Part 8
Renée dachte: Glückliche Menschen sterben spät, aber wenn Menschen sehr traurig sind, die denken so sehr an den Tod, bis er da ist. Ob solche Menschen lächeln, wenn sie sterben? Ob das möglich war, das Ende aller Dinge anzunehmen mit Lächeln? –
Renée ging durch den Garten. Von dem großen Strauch an der Gartentür nahm sie ein paar Rosen mit. Still war der Kirchhof unter der mittaglichen Glut. Über den ältesten Gräbern standen schöne Steinkreuze, vom Regen gedunkelt, und manchmal waren Feuerlilien darauf gepflanzt – dicht standen sie an so einem verdunkelten Kreuz. Aus einem steilen Hügel ohne Stein stieg ein Lebensbaum auf, tief und schwarz.
Hinter der Kirche lagen die Gräber der Cattes. Eine Weide stand darüber und hing ihre Zweige tief hinunter, breitete ihre silbernen Zweige aus über dem Efeu der Gräber. Renée nahm einen dürren Kranz fort und legte ihre Rosen hin, wo geschrieben stand: ‚Ursula Elisabeth Renée von Catte‘. –
Sie legte die Rosen auf ihren eignen Namen da auf dem Stein. – Hier war nur wenig Raum. Renée dachte: Man muß dann das Gitter größer machen, wenn wir da liegen sollen, dann wird mehr Platz unter dem Flieder – das schöne, feine Gitter mit den gekreuzten Pfeilen. –
Was bedeutete das denn – vielleicht Schmerzen, wenn einer jung sterben mußte. –
Ach, nicht doch. –
Hannsbabo ließ sich selten sehn. Er kam nur zu den Mahlzeiten. Dann sprach er kein Wort, löffelte hastig das Essen hinein, sagte nichts, ging wieder. Eine bedenkliche Stimmung entstand zwischen ihm und Papa. Papa sagte: „Hannsbabo, willst du deiner Frau einschenken?“ – Hannsbabo fuhr hoch mit dem Kopf. Dann aß er weiter. Papa stieg der Zorn ins Gesicht, eine richtige, ehrliche Entrüstung. Renée sah es. – „Hannsbabo,“ donnerte er. Der rührte sich nicht. Da rührte Sarah seine Hand an, sie sagte seinen Namen, leise mit einer haarscharfen Stimme – er hob die Augen. Dann gab er Sarah, was sie verlangt hatte, reichte ihr umständlich alles an, legte ihr auf den Teller, wenn der Diener anbot; aber Renée bemerkte, daß Sarah nicht aß, was er ihr gab. –
Man hörte so viel Papa und Hannsbabo miteinander streiten. Man hörte Lärm aus Papas Zimmer und das Herumstoßen von Möbeln. Sie schrieen beide so laut, daß man die Stimmen nicht mehr entwirren konnte – es wurde wie ein Brausen in den Ohren. Bei Tisch saß Papa stumm da, und Hannsbabo saß stumm; es wurde immer unerträglicher. Zu Sarah war Papa zuvorkommend und höflich. –
Elisabeth war mit Bill fortgefahren. Das Fehlen des Kindes machte sich in unvorhergesehener Weise bemerkbar. Das Baby war ausfüllend gewesen für Verlegenheitspausen. Auch hatte es Papa manchmal erheitert.
Es verstand sich so prächtig mit Papa.
Nun wurde Papas Aussehn noch böser, und – was das schlimmste war – manchmal sah er traurig aus. Dann wußte man gar nicht, was tun.
Renée versuchte mit ihrem Bruder zu sprechen. Aber man konnte ihn niemals finden, und wenn man ihn gefunden hatte, dann wies er jede Anrede schroff ab: „Laß mich in Ruh.“ Oder manchmal – ganz selten war das – dann sagte er auch:
„Wenn ihr mich doch nicht so quälen wolltet.“ –
Renée aber begriff nicht und kam ihm nicht nah, mit allem besten Wollen nicht. –
Sie ging zu Sarah. Sie sagte: „Was hat Hannsbabo? Bitte sag es mir, bitte. Denke nicht, ich will mich hineinmischen, Sarah. Ich frage ja aus Angst. Was hat er? Ist etwas geschehn zwischen euch?“
„Ich weiß nicht. Ich sollte nicht mit dir sprechen,“ sagte Sarah. „Denn du wirst doch stets nur mich mit der Schuld belasten.“ – „Nein, Sarah. Nein. Ich rede gar nicht von Schuld. Ich will ja nur, daß man ihm hilft. Daß du es tust!“ – Sarah schwieg, sah wieder auf ihre Hände, während sie hastig die blitzenden Ringe an ihren Fingern hin und her wandte – sie wandte sie so, daß das Licht hineinfiel.
„Willst du gar nicht davon sprechen, Sarah?“
„Nein,“ antwortete Sarah, „gar nicht.“ –
Wenn nur nicht zu allem noch diese Stürme gekommen wären in den Nächten. Sie klapperten an den Läden und sausten lärmend durch die Tannen vor Renées Fenstern. Und wie sie an den großen steifen Pappeln tobten und sie herunterzerren wollten.
Als Renée klein war, riß der Sturm einmal in der Nacht vier von den Pappeln nieder, nun gab es nur noch zwei, die waren lange nicht so hoch wie die andern.
Die andern hatte man sehn können von der Bahn aus, die standen hoch über dem großen Wald, der dazwischen war. Knack tat es draußen – schztt – ein dumpfes Brummen und Knattern folgte: ob der Sturm in die Pappeln gefahren war? – Renée sprang auf und lief zum Fenster.
Aber die Pappeln standen noch.
Woher nur diese sonderbare Angst kam? Von der Nacht nahm Renée sie mit hinüber in den Tag – und immer gingen die Stürme. –
Endlich kam ein ruhiger Abend.
Die Sterne waren wieder am Himmel und der große Mond. Kein noch so leiser Windstoß ging draußen, vielmehr standen die Bäume grade und dunkel gegen diesen besternten Himmel. – Draußen war es sehr still.
Renée lag im Bett und hatte ein Fenster offen, so daß sie gerade ein Stück Sternhimmel sehen konnte. Manchmal schwebten von dem Ahorn vor ihrem Fenster ein paar gelbe Blätter nieder – die sah sie, denn der Mond war hell. Nun kamen wohl schöne, klare Herbsttage. –
War da nicht ein Schritt – Renée horchte – ihr Herz klopfte. – „Ich bin noch wach,“ sagte sie. – Hannsbabo öffnete die Tür, er kam sehr leise, kam ohne Licht; jetzt stand seine Gestalt vor dem besternten Himmel.
„Kleiner Bub,“ sagte er, „bist du wach?“ –
Renée streckte ihm die Hand entgegen. Er kam und stand an ihrem Bett.
„Liegst du mit offenen Augen und siehst in die Sterne, kleiner Bub, ist das schön?“ – Renée streichelte seine Hand. – „Es ist gut, Hannsbabo, daß du einmal kommst. Ganz scheu und fremd hast du mich gemacht.“
Es schien, daß er lächelte. – „Fremd sagst du? Und ich glaubte, du wärest am wenigsten fremd von allen Menschen.“ – Er setzte sich auf den Bettrand. „Nimm dir einen Stuhl herüber, Hannsbabo, dann sitzt du bei mir, willst du?“ Er schüttelte den Kopf. „Wie es ist, gerade so ist es gut. Ich bleibe auf deinem Bett sitzen, bis du schlafen willst.“ –
Renée hielt seine Hand, während sie sprachen. – Sie sagte: „Bist du mir denn noch gut, Hannsbabo? Du siehst immer so grimmig aus, und dann traut man sich gar nicht an dich heran, siehst du. – Manchmal denke ich, früher, wo ich ein Kleines war, hast du viel besser mit mir sprechen mögen.“
Jetzt lachte er: „Besser nicht, aber weißt du, du warst ein kluges ‚Kleines‘. Damals, wie ich dir das Bild zeigte, weißt du noch – das war eine sonderbare, kleine Person. Was nun wohl aus ihr geworden ist? Sie lief am liebsten immer in Bubenkleidern.“
„Mochtest du denn die Bubenkleider?“
Er sagte: „Schon. Einmal hab ich ihr einen ‚Jünglingsanzug‘ gekauft, und hab sie mitgenommen auf die Straße – da war sie stolz. Und niedlich hat sie ausgesehn!“ – Er schwieg, dann legte er den Kopf in die Hände. – „Wie ich daherrede – wie das sonderbar ist, daß mir jetzt, eben jetzt die Leichtigkeit jener Dinge wiederkommt.“ – „Ein wenig mehr von deiner alten Leichtigkeit solltest du wohl haben, Hannsbabo,“ sagte Renée.
„Manchmal denke ich mir dein künftiges Leben aus, kleiner Bub,“ sagte Hannsbabo. „Ich denke, ob du heiraten wirst, oder bei Papa bleiben, oder hinausgehn mit irgend einem unbekannten Ziel – so wie ich ...“
Renée lachte: „Heiraten – höre, das kann ich mir nicht vorstellen. Es ist für mich etwas ganz Leeres, ein gläserner Begriff, ein Wort.“
„Wieso kannst du dir’s nicht vorstellen?“
Renée sagte: „Das siehst du nicht ein. Zum Beispiel so: kannst du dir vorstellen, Maschaschu, die Frau eines Negerhäuptlings, zu sein?“ – –
„Herrgott nein. Wer ist denn das?“
„Sie trat voriges Jahr bei Busch auf,“ sagte Renée. Er lachte: „Wenn ich nur begriffe, wieso dieser dein Vergleich ein Vergleich ist?“ –
„Ebensowenig wie du dich hineindenken kannst, ebensowenig kann ich mich eben in das andere hineindenken.“
„Also,“ sagte Hannsbabo, „das Heiraten fällt weg. – Oh mein kleiner, armer Bub. Sicher wirst du eines Tages mit tollpatschiger Begeisterung in irgend eine Leere hineinstürzen. Ich fürchte, das wirst du tun – und dann nicht mit heiler Haut davon kommen.“
„So böse Dinge glaubst du für mich?“
„Ich wünsche sie nicht,“ sagte Hannsbabo. „Ich ahne sie nur. Nein, ich – ich wünsche dir etwas anderes, etwas auserlesen Schönes: – Werde heimisch auf der Erde!“ –
„Lieber Hannsbabo ...“
„Weißt du denn schon, was ich meine, mein kleiner Bub Renée. Papa ist heimisch und Elisabeth und Viktor – die alle sehr sogar – freilich. Aber das meine ich nicht. Werde es in einem Menschen. Denke an mich! – Siehst du, ich bin es nie gewesen, aber es muß wundervoll sein.“ –
Hannsbabo stützte den Arm auf Renées Bett und lehnte sich ein wenig vor. Renée sah gerade in sein Gesicht, das war erhellt vom Monde.
Hannsbabo sagte: „Das muß schön sein, wenn man einen Menschen hat, der ist wie die Heimat, die einen immer aufnimmt, einer, der alles aufnimmt, das Gute und das Böse und Glück und Leid und Sünde.“
„Sünde, Hannsbabo?“
Er fuhr auf und lachte: „Oh ja. Alles. Auch die Sünde.“ –
„Glaubst du, das kann es geben?“
Hannsbabo zog seine Hand aus Renées Hand und richtete sich gerade auf. Ganz hell war nun sein Gesicht. – Renée konnte sehn, wie er lächelte, und um seinen Mund war ein sanfter, schöner Zug – und ganz wenig nur bewegten sich nun, als er sprach, seine lächelnden Lippen.
„Wer nicht die Sünde aufnimmt, der ist kein Heiland, kleiner Bub Renée.“ –
„Ein Heiland, sagst du“ – frug Renée.
„Ich liebe die Rosen in all ihrer Pracht, Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht ...“
„Das ist das Lied aus unserem Märchenbuch,“ sagte Renée.
„Ja – das ist es!“ –
Hannsbabo stand auf. Er beugte sich nieder zu Renée und küßte ihr Gesicht. –
Dann ging er. –
Renée wachte auf. Es war schon spät und es war kühl. Weiße, kalte Sonne kam herein durch das geöffnete Fenster. – Auf dem Rasen war Reif. Eine dünne, weiße Decke von Reif. –
Renée konnte nur schwer ihre Gedanken zusammenholen. Was war doch gewesen?
Sie eilte sich fertig zu werden, weil es schon spät war, griff nach ihren Sachen, hatte dabei fortwährend zu denken: wie war es gewesen?
Sie ging eilig hinunter, Papa liebte es gar nicht, wenn man spät kam zum Kaffee. –
Als sie herunter kam, lief eben die Köchin vorüber, sie warf polternd die Flurtür zu, aus dem Flur hörte man ein Pusten und Schnaufen – alle Türen standen offen. –
Renée erschrak; sie fühlte, wie zögernd ihre Füße gingen. –
Aus Papas Zimmer kam ihr Sarah entgegen. – Sie nahm Renée bei der Hand, oh wie kalt waren Sarahs Hände. –
„Ich glaube, ich soll es dir sagen, Renée,“ sagte Sarah. „Er ist nicht mehr da, er ist nicht mehr am Leben.“ –
Renée fühlte nichts, nur eine schmerzhafte Schwäche ging von ihrem Herzen aus, dann wankte sie – sie hörte jemanden leise schreien. –
Später, viel später fühlte sie etwas Weiches auf ihrem Herzen und schlug die Augen auf – und sah in Sarahs Augen – und auf ihrem Herzen lag Sarahs Hand.
Renée hob die Arme und stieß sie fort.
Dann stand sie auf. Mit allem Willen trieb sie das Wanken und die Schwäche aus ihren Gliedern und ging an Sarah vorbei. – Sie kam die Treppe herunter, ihre Füße stiegen steif und gerade – sie kam in Papas Zimmer. –
Dort saß jemand, der stand auf, öffnete ihr ein paar Türen, dann sprach er halblaut in ein Zimmer hinein – aber in diesem Zimmer lag Hannsbabo – mit einem Mantel war er zugedeckt. –
Renée sah sein weißes, weißes Gesicht. –
Sie merkte, daß Papa neben ihr stillstand, weil sie stillstand, und wo Hannsbabo lag, das war noch so weit. –
Dann führte Papa sie nahe zu ihm heran. – Da sah Renée, daß sein Gesicht von Schmerz erfüllt war, und um seinen Mund lag jener kleine Zug von Überdruß.
„Er ist früh um fünf mit dem Förster ausgegangen. Der hat ihm einen Bock zeigen sollen, der am Birkmoor steht, dann hat er den Förster weggeschickt an einen anderen Stand. Nach einer Weile hörte der Förster seinen Schuß, dann ist er hin, um behilflich zu sein – da lag der Junge ein paar Schritt weiter –“
Papa sagte noch etwas, aber Renée verstand nicht, weil er so leise sprach.
Dann ging ein wildes Schütteln durch seinen Körper – er ließ Renées Hand los und wandte sich ab – weinte Papa. – –
Renée wollte zu ihm. Er wies sie fort. –
Draußen fand sie den Arzt.
„Es ist wohl besser, Sie lassen Ihren Vater eine Zeitlang allein,“ sagte er. „Und – es handelt sich hier um einen Jagdunfall, wie ich höre, ja nicht wahr, Sie verstehen mich?“ –
Renée nickte. – „Ich fahre nun nach der Stadt, um das Weitere zu erledigen. Ihr Herr Schwager ist telephonisch benachrichtigt. Er hat die Anzeigen und so weiter übernommen. Er wird übrigens gleich eintreffen. Ja. Darf ich Sie um eins bitten – wollen Sie etwas acht haben auf Ihre Frau Schwägerin.“ –
„Ich? ja nachher,“ sagte Renée. Der Arzt sah sie eindringlich an. – „Nein, bitte gleich,“ sagte er. Dann zog er etwas heraus. – „Hier ist ein Brief Ihres Bruders für Sie, gnädiges Fräulein, ich fand es in seiner Tasche.“ – –
Renée hielt den Brief in der Hand; es stand ihr Name darauf in einer schönen, klaren Schrift.
– – ‚Nun weißt du schon, kleiner Bub Renée, warum dein ‚großer Bruder‘ gestern bei dir war, nun hat er dir das Herz ein wenig schwer gemacht, nicht wahr? Wenn du nur nicht gar zu sehr erschrocken bist. Aber vielleicht hat irgend jemand es dir langsam und gut gesagt. –
Du sollst mir eine Liebe tun, kleiner Bub – denn ich lasse einen auf der Erde zurück, um den mich das Sterben reuen könnte. – Ich weiß, wenn ein Unglück geschieht, suchen die Menschen einen, der die Schuld trägt. Aber du darfst ihr keine Schuld geben. Weil du mich lieb hast, mußt du sie lieb haben, denn ich hasse ihre Feinde. –
Alles Gute von dir in all den Jahren wäre mir nichts mehr wert, wenn du ihr ein Böses tust.
Sei bei ihr, damit sie nicht so allein ist. – Nimm alles von ihr, was sie beschweren könnte. –
Sage ihr, daß mir das Sterben schwer war, weil es ein Fortgehn ist von ihr.‘ – – –
So hatte Hannsbabo geschrieben, und so mußte Renée tun, genau so, denn sie hatte ihn ja lieb. –
Jemand klopfte an Renées Tür. Es war Sarah. Sie sagte: „Ich möchte, daß du deinen Vater veranlassest, mir die Tür zu öffnen, er hat das Zimmer zugeschlossen.“
Renée stand auf. „Ich gehe sofort,“ sagte sie. „Leg dich hier aufs Sofa, willst du? Dann hole ich dich.“
Papa saß bei seinem Schreibtisch. „Papa, gib mir den Schlüssel für Sarah.“
„Ich wünsche nicht, daß jemand jetzt hineingeht.“
„Aber Sarah!“ – „Es kann ja nachher geschehn.“
„Papa, sie hat das erste Recht, denn Hannsbabo liebte _sie_ am meisten.“ –
Renée legte Hannsbabos Brief vor Papa auf den Tisch, und er las.
„Nimm also den Schlüssel,“ sagte Papa dann.
Renée ging zu Sarah. Sarah nahm den Schlüssel, sie sagte: „Ich danke dir. Ich gehe allein. Willst du so gut sein, mich zu avertieren, wenn deine Schwester kommt. Ich möchte mit niemandem zusammentreffen.“ –
Am Abend dieses Tages ging Renée zu Sarah, saß bei ihr die ganze Nacht. Denn Sarah weinte. –
– – – Die Glocken läuteten schon den ganzen Tag, die brummende Glocke und die mit dem hellen Geklingel – läuteten, läuteten. Auf dem Hof standen die Leute vom Kriegerverein und warteten.
Der große Saal, in dem Hannsbabo lag, war schwarz von allem Flor, und dieser schwere Geruch war darin von Lichtern und Blumen.
Der Sarg war weiß, der Helm lag darauf und der Pallasch – darin war Hannsbabo. Renée sah diesen weißen Sarg an, die ganze Zeit, während der Pastor sprach, und dachte – darin ist Hannsbabo. – Der Pastor sagte: „In der Blüte seiner Jahre“ – er sagte: „Der Stolz und die Hoffnung seines alten Vaters.“ – Der Pastor sagte: „Von den Seinen innig geliebt und heiß beweint.“ –
Neben dem Sarg stand Schoenburg mit dem Kranz des Regiments.
War das nun Hannsbabos Sarg – und trug man ihn gleich fort in die Erde – – in die Erde –
In die Stille hinein fuhren die Glocken. –
Sarah stand unter ihrem großen schwarzen Schleier, einen Strauß roter Rosen hielt sie in der Hand, und diese roten Rosen legte sie auf den Sarg – neben seinen Helm. –
Dann trugen sie ihn fort.
Als sie mit diesem Sarg durch die Haustür gingen, war es das letzte Mal, dann würde Hannsbabo nie wiederkommen. –
Die Glocken – die Glocken – sie wollten nicht Ruhe geben. –
– – Am andern Tage sagte Sarah: „Ich reise heute fort.“ Renée wollte es nicht, noch nicht gleich.
Sarah sah sie an. – „Glaubst du, daß es erträglich ist, wie ein Mörder behandelt zu werden?“
„Sarah, warum redest du so? Wer –“
Sarah lachte. „Ach, wer? Alle, die dieser Familie angehören. – – Diese Elisabeth – wenn ich denke, wie wenig, wie sehr wenig dein Bruder sie leiden konnte. Es ist absurd. Ich will fort.“
Renée sagte: „Ja, wenn du nicht hier sein magst, dann ist es recht und gut, daß du reisest.“
„Nein, ich mag durchaus nicht hier sein. Es ist widerlich hier zu sein.“
„Aber vorher doch nicht,“ sagte Renée. Sarah antwortete: „Immer! Ich bin mit ihm hergekommen, weil er es so wünschte. Er wollte es von mir. Sprechen wir nicht weiter davon.“
„Nein,“ sagte Renée „Aber von etwas anderem möchte ich sprechen – darf ich? – Er hat einen Brief für mich geschrieben und –“
Sarah wandte ihre Augen Renée zu – sie sagte: „Wo ist der Brief? Ich will es lesen.“ – Renée erschrak: „Oh nein – nein.“
„Ich will. Wo ist es?“ – „Nicht. Sarah, bitte nicht“ Sarah warf den Kopf zurück, diese kleine, hochmütige Bewegung. Sie sagte: „Wenn du es mich nicht lesen läßt, Renée, so rede ich kein Wort mehr mit dir!“ Dann wandte sie sich um und wollte gehn.
„Sarah!“ – Renée kam ihr nach.
„Steht denn wirklich kein gutes Wort für mich darin,“ sagte Sarah. – „Oh Sarah, er liebte dich sehr.“ – Sarah wollte fortgehn. Aber Renée nahm sie bei der Hand und holte sie zurück.
„Darf ich mit dir sprechen, Sarah? In seinem Brief steht davon, daß er glaubt, du würdest mir erlauben, bei dir zu sein und mit dir zunächst, weil – damit du nicht allein bist und damit du Gesellschaft hast. – Natürlich wenn du lieber jemand andern bei dir haben wolltest – ich weiß ja nicht.“ – Sarah schwieg. Renée fuhr fort: „Und wenn du dann lieber mit jemand anderem sein willst, dann brauchst du es ja nur zu sagen.“
„Brauche ich es nur zu sagen! ... Und wenn _du_ nun lieber mit jemand anderem sein möchtest!“ sagte Sarah. – „O, ich“ – Renée hatte gar nicht daran gedacht: „Ich will schon nicht.“
Sarah lächelte nur wenig: „Renée, Renée, also versuchen wir’s.“ Das sagte Sarah, dann küßte sie Renée auf die Stirn – das spürte man kaum – nickte ihr zu und ging.
Renée dachte nach, was wohl zu tun sei und wie sie es am besten anfinge – und sie mußte nun doch erst Papas Einwilligung haben.
Ob das wohl leicht gehn würde oder schwer. –
Als Papa es hörte, sagte er: „Ich habe gar keine Veranlassung, nun auch noch meine Tochter ihr als Gesellschafterin zu geben. Unsinn. Daraus wird nichts.“
„Aber es ist doch Hannsbabos letzter Wunsch, Papa, er hat ihn doch ganz klar und deutlich ausgesprochen.“
„Na ja, mein Kind, deine Anhänglichkeit an deinen Bruder ist sehr gut, gewiß, und ich bin durchaus der Ansicht, daß wir uns um seine Witwe zu kümmern haben. Selbstverständlich. Sie gehört zur Familie, solange sie selbst sich zugehörig betrachten will. – Aber du bist jung und leicht zu beeinflussen. Ich habe durchaus nicht die Neigung für Einflüsse von seiten solcher Frauen, wie Sarah ist. Nein. Punktum! Im übrigen, wenn Sarah will, so kann sie hier bei uns leben. Angenehm wär’s mir ja nicht gerade. Aber ich halte es für meine Pflicht, es ihr anzubieten. Selbstverständlich stehe ich in jeder Beziehung für sie ein nach außen hin. – Sage ihr das!“
„Nein, Papa. So nicht. Hannsbabo hat es anders gewollt. Und ich muß es tun und werde es tun. Erlaub es doch, Papa. Ich muß tun, was er mir geschrieben hat –“
Papa stand auf und begann umherzuwandern. – Er sagte: „Hannsbabo ist nun tot. Man muß an die Lebenden denken.“
„Aber wenn er lebte.“
„Er ist tot,“ sagte Papa. „Es liegt keine Veranlassung vor, die Lebenden im Interesse der Toten zu schädigen.“
Renée sah ihren Vater an. Er sagte das ganz ruhig. Wie man eben seine ehrliche Überzeugung sagt, und dies, dies Grauenhafte, war seine ‚ehrliche Überzeugung‘.
Renée konnte nichts erwidern. Sie ging hinaus.
Zu denken, daß es so etwas geben konnte. Nicht einmal über vier Tage hinweg sollte ein Mensch dauern. Er war tot, er konnte nicht mehr die Hand heben. – O, dieser grauenhafte Ekel.
Renée dachte: wenn ich nun tot wäre, und da wäre ein Mensch, den ich lieb hätte, und ich hätte alles genau aufgeschrieben und wäre ruhig im Sterben – und dächte: nun habe ich für ihn gesorgt über den Tod hinweg, und dann kämen sie und sagten: Renée ist tot. Und Tote haben keinen Willen. Sie haben gar kein Recht zu einem Willen.
Später ging Renée nochmals hinunter zu Papa und sagte ihm, daß sie doch mit Sarah gehn würde. Papa antwortete nicht.
Sarah fuhr fort am folgenden Tag. Renée sollte nachkommen. Renée telegraphierte an Schoenburg, er sollte Sarah an der Bahn empfangen, er sollte bleiben bis zum Abend, wo Renée kam.
Aber als Sarah abfuhr, sagte sie: „Ich gehe nicht gleich nach Berlin, nein, ich mag nicht. Ich gehe fort, mache eine Reise – ich weiß noch nicht.“ – Renée erschrak ein wenig. „Wohin, Sarah? Willst du nicht warten? Soll ich nicht mitkommen?“
„Es ist besser, du kommst später. Bis dein Vater ruhiger ist. Vielleicht kommt dann späterhin Elisabeth zu ihm.“ –
Sarah schrieb aus Cannes. Sie wollte erst gegen das Frühjahr wiederkommen, die warme Luft täte ihr gut. –
Allmählich gewann die Aussicht, daß Renée zu Sarah gehen sollte, feste Gestalt. Renée sprach nicht davon und dachte nicht daran. Sie hatte in jener ersten Zeit einen großen Aufwand von Gefühl und Willen darum gemacht, damals als Papa es nicht zugeben wollte; nun hatte sie es halb vergessen, es sah ihr so unwahrscheinlich aus, und nun – „Ich finde, es wäre sehr gut und wünschenswert für dich mit Sarah,“ sagte Elisabeth. „Viktor meint es auch. – Und dann im Sommer hat Papa doch uns in der Nähe. Im Winter bist du ja in derselben Stadt wie er, dann kannst du täglich hingehen.“ „Ja,“ sagte Renée – „Viktor meint – natürlich nach der Trauerzeit – könnte doch Sarah auch viel mehr für dich tun, Renéechen, in bezug auf Geselligkeit und Bekanntschaften. Wir freuen uns ja natürlich auch sehr darauf, dich oft bei uns zu haben, aber unsere Wohnung ist eben doch etwas beengt, und wir haben auch so wenig tanzbare Herren.“ –
„Ja, die kann ich gar nicht brauchen,“ sagte Renée. Elisabeth redete noch eine ganze Weile. Es schien nichts Idealeres zu geben, als daß Renée fortging von Groß-Gehren – fortging – ach es war dumm und sentimental. Sie ging ja gar nicht ganz fort. Und es war doch für Hannsbabo.