Part 2
Wenn etwas geschehen war, das Papa ärgerte, dann erzählte Elisabeth es so, daß es sich ganz wohlgefällig ausnahm; und dann war so was doch eine Lüge. Eigentlich sicher – dachte Renée. Denn was war lügen? Wie kam es? Man tat es meist aus Angst. Aber dann dachten die Leute auch, man täte es, wenn man es gar nicht tat. Immer wenn sie Renée irgend etwas aufhalsten, was sie nicht schuld hatte, dann glaubten sie, daß Renée löge. Und wenn man sich verteidigte, dann schrieen sie: ‚Sie macht das Verbrechergesicht‘. Und es war doch bloß, weil sie Renée ungerecht beschuldigten. Und dann wurde doch jeder Mensch böse. Manchmal stellte sich Renée vor den Spiegel – sie wollte sehen, wie das aussah, was sie Verbrechergesicht nannten. Sie tat es lange und oft. Aber nur heimlich, wenn niemand dabei war. Denn sonst war es eitel.
Wie sah sie aus: ihre Augen waren groß und rund, von graugrüner Farbe, hatten lange Wimpern und breite dunkle Brauen. Ihre Nase war ein wenig klein: ‚die kleine, dumme Nase‘, sagte Hannsbabo manchmal. In die Stirn fiel ihr eine Strähne Haar. Das gefiel Renée. Wenn nur ihr Haar ein bißchen lockig wäre wie das von Fly, wenn es nicht so ganz hart und grob wäre. –
Im Winter kam Renée in die Schule.
Man brauchte sich doch gar nicht weiter zu fürchten vor der Schule. Die andern wußten auch nicht viel mehr als Renée. Und die Lehrerin schimpfte abwechselnd, so daß sie schließlich die Reihe herum kam. Sie sagte: „Setz nicht immer ein so impertinentes Gesicht auf, Renée von Catte.“ „Das tu ich gar nicht“ Die Lehrerin schrie: „Du tust es wohl, du tust es mit Absicht.“ Anscheinend ärgerte die Lehrerin sich recht. Natürlich konnte man nun oft das Gesicht machen, damit sie sich ärgerte. –
Fly war da. Papa hatte sie eingeladen für den Winter. Fly war schon sehr erwachsen, und Renée fand, sie trug so affige Kleider, daß sie gar nicht mehr nett aussah. Und immerzu redete Fly von Männern. „Weißt du,“ sagte Fly, „mein Marinefähnrich ist goldig. Du müßtest ihn sehen. Übrigens sagt er, Hannsbabo hätte riesige Schulden, darum ginge er nach Amerika.“
Beinah kamen Renée die Tränen. Sie ärgerte sich. Wie dumm und empfindsam sie war. „Dein Fähnrich ist ein ganz alberner, grüner Bengel,“ schrie sie, „Hannsbabo war’s zu langweilig hier, und darum ist er fort nach Amerika. Du bist eine Gans.“ Fly sagte: „Gott, Renée du bist immer gleich so ausfallend.“ „Na ja, aber seitdem du für Männer schwärmst, quatschst du so viel,“ antwortete Renée. Fly lächelte. Renée aber beschloß, es wäre nun aus mit dieser Freundschaft. –
Die Schule war fein. In den Stunden mit der Altmann war es gräßlich langweilig gewesen. Man hatte verschlafen nach dem Gekräh der Hähne gehört – und stundenlang war da diese trockene, quietschende Stimme von Fräulein von Altmann. Renée erinnerte sich so genau. In der Schule mußte man aufpassen, und außerdem konnte man schwätzen oder Zettel schreiben und sowas, wenn man nicht aufpassen wollte. Schlafen brauchte man deshalb noch lange nicht. In den Pausen gingen zwei und zwei zusammen herum, bis es klingelte. Aber erst stand Renée immer allein, denn sie genierte sich so. Aber mit einer wäre Renée gern gegangen. – Sie war blond und sah sehr stolz aus. Renée schwärmte für sie, so wenigstens nannten es die andern. Edelgard hielt sich ein wenig fern von den andern, aber sie war sehr geachtet und wurde immer zu Rate gezogen, wenn es irgend etwas gab. Wenn Renée zur Schule ging morgens, dann wartete sie immer an der Brücke: dort mußte Edel vorüber. Renée sah den Weg herunter, und wenn sie Edel kommen sah – wie leicht sie Edel erkannte – dann kam eine Unruhe über sie, und auch ihr Herz begann zu klopfen. Grade wie ‚schlechtes Gewissen‘ fühlte das sich an. – Und wenn sie Edel auf der Straße begegnete, dann war es auch so und eigentlich noch mehr, und Renée wurde dunkelrot und neigte den Kopf ganz tief beim Vorübergehen. –
Was war das nun? Ob es dasselbe war wie mit Flys Marinefähnrich? Renée würde Fly einmal ausfragen. – Fly sagte: „Weißt du, ich nehm dich einfach mit, wo wir uns treffen.“ „Wo ihr euch trefft?“ Fly lachte überlegen. – „Allerdings. Aber dein Ehrenwort, daß du nicht petzt.“ „Nein, das tu ich bestimmt nicht.“ Fly sah sich vorsichtig um. – „Also morgen hab ich Kunstgeschichte im Museum. Da kommt er um zwei hin. Es fängt nämlich erst um drei an. Da merkt es doch kein Mensch. Man sieht nie jemand Bekannten im Museum.“
Sie fuhren zum Museum. Sie sollten zwar eigentlich gehen, weil es gesunder war, aber so sparte man Zeit. Renée ging hinter Fly her in das große Tor hinein. Ob nun Fly dies hatte, was vom Schwärmen kam – die Unruhe und das Klopfen? Fly ging seelenruhig auf den Marinefähnrich los, und der küßte Fly die Hand und überreichte ihr ein Veilchensträußchen. Und dabei wurde er dunkelrot. Fly wurde auch schließlich rot. Aber lange nicht so sehr. – Es war doch noch anders als mit Edel, fand Renée.
Renée machte ein Gedicht. Es war in der französischen Stunde. Dort ging es am besten, denn Monsieur kümmerte sich nicht darum, was man tat. Das Gedicht fing an: ‚Die Sonne küßt dein goldenes Haar‘. Wenn man doch Edel einmal küssen könnte. O, wie schön das wäre. Am besten, ohne daß sie es merkte. Aber das ging nicht. Oder ob Renée Edel bitten konnte? Nein, nie konnte sie so etwas tun. –
An den Abenden saß Renée am Fenster, sah den roten Schein vom Sonnenuntergang und dachte sich Geschichten aus. Meist kam Edel darin vor. Und es war irgend ein Unglück. Dann kam Renée und rettete Edel und mußte daran sterben. Sie konnte den ganzen Tag ihre Gedanken damit ausfüllen.
Zu Haus war man Edel nicht sonderlich wohlgesinnt. Elisabeth sagte: „Dies ewige überspannte Gequatsch von der Edel.“ Papa schalt über das viele Auslaufen. Aber Renée ließ sich gar nicht davon abbringen. Bewahre! Wenn es ihr doch Freude machte! Sie stand früher auf morgens, und holte Edel ab zur Schule, und sie brachte Edel heim, und sprang schnell auf eine fahrende Elektrische, um zeitig zurückzukommen. Und es war ein sonderbar unruhiges Gefühl dabei. Weil es ein bißchen gefährlich war, auf fahrende Bahnen zu springen. Aber zu Haus merkte es niemand, und Gefahr war sehr gut, wenn man jemanden lieb hatte.
Einmal stand Renée in der Garderobe und zog ihren Mantel an. Sie hörte hinter sich Edel sprechen. Renée stand ganz still. Edel also lud eine von den andern ein zum Sonntag um vier Uhr. Renée wartete. Dann trat Edel neben sie. „Willst du Sonntag um vier zu mir kommen?“ frug Edel. Renée nickte. Sie konnte nichts sagen. Sie konnte nicht – aber Edel schien auch nichts weiter zu erwarten. – Und nun ging es so langweilig langsam bis Sonntag.
Bei Edel gab es sehr viel Kuchen und nachher Sekt. Es war furchtbar fein, fand Renée, denn Elisabeth gab immer bloß so was, was Kinderbowle hieß und gräßlich schmeckte. Nachher tanzten sie. Natürlich hätte Renée Edel gern aufgefordert. Aber sie konnte nur als Dame tanzen. Zu dumm. Aber auch das konnte sie eigentlich recht schlecht. Und sie genierte sich. So kam es, daß sie immer bloß herumstand. Dann kam Edel. Sie sagte: „Wollen wir tanzen?“ „Aber ich kann gar nicht.“ Edel sagte: „Ach, das wird schon gehen.“ Dann tanzten sie. Sie hörten ziemlich bald wieder auf. –
Zu Hause sagte Renée: „Papa, ich möchte Tanzstunden haben.“ Papa murmelte irgend etwas, ob denn etwa der Blödsinn jetzt bereits losgehen solle. Elisabeth sagte: „Ach, Papachen, es wäre eigentlich sehr gut. Renée ist zu tollpatschig.“ Also erlaubte Papa. Seinetwegen könnten sie aufstellen, was sie wollten, – ihm sei die ganze Affäre zuwider. –
Renée sehnte sich – vielleicht nach Hannsbabo –
Der hatte immer mit ihr gesprochen wie mit einem erwachsenen Menschen. Er hatte nie gesagt: ‚Das verstehst du nicht!‘ Er hatte auch nie Französisch gesprochen, damit Renée es nicht verstände. Und Renée sehnte sich nach ihm. Sie dachte: wie taktlos sind immer die Erwachsenen gegen die Kinder. So unbedacht. Und solange man Kind war, fühlte man immer, daß man den Erwachsenen im Wege war bei ihren Dingen. Darum war man so einsam. Wenn sie doch einmal gut mit einem gesprochen hätten.
Wenn Mama noch lebte, dachte Renée, sie hätte sicher gut mit mir gesprochen. Sie hätte gesagt: ‚Komm zu mir, meine kleine Renée‘, wenn Renée traurig war. Ja, so etwas hätte Mama dann wohl gesagt. –
Wenn man ein Kind war, verteidigte einen niemand. Der Geographielehrer hatte gesagt, daß Renée gelogen hätte, und als sie es zu Hause erzählte, kümmerte sich niemand darum. Und sie hatte doch gesagt, sie würde es schon ihrem Papa sagen. Und Papa hatte sich gar nicht darum gekümmert. Die Tanzlehrerin hatte Renée einen ‚unabgeführten Jagdhund‘ genannt. Das war lange nicht so schlimm. Aber eigentlich mochte Renée nun nicht mehr. –
Edel sollte in Pension kommen. Edel erzählte es Renée. „Es wäre doch fein, wenn du auch dahin kämest,“ sagte Edel. „Kannst du es nicht so drehen?“ „Ich werd schon. Ich möchte wahnsinnig gern.“ Edel sagte: „Soll ich mal meine Mutter zu euch schicken, daß sie’s der Elisabeth einredet?“ „Ach ja, Edel!“ „Na, bin ich gut, Renée?“ frug Edel, und sie sah Renée an, so ein bißchen schief von der Seite. „Ach, Edel, süß bist du.“ Renée murmelte noch was hinterher. Das sollte Edel nicht hören. Es war: „Ich hab dich gräßlich lieb.“
Renée quälte ihre Schwester den ganzen Tag. Sie wollte in Pension. Elisabeth sollte es Papa sagen. Renée würde furchtbar vernünftig werden in der Pension. Sie versprach die unausführbarsten Dinge. Sie arbeitete daran. Sie setzte alles ein. Wenn Papa sagte: „Renée ist noch so kindisch“, oder wenn Elisabeth Renées Unordnung tadelte, immer fuhr Renée heraus: „Ja, wenn ich in Pension wäre.“ Allmählich wurde es eine feste Redensart: In der Pension wird Renée ...
So wurde es. Und dann endlich war es so weit.
Eine alte, unangenehme Dame empfing Renée. Sie drückte Renée furchtbar die Hand und sagte: „Ich freue mich so, mein liebes Kind, daß dein verehrter Vater dich uns anvertraut hat.“ – Renée antwortete: „O ja.“ Die alte Dame hatte etwas Lähmendes. Wenn man eben aufgeregt über irgend etwas sprach, dann verstummten alle, sobald sie sichtbar wurde, man legte Messer und Gabel hin, wenn man merkte, daß sie einen ansah. Was war es? Renée frug Edel, und Edel meinte, solche Empfindungen hätte sie allerdings nicht, aber es sei eine widerwärtige, alte Katze. Und die englischen Mädel, die da waren sagten: ‚^Oh yes, that’s it!^‘ Aber vielleicht sagten sie es nur aus Höflichkeit. –
Renée und Edel waren in einem Zimmer und zwischen ihnen stand das Bett einer Engländerin. Es war die einzige, die Deutsch konnte. Die anderen lernten es niemals. Renée mochte sie alle gern. Aber manche waren richtig schön. Manche waren so schön, daß man sie ganz lange ansah: Aber keine hatte so dichtes, goldenes Haar wie Edel. Nein, natürlich nicht.
Gar noch nicht lange war Renée da. Da bemerkte sie etwas sehr Ungewohntes. Es war dies: die anderen hatten sie gern – sehr gern. Und Renée erfuhr es so: Als sie eine Woche da war, hatte die Lehrerin sie gescholten. Renée machte ein böses Gesicht natürlich. Alle sahen es. Die Lehrerin sagte: „Ich verbitte mir das Gesichterschneiden, wenn ich dir eine Rüge erteile.“ Renée sah sie noch böser an und sagte: „Ich schneide nicht Gesichter.“ Auf einmal hörte sie die anderen murmeln und zustimmen. Die Lehrerin ignorierte das. – Renée war begeistert. Sie hatten ihr geholfen. Sie standen zu ihr. –
Am Abend, als sie die Schulstube aufräumten, hielt Renée eine richtige Ansprache und dankte für den Beistand. Sie sagte: „Es ist anständig, wenn wir einander immer helfen und beistehen.“ Und die andern schrieen Beifall.
Nach einer Woche wurde Renée zur Vorsteherin gerufen. Die Vorsteherin redete. Sie redete eine ganze Weile, ohne daß Renée richtig aufmerkte. Dann frug sie, ob Renée Süßes gegessen hätte, als sie schon zu Bett gegangen waren. Sie hatten natürlich. Wem die Süßigkeiten gehört hätten? Die Süßigkeiten hatten Edel und der Engländerin gehört. Renée hatte überhaupt nur ein Praliné gegessen. Die andern hatte sie aufbewahrt. Edel hatte drei Stück Kuchen gegessen und Alice sieben. „Es gehörte mir und Alice,“ antwortete Renée. „Ihr solltet euch schämen, solch eine Ungezogenheit,“ keifte die Vorsteherin, und schließlich schnappte ihre Stimme über. Renée durfte wieder gehen. Am Abend kamen alle zu ihr und bedauerten sie und küßten Renée zur Nacht. Es waren recht viele. Edel küßte Renée nicht. Und Renée hätte doch viel besser schlafen können. –
Wieder war Renée heruntergerufen worden. Die Vorsteherin saß in einem winzigen rosa Sessel und redete und knüllte ein Papier in den Händen. Sie sagte, Renée verdürbe den Ton unter den Zöglingen und die Disziplin, und sie sagte, daß Renée die Herrschaft an sich risse. Renée hörte zu. Sie hörte alles, was sie getan haben sollte, ohne sich darum zu kümmern. Es war ihr auch nachher, als hätte sie es gar nicht gehört. – Sie dachte an Edel.
Die Vorsteherin hatte gesagt, nun müsse Edel sorgen, daß Renée und Alice nicht mehr diese häßlichen Heimlichkeiten trieben. Das hatte sie gesagt. Und Edel hatte geschwiegen. Und daran dachte Renée.
Am Abend entstand ein großer Aufruhr. Die allerbesten und allerbravsten, die genau so sanft waren, wie es die Vorsteherin von ihnen erwartete, wurden ganz wild und böse. Und eine sagte: sie wollten heruntergehen und für Renée eintreten und Renée reinwaschen. Renée sagte: „Geht lieber nicht, jetzt ist sie zu giftig.“ – Und Edel hatte nicht gehen wollen, um für Renée zu sprechen. –
Es kam ein Brief mit einer amerikanischen Marke, Hannsbabo schrieb: ‚Liebe, kleine Schwester! Hannsbabo hat sich verlobt mit einer sehr schönen und eleganten Amerikanerin, die bald mit ihm zu Euch hinüberkommt. Sie heißt Sarah Mc Lean und grüßt Renée, von der ich ihr viel erzählt habe. Schönen Gruß, lieber Bub Renée.‘ – Wie gute Briefe konnte Hannsbabo schreiben. Gerad so, als ob er da wäre. Gerad so – und Renée schrieb ihm einen langen und umständlichen Glückwunschbrief und Grüße für Sarah. – In Wahrheit war sie traurig; denn nun würde Hannsbabo sich gewiß nicht mehr um sie kümmern, wo er eine Frau bekam. Und er hatte die andere Frau auf der Photographie doch nicht so lieb, wie Renée geglaubt hatte. –
Ostern kam Renée aus der Pension.
Die Trennung war gar nicht so schlimm, wie Renée dachte. Denn nun freute man sich doch, daß man erwachsen war und tun konnte, was man wollte, und daß es ein Ende hatte mit dem Herumkommandiertwerden. Nur von Edel fortgehn, war ein wenig schwer. Es war ein besonderes Leid dabei und eine Bitterkeit. –
Zu Haus war ein Zimmer für sie allein gerichtet worden. Der Garten war noch sehr öde, und Renée fühlte sich allein, weil es niemanden gab, dem sie hätte erzählen können. Sie fühlte dies ‚Erwachsensein‘, auf das man sich so freute, als etwas Fremdes und Lästiges. Und fremd waren ihr die umgeräumten Zimmer, in denen sie auf einmal wohnen sollte. Und dies: sie sah diejenigen, die ihr früher Autorität gewesen waren, anders an. Sie hatte etwas Revolutionäres mitgebracht. Elisabeth war enttäuscht, in der heimkehrenden kleinen Schwester einen Menschen mit eignem Wollen und eignen Gedanken zu entdecken; der konnte wohl möglich mehr vom Leben verlangen, als es Elisabeth recht war. Und darum machte Renées Auftreten ihre Schwester mißtrauisch. Papa war, wie er immer gewesen. Er kümmerte sich nicht um die Entwicklungsphasen seiner Töchter. Ihre Anpassung an seinen Willen, der sich in ‚ich wünsche, daß ...‘ ausdrückte, schien ihm selbstverständlich.
Einmal hatte Renée doch ein Gespräch mit Papa. Ein richtiges Gespräch, wo beide Teile Ansichten äußerten. Nicht bloß Papa. –
Renée wollte nicht zum Abendmahl am Karfreitag. Sie hatte es lange bedacht. Und dachte, ich kann es nicht. Papa suchte sie umzustimmen. Er wanderte im Zimmer hin und her, die Hände auf dem Rücken, und zuweilen blieb er am Fenster stehen mit dem Rücken gegen das Zimmer. Renée saß auf einer Sessellehne. „Es frägt ja niemand, was du dir denkst,“ sagte Papa. „Es gibt eben gewisse Verpflichtungen, denen man nachzukommen hat, und ein junges Mädchen aus unseren Kreisen muß soviel Takt besitzen“ – Wieviel Takt Renée besitzen sollte, erfuhr sie leider nicht. Weiter sagte Papa, Renée müsse die kirchlichen Gebräuche mitmachen wegen der Leute im Dorf, die das eben erwarteten. „Wenn man die Vorzüge und Annehmlichkeiten einer Lebensstellung genießen will, so muß man auch die damit verbundenen Pflichten auf sich nehmen,“ fuhr Papa fort, „und ich hoffe, daß du fernerhin dein Leben mehr von diesem Standpunkte aus betrachten wirst.“ Renée sagte: „Ich will ja gar nicht die Vorzüge und Annehmlichkeiten deiner Lebensstellung genießen, Papa, ich werde mir –“ „Unsinn,“ donnerte Papa. „Das ist unreifes Zeug. Du bist eben hineingeboren in diese Lebensstellung und damit basta.“ – Renée versuchte es nochmals. Sie holte ganz tief Atem. Sie sagte: „Aber ich bin doch alt genug, Papa, und wenn es gegen mein Gewissen geht, wenn es mir doch eine Komödie ist und ich mich geniere –“ „Ich weiß nicht, Renée, du hast seit einiger Zeit eine so überspannte, aufgebauschte Art zu urteilen und zu reden. Ich wünschte, du kehrtest etwas zu deiner früheren, einfachen Ausdrucksweise zurück. Im übrigen wünsche ich –“ Papa betonte – „daß du an der Sache teilnimmst!“ – Renée ging hinaus. Während sie die Treppe hinaufstieg, ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hatte wieder nicht den Mut, etwas gegen Papas Willen zu tun. Da war diese dumme Kinderfurcht. Und Renée war doch siebzehn Jahr.
Was wurde aus dem Leben? Zog es sich so ohne Sinn in die Länge, eine nutzlose Reihe von Tagen, an denen man aufstand und schlafen ging? Wo immer alles ganz anders geschah, als man wußte und fühlte, daß es geschehen müsse. Und wo man feige dabeistand und mittat! –
Die Tage im Herbst waren so lang. Manchmal noch fuhr Papa mit Renée in den Wald. Aber sie fand, daß wenig Spaß dabei war. Papa sprach kaum jemals ein Wort. Höchstens über den Pächter oder über Wachstum und Wildstand. Man hätte doch viel bessere Dinge mit Papa reden können, wenn er nur gewollt hätte. –
Elisabeth begann sich mit Renée zu beschäftigen. Es fing an mit Auseinandersetzungen, wie man sich gegen die ‚Herren‘ zu benehmen hätte. Daß man einem jungen Herrn nicht gleich beim ersten Vorstellen die Hand entgegenstrecken dürfe. Daß man es vermeiden solle, irgendwo an Wänden, Ecken oder Pfeilern allein zu stehen. „Denn,“ sagte Elisabeth, „das fällt auf, und man muß das Auffallende vermeiden in jeder Hinsicht.“
Renée hätte ganz gern gehabt, wenn Elisabeth mitgegangen wäre auf die Bälle und vor allem zu Hof. Da traute sie sich nicht recht allein. Elisabeth wollte nicht. „Weißt du, es ist so dumm und geschmacklos, wenn man mit den viel jüngeren Leuten umherspringt unter all den grünen Gänsen und mit einstimmt in die Kalberei. Außerdem langweilt es mich. An den Festlichkeiten im Hause werde ich natürlich teilnehmen. Im übrigen“ – dies sagte Elisabeth mit einem etwas hämischen Lächeln, – „im übrigen wird ja Hannsbabo mit seiner jungen Gattin im Winter wieder beim Regiment sein, und du wirst dann an Sarah eine Stütze haben. Hoffentlich geben sie dir einen recht schönen Ball, da sie ja Geld genug besitzen –“ „Hat Sarah soviel Geld?“ Elisabeth lächelte wiederum. „Und ob,“ antwortete sie, „ihr Vater war irgend so ein Petroleumkönig. Weißt du,“ – Elisabeth lehnte sich erhaben in ihren Sessel zurück – „gerade sehr feudal, wie man sagt, ist ja diese Partie nicht. Freilich die Kröten kann Hannsbabo brauchen!“ Elisabeth war so recht im Fahrwasser. „Damals, ehe er rüberging, hätte er sich beinah hier festgenagelt. Er hatte da so eine Tingeltangeleuse beim Wickel, die er absolut heiraten wollte. Na, Papa hat ihm heimgeleuchtet, Gott sei Dank –“ Elisabeth lachte. „Wie komische Ausdrücke du hast,“ sagte Renée „Und außerdem war es eine Sängerin.“ „Das sind dann immer Sängerinnen, kennimus,“ antwortete Elisabeth überlegen.
Elisabeth häkelte für arme Kinder. „Dreimal – viermal,“ zählte sie vor sich hin; dann: „Du, Renée, woher weißt du denn eigentlich davon?“ – „Oh nur wenig von Hannsbabo selbst. Und dann hörte ich Papa schelten damals. Du selber sagtest auch mal bei Tisch, es sei gut, daß Hannsbabo nun in Washington wäre.“
Elisabeth sah auf: „Was so ein Kind nicht alles aufschnappt.“ Renée mußte lachen. – „Ja, da hättet ihr euch eben mehr vorsehen müssen!“ – „Eigentlich warst du immer furchtbar schweigsam, Renée.“ „Mag sein.“ – „Und,“ fuhr Elisabeth fort mit einem kleinen, affektierten Lächeln, „mich konntest du, glaub ich, überhaupt nicht leiden?“ Renée wunderte sich. „Ach doch,“ sagte sie.
Manchmal fing Elisabeth nun mit ihr Gespräche an. Renée mochte es nicht sehr gern, aber es war immerhin amüsanter als das schweigende Herumsitzen. Zuweilen kam Elisabeth auf das Heiratsthema. „Weißt du, Renée, man muß jung heiraten,“ sagte sie. „Sonst fügt die Frau sich nicht mehr ein. Am besten gleich von der Pension in die Ehe hinein. Das ist das beste.“ „Ich glaube doch, eine Frau könnte ein wenig älter und reifer sein, ehe sie heiratet.“ Elisabeth lachte wegwerfend. „Reifer – nein, das ist höchst überflüssig und kommt außerdem von selbst. Und zum Beispiel du. Du bist doch eben aus der Pension. Kommst du dir zu unreif vor zum Heiraten?“ Renée lachte: „Eine recht verfängliche Frage. Aber ich will gar nicht heiraten.“ „Na weißt du, das sagen alle.“ Renée fand solche Unterhaltungen langweilig. Sie wollte abschneiden. „Ich wüßte wirklich nicht, warum ich es sagen sollte. Es ist eben meine Ansicht.“
Eine Weile schwieg Elisabeth. Renée vertiefte sich in die ‚Natürliche Schöpfungsgeschichte.‘ – „Renée!“ – „Ja.“ – „Weißt du,“ sagte Elisabeth, „eine Frau braucht die Liebe. Du kannst das noch nicht so beurteilen. Und für eine anständige Frau ist eben ‚Liebe‘ gleichbedeutend mit ‚Ehe‘.“ – „Die bedauernswerte!“ sagte Renée. „Gott, Renée, was du immer redest.“ Renée bekam auf einmal eine sonderbare Bekennerlust. Und sie hörte selbst verwundert das nie noch ausgesprochene Bekenntnis. Sie sagte: „Heiraten. Ich möchte wohl. Denn ich glaube, das Wundervollste des Lebens ist dies Beisammensein zweier Menschen, die so viel Vertrauen ineinander haben, daß es wird wie ein Glauben, der Berge versetzen kann. Ich möchte – oh ja. Aber mit einer Frau möchte ich Freund sein –“ „Warum denn nicht mit einem Manne? Eben darin besteht doch die Ehe,“ sagte Elisabeth erregt. „Ach, tut sie das? Meinetwegen. Aber Männer sind unfein. Sie sind grobgeboren, sie können’s nicht ändern –“ „So,“ sagte Elisabeth höhnisch, „und der teure Hannsbabo?“ Renée zögerte, dann antwortete sie: „Hannsbabo ist nicht unfein. Nur etwas gedankenlos ist er.“ Elisabeth erhob sich zu ganzer Länge. „Herrgott,“ rief sie, „Renée, du kramst ja da einen schönen Unsinn aus. Laß das bloß nicht die Herren mal hören, sonst ist dein Ruf fertig und –“ „Du sollst mich in Ruh lassen, Elisabeth, hörst du, ich will gewiß nie wieder mit einer so plumpen Person von meinen Dingen reden.“ Elisabeth schimpfte. Renée lief hinaus und warf hinter sich krachend die Türe zu. „Dies unanständige Türenschmeißen!“ hörte sie Elisabeth hinterdrein rufen. –
Renée lief in den Garten. Ekel war in ihr. Wie konnte – oh wie konnte sie ihre schönen und guten Hoffnungen dieser widerlichen Banalität preisgeben. So wenig konnte sie schweigen. Mußte alles ausschwatzen, damit ja einer es nehmen konnte und herunterreißen. Sie hatte einen namenlosen Widerwillen. –
Elisabeth verhielt sich eine Woche lang feindlich. Teils unschuldig beleidigt, teils unschuldig beleidigend. Elisabeth umsorgte Papa mit besonderer Zärtlichkeit und frug in seiner Gegenwart mehrmals Renée, ob sie beim Johannisbeer-Auskernen helfen würde. Renée haßte Einmachen. –