Part 4
Es sprach sich gut mit Schoenburg. Er wußte von allen Dingen und er dachte gern nach. Manchmal wenn einer von beiden ein Buch gelesen hatte, das ihm gefiel, las es der andere auch, und sie sprachen davon. Nur liebte Schoenburg andere Bücher als Renée. Er liebte die ‚starke Frau von Gernheim‘, und er sagte, man müsse diese Frau anbeten. Er sagte: „Das ist wahre Größe.“ – „Aber ich mag es nicht, daß sie bei diesem Mann bleibt,“ sagte Renée. „Das soll eine Frau nicht tun.“ – „Aber sie tut es im Gedanken an eine Liebe, die größer war als sie selber. Sie tut es immer noch, obwohl diese Liebe vergangen ist. Sie hängt daran, weil es das Glück ihres Lebens ist.“ „Ja,“ sagte Renée, „wohl – dennoch! Sie sollte das Gedenken an diese Liebe nicht mehr in Verbindung bringen mit jenem Menschen, der sie gemein macht. Oh, ich glaube dieser Sache fehlt eben ein kleiner Zug der Größe, dieser: Das Gelebte loslösen können von der Realität, um es ganz zu eigen zu nehmen“ – „Sie sprechen das schön aus,“ sagte Schoenburg, „es ist auch wahr, was Sie sagen. Aber, Fräulein von Catte, ich kann nicht davon ab. Für mich liegt eine geradezu heilige Schönheit in diesem starken, schweigenden Verzichten.“ –
„Und der Schmerz des Verzichtens?“ so frug Renée. – „Eben der,“ sagte Schoenburg, „bleibt verschwiegen. Darin liegt die Größe.“
„Nur Stärke liegt darin, Herr von Schoenburg.“ – „Gehen gnädiges Fräulein gern auf Bälle?“ ließ sich Erbprinz August vernehmen. – Renée konnte vor Schreck nichts antworten und sah verdutzt in des Erbprinzen fragendes Gesicht. „Dies ist mein dritter Ball ...“ flüsterte Schoenburg von hinten – beinahe hätte Renée es wirklich wiederholt. – „Ja, ich tanze sehr gern,“ sagte sie.
Dieser Ball war schöner als die anderen. Es war alles viel prächtiger. Es gab viel mehr Licht. Es sah aus wie große Blumenbeete, die hin und her vom Wind bewegt wurden zuletzt.
Dann sollten Hannsbabo und Sarah zusammen tanzen.
Sie riefen es von allen Seiten, und auf einmal kam der Kommandierende auf Sarah zu, bot ihr den Arm und führte sie in die Mitte des Saales. „Oberleutnant von Catte,“ rief er dröhnend – dann stand Hannsbabo vor Sarah. Und er sah sie einen Augenblick an, und Sarah sah ihn an, dann lächelte sie – – Sie tanzten – Sarah mit ihrem sonderbar blassen Gesicht in dieser Wolke von Silber. Hannsbabo mit seiner schönen, stolzen Gestalt. In der rechten Hand über ihrer Schulter hielt er einen großen Busch roter Rosen und immer strichen die Rosen vorüber an Sarahs Gesicht. –
Sie tanzten allein – rings im Kreise standen die Menschen und klatschten in die Hände – und auf einmal faßten die Herren sich an und rasten im Kreise mit wildem Hurrageschrei um die Tanzenden. – Renée drehte sich alles vor den Augen – irgend ein wahnsinniges Bild von Tod kam ihr; von einem atemlosen Tod, der – sie hörte einen sonderbaren Laut neben sich. Schoenburg durchbrach die Kette der Tanzenden – es hörte auf – sie bliesen das Halalila.
Renée sah ihren Bruder mit Schoenburg hinausgehen. Schoenburg stützte ihn. – Renée sah sich um. Keiner schien es bemerkt zu haben, oder keiner wollte es bemerken – Sie ging Hannsbabo nach. –
Er lag auf dem Sofa in einem der Nebenräume. Schoenburg ließ Renée herein. „Bitte nicht Frau von Catte zu rufen,“ flüsterte er. Renée blieb allein mit Hannsbabo. Sie streichelte seine Hände, die waren ganz kalt. Sein Gesicht brannte in einem dunklen Rot. Er atmete überhastet. – „Lieber Hannsbabo.“ Er begann zu sprechen: „Renée, sag es keinem Menschen, versprich mir, auch ihr nicht“ – dann: „Sie hat es gewußt. Sie hat es so genau gewußt.“ Renée verstand ihn nicht. Renée frug, was meinte er denn, was war es? Aber er sagte nichts. Er schickte Renée fort – aber sie wollte nicht gehn. – „Hannsbabo, hab ein bißchen Vertrauen, sag es mir!“ – Er sah so sonderbar ins Leere – oh, sein Gesicht anzusehen machte trauriger als traurig. – Er sagte: „Ich liebe sie so sehr, daß es mir eine Qual ist, ihr nah zu sein –“ Weiter sagte Hannsbabo nichts. Renée ging. Nach kurzer Zeit sah sie ihn wieder im Saal.
Sarah nahm die Abschiedscour entgegen. Hinter ihr standen Graf Solms und der kleine Schulenburg, bewaffnet mit Sarahs Blumensträußen. Hinter Renée zählten zwei junge Mädchen ihre Buketts aus. „Ich habe doch zwanzig,“ hörte Renée. „Lida Arnim hat bloß dreizehn!“ „Da sieh mal, Frau von Catte.“ – „Na ja die!“ –
– Was sind es doch für Gänse! dachte Renée.
„Am Sonntag wird Herr von Horwitz mit uns essen,“ sagte Papa. „Ich erwarte, daß du etwas liebenswürdiger sein wirst als sonst, Renée. Ich schätze Herrn von Horwitz durchaus.“ – „Ich habe gar nichts gegen ihn. Er ist nur so komisch, Papa.“ – „Es wäre Zeit, diese Kindereien aufzugeben,“ sagte Papa gereizt. –
Am Sonntag kam Herr von Horwitz. Es gab Sekt, es gab Austern, auf dem Tisch waren Blumen. Elisabeth war in einem hellila Kleid mit Spitzen. Das hatte doch irgend etwas zu bedeuten. Renée merkte bald, was es zu bedeuten hatte. Herr von Horwitz trat mit einem Maiglockenstrauß an und küßte mit ernster Devotion Elisabeths Hand. Er nannte sie: ‚Verehrtes, liebes gnädiges Fräulein‘. Also so weit war es schon. Fast kam Herr von Horwitz Renée noch komischer vor als vordem, sie hätte ihm beinahe ins Gesicht gelacht. Auch der Gedanke, daß Elisabeth extra für ihn das hellila angezogen hatte, war so unausbleiblich komisch. –
„Das Landratsamt wird nämlich jetzt ausgebaut,“ sagte Herr von Horwitz – „und der Kreisbauinspektor meinte, im Juni würde der Anbau beziehbar sein.“ – Über Elisabeths Gesicht ging eine flüchtige Röte, dann sah sie heimlich so von der Seite zu Renée hinüber. –
Nach dem Essen ging Renée in ihr Zimmer. Sie setzte sich ans Fenster, da wo man die ganze endlose Straße hinuntersehen konnte. Da kamen aus der linken Seitenstraße die vielen Straßenbahnen und ratterten um die Ecke. Im Sommer, wenn der Asphalt trocken war, taten sie das mit einem gellenden Stöhnen. Im Winter klirrte es vom Frost. –
Wenn Renée vorm Schreibtisch saß, sah sie alles, was auf der Straße geschah. Sah die Menschen, die aufgeputzt in den Tiergarten zogen, und die Bahnen und Droschken, die vollgestopft dem Kurfürstendamm und dem Grunewald zurollten. Der Grunewald – Renée dachte an die Seen, die stillen – und besonders an den mit dem Jagdschloß. – –
Ganz leise öffnete jemand die Tür. –
„Wie geht’s, kleiner Bub?“ – „Hannsbabo du?“ – „Ja,“ sagte Hannsbabo, „so sehr wunderst du dich? Ich hab den Dogcart unten und wollte dich ein bißchen abholen. Magst?“ – „Ob ich mag. Fahren wir nach dem Grunewald, bitte, bitte.“ Er lachte: „Wohin denn sonst, kleiner Bub?“ –
Renée erzählte, daß sie gerade an das Jagdschloß gedacht hätte. „Also fahren wir dahin,“ sagte Hannsbabo. –
Auf dem Kurfürstendamm war es kaum zum Durchkommen. Hannsbabo mußte seinen Fuchs mehrmals scharf zurückhalten, auf der Halenseer Brücke stand man fünf Minuten. – In Hundekehle spannte der Groom aus. Renée und Hannsbabo bogen links ab. –
„Wo ist Sarah?“ frug Renée. – „Sie hat Teebesuch von einer Landsmännin. Und sie fährt nicht gern mit Pferden. Es geht ihr zu langsam. Es ist ein dummer Zeitverlust mit Pferden – sagt Sarah. Auto ist besser. Kennst du Sarahs Auto? Es ist grün mit Silber.“
Renée kannte es noch nicht. Aber ob sie nicht lernen dürfe es zu lenken? So gern wollte sie das. Hannsbabo lachte. „Wie das den Frauen im Blut steckt. Ich glaube, Sarah tut nichts lieber. – Sarah hat einmal das Chauffeurexamen gemacht, und seit wir in Deutschland sind, hatte sie schon fünf Strafmandate wegen zu schnellen Fahrens.“ – „Daß sie das kann.“ Er sah Renée erstaunt an. – „Warum?“ – „Sie sieht so zart aus und so weich.“
„Sie ist stärker als wir beide zusammen, kleiner Bub Renée. Bei ihr ist Gefahr eine Leidenschaft. Es reißt sie fort. Es wirft alle anderen Dinge in ihr um.“ – „Physische Gefahr?“ – „Jede Gefahr, auch psychische,“ sagte Hannsbabo. – Er stieß einen kleinen Stein mit dem Fuß vor sich her während dem Gehen – manchmal blieb er unvermittelt stehen. – Renée sah Blässe und Röte jäh wechseln auf seinem Gesicht. Sie setzte sich an den Waldrand. – „Bist du müde, Hannsbabo?“ – Er streichelte Renées Hand. – „Bist du krank?“ frug Renée – „Nein, nein. Es ist nur, nur manchmal ermüde ich plötzlich. Das ist ein vorübergehender Schwächezustand. Hinterher bin ich ganz wie sonst, das überfällt mich so manchmal.“ – „Warum gehst du nicht mal auf Urlaub, damit du dich erholen kannst, Hannsbabo?“
„Sarah mag nicht.“ –
„Ohne Sarah dann,“ sagte Renée. –
„Oh – ohne Sarah.“ – – – –
Hannsbabo legte das Gesicht in die Hände. „Ich kann nicht von ihr fort,“ sagte er. „Hannsbabo, warum bist du nicht glücklich?“ Er nahm Renées Hand und hielt sie fest. „Es ist gut, daß du mich einmal fragst, Renée, denn ich glaube, ich müßte ersticken, wenn ich es nie jemandem sagen könnte.“ –
Immer wieder streichelte Renée seine Hand. – Er sagte: „Ich liebe Sarah! Siehst du, Renée, ich kann nicht ohne sie sein. Ich bin ganz ohne Gefühl und ohne Interesse für alles andere. Und Sarah – Sarah hat mich gern. Sie hat es gern, daß ich um sie bin und ihr alles tue. Sie sucht mich nicht. Und ich suche sie den ganzen Tag.“ – –
„Aber Sarah liebt dich doch, Hannsbabo.“ Renées Bruder legte sich nieder auf den Waldboden und schloß die Augen – so lag er die ganze Zeit, während er weitersprach, und ein Lächeln, das einen sehr schmerzlichen Zug hatte, kam auf sein Gesicht.
„Damals als wir uns verlobten, war es noch nicht so. – Erst dachte ich, es müßte ganz gut sein in einem gleichgültig ruhigen Zusammenleben; sie geht ihre Wege und ich meine. Dann – wollte ich mit ihre Wege gehn – das ließ sie zu. Dann wollte ich sie an mich nehmen zu mir – das ließ sie nicht zu, – nein das nicht!“
„Vielleicht muß sie mehr Zeit haben dazu,“ sagte Renée. Er lachte. Ein böses und hoffnungsloses Lachen: „Es wird nie anders sein. Und wenn ich ihr Zeit ließe bis in die letzte Stunde meines Lebens.“ – Er sprang auf. – „Da wird immer diese Distance sein, kleiner Bub, die, an der ich mich kurz und klein reibe. – Laß uns zurückgehn, Renée.“ –
Renée konnte nicht vergessen, was Hannsbabo gesagt hatte. Nicht bei der Heimfahrt und nicht zu Haus beim Abendessen und in der Nacht auch nicht. Sie lag diese Nacht lange, ehe sie einschlief, und dachte, was sie tun könnte, um Hannsbabo zu helfen. Und wie sie über ihn nachdachte, dann wußte sie es, daß er müde war und krank und daß er einen brauchte, der ihm half. Dann verfolgten ihre Gedanken ihn in allen seinen Worten und seinen Gebärden von dem Augenblick an, da sie ihn wiedergesehen hatte in Groß-Gehren, als er Sarah brachte, und sie dachte: damals ging er immer umher und sah die alten Bilder an in den Zimmern. –
Am Morgen war Papa böse, denn Renée wäre so lange weggeblieben, und nun hätte er die ganze Zeit sich dazu setzen müssen. –
„Aber Papa – Elisabeth ist doch alt genug.“ – „Unsinn,“ sagte Papa, „es gehört sich so.“ – Elisabeth aber kam zu Renée. Elisabeth schloß ihre Schwester in die Arme und sagte mit sanft melancholischer Stimme: „Ich möchte, daß du teilnimmst an meiner Freude, Renéechen, ich habe mich gestern abend verlobt!“ – Renée sagte: „Ach.“ Dann erschrak sie recht, und gleich darauf hörte sie sich eine wohlgesetzte Glückwunschrede halten. –
Nun kam immerzu Viktor, so hieß der Landrat. – Es gab seine Leibgerichte, er wurde mit Sekt bewirtet. Viktors Ansichten wurden proklamiert. Man hörte ein ewiges: ‚Viktor meint, Viktor findet‘ – im Haus.
Papa ignorierte das und hielt sich in seinem Zimmer. – Renée wurde mitgeschleppt auf allen Spaziergängen und Einkäufen. In die Ausstellungen mußte Renée, in den Zoo, ins Theater. Und immer sah sie eine sanft strahlende Elisabeth neben sich und Viktor mit den hellgelben Glacés.
Sarah hatte für den neuen Schwager keine Sympathieen. Sarah sagte: „Er ist ein unausstehlicher Mensch. Wenn ich schon den geölten Scheitel sehe.“ – Aber es sollte ein Besuch gemacht werden bei Sarah, und Renée war vorher abgesandt. – Renée sollte Sarah freundlich stimmen. Renée sollte sagen, wie herrlich Viktor wäre und daß Elisabeth ihn so liebe und daß Viktor sehr wohlhabend und gut angeschrieben wäre. So war es Renée aufgetragen worden. – „Es muß aber doch ein fürchterlicher Tropf sein,“ sagte Sarah, „wenn er Elisabeth heiratet. Ich begreife es nicht. Elisabeth ist eine so widerlich knöcherne Person.“
„Laß sie doch gehn,“ sagte Renée, „sie hat dir doch nichts getan.“ – „Ich werde wohl meine Ansicht äußern können. Du wirst mir gar nicht so in die Rede fallen,“ sagte Sarah geärgert. „Du bist sehr ungezogen.“ –
Elisabeth wurde auf das Sofa gesetzt, Viktor kam auf einen Klaviersessel ohne Lehne. Dann lehnte sich Sarah in einen großen Ledersessel und betrachtete den auf dem Klavierpuff. Sie betrachtete ihn ungeniert und lächelte ein wenig dazu. – Viktor – ja, unbegreiflicherweise war es so – Viktor fühlte sich dadurch ermuntert zum Reden und erzählte, daß das Landratsamt bald beziehbar sei.
Nach einer Viertelstunde erhob sich Sarah. Sie wollte von Hannsbabos Schreibtisch einen türkischen Dolch zeigen. Als sie an Renée vorüberkam, neigte sie ein klein wenig den Kopf zu Renée hinüber: „Schaff diese Leute weg,“ sagte sie. –
Als Papa und Elisabeth nach Groß-Gehren gingen, durfte Renée noch in Berlin bleiben. Sie kam zu Hannsbabo und Sarah. – Einmal nach dem Essen, als sie Kaffee tranken in Hannsbabos Zimmer, sagte Sarah: „Renée, was würdest du sagen, wenn wir ein schönes Schloß kauften?“ –
„Hannsbabo bekommt doch Groß-Gehren,“ antwortete Renée. Sarah lachte: „Ach, das ist ein altes, unelegantes Ding – nein – ich meine ein feudales, großes Schloß mit Park und Teichen und weiten Rasenflächen.“ – „Eigentlich wäre das schön.“ – Sarah tippte mit einem Finger auf Hannsbabos Ärmel. „Siehst du, ^my boy^ – siehst du, Renée tut mit. Es ist viel schöner als das dumme Leutnant-sein.“ –
„Sarah behauptet, es ist dumm, ‚Leutnant-sein‘,“ sagte Hannsbabo, er rückte seinen Stuhl näher an den Sarahs – „und bitte, ist es auch dumm, ‚Rittmeister-sein‘?“
Sarah lachte: „O, es ist überhaupt lächerlich, wenn ein gutsituierter Mann Offizier ist. Wenn er aus einer guten Familie ist. Was gewinnt er denn etwa? Irgend ein schnauzbärtiger alter Herr läuft herum und hat einem zu befehlen. O, derselbe alte Herr wird von Wachs und Honig sein, wenn er eingeladen wird bei uns Hirsche schießen auf dem Schloß.“ –
„Sie kennt die Verhältnisse,“ sagte Hannsbabo lachend. „Man kann ihr nichts vormachen, Renée.“ –
Sarah holte einen Packen Briefe aus dem Schreibtisch: „Hier ist das Schloß, was man kaufen muß,“ sagte sie. „Das wird Hannsbabos Flügel und das meiner, und da kommen die Gäste hin.“ – „In ein Schloß mit Flügeln gehe ich überhaupt nicht.“ – „Du gehst mit, wo ich gehe,“ sagte Sarah, „denn es stehet geschrieben, der Mann wird Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen.“ – „Ja,“ sagte Hannsbabo, „das ist ein sehr schöner Spruch.“ – –
Es war so hübsch, bei Hannsbabo zu sein. Sie hatten immer etwas vor, Gäste oder Theater oder Grunewaldfahrten. Dann kam man spät nach Haus mit dem Auto über den stillen Kurfürstendamm.
Abends – wie waren die Seen so schön. Bei Mond, der dann als eine silberne, zitternde Säule auf dem Wasser war – oder auch bei dunklen Nächten, wenn zerrissene Wolken über dem Wasser hingen – und plötzlich brach das Licht des Mondes durch ihre Schwärze. Die Kiefern standen wie ein undurchdringliches Dunkel zwischen Wasser und Himmel. –
Schön war es bei Hannsbabo. Renée durfte sich einladen, wen sie wollte. Renée durfte ein Abendessen geben nach dem Tennis. – Nun saßen sie bei der Bowle auf der großen Veranda. –
Hannsbabo ging mit Renée im Garten. Da war Halbdunkel – so richtig gut zum Reden, und Hannsbabo sagte: „Wenn du einmal einen Menschen liebst, Renée, dann mußt du an mich denken, an heute abend. Du sollst es gut haben, kleiner Bub. Ganz eins werden mit ihm, so daß man alles gemeinsam fühlt, so daß es nie mehr eine Einsamkeit gibt.“ –
„Hannsbabo, denkst du niemals an das kleine Bild, das du mir einmal zeigtest?“ – Er lächelte, schüttelte den Kopf. „Nein, Renée, ich glaube nicht. – Ich habe diese einmal tanzen sehn, als ich in Paris war mit Sarah.“
„Wußte Sarah davon?“ – „Ich hab es ihr erzählt, als wir sie sahen,“ antwortete Hannsbabo. – „Aber was sagte Sarah?“
Er wandte sich um nach der erhellten Veranda, wo die Leute lachten und schwatzten, und stand eine Weile schweigend. – „Ich höre ihre Stimme nicht,“ sagte er. – –
„Wie kann man das in dem Lärm,“ sagte Renée.
„Auch du wirst einmal unter vielen eine Stimme unterscheiden lernen, kleiner Bub.“ –
Sie gingen weiter. – „Was Sarah tat? O, sie tat mir eine Freude. Sie sagte: ‚Wenn du noch einmal dieses bunte Etwas mit dem Glas ansiehst, so fahre ich sofort zurück nach Washington.‘ – ‚Wie kann es schaden, wenn ich sie ansehe, da Sarah neben mir sitzt‘, sagte ich. Darauf sie: ‚Du bist ein Schwätzer.‘ – O, Sarah wußte ganz gut.“ – –
Renée sagte: „Wenn es so war, dann liebt dich Sarah doch, warum glaubst du es nicht, Hannsbabo?“ –
„Nein. Das ist kein Beweis. Das ist, weil eine Frau ihren Mann eben als Besitz betrachtet. – Sarah liebt überhaupt nicht. Sarah sieht nicht ein wozu. Es macht ihr kein Vergnügen.“ –
Sie gingen weiter. „Ich höre sie,“ sagte Hannsbabo.
Sarah rief ihn im Garten. Sarah kam zu ihm – sie lehnte sich an ihn und wandte ihr Gesicht gegen den Himmel, sie sagte: „Eben hatte ich ein wenig Furcht ohne dich.“ –
Es war eine sanfte, warme Nacht. –
Über der Gartenmauer standen die schimmernden Kerzen der Kastanien. –
Der ganze Sommer war eine Vorbereitung von Elisabeths Hochzeit. Der ganze Sommer war ein unablässiges Durcheinander von Geschäftskatalogen und ankommenden Paketen. Elisabeth probierte Hemden mit Spitzeneinsätzen und band Dutzende von Tischwäsche in blaue Bändchen. – Die Pferde waren fortwährend auf dem Weg zum Landratsamt.
Außerdem bemerkte Renée etwas Sonderbares: Einige Dinge, die bisher immer auf bestimmten Schränken, Kommoden und Tischen gestanden hatten, waren verschwunden. Und man hätte diese Gegenstände doch im Schlaf auf eben dieser Stelle gesucht. –
„Du mußt irgend eine Aufführung in die Wege leiten,“ sagte Papa, „es ist so Sitte, und außerdem füllt es den Tag aus.“ – „Aber was denn nur?“ frug Renée verzweifelt. – „Na, das kannst du dir doch wohl ausdenken; dann kannst du deine Talente endlich mal nützlich anwenden,“ brummte Papa.
Renée schrieb Briefe: an Sarah, an sämtliche Cousinen, dann auch eine Karte an Schoenburg. Er würde ihr schon helfen. Er hatte immer so gute Ideen. –
So war es. Schoenburg antwortete, er erlaube sich einen ländlichen Tanz mit Huldigung für das Brautpaar vorzuschlagen. Denn zu einem Tanz brauchte man keine weiteren Vorbereitungen und für das Kostüm sorgten die Damen selbst. Den Herren könne man es wohl vom Königlichen Theater verschaffen. Und Renée würde dann wohl den Brautkranz überreichen, vielleicht in dem Kostüm einer Myrte. Renée wollte nicht Myrte sein. Es war albern und anzüglich, fand sie. – Ferner schlug Schoenburg auch noch ein Brautgedicht vor, es begann: ‚Du stehest heut an einer ernsten Grenze.‘ – Es kamen noch ‚Blumenkränze‘ und ‚stilles Glück‘ vor. –
Diese Hochzeit verlief ganz ohne Störung. Die guten, alten Glocken der Groß-Gehrener Kirche läuteten. Die brummende Glocke und die mit dem fröhlichen Geklingel, und auf Läufern, die über die Dorfstraße führten und auf Tannenreisern und auf Blumen gingen die Hochzeitsleute.
Renée ging mit Schoenburg. Schoenburg war sonderbar schweigsam, als ob er immerzu an anderes dächte, und Renée neckte ihn. Als sie in die Kirche eintraten, nahm Schoenburg eine von den kleinen, weißen Myrtenblüten auf, die auf der Schwelle lagen. Die steckte er zu sich. –
Der Tanz war vorüber und das Essen. Elisabeth und Viktor waren abgefahren, Elisabeth nicht ohne Tränen, Viktor mit Versicherungen seiner Ehrenhaftigkeit an Papa. – Papa hatte dann noch lange mit den Herren gesessen bei Bier und Zigarren. Es war erst gegen Morgen Ruhe geworden im Haus. –
An diesem Morgen kam Herr von Schoenburg und brachte Renée Rosen an den Kaffeetisch. – Er sagte: „Darf ich heute abend mit Ihnen ein wenig in den Garten gehen, Fräulein von Catte?“ – „Ja,“ sagte Renée, „aber erst müssen Sie mir furchtbar helfen. Elisabeth hat zwar als letzte Tat eine Stütze mit guten Zeugnissen engagiert – aber nun muß ich doch all die herrlichen Dinge tun, die Elisabeth tat.“ –
Schoenburg half. Er räumte die Konfekts mit weg und machte Obstschalen und Blumenvasen zurecht für den Tisch. Und immer währenddessen sagte er: „Aber heute abend – wenn wir fertig sind ...“ – – Dann war es Abend. Sie gingen im Garten. Renée fühlte die Last des Schweigens, aber alles, was sie vielleicht hätte sagen können, fand die Form des Wortes nicht. Und so ging sie immer tiefer in den dämmerigen Garten hinein mit dem Gefühl einer Schuld, die jeden Augenblick anwuchs. Die Schuld war, daß sie schwieg. –
Dann sprach Schoenburg: „Ich weiß nicht, ob Sie es fühlen können, so wie ich es fühle, Fräulein von Catte, dies: daß ich nicht mehr zurückhalten kann mit meinen Worten. Sie haben mir keine Erlaubnis dazu gegeben, aber ich glaube Sie so weit zu verstehen. Und ich denke, ein Mensch, wie Sie es sind, würde jedes An-seinem-Willen-vorbei-ihn-zu-gewinnen-suchen schlecht achten.“ –
Er schwieg, er strich mit der Hand über die Rinde des Nußbaumes am Weg – dann sagte er: „Ich liebe Sie; ich wünschte, Sie kämen zu mir und vertrauten mir Ihr Leben an. Wie ich Ihnen das meine vertrauen möchte –“
Renée ging es sonderbar, das Gefühl der Unruhe verging. Sie wurde ganz ruhig – ganz klar. „Ich kann es nicht.“ – „Ist es, daß Sie mich gar nicht lieb haben?“ – „O ja, Herr von Schoenburg. Ich habe Sie lieb, ein guter und lieber Kamerad sind Sie mir. Aber es kann einmal der Mensch kommen, den ich liebe –“
„Wer ist das?“ – „Niemand noch. Ich weiß nicht, ob es diesen Menschen geben wird. Ich habe noch nie einen Menschen geliebt.“ –
Sie gingen zurück, während es schon ganz dunkel war. –
Renée hatte den Menschen neben sich lieb. Sie fühlte seine Anwesenheit als etwas Warmes und Freundliches. Sie wollte ihm so gern Gutes tun. Sie wollte ihm so gern die Einsamkeit verstellen.
„Ich möchte mit Ihnen Freund sein,“ sagte sie. Er stand neben ihr still und lächelte. –
„Es ist Ihr großes, warmes Herz, eben das Herz, das ich so gern besessen hätte. – – Sie sollen wissen, daß ich für Sie immer da sein werde, Fräulein von Catte. Und ich darf Ihnen eine Bitte sagen: lassen Sie dies zwischen uns allein geschehen sein und – bitte lassen Sie es bleiben zwischen uns, wie es war.“ –
Renée nickte. Sie gingen zusammen in das Haus zurück.
Papa und Renée saßen im Wagen. Der Wagen stand in einer langen Reihe von Wagen vorm Schloßportal, stand und rückte und rührte sich nicht. Alle fünf Minuten ruckte es ein klein wenig, dann fuhr man zwei Meter weiter. Die Wagenreihe stand bis über die Schloßbrücke.
„Selbstverständlich muß man entweder ganz früh oder ganz spät fahren,“ sagte Papa geärgert. – „Ich wollte ja noch warten, aber du riefst doch.“ – Papa sagte: „Nun ja, eben immer diese Bummelei.“ –
Ein Polizeioffizier lief zeternd vorüber. Man stand eine Viertelstunde, eine halbe Stunde – Papa riß die Wagentür auf. –
„Könntest du wohl die paar Schritte hinüber zu Fuß gehen?“ frug er zweifelnd. – Renée raffte kurz entschlossen die Kleider zusammen – wie ein Storch kam sie sich vor, als sie mit langen rosa Strumpfbeinen herausstieg. Vierzig Wagen vor ihnen und ebensoviel dahinter – sogar die Ministerwagen mit den Vorreitern stoppten. –
Eilig stieg Renée die Treppe hinauf. Auf den Treppenabsätzen stauten sich die Damen vor den Spiegeln.