Chapter 12 of 20 · 3898 words · ~19 min read

Part 12

Und die sehnige Hand hatte mit einem sprungartigen Griff, der an ein Raubtier erinnerte, das Geld erfaßt. Aus den grünlichen Augen traf mich ein unheimlich stechender Blitz. Kein Zweifel, es war einer jener professionellen Bankräuber, die aus ihrem Hinterhalt sich auf den Gewinn eines Neulings stürzen, um ihn mit kecker Unverschämtheit an sich zu reißen. Die Bank kann sich dieser Hyänen, die den Abfall des Glückes erschleichen, nur schwer erwehren; bleibt doch bei der großen Zahl der Einsätze stets ein Irrtum möglich. Bei kleineren Sätzen zahlt sie, um Skandal zu vermeiden, doppelt aus, dem Räuber wie dem Beraubten.

»Herr Croupier,« wandte ich mich ganz empört an den nächsten Beamten, »ich habe deutlich gesehn, daß die Dame zwei Louis gesetzt. Ich setzte den dritten.«

Der Beamte zog phlegmatisch eine große goldene Dose aus der Seitentasche seines Rockes, und während er die Prise langsam an die rundliche Nase führte, sagte er im ruhigsten Ton, nach dem Räuber gewandt:

»Sie haben sich geirrt, mein Herr, der Gewinn gehört nicht Ihnen.«

»Ich irre mich nie!« rief jener und ließ dabei das Geld mit einem deutlichen Klingeln in die eine Tasche seines Jacketts gleiten. »Nie, verstehen Sie ... es sind andere, die sich irren!«

Und mit einer höhnischen Herausforderung wechselten seine Blicke zwischen mir und dem Beamten. Dieser zuckte die breiten Schultern und steckte seine Dose ein. Ein Kollege neben ihm that noch einige inquirierende Fragen an mich und den Räuber, doch ohne Resultat. Ich wollte mich aber nicht beruhigen, mich an eine andere Instanz wenden und die Herausgabe des Geldes erzwingen — da traf mich von drüben ein flehender Blick aus den großen dunklen Augen, und eine bittende Geste der beiden einander zugekehrten Händchen veranlaßte mich, von weiterem abzustehen. Das Blut war aus den Wangen der Spielerin gewichen, unruhig und aufgeregt wiegte sie sich auf ihrem Platz.

Jener behielt also einfach seinen Raub, und die ganze Angelegenheit wurde gleichsam zugedeckt von dem gedämpften Rufen des Croupiers, von dem feinen Klimpern und Klirren des Geldes, das in der Bank gehäufelt und sortiert wurde, von jener eigenartig zitternden Stille, die eine häßliche Parodie andächtiger Kirchenstille ist.

Ganz mechanisch setzte ich noch ein paarmal. Dabei ließen meine Augen nicht ab von ihr. Aber es war mir nicht möglich, meine bedauernde Verbeugung anzubringen. Sie sah nicht auf und sie setzte nicht mehr. Ihr Köpfchen war tief herabgesenkt, und mit erheuchelter Aufmerksamkeit blätterte und suchte sie, den Bleistift in der Hand, in ihrem Büchelchen.

Da war plötzlich die schnarrende Stimme des Räubers hinter mir. Sie stellte mich in einem Idiom, das ich nicht verstand, aber dessen Betonung nicht viel Höfliches bedeutete, zur Rede. Ich wollte ausweichen, doch entfuhr mir wider Willen eine wütende Gebärde und ein schlimmes Wort der Erregung. Es wäre zu einer Scene gekommen, wenn nicht einer jener gravitätischen Herren in schwarzer Toilette, die zwischen den Tischen hin und her kreuzen, auf uns zugetreten wäre und kraft seiner polizeilichen Autorität uns bedeutet hätte, den Streit an einem andern Orte auszumachen. Ein paar Worte, die er meinem Angreifer zuraunte, veranlaßten diesen, sich davonzuschleichen.

Auch ich trat nicht mehr in den Kreis der Spieler. Ein Ekel über das ganze Treiben hatte mich erfaßt, und ich wollte mir draußen in der freien Natur Erquickung suchen.

Als ich noch auf dem Treppenpodest im Portal des Kasinos stand, gefesselt von der unvergleichlichen Scenerie des ansteigenden Parkes, der im Sonnengold eines wolkenreinen Januartages ruhig und schön und verklärt dalag, trat eine Gestalt von rückwärts zu mir heran.

»Mein Herr, wollen Sie verzeihen —«

Wirklich, ich schrak ein wenig zusammen — mein Blick, der so nahe in die großen, großen Augen meiner Partnerin tauchte, und der Klang ihrer melodischen Stimme, der so seltsam süß mein Ohr umschmeichelte!

»Mein Fräulein —«

»Es thut mir herzlich leid, daß Sie meinetwegen solche Unannehmlichkeiten hatten. Ich danke Ihnen für den Beistand.«

Sie sprach deutlich, mit einem leisen Anflug des hannoverschen Accents.

»O, bitte, bitte, mein Fräulein!« stammelte ich noch ganz überrascht. »Ich bedaure nur, daß ich die Sache so ungeschickt angefangen. Man hätte ihm den Raub dennoch wieder abjagen müssen!«

»Sie sind fremd hier, mein Herr,« fiel sie ein, »Sie kennen dergleichen noch nicht. Es ist nichts gegen sie zu machen, und auch die Bank muß sie gewähren lassen.«

Aber, mein Gott, war sie denn nicht auch fremd hier? War sie denn so unheimlich vertraut mit den Fährlichkeiten der »Hölle,« daß sie mit solcher Sicherheit sich in diesen Dingen äußern konnte? — eine junge Dame von zwanzig Jahren, dazu eine Deutsche!

»Sie sind schon länger hier, mein Fräulein? Sie haben schon lange — gespielt?« Es war mein Erstaunen, das mir diese Frage auspreßte.

»Wir sind schon drei Jahre hier,« warf sie zögernd in einem dumpfen Tone hin, ohne mich anzusehen, das Köpfchen wie in einer plötzlichen Scham zur Seite gewandt.

Ich hatte gehört, es giebt in Monaco ganze Familien, schiffbrüchige Existenzen, die in harter, systematischer Tagesarbeit dem grünen Tisch den Unterhalt ihres erbärmlichen Lebens abringen.

Währenddem waren wir die paar Stufen hinabgeschritten.

»Ach, wie wundervoll!« rief sie aufatmend, indem sie mit dem Fächer, einer ganz billigen Dutzendware, nach den Bergen hinwies, die in blendender Farbenpracht zwischen dem üppigen Grün der Parkbäume herüberleuchteten.

Wir wechselten die üblichen Bewunderungsgeständnisse über die Herrlichkeit des Ortes, der ein wahrhaftes Paradies sein könnte, wenn die Hölle nicht so triumphierend ihren Thron hier aufgeschlagen.

»Und zu denken, daß manche, ja sogar viele hieher kommen, die keinen Blick und keinen Sinn haben für solche Herrlichkeit —« sagte ich, mit einer geheimen Anklage gegen mich selbst; — hatte ich doch ganze Tage, von heißem Fieber besessen, in der dumpfigen Schwüle des dämmerigen Saales am Spieltische verbracht, ohne eine Sehnsucht nach dem Anblick der unbeschreiblich schönen Gotteswelt zu empfinden; hatten doch der Wechsel von Glück und Unglück und all die nerventötende Aufregung mich blind gemacht. Und es war, als würde mir mit ihrem Ausruf und mit dem Zauberstab ihres Fächers plötzlich die ganze Wunderwelt wie eine Offenbarung erschlossen.

Wir waren an die Marmorballustrade der Terrasse herangetreten; ihre zierliche Gestalt stand leicht daran gelehnt, ihre Augen schweiften mit einem Leuchten der Entzückung über die flimmernde Meereshelle, und ihr geöffneter Mund sog gierig die würzige Seeluft ein; einmal atmete sie hoch auf, so daß die in ein knappes Sammetmieder eingezwängte Büste sich wie in befreiender Erlösung dehnte. Ein paar »Marschall Niel« staken im Miederschluß, aber sie hingen schlaff herab, als hätte der heiße Gifthauch der Spielhölle sie getötet. Das Profil ihres Kopfes zeichnete sich dunkel gegen den Meeresglanz: das fein gebogene Näschen, das rundliche Kinn, das von auffallender Energie zeugte, die edle Bildung der Stirn mit den graziösen Bogen der Augenbrauen.

Mit welcher kindlichen Unbefangenheit plauderte sie in Gegenwart des Fremden!

»Sehen Sie dort oben das Adlernest, das so goldig aus dem dunklen Blau der Berge leuchtet, das ist Roccabruna, ein köstliches Ding, fast nur aus Treppen bestehend, aber reizend. Das müssen Sie sich ansehen. Dort liegt Ventimiglia; dort hinten im Duft, das an der äußersten Spitze, ist das Palmenland von Bordighera, mein liebes Bordighera! Wie die Brandung wieder wütet gegen den Fels — Sie sehen deutlich den schneeweißen Schaum. Wenn Sie etwas Herrliches von einer Brandung genießen wollen, so müssen Sie dorthin fahren. — Ah, was schwärme ich Ihnen vor, mein Herr! Sie haben gewiß keine Zeit, Sie müssen — arbeiten; Sie bleiben nicht lange hier, Ihre Zeit ist kostbar, und Sie haben sich vorgenommen, die Bank zu sprengen. Ich wünsche Ihnen viel Glück — nein, ich wünsche Ihnen keines, dies Glück wird Ihnen kein Glück bringen.«

»Ah, das ist alles so häßlich, das ist entsetzlich!« rief sie plötzlich, mit heftig abwehrender Geste nach dem palastartigen Bau des Kasinos hin, der über uns in feenhafter Pracht in das Tiefblau des Himmels ragte. Es war wie ein Erwachen. Die liebliche Heiterkeit, die ihr Gesichtchen sonnig verklärt hatte, verschwand hinter einem düstern Schatten. »Wenn man fort könnte, weit fort, dort hinüber ...« flüsterte sie dumpf, wie für sich, mit den halb geschlossenen Augen nach der Meeresweite weisend. Und gleich darauf schien sie ein Zorn über sich selbst zu erfassen — »nein, nein, es ist unrecht das, was ich sage!« Ihr Füßchen stampfte leicht auf. Und dann — eine neue Ueberraschung — fiel sie in ganz geschäftsmäßig ruhigen Ton, den eines erfahrenen Spielers, der einem andern gute Ratschläge giebt: »Setzen Sie so und so. Das dürfen Sie nicht thun! Und das müssen Sie vermeiden. Am besten ist, Sie verlieren einen tüchtigen Haufen Gold, nehmen ein Billet und reisen vergnügt nach Hause.«

»Wenn man aber nichts zu verlieren hat, mein Fräulein — nichts — gar nichts mehr!« warf ich tonlos hin.

Sie sah mir mit weit geöffneten Augen prüfend ins Gesicht. Das hatte wie eine helle Verzweiflung geklungen. Ihre Gestalt zuckte fast unmerklich zusammen. Was, sie hatte doch nicht etwa einen von den Unseligen vor sich, die nach dem gleißenden Namen Monaco gegriffen, um sich vor dem Untersinken zu retten, und die sich statt der erträumten Goldhaufen mit dem lakonischen Leichenstein eines Selbstmörders begnügen, den ihnen die Bank in ihrer Großmut an der Mauer des Kirchhofs von Monaco gewährt?

Ja, ich will es gestehen, ich war nicht viel wert damals! Ich hatte wenig Respekt vor mir selber damals. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, weder an Gut noch an Lebensmut. Es war mir erbärmlich schlecht gegangen. Alle meine Spekulationen waren fehlgeschlagen, alle meine Hoffnungen vernichtet; ich war geflohen vor dem Gespenst des Bankerotts, das schon seit Monaten in den Sälen meiner Fabrik umherspukte. Ich hatte in meiner Verzweiflung nach dem gleißenden Namen Monaco getastet, daß der Zufall von des Teufels Gnaden ein letztes Erbarmen hätte. Aber seine teuflischen Gnaden hatten kein Erbarmen. Auch bis hieher, bis an das =Trente-et-Quarante= hatte mich das Gespenst verfolgt, mit seinem entsetzlichen Grinsen immer wieder auf die grüne Fläche hinweisend. Und vor ein paar Tagen war es, an einem Abend, da hatte ich mich so unheimlich angezogen gefühlt von der im grellen Gaslicht erglänzenden Auslage eines gewissen Nizzaer Waffenladens. Immer wieder stand ich davor, nicht wissend, wie ich wiederum dorthin geraten, und die schwarzen Mündungen eines gewissen Revolvers glotzten mich so verführerisch an. Aber es war gut, daß, wie zur Abwehr mittelloser Selbstmörder, der Preis an der Waffe haftete — das =Trente-et-Quarante= hatte mich so völlig ausgeleert, daß ich ein häßlicheres und billigeres Mittel hätte wählen müssen. Da wandte ich mich ab, fuhr noch einmal nach Monaco zurück und versuchte es mit den bescheideneren Chancen des Roulettes. Ich begann wieder aufzuatmen — auf wie lange? Ich hatte das Gefühl, daß es nur ein Aufschub wäre. Nein, ich war nicht viel wert, ich war absolut nicht viel wert!

Sonderbar, ich wäre im stande gewesen, ihr in diesem Augenblick dies Geständnis zu machen, ihr, der Wildfremden — und es wäre mir eine große Erleichterung gewesen. Vielleicht hätte es meine Rettung bedeutet — aber ich hatte nicht den Mut. Welch eine Ungehörigkeit, eine junge Dame, die ich vor einer halben Stunde kennen gelernt, in den Abgrund meiner Seele blicken zu lassen!

Ich hatte vor der eigenartig strengen Prüfung ihres Blickes das Haupt gesenkt. Es ward eine kurze Stille. Plötzlich streckte sie mir mit einer resoluten Bewegung ihr Händchen entgegen, das nur mit rehbraunem Schwedisch bekleidet war.

»Wollen Sie mir versprechen, nicht mehr zu spielen, mein Herr?« sagte sie. Ihre Stimme vibrierte. »Nein, das kann ich nicht verlangen, wie komme ich dazu ... verzeihen Sie mir die Bitte überhaupt; aber wollen Sie mir wenigstens versprechen, drei Tage lang nicht zu spielen? Nicht die Spielsäle zu meiden, das wäre das Falsche, nein, Sie sollen dabei sein, als ein ruhiger Beobachter im Hintergrunde stehen. Vielleicht, daß es Sie kuriert. Glauben Sie mir, ich bin eine Sachverständige ...«

Das Händchen war noch immer vor meinen Augen ausgestreckt. Ich zögerte, es zu nehmen. Welch eine Naivität, welch eine Wunderlichkeit, welch eine Keckheit, mich zu solch einem Versprechen zu zwingen! Wer war sie denn, daß sie solches wagen durfte? Aber es sprach so viel freundliche Güte aus dem Ton ihrer Stimme, aber ihre lieben, schönen, offenen Augen baten mit so zwingender Gewalt — und sie hatte auf dem Grund meines Gewissens gelesen! Ist es doch eines Menschen Pflicht, einem versinkenden Mitmenschen die Hand zu reichen.

Da ergriff ich das dargebotene Händchen und drückte es in stummer Erregung. Es war mir, als hätte ich plötzlich einen guten Kameraden gefunden.

Eine kurze Strecke schritten wir noch, ohne ein Wort zu sprechen, an der Ballustrade entlang. Da fuhr ein leerer Fiaker im Schritt vorüber. Sie winkte ihm, zu halten.

»Ich muß nach Hause, ich werde erwartet!« rief sie. »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Adieu!«

Mit graziöser Leichtigkeit bestieg sie das Gefährt. Noch einmal grüßte sie mit einem feinen Lächeln, dann jagte der Wagen mit der rasenden Geschwindigkeit südlicher Fiaker die Fahrrampe nach Condamines hinab. Ich stand noch eine gute Weile auf derselben Stelle, regungslos und völlig verblüfft dem Wunder dieses Wagens nachstarrend.

»Ich danke Ihnen!« — es war fast, als gälte dieser Dank weniger meinem Ritterdienst als dem Versprechen, das ich ihr Hand in Hand geleistet. Und das Lächeln ihres grüßenden Kopfes — es sah fast aus wie der Ausdruck eines Triumphes, den sie über mich davongetragen — nein, wie eine Schelmerei, die sie in kinderhafter Laune mit mir trieb — ach nein, wie der freundliche Zuspruch eines echten Kameraden, daß ich tapfer sein möchte — alles, alles! — Immer und immer stand mir dieses Lächeln vor Augen, immer wieder sah ich ihren großen, streng prüfenden Blick auf mich gerichtet — und ihre Stimme, die klangvolle Melodie ihrer Stimme! Wer war sie denn, daß sie mich mit solch zauberartiger Geschwindigkeit in ihren Bann zwingen konnte?

Ich wollte mich auflehnen — nun, ich hatte ihr aber das Versprechen gegeben, und ich war in meiner Freiheit gefesselt — ein ernster Mann, der sich in der kritischsten Lage seines Lebens von einem Kinde fesseln läßt! Aber die Gedanken an sie, die mich fort und fort wie neckische Schmetterlinge umgaukelten, wollten kein volles Unbehagen über diese Fessel in mir aufkommen lassen.

Zuerst mied ich den Spielsaal — gegen das Rezept der »Sachverständigen«, wie sie sich selber nannte. Ein seltsamer, fast kindlicher Trotz ließ mich fernab dem Kasino in den Bergen umherschweifen. Ich kletterte die düsteren, feuchtkühlen Treppen des Adlernestes von Roccabruna hinauf, strich durch die üppigen Zitronenhaine, die diesen Ort umkränzen, saß sinnend und träumend auf einem Felsen am Strande, dem vieltönigen Geräusch der Brandung lauschend. Aber immer wieder schweiften meine Blicke nach dem Kasino hinüber, das aus der Ferne, von Sonnenglanz übergossen, wie ein kostbar geschmiedetes, reich verziertes Schmuckstück herübergrüßte.

Vielleicht sitzt sie jetzt dort am Spieltisch, von dem mich ihre List hinweggetrieben. Gewiß sitzt sie dort an der »Arbeit« — deutete denn nicht das Bureau, das sie sich am Tisch eingerichtet, auf eine regelmäßige Gewohnheit? Und ihr verwünschender Ausruf nach dem Kasino hin ließ darauf schließen, daß sie wider Willen solch häßliche Arbeit verrichtete.

Ich meinte, es wäre etwas wie eine Neugier, die mich dennoch am Abend nach dem Kasino führte — vielleicht war es die Befolgung ihres Rezeptes, daß ich mich drinnen von dem unseligen Fieber kurieren lassen sollte — vielleicht war es die wachsende Sehnsucht, sie wiederzusehen, die mich ein paar Stunden lang das Kasino umkreisen ließ und mich von Bank zu Bank der umgebenden Anlagen trieb, bis mir schließlich der Huissier die Thür zu dem von einem magisch gelblichen Dämmerlicht erfüllten Heiligtum öffnete.

Zuerst saß ich auf einem Diwan, genau nach dem Rezept, um das Treiben als unbeteiligter Zuschauer zu beobachten. Wie sie hereinhasteten, die Golddurstigen, um sich auf einen der massigen Menschenknäuel zu stürzen, aus deren Mitte das feine Klingeln des Goldes herübertönte; wie sie von einem Haufen zum andern irrten, daß der Zufall ihnen vielleicht dort günstiger wäre; glühende, entstellte Gesichter mit fieberisch flackernden Augen; todblasse Gesichter, die stieren Blickes nach dem Ausgang suchten, daß sie dem entsetzlichen Schauplatz ihres Ruins entflöhen; Gestalten, die mit dem nackten Ausdruck der Verzweiflung, nicht zu weit abseits, in allen Taschen nach einem letzten rettenden Goldstück suchten; Gattinnen, die mit Thränen in den Augen den Gatten zurückhielten, der sich dennoch losriß, von unbezwinglicher Gier erfaßt; Dirnen, die mit lüsternen Mienen nach Raub umherschlichen! feine Damen, die in einem Sessel saßen und mit bebendem Bleistift rechneten, rechneten ... O, es hätte einen wohl kurieren können, und sie mochte recht haben, meine Sachverständige.

Zuletzt schlich ich dennoch an die Haufen heran und suchte nach ihr. Es war nicht leicht, jemand zu finden, so tief versteckt waren die Sitzenden unter den herübergebeugten Körpern und den hantierenden Armen der Stehenden. Endlich hatte ich sie entdeckt. Sie stak tief in der »Arbeit«. Der ganze Apparat war vor ihr ausgebreitet. Das Licht des tief herabhängenden Schirmes beleuchtete grell ihr Gesichtchen. Das war gerötet und erregt. Das Händchen war in voller Bewegung. Es notierte in den Listen, blätterte und suchte in dem Büchelchen, notierte wieder, regulierte und ordnete die Goldhaufen vor ihr, warf mit einer erstaunlichen Sicherheit die Einsätze hierhin und dorthin, während die Augen unruhig hin und her hasteten. Um ihre feinen Nasenflügel zuckte es, während ihr streifender Blick das Rollen der Kugel im Roulette beobachtete.

Es that weh, o, es that weh, diese Augen zu beobachten, das Büchlein mit den Aufzeichnungen, das Gold, die Harke, alles dort vor ihr liegen zu sehen, — die Seele des jungen Wesens dennoch, so sehr sie sich dessen bewußt sein mochte, von dem Dämon besessen zu wissen!

Und in welcher Gesellschaft betrieb sie solches widerliche Geschäft! Man muß das Publikum der Spielbank in zwei Hälften sondern: die einen, die der Übermut, die Neugierde, die Gelegenheit, eine Anwandlung des Leichtsinns, ja gar eine höchste Verzweiflung ihr Geld in naivem Vertrauen auf die Gunst des Zufalls in den Abgrund schleudern heißt, und die, nachdem jener sein Werk verrichtet, der Spielbank mit leeren oder vollen Taschen den Rücken kehren, zuweilen um sich in entlegener Ecke eine Kugel vor den Kopf zu jagen; die anderen aber, fürchterliche Systematiker, die mit ihren Berechnungen oder durch ihre Ausdauer den Zufall zu zwingen glauben; gefräßige Parasiten, die ihren Gewinn in hartnäckiger Arbeit Stunde um Stunde in elender Kleinmünze einheimsen; und dann die Hochstapler, die Betrüger, das aufgeputzte Laster, der Abschaum der Gesellschaft ... und sie mitten unter diesen!

Rechts neben ihr saß die verwitterte Ruine einer Dame, deren Züge nur mit dem Aufwand der energischsten Toilettenkünste zusammenzuhalten schienen und deren erloschene Augen nur wie im Halbbewußtsein dem Gange des Spiels folgten. Die spinnenartig dürren Finger wühlten mit nervösem Beben in einem Häuflein von Gold, aus dem sie ganz mechanisch einzelne Stücke, wie es schien, aufs Geratewohl nach irgend einer Chance warf. Auf der andern Seite ein jämmerlicher Invalide der Leidenschaft, das Gespenst eines blassen, hohläugigen jungen Mannes, dessen Lebensmark gänzlich von jahrelangem Spielfieber aufgezehrt war, eine Art Automat, dessen Bewegungen nur noch von den Rufen des Croupiers reguliert wurden.

Zuletzt erfaßte es mich wie ein Zorn, sie dort sitzen zu sehen. Wer war sie denn, daß sie in das Verhängnis meines Lebens einzugreifen wagte, sie, die am ehesten eines Helfers und eines Retters bedurfte? Ich konnte es nicht länger mit ansehen und entfernte mich, um mich draußen in dem prunkvollen, von Marmorsäulen geschmückten Vestibül zu ergehen — nun ja, um auf sie zu warten. Ich wollte sie einfach zur Rede stellen, und heute sollten die Rollen getauscht werden. Ich würde ihr meine Hand entgegenstrecken und ihr ein ähnliches Versprechen abzwingen. War sie aber auch in der Freiheit, ein solches halten zu können? Schien es nicht, als kettete sie ein unheimlich unseliges Geschick, unter dessen Alp sie sich willenlos beugte, an den Spieltisch? Nun, ich wollte sie wenigstens um eine Aufklärung ersuchen, die sie als meine Richterin legitimieren könnte. Ich wartete, wartete, bis die letzten Gäste das Haus verließen, vergebens — sie mußte für diesmal, mir unbemerkt, entschlüpft sein.

Am andern Tage, noch am Vormittag, bald nach der Eröffnung der Banken, traf ich sie wieder dort, wieder in voller Arbeit. Mein Gott, welche Eile, welche entsetzliche Beharrlichkeit! Ich stellte mich so auf, daß sie mich sehen mußte. Bald darauf trafen ihre Augen den fragenden Vorwurf meines Blickes, der starr auf sie gerichtet war. Sie zuckte ein wenig zusammen, dann fuhr der Sonnenschein jenes schelmischen Lächelns über ihr Gesicht. Sie nickte mir in einer Art kameradschaftlicher Vertraulichkeit zu. Es sah fast aus wie eine Belobung, daß ich da war und mein Versprechen so tapfer innehielt. Aber es war mir nicht möglich, auch darüber noch in Unmut zu geraten. Ich war entwaffnet und zwang auch meinen Gruß zu einem freundlichen Lächeln. Eine Zauberin, eine Hexe, vielleicht eine jener raffinierten Sirenen des grünen Tisches, von denen ich gelesen und gehört hatte ... nein, nein, nein, nicht das! Unter dem Pochen meines Herzens, das ihr Blick und die Hoffnung eines neuen Blickes in mir erregt, verschwand sofort solch häßlicher Zweifel.

Sie aber blickte nicht wieder nach mir hin. In anscheinender Ruhe waltete sie ihres Geschäftes. Aber die bebende Röte ihres Gesichtes schien Zeugnis davon zu geben, wie sehr sie sich dennoch unter meinen beobachtenden Blicken beengt fühlte. Ich stellte mich in einen Hinterhalt, um ihr die Unbefangenheit wieder zu schenken.

Mit welcher Aufmerksamkeit sie die Launen der rollenden Kugel verfolgte, mit welcher Gewissenhaftigkeit sie diese Launen in ihre Bücher eintrug! Sie betrieb solches nicht seit kurzer Zeit. Die Croupiers kannten sie; einer derselben, der Typus eines biedern und pedantischen Beamten, ein Deutscher wie die meisten der dortigen Croupiers, die aus den aufgelösten Banken der Rheinbäder hierher verpflanzt wurden, schien sie in eine Art väterlicher Obhut genommen zu haben. Zuweilen nickte er ihr mit seinem gutmütigen Bullenbeißergesicht anfeuernd zu, da- und dorthin zu setzen. Und er schien sich wirklich zu freuen, wenn er ihr einen ansehnlichen Gewinn zuschieben konnte. Auch tauschte er wohl über Tisch herüber ein paar Worte mit ihr. Es fiel das Wort »Papa«. Jener hatte sich nach einem solchen erkundigt. Wo war er? Vergeblich suchte ich im Kreise der Umstehenden nach einem Antlitz, das mit väterlicher Teilnahme die Spielerin gehütet hätte. Welch eine Gewissenlosigkeit, sie, das liebe, junge Wesen, schutzlos den Gefahren der Hölle preiszugeben! Oder »arbeitete« er vielleicht an einem anderen Tische? Wie es ja gelegentliche Konsortien giebt, die es auf eine Sprengung der Bank abgesehen haben, so mögen oft die Glieder einer Familie mit vereinten Kräften auf Beute ausgehen. »Ah, das ist alles so häßlich; das ist entsetzlich!« Dieser ihr Ausruf klang mir im Ohr.

Der nächste Tag sollte mir Aufklärung bringen. Ich hatte sie am Morgen vergeblich gesucht. Am Nachmittag erschien sie in der Eingangsthür, und nicht allein. An ihrem Arm führte sie einen ältern Herrn. Es war mehr als ein Führen, ihre straff aufgerichtete Gestalt diente ihm als Stütze, während er sich auf der andern Seite eines Stockes bediente. Sehr behutsam bewegte sie sich auf dem glatten Parkett, mit liebevoller Vorsicht bewachte sie seine Schritte. Seine Gestalt war gebückt, so daß sie ihn, der selbst nur seine zierliche Mittelfigur war, überragte. Den Kopf mit den eisgrauen, etwas vernachlässigten Haaren trug er vornüber gebeugt, doch seine Augen fuhren von unterwärts unruhig im Saal umher. Jetzt ging das Schlürfen seiner Tritte in ein nervöses Trippeln über. Er schien es nicht erwarten zu können, bis sein erstes Goldstück auf der grünen Fläche lag.

Sie führte ihn an einen der Tische und wechselte mit einem der Croupiers ein paar Worte, worauf dieser einen müßigen Gaffer, dessen Ellenbogen der Bank nichts einbrachten, von seinem Sitze herabnötigte. Dann hieß sie den Vater — er mußte es wohl sein — behutsam niedersitzen. Sie selbst blieb hinter dem Stuhl stehen, jede seiner Bewegungen beobachtend; es war etwas von der rührend zärtlichen Sorgfalt, mit der eine Mutter ihr krankes Kind behütet.