Part 3
Auf der Veranda saß Elisabeth. Sie kernte Johannisbeeren aus mit einer Haarnadel. Neben ihr rechts stand eine Kiepe voll Beeren, links ein Topf, wo die ausgekernten hineinkamen. Renée setzte sich dazu und fing an. Man brauchte fünf Minuten für eine Beere. Am Schluß war von der Beere nur noch die Haut übrig. Sie warf es ärgerlich fort. „Ich begreife nicht, wie ihr ein so albernes Kompott machen könnt.“ Elisabeth steckte eine Beere in den Mund. „Wenn dein Vater wünscht, daß dieses Kompott bei den Exzellenzendiners gegeben wird, so wird das wohl nicht albern sein,“ sagte sie. Renée hatte Streitlust. „Red’ doch nicht so einfältig. Das ist doch Papa total einerlei. Und außerdem Exzellenzendiners“ – sie wiederholte das mit umständlicher Aussprache – „Als ob der olle Gagern und der olle Pressenthin nicht ebensogut Appelkompott essen könnten.“ – „Die Leute erwarten eben, daß es in einem vornehmen Hause etwas Anständiges zu essen gibt.“ Renée lachte. Sie sagte: „Na dann täuschen sie sich halt.“ – Elisabeth beharrte in Schweigen. –
Im Laufe des Sommers gab es zwei Ereignisse: Der neue Landrat machte Besuch, und es kam eine Einladung zum Essen nach Waldburg. –
Der neue Landrat fuhr eines Tages mit einem Schimmel-Tandem und einem rot lackierten Wagen vor, der mit rotem Leder ausgeschlagen war. Er bewies dadurch Eleganz und Wohlhabenheit. Renée wurde das Ereignis gewahr, als sie Elisabeth dröhnend ins Schlafzimmer laufen hörte, wo sie ihre Haare zu brennen begann. „Luise, meinen schwarzen Rock!“ tönte es durchs Haus. Renée weigerte sich hinunterzugehen.
Der Besuch saß also mit Papa und Elisabeth auf der Veranda. Renée guckte ein bißchen aus dem Fenster heraus und hörte jemanden mit einer näselnden Stimme in abgerissenen Sätzen reden. „Jawohl, Herr General – ganz recht. Die Geselligkeit in unserem Kreis ist etwas – hm – latent.“ – Renée zog schnell den Kopf zurück und lachte ins Zimmer hinein. War das ein Scheusal! –
Nach einer halben Stunde kam Elisabeth befriedigt herauf. „Herr von Horwitz ist ein angenehmer Mensch,“ sagte sie, „mit vornehmen, gediegenen Ansichten.“ „Gott segne ihn.“ antwortete Renée. –
Den Herrn mit den gediegenen Ansichten traf man auf dem Diner in Waldburg. Dieses Diner war Renées ‚erstes Auftreten‘. Aber man nahm sie noch nicht ganz für voll. Sie hatte einen Tischnachbar von ausgesprochener Jugendlichkeit. Er war Student. Er befand sich im zweiten Semester. Er vertraute Renée an, daß er durchaus für das Frauenstudium eingenommen sei und daß er nur jeder Dame dringend dazu raten könne. Die männlichen Kommilitonen wären von zuvorkommendster Höflichkeit, und es sei doch auch sehr interessant. Renée hörte die Schwierigkeiten der Gymnasialbildung, und es sei eben ganz was anderes als diese löcherige Mädchenschulbildung, und Renée versprach ebenfalls Medizin zu studieren, wenn es dazu käme, und sich nicht durch hochmütige Vorurteile von Verwandten davon abhalten zu lassen.
„Arzt sein, Menschenhelfer, das ist der einzige vornehme Beruf,“ sagte der Student. Er sagte: „Mein Gewissen würde nicht ruhn, wenn ich einen so unsozialen Beruf ergriffe, wie etwa den des Juristen oder des Theologen.“ – Renée wandte ein, von seinem Standpunkt aus habe auch der Theologe einen sozialen Beruf. Aber sie mußte hören, das sei – pardon, ohne ihr zu nahe zu treten – Unsinn. Der Student redete noch, als man von Tisch aufstand und redete weiter durch drei Zimmer hindurch. Renée dachte: Wenigstens viel gegessen hab ich, und er hat fast gar nichts gegessen. –
Der Student bot ihr eine Zigarette an. „Der verehrten Kommilitonin ^in spe^,“ sagte er. Renée paffte lustig in die Luft.
Die alte Gräfin Arnim schlich vorbei am Arm ihres Schwiegersohnes und wedelte sich mit dem Fächer den Rauch aus dem Gesicht. –
Auf der Rückfahrt sagte Papa: „Renée, du hast dich, wie ich höre, höchst unmanierlich dort betragen. Ein junges Mädchen muß mehr Haltung besitzen. Merke dir das!“ – „Das Rauchen wünscht Papa auch nicht,“ sagte Elisabeth.
Hannsbabo war gekommen mit der Schwägerin. Sie war von sehr zierlicher Gestalt, sie lächelte viel, während sie zum allgemeinen Entzücken ihr Kauderwelsch redete, und sie nannte Renée: ‚Darling‘. Es war ihrem Kommen schon allerhand vorangegangen:
Elisabeth sagte: „Sie hat vier Koffer, schreibt Hannsbabo, das wird wohl die Ponykarre kaum schaffen.“ Und Elisabeth stand eine halbe Stunde dabei, als die Mädchen die Zimmer herrichteten. Außerdem waren ein Baumkuchen aus Salzwedel und mehrere Pakete aus Berlin angelangt. Ja, die Schwägerin nannte Renée: ‚Darling‘. Sie zog dabei den einen Mundwinkel schief und bekam ein Grübchen am Kinn. Hannsbabo war mit einer müden Dienstfertigkeit um sie herum. Sie empfing jeden seiner Dienste mit einem leisen, halb bedauernden ‚Oh‘ – meistens stand Hannsbabo an der Verandatür und trommelte gegen die Scheiben.
Eigentlich waren alle Leute sonderbar, während die Schwägerin zu Besuch war. Papa sprach mit einer gemäßigten Stimme, so als habe er immer ein weinendes Kind zu beruhigen, und Elisabeth erzählte mit aufflammender Begeisterung von den Reizen der Hoffeste. „Ich tue das, damit sie die Vorteile ihrer Heirat sieht,“ erklärte sie Renée. Indessen hatte die Schwägerin nur geantwortet: „Wir werden ja sehn; wir werden diesen Winter den Hof besuchen.“ Überhaupt – nun, Elisabeth würde es nochmals probieren.
Abends ging Renée mit Hannsbabo durch den Garten. Und als sie an das große, runde Rosenbeet gekommen waren, da sagte Renée: „Hannsbabo, liebst du Sarah?“ Hannsbabo wandte ihr einen kurzen Augenblick das Gesicht zu – dann lächelte er – dann legte er den Arm um ihre Schulter. „Du kleiner Bub Renée,“ sagte er. Renée schwieg. –
Als sie den Weg an der Weinmauer zurückgingen, war es dämmrig, so dämmrig, daß man nur an ihrem Duft die Rosen spürte auf dem runden Beet. – Nach dem Abendbrot erfuhr Renée, daß die Schwägerin Elisabeth eingeladen habe nach Berlin, und sie würden im Bristol wohnen, und Elisabeth strahlte. Die Schwägerin sprach den Abend hindurch und lachte und nannte Papa einen schönen alten Herrn, während Hannsbabo in den Zimmern umherging und die Bilder betrachtete, die er doch von Kind auf kannte.
In der Nacht dachte Renée vielerlei, und es fiel ihr ein, daß Hannsbabo ihr einmal die Photographie einer Frau in Pagenkleidern gezeigt hatte, und von dieser Frau träumte sie. –
So war jener Besuch verlaufen. Renée hörte Papa bei Tisch sagen, daß Sarah eine reizende kleine Frau sei, und Renée erinnerte sich nicht, solcherlei oft von Papa gehört zu haben. Papa hatte das Lob der Nachbarn geerntet. Papa hatte Genaueres erfahren über Sarahs Gelder und deren Anlage. Papa war befriedigt.
Im Herbst gab es die Vorbereitungen für den Winter, das Anprobieren, die Besuche, die Tanzstunden, und gegen den Dezember kamen Papa und Renée nach Berlin. Eigentlich ging eine ganz neue Art von Leben an. Beständig war in einer selbstverständlichen Art von Renée und ihren Bedürfnissen die Rede, und Renée sah sich als Mittelpunkt einer Anzahl von Geschäftigen; und während sie mit der undankbaren Gleichgültigkeit dessen, der nun endlich zu seinem Recht kommt, alles geschehen ließ, dachte sie an die schöne sonderbare Zukunft. –
Renée ging mit Papa die Schloßtreppe hinauf. Vor ihr und hinter ihr stiegen Frauen mit glitzernden Kleidern von schwerem Stoff, und Männer, die sich kaum regen konnten vor Goldbesatz und Troddeln. Die Treppe war viermal so breit als gewöhnliche Treppen, und an jedem Absatz standen zwei haushohe Grenadiere, regungslos wie in Castans Panoptikum. Nebenher lief in ungeheuerlichen Windungen die steile Auffahrt, auf der des Kaisers Vorfahren, Gott mag wissen wie, mit achten heraufgefahren sind. Renée hielt sich eng an Papa, der die goldstrotzenden Männer begrüßte und ab und an einer von den Frauen die Hand küßte. Er tat, als ob er sie alle genau kennte, obgleich er gleich darauf Renée mit dem Ellbogen puffte und fragte, wer es gewesen sei. –
Oben ging Papa hinter Renée her, und in einem großen Zimmer mit schwatzenden, jungen Mädchen trat er auf einen freundlichen, alten Herrn zu, dem der goldne Schlüssel auf dem linken Frackschoß klebte, und sagte, hier bringe er seine Tochter. Der alte Herr sagte: „Oh, sehr erfreut,“ und dann gab er Renée die Hand und teilte ihr mit, daß sie zwischen der Komtesse Itzenplitz und Fräulein Frida von Roeder zu gehen käme.
Als Papa fort war, sagte der alte Herr, Renée solle sich ja nicht beunruhigen, es werde ja sicher alles tadellos gehen und er werde sich nachher erlauben, den Damen noch einige Winke zu geben – dann rief ihn ‚die Pflicht des Dienstes‘. So stand Renée allein in den Elisabethkammern, hielt die große Schleppe noch genau so, wie sie ihr zu Haus über den Arm gelegt worden war und betrachtete ihren Schleier und den ganzen sonderbaren Aufputz im Spiegel gegenüber.
Man wartete ein bis zwei Stunden, währenddes gab der Kammerherr ihnen die Winke: nicht zu tief, weil sie sonst nicht wieder hoch kamen, und vor allem recht ruhig und mit einer gewissen Feierlichkeit. Von diesem Moment an sah man die Neu-Vorzustellenden würdevoll aufeinander zuschreiten und auf den Erdboden versinken. Sie erhoben sich mühsam.
Ab und zu guckten ein paar Damen und Herren durch die Tür und betrachteten die ‚Neuen‘. – –
Renée erwachte aus einem Halbschlaf, als das Schleppenende vor ihr sich in Bewegung setzte. Sie ging hinterher durch die Reihen der Pagen und Lakaien und behielt den rundlichen Rücken der Komtesse Itzenplitz fest im Auge. Dann riß man ihr die Schleppe vom Arm, die sorglich ausgebreitet wurde und von nun an wie ein wundervoller weißer Schweif hinter ihr drein kam.
Im Rittersaal hob ein Kammerherr beschwichtigend und Einhalt gebietend die Hand, und Renée wartete ab, bis die rundliche Komtesse vor den Majestäten versunken und wieder erstanden war, worauf auch sie in würdevoller Haltung sich zum Thron begab. „Fräulein Renée von Catte,“ sagte die Oberhofmeisterin vernehmlich, und während Renée den viel probierten Knix ausführte, sah sie der Kaiserin, die freundlich lächelte, gerade ins Gesicht. Der Kaiser hatte mehr ein vorwurfsvoll freundliches Aussehen. So wie: ‚Warte du, draußen lacht ihr doch!‘
Draußen lachte Renée wirklich. Sie lachte durch die sieben oder acht Gemächer und rannte mit der wohlverpackten Schleppe, so schnell sie konnte. Draußen gab es Sekt und Büfett. Aber leider wollte Papa so schnell weg mit Renée. Sie konnte nur von weitem ihre schöne Schwägerin ansehen, die eine große Krone von Diamanten auf dem Kopfe trug. – Als Papa seine Mütze aufsetzte, sagte er: „Gott sei Dank, das wäre erledigt.“ –
Bei Sarah sollte die erste Tanzstunde sein. Sarah wollte es Papa abnehmen. Diese Tanzstunden gingen die Reihe herum, und es war genau verabredet, was es zu essen geben würde. Damit man sich nicht aus Versehen übertrumpfte.
Wenn die Tanzstunde bei Major von Cramer war, dann gab es stets acht Damen mehr als Herren. Ja. Dort gab es so wenig zu essen. Hingegen bei Sarah waren die Herren komplett und brachten noch Freunde mit. Denn Sarah machte einen großen Ball daraus. Bei Sarah ging es erst los, wenn es eigentlich aus war. –
Renée bewunderte Sarah. Renée dachte: Sie ist ganz anders als die meisten Frauen, viel kleiner und so fein und so zart. Manchmal war es, daß Renée ganz böse wurde gegen ihren Bruder, weil er sich so wenig kümmerte um Sarah. Manchmal war sie ihm böse. – Also sehr prächtig war die erste Tanzstunde. Es kam dieselbe Lehrerin, die Renée einmal Jagdhund genannt hatte; sie war diesmal milde gegen Renée, und sie war böse und kampfbereit gegen die Herren, und manchmal stieg sie auf einen Stuhl, um sich verständlich zu machen.
Renée tanzte mit einem von Hannsbabos Regiment. Er hieß Schoenburg. Er war mittelgroß und blond und hatte sanfte, stahlgraue Augen. Er gefiel Renée. Renée sagte, die Tanzlehrerin sei so grob. Aber er lachte und meinte, sie sei nicht so schlimm. Er sagte: „Sie ist so grundbrav. Man wird ihr gut darum. Man muß sie gern haben, wenn man ihr zusieht.“ Dann lächelte er. „Wir sind Freunde, Frau König und ich.“ – Einmal als Frau König gar nicht durchdringen konnte, drehte Schoenburg das Licht aus. Dann erschraken alle. Dann waren sie ruhig. Frau König sagte: „Ja Herr von Schoenburg, wenn ich Sie nicht hätte.“ – Das war hübsch. Das gefiel Renée. Der wurde einer von ihren ‚guten Freunden‘. Dann gab es noch zwei. Da war der kleine Wachenhusen. Er war von den Kasseler Husaren nach Berlin kommandiert und sein hellblauer Attila sah genau aus wie seine hellblauen Augen. Er war klein und fix und lustig, und am Ende jedes Balles sagte er zu Renée: „Wir bleiben doch gute Freunde!“
Einmal hatte Renée eine ganze Weile gestanden und hatte eine sehr schöne und sehr prächtige Frau angesehen, um die drei oder vier Herren herum waren. Die also sah Renée an, und da auf einmal kam der kleine Wachenhusen zu ihr. Er sagte: „Warum sehen Sie die Gräfin Lynar so viel an, gnädiges Fräulein?“ Renée wurde ein ganz wenig verlegen, dann sagte sie sehr bestürzt: „Glauben Sie, sie hat es gemerkt?“ Der Wachenhusen lachte: „Nein, aber ich habe es gemerkt!“ – „Sie gefällt mir so gut,“ sagte Renée. „Mir auch.“ – „Sie hat eine so sonderbar spielende Art zu sprechen,“ sagte Renée. „Ja, das hat sie.“ – Sie waren beide sehr einig über die Gräfin Lynar. – Manchmal stritten sie auch. Einer sagte: „Sie war viel schöner neulich bei Wedels, als sie das goldene Kleid hatte“ und der andere: „Nein, sie ist schöner in ganz matten Farben.“ –
Renée fand es sehr lustig mit dem kleinen Wachenhusen.
Der dritte gute Freund war Rodeck. Zuerst mochte Renée ihn nicht. Er hat eine zimperliche Art von Frauen zu reden, dachte Renée. Es ist immer, als wären sie von Glas. Und immer sollen sie ihren Fuß an keinen Stein stoßen. Wenn nun der Rodeck einmal verheiratet war, gewiß lief er dann immer mit Halstüchern hinter der Frau her. Hinter der unglücklichen Frau von Rodeck. – Also erst mochte Renée ihn nicht. Dann geschah einmal etwas: Rodeck hielt eine Ansprache. Rodeck sagte: „Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, wie ich es eigentlich wage, mich mit einer großen Bitte an gnädiges Fräulein zu wenden. Mit einer Bitte, die mir viel bedeutet. Seien Sie nicht böse, wenn ich Ihre Hilfe in Anspruch nehme, denken Sie nicht, ich sei unbescheiden – bitte, bitte!“ – Als die Ansprache so weit gediehen war, machte Rodeck eine Pause. Aber er sah Renée so gut und warm an, und seine putzigen, runden Augen hatten so etwas Geängstigtes, – Renée sagte: „Ja, ich will so gerne alles tun.“ Dann zog Rodeck mit beiden Händen seinen Waffenrock glatt und drehte seinen Hals ein paar Mal in dem hohen, mit Eichenlaub gestickten Kragen herum, dann sprach er weiter: „Es ist – ich habe die Ehre, wie gnädiges Fräulein wissen, am fünften bei Ihrer Frau Schwägerin und Ihrem Herrn Bruder zum Diner erscheinen zu dürfen, ja – und ich wollte sagen, ich meine, ich wollte fragen, ob die Tischordnung –“ Weiter kam die Ansprache nicht. Es kam kein Ton mehr. Und Rodecks Augen waren nahezu am Herausfallen vor Geängstetsein –
Renée wurde auf einmal von einem Redetaumel ergriffen. Sie wüßte ja und sie verstünde ihn vollkommen und selbstverständlich wolle sie allen ihren Einfluß aufbieten – und während sie sprach, wurden die Augen ihr gegenüber wieder kleiner und selbstsicherer, und als sie schwieg, sahen die Augen sie lustig und verschmitzt an. „Ich möchte so gerne Fräulein von Treskow zu Tisch führen.“ – „Ich werde es zuverlässig besorgen,“ sagte Renée.
Als sie nach Haus fuhr, küßte Rodeck ihr die Hand. –
So lernte Renée den Herrn von Rodeck kennen.
Am andern Morgen ging sie zu Sarah. Sie fand Sarah noch zu Bett unter lauter Spitzen und Schleifen. Ringsum lagen die Listen für das Diner. Renée wußte nicht recht, wie sie es anbringen sollte. –
„Nun, Renée,“ sagte Sarah und streckte Renée ihre Hand mit den vielen bunten Ringen hin, „nun, Renée!“
„Hast du schon die Listen gemacht,“ frug Renée, „darf ich mal sehen?“
Sarah lachte: „Gewiß wolltest du irgend etwas Besonderes dabei, und was ist es denn?“ Dann gab Sarah ihr die Listen hinüber. „So, nun geh damit an den Tisch, ^darling^, und was dir anders besser gefällt, das änderst du –“
Renée sagte: „So gut bist du, Sarah.“ – Sie setzte sich an Hannsbabos großen Schreibtisch und malte die Tafeln auf ein Papier, daran wurden alle Namen geschrieben, so wie die Leute zu Tisch zu sitzen kamen. Und neben Fräulein von Treskow stand Rodecks Name. Renée hatte das Gefühl einer guten Tat. –
Sarah öffnete ein wenig die Tür, steckte den Kopf herein und sagte: „Bist du noch da?“ Dann kam sie. Ein Gewirr von Seide war um sie herum und ein starker Duft von Vervein. Sie setzte sich in den großen Ledersessel neben dem Rauchtisch. „Nun, ^darling^, wen hast du zu Tisch?“ – „Schoenburg.“ – „Oh ich weiß, das ist der mit den Stahlaugen von Dohnas Schwadron. – Ist es schön, jung zu sein, Renée?“ „Das weißt du doch ebensogut!“ – Sarah nahm aus dem kleinen goldnen Kasten eine Zigarette und bot Renée an, dann lachte sie: „Meinst du, ich weiß es? Nein. Ich war viel zu sozial, um jung zu sein.“
„Was tatest du denn?“ – „Ach so langweilige ‚Women-Klubs‘ und ‚Women Kongregations‘ und dergleichen. Ich mag Amerika nicht. Ich mag lieber Europa.“ Renée staunte. „Aber dort ist’s doch viel freier und selbständiger für Frauen.“
Sarah sagte: „Ich liebe nicht die Selbständigkeit.“ Sie kroch ganz tief in eine Ecke des großen Sessels. „Es ist langweilig, frei zu sein.“ – „Ach,“ machte Renée.
„Ja, es ist langweilig. Es ist keinerlei Sensation oder Gefahr dabei.“ – „Aber Sensationen sind etwas Abscheuliches,“ sagte Renée.
Sarah sprang auf aus dem tiefen Sessel mit einem einzigen, elastischen Sprung. „Ich lebe nur in der Sensation,“ sagte sie. „Huh, machst du große, entsetzte Augen, Renée! Ist das so schlimm?“
Renée mußte lachen. „Nein, nur neu – und ich denke, was wohl Elisabeth sagen würde –“ „Plagt dich das,“ sagte Sarah. „Darum tät ich mich nicht kümmern. Du bist doch viel klüger als Elisabeth.“ Renée frug: „Glaubst du?“ – „Elisabeth ist eine Null auf zwei Beinen, eine altjüngferliche und aufgeblasene Person. Du Renée –“ „Was bin denn ich, sag doch,“ bettelte Renée. Sarah lachte: „^A silly little girl.^“
Draußen war Säbelgerassel. Dann flog die Tür auf, voran ein Rosenstrauß, dann Hannsbabo. „Wo bist du, ^Queen Mab^,“ rief er. Sarah ging ihm entgegen. Er sah Renée gar nicht. Er breitete seine Arme aus – Sarah bückte sich – da – huschte sie unter seinen Armen durch wie eine kleine, schnelle Katze. – „Sag doch Renée guten Tag, du grober Bruder,“ rief sie. Dann war sie aus der Tür. Er legte die Rosen beiseite und gab Renée die Hand. „Ich freue mich, daß du Sarah besuchst, kleiner Bub.“
Renée fuhr es so heraus: „Was hat denn Sarah?“ Dann erschrak sie und dachte: Wie taktlos frage ich. – Hannsbabo wandte ein wenig den Kopf zur Seite, er seufzte ganz leise, wie ein angestrengtes Atmen klang es. Dann sagte er: „Bleibst du nicht zu Tisch, Renée?“ – „Nein, ich danke dir, aber Papa –“ „Könnten wir denn nicht telephonieren?“
„Ach nein, Hannsbabo.“ – „Wenn es mir nun gerade sehr viel wert wäre?“ „Also gehe ich telephonieren,“ sagte Renée. Hannsbabo nickte. – – Als Renée wieder hereinkam, meldete der Diener das Essen. Im Eßzimmer kam ihnen Sarah entgegen in einem weißen Kleid. Sie legte Hannsbabos Rosen neben sich bei Tisch. Sarah sprach und erzählte, und auch Hannsbabo sprach, und immer, während sie gleichgültige Dinge redeten, sah Renée, wie ihres Bruders Augen schmerzlich an Sarah hingen. Und es quälte sie. –
Der Ball, den Sarah und Hannsbabo gaben, sollte im Esplanade stattfinden. Zahllose Cousinen vom Lande waren gerade zufällig in Berlin und besuchten Sarah und wurden eingeladen. Zahllose Väter und Mütter teilten Renée mit, daß sie und ihre Töchter von Sarahs Liebreiz entzückt wären. Auch sie wurden eingeladen. – Man sprach von diesem Fest in der aufgeregtesten Weise. Der Kronprinz würde kommen, ebenso Erbprinz August. Prinzessin Sophie hatte ihr Erscheinen zugesagt – ja sogar der Kaiser würde möglicherweise – –
Wenn man Sarah davon erzählte, amüsierte sie sich. „Sie sollen sich nur immer freuen,“ sagte sie. „Bei mir werden sie nicht mit Schellfisch und Truthahn abgefuttert.“ – Renée lachte: „Wieso Schellfisch und Truthahn?“ – „Ich habe hier fünfundzwanzig Bälle mitgemacht, und jedesmal gab es Schellfisch und Truthahn. Hast du es noch nicht gemerkt, Renée?“ – –
Renée kam etwas vor der Zeit ins Esplanade. – Schon in der Garderobe, wo Sarahs Jungfer, ganz in Weiß, waltete, wurde Renée von zahllosen Schwarzgekleideten ehrfurchtsvoll empfangen. Die Jungfer, die von den anderen Bedienten ‚Miß Adelaide‘ genannt wurde, hängte Renées Cape in einen Schrank. „Die gnädige Frau haben es so befohlen für die Sachen der gnädigen Frau und des gnädigen Fräuleins,“ sagte sie. –
Am Eingang zu den Empfangsräumen stand der Kammerdiener Joel Smith. Auch dieser verbeugte sich würdevoll. – Endlich war Renée drinnen. Es ging durch drei Räume, in deren zweitem Hannsbabo stand. An jeder Tür waren zwei Diener in Goldlivreen mit weißen Perücken. – „Ich habe Gott sei Dank keine weiße Perücke,“ sagte Hannsbabo. „Sarah will dir noch etwas Wichtiges mitteilen. Sarah sieht so schön aus, daß ich am liebsten die Leute ausladen möchte. Also geh zu Sarah. Ich möchte auch viel lieber. Aber Sarah sagt, daß es sich gehört, daß der Herr des Hauses im zweiten Zimmer steht und die Frau im vierten. Ich habe ferner den Auftrag, Damen von Distinktion am Arme hineinzuschleifen, da sich das auch gehört. Vom Herannahen prinzlicher Equipagen werde ich durch Telephon von einem im Hotel Bristol postierten Unteroffizier benachrichtigt.“ –
„Herrgott,“ sagte Renée, „das ist ja wie eine Detektiv-Geschichte!“ – „Bitte – bitte, es gehört sich so. Und nun geh in den Saal und sieh selbst!“ –
Im Vorzimmer war mattes Licht, und der Lichtglanz des Saales blendete Renée in die Augen. In der Tür in einem sonderbaren Helldunkel stand Sarah. Sie stand in dem metallenen Glanz ihres Kleides, das ganz mit Silber übergossen war in vielen kleinen Schuppen. –
Sie hatte eine lange Perlenkette und eine Schulterkette von Smaragden. Sie trug eine Perle auf der Stirn, die hing an einem dünnen Faden von Silber.
Renée stand und sah sie an. Ihre Schönheit war verwirrend – es war so prächtig alles – Renée sah, wie in Sarahs Gesicht ein kühles, schönes Lächeln kam. – Renée begrüßte ihre Schwägerin flüchtig und fing an, den Saal zu betrachten. Dann sagte sie: „Hannsbabo steht gar nicht so gern an der Tür, hat er gesagt.“
Sarah lachte: „O, er will immer alles mögliche.“ –
Gäste kamen. Renée fand sich bald in einer vielstimmigen Unterhaltung – dann holte Schoenburg sie, weil die Prinzessin käme. Renée wurde vorgestellt. Die Prinzessin war gar nicht so langweilig, wie Renée erwartet hatte; sie sagte, daß Renées Schwägerin eine sehr schöne Frau sei und daß Renées Bruder so glücklich aussähe. Sie scherzte mit ihrer Hofdame und versicherte, sie könne jeden Abend mindestens zwanzig Namen behalten und Fräulein von Zitzewitz eben nur neun. Der Kronprinz gefiel Renée, aber Erbprinz August nicht. Wie sollte er! Er ging mit einem blasierten Gesicht herum und stand immerzu neben seinem Adjutanten. –
Schoenburg sagte: „Nun kann ich gnädiges Fräulein nicht zu Tisch führen, der Erbprinz soll es!“ Renée ärgerte sich. „Ich möchte viel lieber den Kronprinzen,“ sagte sie. Schoenburg sah sie ingrimmig an. „So – ach,“ sagte er. „Ich meine doch natürlich lieber als den Erbprinzen –,“ aber das versöhnte Schoenburg nicht. „Der Kronprinz wird Ihre Frau Schwägerin führen. Wollen wir also den Blumenwalzer nehmen und den ersten Lancier.“ Er schrieb seinen Namen ein.
Beim Essen saß Schoenburg auf der anderen Seite neben ihr. „Ich hab die Rosi Solms mit Harrach neben den Erbprinzen gesetzt,“ flüsterte er, „die werden ihn schon unterhalten.“