Part 14
„Aber ich mag noch nicht. Ich mag nicht,“ sagte Renée leise und dicht an Sarahs Ohr. Sarah lachte. „Puh, was macht man – muß man da zum lieben Gott beten? Muß man beten: gib, lieber Gott, daß Renée keine Laune bekommt, Amen?“
Renée schwieg. Ihr stieg eine Wut auf gegen diesen Menschen, der nichts ernst nahm, der alles abtat mit spielerischen Worten, ein großer Zorn gegen diese lächerliche Ohnmacht ihrer eignen Situation. Immer wurde alles nichts vor Sarah, alles wurde zu einem kindischen Kram. – –
Renée ging nach Hauteville. Sie wollte Yvonne Capeller noch sehen. Sie konnte so nicht fort. Die alte Frau empfing sie. Renée wartete eine Weile im Gartensaal. Dann kam Yvonne.
Yvonne war blasser als sonst, und sie sprach sehr leise. Manchmal, während sie sprach, stieg das Blut in ihr Gesicht und schwand wieder. Dann war ihr Gesicht ganz weiß.
Renée sagte ihr, daß sie übermorgen fortreisten. „Kommen Sie niemals nach Deutschland?“ frug Renée.
Yvonne Capeller lächelte und schüttelte den Kopf.
„Wo sind Sie im Sommer?“ frug Renée.
„Im Wald oder am Meer.“
Renée sagte: „Doktor von Geldern sagte, daß Sie sich nicht gut fühlten, und nun, wenn ich hier bin, vielleicht greift es Sie an; soll ich lieber wieder gehen?“
Yvonne wandte das Gesicht fort. Renée sah, daß sie errötete.
„Was hat Geldern Ihnen gesagt?“ frug sie.
Renée erzählte. Er hatte nichts Bestimmtes geäußert, nur – Renée fürchtete, es würde ihr zuviel, sollte nicht Renée lieber gehn.
Yvonne antwortete nicht. Sie stand auf und ging langsam zum Fenster und stand eben da, wo Renée den ersten Abend gestanden hatte.
Dann begann sie zu sprechen. Sie sprach leise, Renée konnte sie kaum verstehn. Sie sagte: „Ich weiß es nicht, was Geldern Ihnen gesagt hat. Aber eines muß ich Ihnen nun sagen, und es geht nur langsam, weil ich fühle, dies zu sagen ist schwer.
„Ich _will_ nicht, daß Sie zu mir kommen, ich _will_ nicht, daß Sie irgend ein Interesse an mir nehmen – will nicht! Sie sollen nicht bei mir Halt machen, Sie sollen mich nicht lieb haben.“
O, wie sie sprach, wie stark und fein klang doch jedes einzelne ihrer Worte.
Yvonne sah auf den Boden nieder, und ihre Arme, die sie auf das Fenstersims stützte, bebten, während sie sprach.
Renée begriff nicht. Renée sah sie an, wie ihre Lippen aufzuckten. Yvonne warf den Kopf zurück, ihre Augen waren geschlossen. Auf ihrer Stirn über den Augen hing Haar, das sich gelöst hatte, einen zärtlichen Schatten warf es auf ihr Gesicht.
„Sie sollen nicht. Ich will nicht mit dem Leben zu tun haben. Was will es von mir? Warum schickt es Sie – Sie – o, alles was Sie tun und jedes einzelne von Ihren Worten greift nach mir. Und ich weiß, daß Sie fortgehn müssen.“
Renée stand auf. Ein Brausen kam in ihre Gedanken, und sie konnte den Sinn der Worte nicht aufnehmen. Da war eine törichte und unbegreifliche Schwäche in ihr. Was sie sagen wollte, klang nicht, wurde nicht laut – blieb zurück in ihrem unruhigen Herzen. Sie ging zu Yvonne. Yvonne schwieg, stand mit geschlossenen Augen, ohne sich zu bewegen, während das Beben von ihren Armen an ihrem Körper entlang kroch.
Dann tat sie die Augen auf. Und Renée sah in ihre Augen. Brannten sie nicht? Sie sahen aus, als ob sie ganz trocken und heiß wären.
Sahen sie nicht starr und verzweifelt wie in den Tod? –
Renée griff nach ihrer Hand. Und hielt sie. Dann fühlte sie, wie diese Hand sich regte, langsam zog Yvonne die Hand zurück. Sie sagte: „Sie müssen gehn – o, Sie müssen gehn.“ –
Warum war Renée gegangen? – Wie – wer konnte sie gehen heißen?
Die graue Allee lag ruhig und halbverdunkelt von den Baumschatten, und Renée ging. Wollte Halt machen, zurücklaufen – ging vorwärts, als trügen sie fremde Füße.
Was war geschehn. – Hatte sie nicht einen Augenblick in irgend einem Spiegel ihr eignes weinendes Gesicht gesehn, als sie vorbeilief – und ihr Gesicht war feucht von Tränen.
Warum ging sie denn auf diesen fremden Füßen, die nicht anhalten wollten. – –
Am kommenden Morgen wollte Sarah reisen mit dem Schnellzug. Zwei Tage würden sie dann in Genf sein. Sarah hatte die Baronin d’Auvergnes und einige andere Hotelgäste zum Tee, und diese Hotelgäste würden morgen an die Bahn kommen und sie würden Blumen bringen natürlich für Sarah. Blumen, die man nachher in der Eisenbahn liegen ließ.
Sarah sprach von Paris, notierte lange Zettel von Besorgungen und sammelte Empfehlungen, wo man dies und das kaufte.
Sollte sie zu Frères Boiseron gehn, wirklich, also dort war die größte Auswahl?
Baronin d’Auvergnes nannte sogar einige befreundete Häuser. Madame François Echelles würde sich glücklich schätzen, wenn Sarah –
Renée saß in der Nähe des Fensters neben einem Neffen der Gräfin Pourtalès und sah gedankenlos auf die Straße. Manchmal redete ihr Nachbar sie an. Sie konnte meist nicht antworten, weil sie zu spät aufgepaßt hatte – dann endlich gab sie sich Mühe und begann aufzupassen, aber nun redete ihr Nachbar sie nicht mehr an, sondern verfolgte mit krampfartigem Grinsen die Unterhaltung der andern.
Doktor von Geldern kam. Er hatte sehr lange gesagt, daß er leider sich nicht würde frei machen können, so lange, bis Sarah gerade einen Sport darin sah, ihn zu zwingen, daß er sich frei machte.
Doktor von Geldern überreichte Sarah Blumen. Er würde leider morgen früh nicht mehr die Ehre haben.
„Na na,“ sagte Baronin d’Auvergnes, indem sie schalkhaft mit dem Finger drohte. Doktor von Geldern sah ihr gerade ins Gesicht. „Frau Baronin sind außerordentlich schelmisch,“ sagte er, „ja wirklich, indessen hier ist es nicht am Platze.“
Baronin d’Auvergnes öffnete den Mund und schloß ihn erst nach einigen Minuten wieder, Gräfin Pourtalès blickte ihren Neffen demonstrativ an und hustete, und Sarah machte das sprachloseste Gesicht, das Renée je von ihr gesehen hatte.
Geldern kümmerte sich nicht darum. Er lächelte verbindlich und setzte sich neben Renée.
Als die Unterhaltung wieder laut wurde, sagte Renée: „Warum sind Sie so grob gewesen, Herr von Geldern?“
„Aber diese Andeutungen sind unverschämt.“
„Alte Damen führen doch immer solche albernen Reden.“
„Zu mir sollen sie sich das eben nicht erlauben,“ sagte Geldern, „ich bin kein solch Firlefanz!“
„Haben Sie Yvonne Capeller heute gesehn?“ frug Renée.
Er errötete und lächelte. – „Yvonne Capeller war krank heut früh. Ich hörte von der Alten, daß Sie da waren gestern. Und nun muß Yvonne unbedingt einige Tage liegen und Ruhe halten, Fräulein von Catte.“
„Aber ich kann auch ruhig bei ihr sitzen, nur ganz kurz, nur eine halbe Stunde.“
„Nein. Nicht. Es wäre ihr schädlich. Nicht wahr, kann sich der Arzt darauf verlassen?“
„Wollen Sie mir nicht wenigstens den Grund sagen?“
„Weil sie ernstlich erkranken würde und weil es Gefahr für sie hätte. Sie würde ja auch nicht ruhig zu Bett liegen, sie würde nicht.“
„Ich will gewiß nicht hingehn, wenn es so ist,“ sagte Renée.
Geldern nickte. „Sehn Sie,“ sagte er, „Yvonne will so schon niemals liegen. Sie haßt jede Erinnerung an Krankheit und Unvermögen. Und das Leben ist ihr so sehr bedeutungslos.“
„Ist sie sehr krank?“ frug Renée.
Geldern sah sie an, dann wandte er den Kopf – er sagte: „O nein, ich sorge mich nur, ich habe sie sehr lieb, wie Sie wissen.“ –
Graf Pourtalès redete Renée an: Ob Renée Genf bereits kenne. Er empfahl eine Promenade auf der Jetée, am Abend natürlich – ja und das Schloß Rousseaus sei äußerst beachtenswert.
„Sie werden von Ihrem Hotel die Stelle am Kai sehen, wo die unglückliche Kaiserin einer Bubenhand zum Opfer fiel,“ sagte Graf Pourtalès – „Auch das Monument Brunswick dürfte Sie als Deutsche“ – er unterbrach seinen Satz, sprang auf und überreichte Renée eine Karte, die ihm eben der Kellner gegeben hatte. Renée las: Yvonne Capeller – und Geldern sah es. „Wie,“ sagte Geldern, „meint das, sie ist hier?“ Er sprang hastig auf, Renée folgte ihm.
Draußen kam ihr Yvonne entgegen.
Geldern ging voran, er öffnete die Tür zu Renées Zimmer, er schob ihr einen Sessel vor.
„Was tun Sie?“ fragte er, „Yvonne, wie konnten Sie?“
Sie legte langsam die Hand auf seinen Arm, sie sagte nichts. Aber Renée stand an der Tür. Yvonne Capeller wandte die Augen und lächelte Renée zu.
Dann ging Geldern. Er wolle sie erwarten, sagte er.
Einen Augenblick schwiegen sie. Dann – „Ich konnte es nicht,“ sagte Yvonne. „Ich wollte wohl. Habe ich viele törichte Dinge gesagt gestern abend – habe ich –“
Renée kam zu ihr und nahm ihre Hand und küßte sie.
„Ich wollte ausweichen,“ sagte Yvonne, „aber es ergriff mich und brachte mich her – du – du, Renée!“
Yvonne lehnte den Kopf zurück. Still saß sie, und sie sah Renée an mit ihren lächelnden Augen.
Brauchte man gar nicht zu sprechen, konnte man so neben einem Menschen sein und seine Hand halten und ihm in die Augen sehen – so wie Renée jetzt tat – und war dann alles gut? –
„Du hast lächelnde Augen,“ sagte Renée, „von deiner Hand kommt es so gut und warm in meine.“
„Du lachst ja mit den Augen, Renée, du bist es, die lacht.“
Renée sagte: „Siehst du den See? Bald werden die Berge rot drüben. Dann habe ich immer an deinen Namen gedacht.“
„Nicht an mich?“
Renée lachte: „An dich? Aber ich kannte dich ja nicht.“
„Warum also kamst du nicht schon lange? Das ist doch deine Schuld, Renée.“
Renée strich über Yvonnes Hand. – „So weiß ist deine Hand, Yvonne – Yvonne.“
„Ist das ein Gedicht?“
„Nein doch,“ sagte Renée. „Nur deines sind Gedichte. Kein Mensch in der Welt kann Gedichte machen wie du.“
Wie sonderbar fest Yvonne Renées Hand anfaßte.
„Was hast du, Yvonne?“
Yvonne lächelte. „Nichts. Was denn. Ich freue mich wohl.“ –
Sie sahen beide nach den Bergen auf der anderen Seite des Sees. Da – war es nicht schon ein wenig rot? Hell purpurne Streifen sah Renée in den Felsenschluchten drüben, und dann stieg die Glut hoch – so schön – so schön, wie Renée es noch nie gesehen hatte.
„Yvonne!“ Renée zeigte auf die Berge. Sie sah Yvonne an, aber Yvonne hielt das Gesicht in den Händen.
Geldern kam. Er wollte sie nach Haus begleiten. Renée könnte ja mitkommen. Natürlich würde er einen Wagen holen.
Er sagte das alles halblaut zu Yvonne, er sagte es sehr vorwurfsvoll. Yvonne sah ihn an. Ihre Augen wurden in einer sonderbaren Weise groß und vorherrschend in ihrem Gesicht. „Ich will nicht, daß Sie so zu mir sprechen, Geldern,“ sagte sie. „Ich will nicht, daß Sie so gegen meinen Willen einschreiten, lassen Sie mich!“
Renée wollte reden, sagen, daß Geldern doch recht hatte, daß Yvonne –
Aber wie konnte sie reden. Wie sollte sie vorbeireden an diesen beiden großen Augen.
Geldern ging. Er sah Yvonne nicht an.
„Nun ist dein Berg rot, Renée, nun wird er ganz purpurn, freut dich das?“
„Ja,“ sagte Renée. „Heut tut er es dir zuliebe –.“
„O, Renée, wie bist du gekommen. Wie ein Schirokko bist du mir ins Haus gefahren. Kennst du den Wind? Er macht müde und warm. Ganz warm. Er fühlt sich schmeichelnd an und sanft. Kennst du den? In der Nacht? Dann kommt er mit dumpfen Stößen, so als wäre es ein Beben und gar kein Wind.“
„So bin ich gekommen, sagst du –“
„Ja, so,“ sagte Yvonne leise.
Renée lachte: „Aber gar nicht aus dem Süden. Da war ich noch nie. So dumm und ungebildet bin ich.“
„Wir wollen dahin gehn,“ sagte Yvonne, „du und ich. Da wohnen wir in einem kleinen, weißen Palazzo, wohnen wir – ja – und fahren aus in unserer Gondel jeden Abend, dahin, wo man nichts mehr sieht vor Dunkelheit auf dem Meer.“
Renée streichelte Yvonnes Hände: „Das tun wir, du und ich.“
„Nun will ich gehn, Renée.“
Sie gingen am See.
„Das ist schön. Ich wußte nicht, wie schön,“ sagte Yvonne, „das ist von dieser schmerzlichen Schönheit, die weinen machen kann, aber wir weinen nicht.“
Renée lachte: „O, wir nicht.“
Yvonne sagte: „Du nie mehr, hörst du wohl?“
Renée stand vor Sarah an diesem Abend. „Ich reise nicht,“ sagte sie, „ich tue es nicht.“
„Aber es ist doch alles verabredet.“
Renée lachte bloß.
„Du kannst doch nicht plötzlich hier allein bleiben,“ sagte Sarah, „wie denkst du dir das etwa?“
„Gar nichts denke ich mir – gar nichts.“
Sarah entrüstete sich. – „So und so viele Jahre sind wir zusammen, haben Freud und Leid geteilt, und nun auf einmal willst du mich allein lassen wegen einer wildfremden Person.“
„Rede nicht so. Und mein Gott – wir haben gar nichts miteinander geteilt, gar nichts. Das ist Unsinn.“
„Ich bin aber leidend. Das siehst du doch,“ sagte Sarah. „Und wenn ich gewußt hätte, daß du so auf einmal gehen würdest – Aber so ist dies: Neulich erst hast du mir gesagt, du würdest bei mir bleiben, und dein Bruder wollte es doch.“ Sarah sah Renée an wie ein enttäuschtes Kind; wie ein Kind, das um seine Freude kam, sah sie aus.
„Sarah, sprich nicht so. Du mußt das sehn, ich kann hier nicht fortgehn. Es ist das erste Mal, daß ich nicht kann. Glaube es doch!“
Sarah sprach weiter: „Ich halte es nicht aus allein. Nein, dann macht es mir gar keine Freude, und ich habe mich so fest auf dich verlassen.
„Wir könnten ja die Reise ein bißchen noch aufschieben und dann –“
Renée wollte zusagen. Irgend ein Leichtsinn kam in ihr auf. Es würde sich dann schon irgendwie ergeben. Warum sollte sie denn auf Sarahs tragische Reden eingehn.
„Willst du es denn dann, Renée?“ frug Sarah.
„Nein, Sarah, in Wirklichkeit nicht. Ich kann nicht fortgehn, nicht morgen und auch nicht späterhin. Das ist alles. Ich kann nicht.“
Sarah sah Renée groß an. „O, so,“ sagte Sarah. „Ist es das.“ Dann kam ein affektiertes kleines Lächeln in ihr Gesicht. – „Das muß ja eine Circe sein,“ sagte sie. „Wenn ich mir vorstelle, was dein Vater dazu sagen würde und die liebe Elisabeth – es ist sehr drollig.“
„Kannst du denn nichts auf der Welt ernst nehmen, Sarah, muß alles in dieser unreifen Art abgetan werden?“
Sarah fuhr ihr entgegen. „Unreif! Wie – was erlaubst du dir, Renée. Du bist unverschämt.“
„Ich fange an, die Unterhaltung mit dir satt zu sein,“ sagte Renée. Sie ging zur Tür.
Sarah kam ihr nach, griff ihre Hand: „Renée, laß mich doch nicht so allein. Du kommst nach Berlin. Sag es mir!“
Renée lächelte, und sie streichelte Sarahs Hand. „Nein, Sarah. Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Aber nicht zu dir.“ – –
Sarah war abgereist. Und am andern Tag kam ein Brief von Yvonne.
Als Renée die Treppe hinunterging, kam ihr Geldern entgegen. Er lief schnell an ihr vorüber. Dann kehrte er wieder um und sprach sie an: „Gehn Sie zu Yvonne?“
„Ja.“
„Sie liegt zu Bett. Sorgen Sie, daß sie nicht aufsteht,“ sagte Geldern.
„Ja, ich will sie bitten, Herr von Geldern. Aber wenn sie doch will!“
„Aber sie darf nicht. Sie ist sehr krank. Sie ist ja neulich nachts ausgegangen.“
„Aber es war doch so warm.“
„Sie ist seit drei Jahren abends niemals ausgegangen.“
„Was ist es, Herr von Geldern? Sagen Sie es mir doch. Ich habe Furcht.“
„Ach, Sie sehn es ja.“ Geldern riß plötzlich seinen Hut ab und sagte, daß er gehn müsse. Ja, ein Patient erwarte ihn auf Nummer sechsundneunzig. Das hätte er fast vergessen. –
Renée war bei ihr. Immer saß Renée neben ihr und hielt ihre Hand.
Renée sah sie an den ganzen Tag, darüber vergaß man, daß es Menschen gab und Städte und Länder. Man vergaß es gern. Man sah ihre schönen, stillen Hände.
„Renée.“ – „Ja.“ – „Wirst du gar nicht in den Garten gehn heute?“
„Nein, Yvonne.“
„Aber du bist auch gestern nicht gegangen und vorgestern nicht.“
„O, weißt du das?“ sagte Renée.
„Willst du nicht einmal sehn, ob der Flieder schon blüht?“
Renée sagte: „Nein. Das merkt man dann schon.“
„Du wirst müde werden und traurig und beschwert, wenn du immer im Zimmer bist.“
„Du bist ja auch im Zimmer, Yvonne.“
Yvonne lächelte: „Aber seit du da bist, ist es schön. Früher war es nicht sehr schön.“
Renée sagte: „Einmal hat mein Bruder dich prophezeit, Yvonne.“
„Wie?“ – „Ja – dich. Er sagte: Der Mensch, der dir die Erde heimisch werden läßt. – Du, Yvonne.“
„Bin ich das? Sagst du, daß ich das bin?“
Renée nickte, streichelte ihre Hand – immer lag die Hand still auf der Decke, als wäre sie von weißem Stein.
„Aber es ist trotzdem nicht gut,“ sagte Yvonne.
„Was ist nicht gut?“
„Ein anderer Mensch wäre dir besser Renée.“
„Willst du das wissen?“ sagte Renée, „bist du so klug!“ Sie lachte. „Ganz töricht bist du – du!“
Yvonne sagte: „Doch, ein anderer wäre besser. Denn es soll froh machen, sich lieb zu haben.“
„Aber ich bin froh,“ sagte Renée.
„Ah Renée – dieses Unvermögen, dieses kleinliche Unvermögen sollte nicht dabei sein.“
Renée sah sie an. Wie traurig ihr Mund aussah – dieser Mund. – Manchmal war ein Zucken um ihn, das sah zu sehr nach Schmerz aus.
Yvonne sagte: „Wir wollen ausdenken, was alles man tun kann. Ich denke so gerne aus.“
„Der Palazzo,“ sagte Renée, „wird im Herbst bezogen. Und wir müssen ihn wunderschön einrichten, weil er doch nur ein ganz kleiner Palazzo ist, können wir das. Und dann wohnen wir dort Jahr für Jahr, außer wenn es so sehr heiß ist.“
Yvonne lachte: „Sagst du Jahr für Jahr. Und nie wo anders?“
„Nie wo anders.“
„Erzähle weiter, Renée.“
Renée sagte: „Manchmal bei ruhiger See fahren wir ganz weit ins Meer hinein nach irgend einer Insel zu, und dann haben wir Essen und Wein im Boot, und wenn wir zurückkommen, ist es schon Nacht. – Ich glaube, auf dem Wasser ist die Nacht sehr schön.“
„Ja,“ sagte Yvonne.
„Ich glaube, man könnte draußen bleiben, bis es Tag wird, wenn man Kissen mitnähme und Decken. – Du liegst dann im Boot, und ich mache dir von Decken und Kissen ein ganz ordentliches Lager, ganz so schön wie dein Bett.“
„Ach, viel schöner als mein langweiliges Bett,“ sagte Yvonne.
Renée lachte. „Natürlich. O, ich kann es mir so schön ausdenken: über dir stehen die Sterne.
„Dann sollst du auch deinen Kopf in meinen Schoß legen oder in meine Hände.“
„In deine Hände, Renée?“
„Vielleicht wäre dir das gar nicht so bequem, wie ich eben dachte,“ sagte Renée.
„O, es wäre gewiß wunderschön.“
Immer sah Renée ihre schönen, stillen Hände – aber manchmal bewegten sich doch ihre Hände. Wenn es schon dämmrig war. Und einmal, als Renée zufällig hinsah, da bebten sie – nur ganz wenig, aber so, daß Renée es sah.
„Was hast du? Hast du Schmerzen?“
Yvonne schüttelte den Kopf. „Nein, keine Schmerzen. Es ist nur Ungeduld.“
„Warum liegst du so viel im Zimmer? Das ist dir nicht gut, glaube ich, Yvonne.“
„Bald stehe ich auf,“ sagte Yvonne.
Alle Tage kam Geldern. Renée sah ihn nie. Sie wartete immer auf ihn und wollte ihn sprechen, fragen – aber er lief mit einem Gruß und wenigen Worten davon. Wie sonderbar er war. Renée dachte: Ob er mir irgendwie böse ist? – Einmal traf sie ihn, als er ging. Sie sagte: „Sie dürfen mir nicht fortlaufen, Herr von Geldern. Ich muß einmal sprechen mit Ihnen.“
Er stand vor ihr und schwieg. Renée meinte, daß er sie sonderbar ansähe. Denn er hatte das Gesicht halb weggewandt, und dennoch blickten seine Augen auf Renée.
„Was ist es, was hat Yvonne?“
Geldern sah vor sich nieder. Er stieß seinen Stock auf die Spitze seines Schuhs nieder, immer wieder mit einem kleinen, irritierenden Laut stampfte er den Stock nieder.
„Ich weiß, daß Sie mir dabei etwas verstecken, Herr von Geldern. Ich sehe, daß sie krank ist.“
Er lachte auf: „Sehn Sie das wirklich? Sahn Sie das auch, als Sie es zuließen, daß Yvonne am Spätabend vom Hotel nach Hauteville ging?“
„Nein. Ich wußte ja nichts. Aber nun sehe ich es doch.“
„Gut dann. Warum fragen Sie mich noch?“
„Ich werde Yvonne selber fragen.“
Geldern griff nach ihrer Hand, er sprach in großer Erregung: „Sie dürfen das nicht, Fräulein von Catte, versprechen Sie es mir. – O, Sie dürfen nicht.“
„Dann sollen Sie es mir sagen.“ Geldern nickte. Sie gingen den Wiesenweg, der zum Bahnhof führt.
„Yvonne will nicht, daß Sie es erfahren. ‚Sie sollen Renée die Freude nicht verderben‘, sagt sie. ‚Denn Renée denkt es sich gerne aus. Renée denkt sich so gerne Märchen aus von dem Leben. Sie sieht doch bald genug, wie es ist. Renée soll Freude haben, Renée soll nicht beschwert werden.‘
„Yvonne sagt: ‚Wenn ich sterbe, darf Renée nicht hier sein. Nein. Sie würde das schwer vergessen, weil es sehr schrecklich aussieht. – Sie soll es auch nicht gleich erfahren. – Man soll es ihr zusammen mit irgend einer großen Freude sagen. Man muß eine Freude finden für sie.‘“
Geldern schwieg, dann kam ihm das Schluchzen und Tränen.
Renée weinte nicht. Sie ging fort.
Schnell ging sie. Im Wald stand sie still. Dann kam es, daß sie wankte und daß ihre Füße begannen zu zittern, als verschöbe sich der Boden, auf dem sie stand – sie griff nach den Baumstämmen, irgend ein großer Stamm hielt sie auf.
„Wenn ich sterbe“ – Renée sprach es sich vor. Es klang, aber es wollte nicht hinein in ihr Herz. Ihr Herz hörte es nicht, es lächelte dazu, es lächelte zärtlich, ihr Herz. –
Sie _mußte_ es auffassen, sie mußte es richtig überdenken, eins nach dem andern. Sie dachte, wie weiß und still Yvonnes Hände waren. War das, weil sie sterben würde?
Waren ihre Augen so weich und schön, weil sie sterben würde – und sprach sie darum so sanft und leise?
O, war all diese süße Schönheit vom Sterben gekommen?
„Bist du müde, Renée?“
Renée sah sie an. Renée war bei ihren um ruhigen Gedanken. „Nein,“ antwortete sie.
„Erzähle, Renée, wo werden wir im Sommer sein?“
Renée versuchte zu lächeln, sie konnte lächeln, ihr Herz glaubte es ja gar nicht.
„Gehn wir am Ende da in meine Heimat,“ sagte Renée. „Dann nehmen wir irgend ein Haus, das an einem See steht, weißt du, das tun wir wegen der Abende. Denn da geht die Sonne unter ganz rot wie von Feuer und schöne, feurige Lichter kommen auf die Kiefern. Die Stämme können aussehn wie Fackeln, wenn die Sonne so untergeht –.“
„Das ist schön, wenn die Bäume Fackeln sind.“
„Willst du das sehn – ja – o, schön ist es,“ sagte Renée, und wieder lächelte sie, denn ihr Herz war leicht und zärtlich.
„Und warum sollten wir nachts in das Haus gehn. Wir haben da einen offenen Balkon am See, – da schlafen wir. Und ehe man einschläft, sieht man nichts als Sterne, denn man liegt und hat das Gesicht nach dem Himmel gewandt.
Und morgens, wenn man aufwacht, dann ist der Himmel weiß-blau und ein wenig dunstig noch – und seitwärts verblaßt ein weißer Mond.“
„O, wie schön du sprichst, Renée. Ich liege mit geschlossenen Augen und denke deinen Worten nach, ich lebe in ihnen, so als wäre ich blind und nur du sähest.“ Yvonne lächelte. „So weit geht diese wunderliche Täuschung, daß ich die Luft solcher Sommernächte spüre.“
„O, die ist gut und weich,“ sagte Renée, „die spürt man kaum. Gar kein Schirokko ist da, der diese dumpfen Stöße tut.“
„Nein, die Winde in Deutschland sind nicht böse und unheimlich. Sie kommen groß dahergefegt und machen es kalt und wirbeln mit trockenen Blättern. – Und wenn sie sich warm anfühlen, dann ist es, weil die Sonne so warm ist,“ sagte Yvonne.
Renée schwieg. Renée wollte doch weiter erzählen von zu Hause, von Groß-Gehren, das sie Yvonne zeigen würde, sie hatte doch weiter sprechen wollen, und nun schwieg sie, warum schwieg sie? – Eine Angst stieg auf in ihrem Herzen, eine unruhige Angst. Ihr Herz wollte weinen.
Renée stand auf und ging zum Fenster. Sie stand dort. Nicht daß sie weinte, richtige Tränen waren es nicht, nur sie fühlte, daß ihre Augen zitterten, und gewiß sah ihr Gesicht traurig aus, obwohl sie das gar nicht wollte.