein, als sie ist. Auf die anderen Vorteile einer solchen Wahl brauche ich Dich nicht erst aufmerksam zu machen. Der Name Helmons spricht für sich, er wiegt die Sturz mindestens auf. Du stehst hinter Deinem Bruder keinenfalls zurück. Die Verbindung würde einen Glücksfall für das Haus Joël bedeuten —«

Er hielt inne und visierte nur um so schärfer auf das Barometer hin. Abermals rieb er die flachen Hände übereinander — es sah fast aus wie ein Ausdruck der Freude über den eintreffenden Glücksfall.

»Die Sache ist sehr einfach —« hob er wieder an, »ich schrieb an den alten Helmons und fragte unter der Blume an. Seine Antwort konnte nicht deutlicher sein. Es hängt nur an Dir ...«

Die Helle des Fensters verdunkelte sich — Magnus’ starke Gestalt hatte sich langsam erhoben. Mit einem stutzenden »Nun?« wandte jener den Kopf nach dem Sohne hin.

Magnus streckte die Hände wie hülfesuchend nach dem Alten aus: »Verzeih’, Vater! — ich bitte Dich um Verzeihung!«

»Was? Nun?«

Der silberhaarige Kopf erhob sich von der Rückwand des Sessels, und die Hände griffen nach den Seitenlehnen.

»Ich kann nicht, Vater — ich darf nicht —«

Mit einem Ausdruck des staunenden Zornes blitzten ihn die grauen Augen an. Was? Er wird doch nicht sein Herz als Hindernis vorschieben? Er wäre Idealitätstölpel genug!

»Weshalb nicht?« donnerte Herr Joël senior.

»Ich bin nicht frei —!«

»Unsinn! Blödsinn! Was soll das heißen?!«

Magnus gewann seine Festigkeit wieder. Was er gethan, das wird er auch verantworten! — »Vater —« sagte er, und seine Stimme wankte nicht mehr — »Vater, ich weiß, was ich Euch angethan — aber es ist geschehen! — Ich bin nicht frei, ich bin — verheiratet!«

Das glattrasierte Antlitz des Alten verzerrte sich zu einem starren Entsetzen. Seine Hände griffen zitternd und hülflos tastend über die beiden Armlehnen.

»Lieber Vater — verzeih’ mir — ich konnte nicht anders! — Es war eine Ehrensache — die Betreffende war kompromittiert — sie liegt im Sterben — vielleicht ist sie schon tot — das ~Mitleid~ überwältigte mich — ich konnte nicht anders —«

Gleich schämte er sich des Wortes, das hier so häßlich klang. Aber das allein schien sein phantastisches Vorgehen entschuldigen zu können.

»Wer? — Was?« kam es stotternd, nach Luft schnappend über die Lippen des Alten.

»Ich darf Dir nichts verhehlen, Vater! — Hier die ganze Wahrheit!«

Und er erzählte in kurzen Sätzen, wie verhängsnisvoll ihm der Zufall gespielt, nannte Namen und ehemalige Beschäftigung seines nunmehrigen Weibes.

»Nicht möglich! Undenkbar! Du phantasierst!« kreischte der alte Joël, und der Versuch eines stummen höhnischen Lachens umgrinste seinen Mund. Doch der Blick des stieren Entsetzens gewann wieder die Oberhand über dieses Lachen.

Magnus ergriff ein Mitleid. Er flehte den Alten an, ruhig zu sein. Er fürchtete wirklich, daß die Nachricht, die den Stolz des alten Kaufmanns so niederschmetternd getroffen, ihn auch körperlich zu Boden schlüge.

»Vater, ich bitte Dich! — nimm Dir es nicht so zu Herzen! — ich sagte Dir, die Dame hat keine Hoffnung aufzukommen — sie liegt im Sterben —«

Es graute ihm vor dem fürchterlichen Trost, den er da vorbrachte. Und noch mehr graute es ihm zu sehen, wie der alte eingefleischte Egoist sich an diesen Trost klammerte, wie er nun, da ihn das lähmende Entsetzen verlassen, sich sogar nach den näheren Umständen, nach dem Ausspruch des Arztes erkundigte.

Und der schlaue Ausdruck kehrte allmählich wieder in die grauen Augen zurück: »Magnus ist ein Dummkopf — er ist reif für das Narrenhaus — aber — aber sie liegt im Sterben, gottlob!« schien dieser Ausdruck zu sagen.

* * * * *

Als Sanitätsrat Herz am Nachmittag desselben Tages erschien, fand er die Kranke in einem tiefen Schlaf, der schon seit dem Morgen angedauert. Doch nicht die Betäubung des immer matter glimmenden Lebens — ruhig und regelmäßig schwollen die Atemzüge, und der Puls begann stetiger, ja mit scheinbar erwachender Kraft zu schlagen.

Der alte Arzt konnte ein freudiges Stutzen nicht unterdrücken. Doch es wäre ein Verbrechen gewesen, die anderen, die jeden Zug seines Gesichtes belauerten, mit einer vorzeitigen Hoffnung aufzurichten. Und er stellte sofort die dem schweren Fall entsprechende Miene wieder ein.

Spät am Abend kam er abermals. Die Atemzüge fluteten noch tiefer und kräftiger. Und er atmete selbst auf vor Freude, als er den Puls prüfte. »Wenn es diese Nacht mit dem Schlaf so anhält, so könnten wir gewonnen haben! — Seltsam — wider alle Erwartung!« — murmelte er vor sich hin. »Aber wir müssen trotzdem gefaßt sein!«

Und da saßen sie nun in der Nacht und horchten auf das Fluten des Atems. Da saß ein Mütterlein und horchte begierig, als wäre jeder der Töne eine Kostbarkeit; wie entrüstet fuhr sie ein paarmal aus dem Anfang des Schlummers, der ihre ermüdeten Sinne umdämmern wollte — wie entrüstet huschte sie ans Fenster, als müßte sie ein lauter werdendes Geräusch, das verhängnisvoll zu werden drohte, hinwegscheuchen. Da saß ein junger Gatte und ließ den Sturm seiner Gedanken immer wieder einwiegen durch den Klang des einen Wortes —: Rettung! Hier am Rande der Todesnot ziemt es nicht an anderes zu denken! — Selbst Frau Gornemann kam einmal in der Nacht hereingeraschelt, um Nachricht einzuholen. Das Außergewöhnliche dieses Menschenschicksals schien ihr allmählich doch einigen Respekt einzuflößen. Und die Neugier begann sie zu stacheln: Was dann? Sie sind verheiratet und sind es auch nicht! Der Idealist hat sich, ohne eigentlich dazu gezwungen worden zu sein, in diese »Heirat« gestürzt (man muß es einstweilen so nennen!) Jetzt aber wird das Erwachen kommen! Er wird die Übereilung gewahr werden und dann?

Am nächsten Morgen nach der Konsultation zog der Sanitätsrat Magnus bei der Hand in die Fensternische: »Es ist ein Wunder geschehen —« sagte er, und zögernd fügte er bei — »ich gratuliere!«

Der alte Herr war sich nicht ganz klar darüber, ob dieses das richtige Wort wäre.

Eine Glut schoß Magnus zu Kopf, und er stieß ein »Ah!« aus, das die große Freude über die unverhoffte Rettung bedeuten konnte. Gleich erblaßte er wieder. »Wie danke ich Ihnen, Herr Sanitätsrat!« rief er, sich fassend, mit fester Stimme, dem Arzte überkräftig die Hand schüttelnd.

War es ein Anfall des erbärmlichen Kleinmuts, der ihn zuerst überrumpelt? Teufel — er hat seinen Schritt doch nicht gethan in der sicheren Aussicht, daß sie sterben würde? Der Akt einer trivialen Großmut? Und nun, da ein gnädiges Geschick sie vom Tode errettet — beschleicht ihn ein Gefühl der Reue?

»Weg damit! Sie ist mein Weib — sie ist meine Welt — und ich werde sie gegen die andere Welt zu behaupten wissen!« —

Emmys Genesung dauerte nach der Krise fort. Zwar war die Kranke noch sehr schwach und jede Aufregung konnte verhängnisvoll werden. Von der Bedeutung der Ceremonie schien sie keine bestimmte Vorstellung zu haben, sie hatte dergleichen wohl nur geträumt. Und es war auch noch nicht die Zeit, sie in die freudige Wirklichkeit einzuweihen. Einmal fiel ihr Blick auf den goldenen Reif an ihrer Hand. Eine kurze Weile starrte sie ihn an, dann überrieselte es sie wie ein Schreck, und sie schloß die Augen, um den Traum, in dem ein solcher Ring eine Rolle spielen konnte, weiter zu träumen. Als sie schlief, streifte man ihr behutsam den Ring vom Finger, damit sein Anblick nicht noch schlimmeren Schaden anrichtete.

Magnus war mehrere Tage nicht im Geschäft erschienen. Jetzt galt es, abermals vor den Vater hinzutreten und ihm Aufschluß über die veränderte Lage zu geben. Er fand den Alten in seinem Bureau nicht vor: der Chef sei mehrere Tage nicht erschienen, er sei unpäßlich.

Magnus erschrak — so gewaltig hat ihn also die Nachricht gepackt? — ihn, den nicht leicht ein körperliches Gebrechen von dem lederbezogenen Pult zu scheuchen vermochte. Er eilte nach Charlottenburg.

Die beiden »eisernen Schwestern« waren eben im Begriff, das Parterre zu verlassen, sie begegneten Magnus im Vorsaal. Frau Gisbert empfing ihn mit einer ironisch ceremoniösen Verbeugung, die Baronin Kehren trug ein verächtliches Mitleid zur Schau.

»Was fehlt Papa denn —?« fragte er besorgt.

Frau Gisbert zuckte ihre kräftigen Schultern: »Ja, ich bitte Sie — sagen ~Sie~ uns doch, was ihm fehlt! — Der Arzt und wir alle werden nicht klug daraus — vollkommen frisch und wohl und doch dabei Phantasieren — ohne eine Spur von Fieber!«

»Wir sind sehr besorgt« — fiel die Baronin mit ihrem leicht singenden Näseln ein, während sie vor dem Spiegel an ihrem Schleier ordnete, Magnus abgekehrt, »er phantasiert von einer Heirat — er behauptet — denken Sie doch — er behauptet ...«

Ein Kichern erstickte ihre Stimme.

»Ja, er behauptet« — ergänzte Frau Gisberts Alt — »er behauptet — es hätte Jemand namens Joël sich mit — einem Ladenfräulein verheiratet.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer das sein könnte —?« näselte es vom Spiegel her.

»Wir haben Papa für krank erklärt und bestehen darauf, daß er sich nicht neuen Aufregungen dort im Geschäft aussetzt. — Wir sind sehr besorgt, wenn Sie mit ihm reden — so thun Sie ja nicht, als hielten Sie das allerliebste Märchen für eine Phantasie — das verschlimmert nur seinen Zustand — — Bist Du endlich fertig mit Deinem Schleier, Lyda?«

Und die beiden Schwestern rauschten davon, Magnus mit dem vollen Hohn ihrer Blicke und ihres Lächelns überschüttend. —