Chapter 12 of 15 · 3962 words · ~20 min read

Part 12

„Aber die Alte ist dringend nötig für das Kind. Laß ja nichts dergleichen laut werden,“ sagte Tante Klara und sah sich ängstlich um nach dem Diener. Papa streifte die Tante mit einem ärgerlichen Blick. „Es wäre mir sehr lieb, wenn du dich etwas der Sache annähmest, solange Elisabeth fort ist,“ sagte er. „Der Junge hat so alberne Klein-Mädchen-Angewohnheiten. Natürlich – er wird ja geradezu darauf hingeleitet.“ – „Das arme Kind,“ sagte Tante Klara. – „Ja eben, das arme Kind. Das ist ganz meine Meinung,“ sagte Papa.

Renée mußte lachen. Dies schien also schon seit einer Weile im Gange zu sein. – „Aber jetzt, wo er so erholungsbedürftig ist, kann man doch nicht auch noch seine Gewohnheiten –“ erwiderte die Tante. – Papa unterbrach sie: „Na hör mal – Gewohnheiten ist gut! Ein vierjähriger Knirps, das ist großartig.“ – Tante Klara zuckte die Achseln. „Was sind denn das für Gewohnheiten?“ frug Renée.

Der Diener begann das Obst herumzureichen. – „Na, zum Beispiel spielt der Bengel nur mit Puppen –“ begann Papa. – „^Prends garde le domestique^,“ sagte Tante Klara eindringlich. Papa ignorierte das. „Ach, lächerlich ist es. Neulich hat ihm sein Vater ’nen Pappküraß und Helm geschenkt, und als er’s anziehen sollte, heulte der Kerl.“ – „Nun ja, er kennt eben so etwas noch nicht,“ sagte die Tante entschuldigend. – Papa gab es auf. „Na ja, natürlich, ihr seid einig _gegen_ meine Ansichten,“ sagte er gekränkt resigniert und erhob sich. –

Tante Klara wollte sich aussprechen. „Es ist wirklich ein so reizendes Kind,“ sagte sie zu Renée, als Papa in sein Zimmer gegangen war. „So zartfühlend und sanft und bescheiden. Du solltest hören, wie niedlich und poetisch er sich manchmal ausdrückt.“ Renée sagte, das sei wirklich erstaunlich.

Dies schien die Tante anzufeuern. „Wir lassen ihn auch bestimmt nicht Offizier werden. Gegen Pensionen bin ich auch sehr. Bill ist viel zu fein und zartfühlend, um unter diesen rohen Jungens –“ – „Aber schließlich – er ist doch selber ein Junge.“ – „Nun ja,“ sagte die Tante. „Ich meine, wir werden ihn zu Haus erziehn, und natürlich braucht er dies ganz unnötige Abiturexamen, oder wie es heißt, nicht zu machen. Wozu, er erbt ja Groß-Gehren. Ich denke doch auch bestimmt, daß Sarah ihn bedenken wird, und mein kleines Vermögen wird natürlich auch Bill –“

Renée staunte: „Sarah – mein Gott, wie käme denn die dazu?“ – „Nun,“ meinte die Tante, „das ist doch – ich dachte, da du doch –“ – Renée lachte: „Ach so!“ Ausgelassen lachte Renée. „Du meinst, ich soll bei Sarah die Erbschaft für Bill ersitzen.“ Dagegen verwahrte sich Tante Klara entrüstet. Sie hätte nur gemeint – Elisabeth hätte einmal geäußert – –

Also Renée erfüllte Papas Wunsch und kümmerte sich um Bill. Sie baute mit ihm Baukasten-Häuser auf, in die er dann hineintreten durfte. Sie zog Puppen an, als deren Mutter sich Bill betrachtete. Diese Puppen waren nur und durchaus Mädchen, wie Bill versicherte. Auf Söhne legte Bill keinen Wert. – Bill war niedlich, ja, aber eigentlich sah er etwas dumm aus mit seinen erstaunten hellgrünen Augen. – Er hatte das rötliche Haar vom Vater und dessen winzige runde Kindernase, und er hatte eine große Vorliebe für Mädchenkleider. –

Weihnachten war vorüber. Der kleine Bill hatte zwei Tische voll Spielsachen bekommen. Einen von den Eltern und einen vom Großpapa. Während er diese Sachen betrachtete, hatte die ganze Familie hinter ihm gestanden, seine Bewegungen und Äußerungen waren vom einen dem anderen mitgeteilt worden – so kamen sie schließlich zu Renée. – „Bill hat gesagt, das weiße Wollschäfchen wäre ein Mutterschaf,“ berichtete Tante Klara begeistert. „Er will das Seidenkleidchen gleich heute anziehn, ach Gott, er will es mit ins Bett nehmen.“

Elisabeth kniete auf der Erde neben Bill und erlauschte seine Äußerungen. Viktor holte eben dorthin einen Stuhl für Papa, damit Papa besser verstünde, was Bill sagte. Es war das erste Mal seit lange, daß Papa im Winter nicht nach Berlin gegangen war. –

Weihnachten war vorüber, mit den Schulkindern, die beschert worden waren und nachher Kaffee und Kuchen bekamen; mit den Mädchen, die verlegen in den Schürzen und Kleiderstoffen herumstocherten und immer ‚aus Versehen‘ das Kuvert mit dem Geld liegen ließen. Der Hof war verschneit und der Garten und die Dorfstraße. Renée hatte es alles noch niemals im Schnee gesehn und es war doch so still und so wunderlich weiß.

Warum hatte sie es nie gesehn? Es war wie ein unwahrscheinliches Erlebnis, daß man auf einmal quer über den vereisten See gehn konnte zu den Wiesen auf der anderen Seite.

Steif und reglos stand das Rohr im Eise, und wo die großen Weidenzweige überhingen, da war eine dunkle Laube, die hatte ein Dach von Schnee.

Wenn man abends aus dem Fenster sah, dann glaubte man, es wäre nur sehr weißer Sand und gar nicht Schnee, was da so sonderbar schimmerte. – ja, man konnte sogar meinen, der vereiste See wäre frei von Eis und nur so ganz ohne Bewegung stände das silberne Wasser.

Bill hatte einen kleinen Schlitten, und Renée lief mit ihm über das Eis und zeigte ihm, wie das Haus aussähe von der anderen Seite.

„Siehst du, Bill,“ sagte sie, „das mußt du einmal sehr, o furchtbar lieb haben das Haus, wenn du groß bist. Willst du mir das versprechen?“ Bill sah sie an mit seinen hellen Augen, die keinerlei Ausdruck hatten, und sagte: „Ja.“ – Renée küßte ihn. Renée dachte: Es ist dumm, er ist ja noch zu klein, es wird nichts helfen.

Aber Tante Klara verbot diese Ausflüge. „Herrgott, wenn ihr nun an eine Stelle kämet, wo das Eis dünn ist. Herrgott, es könnte dem Kind etwas zustoßen.“ – „Du scheinst dich jedenfalls nicht zu ängstigen, ob mir was zustößt.“ – „Du kannst dir doch allein helfen,“ sagte Tante Klara gereizt.

Nun ging Renée allein. Sie ging abends. Irgendwo hatte der Förster ein Loch in das Eis gehauen für die Fische. Aber es war ja hell, und Renée wollte nicht weit gehn. Sie ging vorsichtig und sehr langsam vorwärts. Das Eis war glatt, aber dann hatte es auch Ungleichheiten – da waren allerlei Dinge mit eingefroren, die die Kinder hingeworfen hatten, Steinchen, Kalmus und Holzstücke.

Renée blieb manchmal stehen und sah sich um nach dem Haus. Da brannten schon ein paar Lichter in der grünen Stube – vielleicht war es Papa.

Renée stand wohl ganz lange auf einem Fleck, sie merkte es gar nicht, sie begann nachzudenken, sich zu erinnern. Es kam ihr vieles zurück – damals als Hannsbabo fortging. Sie dachte daran, wie er wiederkam mit Sarah. Sie dachte, wie er bei ihr am Bett gesessen hatte in seiner letzten Nacht. Damals war Herbst.

Sie sah nach der Richtung, wo eben die Lichter der Stadt zu flimmern begannen, sie dachte daran, wie sie einmal von Elisabeths Haus hergelaufen war aus Heimweh, ganz allein. Ja, auf der Treppe der Veranda hatte sie gesessen damals, weil das Haus verschlossen war.

Wie weiß der Garten aussah und wie still. Es war so ungewohnt, daß man dem Haus entgegengehn konnte über das Wasser hin, so wie Renée es jetzt tat. Es war, als träumte sie das – oder noch anders: es war wie eine Wiederkehr Gestorbener. Sie dachte:

‚Treibst mich zu jenem Land, wo keiner frägt Und wo ein stiller Strom das Unerfüllte wieder Zu seinem Ursprung trägt ...‘

– – Nach jenem Land, wo keiner frägt. –

Renée blieb stehen. Sie dachte den Worten nach. Sie dachte: das ist, wenn man stirbt.

Sie dachte: Ob ich das kann, jenen einen Satz denken, wenn ich sterbe – ganz später, wenn ich alt genug bin?

Ein sonderbarer Schreck überfiel sie. Wie, schwankte das Eis unter ihren Füßen – knisterte das Eis?

Dann war es vorüber. Sie wollte nach Haus gehn. Renée sah sich um, damit sie nicht fehlginge, wenn sie etwa in der Nähe des Wasserlochs war.

Nein, es war ein ganz dummer Schreck gewesen, es war nichts. Das Eis hielt. –

Bill war wieder fort, bei seinen Eltern. Tante Klara jammerte den ganzen Tag. Man hörte sie die leidenschaftlichsten Reden halten. In ihren Augen war weder Viktor das Recht der Vaterschaft zuzugestehen, noch konnte Elisabeth die Stelle der Mutter ausfüllen. Nein. Nur Tante Klara verstand und liebte Bill genügend. Sie erging sich in Verwünschungen. „Ich wollte, Viktor müßte an der Inspektionsreise nach den Ostmarken teilnehmen, – ich wollte er bekäme ein Billett für die Auguste-Viktoria-Fahrten.“

Renée dachte: Wenn es nicht so unchristlich wäre, gewiß wünschte Tante Klara den armen Viktor zum Hades. Aber es half alles nichts. Viktor und Elisabeth sagten, schließlich wäre Bill doch ihr Kind.

So fuhr die Tante dreimal in der Woche in die Stadt. Und während der Kutscher die Besorgungen erledigte, um derentwillen Tante Klara hingefahren war, – währenddes saß sie bei Billchen. Dann erzählte sie bis zur nächsten Fahrt, was Billchen, der liebe Junge, gesagt, gemeint, geglaubt hatte. –

Renée saß oft bei Papa. Sie sah ihm zu, wenn er Briefe schrieb, sie saß auf dem Sessel beim Tisch oder am Fenster, von wo man den Hof übersehen konnte.

Einmal – es war Dämmerung und die Lampe war noch nicht gebracht worden, es war still, weil niemand mehr über den Hof ging, einmal sprach Papa von Hannsbabo. Er tat es in seiner eigentümlich kargen Art, er sprach nur ganz kurze Sätze.

„Sag mal, mein Kind,“ so begann er, „was war das damals mit Hannsbabo?“

Renée erschrak. Sie fühlte, da war eine Pflicht, zu antworten und da war auch eine Gebundenheit, zu schweigen. Sie erschrak und sah ihren Vater an.

Er saß ein wenig abgerückt vom Schreibtisch und sah vor sich nieder auf den Boden.

Renée wandte sich um zum Fenster und sah in den Hof. – „Hannsbabo war sehr unglücklich,“ sagte sie.

Papa stand auf und ging hin und her im Zimmer. Er ging genau in der Mitte des Läufers, der von einer Tür zur andern führte.

„Unglücklich – nun ja. Aber warum?“ Renée erschrak wieder, als ob diese Frage nicht selbstverständlich gewesen wäre nun. Sie sagte: „Ach laß es doch ruhn, Papa.“ Ihr Vater blieb vor ihr stehn. „Ich denke, du wirst mir das sagen, Renée,“ sagte er. „Ich werde wohl wissen dürfen, warum mein Sohn sich ’ne Kugel in den Kopf schießt, das wirst du mir wohl nicht vorenthalten.“

Ja, dachte Renée, ich muß es ihm sagen, muß es sagen.

„Er liebte Sarah so sehr. Und diese ewige Trennung, die in der großen Verschiedenheit der Psychen lag, ertrug er nicht. Dann verzweifelte er daran.“

Papa verstand nicht: „Verzweifelte – was? Erschoß sich, weil er seine eigne Frau liebte – was – was ist das für überspanntes Zeug?“ Renée lächelte. Ja wirklich, sie merkte, daß sie lächelte. Sie wollte es ja so gern Papa erklären. Aber wie? Sie sagte: „Die Menschen empfinden sehr verschieden, nicht wahr; du faßt all diese Dinge in der äußerlichen Form auf und du achtest nur die Beschaffenheit der Realität. Er aber – die Beschaffenheit der Idee.“

Gott im Himmel – was redete sie denn? Papa hielt nun auch noch seine jüngste Tochter für halb verdreht offenbar. Und Papa tat Renée leid in diesem Moment. – O, sie wäre gern zum ihm herangekommen und hätte ihn gestreichelt. – Was würde Papa dazu sagen.

Papa fuhr auf. „Unsinn ist es. Eben dieses überspannte moderne Zeug ist es, mit dem ihr euch die Köpfe verdreht. Wenn irgend so ein Unglückswurm, der seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, der ausgestoßen ist oder wird aus dem Kreise seiner Herkunft, wenn so einer sich erschießt, na ja. Der tut ganz vernünftig daran. Aber Hannsbabo! Ein junger, gesunder Mann in der denkbar besten Lage, mit den besten Aussichten für die Zukunft – das ist durchaus unnatürlich und verdreht!“

Renée antwortete gar nicht mehr. Wozu denn? Sie hatte auch das Gefühl nicht mehr, als solle sie dafür eintreten. Nein, sie würde dies nicht zu einem Streit werden lassen.

Die Dinge, die ihr Vater sagte, waren so wenig neu. Man hatte sich schon sehr oft gegen sie empört, gegen solche Auffassungen empört, man brachte doch nichts fertig dagegen.

Renée dachte: Jemand tut den freiwilligen Tod seines Sohnes damit ab, daß er ein paar Worte herauspoltert: ‚Unnatürlich und verdreht‘, – wenn ein Mensch wie Hannsbabo starb, ein mutiger, stolzer Mensch. Sie dachte: Und Papa hat ihn doch auch daliegen sehn, dachte Papa denn gar nicht, wie jung, wie jung er war!

Renées Vater nahm seinen Gang durch das Zimmer wieder auf. Renée sagte: „Glaubst du, Papa, wenn ein Mensch sich Monate und Wochen und dann jeden einzelnen Tag herumquält mit dem Leben und endlich hält er es nicht mehr aus und tötet sich – glaubst du, das darf man dann mit solchen Worten abtun?“

Papa schwieg. Dann sagte er: „Ein Mensch hat Pflichten zu erfüllen im Leben. An die hätte er sich halten müssen. Diesen Pflichten einfach auszuweichen, ist bequem, aber unrecht!“ – „Welche Pflichten?“ – „Er hat Pflichten gegen Eltern und Familie, jawohl.“ Papa gab dem letzten Wort besonderen Nachdruck.

„Aber ein erwachsener Mensch hat doch zunächst einmal das Recht auf Leben und Tod. Er ist doch frei, nicht wahr? Er gehört der Familie als Glied an, aber nicht als Gegenstand, nicht wahr? Und –“

„Das gehört nicht zur Sache. Rechte schaffen noch lange nicht Pflichten aus der Welt,“ donnerte Papa.

„Nein, gewiß nicht. Aber zuerst – zuerst kommt die Pflicht gegen die eigene Existenz und dann kommt alles übrige. Und darum hat kein Mensch gegen Eltern die Pflicht, sein Leben weiter zu schleppen, wenn ihm das Leben zum Ekel geworden ist.“

„Ja,“ sagte Papa, „du stehst auf einem recht bedauerlichen Standpunkt in diesen Dingen – leider.“ Er erhob die Stimme: „Aber ich hoffe, daß sich das ändern wird, daß du einsehen wirst, daß die von Gott auferlegten Verpflichtungen nicht mit diesen modernen Redensarten von ‚Pflicht gegen eigne Existenz‘ abgetan werden können. Kinder haben eben gegen ihre Eltern Pflichten. Sie sollen den alternden Eltern Stütze und Freude sein.“

„Sind die Kinder denn gar nicht um ihrer selbst willen da?“

Papa überhörte das. Papa sagte: „Es kommt dann einmal der Augenblick, wo es zu spät ist, und wo keinerlei Reue das Versäumte wieder gut macht.“

Papas letzte Worte liefen in eine Drohung aus.

Renée wurde es kalt ums Herz. Sie sagte: „Warum wohl Eltern niemals auf die Idee kommen, daß ihre Kinder eher sterben könnten als sie. Gerade als ob nur Eltern stürben und Kinder ewig lebten.“

„Nun, gewöhnlich pflegen eben die alten Leute zu sterben,“ sagte Papa.

„Ja freilich. Aber ich werde doch auch einmal alt und sterbe, was ist da Besonderes?“

„Wer aber dem Tod nahe steht?“

Renée sagte: „Wer kann das wissen. Vielleicht steht er mir nahe oder vielleicht auch dir. – Wer kann das wissen. Warum das Sterben nur immer so als Trumpf ausgespielt wird.“ –

Renée war wieder in Berlin.

Sarah fühlte sich etwas angegriffen von den winterlichen Freuden. Es war eben ein bißchen zu viel gewesen diesmal. Bei der Rodelei in Oberhof hatte Sarah sich erkältet.

Als Prinz Manfred steuerte, war die Rodel in den Schnee gekippt. Es war eine eklige Kurve, ja, aber der gute Prinz war eben auch ungeschickt. Sein Adjutant hatte Sarah gleich gewarnt. Ah – aber reizend war es in Oberhof.

Ja, so kam Sarah zurück. Und nun wollte sie ein bißchen nach dem Süden. Renée hatte die Bädeker von Italien, Schweiz und Österreich vor sich und machte Vorschläge.

„Was meinst du zu Meran?“ – Sarah schüttelte den Kopf. „Österreich nicht,“ sagte sie, „das ist mir zu fad.“ – Der Bädeker von Österreich, Süd-Bayern flog beiseite.

„Und das Engadin? Moritz, Pontresina, Arosa?“ – „Da fällt man höchstens von neuem in den Schnee,“ sagte Sarah.

Renée suchte weiter: „Ajaccio, Levante, Ponente – die Seen sind wohl erst fürs Frühjahr?“ – „Es ist alles nichts,“ sagte Sarah gelangweilt. „Aber der Genfer See?“ frug Renée. „Auf dem Rückweg im Frühjahr geht man dann ein bißchen nach Paris. Dann lohnt es doch. Dann kaufst du dir deine Frühjahrsneuheiten dort.“

Sarah ließ sich bewegen. „Nun, man könnte ja mal sehn,“ meinte sie, „vielleicht ist es ganz nett. Und das mit Paris wäre ja natürlich sehr praktisch.“ Sarah sagte auch, in Berlin wäre ja doch alles nur ^second hand^ und in Paris wäre es bei alledem noch billiger.

Ja wirklich, man sparte geradezu in Paris.

Nun gingen wieder die Vorbereitungen an. Kleider, Pelze, Hüte. Zum Schluß war Sarah so elend, daß sie wirklich eine Erholung brauchte.

Renée war froh, als sie endlich im Zuge saßen. Im Luxuszug natürlich. Auch die Jungfer fuhr mit. Sie mußte das Necessaire bewachen.

Renée trug nur einen Gegenstand. Es war die Tasche mit Sarahs Schmuck. Alle Frauen tragen den Schmuck in Extrataschen. Diese Taschen sind von feinstem Juchten. Sie dulden keinen Überzug. Sie sagen: ‚Meine Herrschaften, ich enthalte etwas von Wert!‘ –

Eine Nacht fuhr man und einen Tag. Dann wurde der Wagen umgehängt, dann war man da.

Es war schon dunkel. Der See war nicht zu erkennen, aber man wußte ihn, wenn man aus den Fenstern sah.

Da unten mußte er liegen, wo es ganz schwarz aussah. Dieser tiefe Abgrund, in den das Land hineinstürzt, war der See. –

Der Direktor des Hotels empfing sie. Es war ein kleiner, magerer Mann. Er hatte einen tadellosen Zylinder, einen tadellosen Anzug, ein tadelloses Auftreten.

Sarah würde also im Gesellschaftszimmer warten, während Renée die Zimmer ansah. – Renée fuhr im Lift hinauf mit dem Direktor. Der Direktor sagte: „Frau Baronin haben auch einen Salon befohlen, und neben dem Salon soll ich ein Zimmer für Sie geben, Fräulein.“ Der Direktor hielt Renée für eine bessere Jungfer, wie es schien. Es ergab sich, daß der Salon dreißig Francs kostete – es gab hingegen auch vollständige Appartements, sehr elegant eingerichtet.

Sarah nahm ein vollständiges Appartement. „Es ist billig, fünfundsiebzig,“ sagte sie befriedigt. „In Cannes kostete es für mich allein achtzig am Tag – ^oh dear, I am tired^.“ –

Am Morgen ging Renée an den See. Es war noch früh. Da stand der Nebel – oder war es Dampf – ganz nahe über dem Wasser. Renée lehnte sich über die Brüstung der Mauer.

Manchmal schoß eine Möve an ihr vorüber, umkreiste Renée mit aufgeregtem Flattern, sie waren wohl gewohnt, Futter zu bekommen.

Auf der anderen Seite kamen allmählich die Umrisse der Berge. Renée sah eine kleine Insel. Auf der stand ein weißes Haus. Der See hatte blaue Färbung mit weichen Tönen von lila nach der Ferne zu.

Als Renée in das Hotel zurückkam, traf sie den Arzt. Er war eben bei Sarah gewesen. Er sagte: „Es liegt bei Frau von Catte zu ernster Besorgnis kein Grund vor. Ich habe sie eingehend untersucht. Sie hat wohl etwas auf ihre Gesundheit losgearbeitet, Ihre Frau Schwägerin. Da haben wir dann die Reaktion. Ruhe und Spaziergänge werden bald alles beseitigt haben. Von Caux – Ihre Frau Schwägerin erwähnte es – rate ich allerdings ab. Dort ist mehr Möglichkeit zur Unruhe als zur Ruhe und Erholung vorhanden.“

Renée frug, wann er wiederkäme. Doktor von Geldern lächelte. „Das ist wirklich unnötig,“ sagte er. „Aber wenn Sie mich brauchen, stehe ich jederzeit zur Verfügung. Ich esse im Hotel.“ Er grüßte und ging. Von der Treppe her wurde bereits nach ihm gerufen.

Sarah wäre eben viel lieber nach Caux gegangen. Sie sagte: „Hier sieht es so langweilig aus. Es sind nur alte Leute im Speisesaal. Und oben zu essen ist noch langweiliger.“

Renée redete ihr zu. Man konnte rudern, Tennis spielen, Ausflüge machen.

Des Morgens, wenn man aufwachte und sich ganz wenig aufrichtete im Bett, dann lag der See vor den Fenstern ausgebreitet, und des Abends manchmal kam das feierliche Glühen auf die Berge von der vergehenden Sonne.

Da waren die Möwen und die flinken, schwarzen Wasserhühner. Die gab es auch zu Haus. Manchmal hatte Renée auch Möwen gesehn zu Hause. Die kamen von den großen Seen.

Renée sagte: „Die Luft ist sehr sanft hier.“

„Findest du? Ich finde nicht.“ Sarah sagte das. Ja – hatte Renée denn laut gesprochen? – Renée lachte über sich selbst.

„Ich finde es fürchterlich langweilig hier, und ewig geht diese dumme ‚Bise‘. Man muß fortwährend den Hut halten.“

„Nimm ihn doch ab!“ – „Wie kann ich das,“ antwortete Sarah entrüstet.

Renée ging über den Markt, weiter durch einen kleinen Wald. Sie wollte nach dem Schlößchen. Im Bädeker stand: ‚Unweit des Bahnhofes liegt das reizende Schlößchen Hauteville, im Rokokostil erbaut, mit schönem Park.‘

Man mußte doch das ‚reizende Schlößchen‘ ansehn.

Eine gerade, geschnittene Hecke von Taxus führte zum Portal. Renée trat heran. Es war ein wunderhübsches, kleines Schloß, hellgetönt mit weißen Fenstern. Es war mit lila Vorhängen dicht verhangen nach der Hofseite. Auf dem Dach standen Figuren. Renée ging zum Eingang. Sie wollte es doch sehn von innen. Natürlich wollte sie. Sie klingelte drei-, viermal. Die Tür blieb verschlossen. Ein Fenster klappte, eine dicke, alte Frau steckte den Kopf heraus. „Nix da, lassen Sie das Klingeln,“ schrie die Alte. „Hier ist zu.“

„Ich wollte gern das Schloß sehen.“ – „Das is nu mal nicht zu sehen,“ zeterte die Alte. Dann warf sie das Fenster zu. Renée schimpfte draußen nach der Richtung hin, wo sie herausgesehn hatte, und ging in den Garten. Der Garten war vielleicht auch nicht zu sehen, aber da er offen war –

Ein so schöner Garten! Er hatte gerade Hecken von Tuja, die in Rosengänge hineinführten. Er hatte ein kleines Wasser mit Trauerweiden darüber; die Weiden waren noch kahl. Und er hatte eine große Platane, unter der stand eine runde, weiße Bank. Renée setzte sich. Warum etwa sollte sie das nicht? Es war ja niemand da, und der alten Hexe konnte es doch ganz gleich sein, außerdem merkte sie es ja gar nicht. Um die Bank herum lagen noch die Herbstblätter. Es war ja fast noch Winter, aber der Rasen sah bunt aus. Da waren Anemonen und Krokus, und da waren Veilchen.

Renée ging weiter, ging auf einen Hügel zu. Da stand ein kleiner kreisrunder Tempel mit einem Dach auf sechs Säulen, und daneben war ein riesiger Busch von dunklem Bux.

Renée stand unten am Hügel und sah es an und fand, es war sehr schön.

Lange saß sie auf den Stufen des kleinen Tempels.

Als sie zurückging, kam ihr jemand entgegen. Wer das wohl war? Eine junge Frau, die einen braunen Pelzmantel trug. Sie stützte sich auf einen weißen Stock, und neben ihr ging langsam und würdevoll ein großer Hund. Sie hatte dunkles Haar.

Renée sah sie kommen, blieb an der Wegseite und ließ sie vorbei. Der Hund wandte ein wenig den Kopf nach Renée, die Frau zog ihn am Halsband an sich. Sie sah mit einem Lächeln an Renée vorüber, Renée blieb stehn, sah ihr nach.

Bei Tisch war Sarah ganz lustig: „Ich habe jemanden entdeckt, mit dem es ganz nett werden kann,“ sagte sie. Sie zeigte Renée eine schwarzgekleidete Dame, die allein saß. „Ich habe sie heut kennen gelernt. Sie ist begeisterte und natürlich überzeugte Spiritistin.“

Nach einer Weile fuhr Sarah fort zu reden: „Wir wollen eine Séance halten heut nachmittag, natürlich tust du mit – du, Renée, hörst du denn nicht?“ Renée fuhr aus irgendwelchen Gedanken: „Ich? Ach, ich würde dir abraten, Sarah. Es ist so peinlich. Und siehst du, ich möchte so ungern damit zu tun haben.“

„Gott, wieso denn peinlich?“ Sarah lachte. „Ich denke es mir komisch. Ich lasse sie ruhig machen, und innerlich amüsier ich mich fein.“

„Ja schon. Aber das ist eigentlich nicht fair, wenn die Leute es doch einmal ernst nehmen.“

Sarah sagte: „Ach, ^nonsense^.“ –

Um fünf kam der Tee. Die schwarze Dame erschien. Sie hieß Baronin d’Auvergnes, war Witwe und besaß ein Palais in der Nähe des Luxembourg. Dies erzählte sie im Anschluß an die Nennung ihres Namens. Die Baronin begann mit Tischrücken.

Man nahm einen dreibeinigen Tisch, man legte sämtliche Fingerspitzen darauf. Als man müde wurde, die Handgelenke in der Schwebe zu halten, begann der Tisch zu kippeln.

Baronin d’Auvergnes sagte dazu das Alphabet. Dieser Tisch hatte eine Vorliebe für Konsonanten: ‚stkl‘ kam heraus.