Part 7
„Was ist das?“ – Doktor Tschernikoff begann leidenschaftlich zu gestikulieren: „Also man stellt die Dynamik, – das will sagen die Kraftmöglichkeiten eines Menschen fest bei normaler psychischer Verfassung. So und so viel kann er heben, tragen und so weiter, mehr nicht. Dann versetzt man ihn in Hypnose. Nun zeigt sich die Differenz aufs eklatanteste. Wir können es heute machen.“ –
„Ach, lieber nicht“ sagte Renée erschreckt, „sie ist schon so ermüdet.“
Der Doktor lachte verächtlich. „Nein, keineswegs. Das tut ja auch gar nichts zur Sache. In Trance fühlt sie keine Müdigkeit, keine Anstrengung, keinen Schmerz. Sie werden sehn“ – der Doktor lief hinaus. –
Die anderen Leute redeten Russisch. Sie bedeuteten Renée, daß sie leider _nur_ Russisch könnten, indem sie mit Gesten äußerster Hilflosigkeit sich auf die Lippen klappten und die Achseln zuckten.
Der Doktor riß die Tür auf und rief etwas Unverständliches. Er führte Margit an der Hand herein – in der Mitte des Zimmers lagen mehrere eiserne Gegenstände – altertümliche Waffen, es hingen eiserne Kugeln von verschiedener Größe daran. Margit hob eine, eine zweite, die dritte und vierte war zu schwer. Der Doktor versuchte sich daran und die anderen Russen. Sie schienen ziemliche Mühe zu haben – Renée bekam Lust. – Renée hob mit äußerster Anstrengung die dritte. „Dann ist diese selbstverständlich zu leicht, wenn eine Frau im normal psychischen Zustande sie heben kann,“ sagte Doktor Tschernikoff. „Wir werden also die vierte nehmen.“ – Renée versuchte die vierte. Sie brachte sie nicht vom Boden.
Der Doktor lächelte und nickte befriedigt vor sich hin. „Margit wird sie in der Trance heben,“ sagte er. Er führte Margit hinaus. Einer der Russen begann Flöte zu spielen. –
Dann kam Margit – sie ging mit steifen Schritten, deren Rhythmus sich dem des Flötenspiels sonderbar anschloß. – Renée war in großer Erregung. Sie wollte dazwischentreten und es verbieten – sie ging auf die Russen zu und sagte ihnen auf Französisch, sie müßten den Doktor zurückhalten. Es sei Wahnsinn, und Margit würde sich schaden, krank werden, sich ruinieren, wenn sie diese Kugeln hob. – Sie lächelten töricht, klappten sich auf die Lippen, zuckten die Achseln. –
Margit faßte das lange Ding an mit der großen, eisernen Kugel, sie brachte es nicht vom Boden. Der Doktor trat neben sie, er faßte sie bei den Schultern und sprach zu ihr mit einer leisen, monotonen Stimme – Margit versuchte es von neuem. Sie faßte es an – dann kam ein Beben in ihre Glieder, sie sagte: „Ich kann nicht.“ Der Doktor redete auf sie ein – sie warf die Hände vors Gesicht und weinte. – Die Türen wurden geschlossen.
Renée wollte warten, wollte Margit beruhigen, ihr irgendwie helfen. Sie blieb. Die Russen gingen, sie verbeugten sich ungeschickt an der Tür. –
Nach einer langen Zeit, es mochte eine Stunde sein, kam Margit. Sie trug wieder Schwarz und sah wieder blaß aus.
Sie kam langsam auf Renée zu, die aufgestanden war. – „Was haben Sie mir getan? Wenn Sie es doch nicht getan hätten.“ – „Was denn?“ Margit lehnte sich ans Fenster. Sie stützte die Arme auf das Brett. „Warum haben Sie das gesagt, ich sollte dies unmögliche Ding aufheben?“ – „Ich – ich wollte nur selbst versuchen, ich habe doch gar nichts gesagt! Ich wollte sehen, wieviel Kraft Sie hätten in der Trance.“
Margit lachte höhnisch: „Ich sage Ihnen, es ist Unsinn. Ich kann das andere heben mit der größten Anstrengung – dieses nicht, dieses ist viel zu schwer, nie kann ich das.“ –
„Aber Doktor Tschernikoff sagte doch, in der Hypnose ...“
Margit lachte – wie das Schreien von irgend einem Vogel klang es. –
„Ja – gewiß. Er meint das. Ich lasse ihn dabei. Aber es ist Unsinn.“ –
„Warum sagen Sie ihm das nicht einfach?“ – Margit stieß einen harten Laut aus, lachte: „Sagen? Dann ginge er fort! Dann – ginge er fort –.“ Ihre Worte klangen wie ein Wimmern. –
„Ich verstehe es alles nicht,“ sagte Renée. Margit trat vor sie hin; während sie sprach, stand sie ganz nah und schüttelte die Fäuste vor Renées Gesicht – immer dicht vor Renées Augen. –
„Er liebt mich nicht,“ schrie sie, „nicht mich. Nur das Mediale. Nur diesen Unsinn, das Hirngespinst, die Qual. Das liebt er. Und wenn ich es ihm nicht tue, geht er fort – geht fort.“ –
Sie trat zurück ans Fenster, sie sprach weiter, ihre Sprache wurde lauter, heller, schließlich gellend – schließlich schrie sie: „Er geht fort. Nur dies hielt ihn noch!“ ... Sie weinte. –
Renée streichelte ihr Haar, ihre Hände, in dem verzweifelten Bemühen zu trösten. „Sie müssen nicht weinen, Margit. Sehn Sie, das lassen Sie nun alles und trennen sich von diesem Menschen. Sehn Sie, Sie können, Sie dürfen diese Dinge nicht mehr tun. Es sind ja Wahnideen von ihm.“
„Nein,“ schrie Margit. „Ich kann nicht. Ich kann ihn nicht lassen.“ –
Renée wußte ihr nicht zu helfen. Es grauste ihr, und eigentlich fand sie alles maßlos und wahnsinnig – und eigentlich wäre sie am liebsten fortgelaufen, ohne sich auch nur umzusehen. –
„Ich merke, nun kommt Ihnen der Ekel vor der ganzen Bagage,“ sagte Margit Roeren.
Renée schämte sich ihres Gedankens und schämte sich, verstanden worden zu sein. – „Reden Sie doch nicht so,“ sagte sie. „Es ist nur, ich möchte helfen und weiß nicht wie, und ich meine, Sie sollten diese Dinge nicht weiter tun.“ –
Margit Roeren sah Renée mißtrauisch an. „Am Ende tun Sie besser, sich nicht mit diesen Dingen zu befassen, Fräulein von Catte,“ sagte sie. Renée überhörte das. Sie nahm Margits Hand. Sie sagte: „Sie müssen sich von diesem Menschen trennen, Sie dürfen diese furchtbare Komödie nicht weiter aufführen. Und dann – ich muß Ihnen sagen, ich glaube, dieser Russe ist verrückt, geisteskrank.“ –
Margit Roeren schüttelte den Kopf. „Sie Unschuld – o Sie Unschuld!“ Sie lachte, sie wollte gar nicht aufhören mit Lachen. – Es war ein so widerliches, ein so widerlich-überlegenes Lachen. – Renée ging eilig fort. –
Als sie auf der Straße war, fiel ihr allerlei ein:
Ein peinlich penetranter Geruch war in den Räumen gewesen von Parfüm und Räucherwerk wohl, und es war so eine exotische Einrichtung mit lauter Fellen und Waffen. –
Und wie diese Russen sich immer auf den Mund schlugen, wie blöde sie grinsten. –
Dann, als Renée nach Hause kam, hatte sie richtig ein schlechtes Gewissen gegen Papa. Papa hatte es doch gleich gesagt. Dann dachte sie: Das arme Ding! Muß ich ihr nicht helfen? Ist es nicht eines Menschen Pflicht? Und wiederum war sie nicht so ganz sicher in dieser Auffassung. –
Eines Abends kam Sarah. Renée war in ihrem Zimmer und las; manchmal sah sie über das Buch weg auf die Straße, wie die Straße glitzerte vom Regen. Im feuchten Asphalt spiegelten sich die Flammen der Laternen und die Bogenlichter vor den Läden. – Jemand öffnete leise und sagte ihren Namen. –
„Wie ist das schön, daß du ein wenig kommst, Sarah. Und wie geht es Hannsbabo?“ – „Es ist nichts Neues mit ihm.“ Sarah setzte sich auf die Bank hinter Renées Schreibsessel. – „Ich sehe ihn wenig. Und du – was tust du, Renée?“ –
Renée lachte: „Was eigentlich? Nichts. Ich sitze so da und habe ein Buch vor der Nase. Und nun freue ich mich, daß Sarah da ist.“
Sarah betrachtete das Buch. – „Geschichte,“ sagte sie. „^Oh dear.^“ Dabei zog sie ein ganz klein bißchen den rechten Mundwinkel herunter. „Ist das nun sehr langweilig?“ –
„Hast schon recht, Sarah. Außerdem behält man nichts. Man hat immer am Ende den Anfang vergessen.“ Sarah faßte das Buch an beiden Seiten und klappte es zu: „Bumms! Ich möchte mit dir was sprechen, kleine Renée. Sag mir, glaubst du, dein Vater ist böse auf deinen Bruder?“ –
„Ich weiß nicht.“ – „Und sage mir, weiß dein Vater von der Sache mit dem Prinzen?“ –
Renée wußte das nicht. Renée wollte sich gleich erkundigen, wenn Sarah wünschte. – Sarah begann hin und her zu wandern im Zimmer. Sie redete in kurzen Sätzen, indem sie die Worte langsam aussprach mit einer gewissen Bedenklichkeit. –
„Es ist dies geschehn,“ sagte sie. „Der Prinz hatte sich sehr mit Hannsbabo angefreundet. Ich weiß nicht, was sie so aneinander fesselte. Aber er kam fortwährend. Man wurde ihn gar nicht los. Hannsbabo brachte ihn mit vom Dienst, vom Reiten um sechs, und um Mitternacht saß er noch da. Und nun das Sonderbarste. Hannsbabo war bei aller Freundschaft in irgend einer Weise eifersüchtig auf ihn.“ –
Sarah hob ein wenig den Kopf beim Gehen, nur sehr wenig, und sah nach Renée. – „Er hatte keinerlei Grund,“ sagte sie. „Der Prinz also kam jeden Tag. Und dann war bis in die Nacht hinein ein großes Gelärm. – Dann paßte es mir nicht mehr. Ich ging um zehn zu Bett und sagte, ich wäre sehr müde. Der Mensch blieb. Er war noch nicht müde. Er saß mit Hannsbabo bis zwei. Sie tranken. Sie tranken ohne Ende. Dann verbot ich das. Hannsbabo versprach: ‚Morgen schick ich ihn um elf weg‘.
„Um Mitternacht gab es einen großen Lärm vor der Tür meines Zimmers. Und dann schimpften und rauften sie und forderten sich. – Dies ist widerwärtig. Es genügt, was ich erzählt habe. – – Ja, was ich wissen wollte, ist dies: In welcher Form ist die Sache an seinen Vater gelangt?“ –
„Ich glaube nicht, daß Papa davon weiß.“
„Ich wünsche, daß er es weiß,“ sagte Sarah.
„Aber Sarah, warum denn? Laß es doch. Nachher wird Papa nur böse gegen Hannsbabo und Hannsbabo wird böse – o, es ist so furchtbar, wenn die beiden aneinanderkommen.“ –
Sarah stand einen Augenblick still. –
Sie betrachtete Renée. Sie lächelte – fast nur mit den Lippen – dann warf sie den Kopf zurück mit dieser sonderbar schroffen Bewegung. –
„Ich konnte mir das denken, daß du viel zu sehr _ihn_ lieb hast, um diese Sache irgendwie einzusehn,“ sagte sie. „Ich werde nicht mehr davon mit dir reden.“ Sarah ging hinaus.
„Sei doch nicht bös, Sarah, hör doch.“ – Renée lief ihr nach.
Sarah nickte ihr lächelnd zu. Sarah warf ihren großen braunen Pelz um. Kaum hörbar schloß sie die Tür. –
Was konnte nur geschehen sein? Renée wurde die ganze Zeit das drückende Gefühl eines Unrechts gegen ihren Bruder nicht los. Sie hätte ihn warnen müssen, falls Papa es doch erfuhr. Damit er vorbereitet war. Damit er nicht so erschrak. Nicht überrascht wurde. Und dann wieder – Sarah war zu ihr gekommen aus Vertrauen. Nun sollte sie vorgreifen – sollte das, was Sarah gesagt hatte, ausbeuten zu einer eignen ‚guten Tat‘. –
Papa schien doch irgend etwas zu wissen. Er studierte das Militärwochenblatt so genau. –
In den Lateinstunden saß Margit Roeren Renée gegenüber, ohne sie anzusehn. Und wenn Margit Roeren aufsah, so war es ein scheuer, trauriger Blick. Renée fühlte sich gequält, hilflos, weil sie nicht helfen konnte. –
Es war wie eine Befreiung, als sie mit Papa nach Groß-Gehren übersiedelte. Es war frei und gut, in dem großen Garten mit den graden Buchsbaumwegen umherzugehn. –
Nun sah sie wieder das dunkle, dunkle Wasser, und gegen den Juni begann das einförmige Quaken der Frösche an den warmen Abenden. Und alles dies machte ruhig, gab eine weiche Müdigkeit. – –
Im Sommer kam Elisabeth. Sie brachte das Baby mit. Bill wurde in das große, weiße Zimmer einquartiert, das Renée als Kind gehabt hatte. Elisabeth sorgte viel um ihn. Renée sah sie kaum in der ersten Zeit.
An einem Sonntag kam Viktor herüber. – Am Abend dieses Tages fand Renée Elisabeth sonderbar verstört und erregt. Elisabeth wartete nicht, bis Papa seine abendliche Zigarre geraucht hatte; schon als Papa vom Tisch aufstand, zog sie Renée in den Garten.
„Was Viktor erzählt hat,“ begann sie, „diese Skandalgeschichte von Sarah. Ich sage dir –“
Renée wußte erst gar nicht – „Skandal, was denn?“ Elisabeth hatte sie unter den Arm gefaßt. – „Denke dir, was angefangen hat sie mit Prinz Johann; Hannsbabo hat ihn gefordert.“ –
Renée fuhr auf. „Es ist unwahr,“ sagte sie, „das ist eine ganz gemeine Lüge.“ – Sie erzählte, was sie von Sarah wußte. Elisabeth unterbrach sie nicht. Elisabeth munterte sie auf durch Fragen – Zwischenreden. –
Zum Schluß sagte Elisabeth: „Recht gewandt hat sie sich herausgelogen.“ –
Renée war außer sich, rief Elisabeth irgend ein Schimpfwort nach und lief ins Haus. –
Sie wartete gar nicht auf Entgegnungen und Erklärungen. Sie schrieb an Hannsbabo. Als sie zur Post ging, daß der Brief noch mitkam, fiel es ihr irgendwie auf die Seele, daß sie vielleicht anders hätte schreiben sollen – ruhiger – vorsichtiger. –
Vor der Postagentur traf sie den Boten, der nahm ihren Brief mit. –
Elisabeth sagte, es sei empörend, welche ungehörige Ausdrucksweise Renée habe; natürlich könnte man nichts mit Renée ruhig besprechen. Dieses ewig auffahrende, heftige Wesen, das sie bereits in der Kindheit zur Schau getragen hätte. –
„Als Kind hattest du vierzehn Erzieherinnen, da auch niemand es mit dir aushielt,“ sagte Elisabeth. Sie murmelte dann etwas von Unreife.
Von Hannsbabo kam die Antwort:
„Du tust mir unrecht, wenn du glaubst, ich sei lässig, Sarahs Ehre, die die Meine ist, gegen jedermann hochzuhalten. Ich danke dir. Ich habe an Elisabeth geschrieben.“
Am Abend rief Papa Renée zu sich. „Es ist durchaus indiskret von dir,“ so sagte er, „daß du Elisabeths natürlich unter vier Augen geäußerte Dinge weitergegeben hast. – Du wirst nun sorgen müssen, daß wenigstens die Version, die ich jetzt, um die Spitze abzubrechen, der Sache gegeben habe, aufrecht erhalten bleibt, auch von dir aus,“ – Papa betonte das, – „nämlich daß Elisabeth es nicht von Viktor gehört hat, sondern von irgend einer alten Dame, deren sie sich nicht genau erinnert und daß –“
„Pfui, ist der Viktor ein feiger Kerl!“
„Rede doch nicht immer so unreifes Zeugs,“ donnerte Papa. „Glaubst du etwa, ich habe Lust, mir Sohn und Schwiegersohn aneinanderhetzen zu lassen von eurem albernen Weibergewäsch.“ –
Renée wurde wütend: „Ich kann nichts dafür, und daß ich indiskret wäre, laß ich mir auch nicht sagen und überhaupt gehört das für Elisabeth, dein Schelten.“ –
„Na ja, es ist sehr töricht von Elisabeth,“ sagte Papa einlenkend.
Renée antwortete nicht. Sie lief ärgerlich fort und ließ Papa allein. Draußen stolperte sie fast über Bill, der sich brüllend auf der Erde herum rollte. –
Sie mußte lachen auf einmal. – Da war der Cattesche Hartschädel auch schon in dem winzigen Kerl. –
„Na, ein Gutes haben solche Geburtstage doch,“ sagte Papa eines Morgens. „Die zerspaltenen Familienmitglieder sammeln sich.“ – Elisabeth horchte auf. –
„Also Hannsbabo und Sarah werden am achten hier eintreffen und eine Zeit seines Urlaubs hier verleben.“ –
Elisabeth beugte sich vor, aber da Papa bereits den Brief wieder zu sich steckte ... „Wer schreibt?“ frug sie. „Sarah schreibt,“ sagte Papa, „und Hannsbabo schließt sich mit Grüßen an.“ –
Nach dem Kaffee konnte Elisabeth es doch nicht aushalten. So herrlich und ersprießlich auch Bills Gesellschaft war, über Sarah und Hannsbabo konnte man nicht mit ihm reden, unmöglich. – Elisabeth mußte also mit Renée vorlieb nehmen. –
„Warum, glaubst du, kommen sie?“ frug Elisabeth. Renée sagte: „Ich ahne es nicht.“
„Ach, Renéechen, sei doch nicht immer so muffig.“ – Renée schwieg. „Ob Sarah wieder einen besseren Eindruck hervorrufen will in der Familie?“ – –
Renée holte sie von der Bahn. Wie sie so dastand und den Zug von weitem kommen sah, den winzigen, schwarzen Punkt neben der hellen Rauchflocke – wurde ihr ein wenig angst. Wie würde Papa ihn empfangen, und Elisabeth – wenn sie nun wieder ihre taktlose ‚Offenheit‘ hervorkehrte! – – Hannsbabo stieg aus. – Renée sah es gleich, wie blaß er war – nach ihm kam der Machnower Arnim – dann stieg Sarah aus. Herr von Arnim hatte ihr die Hand gereicht. Renée begrüßte sie, nahm Sarah den Schirm ab. – Hannsbabo ging voran. Während der Fahrt mußte Renée sich Mühe geben, ihn nicht immer anzusehen. Ein sonderbarer, kleiner Zug war um seinen Mund von Überdruß. –
Sarah frug nach Papa, nach Elisabeth, nach dem Baby. Sie sprach schnell und aufgeregt. Nicht einmal richtete sie das Wort an Hannsbabo. –
Nach dem Abendbrot saß man auf der Veranda draußen. Papa rauchte, neben ihm saß Sarah. Hannsbabo ging hin und her auf dem Platz am Wasser, und manchmal blieb er stehn – vielleicht hörte er zu, was sie sprachen. –
Auch Elisabeth war da. Sie saß Sarah gegenüber mit irgend einer Näharbeit für Bill. Alle schwiegen. Papa sah ab und an zu Hannsbabo hinüber, nur so mit den Augen, ohne eigentlich den Kopf zu bewegen. Er sah müde aus, und Renée fand, man merkte auf einmal etwas von seinem Alter. Plötzlich hörte Renée Sarah sprechen – sie wandte sich um. –
Sarah hielt den Oberkörper ein wenig vorgebeugt und stützte die Hände auf die Platte ihres Stuhles. Sie hielt die Lider der Augen halb geschlossen und sprach. –
„Du hast, Elisabeth,“ sagte sie, „es für richtig befunden, einen unverschämten Klatsch, welchen irgend einer deiner Freundschaft dir hinterbracht haben mag, über mich zu verbreiten. Ich mache dich aufmerksam, daß ich derlei nicht zulassen kann,“ – sie machte eine Pause. – Elisabeth hielt ihr Nähzeug in der Hand und betrachtete mit starrem Entsetzen Sarah. –
Papa – ein ganz bißchen lächelte er – hielt seine Zigarre steif vor dem geöffneten Munde und betrachtete erstaunt Sarah. Sarahs Gesicht blieb unbewegt. Kaum daß sich unter den Lidern ein wenig die Augen hoben. –
„Ich erwarte,“ fuhr Sarah fort, „daß du mir den Brief zeigst, den du zur Regelung der Sache an den Urheber augenblicks schreiben mußt, ich werde dann den Brief abschicken. Ich denke, nach dem wirst du dich bei mir entschuldigen. – Dann würde ich die Sache für erledigt erachten.“ –
Renée sah genau Sarahs Gesicht. Eben jetzt kam das heimliche Lächeln, das Sarah manchmal hatte, das nur von den Lippen herrührte. – Sarah sagte: „Andernfalls wird dein Bruder die Angelegenheit mit dir und deinem Manne zu erörtern haben.“
Hier mischte sich Papa hinein. Er beugte sich vor, klopfte mit einer besonders ruhigen Art die Asche von seiner Zigarre und sagte: „Oho, Sarah. Nur nicht gleich so tragisch. Müssen denn immer die Männer wegen solcher Lappalien auf die Beine gebracht werden?“ – Sarah wandte sich herum – eigentlich fuhr sie herum – und sah Papa ins Gesicht.
„Das ist nicht ‚Lappalien‘,“ sagte sie. „Das ist die Hauptsache.“ Sie erhob sich, sie sagte: „Ich überlasse das Weitere deinem Sohne.“ Dann ging sie zur Tür. – Renée sprang auf, im selben Augenblick erhob sich Papa. – „Aber Sarah, bleib mal hier, nicht wahr, und laß uns die Sache ruhig besprechen – schließlich –“
„Ich werde hierbleiben,“ antwortete Sarah. „Aber ich muß an dem festhalten, was ich bereits sagte. Wenn es dir recht ist,“ – Sarah sah mit einem außerordentlich zuvorkommenden Lächeln zu Papa hinüber – „wenn es dir recht ist, so gehe ich ein wenig mit Renée in den Garten so lange. Würdest du mir meine Jacke geben, Renée?“ –
Als Renée mit der Jacke zurückkam, fand sie Sarah und Hannsbabo am Wasser. Sie standen nebeneinander. Es schien, sie sprachen nicht. – Sarah schob ein wenig ihren Arm unter Renées Arm beim Gehen.
Sie waren schon eine ganze Weile gegangen, dann frug Sarah: „Warum sagst du nichts?“ –
„Dieses Ganze bedrückt mich so,“ antwortete Renée. „Ich weiß nicht eigentlich den Grund.“ – „Was ist es? Meine Angelegenheit mit Elisabeth? Aber –“ „Nicht eben das, Sarah. Aber sage mir, wie kommt es, daß diese Sache überhaupt geredet worden ist?“ – Sarah machte ein hochmütiges Gesicht. „Weil sich dein Bruder außerordentlich taktlos verhalten hat,“ sagte sie.
Renée dachte daran, wie sie Hannsbabo heute wiedergesehen hatte, mit diesem Überdruß im Gesicht. –
„Oh. Sarah. Wie ungerecht du bist. Er leidet nicht weniger, weiß Gott, als du.“ – „Ich leide nicht darunter,“ antwortete Sarah. – Renée sah sie an, erstaunt, sah Sarahs ruhiges, gleichmütiges Gesicht. „Mir ist es völlig einerlei,“ sagte Sarah. „Nur – es paßt mir nicht, das Odium irgend einer Handlung auf mich zu nehmen, die ich weder getan habe, noch die zu tun mir irgend eine Annehmlichkeit bedeuten könnte.“ –
„Es paßt dir nicht? Aber du begreifst gar nicht, Sarah. Es ist Hannsbabo, der leidet – und nicht du. Ein Mensch will doch niemals denjenigen, den er liebt, leiden machen. Ich glaube, hassen müßte man alle, die ihn leiden machen. – Oh, und selbst einer zu sein von denen, die ihn quälen – entsetzlich ist das –“
Sarah wandte sich um. – „Kleine Renée,“ sagte sie, „du phantasierst!“ –
„Sag mir doch, Sarah, fühlst du das nicht?“ – „Es gibt viel mehr Versionen der sogenannten Liebe, als du es ahnst,“ antwortete Sarah. – „Aber wenn man doch sieht, daß der andre Mensch leidet – leidet. Wenn man sieht, daß jede Freude, jedes Glück, jedes Lächeln von ihm genommen wird – und bleibt nichts als Bitterkeit.“ –
Sarah und Renée gingen weiter; sie schwiegen beide; auf einmal blieb Sarah stehn, faßte Renée den Armen. – „Meinst du mich?“ sagte sie mit einem bösen, schroffen Ton. „Dich? – ich weiß nicht – ich meine niemand.“
Sarah wandte sich zum Gehen. – „Solltest du mich meinen,“ sagte sie, „so irrst du dich einigermaßen. Du wirst das wohl selber bald einsehn.“ –
Sie gingen zum Haus zurück. –
Als Renée nach einer Stunde etwa zur Veranda kam, war niemand mehr da. Sie fand Papa in seinem Zimmer.
„Es ist eine verteufelte kleine Person, diese Sarah,“ sagte er, „Donnerwetter, die ist dazwischen gefahren! – Und den Jungen hat sie an der Strippe.“ –
„Was ist denn noch gewesen,“ sagte Renée. „Na, sie hat ja nicht so ganz unrecht,“ sagte Papa. „Elisabeth wird fernerhin ihren Mund etwas hüten müssen. Der Viktor ist eben ein bißchen schlapper Kerl. Na – hat Sarah dir sonst noch was anvertraut?“ –
„Nein,“ sagte Renée, „gute Nacht, Papa.“ Sie küßte Papas Stirn. „Gute Nacht, mein Kind.“ –
Elisabeth war von sanfter Güte von nun an gegen die Schwägerin. Es zeigte sich schon am andern Morgen, es zeigte sich vornehmlich darin, daß sie Partei ergriff gegen Hannsbabo. –
Elisabeth und Renée saßen am Kaffeetisch. – Hannsbabo kam. Er sagte kein Wort. Er setzte sich schweigend. – Elisabeth markierte ein verzeihendes Lächeln. – „Kommt Sarah auch schon?“ frug sie. – „Ich weiß nicht“ – „Nun, du hättest doch wirklich einmal nach ihr sehen können, ehe du heruntergingst, ich finde –“
„Laß das alberne Geschwätz,“ sagte Hannsbabo. – Er sah nicht um sich. Er nahm vom Brotteller, was er gerade zu fassen bekam, und fing an es zu essen. – Renée reichte ihm die Butter, er nahm es nicht an, er sagte: „Laß mich in Ruh!“ –
Dann kam Sarah. Elisabeth lief ihr aufgeregt entgegen – dann ging sie hinaus. Man hörte sie Toast bestellen für die gnädige Frau, daß sie ja recht heiß hereinkämen.
Hannsbabo sah gar nicht auf. – Sarah trat an den Tisch, einen Augenblick blieb sie stehn, sah ihn an. Hannsbabo wandte ihr langsam die Augen zu – bewegte nur die Augen. –
Renée fühlte eine atemlose Angst plötzlich – was würde geschehn. Sie murmelte irgend etwas von Schokolade, die Johann wieder vergäße, und lief hinaus. –
Später sah sie Hannsbabo auf dem Balkon sitzen, da wo man ganz weit hinsehen kann über die Fläche des Wassers. Er saß still gegen den hellen Himmel. –
Eine Weile betrachtete ihn Renée. Sie war gar nicht weit, aber er sah sie nicht. Er nahm den Blick nicht weg vom Wasser. Gerade in den Horizont sah er hinein, da wo Wasser und Himmel in einem sanften Grau zusammenkamen. –
Was dachte er wohl? Dachte er an früher? Dachte er jetzt an seine Kindheit – wie Renée es eben tat – seine Kindheit, die mußte viel schöner gewesen sein, als damals, wo Renée klein war.
Für Hannsbabo gab es noch die Mama, die sie die ‚schöne Frau von Catte‘ nannten, die blond war und die so schöne Märchen erzählte. Wenn Renée nachdachte – wie wenig eigentlich wußte sie von der Mama. Glücklich war sie nicht gewesen und so früh gestorben. – – –