Part 10
Renée sprach zu Sarah von ihrem Plan. Sarah sagte nichts dawider, sie sagte vielmehr: „Ja, ganz gut. Ich finde es sehr verständig.“ Aber Sarah wurde sehr still, nachdem sie davon gesprochen hatten. – Ob Sarah dagegen sei? „Nein,“ sagte Sarah. „Ich habe ja gar kein Recht, dagegen zu sein. Ich will dich durchaus nicht beeinflussen in deinen Entschlüssen. Nur ich fürchte dich zu verlieren. Nur du hast viel Ähnliches mit deinem Bruder, und das ist zuweilen gut für mich“ – so sagte Sarah.
Renée schwieg. Ihr kam das Erinnern an Hannsbabo; sehr intensiv war dies Erinnern, es war, als fühlte sie seine Hand – –
„Renée,“ sagte Sarah. Das Rückerinnern verging.
„Ich will ja gar nicht fortgehn, Sarah; ich will nur etwas tun, etwas Nützliches anfangen.“
„Nein, nicht allein deswegen. Seit einer ganzen Zeit schon bist du bekümmert und traurig. Ich sehe es dir an schon seit einer ganzen Zeit.“
Fast war Renée ihr dankbar. Wenigstens ein Mensch achtete auf sie.
Renée sagte: „Arme fröhliche Sarah, hast du einen so griesgrämigen Menschen um dich, hast du’s mit einer so schwerblütigen, langweiligen Renée zu tun.“
„Ich bin gar nicht immer fröhlich.“
Renée lachte: „Doch, freilich bist du’s. Gott, das ist etwas so Gutes.“ – Sarah sah ganz bekümmert aus: „Du hast gewiß doch einen lieb – etwa den Schoenburg mit den geschwätzigen Cousinen?“
„Nein, nein. Ich habe nur ein wenig das, was man bei euch ‚heimatskrank‘ heißt, seelisch hab ich das. Wir sagen dazu Heimweh.“
„Ja,“ sagte Sarah, „Hannsbabo sagte drüben manchmal, er hat Heimweh nach dem kleinen Bub Renée.“
„O, der liebe – ja, er verstand diese Dinge,“ sagte Renée.
Also in vierzehn Tagen würde Sarah zur Prinzeß Johann reisen nach Schottland. Nun hatte man fieberhaft zu tun. Sarah blieb kaum fünf Minuten unbeschäftigt, aber sie konnte doch in Redcliff Castle nicht ankommen wie eine ‚Frau vom Lande‘.
Dies war für Sarah der Superlativ für Uneleganz. Wenn Renée gegen das viele Anprobieren redete, weil Sarah kaum mehr zum Schlafen und zum Essen käme, dann hieß es: „Du kannst doch nicht denken, daß ich dort auftreten soll wie eine ‚Frau vom Lande‘!“
Renée frug: „Also was ist das genau genommen?“
„O, mit diesen entsetzlichen, ovalen Hüten, auf denen Straußenfedern sind, und grauen Kleidern, die nicht sitzen, und diesen billigen Korsetts.“
Renée mußte lachen; wirklich, Sarah hatte recht.
Der Diener meldete den Wagen. „Komm doch mit, Renée,“ sagte Sarah. Sie fuhren den Linden zu.
Vor dem Tor stand es schwarz von Menschen. Um diese Zeit ritt der Kaiser vorbei. Man hatte die gelbe Standarte gesehen auf dem Schloß. Er war also in Berlin. Die Leute standen geduldig und ließen sich die Hüte versengen. Renée fiel ein, wie sie als Kind stundenlang auf ihn gewartet hatte. Und sie hatte sich immer auf den Straßenübergang gestellt, wo er sein Pferd Schritt gehen lassen würde.
Dann hatte er ganz allein für Renée gegrüßt zuweilen. – „Ich werd’s ihm erzählen, wenn ich Flügeladjutant geworden bin,“ sagte Hannsbabo. – –
Sarah kaufte ganz Berlin auf. Und überall wurde sie mit ausgesuchtester Höflichkeit behandelt. Überall stürzte schon am Eingang ein Extra-Herr auf sie zu, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, ihr alle ‚Neuheiten‘ zeigte und sie Frau Baronin nannte.
Dieser Herr geleitete sie auch wieder zum Wagen.
Renée machte es Spaß, denn sie genoß einen Abglanz dieser Devotion. Auch ihr wurden ‚Neuheiten‘ vorgelegt.
Manchmal neigte Sarah den Kopf zu ihr herüber. Sie sagte: „Renée, gefällt dir dies, möchtest du es nicht haben, sag doch, Renée!“ – Dann sah Renée sie an und lachte und sagte: „Nein, Sarah, bitte nicht.“ Dann sah Sarah enttäuscht aus. Aber Renée wollte nicht die vielen, teuren Geschenke.
Zum Schluß mußte Renée das Reisenecessaire bewundern. Alles darin war von schwerem Silber, und darauf prangte das Catte-Wappen – ganz verschüchtert saß das kleine Wappen-Tier auf all dieser Herrlichkeit.
Renée fand, man würde mindestens einen Gepäckträger extra dafür benötigen.
„Aber schließlich kann ich doch nicht mit Nickelgegenständen herumreisen,“ antwortete Sarah.
„Aber dein tägliches Gebrauchszeug?“
Sarah sagte: „Das ist Elfenbein. Elfenbein ist nicht mehr Mode.“ – Renée lachte sehr: „Natürlich,“ erklärte sie, „du brauchst es!“ – Was nur Frauen tun, die keine Amerikanerinnen sind, dachte Renée. Was sie nur tun?
Sarah fuhr ab. Drei riesengroße Rohrplattenkoffer begleiteten sie. Der Diener bewachte ebensoviele Hutkoffer, ein Gepäckträger folgte mit dem Rest. Sarahs Jungfer trug das Necessaire.
Wenn Renée alle Kleider und Zubehöre bedachte, so wunderte sie sich eigentlich, wie es alles in den Koffern untergekommen war. Allerdings – der Träger hatte noch fünf Handgepäcke.
Sarah war zuletzt ganz richtig traurig. Und Renée sollte oft schreiben und sie ein bißchen entbehren.
Sarah winkte noch aus dem Fenster heraus.
Zu Haus wurde Renée schon erwartet. Es war Elisabeth. Elisabeth befand sich auf der Rückreise und wollte nach Groß-Gehren, sie hatte gedacht, am Ende käme Renée gleich mit.
Man könnte den Koffer einfach auf den Wagen stellen, der Kutscher hätte doch noch angespannt.
Renée lachte: „Erstens dürfen auf Sarahs Wagen keine Koffer und zweitens kann ich gar nicht.“
„Du kannst doch unmöglich für länger hier in der Wohnung so allein hausen.“
„Findest du?“ – „Papa findet es,“ antwortete Elisabeth spitzig. – „Na, beruhige dich nur, Elisabeth, das will ich ja gar nicht. Ich komme bald nach Groß-Gehren und dann reise ich etwas.“
„Reisen, wohin denn?“ – „Vielleicht nach München.“ – „Was willst du denn da?“ – Renée amüsierte sich, Elisabeth zu chokieren. „In Italien soll es ja im Sommer auch wundervoll sein.“ – „Was für eine verrückte Idee,“ sagte Elisabeth scharf. Sie ereiferte sich. Papa fände, daß das Reisen ins Blaue hinein lächerlich sei. Er habe keineswegs Geld für sowas übrig. Ja, er habe es geradeheraus gesagt, als Renée im letzten Brief davon geredet hätte.
„Warum bist du denn nicht mit der holden Sarah gefahren?“ – „Du drückst dich wirklich recht gewählt aus,“ sagte Renée, „indessen mich lockt weder die Prinzessin noch Schottland.“ – „Sarah versteht es wirklich ausgezeichnet, sich in die exklusivsten Kreise hineinzubringen,“ sagte Elisabeth. Gewiß war sie recht neidisch. „Du könntest wirklich lieber in Groß-Gehren Papa etwas behilflich sein. Papa hat eine neue Köchin, dort wäre am Ende dein Platz.“
Renée ermüdete schon. Wozu? Was denn eigentlich hatte sie gewollt? Alleinsein – wissen, wer man ist.
„Schließlich hat die Familie doch wohl auch Anrechte auf dich.“ – „Niemand hat Anrecht auf mich,“ das schrie Renée ganz zornig. „Niemand, dem ich es nicht gab.“
„Dieser moderne Quatsch, es ist fürchterlich,“ sagte Elisabeth.
Nach wenig Tagen fuhr Renée.
Da war der Turm von Groß-Gehren und die breiten Kronen der Linden, zwischen denen das Haus stand, da war der weiße Kirchturm.
Nun über die Bahnschienen mit der Warnungstafel und den Weg hinunter über den kleinen Berg, so ein märkischer Kaninchenhügel, und auf der Dorfstraße die Kinder mit dem weißblonden Haar und den dunkelbraunen Gesichtern.
Da die ziegelrote Schule und die schöne Kirche und der Hof.
Auch heute sprang ein brauner Jagdhund – wie mochte wohl dieser heißen – auf den Wagen zu und kläffte.
Da rasselte der Wagen über die holprigen Hofsteine, das altgewohnte Geräusch.
Renée ging in den Zimmern herum, wo dieser herbe Geruch war aus der Kindheit – nach Lavendel und ein wenig dumpf, weil immer die Läden geschlossen wurden vor der Sonne.
Draußen floß das weiche, graue Wasser, das die langen Kähne vorübertrug; die wurden schöne, weiße Segel, wenn Wind war.
Sie ging in das Zimmer, wo sie als Kind gewohnt hatte. Es war durch eine bunt tapezierte Wand in zwei Räume geteilt, es waren fremde, plustrige Polstermöbel darin und Bills Spielsachen. Großvaters riesengroßer Schreibtisch, auf dem Renée als Kind mit ihren Spielsachen herumgeklettert war, stand nicht mehr an seinem Platz.
Renées Puppenhaus und die Festung mit der Zugbrücke und das Theater, alles stand auf der Erde in diesem Zimmer, und in der Mitte thronte Bill, vor ihm lag ein Haufen Bleisoldaten, auf die er mit einem Holzhammer loshackte. Renée fuhr auf ihn los; es ergab sich, daß es ihre alten Bleisoldaten waren, – Bill fing an zu heulen. Renée raffte das ganze Zeug in ihren Rock und trug es fort.
Als sie in ihrem Zimmer die kleinen blauen und roten Männer ansah, kam sie sich sonderbar vor, lächerlich, kindisch, aber es blieb trotzdem ein Kummer, ein dummes, kindisches Leid. Sie schüttete den ganzen Kram in die Kommode, das meiste war ohne Kopf und Beine.
Erst wollte sie es Papa sagen, man hätte nicht einfach ihre Spielsachen dem ekligen Bengel zu geben. Ihr gehörten die Sachen, sie könnte sie selber schon verschenken, wenn sie wollte.
Dann dachte sie: Gewiß ist es dumm, ich sehe ja die Sachen doch nicht an, gewiß ist es gar kein guter Charakterzug, daß ich sie dem Bill nicht gönne.
Sie würde dem Bill doch einmal alles gönnen müssen, Haus und Hof und Feld.
„Ich höre, du willst reisen,“ sagte Papa.
„Ach nein, Papa, ich will es eigentlich gar nicht.“ – „So so – na,“ sagte Papa, „das ist ja schön, denn da du schon so lange weg warst, so hofften wir, du würdest dich mal hier nützlich machen.“
„Freilich,“ sagte Renée, „wenn ich was helfen kann.“
„Du könntest etwas auf die neue Köchin achten,“ meinte Papa. „Sie ist eine ganz untaugliche Person, und der Diener ist auch ein furchtbar dämlicher Kerl.“
„Wie bist du denn mit dem Förster zufrieden?“ – „Nichts versteht er,“ antwortete Papa.
Demnach schien Papa wenig Glück gehabt zu haben bei seiner Wahl.
„Na, wie gefällt dir denn Bill?“
„Gott, er ist doch erst zwei Jahr,“ meinte Renée.
„Eine Schönheit wird er nicht werden,“ sagte Papa. „Er hat gerade die blöden Augen wie sein Vater.“
Renée sah ihren Vater erstaunt an. Papa sah ganz ernst aus. Geradezu bekümmert. – „Nichts von unserer Familie hat er,“ fuhr Papa fort. „Der ollen Horwitz gleicht er – na –“ damit erhob sich Papa und ging in den Garten.
„Papa entbehrt dich recht oft,“ sagte Elisabeth.
Renée schwieg. Sie fing an nachzudenken. Damals, als Papa täglich mit ihr ausfuhr, als sie immer die Rehböcke für ihn erspähte – besonders in der Seradella standen sie gern. Wenn sie am Vorwerk vorbeikamen, sagte Papa manchmal: Hier müßte man das Pächterhaus hinbauen, damit man sie los wäre vom Hof, und hier käme dann der ganze Wirtschaftshof hin, wenn man’s demnächst mal alles herüberlegte.
Wenn Papa solche Dinge sprach, dann war Renée sehr geehrt gewesen, daß er seine Pläne mit ihr redete.
Renée dachte daran.
„Papa findet, deine Pflicht wäre es, _ihn_ zu unterstützen und nicht Sarah,“ sagte Elisabeth.
Richtig, Elisabeth!
„Vor kurzem warst du doch sehr einverstanden, daß ich zu Sarah ginge,“ antwortete Renée.
„Nun ja, eben zeitweise. Aber so gehst du ja der übrigen Familie verloren – außerdem,“ Elisabeth machte eine kurze Pause, „außerdem wo soll es hinführen? Sieh mal, das wirst du doch selber einsehn, neben einer hübschen, jungen, so reichen und so koketten Frau wie Sarah kommst du nie zu deinem Recht.“
„Wieso? Wie meinst du das?“
Elisabeth lächelte diskret: „Na, Renéechen, weißt du.“
Renée ärgerte sich, diese albernen Diminutive.
„Ich meine ganz einfach,“ fuhr Elisabeth fort, „Sarahs kokettes und reifer entwickeltes Wesen sticht den Reiz deiner harmloseren Jugend aus bei den Herren.“
„So etwas Geschmackvolles also meinst du.“ Renée lachte. „Das kann ich überstehn.“
„Du wirst schon sehn, wenn erst die Trauer vorbei ist und ihr seid in Gesellschaft.“
„Nein,“ antwortete Renée energisch. „Fällt mir nicht ein, in Gesellschaften zu gehn.“
Elisabeth sagte: „Nun, dann hat doch der Aufenthalt bei Sarah überhaupt gar keinen Sinn.“
Papa war nicht sonderlich erbaut von dem Plan mit dem Gymnasium. Daß Renée nun auch von dieser modernen Idee sich anstecken ließe. Überhaupt wäre es eine Albernheit, daß Renée immer bei Sarah herumsäße. Sarah sollte sich nur wieder verheiraten. Es war sehr, ja sehr töricht, wenn Frauen sich nicht verheirateten, fand Papa. –
Sarah schrieb kurze, vergnügte Briefe. Bereits im dritten Brief berichtete sie, daß der junge Landsdown ihr einen Antrag gemacht hätte – o, zu drollig – einen ganz richtigen mit Liebe und Verzweiflung ‚wenn nicht‘ und funkelnden Augen. Und nun sei er entrüstet abgereist. – Prinzeß Alison war reizend zu Sarah und nannte sie ‚^sweet^‘ und hatte versprochen, das nächste Mal mit dem Prinzen bei Sarah abzusteigen in Berlin, und wahrscheinlich würde Sarah in der Nähe der prinzlichen Güter in Schlesien irgend ein Schloß ankaufen.
Und es falle ihr nicht im mindesten ein, sich wieder zu verheiraten, obwohl sie es ihr alle rieten. Keine Spur. Die Männer wären doch viel netter, wenn man sie in jedem Moment wieder laufen lassen könnte, sobald man wollte. –
Renée war nicht wohl zumute bei diesen Briefen. Sie waren so sehr Sarah. Sie gaben zu sehr ihr Wesen preis.
Und Renée dachte: eigentlich sollte ich wirklich nicht mit ihr zusammen sein.
Im Herbst kam Sarah zurück. Renée sah sie wenig. Renée begann eben mit den Stunden. Sarah war müde und abgehetzt. Sie lag zu Bett, oder sie war in der Stadt und ordnete ihre Wintergarderobe. Und wenn sie zu Haus war, – irgendwie kam es, daß Renée und Sarah einander aus dem Wege gingen. Es hatte keinen besonderen Grund, nicht daß Mißhelligkeiten gewesen wären oder Streit. Mit Sarah gab es keinen Streit. Sie hatte eine bewegungslose Ruhe in allen Dingen, sie lächelte freundlich, wenn man ihr widersprach, und tat nach ihrem Belieben. Alles Rechten mit ihr war doch nur ein sinnloser Kraftaufwand.
Wenn sie keine Erwiderung wußte, lachte sie und wechselte das Thema.
Sehr oft mußte Renée an ihren Bruder denken. Dies und das der täglichen Geschehnisse, ja der ganz unwichtigen täglichen Kleinigkeiten ließ sie verstehn, was ihn aus dem Leben gejagt hatte. Sie dachte: Er ist zerbrochen daran, ist müde geworden und hilflos und arm. – Sie dachte, wie das wohl alles geschehen war.
Das Nachdenken über diese Dinge machte sie schroff und abweisend gegen Sarah. Ja, es stieg eine Härte in ihr auf.
Und oft gingen ihre Gedanken diesen Weg, sehr oft.
Manchmal mitten in einem Gespräch, wenn Renée aufblickte und Sarah ansah, dann fand sie einen unguten Zug, der in Sarahs Gesicht war.
Und Sarah lächelte ihn weg, wenn Renée hinsah. –
Das Arbeiten brachte Renée in eine gute, gleichmäßige Angespanntheit. Es gab ein Maß für die Tage, für die Wochen, für die Monate. Sie kam sich versorgt vor, wie jemand, der endlich eine passende Anstellung gefunden hat. Es war angenehm, zu wissen, was man am Morgen tun würde. Man fühlte die Stille und die Freude der Sonntage.
Manchmal kam Renée mit Nana zusammen. Dort traf sie Nanas Kolleginnen; tüchtige, frohe Menschen waren es. Manche – so fand Renée – hätten nicht so witzig zu sein brauchen, sie sagten: „Tableau“ – „So ist die Kiste“ – „Fertig ist die Laube“ – aber sie waren brav und ordentlich und auch klug zuweilen. Man überhörte eben die Witze.
„Wirst du denn nur immerzu so arbeiten?“ sagte Sarah.
„Freilich, bis ich fertig bin.“ – „Und dann?“ – „Dann arbeite ich weiter.“ – „Es wundert mich, daß dies Schulmädchenleben dich befriedigt,“ sagte Sarah.
Eigentlich mußte Renée lachen. Nun ja – was sie betrieb, waren ja nicht eben gerade Probleme der Wissenschaft. Aber Sarah – wenn sie sich Sarah über der griechischen Formenlehre dachte oder bei den ekligen Dreieckskonstruktionen.
„So lange ich die Dinge noch nicht kann, befriedigt es mich eben, sie zu lernen,“ antwortete Renée. Sie dachte: Dieser kleine Überfall mag ruhig hingehn.
Sarah sagte: „Mir ist es aber langweilig.“
Renée wurde böse: „Es steht dir jederzeit frei, dir eine lustigere Gesellschafterin zu nehmen.“ Diesmal lief Renée hinaus. Diesmal warf Renée die Türen. –
Renée und Nana waren im Grunewald. Sie saßen da an einem Waldgraben mit dem Rücken gegen den Weg. „Ich möchte ein wunderschönes Buch geschrieben haben,“ sagte Nana plötzlich, „möchte Dr. h. c. werden, möchte ein wahnsinniges Geld verdienen.“
„Ich denke, du wolltest den Krebserreger entdecken.“ – „Ja ja, das wäre gar nicht uneben. Aber das Geld, das ich dann hätt. Ach Unsinn.“
„Na, also dann irgend eine andere Medicinae Großtat.“
Nana schüttelte die Locken auf ihrem runden Kinderkopf: „Studieren werd ich schon, aber entdecken werd ich nix, das kannst du glauben.“
„Wie bist du denn eigentlich darauf verfallen?“
Nana legte sich lang in den Graben hinein und kugelte sich behaglich hin und her.
„Man verdient am meisten. Ich habe nämlich ein Vorerbe von Großmama. Das reicht gerade so zur Ausbildung und Anschaffung der Instrumente. – Nachher muß ich verdienen. Ich habe keine Lust, arm zu leben und zu sterben.“
Nana machte eine Pause, sie zupfte Gräser ab, die sie in den Mund steckte. „Überhaupt ist es sehr ungut, arm zu sein. Man dreht jeden Groschen in der Hand herum. Man wird geizig und kleinlich gegen sich und andere. Es verdirbt den Charakter, ebenso wie ungute Liebe.“
„Eine eigenartige Zusammenstellung,“ sagte Renée.
Nana lächelte: „Nein, das ist auch Armut, so eine ärmliche Liebe. Weißt du, Renée, ich finde, die Männer haben es maßlos gut.“
„Ach – findest du.“
„Ja“ – ganz eifrig wurde Nana – „denke nur: Frau und Kinder können sie haben und ernähren und kleiden. Alles kommt vom Mann. Jeden Groschen hat _er_ verdient, und nun kann er der Frau und den Kindern alles geben, jedes einzelne ist seine Arbeit, was er ihnen gibt, und ein Stück von ihm. Und dadurch nimmt er sie alle ganz zu eigen, und sie hängen ganz von ihm ab.“
„Das sagst du ja ganz verklärt, Nana.“
Nana richtete sich halb auf: „Es ist das Schönste,“ sagte sie, „wenn der Mensch, den man liebt, ganz von einem abhängt in allen Dingen.“
„So ein Vampir bist du!“
Nana wurde bös: „Renée, du lachst, du ulkst über mich.“
Renée streckte ihr die Hand hin. „Nein, Nana,“ sagte sie. „Ich lache ja nicht. Nur darüber hab ich noch nie nachgedacht, ob eben dies so schön ist.“
„Nun also, was ist denn schön?“
„O, ich weiß es nicht,“ sagte Renée, „ich weiß nicht, ich denke: lieben.“ –
„Dieser Ausspruch ist nicht gerade neu,“ antwortete Nana.
„Nun ja, lieben an sich ist nichts Besonderes, aber so – so, daß eben der eine Mensch den Sinn gibt für alles andere – und dann –.“
„Was noch, Renée?“
Ein wenig noch zögerte Renée. Dann sagte sie: „Wenn man liebt, so muß es sein, um es nie wieder zu vergessen. Gar nichts auf der Welt, was auch geschehen könnte, muß dies ungeschehen machen können, daß man diesen einen Menschen über alles liebte – und wäre es schon ein ganzes Leben her.“
„Dann dürfte jeder Mensch nur einmal lieben.“
Renée schwieg. Sie hatte noch niemals daran gedacht. Und eigentlich konnte man sicher nur einmal lieben – aber dann wieder dachte sie an Hannsbabo.
Sie standen auf, um zurückzugehen.
„Heute mag ich überhaupt nicht heraus aus dem Grunewald,“ sagte Nana. „Morgen gibt es sicher Regen und übermorgen Schnee und die nächste Woche Winter. Dann ist’s aus mit dem Grunewald.“
Sie gingen nach Hundekehle.
Nana wollte absolut Punsch trinken. Renée redete dagegen. „Ich stoße dich auf ein paar Glas,“ sagte Nana, „und nun bist du still.“
Am See war es kühl. Sie mußten sich den Tisch extra heraussetzen lassen. Man servierte eigentlich nicht mehr draußen. Darum lag draußen alles voll gelber Blätter, die knisterten, wenn man darüberging.
Renée sollte immer noch mehr Punsch trinken. Sie hatte einen richtigen Kampf mit Nana.
Endlich saßen sie in der Elektrischen. Die Leute neben ihnen stapften mit den Füßen auf den Boden vor Kälte. Siebenmal hörte Renée, wie einer dem andern Schnee prophezeite. Die Bahn quietschte und klagte in den Schienen. Das versprach Kälte.
„Ich kann noch nicht nach Haus“ sagte Nana. „Ich kann nicht so früh allein sein heute, laß uns irgendwas unternehmen.“
„Komm mit zu mir, magst du?“
„Nein,“ sagte Nana, „dank schön. Ich gehe nicht gern in die Nähe deiner Schwägerin. Tu mir den Gefallen, laß uns was unternehmen.“
„Vielleicht könnten wir ins Theater gehn,“ sagte Renée.
Nana war einverstanden. Ja, sie würden in ein Lustspiel gehn. „Nur nicht etwas mit Emotionen,“ sagte Nana.
Es war ein furchtbar dummes Stück. Renée bedauerte ihre sechs Mark. Man hätte viel hübschere Dinge damit haben können. Renée ärgerte sich über die albernen Leutnants auf der Bühne, die wie Friseure aussahen, und die ‚Gräfinnen‘ benahmen sich so Münchnerisch ordinär. Natürlich saßen die Berliner und gröhlten vor Wonne.
Nana zupfte Renée am Ärmel bei jedem Witz und lachte und schlug sich auf die Kniee vor Vergnügen. Nachher, als sie heimgingen, war Nana ganz aufgeräumt. Sie sagte, Renée sei ein lieber Kerl, daß sie mitgekommen wäre. „Manchmal,“ so sagte Nana, „da denk ich an meine gräßliche einsame Bude, und dann bin ich wie ein Hund, den sein Herr mit dem Kopf ins Wasser getitscht hat.“
Renée sagte: „Dann sagst du mir’s immer, nicht wahr? Und wir sind gute Freunde und dann helfen wir einander schon aus.“
Dann nahm Nana Renées Hände und drückte sie ganz fest – und sie sagte: „Du kannst das wissen: du sollst keine Minute warten, wenn du einmal meine Hilfe brauchst, Renée.“ – –
Als Renée einschlief, fielen ihr Nanas gute, warme Worte ein. So kam es, daß sie ruhig und froh aufwachte den andern Morgen. –
Wie Renée sich plagte. Wollte denn die elende Geometrie nie in ihren Kopf? Manchmal saß sie drei Stunden über ein und derselben Aufgabe, und in der vierten Stunde fiel ihr so ein elender Lehrsatz ein. – Dann war es gelöst. Wenn sie es nicht herausbrachte, dann peinigte sie diese Zeichnung den ganzen Tag. Fast hätte sie, wen sie auf der Straße traf, angeschrieen: „Wenn a + b gegeben ist und der Winkel.“
Sarah betrachtete es mit Kopfschütteln.
Mit den Sprachen konnte sich Renée besser helfen. Und an dem Griechisch hatte sie Freude. O, man konnte zuweilen ganz berauscht werden von dem weichen, von diesem geheimnisvollen Zusammenklingen der Vokale.
Und immer gingen die Worte dieser Sprache dem Geschehen nach; klangen süß und sanft, wenn gute Dinge geschahen, klangen absurd und gellend und wie Schreie, wenn ein Unglück kam.
Renée konnte ein oder das andere Wort vor sich hersprechen, drei-, viermal – und wurde wehmütig dabei. –
Einmal sprach Sarah von Nana. Nein, ihr gefiel diese Nana nicht. Immer war sie in einer so sonderbaren Weise präokkupiert, wenn Sarah mit ihr sprach. Und sie hatte ein Benehmen wie ein Realschüler. – „Wirklich, du solltest dich nicht so mit ihr liieren,“ sagte Sarah. – „Sie ist der feinste und beste und ehrlichste Mensch, den ich kenne,“ antwortete Renée.
„Also du wirst bestimmt irgendwann peinliche Erfahrungen mit ihr machen.“
„Nein, nein.“ Renée lachte übermütig. Sarah überhörte das: „Von jener Person, die Margit Roeren hieß, hast du mir auch immer so vorgeredet.“ – „Ich glaube, ich kann trotzdem Unterschiede machen, Sarah!“
Sarah sagte: „So. Nun aber du absentierst dich absichtlich von mir, Renée. Und dann – ich halte den Einfluß dieser Leute nicht für geeignet.“
„In manchem hast du recht. Aber nicht hier. Nana ist nur gut für mich. Vielleicht indessen ist es ungut, daß _wir_ zusammen sind, Sarah, daß wir es _noch_ sind, denn das, was uns zusammenbrachte – das hält uns nicht mehr.“
Sarah schien erstaunt zu sein. Renée sah ihr so sehr an, wie wenig sie dergleichen erwartet hatte zu hören.
„Ich glaube es darum,“ fuhr Renée fort, „weil sich auf die Dauer und je älter ich werde, Gegensätze verschärfen werden, die dir wie mir zuerst ganz unwichtig erschienen und – weil du gewohnt bist, die Dinge aus einer andern Optik zu betrachten, als ich es tue. – Ich aber kann es nicht haben, daß herabsetzende Dinge gesagt werden über Menschen, denen ich gut bin.“
„So schweige ich also!“
Renée sagte: „Nein, nicht. Das würde wenig helfen. Sei mir nicht böse, Sarah, es ist dies: Du hast die Tendenz intellektueller Freiheitsbeschränkung. Aber ich kann keine Beschränkung ertragen.“
Sarah stand auf. Sie machte ein hochmütiges Gesicht und ging – aber zögerte sie nicht einen kurzen Augenblick an der Tür? –
Bei Sarah begannen die Feste. Es kamen die, zu denen Sarah mit der langen Schleppe ging und dem Schleier und jene, zu denen sie goldne Kleider trug und silberne Roben, an denen zuvor Brillanten festgenäht wurden.