Chapter 11 of 15 · 3921 words · ~20 min read

Part 11

Schön sah Sarah aus. Aber Renée sah sie an und dachte an ihren Bruder. Dachte: früher war sie schöner, als Hannsbabo neben ihr stand und sie immer ansah. –

Abends, wenn Sarah zurückkam, legte Renée ihre Bücher fort, über denen sie gesessen hatte, und setzte sich zu Sarah.

Dann erzählte Sarah. Die Leute hätten gesagt, Sarah wäre schön, so schön wie eine Königin, sie sähe wiedermal am vorzüglichsten aus von allen. Dann lachte Renée und sang:

„Frau Königin, ihr seid die Schönste allhier ...“

„Gar nicht ist Schneewittchen schöner,“ sagte Sarah.

„Nein, gar nicht,“ antwortete Renée.

Das mochte Renée gern, so abends mit Sarah sein. Die Dinge, die sie Tag und Nacht über eingepaukt hatte, tanzten ihr immer noch ein wenig im Kopf herum, während Sarah erzählte – und dann tanzten Sarahs bunte Geschichten dazwischen.

Wenn Renée zu Bett ging, nahm sie die Bücher noch einmal mit. Sie befaßte sich von neuem ernsthaft mit jedem einzelnen Stoff.

In der Mathematik erlebte sie Enttäuschungen: Immer war es abends so herrlich richtig. – Am nächsten Morgen hingegen war es falsch. Und Renée hatte doch gerade dem Mathematiklehrer auseinandersetzen wollen, wie einfach und unzweideutig diese Lösung wäre. –

Die Zeit verging gleichmäßig. Es war, als ob man in langsamem Tempo einen Berg heraufkäme.

Einen Berg mit einer leidlich bequemen Straße. Renée konnte die Arbeiten beiseite tun ein paar Stunden oder ganze Tage.

Aber dann wußte sie, es war immer da, bereit, zur Verfügung. Sie brauchte nur eins der Bücher zu nehmen.

Eine komische, kleine Kraft hatten die Bücher. Waren sie nun eine Schanze oder waren es Waffen? Oder war es ein Haus, ein Schneckenhaus, in das man hineinkriechen konnte?

Es war auch ein Sport dabei. Viel fixer als bei andern sollte es gehn – mußte es gehn. –

Renée sah Nana wenig diese Zeit. Nana sagte: „Nein, so ochse ich nicht. Keineswegs. Bei uns in der Penne läßt man sich Zeit.“

Manchmal kam sie, wollte Renée helfen, irgend etwas erklären. Aber es lief nie gut aus. Renée verteidigte wie ein Evangelium, was sie einmal gehört und verstanden hatte. Nana hingegen suchte immer nach neuen und folglich besseren Methoden. –

Einmal, gegen den Sommer, kam Nana aufgeregt angelaufen. Sie fuchtelte mit den Armen und schrie schon von weitem: „Du mußt in die Pension kommen heut abend. Gräfin Isowska gibt ein Atelierfest.“ – „Aber ich hab keine Zeit.“

Nana ergriff Renée aufgeregt bei den Armen und schüttelte sie. „Du mußt absolut, es wird famos, und überhaupt hab ich dich schon angemeldet. Es ist alles besorgt – hier ist die Karte.“ Sie zog einen Zettel aus dem Portemonnaie. „Es ist für eine ‚polnische Waise‘. Aber wir glauben alle, die Isowska ist selbst die ‚polnische Waise‘.“ Nana erstickte vor Lachen. „Es kostet fünf Mark,“ stieß sie keuchend hervor.

Renée zahlte. „Aber was muß man anziehn?“

„Ist schon erledigt,“ sagte Nana. Sie lief hinaus und schleppte einen Karton herbei. „Da, nimm,“ sagte sie mit einer verschwenderischen Geste, „es ist von Edda Osten. Es ist Napoleon auf der Brücke von Lodi.“

„O,“ sagte Renée, „soll ich das darstellen – aber –“

„Es kommen nur Damen.“ Nana richtete sich in ganzer Größe auf, „es wird sehr dezent, und die Gräfin Isowska hat sich extra Atelier-Requisiten dazu verschafft.“

Nana begann den Karton auszupacken – das geschah, indem sie den zu unterst liegenden Gegenstand herauszerrte. Dadurch fielen die andern mit.

„Das Kostüm kannst du ruhig tragen. Edda Osten ist meine Cousine. Sie ist sehr sauber.“

Renée lachte: „Bitte, das erstere genügt mir völlig.“

Aus dem Karton kam ‚Napoleon auf der Brücke von Lodi‘. – Renée begann den Napoleon anzuziehn. Wenigstens den Waffenrock und die schwarzen Stulpenhandschuh.

Sarah klopfte, sie kam eilig herein.

Nana fuhr auf mit einer kleinen, drolligen Verbeugung. – „Es ist Napoleon,“ sagte Nana. – „O sieh da. Gibt es einen Maskenball?“ – Nana erzählte eilfertig die Geschichte von der polnischen Gräfin.

Nun wollte Sarah mit. Und Renée merkte, daß Nana keine rechte Lust dazu hatte. – „Sie werden mich doch mitnehmen?“ sagte Sarah – sie lächelte Nana zu, als ob es gälte, jemanden aus dem Gefängnis herauszulächeln.

Nana wurde verlegen. – „Natürlich,“ sagte sie, „wenn Sie es mögen.“

„Also gut, gut, ich mag. Fahren Sie schleunigst zu der polnischen Gräfin. Sagen Sie ihr, ich stiftete hundert Mark für das Waisenkind.“ – Nana sah Renée an, und dann sah sie Sarah an. Sie verabschiedete sich eilig und ging. „Heut abend auf Wiedersehn,“ rief ihr Sarah nach.

„Ah, sie wollte mich nicht haben, die alberne, kleine Person,“ sagte sie. „Wollte absolut nicht. Hast du so etwas Ungezognes schon gesehen?“

„Ich würde nicht gehn, wo man mich nicht wollte.“ – „Ach wie lächerlich.“ Sarah lachte demonstrativ. „Gerade – und außerdem bezahle ich ja genug.“ – Dann fuhr Sarah in die Stadt wegen des Kostüms.

Renée freute sich. Sie hatte noch niemals so etwas mitgemacht. Und hatte sich noch niemals verkleidet.

Und gewiß waren sehr viele Leute da mit schönen Kleidern. –

Sarah hatte ein hellgrünes Kleid. Sie hatte einen weißen Turban mit Perlenketten und einen großen bunten Paradiesvogel.

Am Eingang wurde Sarah von der Gräfin Isowska empfangen. Die Gräfin überreichte ihr einen Strauß weißer Lilien und sagte, es sei ein Glück und eine Ehre für ihr harmloses Fest – und Sarah lächelte das reizendste Lächeln, das sie aufbringen konnte.

Dann machte die Gräfin eine weitausladende Handbewegung, mit der sie die Bahn freigab und sagte: „^Napoléon et Joséfine^.“ –

Ein allgemeines Ah ging durch die Versammlung. Renée fühlte sich allseitig angestarrt und wäre am liebsten in die Erde gekrochen. Sie hatte gar nicht gemerkt, daß Sarah Josefine darstellte – aus irgend einer Ecke schoß Nana hervor, sie hatte eine riesige Guitarre auf dem Rücken.

Einige zufällig in Empiretracht erschienene Damen begannen drängelnd hinter Sarah herzulaufen und sagten, sie seien der Hofstaat.

Nana stand neben Renée „Es sind eine Menge ulkige Leut hier,“ sagte sie kichernd. „Wart, ich zeig sie dir.“ – Nanas Finger fuhr hoch in der Richtung einer umfangreichen Dame mittleren Alters. – „Siehst du, das ist die Lamproth, die mit dem ‚Schrei nach dem Kinde‘ – ich glaube, sie hat immer noch keins“ – eben ging die Betreffende vorüber, Renée hätte ihr beinah ins Gesicht gelacht.

Nana zeigte auf eine große Dame in Schwarz. – „O, das ist die liebe, schöne Reichner-Wengersky.“ – „Schön? Herrgott,“ sagte Renée.

Nana lächelte. „Nein, nicht das landläufige ‚schön‘. Ich weiß wohl, und dann ist sie auch schon alt, aber ich habe ihre Bücher so maßlos geliebt, als ich sehr jung war.“

Renée dachte an eins dieser Bücher, dachte: daß ein Mensch ein so großes, gutes Herz haben kann, irgend eine kleine Rührung kam ihr. – „Also das ist sie“ – sagte Renée, „das ist sie.“

Plötzlich machte eine dicke Dame vor ihr Halt. Diese Dame hielt den Kopf ein wenig schief und lächelte fatal, indem sie die Augen zusammenkniff. Wo – richtig, es war ja die Horwitz, Viktors furchtbare Schwester. – „Sie hier, Fräulein Renée?“ – „Sie auch,“ antwortete Renée. Die Horwitz sagte, man hätte sie so sehr dringend aufgefordert.

„Sie werden viel berühmte Damen hier sehn,“ begann die Horwitz milde, „ich werde Sie ein wenig orientieren.“ – Renée erschrak; nun mußte sie mit der gräßlichen Horwitz herumlaufen. – Aber schon hatte Fräulein von Horwitz sie im Schlepptau. Mit der gleichen schiefen Kopfhaltung wie zuvor an Renée trat sie an eine der Umstehenden. Sonderbar, auch diese drehte den Kopf schief. Es war Henriette Estner, wie Renée vernahm, ‚eine unsrer Bedeutendsten‘. – Die Bedeutende lächelte steif und selbstverständlich. Sie hatte eine Stimme wie ein zerstoßner Blechtopf – aber sie wurde sehr geehrt. Renée schob sich schnell durch zwei Dahinterstehende und verschwand von der Seite der Horwitz. –

„Sieh dir doch lieber die jungen, hübschen Bedeutenden an,“ sagte Nana.

Es kamen einige Vorführungen. Sie waren nichtssagend. Aber man konnte wenigstens feststellen, daß auch junge und hübsche Damen auf diesem Fest waren.

Das war beruhigend. Es gab Theater. Tingeltangel, Kabarett, dumme Auguste und Cleo. Es war alles sehr echt. Besonders der Tingeltangel! Nachher tanzte man.

Zwischen den Tänzen sang Nana. Nana war Troubadour. Sie stand mit dem Rücken zum Fenster und sang: „^Il y avait une fois un pauvre gare^ –“

Sie sang mit einer feinen, traurigen Stimme, und manchmal, sonderbar unvermittelt, griff sie leidenschaftlich und hart in die Saiten ihres Instruments.

Kleine, liebe Nana – was tanzt denn so in deinem Herzen! –

Sarah stand inmitten der Hervorragendsten. Hinter ihr waren die in Empiretracht. Neben ihr stand ein großer, schlanker ‚Theodor Körner‘. Er hielt den Lilienstrauß. Er wandte sich zu Nana und sagte: „Diese kleine Josefine ist reizend.“ – Nana drehte ihm den Rücken. „Es ist die Dr. med. von Saldern,“ sagte sie wegwerfend.

Sarah schien sich zu verabschieden. – „Ich werde sehr Freude haben, wenn Sie kommen zu mir,“ sagte sie mit einem allerliebsten Lächeln.

Sie spricht doch sonst viel besser Deutsch, dachte Renée. ‚Theodor Körner‘ reichte die Lilien in den Wagen. „Ihr Wagen hat nicht einmal ein goldenes Dacherl,“ rief er hinterdrein. –

Im Wagen lachte Sarah, zehn Minuten lang ununterbrochen. „Es ist das Komischste, was es gibt, o, es ist so komisch“ – ganz außer sich war Sarah.

„Was ist denn nur?“ – Sarah lachte – lachte. Der Paradiesvogel auf ihrem Kopf lachte.

„Sie waren so furchtbar alt und häßlich,“ sagte Sarah, „sie machten mir so entsetzliche Komplimente; o, sie waren alle ganz verliebt in mich. – Ich habe sie sämtlich eingeladen.“ – –

Die Damen mit dem ‚Schrei nach dem Kinde‘ kamen. Sie sprachen sehr viel von dem ‚versagten Glück der Mutterschaft‘, das allen Frauen zugänglich gemacht werden müsse. Sie sagten: „Es ist das Recht des Weibes, Mutter zu sein.“ Dr. med. von Saldern schwieg und lächelte. Dann sagte sie: „Es ist das Recht der Frau, reizend zu sein.“ Die mit dem ‚Schrei nach dem Kind‘ rückten von ihr ab.

„Es ist durchaus unwichtig, ob dieser rein physiologische Zustand vorhanden gewesen ist oder nicht,“ sagte die Dr. med. Die Bedeutende mit der Blechstimme trat ihr entgegen. „Die Mutterschaft reift die Frau zu ihren höchsten Möglichkeiten!“ sagte sie.

Renée ging zwischen ihnen herum und reichte die Teetassen. Und als sie zum fünften Mal hörte, daß es das heiligste Recht sei, Mutter zu sein und daß niemandem dieses Recht verkürzt werden dürfe, da bekam sie eine Riesenlust, in all das banale und aufgeblasene Zeug hineinzufahren, das sich so maßlos wichtig gebärdete.

„Wenn man nun gar nicht Lust hat auf dies ‚heilige Recht‘?“ sagte sie.

Die Damen betrachteten sie indigniert. „Nicht Lust,“ sagten fünf herausfordernde Stimmen. Renée mußte lachen. Es schien, sie hatten alle sehr Lust. – „Ich habe gar keine Lust zum Beispiel,“ sagte sie freundlich.

Die Gesichter der Damen röteten sich – die Dr. med. sagte: „Recht so!“

„Noch vorgestern sagte der Herr Kultusminister im Abgeordnetenhaus, daß die Frau vor allem auf ihren herrlichen Beruf als Frau und Mutter erzogen werden müsse,“ hub eine Dame an. „Natürlich für diejenigen, die dieses höchsten Glückes leider nicht teilhaftig sind – –“

Renée unterbrach sie: „Ich las es. Dieser Mann betrachtet alles weibliche Künstlertum, Studium, Arbeit nur als Ersatz, als Notbehelf für die versagten Babies mit Lutschpfropfen.“

Einige der Jüngeren lachten. Sarah lächelte. Sie sagte: „Ich bin erstaunt, Renée.“

Renées Gegnerinnen zogen sich darauf zurück, von jugendlicher Unreife zu reden. Sie sagten: „Jedes Vollweib fühlt in sich diesen Drang.“ –

„Unter diesen Umständen ziehe ich vor, ein Halbweib zu sein,“ sagte die Dr. med.

Die Unterhaltung bekam eine bedenkliche Wendung.

„Immerhin werden Sie es doch begreifen, daß manche Frauen sich sehnsüchtig ein Kind wünschen, Fräulein von Catte,“ sagte eine der Jüngeren.

Sarah versuchte auf der andern Seite ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Nein, nein, ich begreife das nicht,“ antwortete Renée, „ich finde es – nun – fatal im höchsten Grade, wenn Frauen umherlaufen und sich nach einem Kinde sehnen, als nach dem ‚Ding an sich‘ – es ist abstoßend, roh, denn hier wird die Voraussetzung der Liebe ausgeschaltet, hier drängt die Frau in den primitiven Urzustand zurück, sie wirft die Vergeistigung der Erotik über den Haufen und macht die Liebe zur Funktion – – und es bleibt nichts als ein lächerlicher, geiler Lärm.“

Nach den Gesichtern, die Renée erblickte, schien es, daß sie sich sehr unpassend ausgedrückt hatte. Es entstand Schweigen. Die Dr. med. von Saldern sagte: „Recht so.“

Sarah erhob sich: „Ich habe Ihnen noch gar nicht meinen Obolus zur Sammlung für das Waisenkind erstattet,“ sagte sie; Gräfin Isowska erhob sich stürmisch. Sarah entnahm ihrem Schreibtisch Geld.

„O, wie edeldenkend,“ sagte die Polin, „zweihundert Mark!“ Sie breitete die Scheine mit spitzen Fingern aus.

Die Unterhaltung floß ruhiger. Renée beschäftigte sich beim Teetisch. – –

„Ich finde, du hast taktlose Dinge getan,“ sagte Sarah später. Renée ärgerte sich. Sie fand, Sarah hatte vielleicht nicht so ganz unrecht. Sie sagte: „Ich kann diese widerwärtigen Mutterschaftsreden nicht leiden. Sie diskreditieren damit nur die Frauenbewegung.“

„Aber du bist etwas jung, Renée.“

Renée lachte: „Du bist nicht so sehr viel älter.“

„Die Leute waren sehr wütend auf dich, sie meinten, es sei unnatürlich.“

„Ja,“ sagte Renée, „gewiß, meinetwegen. Ich schreie nicht nach dem Kinde, meinetwegen mag das unnatürlich sein. Hast denn du jemals danach geschrieen?“

Sarah spielte mit ihrer Uhrkette, an der ein paar Edelsteine hingen.

„^God save me^,“ sagte sie halblaut.

War denn wirklich schon wieder Winter gewesen und Frühling und Sommer? Hatte es Schnee gegeben und dann Blüten und Blumen?

Da ging Renée durch den Tiergarten und sah, daß die Bäume leer waren und daß Pfützen auf den Wegen standen und daß der Wind das knisternde, braune Laub herumwirbelte.

Was war es für ein Leben, das Renée lebte. – Eigentlich hatte sie die ganze Zeit nur nach dem Examen abgerechnet: In sieben Monaten, in fünf Monaten, in einem Monat. Und dann war es da.

Immer schon war Renée an dem großen roten Kasten vorbeigegangen und hatte gedacht: Einmal stehe ich darin und weiß keine Antwort. Und werde ohne Ende gefragt und weiß absolut keine Antwort. Sie hatte sich ausgemalt, wie sie aussehen würden, der Regierungskommissar und der Direktor und die Lehrer.

Und natürlich würden die Jungens ihr keine Silbe vorsagen, weil sie ja nicht wußten, ob sie sollten. Aber man konnte sie doch unmöglich auffordern.

Die schriftlichen Tage vergingen ziemlich sorglos. Man war noch ein wenig getragen von dem Gefühl der herrlichen Dinge, die einem vor Beginn gesagt worden waren. Gewissermaßen in einer feierlichen Stimmung war man. Dann kam ja auch zuerst der Aufsatz, da würde man sich schon irgendwie durchgraben.

Die Mathematik machte Renée ohne sonderliche Angstzustände. Und gerade davor hatte sie sich so gefürchtet – aber man hatte so lange Zeit. Und irgendwo aus einem versteckten und verstaubten Gehirnwinkel kamen auf einmal Dinge, die der Mathematik-Doktor gelegentlich geäußert hatte.

Die Tage bis zum Mündlichen verbrachte Renée zwischen Säulen von Büchern.

Endlich drei Tage vorher kam Nana. – „Reizend,“ sagte sie, „ist dieser Anblick! Reizend – wie du dasitzt, wie du mich anglotzt mit ganz stieren Augen.“

„Was redest du denn nur?“

Nana lachte höhnisch. „Wenn du so fortfährst, so fällst du durch,“ erklärte sie kategorisch. Dann flogen Renées Bücher in den Schreibtisch. „So ein Unfug. Ochst sie da Literaturgeschichte – und Zahlen. Fünf Bogen Zahlen – ja –“ Nana stemmte die Arme in die Seiten und baute sich gerade vor Renée hin. „Meinst du etwa, die behältst du bis übermorgen?“

Renée sah sie starr an, und eigentlich war sie froh, herauszukommen. Es war, als ob nun Nana die Verantwortung übernommen hätte.

Am Abend vorher kam Nana noch einmal. Sie nahm Renées Bücher und frug alles ab, ein Fach nach dem andern – und Renée sagte die Dinge herunter eins nach dem andern und wurde ruhig und vergnügt dabei.

Dann war es wirklich vorüber. Sie war wirklich durch.

Unten stand Nana; die kleine, frohe Nana sah blaß und erregt aus, und dann strahlte ihr Gesicht. Sie fiel auf einmal Renée um den Hals. Was Renée gefragt worden war? Was denn nur in den fünf langen Stunden? Eigentlich wußte Renée es gar nicht mehr. Ob sie denn Griechisch gut gekonnt hätte? Wie ging denn Homer? An welche Ode war Renée gekommen im Horaz? Und Cicero? Nana stolperte alle diese Fragen heraus, als ob sie aufgeschichtet, parat gelegen hätten.

„Ich glaube, es war alles ganz leidlich,“ sagte Renée. „Bloß Geographie ahnte ich nichts.“ – „Das tut nichts,“ sagte Nana. – „Weißt du Negerstämme aus unseren Kolonien?“ – „Ich? Nein,“ antwortete Nana. „Ich wußte sie auch nicht. Sie heißen Baku oder Taku oder so was.“ – „Ach, wo, Renée, Taku sind die Forts vom Chinesenkrieg.“

„Sie heißen aber so ähnlich. Der Direktor hat es selbst gesagt,“ beteuerte Renée. –

Ob denn Religion gegangen wäre? Hatte auch Renée keine Angst? – Renée hielt Nana den Mund zu. „Man kann nicht alles beantworten, was du fragst,“ sagte sie. Dann gingen sie zu Kempinski. Obwohl es auch bei Sarah am Abend noch ein Festessen geben sollte. –

Renée war so vergnügt! Sie ging ordentlich gehoben herum. Sie dachte: Dieser Zuwachs geht mir nicht mehr verloren. Nun bin ich mindestens Studentin. Und ich kann ja auch mehr werden – natürlich – ich kann den Doktor machen. Vielleicht doch Medizin, dachte Renée. Dann fing sie an auszudenken, wie hübsch es sein würde, wenn sie alles erst war.

Jemand redete sie an, gerade an der Brücke. Es war Schoenburg. „Darf ich Ihnen gratulieren, gnädiges Fräulein? Nana hat mir natürlich erzählt. Sie ist ganz außer sich vor Freude, die kleine Nana.“

„Ja, sie hat mir so geholfen.“ – „War es schwer?“ frug Schoenburg, „schön?“ – Renée lachte: „Freilich, schön. Wenn einem gesagt wird, man hat’s bestanden, dann fällt plötzlich ‚der Stein vom Herzen‘, und einen Augenblick ist man ganz wie erlöst und ganz froh.“ – „Nur so kurz ist man froh?“ – „O ja,“ sagte Renée, „froh ist man niemals sehr lange.“ – „Haben Sie Nana gern, Fräulein von Catte?“ – „Ja, sehr, sehr gern. Sie ist der allerbeste Kamerad und –“ – „Und? Warum sprechen Sie nicht weiter?“ – frug Schoenburg. „Ich spreche ja. Nur müssen Sie es nicht falsch verstehen, oder vielmehr ich fürchte mich, daß es recht sentimental klingen könnte.“ – „Nein, nein, ich bin nicht solch ein Plebejer.“

„Es ist dies,“ sagte Renée: „von Nana habe ich das bestimmte Gefühl, daß sie mir irgendwann einmal helfen, daß sie mir etwas tun wird, was sehr schön und sanft und stark sein wird, zu tun.“

Schoenburg ging neben Renée her und schwieg. Einmal, als sie über den Straßendamm gingen, wandte er ihr das Gesicht zu – er wollte sie zurückhalten – ein Auto kam – da sah Renée in sein Gesicht, sah, wie er traurig aussah und enttäuscht. – Er bemerkte, daß sie es sah, und lächelte und sagte: „Nun haben Sie auch noch dies für einen andern zu tun aufgehoben.“

Am Wilhelmsplatz trennten sie sich. Renée dachte an diese Dinge, als sie nach Hause ging. Dachte: Wie herzensroh ist ein Mensch, der nicht liebt, wie sehr billig im Vorteil. –

Es kamen unruhige Nachrichten aus Groß-Gehren. Bill war krank. Bill hatte Diphterie. Papas Cousine, das alte Fräulein von Rochow, die den Haushalt führte seit kurzem, schrieb.

Sie schrieb von der großen Angst, in der sie alle lebten, von der verzweifelten Sorge, mit der Renées guter Vater jeden Atemzug des geliebten Enkelkindes bewache. Sie ließ philosophische Betrachtungen einfließen, sie sprach außerdem von dem Sonnenstrahl des Hauses, der letzten Hoffnung der Familie.

Renée wußte nicht so recht, was sie daraus machen sollte.

Als Sarah diesen Brief las, lachte sie. Sie lachte in einer sonderbaren Art und sah Renée an. – „Was sollen nur diese Redensarten von Tante Klara?“ frug Renée.

Sarah lachte, sie klimperte mit den Fingern auf der Tischplatte. – „Was? Er soll doch Groß-Gehren erben, der Wurm! Er soll es kriegen, und ihr kriegt nichts.“ –

„Wieso?“

„Nun ja, eben wie ich dir sage. Es war so bestimmt, im Falle daß Hannsbabo kinderlos starb.“

„Woher willst du das wissen?“ Sarah zuckte die Achseln. „Er hat es einmal gesagt, er war böse darüber.“ – Warum? Sarahs Augen gingen an Renée vorüber, sie antwortete nicht.

„Wann hat er es gesagt?“ – „Wenige Wochen ehe er starb. O ja, ich erinnere mich deutlich. Er ging mit mir die Treppe der Veranda hinunter, und er sah dich von weitem – du standest am Wasser, kleine Renée, und du sahst in deinen Mond, den du immer so liebst – – und er sah dich und sagte: ‚Ich mag es nicht, daß Renée sich so sehr an dieses hier hängt.‘ – Er antwortete nicht, als ich ihn frug. Er ging zu dir und küßte dich – weißt du noch?“

„Ja, ich weiß es.“

„Später erklärte er es mir,“ sagte Sarah. „Er hat gesagt: ‚Diese widerliche Horwitz-Sippe, dann wollen sie noch ihren scheußlichen Romannamen anhängen an unser gutes, altes Catte.‘“

Renée wurde traurig. Was denn? Entging _ihr_ etwas? Nein – sie hatte niemals daran gedacht. Nur irgend eine Abwehr war in ihr gegen diese fremden, gedankenlosen Leute – so als müßte man ein Kind hergeben, und das käme nun in fremde Pflege. –

Bill wurde gesund, und Renée fuhr hin, damit Elisabeth sich etwas erholen konnte von der Pflege.

Sie fand ihren Vater elend und angegriffen. Er ging ermüdet durch die Stuben, immer mit einem halb abwesenden Ausdruck – so war er nicht gewesen, als Hannsbabo starb.

Renée mußte so viel an ihren Bruder denken. Sie mußte daran denken, wenn sie die Glocken zum Feierabend hörte; die beiden Glocken, die brummende und die mit dem fröhlichen Geklingel, zwangen ihre Gedanken zu dem Kirchhof damals, wo sie ihren Bruder hinaustrugen – und da lagen sein Helm und sein Pallasch und Sarahs Rosen. –

Renée ging über die Dorfstraße. Ein paar Kinder liefen hin und her mit Gießkannen und gossen die Blumen auf den Gräbern der vielen kleinen Geschwister.

Renée ging durch die Kreuze und Steine. Die neuen waren häßlich. Da standen Kreuze in Gestalt eines Baumstammes, aus Stein natürlich. Sie hatten einen runden Schild mit der Photographie des Verstorbenen auf Porzellan. Nein, sie waren nicht schön. Aber darauf hingen Papierkränze, die die Schulkinder machten – die hingen auch in der Kirche, von roten, blauen und grünen Rosen, die kannte Renée so lange schon.

Der Efeu auf Hannsbabos Grab war dicht und dunkel. Renée zog die jungen Ranken fort von den Buchstaben.

Hannsbabo Friedrich-Wilhelm von Catte Kgl. Pr. Oberleutnant.

Er lag da neben Mama.

Renée mußte sonderbare Dinge denken: Einmal lieg ich da auch, vielleicht neben Hannsbabo – oder da rechts auf der Seite.

Sie mußte so sehr an den Tod denken – war es denn mit Furcht? Hatte sie Furcht? Es mußte doch einmal sein. Natürlich noch lange hin. Man wurde zuerst alt, dann wurde man krank, dann schließlich starb man – so war es doch – warum an den Tod denken.

Hannsbabo war so jung gestorben. – –

„Gottlob, ja wirklich, nun geht es dem lieben Kind ja wieder gut,“ sagte Tante Klara bei Tisch. „Nun sollst du selber auch mehr auf deine Gesundheit sehen, Wilhelm.“

Renées Vater sah auf, als die Tante ihn anredete. „Ist ja auch ein Blödsinn, den Jungen so einfach mit den Dorfkindern rumlaufen zu lassen,“ sagte er ärgerlich. „Ich wünsche nicht, daß das wiederholt wird!“ – „Da hast du ja völlig recht, lieber Wilhelm,“ sagte die Tante, „aber Elisabethchen meinte doch, daß Viktor –“

„Unsinn,“ erwiderte Papa. „Ich verbiete es hiermit! Der Müller hat einen ganz netten Jungen, der kann im Garten spielen mit Bill. Übrigens ist ja nun Renée da. Die kann sich etwas um den Jungen kümmern.“ – „Ja schon,“ sagte Renée, „außerdem spielen so kleine Kinder doch gewöhnlich allein. Er müßte eben anstatt dieser uralten, wackligen Kinderfrau eine Junge bekommen, vielleicht aus dem Lettehaus.“