Chapter 13 of 15 · 3982 words · ~20 min read

Part 13

„Beginnen wir nochmals,“ sagte die Baronin. Diesmal hielt sie den Tisch fest, wenn er zu den Konsonanten wollte. Renée merkte es deutlich: Es kam also – stakl. – „Ja natürlich meine liebe alte Freundin Stakelberg!“ sagte die Baronin entzückt. – Sarah betrachtete sie mit ernsten Augen.

„Was – wie – ich soll ihr schreiben?“ frug die Baronin den Tisch, der Tisch machte: päng! Renée lachte, dann verschluckte sie das Lachen erschreckt und hustete.

Die Baronin wurde ungehalten über den Tisch. Er wäre faul, kindisch, er stäke voller Tücke.

„Vielleicht wenn man einen Konkurrenztisch holen würde,“ sagte Sarah. Dann blieb Sarah allein mit der Baronin. Die Baronin fürchtete, der Geist könne von Renées Lachen zu schüchtern geworden sein.

„Die Geister – mimosenhaft empfindlich sind sie,“ sagte die Baronin. –

Renée ging zur Seepromenade. Da waren wieder die gierigen Möwen, die streiften fast Renées Gesicht mit ihren Flügeln. Manchmal schrieen sie – frech klang es und unheimlich.

Sie begegnete Doktor von Geldern. Er ging ein Stück mit ihr. „Wie mir Ihre Frau Schwägerin sagt, sind Sie angehende Medizinerin. Also sind wir Kollegen, Fräulein von Catte.“ – „Ja,“ sagte Renée. „Ich werde wohl Medizin studieren.“ – „Ist es ein Spezialgebiet, zu dem Sie hin wollen?“ „Ja, Psychiatrie.“

Doktor von Geldern wandte ein wenig das Gesicht zu ihr hin: „Sind Sie durch irgend einen speziellen Anlaß dazu gekommen?“

„Nein,“ antwortete Renée. „Nur ich glaube, das wäre das einzige Lohnende. Mich interessieren physische Leiden nicht.“

Er lächelte. „Wie wollen Sie das nun trennen? Die Krankheiten der Psyche sind Krankheiten der Physis. Es handelt sich da höchstens um eine Verschiedenheit in den Symptomen, und auch da ist die Verschiedenheit nur auf der Oberfläche.“

„In diesem Sinn interessiert es mich schon. Nur nicht in der eigentlichen Form. Mir scheint, es muß eine lästige und abgehetzte Sache sein, der Beruf eines praktischen Arztes.“

Geldern lachte: „Ja freilich. Ich hatte mich mal in Hannover niedergelassen. Erst kein Patient, nachher kam ich weder zum Schlafen noch zum Essen. Wie das so geht. Dann war ich einmal Schiffsarzt – nun bin ich hier.“

„Mögen Sie denn die Kurpraxis?“

Er lachte: „Nein, das weniger. Ich bin aus persönlichen Gründen hergekommen.“

Dann schwieg er. Sie gingen weiter. Geldern sagte: „Es ist eine Dame, die in der Kindheit mit mir freund war und wie eine kleine Schwester – man sagt dazu ‚Nachbarskinder‘, glaube ich – sie wohnt hier. Sie ist leidend – ja und dann –“

Renée sagte: „Wie schön, jemanden zu haben, mit dem man die Kindheit erlebte.“

Geldern sah sie lächelnd an. Ganz froh sah er aus. „Ja, nicht wahr, das ist doch schön!“ sagte er.

Sie sprachen dann weiter nichts mehr. Es war auch nahe am Hotel.

„Ich finde, du bist immerzu mit Geldern,“ sagte Sarah. „Gefällt er dir so gut?“ Renée sah auf – Sarah lächelte.

„Geh, Sarah. Fang du nicht auch noch mit derlei Reden an. Verzeih. Aber es ist zu geschmacklos!“

Sarah streichelte Renées Hand: „Pst – pst – nur nicht gleich so böse sein. Du mußt wissen: der Tisch mit den drei Beinen regt sich so auf. Der Tisch hat heute Andeutungen gemacht, o –!“

„Ich finde, diese Person mit ihrem Tisch ist eine ganz unverschämte Schwindlerin.“

„O je – ereifere dich nicht. Es amüsiert mich doch so schön,“ sagte Sarah. „Was, bitte, sollte ich den ganzen Tag tun. Früher war Renée viel braver. Früher war Renée fast so galant wie ein Kavalier.“

Renée lachte: „Woran fehlt es denn?“

Sarah sprang auf und begann durch das Zimmer zu wandern hin und her – das war ein Zeichen von Unruhe. – „Mir fängt diese Art von Leben an langweilig zu werden. Maßlos langweilig. Und also überlege ich: Soll ich heiraten? Lieber nicht. Wenn ich wüßte, du bliebest da, schon gar nicht – aber das eben – –“

Renée lachte wieder: „Also dann: schon gar nicht. Denn ich bleibe.“

„Ja, das sagst du so.“

„Nein, das tu ich,“ sagte Renée.

Sarah blieb vor ihr stehen. „Ich will dir alle Wünsche erfüllen. Alles sollst du haben, was du magst.“

Renée stand auf, ein wenig ging sie zur Seite. „O, ich habe gar keine Wünsche und will gar nichts.“ Sie ging hinaus, und Sarah sah ihr nach – aber Renée ging.

„Waren Sie vor etwa zehn Tagen in Hauteville?“ frug Doktor von Geldern. Renée nickte. „Und warum fragen Sie?“

„Waren Sie da im Park und sahen Sie eine Dame mit braunem Pelz? Sie hatte eine Dogge neben sich.“

„Ja, gewiß. Aber nun, warum fragen Sie, Herr von Geldern?“

Geldern lachte. „Richtig,“ er schlug die Hände zusammen vor Freude. „Dann stimmt es.“ –

„Was stimmt?“

„Kommen Sie,“ sagte der Doktor. „Wir gehen ein bißchen am See, dann erzähle ich Ihnen.“

„Also,“ begann Doktor von Geldern, „_sie_ war es, die Sie gesehn haben. _Sie_ wohnt in Hauteville.“

„Ihre Kindheits-Freundin, von der Sie neulich sprachen?“

„Ja, natürlich,“ sagte Geldern, „Yvonne Capeller.“

„Wer, sagen Sie?“ Renée erschrak. Sie sah ihn an. Einen Augenblick schwieg ihr Herz. Er wiederholte den Namen.

Renée konnte nichts sagen. Ihr fiel die Zeit ein, wo sie das Gedicht gelesen hatte, diese trostlose, leere Zeit. Ihr fiel die Sehnsucht ein. Ja – wie sehr hatte sie sich gesehnt, diesen Menschen einmal zu sehen.

Geldern frug: „Wissen Sie denn etwas von ihr? Kennen Sie Yvonne Capeller?“

„Nein. Aber ich wünschte einmal sehr intensiv, sie zu kennen.“ – Geldern blieb stehen, er vertrat Renée geradezu den Weg, sah sie an. Dann auf einmal nahm er ihre Hand. Er hielt die Hand einen Augenblick fest. Er sagte: „Das ist schön. Das ist sehr schön.“ – Dann lief er plötzlich fort.

Renée ging allein zurück. Ihr war sonderbar wehmütig, so als wäre ihr etwas gegeben und zugleich genommen worden, aber ihr war ja nichts gegeben.

Sie ging weiter, sah auf den See. Heute konnte man weit sehen. Drüben die kleinen Häuser von Bouveret und dann da hinten die graue Fläche, das war das Rhonetal.

Die Möwen kamen. Renée griff nach ihnen und lachte und neckte sie. Sie horchte auf ihr Schreien. War es nicht eine Art Gelächter? Ja – aber so schön wie bei Menschen konnte es nicht klingen, wenn Vögel lachten – nein. –

„Renée, heut hat mir auch Gräfin Pourtalès gesagt, man sähe dich immerzu mit dem Badearzt. Sie sagt, er wäre aus einer gänzlich verarmten Familie. Renée, meine Verantwortung drückt mich.“

„O, du dumme, dumme Sarah! Sag ihr, der Pourtalès, der langweiligen Person, also sag ihr, am liebsten liefe ich heute nochmals fünf Stunden mit dem Badearzt aus der verarmten Familie – und ließe mir erzählen.“

„^My dear^,“ sagte Sarah entsetzt. Renée lachte übermütig. Sie sagte: „Er soll ja nicht von sich allein erzählen und außerdem sollst du es ja nur der Pourtalès sagen, punktum!“

Am Abend paßte Renée auf, als Geldern aus dem Speisesaal kam. Sie sagte: „Herr von Geldern, ich will Sie um etwas bitten: Fragen Sie Yvonne Capeller, ob ich sie einmal sehen darf. Sehen Sie, es ist Jahre her, da habe ich einmal ein Gedicht von ihr gelesen. Das war so schön. – Ich bin lange danach umhergegangen, sie einmal sehen zu können. Aber ich wußte ja nichts von ihr. Wollen Sie es mir tun?“

Geldern sagte: „Ja – Sie haben ein Gedicht von ihr gelesen – nicht wahr, wie sie schön sind.“ –

„Wollen Sie nicht?“ frug Renée. Er sah sie an, gut und freundlich. Aber ein wenig hoffnungslos sah er sie an. „Ich will versuchen.“

„Glauben Sie, es geht nicht?“ frug Renée.

Geldern schwieg. Dann gab er Renée die Hand. „Ich muß nun gehen, Fräulein von Catte, und ich will es versuchen, ganz gewiß. Ich will heute noch hingehn. Aber ich weiß ja nicht, ob sie wollen wird. Denn sie ist ein Mensch, der ganz allein lebt, fast wie in einer Entfernung von uns.“

Das war viele Tage her, seit Renée Doktor von Geldern darum gebeten hatte. Es war so lange her. Sie sah ihn bei Tisch weit weg an dem großen Fenster sitzen. Er las.

Und Renée hatte gar keine Hoffnung mehr. Gewiß hatte er den verneinenden Bescheid und wollte es nur nicht sagen. Renée wurde ihm ganz böse.

Dann einmal kam er heran und sagte, Yvonne Capeller fühle sich nicht wohl, und es täte ihm so leid, aber er könnte Renée nicht ja sagen zu ihrem Wunsch.

Renée ging nach Hauteville. Sie dachte: Vielleicht sehe ich sie dort. Gewiß, wo sie neulich vorübergegangen war, da wollte Renée warten.

Sie stand am Anfang der geraden, dunklen Hecke von Taxus. Sie stand, und sie wagte sich nicht weiter. Es schien ihr auf einmal unfein und grob, so mit Gewalt einzudringen, so mit hinterlistiger Gewalt vorzugehen gegen diese fremde Einsamkeit. – Nein, sie wollte es nicht versuchen.

Abends, wie war der See schön, wenn die Lichter der Laternen ein schimmerndes Band waren auf seiner dunklen Fläche.

In der großen Halle des Hotels war Musik. Meist Italiener oder solche, die es vorgaben. Sie spielten und sangen ihre süßen, leichten, traurigen Lieder, mit dem harten, zerbrochenen Ton der Castagnetten.

Renée stand oben auf einer der Galerien und sah in die Halle hinunter. Sie war allein dort, und die Lieder kamen nur zu ihr. Ihre Gedanken verloren sich in eine unbegreifliche Schwere von Sehnsucht.

Sarah war ungehalten. Sarah sagte: „Du läufst immer weg, Renée. Wenigstens zu der Teestunde könntest du doch da sein.“

„Diese ewige Baronin mit ihren Andeutungen und ihrem Okkultismus ist mir so antipathisch.“

„Du besitzt gar keinen Humor,“ sagte Sarah. „Und ich muß dir sagen, Renée, ich kann es höchstens noch eine Woche hier aushalten – höchstens.“

Renée erschrak. Noch eine Woche, und dann würde sie nie mehr hierherkommen – und dann würde es nie geschehn.

Sie saß neben Sarah und dachte. Ihr Denken begleitete dieser kleine Ton, den das kochende Wasser im Teekessel hervorbrachte. Dieses weiche Surren. – Sie dachte: nie wird es sein. Wir werden wieder fortgehen nach Deutschland, und es wird nie sein. – „Willst du den Tee heute überhaupt nicht aufgießen?“ sagte Sarah.

Dann begann sie mit Reiseplänen. Ganz gut konnte man jetzt schon nach Paris gehen, oder vorher erst ein wenig nach Genf.

Renée schwieg dazu und wußte doch, daß sie nicht fort wollte, nicht fort.

Auf der Straße kam ein Mann mit Blumen. Er hatte einen länglichen Korb, darin lagen sie, Schlüsselblumen, Veilchen, in der Mitte Rosen. Die kaufte Renée. Es waren fünf rote Rosen. Solche an langen Stielen, solche von ganz dunkler Farbe und mit einem schweren, süßen Duft.

Sarah sah Renée an, als die Rosen gekauft waren. Sarah sagte: „Für wen denn?“

„Ich will sie fortschicken,“ antwortete Renée. Sie trug die Rosen in ihr Zimmer. Da war ein kleiner Karton gewesen, dahinein legte sie die Rosen und die letzte von ihnen streichelte Renée. Und während sie das tat, dachte sie: nur noch acht Tage bleiben wir, nur noch acht Tage.

Seit einigen Tagen war Doktor von Geldern nicht bei Tisch. Die Baronin d’Auvergnes erzählte, er sei in Genf. Ein sehr reicher Russe habe ihn hinberufen als Konsiliarius. – „Es scheint, er kommt ^en vogue^,“ sagte die Baronin. „Nun, solche Ärzte haben immer ein ganz leidliches Auskommen. Natürlich, angenehm und fashionabel ist ja der Beruf gerade nicht.“

Die Baronin wechselte das Thema, als niemand antwortete. Sie begann weitläufige Erzählungen von Paris, von dem letzten Ball beim russischen Botschafter.

Renée hörte nur halb hin, hörte: „Ah, im Bois, im Luxembourg –.“ Renée dachte: Heut früh sind die Rosen angekommen, ganz bestimmt spätestens, und vielleicht reisen wir noch nicht so bald, sonst wären es nur noch sechs Tage – und wenn –

„Waren Sie schon einmal in Paris, Fräulein von Catte?“ frug Baronin d’Auvergnes. – „Nicht? Dann freuen Sie sich gewiß sehr, nicht wahr, oder – oder wird Ihnen der Abschied –“

Hatte es nicht geklopft? Der Kellner war draußen mit einem Brief. Renée nahm den Brief, und einen Augenblick hielt sie ihn fest zwischen den Flächen ihrer Hände – denn es war dies – dies – o, ein Gefühl von Glück kam.

Sie lachte. Es konnte nur Gutes darin stehen. Sarah und die Baronin sahen sie an, und Renée lachte und – was tat sie denn, sie schwenkte den Brief in der Luft.

‚Vielleicht kommen Sie morgen abend zu mir, vielen Dank‘ – das stand darin. Vielleicht kommen Sie –?

Nun also waren es noch vierundzwanzig Stunden. Mindestens so lange. Denn Renée konnte nicht vor sechs oder sieben Uhr hingehen und von morgen früh waren es dann zwölf Stunden, wenn Renée aufwachen würde.

Mit dampfigen Nebeln auf dem See kam der Morgen. Renée sah ihn nun schon lange. Ihr Fenster stand offen. Ein wenig kühl war diese Morgenluft, aber weich, mit einem sanften Geruch von Schilf, so wie manchmal der See roch zu Hause.

Der kleine Brief lag neben Renées Bett. Gerade so, daß sie ihn ansah beim Aufwachen.

Und nun noch fast zwölf Stunden. Renée legte den Kopf wieder auf das große, plustrige Kissen mit dem Spitzenrand. Ganz still lag sie und sah auf die Wand, auf diese sonderbaren Schnörkel in blau und grün; wie Hunde, die sich aufgeregt überkugelten, liefen die Schnörkel über die Wand. Träumte sie nicht ein bißchen? Ein paar Glockentöne kamen über den See, die trug das Wasser. Wie war dieser See klar, man sah tief hinein und sah seinen Grund, vielleicht konnte ein Mensch solche Augen haben und eine stille, stille Stirn.

Träumte sie, hatte denn Yvonne Capeller solche Augen? – ‚In einer Entfernung von uns‘ – Renée dachte den Worten nach, dachte – dachte. Müde war sie. Es war eine ungeduldige Nacht gewesen, es war spät hell geworden.

Ein Geräusch im Zimmer weckte sie.

„Ja, wirst du denn gar nicht aufstehn heut, bist du krank?“ Da stand Sarah über sie gebeugt, war zum Lunch angezogen und tippte mit dem Zeigefinger auf Renées Schulter. Renée fuhr herum und starrte Sarah an. – „Es ist nämlich zwölf,“ sagte Sarah.

Von diesem Augenblick an zog der Tag sich in die Länge wie Kautschuk. Immer war es zwei, wenn man meinte, es wäre Teezeit. Die Sonne verharrte in obstinater Bosheit in der drei Uhr-Gegend; endlich kroch das helle Rot an den Bergen hinauf, fing sich in den Gipfeln. –

Renée stand an derselben Tür, an der sie neulich gestanden hatte, und läutete. Dieselbe alte Hexe fuhr mit dem Kopf aus dem Fenster. Sie sagte mit einem Versuch zum Lächeln: „Im Garten, bitt schön,“ und deutete auf die Gartentür. – Renée kam in den Garten.

In diesem Garten war Licht, denn die Obstbäume blühten. Vor den schwarzen Hecken standen sie in unglaubhafter schimmernder Schönheit. Die Weide über der weißen Bank ließ ganz sacht ihre Zweige hin- und herwehen, hellgrün und ganz fein behangen wehten sie vor dem Helldunkel des Himmels.

Renée stand still. Was geschah ihr? Wie, war es der Garten, waren diese Bäume und diese dunklen Büsche so schön, daß eine so schmerzliche Sehnsucht in ihre Seele kam? –

Yvonne Capeller kam ihr entgegen. Sie kam, und Renée erwartete sie.

„Sind Sie gekommen?“ sagte Yvonne Capeller, „noch habe ich Ihre Rosen.“ Sie gab Renée die Hand. Renée hielt einen Augenblick ihre Hand und schwieg. O, ein so zärtliches Gefühl stieg in ihr auf. Renée konnte nicht die Hand so schnell loslassen.

Sie gingen auf dem Weg, der zu dem kleinen Tempel führt, bei dem Tempel standen sie. Yvonne Capeller lehnte an einer der Säulen, ganz dicht an die Säule lehnte sie den Kopf, so daß die Farbe ihres Haares unterging in dem Schatten auf der Säule, so daß ihr weißes Gesicht vor dem Himmel stand, der dunkel war – vor dem Himmel. Wie schön und still war dies Gesicht. Renée sah sie lange an.

Yvonne Capeller wandte den Kopf, und ihre Augen gingen an Renée vorüber. Sie sagte: „Ich glaube, wir müssen hineingehen, weil es kalt wird.“ Dann: „Sie erzählen mir nichts, Sie reden gar nicht.“

Renée antwortete: „Was soll ich erzählen, Yvonne Capeller?“

„Wie sonderbar Sie meinen Namen aussprechen.“

Warum sollte Renée schweigen? Warum konnte sie nicht sagen: weil es zärtlich macht, an diesen Namen zu denken.

Von den weißen Bäumen kamen Blüten. „Nun ist es schon bald vorbei,“ sagte Yvonne Capeller.

Sie gingen zum Haus. Eine Treppe von wenig Stufen führte in das Haus, dann kam ein kleiner Gartensaal. Ein starker Geruch war im Haus, so wie Tannenduft, nur schärfer. Ein wenig so, wie der Wald riecht in der Sonne.

Einen Augenblick blieb Renée allein. Sie stand am Fenster und sah in den Garten. Der war dunkel gegen die Helle des Zimmers und still. Renée unterschied nichts mehr. Die weißen Bäume starrten kalt und unheimlich heraus aus der weichen Dunkelheit.

Yvonne Capeller kam wieder. Renée hörte sie, wandte sich nicht um.

Wie leise kamen ihre Schritte. Renée rührte sich nicht, sie hörte, daß Yvonne einen Augenblick stehen blieb.

Dann sagte Yvonne: „Kommen Sie. Wollen wir hier sitzen?“ Renée zögerte noch.

Yvonne saß am Tisch. Yvonne hatte ein weißes Kleid. Um ihren Hals war eine Kette von Perlen, eine lange Kette, die auf ihren Knieen lag.

Es waren halbdunkle Bilder an den Wänden, und da standen Möbel von Kirschholz mit blaßlila Bezügen. Eine Geige lag auf dem Tisch unter Renées Rosen.

Renée sah diese Dinge an. Sie dachte: Manchmal des Abends spielt sie auf der Geige, auch wenn Wind ist draußen. Das klingt dann heimatlich und süß.

Yvonne saß sehr still. Man wußte nicht, dachte sie nach oder sah sie vielleicht auf Renée. Vielleicht, ihre Augen sahen auf Renée, und ihr Gesicht war gradaus gewandt. Sie sagte: „Geldern meint, Sie haben ein Gedicht gelesen – sagte er nicht – welches denn?“

Renée stand noch immer am Fenster.

Renée sagte das Gedicht: „Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder –“

Yvonne Capeller senkte den Kopf. Renée sah es deutlich. Sie schwieg. „Werden Sie mir keine andern geben?“ frug Renée.

„Nein, o nein.“

„Dies eine, das ich einmal las,“ sagte Renée, „es traf mich so, und seitdem war der Wunsch nach dem in mir, was heute geschah.“

Renée schwieg plötzlich, wie sprach sie denn – wie sprach sie?

Yvonne Capeller sagte: „Was geschah denn heute?“

Renée antwortete nicht. Was sollte sie tun? Nichts bewahrte sie mehr – da war nur dies hilflose Aussprechen-müssen, dies Unbegreifliche, daß ihre Worte keine Scheu mehr haben wollten – und ihr Mund sprach, als spräche es in ihre eigne Seele hinein.

Sie sagte: „Auf irgend etwas hofft man, wenn man lebt, auf ein Geschehnis oder auf einen Augenblick – einen Augenblick – und man denkt daran, denkt, daß er niemals kommt, daß man alles haben könnte in der Welt, ehe er kommt. Man fühlt die Gleichgültigkeit, fühlt die Wertlosigkeit aller Dinge außerhalb dieses Augenblicks – und dann ist dieser Augenblick da. – Das war mir heute geschehn.“

Renée wandte sich um zum Fenster und sah in den Garten.

Da stieg eine Angst in ihr auf, kam an ihr Herz und wollte es anfassen. Sie wußte nicht den Grund; sie legte die Hände auf die Fensterbank, um sich zu stützen, und fühlte immer aus ihren Augen die Tränen auf die Hände fallen. – Langsam kamen sie.

War es nicht schon lange, als sie das letzte Wort gesprochen hatte, o so lange? Sie fühlte, daß Yvonne ihre Schulter anrührte. Yvonne sagte ihren Namen. Yvonne strich, o so sanft, über ihre Schulter.

Yvonne sagte: „Es ist nicht gut, nicht gut.“

Dann – was geschah? Renée saß neben ihr, lange neben ihr, während sie schwiegen, während es ganz dunkel wurde draußen.

Renée sah sie an. Sah ihr weißes Gesicht und die geschlossenen Augen – – Dann stand Renée auf, weil es schon spät war, und ging, ging durch den Garten fort und nahm von den Blüten, die über den Weg hingen, die streichelte sie.

Am nächsten Tag sprach Doktor von Geldern Renée an: „Nun, Ihre Frau Schwägerin erzählte mir, daß Sie gestern in Hauteville waren. – War es schön?“

„Ja,“ sagte Renée und lächelte.

„Wie ging es ihr?“ – „Gut wohl,“ sagte Renée.

Er frug, ob sie im Garten gewesen wären, wie lange Renée da war, und Renée sprach davon, hörte sich zu, hörte ihren glückseligen Worten zu.

„Und nun?“ frug Geldern. Renée sah ihn an, erschrak. Sie sagte: „Ich weiß nicht, ob ich wiederkommen soll.“

„Mögen Sie mich ein Stück begleiten, Fräulein von Catte?“ frug Geldern, „ich gehe eben hinauf nach Hauteville.“

Renée ging mit ihm. – „Ich muß gekränkt sein,“ begann er, „daß Sie nun so ganz ohne meine Vermittlung zu Ihrem Ziel gelangt sind. Ja, wir vermitteln so gerne. Irgend etwas von der Freude dessen, der es uns schuldet, kommt dann auch zu uns. – Es ist dies: Ich kenne keinen Menschen wie Yvonne Capeller. Nein, nein. Denn die Einsamen, die ich kenne, sind einsam auf eine sehr andere Weise. Sind es ^faute de mieux^. Weil das Leben ihnen sich versagte oder weil sie in irgend einem Sinne nicht weiterkommen konnten. _Sie_ nicht. Sie ist mit Willen einsam. Sie ist es in einer stillen und selbstverständlichen Art. So als wären alle andern spielende Kinder und sie der einzige ernste Mensch – aber vielleicht ist das ein sehr dummer Vergleich.“

Renée sagte: „Ja, man fühlt es. Da ist eine Stille und dann diese Einsamkeit, von der Sie reden, die ist um sie herum, und es macht traurig und sehr hoffnungslos. Man fühlt es so, wie sehr anders stark und still und schön sie ist als wir.“

Sie waren nah dem Garten, dort trennten sie sich.

Renée sah, wie Doktor von Geldern hineinging, hörte, wie er die Tür schloß. Er mußte zurückkommen. Gewiß, er würde kommen.

Renée wartete. Manchmal sah sie die Allee herunter. Nichts – niemand. Sie wartete viele Stunden.

Abend war es, als er zurückkam. So tiefer Abend, daß Renée ihn nicht einmal kommen sah, sie hörte seine Schritte, unruhige Schritte. Er kam durch die Allee und bog ein in den Kiesweg draußen – er sah nicht auf.

„Doktor von Geldern.“ – „Sie? Wo kommen Sie her?“ – „Ich wollte Sie fragen,“ antwortete Renée. „Es geht ihr nicht gut,“ sagte Doktor von Geldern. „Ich soll Ihnen Grüße sagen. Sie will einige Tage zu Bett bleiben.“

„Ist es schlimm?“ frug Renée. Doktor von Geldern sah sie an. Ein sonderbar gequälter Ausdruck war in seinem Gesicht, aber er lächelte doch. Er antwortete: „Nein, es ist wohl vorübergehend.“

„Was haben Sie, Doktor von Geldern? Was ist?“

Er wandte den Kopf zur Seite, als er weitersprach.

„Was soll denn sein? – Habe ich irgend etwas gesagt? Nun, das ist, ich bin etwas präokkupiert. Im Kurhaus sind eben ein paar sehr schwere Fälle – ja, das geht einem dann so im Kopfe herum.“ –

„Wir wollen übermorgen abreisen, denke ich,“ sagte Sarah. „Ich meine so: ein paar Tage Genf und dann Dijon-Paris. – Nun, was denkst du, Renée?“

„O, ich möchte noch bleiben.“

Sarah sprach dagegen. Das Essen war so langweilig und schlecht hier. Mein Gott, und diese ewige feuchte Luft. „Meine Erkältung,“ sagte Sarah, „hat sich in letzter Zeit verschlimmert.“

„Aber zuerst tat dir das Klima doch gut,“ meinte Renée, „und gerade Paris!“

Sarah antwortete gereizt. Das könnte sie doch wohl besser beurteilen, da Renée noch niemals in Paris gewesen sei. Sarah sagte: „Wenn du Dinge von mir verlangst, die meiner Gesundheit schaden, dann muß ich dir eben entgegentreten. Ich kann auch das viele Alleinsein nicht aushalten.“

„Aber ich bin doch da.“

Sarah fuhr auf: „Ja – ja, du läufst den ganzen Tag mit diesem faden Doktor um den See herum. – Das ist eben nicht das Richtige für einen Patienten: – das Alleinsein.“

Renée war sehr niedergeschlagen, und sie wußte gar nichts zu entgegnen. Es ging wie über sie und ihren Willen hinweg.

Die Jungfer kniete vor den riesigen Koffern und legte Sarahs Kleider hinein, die in weißen Stoffhüllen staken.

Sarah lag auf dem Sofa mit einem Buch, und manchmal sah sie gelangweilt hinüber zu der Jungfer und den Stoffhüllen.

Renée sagte: „Laß uns dann erst übermorgen fahren. Luise wird bis dahin auch besser fertig.“

„Ich bin noch heute abend fertig, wenn die gnädige Frau befehlen,“ sagte die Jungfer.

Sarah lächelte Renée zu. Sie sagte: „Ich habe im Hotel bereits bestellt.“