Chapter 6 of 15 · 3942 words · ~20 min read

Part 6

„Marie wird heute abend eintreffen,“ sagte sie. „Mit dem Schnellzuge.“ – Dann wandte sie sich zu Renée: „Meine Tochter ist allerdings älter als Sie, Fräulein Renée, aber ich glaube, Sie werden dennoch Freude haben an ihrem Hiersein. Meine Tochter ist nämlich Schriftstellerin. Sie hat bereits einen sehr geachteten Namen in unserer Literatur gewonnen.“ – „So?“ sagte Renée. – Frau von Horwitz setzte sich behaglich nieder: „Ja,“ antwortete sie, „ihr erstes Buch ‚Aus Neuland‘ hatte sogar einen sehr bedeutenden Erfolg – es ist der Frau Prinzessin Clementine zugeeignet. –“ Renée bekam einen gelinden Schauder. –

Marie von Horwitz, die Schriftstellerin, war in bezug auf Dimensionen das Ebenbild ihrer Mutter. Sie trug ebenfalls schwarze Seide. Am Morgen nach ihrer Ankunft eröffnete sie mit Renée ein Gespräch, sie sagte: „Ich hoffe, Sie werden noch recht lange bei unserer lieben Elisabeth bleiben! Ich habe nämlich nur eine Woche Zeit. Ich werde bei Wedels in Schönau erwartet. – Kennen Sie die Gräfin Wedel?“ – Renée verneinte das.

Es erfolgte nunmehr eine lange Erzählung über die Reize der Gräfin. Dann kam eine Auseinandersetzung, wie Fräulein von Horwitz letzthin in Sankt Moritz beim Ski verunglückte – dann zog sie einen Packen Bücher vor. „Es sind Rezensionsexemplare,“ sagte sie, „ich bekomme deren zahllose. Es gibt ja jetzt so viele Skandinavier und Deutsche, die es nachtun. Aber ich kann ihnen die Palme des Sieges wirklich nicht zuerkennen. Diese sogenannte Stimmungskunst ist so gänzlich ohne Saft und Kraft.“ –

„Was meinen Sie eigentlich mit ‚Saft und Kraft‘?“ Fräulein von Horwitz sah indigniert auf: „Das ist doch nicht zweifelhaft. ^A propos^, kennen Sie mein ‚Neuland‘? Da sage ich einmal: Stimmung ist Lässigkeit der Psyche. Das möchte ich hier wiederholen.“ – –

„Meinen Sie das? Ja nun. Vielleicht ist Stimmung vielmehr Subtilität der Psyche,“ antwortete Renée. Fräulein von Horwitz verneinte das. „Keineswegs! Dies ganze Getue entspringt nur der Schwäche,“ sagte sie kategorisch. „Durch die Produktion unserer Jüngeren geht dies ewige Resignieren. Erst stellen sie in lächerlich maßloser Weise Forderungen auf. Dann fallen sie mitsamt ihren Forderungen.“ –

„Das ist gerade das Großartige, das Umfallen _mit_ den Forderungen, mit den unerfüllten.“ –

„Ich kann es durchaus nicht großartig finden, wenn ein Mensch nicht imstande ist, mit der Umwelt ins reine zu kommen,“ sagte Fräulein von Horwitz.

„Kein großer Mensch kann das!“ –

„Und warum etwa?“ frug die Horwitz herausfordernd. Renée sagte: „Das Große ist ungewöhnlich, nicht wahr? Und die Umwelt ist gewöhnlich. Ich denke, – die Antwort wäre einfach.“ –

Frau von Horwitz erschien. – „Ah, eine interessante Unterhaltung. Nun, Fräulein Renée?“ – Marie von Horwitz lächelte überlegen. Sie zog eins der Bücher hervor: „Sehen Sie, Fräulein von Catte, diese Anthologie bietet die beste Möglichkeit der Beweisführung,“ sie gab Renée das aufgeschlagene Buch. „Nun,“ sagte sie triumphierend, „sehen Sie hier eine Vertreterin dieser berühmten Stimmungskunst. –“

Am Ende eines Gedichts las Renée:

‚Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder, Treibst mich nach jenem Land, wo keiner frägt, Und wo ein stiller Strom das Unerfüllte wieder Zu seinem Ursprung trägt. – Fern, wo der Tag sich hebt, verhallen deine Lieder.‘ –

Wie gut und sanft diese Worte sie berührten. – „Wer ist es, der dies geschrieben hat, wer ist es?“

„Yvonne Capeller. Eben eine dieser Allzujungen,“ sagte Fräulein von Horwitz gereizt, „die immer bereits mit zwanzig Jahren mit der Welt abgeschlossen haben. Ich schätze ihre Produktion sehr wenig. – Aber natürlich hat auch sie ihre Bewunderer gefunden.“ –

„Das begreife ich durchaus,“ sagte Renée.

Sie ging in ihr Zimmer. Sie mochte nicht mehr reden. Sie sprach die schönen Worte vor sich hin und dachte: daß ein Mensch so süße, traurige Dinge sagen kann, so süße, süße Worte. –

– – Die Schriftstellerin schien keine Neigung mehr zu haben zu Gesprächen mit Renée. Sie gab ihrem steifen, geraden Oberkörper einen Ruck, wenn sie Renée erblickte, und ihre dumpf gurgelnde Stimme sprang über in ein giftiges Flöten, wenn sie etwas zu Renée sagte. –

Indessen war es schon lange Mai geworden. Papa war in Groß-Gehren, und jeden Abend ging Renée zum Kanal, wo die großen Kähne durchgeschleust wurden, und sah zu und sehnte sich mitzufahren – und immer, wenn sie das weich bewegte Wasser sah am Abend, auf dem die Lichter der Laternen flackerten – immer wenn sie das sah, die Dunkelheit des Wassers und darüber Lichter, dann dachte sie an die süßen, traurigen Worte des Gedichts. –

Als die Zeit näher rückte, wo nach allgemeiner Annahme das Kind kommen sollte, ging Renée nach Groß-Gehren zurück. – Papa hatte sich noch mehr an das Alleinsein gewöhnt als zuvor. Abends saß er auf der Veranda und summte Töne vor sich hin, deren Zusammenhang Renée nicht finden konnte.

Einmal saß sie an dem offenen Fenster ihres Zimmers und hörte vom Wasser her das altgewohnte Quaken der Frösche und fühlte einen süßen Geruch, der wohl aus den Beeten kommen mußte, wo die Levkojen standen und die Verbenen – einmal dachte sie an ihren Bruder – so lange hatte sie ihn vergessen. Was tat er wohl – sie brachte ihre Gedanken mit Mühe hinein in das letzte Erlebnis mit Sarah – was tut er wohl jetzt? –

Sonderbar, wie das Lärmen der Frösche seine Melodie hatte, sein Auf und Ab. Es gab eine haltlose Traurigkeit, dem zuzuhören, eine Last auf der Seele – etwas, das immer wieder da sein würde, wo man den Ton auch hörte. –

‚Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder.‘ – Gibt es denn dies, sich in Worte verlieben – in ihren Zusammenklang, in ihren Sinn – oder eine Vorstellung lieben. –

‚Das Unerfüllte wieder zu seinem Ursprung trägt.‘ – O ja, man konnte Worte lieben. –

Es war ein ‚gesunder Junge‘ geboren. Er war prädestiniert für den Namen ‚Wilhelm‘. „Viktor verehrt unsern geliebten Kaiser so, weißt du,“ sagte Elisabeth. – Er war prädestiniert als Stolz der Familie. Er sollte in Groß-Gehren getauft werden. Und natürlich mußte Hannsbabo zu der Feier kommen. –

Hannsbabo – sonderbar verändert war er. Er hielt sich fern von Renée. Sarah war nicht mitgekommen. Er stand immer still auf einem Fleck – und dann mischte er sich plötzlich aufgeregt in irgend eine Unterhaltung, die man um ihn her führte – er aß in einer hastigen und gedankenlosen Weise. –

Renée ging zu ihm. Es war des Abends, das Essen vorüber und die Gäste fortgefahren. Hannsbabo saß an seinem Schreibtisch. – „Hannsbabo, warum vermeidest du es, mit mir zu sprechen? Siehst du, ich komme trotzdem. Ich dränge mich an dich heran. Ich lasse mich nicht fortschieben. Sage mir, was du hast, Hannsbabo! Ist es das Alte?“

Er sprang hastig auf – und er schob den Schreibtischsessel mit einem plötzlichen Ruck zwischen sich und Renée – „Laß mich,“ sagte er. Er war aufgeregt, er schüttelte den Stuhl auf und nieder in seiner Hand. – „Was hast du damals gesprochen mit Sarah? Ich habe vom Diener erfahren, daß du bei ihr warst. Was hast du dort getan, als du da warst am zehnten April?“ – „Am zehnten April?“ – „Ja, nicht wahr, du weißt es gar nicht mehr. Aber ich, o ich weiß es. –“

Er stampfte in gleichmäßigen Stößen mit dem Stuhl auf die Erde. – „Du sagst es mir. Du – Sarah will es nicht sagen. Kann ich sie etwa zwingen? Oh nein. Ich könnte nicht einen Finger ihrer Hand anrühren, um ihr wehzutun. Nein, leider nicht. – Also sie will es nicht sagen. Ich mußte versprechen, dich nicht zu fragen – siehst du – aber ich frage dich nun“ – seine Stimme sprang über in ein zorniges Gurgeln – „nun – sag es, du – du kommst nicht aus dem Zimmer ohne das“ – –

Hannsbabo warf den Stuhl beiseite. Renée fühlte seine Finger um ihre Handgelenke. – Sie fühlte eine kalte, ruhige Wut in sich aufsteigen. Sie riß ihre Arme zurück. –

Hannsbabo setzte sich langsam wieder an seinen Schreibtisch. Er warf mit einer stürmischen Bewegung die Arme auf den Tisch und legte den Kopf hinein – so sprach er, schnell mit langen Pausen – und wieder schnell, als ob es drängte zu irgend einem vorbestimmtem letzten Ende:

„Nachdem du damals dagewesen bist, hat Sarah mir gesagt, sie wolle mit mir ein paar Tage verreisen. Sie ist sofort mit mir zum Kommandeur gefahren wegen des Urlaubs. Dann sind wir gereist. Ich weiß nicht mehr, wo wir alles waren. Irgendwo in Italien. Es wird wohl Venedig gewesen sein. Ich merkte viel Buntes und Musik und Kauderwelsch um mich herum. – Wir sind jede Nacht auf dem Meer gefahren viele Stunden, und dann habe ich sie geküßt die ganzen Stunden aller Nächte. O, ich bin so sonderbar erfüllt davon – wie fein und weiß, wie schmal und süß sind die Gelenke ihrer Hände – o, ich fühle sie in meiner Hand, diese feinen, weißen Säulen. Sie ist leicht – leicht, als ob der Wind sie trüge oder die Luft, denn meine Arme spürten sie kaum, spürten keine Last, spürten nur die Kühle ihrer Haut und das leise, leise Rieseln, mit dem ihr kühles Blut durch die Adern geht unter der Haut.“

Renée ging zu ihm und rührte seine Schultern an. „Sprich nicht weiter,“ sagte sie. Er hob den Kopf. Renée sah sein Gesicht, sein blasses, lächelndes Gesicht. –

Später sagte Hannsbabo: „Ich habe laut geträumt.“ Sie sprachen wenig mehr zusammen, Renée und ihr Bruder. – Er frug sie nicht mehr. –

Dieses unausstehliche Baby. Es kam in Eile zu Besuch nach Groß-Gehren, weil es in der Stadt zu heiß wurde. Es mußte eine Kuh trocken gestellt werden für das Baby. –

Bill, das Baby, hatte dünnes, rotes Haar und wasserblaue Augen. Es war ein kleines Scheusal. Trotzdem standen alle umher und bewunderten es, es wurde bewundert bis zu den fetten Spitzen seiner krebsroten Finger.

Auch Elisabeth war in Groß-Gehren. Renée konnte ihrer Zeit nicht Herr werden. Immer gab es etwas zu tun für Elisabeth oder für das Baby. – Das Baby hatte eine Kinderfrau. Jeden Abend um sieben Uhr rief die Kinderfrau nach Renée. Dann ging sie essen. Dann durfte Renée Bills Schlaf bewachen. Es sollte eine halbe Stunde sein, es wurde aber meist eine Stunde und länger. Dann saß Renée in dem kleinen Vorzimmer, das früh dämmrig wurde, weil die großen Linden davor standen, saß und hörte die Knechte nach Feierabend in den Hof reiten – dann pumpten sie Wasser für die Pferde und schwatzten noch, und zuletzt gingen sie pfeifend über den Hof nach Haus. Um neun Uhr machte der Hofmeister das Tor zu. –

Sonderbar – immer stiller wurde das Leben, je tiefer man hineinging in die Zeit. Unbemerkt lösten sich liebgewordene Dinge von der Seele. Sie ließen diese Seele in schmerzlichem Entbehren zurück. –

Es muß einen Menschen geben, ein Lebendiges, der mir den Sinn meines Daseins gibt – dachte Renée. Ich muß während meines Lebens in einem beliebigen Augenblick mit diesem anderen Menschen zusammentreffen, und er und ich müssen die Notwendigkeit, das Absolut-zu-fordernde dieses Zusamentreffens wissen oder wissen lernen. Garnicht sofort, gar nicht diese romanhafte Liebe ‚auf den ersten Blick‘ muß es sein. – Renée dachte: Wie kann so etwas geschehen? Natürlich – es ist nicht gebunden an Ort und Zeit – vielleicht könnte es sogar geschehn durch ein Hörensagen von den Handlungen oder den Worten oder dem Fühlen des andern Menschen. Und dies, wenn es auch irgend ein gleichgültiger Mund ausspräche, dieses könnte dann das Bewußtwerden sein, das Zusammenströmen – – –

Wie nutzlos und ganz gleichgültig war alles, was man tat – ob Renée las oder schrieb, ob sie froh war oder traurig – wer frug danach? – Es war ja dieselbe verlorne Einsamkeit, in der sie lebte, wie damals, als sie ein Kind war. – Nur kam doch damals manchmal Hannsbabo. – Warum war Hannsbabo ihr fremd geworden?

Renée dachte: Ich fühle, daß er sich ganz umgeben hat mit einer Abwehr des Gefühls – er will nicht mehr davon sprechen – oder er spricht davon in einer wilden, aufgeregten Art, und jedes Wort, das er sagt, entfernt ihn von mir. –

Renée frug bei der Buchhandlung an, ob es denn gar kein Buch gäbe von Yvonne Capeller. Aber es gab keins. Sie wußten nichts von ihr.

Und Renée hatte nur dies eine Gedicht. Dies, das so schön war, daß man sehnsüchtig wurde, wenn man es vor sich hinsprach – das so betörend schön war.

Renée dachte: Nun ist es geschehn. Durch ein Hörensagen, ist ausgesprochen von irgend einem gleichgültigen Mund – ist ausgesprochen. –

„Was soll denn das vorstellen?“ sagte Papa, „warum willst du denn absagen bei Arnims?“ – Er hielt den Brief: ‚Renée von Catte dankt verbindlichst und bedauert lebhaft‘ ... drohend in der Hand. – „Ich mag nicht mehr auf Bälle laufen,“ sagte Renée. – „Wieso?“ – „Ich langweile mich so gräßlich dabei.“ – „Unsinn.“ Papa warf den Brief zornig vor Renée auf die Tischplatte. „Ich wünsche, daß du hingehst.“

„Aber Papa, du kannst doch nicht verlangen, daß ich hinlaufe und mich stundenlang langweile, es kann dir doch ganz egal sein.“ Papa erklärte, es sei ihm durchaus nicht egal. Keineswegs. Es sei einmal Usus so. Und sonst gäbe es ein Gerede, und die Leute wunderten sich. –

Diesmal wollte Renée durchaus nicht nachgeben. Sie sagte: „Ich gehe überhaupt nicht aus diesen Winter.“ – Papa schien bedeutend zu erstaunen. – „Ja, was willst du denn anfangen den ganzen Winter?“ – Gott sei Dank, nun war es soweit. Nun kam das Positive. Das Positive verteidigt sich viel leichter als das Negative. – „Ich will Vorträge hören.“ – „Vorträge, wo denn? Du willst doch nicht unter die Studenten gehn? Blödsinn.“ – Papa schien sehr aufgebracht. – Renée spielte den Trumpf aus: „Ach wo, Papa. Es ist nur für Damen im Viktoria-Lyceum.“ – „Was ist denn das?“ frug Papa. Renées letzter Trumpf besiegte sein Mißtrauen völlig: „Es ist doch unter dem Protektorat der Kaiserin,“ sagte Renée. „Exzellenz von Kleist ist auch immer da mit ihrer Tochter.“ – „So. Na meinetwegen,“ sagte Papa. Er wandte sich seiner Arbeit wieder zu. –

Renée suchte sich Vorträge aus. Sie nahm einen über die ‚Entstehung des Menschen‘, einen kunstgeschichtlichen und einen über ‚Sokrates‘. – Das Glück wollte, daß der ‚Sokrates‘ zuerst an die Reihe kam. Renée hatte sich’s nicht einmal so schön gedacht. Der alte Herr mit den sicheren, klugen Augen, in die ein sonderbares Flackern kam, während er sprach, der alte Herr mit dem edel geformten Mund sagte seine Dinge mit dem Ton leidenschaftlichen Begreifens. Er sprach von den letzten Stunden des Sokrates, von dieser ruhigen, lächelnden Gebärde, mit der Sokrates gestorben sei.

Er sprach wie von einem Freund, dem einzigen, geliebtesten Freund – und dann fing auch Renée an, den Sokrates zu lieben. Ob man nicht die Sprache lernen könnte; wenn es nur nicht so fürchterlich schwer wäre.

Renée hätte so sehr gerne mehr davon gewußt. –

Bei den anderen Vorträgen ging es nicht so zu. Man hörte zu – ja man behielt einige Dinge, um sie bald wieder zu vergessen oder durcheinander zu bringen, aber es war so ohne jede Besonderheit.

Der eine jonglierte herum auf seinem Katheder, war einmal oben und einmal unten mit seinem kleinen, gelben Gesicht, ein anderer bewegte sich in einer gezogenen und langsamen Weise, während er redete, und seine Sprechweise war ebenso gezogen und ölig: „Ich bedaure, Ihnen auch noch diese geistige Anstrengung zumuten zu müssen, meine Damen“ – so ungefähr redete er. Er verleidete einem die Materie, er begoß alles mit einer langweiligen Farblosigkeit, dann war es ebenso grau wie seine Lichtbilder.

Und die Anatomie-Vorträge. – „Nun passen Sie einmal auf, meine Damen,“ sagte der Dozent und führte pfiffig grinsend den Finger an die Lippen, – die Damen paßten auf – er zeigte ein Glas, in dem ein kleiner, brauner Fötus saß. – „Nun passen Sie einmal auf.“ –

Als die Kurse gegen das Ende gingen, sah Renée die völlige Zwecklosigkeit ein. Es war alles Mögliche durcheinander geredet worden, man hatte eine Weile das befriedigende Gefühl eines Nutzens herumgetragen. –

In Wahrheit war es völlig sinnlos – in Wahrheit blieb nur das, was der alte Herr gesagt hatte, weil er es aus einem übervollen Herzen heraus gesagt hatte – das von dem lächelnden Sokrates. –

„Ich finde es sehr sonderbar,“ sagte Papa, „daß sich weder Sarah nach Hannsbabo bei mir sehen lassen. Geh doch einmal hin, Renée, und erkundige dich.“ – „Vielleicht wollen sie ein wenig für sich sein, Papa.“ – Papa sagte: „Unsinn, geh nur hin.“

Um fünf ging Renée hin. Dann ritt Hannsbabo meist und Sarah war vielleicht auf Besorgungen in der Stadt. –

Der Diener sagte, die gnädige Frau wäre zu Hause. Mit einem sonderbar peinlichen Gefühl trat Renée ein, sie hatte ihre Schwägerin so lange nicht gesehen.

Sarah stand am Fenster ihres Zimmers und wandte sich langsam um, als Renée eintrat. –

„So lange bist du nicht gekommen, kleine Renée, fast ein Jahr.“ – „O – war es so lang!“ sagte Renée. „Es kommt, weil ich bei Elisabeth sein mußte und ...“

„Hat es sogar Gründe?“ sagte Sarah, „das ist mehr, als ich erwartete.“ – „Sei doch nicht bös zu mir, Sarah. Ich wollte bloß sehen, wie es euch geht.“ Sarah antwortete: „Mir geht es gut. Er ist in keinem guten Zustande.“ – „Warum oder inwiefern?“ – „Er hat unangenehme Dinge im Dienst. Er möchte fort oder sich versetzen lassen, und dann wieder möchte er es nicht, weil er nicht in die Provinz will.“ –

„Papa könnte doch zu Manteuffel gehen und es ihm besorgen,“ sagte Renée. „Ja eben; es wäre ganz leicht zu machen,“ antwortete Sarah. „Schließlich nimmt ihn Reischach auch gern als Brigadeadjutant – aber er will eben allerlei und niemals etwas Bestimmtes.“

„Was sind es denn für Unannehmlichkeiten?“ – Sarah ging hin und her – sie antwortete nicht – dann blieb sie vor Renée stehen. – „Er hat Stubenarrest gehabt wegen einer Affäre mit Prinz Johann.“ – „Das ist doch ganz egal, so was!“ – „Ihm ist es eben nicht egal,“ sagte Sarah. –

„Papa frug, ob ihr nicht einmal kommen würdet?“

Sarah lachte. „Rückt der Diplomat nun endlich damit heraus? – Ja nun. Er wird nicht wollen.“

„Warum denn nicht?“ frug Renée. – „Ach, so – er redet nicht gerne, und er sagt, Menschen ärgerten ihn nur und machten ihn nervös. –“

„Ja, aber Papa – –“ sagte Renée indigniert. Sarah zuckte die Achseln: „Er wird wohl warten müssen.“ –

„Aber, Sarah, könntest denn _du_ ihn nicht veranlassen? Wenn du ihn nun bätest.“ – „O – ich bitte ihn nie, um nichts. Und nun – wechseln wir das Thema, kleine Renée.“ – „Aber so komm du doch wenigstens,“ wagte Renée noch einzuwenden. Sarah schüttelte energisch den Kopf. „Ich hasse es, ausgefragt zu werden,“ sagte sie.

Nebenan die kleine Uhr auf den Alabastersäulen schlug. Sarah sagte: „Tu mir den Gefallen und geh. Er wird in einer halben Stunde zurückkommen vom Tattersall, ich möchte nicht, daß er dich eben jetzt bei mir träfe.“ – Renée zögerte, wunderte sich. – „Geh bitte, sei nicht bös, es ängstigt mich.“ – Renée ging. Sie sah ganz von weitem schon Hannsbabos Dogcart und lief schnell um die Ecke.

Renée bekam eine Anzeige, daß ihre frühere Schule einen Lateinkurs eingerichtet habe. Sie meldete sich an.

Als Renée kam, waren sie schon mitten drin. Eine spitzige Lehrerin nahm daran teil, eine blasse, sehr blonde Person und ein Zwillingspaar, Renée war die fünfte. Die sehr Blonde sagte nach der ersten Stunde, sie müsse Renée schon irgendwo einmal gesehen haben. Ihr Name sei Margit Roeren. – Renée wußte nichts davon – sagte: „Vielleicht in der Tanzstunde oder auf irgend einem Ball.“ – „Ich habe niemals Bälle und dergleichen aufgesucht,“ antwortete Margit Roeren mit fühlbarer Ablehnung. –

Sie gingen eben am Ufer entlang, als sie sprachen, und Renée sah die andre einen Augenblick an, sah, daß sie Trauer trug. – Margit Roeren schien es zu bemerken. – „Ich habe seit fünf Jahren unablässig Trauer,“ sagte sie, „meine Brüder haben die Gewohnheit sich zu erschießen, einer nach dem andern. – Hingegen ich werde zuverlässig von dieser Gewohnheit abweichen.“ –

Renée kam ein unsympathisches und bedrückendes Gefühl, so ganz ohne Grund eingeweiht zu werden in diese Geschehnisse – sie schwieg und vermied es, die andere anzusehen. – Die frug gleichgültig: „Eigentlich warum nehmen Sie teil an diesem lächerlichen Lateinkurs?“ –

„Ich weiß es in Wahrheit nicht. Ich glaube aus Langeweile,“ meinte Renée. – Margit Roeren ereiferte sich: „Nicht wahr, ja gerade aus eben diesem Grunde tue ich es auch. Aber ich finde, es ist noch langweiliger als Langeweile.“ – „Man lernt so langsam,“ sagte Renée, „und man ärgert sich so an sich selbst. Diese verflixten Deponentia! Ich werde sie mein Leben lang als Passiva gebrauchen.“ – „Ach, es kommt noch ganz anders,“ sagte Margit Roeren, „wenn erst die Syntax losgeht.“ – „Sagen Sie, was ist das eigentlich genau genommen?“ Die andere lachte: „Genau genommen ist gut! Es ist so Satzlehre. Was für Casus die Wörter haben und ob mit Conjunctiv oder ohne – solches Zeugs eben.“

Nach einer Pause – nun waren sie schon an der roten Brücke angelangt – sagte Margit Roeren: „Ich habe eine Frage an Sie, übel nehmen tue ich eine Abweisung nicht. Wollen Sie mit mir verkehren?“

„Ich will es gern.“ Margit Roeren lächelte auf einmal in einer sehr scheuen Art, sie sagte: „Sie werden nachher doch nicht mehr mögen. Aber – es freut mich sehr.“ Sie gab Renée die Hand und lief quer über das Trottoir gerade noch vor einem Wagen hin. Renée sah sie in eins der Häuser gehen. –

In einer der nächsten Lateinstunden lud sie Renée ein. Renée hatte erst einen Kampf mit Papa. „Man geht nicht so ohne weiteres zu irgend welchen unbekannten Damen,“ sagte er. „Sieh wenigstens mal im Adreßbuch nach.“ – Margit war dort nicht aufzufinden, es gab auch keinen dazugehörigen Vater noch Mutter. – „Immer diese obskuren Bekanntschaften,“ brummte Papa. Aber dann ließ er Renée doch gehen.

Margit Roeren hatte ein weiches, seidnes Kleid an von der Farbe ihres Haares. Sie brachte Renée in eine Ecke des Zimmers, wo bereits mehrere Leute saßen, dann ging sie in die Mitte, und während nebenan die Musik einsetzte – Harfe und Flöte – begann sie zu tanzen. – Sie hatte einen schweren, goldenen Stab in der Hand, den sie mit wirbelnden Gesten um den Kopf schwang. Sie stieß den Stab auf den Boden und sprang mit einem katzenartigen Aufbäumen daran hoch – dann sank sie nieder mit einem leisen Aufschrei –

Renée hatte eine instinktive Bewegung gemacht, um zu helfen – ein Mann neben ihr legte mit warnendem Ernste die Hand auf ihren Arm. –

Margit sprang auf – in einem wilden Wirbel taumelte sie an die Wand – dann sah sie um sich mit rasenden Augen – der goldne Stab lag in der Mitte des Zimmers. –

Margit sprang vor, sie warf den Stab in die Luft und fing ihn wieder auf ihren ausgestreckten Armen – sie warf ihn von neuem – fing ihn auf – wieder – sie ließ sich niederfallen, sie fing ihn auf mit ihrem Körper – sie seufzte, als er aufschlug. –

Die Leute neben Renée standen auf. Der Herr winkte ihr und deutete nach nebenan. Dann schloß er die Türen. Kaum war das geschehen, so begann er aufgeregt auf Renée einzureden: „Ist es nicht wundervoll, ist es nicht offenbarend? Sie tanzt in Trance. Sie fühlt keinen Schmerz. Natürlich, Sie haben das bemerkt. Es ist ein ganz außerordentlicher Fall von Medialität – haben Sie das Hervortreten der Augen beobachtet und die vergrößerten Pupillen?“ – Dann verbeugte er sich: „Sie verzeihen, ich vergaß der Sitte nachzukommen. Ich heiße Tschernikoff, Dr. med., das heißt, jetzt widme ich mich lediglich dem Studium okkultistischer Phänomene. Dem übersinnlichen.“

Renée frug: „Tanzt Margit Roeren oft?“

„Gewiß, ja gewiß! Aber sie führt noch anderes aus. Zum Beispiel der Versuch der sogenannten Kraftprobe.“ –