Chapter 14 of 20 · 3975 words · ~20 min read

Part 14

Sie stockte, ihre Stimme wankte. Sie versuchte zu lächeln, aber zwei große, schwere Thränen rollten über das zarte Oval ihrer Wangen.

Da entriß sie mir die Hand, und in brüsker Bewegung, wie im Unmut über den Verrat dieser Thränen, wandte sie sich ab, um zu gehen.

»Helene!« Wie ein Ruf der Verzweiflung klang es.

Ohne sich umzusehen, wehrte sie mir mit der erhobenen Rechten. Zuletzt glaubte ich ein letztes schwaches Winken zu gewahren.

Wie angefesselt stand ich, mit stieren Augen, starrte noch immer in die Leere hinein, nachdem längst der Schall ihrer Schritte verhallt und das Wehen ihres Schleiers in dem nächtlichen Dämmer verschwunden war. Dann stürmte ich davon.

Ich weiß nicht, wie lange ich, den Kopf in die Hände vergraben, auf jener Bank in den Anlagen gelegen haben mochte, und wie spät es war, als ich aus meiner dumpf brütenden Verzweiflung erwachte. Der Mond stand hoch, das Meer lag in weiter Glanzeshelle gebreitet, der Kies des Weges glitzerte, und über die großen, taufeuchten Blätter der Edelpflanzen flutete es in spiegelnden Lichtern. Vor mir lag der Schatten einer Fächerpalme, unter der ich saß, in scharf gezackter Zeichnung.

Ich sprang auf. Was war denn? Was sollte werden? »Nichts — nichts — nichts!« hallte es in mir zur Antwort. Eine ungeheure Öde gähnte vor mir auf.

Ich wußte, an ihrem Entschluß war nicht zu rütteln. Kein Flehen, kein Schwur und keine Macht der Überredung hätten das verneinende Wiegen ihres Kopfes in ein Ja verwandelt. Mein Gehen war ein Muß — oder ... Nein, hinweg damit! Es war nur eine ganz kurze Versuchung; ich sah mich wieder vor jenem Nizzaer Waffenladen stehen, ich sah mich in plötzlichem Entschluß dort eintreten und mit der Pistole in der Tasche eine einsame, von einer Palme beschattete Bank wie diese da aufsuchen. Ah, wie widerlich, wie häßlich! Baut sie denn nicht auf mich, daß ich tapfer sein soll? Bin ich denn nicht ein Mann? Bedarf ich der Stütze eines Weibes, um mir meinen Weg zu suchen? Habe ich ihr nicht zu beweisen, daß ich ihrer und ihrer Liebe wert gewesen wäre? Auf und fort von hier! Das Leben verlangt nach mir! Sie hat recht! Das Nichts, das ich bin, soll wieder ein Etwas werden. Vielleicht ist dennoch eine Spur der Hoffnung! Vielleicht, wenn ich später einmal wieder vor sie hintrete ... Ah, daran wage ich nicht zu denken, jetzt nicht!

Wie ich aus den Büschen trat, sah ich das Kasino vor mir aufragen. Keine Phantasie eines orientalischen Märchenerzählers hätte Prächtigeres zu ersinnen vermocht als dies üppig-graziöse Ziergebilde der Architektur, wie es dort im magischen Schein des Mondlichtes wie hingezaubert stand. Aber ein ungeheurer Zorn erfaßte mich bei dem Anblick. Der Teufel war sein Baumeister, Thorheit heißt sein Fundament, Habgier und Verzweiflung lieferten das Material, und der Kitt bestand aus Thränen — hei, und wie hat das Laster den Rohbau so wundervoll übertüncht und verziert! Und ich hob die geballte Faust empor und schleuderte eine laut gellende Verwünschung gegen das Gebäude.

* * * * *

Ich hatte mich losgerissen, ohne einen Versuch, sie noch einmal zu sehen. Der Zug, den ich bestiegen, sollte mich über Savona nach Mailand bringen, von wo ich die Weiterreise nach Deutschland fortzusetzen gedachte. In Porto Maurizio erwartete uns eine Überraschung. Es hatte vorwärts dieser Station ein Felssturz stattgefunden, und der Bahndamm war auf eine Strecke weit von Trümmern überschüttet. Die Aufräumung würde mindestens einige Tage in Anspruch nehmen. Aber für den, der weiter wollte und mußte, war mit Aufopferung eines halben Tages die nächste Station auf dem Landwege zu erreichen, auch sollte von morgen ab von jenseits der Unglücksstelle ein bereitstehender Zug die Reisenden weiterführen. Kurz, das materielle Hemmnis zur Weiterreise war nicht von Belang.

Warum verschmähte ich nun diese Gelegenheiten? Warum nistete ich mich nun in Porto Maurizio ein? Etwa weil die romantische Lage des Ortes und seine üppigen Orangenhaine mich fesselten? Jetzt in dieser Seelenstimmung? War es ein naiver Aberglaube, daß eine höhere Macht mir durch diesen Sturz Halt gebot? Ja, mich umkehren hieß? War es eine letzte Anwandlung der Schwäche, die mich plötzlich lähmte und mich sehnsuchtskranken Herzens hier, nicht allzu weit von dem Ort meines Verhängnisses, festbannte?

Ich blieb zwei Tage in Porto Maurizio; dann beschloß ich, den Weg über Marseille zu nehmen. Ich erinnerte mich plötzlich, daß es nicht ohne Nutzen für meine geschäftliche Rehabilitierung wäre, wenn ich durch mein persönliches Erscheinen in dieser Handelsstadt gewisse kaufmännische Beziehungen auffrischte und von neuem stärkte.

Nein ich wollte nicht in Monte Carlo halten! Ich hatte mir ein direktes Billet nach Marseille genommen. Eine unwiderstehliche Versuchung hieß mich dennoch aussteigen und noch einmal die Hölle betreten. Ach, mich dürstete so nach einem letzten Blick aus ihren Augen — ach, nur auf wenige Minuten die süße Qual ihrer Nähe zu genießen! Dann wollte ich ja gehen, wohin mich das Geschick entbot.

Ich suchte an allen Tischen. Sie war nicht da. An einem derselben sah ich ihren Vater sitzen. So mochte sie draußen weilen, obgleich die Nacht schon heraufgebrochen und die Laternen schon angezündet waren, als ich das Kasino betrat. Oder ich würde sie im Konzertsaal finden — nein, ich wollte ihr ja nicht gegenübertreten! Ich mußte ihr und mir solche Begegnung ersparen! Vielleicht kam sie bald herzu, und ich durfte sie aus meinem Versteck beobachten. Weiter nichts!

Noch nie war mir die Luft hier so erstickend schwül vorgekommen, noch nie so unheimlich das fahlgrüne Dämmerlicht. Die Spieler mit ihrem gierigen Hinundherhasten, und im Gegensatz dazu die Croupiers in ihrer unbegreiflichen Geschäftsruhe, alles das erschien mir in solch häßlicher Verzerrung. Ich meinte, unter Gespenstern zu weilen. Der Anblick Herrn Werlers erfüllte mich mit Jammer. Er arbeitete wie im Fieber, als gälte es die Rettung seines Systems. Seine kleinen grauen Augen flackerten, und die mit geschwollenen Adern bedeckten Hände fuhren in einem nervösen Tasten umher, rückten an den Büchern, schoben und verschoben die Goldhaufen. Er setzte nicht jedesmal, aber mit einer angstvollen Spannung beobachteten seine Blicke das Rollen der Kugel.

Jetzt erst bemerkte ich, daß auch bei den anderen Spielern eine größere Erregung herrschte. Ich hörte, wenn die Kugel einspielte, Rufe des Staunens, ja der Entrüstung. Von den benachbarten Tischen kamen Neugierige herbei. Eine Äußerung eines Umstehenden gab mir Aufschluß.

»Das ist ja zum Verzweifeln! Unerhört! Schon zweiundzwanzigmal wechselt =rouge= und =noir=!«

Es war eine jener tollen Launen des Spiel-Dämons, mit denen er all den Hoffnungen und Berechnungen ein Schnippchen schlägt. Wenn schon jene einfarbige Serie, wo eine Farbe bis zu dreißigmal hinter einander einschlägt, die Spieler ratlos macht, wie viel mehr eine jener alternierenden Reihen, wo =rouge= und =noir= in staunenswerter Konsequenz miteinander abwechseln.

Und immer noch =rouge=! Und immer noch =noir= das nächste Mal! Die Aufregung wuchs, es wurde nur noch vereinzelt auf Farben gesetzt. Herr Werler wiegte wie verzweifelt den Kopf. Er notierte nicht mehr. Solange die Kugel rollte, hielt er den Bleistift zum Aufzeichnen bereit. Es mußte doch anders werden! Und =rouge=! Und wieder =noir=! Jedesmal warf er in fast wütender Gebärde den Stift wieder auf den Tisch.

Bis zum vierunddreißigstenmal hatte die Scene gedauert. Da schlug =zéro= ein. Ein Ah! der Erlösung hallte in der Runde, als wäre alles von einem unheimlichen Alp befreit.

Zwei Louis standen auf =zéro=. Es erfolgte jene Säuberung des ganzen Tisches von allen Einsätzen, und dann wurden von der Bank zwei Stöße zu je fünfunddreißig Louis dem Gewinner hingeschoben.

Es mußte nur =ein= Gewinner sein, sonst hätte einer von zweien wenigstens einen Teil seiner Summe zurückgezogen. Aber es blieb alles stehen — nun, warum nicht? Ein beherzter Spieler!

Sofort, durch die Zuversicht ermutigt, die der unbekannte Spieler zeigte, regnete es Gold und Silber auf die =zéro=. Drei Minuten der Spannung, dann verkündete die dumpfe Stimme des Croupiers abermals — =zéro=.

Allgemeine Bewegung.

»Welche Chance!« rief man. »Nein, welch ein Glück!«

Zuerst wurden die kleinen Gewinne ausgezahlt. Dann schob die Bank Stöße auf Stöße voll Goldstücke auf den Haupttreffer. Von beiden Seiten des Tisches geschah es, und es dauerte eine Weile, bis der Gewinn beisammen lag. Es war ein großer Goldhaufen.

»Mein Gott, mein Gott!« rief eine naive Zuschauerin, die Hände zusammenschlagend.

»Es sind zweitausendfünfhundertzwanzig Louis!« hatte einer ausgerechnet.

»Ein Vermögen! Nein, welche Chance! — Wo ist er denn?«

Aber keine Hand rührte sich, den Gewinn einzuheimsen. Unangetastet blieb der Goldhaufen, lag da auf der leeren Fläche des =zéro= als eine glänzende, gleißende Masse.

Eine Minute lautloser Stille. Dann erhob sich ein Gemurmel; das Erstaunen steigerte sich. Man sah sich seine Nachbarn an, man fixierte die Gesichter der Gegenüberstehenden, wo denn dieser Verwegene sich befände?

»Unbegreiflich! Wo ist er denn? Heda, wo ist der =zéro=-Mann?«

Und aller Augen waren auf die Goldmasse gerichtet, lüstern, begehrlich, gierig, voll brennenden Heißhungers. Manchem zuckte es in den Fingern. Es war, als wollte der Goldhaufen sie alle höhnen mit seinem Gleißen; — das Gleißen schien an Glut zuzunehmen, als läge dort ein Haufen glühender Kohlen. Es war der Gottseibeiuns selbst, der für seine eigene Rechnung gespielt hatte und der sie nun alle mit dem Anblick des Goldes reizen, versuchen, zum besten halten wollte ....

»Er ist verrückt! Er ist wahnsinnig!« schallte es.

»Es ist zum Verzweifeln! Es ist, um selber wahnsinnig zu werden!« schrie einer, wie um sich Luft zu machen aus der Qual solchen Anblicks.

Aber niemand, der sich meldete. Schwer und stumm, in brutaler Aufdringlichkeit breitete sich das Gold auf dem Tisch.

Das Gerücht hatte sich den anderen Tischen mitgeteilt. Zuschauer stürzten herbei, um das Schauspiel zu genießen.

»Aber, mein Gott, was ist da weiter?« näselte ein Dandy; — »so muß man es doch machen, um eine Bank zu sprengen!«

»Dumm, sehr dumm!« meinte ein anderer. »Ich würde doch nicht gerade die =zéro= nehmen!«

»=Faites votre jeu!=« drängten die Croupiers. Der eine derselben war ganz ungeduldig: lag es doch im Interesse der Bank, daß der rätselhafte Spieler sich nicht meldete oder nicht fand. Eine dritte =zéro= war wohl nicht zu erwarten, und so stürzte der ganze Goldhaufen wieder in den Abgrund zurück.

Wenige Einsätze wurden riskiert. Da, mitten in die Aufregung hinein, ertönte das ganz monotone, das empörend gleichgiltige:

»=Le jeu est fait! Rien ne va plus!=« Cynisch lächelte der Rufer.

»A—h!« Ein allgemeines Ah! Es war soviel Schadenfreude dabei, das Gold wieder verschlungen zu sehen.

Die Kugel rollte, rollte und fiel dann mit einem knarrenden Poltern hinab.

Atembeklemmende Stille ringsum.

»=Zéro!=« flüsterte der Beamte. Man hörte es kaum.

»Was — =zéro=? Abermals =zéro=?«

»=Zéro!=« bestätigte der Beamte lauter, mit einem Achselzucken.

Ein Sturm brach los.

»Die Bank ist gesprengt! Heidi, die Bank!« rief man. Es war ein allgemeiner Jubel. Mit höhnischen Blicken musterte man die Beamten, aber keine Miene zuckte in einem dieser verhärteten Gesichter. Einer warf die trockene Bemerkung hin, die Bank hätte ja die Summe nicht anzunehmen gebraucht, wenn sie nicht gewollt hätte.

In aller Ruhe wurden die kleinen Gewinne ausbezahlt; da kamen auch schon zwei Beamte mit einer Kassette heran. Einer trug sie, der andere diente als Wache.

»Eine Million achtmalhundertvierzehntausendvierhundert Franken!« rief der Rechner von vorhin.

»Zwei Millionen! Unglaublich! Und das mit dreimal =zéro=! Der Teufel hat seine Hand darin!«

Die Kassette wurde geöffnet, und die Beamten machten sich daran, die eine Million achtmalhunderttausend in Banknoten abzuzählen. Es dauerte eine gute Weile.

»So ein Zeitverlust wegen solch einer Lappalie!« rief ein wütender Spieler. »=Allons, faites votre jeu!=«

»Stille!« gebot man von der Bank her.

Nun stand einer der Croupiers auf, die Hände voll blauer und grüner Banknoten. »Pardon, meine Herren!« Dann legte er mit einer seltsam elegant nachlässigen Geste einen Haufen zusammengefalteter Päckchen neben dem Golde nieder.

Und nun das Schlußstück dieses wundervollen Schauspiels! Nun wird man ihn, den Tollkühnen, den Wahnsinnigen, den vom Teufel Besessenen, endlich hervortreten sehen, um seine Millionen in Empfang zu nehmen! Irgend ein excentrischer Lebemann, der mit kältester Ruhe der Welt seinen Arm nach dem Mammon ausstrecken wird, um die Banknoten, als wären es Zeitungsnummern, einfach in seine Taschen zu stopfen, und mit dem klingenden Golde — es ist so unbequem zu transportieren — die Chancen des Tisches zu überschütten. Eine Sehenswürdigkeit! — er wird fortan in den Annalen des grünen Tisches als Berühmtheit fortleben!

Aber wo ist er denn? Zum Teufel, warum stellt er sich nicht ein? Heran mit ihm! Heran — damit das lange verhaltene Hallo der Menge endlich ausbrechen kann!

Fiebernde Spannung ringsum; selbst die Beamten der Bank können ihre Neugierde nicht verbergen. Aber niemand — niemand! — herrenlos bleiben die Millionen liegen ....

»Es ist eine Komödie der Bank —« flüstert jemand, — »sie hat selber gesetzt, um ein Aufsehen zu machen und die Spieler anzureizen.«

Ja, was soll man anderes glauben? Oder hat der Unbekannte seine zwei Louis gesetzt, um sich in seinem Übermut gar nicht mehr darum zu kümmern? Das kommt öfter vor. Die Kunde wird ihn aber da draußen, wo er jedenfalls sitzt und seinen Kaffee schlürft, bald genug erreichen ...

Ich hatte während dieser ganzen Aktion Herrn Werler nicht aus den Augen verloren. Seit dem dritten =zéro= saß er wie vernichtet. Seine starren Augen irrten in der Runde wie in einer Leere umher! ratlos trommelte die eine Hand auf der Tischplatte. Hatte denn diese dreifache =zéro= sein System — zum wievieltenmal? — zu Falle gebracht? Nun und die Absonderlichkeit der voraufgegangenen Serie und das sensationelle Ereignis der herrenlosen Millionen! — im Fluge fiel mich der Gedanke an: sollte er dennoch von einem schlimmeren Wahne befallen sein, als seine Tochter es ahnte? Sollte er die beiden Louis gesetzt haben und zögerte nun, in dem Wahnsinn seines Trotzes, das Gold von des Teufels Gnaden anzunehmen? Ah, ein Unsinn! Eine Idee, wie sie nur diese aufgeregte Stunde in mir erzeugen konnte!

Immer noch niemand! — Schon forderte die Bank zum neuen Spiel auf. Da erhob sich der Obercroupier, ein überfeiner, geschniegelter Herr, der bisher in allem Sturm mit der Unbeweglichkeit einer Wachsfigur dagesessen hatte. Das Lorgnon in der halb erhobenen Rechten, fragte er mit seiner hohen Stimme: »=A qui la masse?=«

Schweigen, Achselzucken ringsum.

Und nochmals lauter: »=A qui la masse?= — Die Summe bleibt natürlich aus dem Spiel. Sie steht noch eine Viertelstunde dem Gewinner zur Verfügung und wird, falls er sich nicht meldet, von der Bank zurückgezogen.«

Noch ehe er geendet, entstand an dem Ende des Tisches, dicht vor den angehäuften Millionen, eine Erregung. War jemand in Ohnmacht gefallen?

Es war der winzige, fast zur Unscheinbarkeit zusammengesunkene Körper einer alten Dame, der eine seltsam gleitende Bewegung gemacht hatte, als wollte er gänzlich unter den Tisch rutschen.

»He, Madame?! Madame!«

Umsonst alle Fragen und alles Rütteln. Der Kopf, den eine Art Haube mit zerknitterten und verschossenen Bändern bedeckte, war ganz vornüber genickt. Man wollte ihn aufheben, da fuhr eine der Damen, die sich um die Kranke bemühten, mit einem Schrei empor. Ein Paar so unheimlich glasige Augen hatten sie aus den Falten eines wachsfarbenen, verzerrten Antlitzes angestarrt ....

»Ein Arzt! Ist vielleicht ein Arzt da?«

»=Faites votre jeu, messieurs!=«

Eine Ohnmächtige! — die Luft ist so schlecht hier im Saal, und die ungeheure Aufregung — dergleichen kommt wohl vor. Es hat nichts zu bedeuten. Man muß sie nur fortschaffen. Der Anblick stört das Geschäft!

Jetzt ist ein zufällig anwesender Arzt damit beschäftigt, den Zustand der Ohnmächtigen zu untersuchen. Steif und schwer sinkt das ausgestreckte Ärmchen, dessen Hand noch so eigenartig gekrallt ist, als wäre sie eben im Begriff gewesen, aus einem Goldhaufen zu schöpfen, auf den Tisch nieder. Der Arzt zieht langsam Schultern und Brauen empor, und mit einem seltsam verlegenen Lächeln flüstert er ein Wort.

»=Rien ne va plus!=« schallt es von der Bank her.

Und das Wort des Arztes wird von diesem Ruf übertönt. Aber dennoch hat man es verstanden. Etwas Fürchterliches, Unheimliches! Von Mund zu Mund fliegt es sofort, und die aufgeschreckten Augen bestätigen es.

Tot!

Der Tod an dem Roulette! Das Schicksal, das einen Menschen vom grünen Tisch jäh hinwegzerrt, da er eben seine gierig zitternde Hand nach ein paar elenden Goldstücken ausstrecken wollte! — Doch nicht etwa nach jenen Millionen? Nun, man ist nicht sicher; aber später, als die Aufregung sich gelegt, als die Millionen längst wieder von der Bank zurückgezogen waren, wollten benachbarte Spieler sich erinnern, daß jene beiden Louis von einer gewissen winzigen Hand auf die =zéro= vorgeschoben worden waren. Die Hand gehörte einer Marquise M., einer der eifrigsten Habitués des grünen Tisches. Welch eine grauenerregende Tragikomödie des Schicksals!

Tot! — Zuerst lähmendes Entsetzen, das aller Mienen und Gebärden gefangen hält. Und nur das laut knarrende Rollen der Kugel in dem Roulette.

»Es ist nichts, eine Ohnmacht!« will einer der Beamten beschwichtigen. Eine ganze Schar von Dienern und Beamten ist schon damit beschäftigt, in widerlicher Eile den Körper der Toten wegzuschaffen. Vorsichtig, damit die an den anderen Tischen nichts merken, damit das Geschäft keine Unterbrechung erleidet. Was ist weiter? Es fallen so viele Opfer in Monaco — laßt einmal eines auf der Wahlstatt selbst erlegen sein!

Das Entsetzen wächst. Alles hat sich erhoben; aber viele Spieler wollen dennoch ihren Gewinn nicht im Stich lassen: »Es ist nur eine Ohnmacht ...« Mit einem verlegenen Lächeln der Scham streichen sie ihre Goldstücke ein, welche die Bank hastig auszahlt, und machen sich davon.

Aber die Bank wagt es doch nicht, ein neues Spiel zu eröffnen. Ratlos, flüsternd, achselzuckend stehen die Beamten am Tische, der von den Spiellustigen gemieden wird. Das Ereignis hat an den anderen Tischen keine Störung hervorgerufen, doch die scheuen Blicke fliegen nach der Stätte des Unglücks hinüber, wo auf der ungeheuren Leere der grünen Fläche immer noch die Millionen harren, grell von dem orangegelben Licht der großen Lampe beleuchtet. Dort sieht man auch die geschniegelte Wachsfigur des Obercroupiers stehen, der mit scharfen Polizeiaugen den Mammon hütet; von Zeit zu Zeit nimmt er seinen Remontoir aus der Tasche; bald wird die angesagte Viertelstunde verstrichen sein, dann werden die Beamten die Millionen weggeräumt haben, die letzte Erinnerung an diese »Störung des Geschäftsbetriebs« — und dann wird der Teufel wieder sein »=Faites votre jeu!=« ausrufen, als wäre nichts geschehen!

Solches also mußte sich ereignen, damit das System Herrn Werlers zum Auffliegen gebracht wurde!

Der alte Herr hatte sich mit den anderen erhoben. Totenblässe bedeckte sein verstörtes Antlitz, und seine Augen drückten äußerstes Entsetzen aus. In mechanischer Bewegung hatte er einen Teil seiner Bücher und Listen zusammengerafft, den an seinen Stuhl lehnenden Krückstock ergriffen und schickte sich an, mit dessen Hilfe den Saal zu verlassen. Das war nicht so leicht auf der tückischen Glätte des Parketts. Zehn Schritte mühte er sich vorwärts, dann blieb er stehen, sich mit hilflosen Blicken nach seiner Tochter umsehend. Seine gebückte Gestalt schien zu wanken — ich war herzugesprungen.

»Herr Werler, darf ich Ihnen helfen?« Und ich bot ihm meinen Arm.

Er sah mich mit ängstlichem Erstaunen an. Da bemerkte ich, daß er einiges von seinen Aufzeichnungen hatte fallen lassen. Ich bückte mich, um ihm das zuzustellen.

Mit einer heftig abwehrenden Gebärde, die fast wie ein Abscheu aussah, wies er die Heftchen von sich. Etwas wie ein »Nimmermehr!« entfuhr ihm.

»Sie dürfen ruhig meinen Arm annehmen —« beruhigte ich ihn. »Ich habe die Ehre, Ihr Fräulein Tochter zu kennen. Sie muß Ihnen von mir erzählt haben,« wie sie sagte — »Thomas Born,« stellte ich mich vor. »Wir werden die Dame sicherlich draußen treffen.«

Er ließ es ruhig geschehen, daß ich, seinen Arm kräftig unterstützend, ihn hinaus begleitete.

Die Kunde des Unfalls mochte schon bis in den Musiksaal gedrungen sein. Wir sahen Helene plötzlich in angstvoller Hast aus der Thür dieses Saales stürzen. »Es ist einer an dem Roulette vom Schlag getroffen worden!« Dies herumfliegende Gerücht hatte sie, von plötzlichem Schreck erfaßt, aufspringen heißen. Es konnte — konnte der Vater sein ...

Gottlob, da war er ja! Und von der Freude, ihn wiederzusehen, ward fast das Staunen verdeckt, mich als seine Stütze zu erblicken. Nur ein kurzes, schnelles »Herr Born!«, dann sofort die gewohnte Beherrschung. »Ah, wie danke ich Ihnen, mein Herr!«

Aber die Röte, die verräterische Glühröte ihres lieben, lieben Gesichtes ...

Sie hatte statt meiner die Führung übernommen.

»Was ist Dir, Vater? Ist Dir nicht wohl?«

»O doch ... wohl, sehr wohl!« Es klang wie eine Erlösung. »Komm, wir wollen gehen.« Und nach ein paar Schritten: »Wir wollen fort ... es ist genug ... Wir wollen reisen, hörst Du?«

Wer beschreibt den fragenden Blick des Staunens, des Zweifels, der verhaltenen Freude, den wir beide über den Kopf des Vaters hinweg uns zuwarfen?

* * * * *

Jahre sind seitdem vergangen. Die Erinnerung an all die häßliche Widerwärtigkeit jener Tage ist längst verblaßt unter dem Sonnenschein unseres Glückes. Aus dem »Nichts« ist ein Mann erstanden, der mit Ernst und Thatkraft die Geschicke der Seinen meistert. Aber das Selbstbewußtsein, das er aus dem wachsenden Gedeihen seiner Unternehmungen schöpft, will sich gerne dem Bekenntnis unterordnen, daß nur die Kameradschaft des tapfersten und prächtigsten Weibes ihn so freudigen Mutes im Kampfe des Lebens streiten heißt.

Herr Werler ist von seinem Hirngespinst geheilt, von allen Hirngespinsten, mit denen wir armen Erdenwürmer uns selbst die Ruhe unserer Seelen vergiften. Er ist in einen besseren Frieden eingegangen, als der war, den ihm unsere Pflege und Aufopferung bieten konnte. Er hielt sich in der Stille mit seinen Gedanken, aber das freundliche Nicken seines Kopfes und der Sonnenschein, der zuweilen seine verhärmten Züge verklärte, sagte uns deutlich: »Ihr seid im richtigen System! Haltet fest daran! — mit der Liebe und Treue als Einsatz werdet ihr stets Gewinner bleiben!«

Er trinkt!

[Illustration]

Er gedieh nicht; ein Jammer anzusehen, wie das arme Kerlchen von Tag zu Tag immer mehr dahinsiechte. All den Ratschlägen der Tanten und Gevatterinnen, all der Ratlosigkeit des Arztes und meinem verzweifelten Zureden und den bitteren Thränen seiner armen kleinen Mama zum Trotz. Es schmeckte ihm nichts, nichts. Er wollte weder von den erstaunlichen Pausbacken wissen, die ihm die verschiedenen künstlichen Nahrungen garantierten, noch von der versiegelten und täglich gleichsam immer neuvereideten Reinheit der Kuhmilch aus dem Musterstall. Wir hatten es mit einer Amme versucht; die war gleich am dritten Tag mit der Köchin in handgreiflichen Streit geraten, und der Arzt verbot die Nahrung von solch einer cholerischen Person.

Dabei so artig, fast ohne einen Laut in sein Schicksal ergeben, nur daß er das Mündchen in den Ecken wie zum Weinen herabzog und mit dieser Miene stumm dalag, uns allen ein Vorwurf. Und das Flehen seiner großen runden, braunen Augen! Ja, es war ein Jammer, anzusehen, wie meine arme Frau zugleich mit ihm verkümmerte!

Eines Tages klingelt es mörderlich. Die Res’! Sie will ’mal nachschauen, wie es geht, na und der Bub’ — »wo is er, der Bub’?« Kaum, daß sie sich Zeit nimmt, uns guten Tag zu sagen, da will sie auch schon den Bub’ sehn. Und nun tapste sie mit ihren dicken Bauernschuhen über das Parkett, nach der Kinderstube hin.

Welch ein prächtiges Weib! Eine hohe, üppige Gestalt, nicht hübsch von Gesicht, aber voll fröhlichen Lebens, mit lachenden Blauaugen; ein Hauch von Gesundheit wehte jedesmal mit ihr herein, wenn sie kam.

Die Dankbarkeit lag ihr so im Blut. Ihren Eltern war von meinen Schwiegereltern gutes geschehn; ich glaube, ihr Vater war auf Abwege geraten und hatte gesessen. Als er herauskam, da brachte es der Schwiegerpapa, der Arzt an dem kleinen Orte war, fertig, ihn langsam, aber mit Hartnäckigkeit wieder in die Achtung der Leute einzusetzen; so machte er einen brauchbaren Menschen aus ihm. Auch sonst schlug der Makel in einen Segen um; die drei Töchter waren gut verheiratet, die Res’ an einen Schmied in einem rheingauer Dorf.

Gut also, der Bub’! Sie gratuliert auch noch, sie hat ihn noch nicht einmal gesehn, extra des Bub’ wegen ist sie gekommen. Wie die Spitzenhülle von dem Bettchen aufgehoben wird und sie das kleine jämmerliche Gesichtchen gewahrt, das fast in dem verschobenen Häubchen verschwindet, da stutzt sie. Gleich aber faßt sie sich: — ein Stadtkind! Die sind alle blaß und gebrechlich, das ist vornehm! — sie darf dabei doch auch nicht an einen gewissen feisten, robusten Burschen daheim denken, den sie mit seinen acht Monaten im Bettchen festbinden müssen, damit er nicht ausbricht, und der neulich fast eine Katze mit seinen Fäustchen erdrückt hätte.