Part 9
„O, wie gut, daß du bei mir bist, Renée,“ sagte Sarah. Dann seufzte sie, dann beseitigte sie einen großen, schwarzen Schleier an ihrem Hut. –
„Ich wüßte gar nicht, was tun ohne dich! – Meinst du übrigens, ich sollte einmal zur Hatzfeldt gehn? Sie hat mir so lieb geschrieben damals.“
Renée sagte: „Vielleicht tust du es lieber später.“ – „O ja,“ antwortete Sarah. Sie wollte ausfahren. Sie hatte eine Jacke von Persianer und einen riesengroßen Tellerhut, um den war der Schleier gedreht; sie wollte eigentlich gleich fort, aber sie setzte sich noch ein bißchen zu Renée.
„War es schön in Cannes?“ – „Ach, nicht doch,“ sagte Sarah. „Es war staubig und ermüdend. Es sind dort zu viel Palmen und Agaven. Agaven und Palmen hängen aus jedem Garten, man hält es nicht aus.“ – „Hattest du nicht Lust auf Sizilien?“ – „Ach nicht doch. Außerdem reise ich ungern allein.“ – „Aber ich könnte doch mitkommen.“ – „Ja, und zu Weihnachten?“ frug Sarah. – „Da wären wir eben zu Papa gegangen.“ –
Sarah lachte kurz. – „Ich liebe nicht die Festlichkeiten in dieser Familie,“ sagte sie.
„So mußt du nicht sprechen, Sarah.“
„Nun, also verzeih, kleine Renée.“ So sagte Sarah, dann zog sie Renée am Haar, sagte, der Wagen solle sie um fünf Uhr bei Gerson holen, da der Chauffeur heute frei habe, und ging.
Renée setzte sich an Hannsbabos Schreibtisch. Da standen viele Bilder von ihm: Bilder in Uniform mit und ohne Küraß im weißen und im blauen Koller. – Renée sah ein Bild an, sah ihres Bruders Gesicht, das liebe, stolze Gesicht, dies kleine, leichte Lächeln, das er gehabt hatte, ehe er fortging nach Amerika, früher. – Nun saß sie an seinem Schreibtisch. Gerade da hatte er oft gesessen. Hatte diese Dinge gesehn, dieselben, die sie sah, jetzt sah. Draußen, da war der verschneite Königsplatz, hinter dem die Bäume des Tiergartens unter dem Nebel standen. Vom Bahnhof kam das langgezogene Pfeifen. –
Die große Säule, an der die eroberten Kanonen staken, und die goldne Göttin darauf waren ganz verschneit.
Das alles hatte er auch gesehn, wenn er hinausschaute.
Wie sehr Renée an ihn dachte.
Nun nannte sie niemand mehr ‚kleiner Bub Renée‘. – Warum nur hatte Hannsbabo gewollt, daß Renée bei Sarah bleiben sollte. Und warum liebte er Sarah so sehr. – Renée dachte: Sie hat ein kühles und gleichmütiges Herz, nicht wie seines. Sein Herz war heiß und war unruhig. Was hatte er nur mit ihr zu tun gehabt, mit Sarah. – Renée wurde traurig und sehnsüchtig und dachte, was Hannsbabo gesagt hatte:
‚Der Mensch, der es uns heimisch macht auf der Erde.‘
Er sagte: ‚Ich bin nie heimisch gewesen.‘
Renée dachte: Vielleicht war er sehr einsam. –
Nach einer langen Zeit kam Sarah zurück. Renée hörte sie sprechen draußen, fragen. Der Diener riß die Tür auf. „Gnädiges Fräulein sind im Herrenzimmer,“ berichtete er nach draußen. –
Sarah kam: „O, Prinz Ernst war da. Er war so nett. Er sprach viel von Amerika. Und die Prinzeß lud mich nach Schottland ein für den Sommer.“ – „Wo waren denn die?“ – Sarah errötete flüchtig. – „O, bei der Hatzfeldt,“ sagte sie. Renée dachte: Ob es Hannsbabo nicht kränken würde – ob er nicht sehr traurig sein würde. –
„Bist du böse, Renée?“ Sarah kam, stand vor Renée. Sie war ganz niedergeschlagen. Renée antwortete nicht. –
Es gab auch Nachmittage, an denen Sarah zu Haus blieb.
Dann setzte der Diener einen riesengroßen silbernen Samowar vor sie hin, und Sarah konnte so schön Tee machen. In kleine, chinesische Täßchen, die sich sehr zerbrechlich anfaßten, kam er hinein. Sarah schob es vor Renée hin, und dann bekam Renée eine Zigarette und hatte es eigentlich sehr gut.
Sarah sagte: „Ich könnte ihn gar nicht entbehren ohne dich. Die ersten Tage wäre ich fast gestorben. O, es war so einsam! Ich wußte gar nicht, wie ich es aushalten sollte.“
Dann hatte Renée ein sonderbares Gemisch von Gefühlen – Mitleid und Widerwillen auch, wenn sie dachte, daß Hannsbabo schneller vergessen war als irgend eines von Sarahs seidnen Kleidern.
Und auf einmal wurde es mehr als Widerwillen, wurde Ekel – Wut – und: „Nie wieder redest du mir von meines Bruders Tod – oder ich will keinen Augenblick mehr in deinem Hause sein. – Du hast nicht auf ihn geachtet, o, du hattest ihn nicht lieb.“
„Aber ich hatte ihn lieb!“
„Schweig,“ sagte Renée „es ist widerlich.“
Sarah starrte Renée an, dann warf sie sich mit einem plötzlichen Ruck aufs Sofa nieder und weinte.
Renée wurde weich. Gewiß, er war niemals so zu Sarah gewesen. Sie dachte: viel besser war er als ich – und er liebte Sarah. Vielleicht würde er hingegangen sein zu Sarah, würde ihren Kopf in seine Hände nehmen, seine sanften, klugen Hände. –
Sarah hörte auf zu weinen. Sie sah Renée an, sie sagte: „Es ist, ich bin sehr nervös und zerfahren seitdem und pflege mich sonst nicht aufzuregen in dieser Weise.“ –
„O, Sarah, verzeih mir.“
„Laß nur, kleine Renée. Ich weiß schon!“ Renée schämte sich eigentlich etwas. –
Am Sonntag waren sie bei Papa. Nach dem Essen nahm Papa Renée in sein Zimmer. „Hör mal, Renée,“ sagte er, „du bist ja ein verständiges Mädchen“ – diese Art von Einleitungen kannte Renée – „also es handelt sich um Sarah. – Mir ist erzählt worden, daß sich die Damen beim Kriegsminister neulich sehr mokiert hätten, daß Sarah, nachdem ihr Mann kaum ein halbes Jahr unter der Erde ist, bereits wieder auf Empfängen herumliefe. Wie ist denn das nun?“
„Herrgott, diese albernen Tanten müssen auch überall widerwärtige Reden führen.“ – Papa runzelte die Stirn. „Du hast immer noch diese absprechende Art,“ sagte er tadelnd.
„Ja aber, Papa, was soll sie schließlich den ganzen Tag anfangen?“
Papa begann ungeduldig zu werden, er wanderte hin und her. „In einer Stadt wie Berlin gibt es genügend Unterhaltungen,“ sagte er, „Konzerte, Museen, Vorträge.“ – Renée mußte lachen. – „Es ist doch sonderbar, wenn man auf einmal Kunstinteresse bekommen soll, weil man Trauer hat,“ sagte sie.
Papa überhörte das. „Du solltest,“ so fuhr er fort, „deinen Einfluß darauf wenden, daß Sarah nicht derartige Taktlosigkeiten begeht.“
„Sarah ist älter als ich, Papa, und außerdem, bitte, nenne sie doch nicht taktlos.“ – Auch dies überhörte Papa.
„Ich habe vorhin mit Elisabeth darüber gesprochen. Sie ist vollkommen meiner Ansicht, und“ – Papa machte eine wirkungsvolle Pause, – „du solltest deine vielgerühmte Anhänglichkeit an deinen verstorbenen Bruder lieber –“
„Ich habe mich niemals dergleichen gerühmt, denke ich.“
„Es ist zum Verzweifeln mit deinen unreifen Ansichten“ donnerte Papa. –
Als sie wieder zu Haus waren, sagte Sarah, sie werde nicht mehr an irgend einem Sonntag zu Papa gehen, Renée könne allein gehen. Renée war sehr bestürzt, frug nach dem Grund. „O, Elisabeth ist eine abscheuliche Person,“ sagte Sarah, „sie stichelt immerzu wegen Hannsbabo.“
Es tat Renée so leid, und sie fühlte beinahe etwas von Verantwortung. – „Laß uns ein wenig verreisen, bis Elisabeth wieder heimfährt,“ sagte sie.
Aber sie reisten nicht. Sarah mochte nicht fort von Berlin. Sarah hatte noch so viel Einkäufe. Und die Kleider waren noch nicht fertig. Die Direktrice brauchte absolut noch vierzehn Tage. „Nachher sind es dann doch drei Wochen,“ sagte Sarah. Und Sarah hatte doch auch keinen anständigen Hut.
Wenn alle diese Hüte und Kleider mit dazu passenden Schleiern und Schirmen ankamen, dann mußte Renée es bewundern, und Sarah erklärte, wozu alles gebraucht würde.
Dann sah der Salon aus wie der Packraum eines Warenhauses. Mit ungeheuern Summen, die es ‚bloß‘ kostete, warf Sarah herum. Manchmal ekelte es Renée um all den törichten Plunder, und dann wieder hatten diese Dinge einen sonderbaren Charme wie fremdländische Menschen. Zu solchen Zeiten feierte Sarah Triumphe. Renée wurde in einen großen Sessel gesetzt, recht bequem, weil es lange dauerte, und dann trug Sarah die neuesten schönen Kleider an ihr vorüber, die für ‚wenn die Trauer vorbei war‘, mit den dazu passenden Hüten, Schleiern und Schirmen. – Es war wie ein fremdartiger Tanz, es fehlten nur noch schwarze Kerle, die auf Trommeln schlugen.
Renée saß dabei und träumte.
Sie dachte: Will denn das Leben niemals zu mir kommen, ich suche es doch. Ist es, weil ich nicht allein bin? Muß ein Mensch ganz allein sein, damit er findet.
Sie dachte: Wie wirst du aussehen, du, um den ich lebe.
„Und nun kommt das allerschönste Kleid,“ sagte Sarah. – –
In dieser Zeit kam Renée die Sehnsucht, allein zu sein. Ganz allein, wie früher in ihrer Kindheit. Nicht mehr neben andern gleichgültigen Leuten zu leben, deren Nahesein ihr das Leben fremd und kalt machte. Und ihre eigene Seele fremd machte.
Allein sein, still und für sich und ganz einsam, bis der einmal da war, von dem Hannsbabo gesprochen hatte.
Aber sie mochte nicht davon reden zu Sarah.
Dann war ein Abend, der war weich und sanft. Der war voll von dieser schweren Sehnsucht, die im Frühling die Menschen überfällt.
Renée ging durch die Stadt. Sie konnte sich gar nicht durchfinden durch die vielen geraden Straßen, die sich alle rechtwinklig schnitten, wie auf einem Schachbrett. Aus all diesen Straßen kam ein nebliger Dunst, wenn man um die Ecke bog, und so ein Rest von Sonne strömte schwer und warm aus dem Asphalt. Da tauchte die Säule auf mit der großen, goldnen Göttin, es mußte spät sein, die Wagen, die vor dem Theater die Runde machten, kamen schon zum Abholen. Ein weicher Regen rieselte, man spürte ihn wie Nachttau auf den Kleidern.
Renée mochte noch nicht zurück. Sarah war in irgend einem Konzert, und Sarah würde spät wiederkommen.
Renée stand am Wasser still, sah wie die kleinen Tropfen des Regens in das breite, dunkle Wasser des Flusses hineintanzten, sah die Lichter der Friedrichsbrücke, von denen das Wasser plötzlich aufleuchtete neben seinen dunkelsten Stellen – eine verzweifelte Mutlosigkeit war in Renées Herz, die von gar nichts kam und in nichts seinen Grund hatte. Wohin wollte sie denn?
Sie dachte, wenn es doch einen gäbe, zu dem ich die Hand ausstrecken könnte, der hülfe. Einen Gott. Wie gut es die Leute haben, die sich einen Gott ausdenken können. Sie brauchen niemals einsam zu sein, dachte Renée.
Sie hörte neben sich ein paar Worte, sie sah ganz dicht neben sich einen Mann, der sich lächelnd verbeugte.
Sie erschrak nicht. Sie merkte es eigentlich gar nicht. Sie ging nach Haus. Der Mann folgte ihr. An der Haustür versuchte er sie anzusprechen.
Oben ging ein Fenster auf. –
„Kommst du endlich.“ – Renée sah hinauf. Sarah winkte ihr zu. Sarah war freundlich und gut und ein ganz bißchen beleidigt. So lange hatte sie nun schon gewartet, und Renée sollte doch etwas essen. Ein warmes, gutes Gefühl kam Renée.
Sie dachte: Ein bißchen wartet sie doch auf mich, wenn auch nur sehr wenig. –
So oft fand Renée, daß sie am Fenster ihres Zimmers saß und hinaussah und trotzdem gar nichts sah draußen, also träumte sie wohl; aber eigentlich war es ein stumpfer, regloser Zustand der Seele. Die Seele wußte keine Herkunft und kein Ziel.
Die Tage waren ganz leer. Die Freuden waren leer. Und einen eigentlichen Schmerz gab es nicht – wo sollte er herkommen. Da war nur stumpfe Gedankenlosigkeit; nein, nicht einmal bis zu einem Schmerz reichte es aus. –
Aber man konnte sich beschäftigen, irgend etwas tun, was nützlich aussah.
Wo war der Sinn für solches Tun? Man mußte einsehen, daß es völlig zwecklos war, sich mit dem Inhalt dicker Bücher das Gehirn vollzustopfen, Italienisch zu lernen, sich in Wohltätigkeit zu betätigen. War sie, Renée, einundzwanzig Jahre umhergegangen, um ausgerechnet eine Stunde täglich einer erblindeten Näherin vorzulesen?
Unsinn war das. Renée dachte: ich lasse mich nicht täuschen. Man soll mir doch nicht weismachen, daß derlei Zeug einen Sinn hat. – Und bei Sarah sein! Warum? Weil Hannsbabo es von ihr gewollt hatte. Konnte ein Mensch von dem andern wollen, daß er auf eigne Perspektiven verzichtete?
Früher konnte ich träumen, dachte Renée. Ich sah hinaus in die Sonne oder in die Nacht, gleichviel was eben gerade am Himmel stand. Wie war es nur möglich, daß ein Mensch so maßlos allein sein konnte, niemanden hatte. –
Sie dachte an ihre Schulfreundinnen: Fly, Edel – Edel! Sie wußte kaum, was aus der geworden war. Sie war in irgend eine Fremde hineingegangen mit Bällen und Verlobungen und Heiraten. Wenn Renée einmal eine von ihnen traf, dann wußte man kaum anderes zu reden als die alten Späße aus der Schule: als Edel zu der englischen Lehrerin sagte – –
Manchmal war es Renée, als sei sie alt geworden, so alt. Dann lachte sie, dann wurde sie wieder froh und dachte an das kleine, liebe Studentenlied, das sie irgendwo gehört hatte:
‚Noch ist die blühende, goldene Zeit, Noch sind die Tage der Rosen – –‘
So ein liebes, kleines Lied.
„Ich finde, du machst immer so ein bekümmertes Gesicht, kleine Renée, was hast du nur?“ Sarah sagte das ganz eindringlich und besorgt mit einer drolligen Besorgnis.
„Ich weiß nicht, Sarah.“
„Hast du jemanden lieb?“ frug Sarah.
„Nein – eben nicht.“ – Sarah lachte: „Also warum bist du dann bekümmert?“
„Weißt du, wenn ich dir das sagen sollte. Nein Sarah, ich brauchte vier Tage mindestens und dann sähest du es doch nicht ein.“
Sarah antwortete sehr gekränkt. Das könnte Renée nicht wissen, und überhaupt hätte gerade sie das meiste Interesse für Renée.
Wie es Renée verführte. O, sie mußte sich Mühe geben, damit sie nicht alles sagte, was da war und ihr das Herz abdrückte. Aber sie wußte ja gar nicht einmal, wie sie es hätte sagen sollen. –
Eines Abends kam Schoenburg. Er kam mit einer Cousine, und diese Cousine setzte sich neben Sarah, sprach und sprach und sprach. –
Schoenburg ging in den Zimmern umher, und einmal blieb er stehn in dem kleinen Wohnzimmer und sagte zu Renée, ob sie sich nicht ein wenig in Hannsbabos Zimmer setzen wollten.
Ob denn Gräfin Saurma Sarah Geheimnisse anzuvertrauen hätte, frug Renée. Schoenburg lachte, er sagte: „Das hoffe ich, lange und intensive und zeitraubende Geheimnisse.“ Dann: „Fräulein von Catte, fühlen Sie sich hier wohl? Ist dies Leben bei Ihrer Frau Schwägerin nun das, was Sie froh macht im Innersten? Seien Sie nicht böse wegen meiner Frage. Sie wissen doch, wir wollten gute Freunde sein.“
Renée fühlte ihr Erröten, fühlte es mit einer peinigenden Sicherheit und wußte nichts zu sagen.
„Ich frage Sie,“ fuhr Schoenburg fort, „weil Sie, wie ich fürchte, hier eine Art von Selbstaufopferung treiben, die – ich kann es Ihnen nicht verhehlen – mir ein wenig gefährlich scheint.“
„O nein,“ antwortete Renée, „o nein.“
Er schien das nicht zu beachten. „Es klingt vielleicht etwas absurd und zum mindesten recht unritterlich und unliebenswürdig, wenn ich Ihr Leben bei Frau von Catte so als etwas für Sie Verwerfliches betrachte – klingt es sehr schrecklich?“
„O nein, Sie beurteilen es ungut,“ sagte Renée. Schoenburg sah sie gut und freundlich an. „Wollen Sie mich einmal _nicht_ unterbrechen, wollen Sie einmal Ihre Verneinungen lassen. – Ich sage ja nicht, Ihre Schwägerin hat einen verwerflichen Einfluß. Ich sage nicht, Sie werden mißhandelt, brutalisiert, ausgenutzt. Nein, nein, Fräulein von Catte. Sie sind jung und stehen noch an ‚des Lebens goldnem Tor‘, und Sie sollen hineingehn und zwar dahin, wohin Sie mögen, und nicht, wohin irgend eine Pietät, irgend ein Sentiment der Pflicht und der Devotion Sie führt. – Verstehen Sie mich?“
Schoenburg griff nach einem der Bilder von Renées Bruder, er hielt es vor Renée hin. „Ich hatte ihn sehr lieb,“ sagte er, „sehr, das wissen Sie. Aber er würde es niemals gewollt haben, daß Sie auf ein eignes Schicksal verzichteten, um sein trauriges, trauriges Schicksal auf Ihre Schultern zu laden. Nein, so unfein und so lieblos war Hannsbabo nicht.“
„Warum sagen Sie diese Dinge?“ antwortete Renée. „Ich weiß es. Aber Sarah hindert mich nicht an dem Erleben meines Schicksals.“
Schoenburg sagte: „Das wissen Sie nicht.“
„Doch, Herr von Schoenburg. Sie hält mich von nichts zurück. Sie würde mir geben, was ich verlangte.“
Schoenburg lächelte: „Sie wissen gar nicht, was Sie verlangen. Und – Sarah kann es Ihnen keineswegs geben. Außerdem, daß sie sich gar nicht die Mühe nimmt.“
Er sagte: „Sie werden zugrunde gehn an Sarahs unbeweglicher Liebenswürdigkeit, eben wie er.“
„Nein. Denn er liebte sie, während ich – nun ich mag sie gern.“
„Sie wissen das nicht,“ sagte Schoenburg.
Aber Renée lachte – lachte.
Schoenburg sah sie vorwurfsvoll an. „Mir scheint, ich reize Ihre Lachmuskeln ungeheuer. Ich bin ein wenig gekränkt, Fräulein von Catte.“
Renée beruhigte ihn. Gar nicht sollte er gekränkt sein. Im Gegenteil. Und sie wisse ihm allen Dank.
„Nur eigentlich was ist das Positive an Ihren Worten?“ frug Renée. „Sehen Sie,“ antwortete er, „so ist es gut. Ich sage: gehen Sie fort, ein wenig in die Welt, suchen Sie sich einen Beruf, eine Arbeit, eine Nützlichkeit.“
Eigentlich traute Renée ihren Ohren nicht recht.
„Das sagen Sie, ein Gardekürassier-Oberleutnant, ich glaube gar, nun dringt die Zersetzung schon in die obersten Schichten.“
„Ja ja, ich sage es. Und sage es, weil ich merke, daß Sie sich bei der gewöhnlichen Art des tatenlosen Herumsitzens, wie es die jungen Mädchen bei uns tun, nicht wohl fühlen und weil Sie sehr bald daran unglücklich sein werden – – und weil ich dann auch sehr unglücklich wäre.“
Renée hob ein wenig die Augen und sah in sein helles, gutes Gesicht.
Sie gab ihm die Hand. Sie sagte: „Es ist recht und klug und sehr freundschaftlich von Ihnen, Herr von Schoenburg. Ich will alles überdenken.“
Schoenburg zog ein Druckheft aus seinem Ärmelaufschlag. Er sagte: „Wenn ich Ihnen dies einmal hinterlassen darf. Es ist der Jahresbericht des Frauen-Gymnasiums.“ Er schlug das Heft auf und tippte mit dem Finger auf einen Namen: „Hier – Johanna von Ramin, genannt Nana, ist meine Cousine. Sie ist ein sehr, sehr tüchtiger kleiner Kerl.“
„Kann ich sie nicht kennen lernen?“
Schoenburg strahlte. Ganz blinkend wurden seine Augen. „Also morgen komme ich mit ihr zum Tee. Paßt es?“
„Das ist hübsch, ich –“
„Also begleitest du deine Cousine nun hübsch anständig ins Esplanade?“ rief Gräfin Saurma von nebenan.
Schoenburg verabschiedete sich. Er küßte Renée die Hand und sagte: „Auf Wiedersehn morgen zum ^five o’clock^.“ –
Sarah war unzufrieden. Sarah sagte: „Diese Saurma schwätzt so viel. Was geht es mich an, was der Kronprinz zu ihr gesagt hat. Mir ist es ganz egal. In Amerika gibt man nicht so viel auf die Äußerungen junger Leute.“
„Huh, sei doch nicht so grimmig, Sarah. Es ist doch ein solch schicker und eleganter ‚junger Mann‘, der Kronprinz.“
„^Nonsense^,“ sagte Sarah. „Übrigens, Renée –“
„Ja was denn?“ – Sarah kam und legte die Hände auf Renées Schulter. „Ich möchte auch ins Esplanade!“
„Wart doch noch ein bißchen, Sarah.“
Sarah machte Fäuste. Ganz fest kniff sie die Finger zusammen. – „O, ich möchte vergehn,“ sagte sie.
Renée lachte: „Ganz so wie Hedda Gabler.“
Sarah sah sehr böse aus. „Was, Hedda Gabler,“ sagte sie zornig. „Ich langweile mich gräßlich.“
Sie war böse – böse. Nein. Sie wollte keinen Ton mehr reden mit Renée. Sie bestellte das Auto und fuhr in den Grunewald.
Renée wartete mit dem Abendessen.
Erst wurde es warm gestellt. Dann wurde es kalt gestellt. Die Mamsell schimpfte draußen, und der Diener kam alle zwei Minuten und frug, ob er nicht lieber doch für das gnädige Fräulein servieren solle. – Nach einundeinhalb Stunden – Sarah hätte längst zurück sein müssen, selbst wenn sie bis nach Wannsee und wieder zurückgefahren wäre – nach einundeinhalb Stunden bestellte Renée das Essen. Etwas kam herein, was einmal ein Beefsteak gewesen war. Der Diener reichte es mit verlegenem Grinsen. Es wurde nicht besser davon.
Sehr spät am Abend kam Sarah. Sie kam ohne Auto. Sie warf die Türen. Als Renée in ihr Schlafzimmer ging, hörte sie den Chauffeur mit der Jungfer klatschen: „Direkt an einen Baum ist sie jejondelt kurz vorm Stern. Wir beiden sind in einen Jrasjraben jeflogen – wie die Champagnerproppen.“ – Die Jungfer kicherte: „Und blaue Flecke wird’s morjen jeben – na, gut Nacht, Karlchen.“ –
Karlchen war Emmas Neigung.
Am andern Morgen war Sarah sanft und freundlich. Ein wenig blaß sah sie aus. Renée kam zu ihr: „Guten Morgen, du hast mich warten lassen gestern, Sarah; so groß wie eine Briefmarke war das Beefsteak, als ich es endlich bekam.“ –
„Ja, o entschuldige. Ich hatte eine Panne mit dem Auto. Saß total fest. Mußte mit der Bahn zurückfahren.“ Sarah verschwieg den Grasgraben. „Ja, bist du denn so toll gefahren?“ frug Renée. – „Manchmal möchte ich am liebsten bums gerade gegen eine Mauer sausen mit dem Ding.“
„Und da hast du dir gewiß gestern diese Sehnsucht erfüllt.“
Sarah lachte. Renée erzählte von Schoenburg. Er wollte also samt Cousine zum Tee kommen. –
„Diesmal kannst du die Cousine unterhalten,“ sagte Sarah.
„Ja, so war es auch vorgesehn!“ –
Eine kleine, schlanke, hastige Person war Schoenburgs Cousine. Sie hatte wolliges, kurzes Haar, einen Umlegekragen und einen riesigen, roten Schlips. Sie brach in unverhohlene Bewunderung aus über Sarahs goldene Teegeräte. „Na sowas,“ sagte sie, „mein Himmel, das ist ja schweres Gold!“ Ihr Vetter lachte.
Dann sprachen Sarah und Schoenburg über die Sommerreise nach Schottland. Er würde die Züge aussuchen. Selbstverständlich. Sie brauchte nur zu befehlen, ob über Hook van Holland oder Vlissingen.
„Mein Vetter hat schon zahllos oft von Ihnen gesprochen, Fräulein von Catte,“ sagte Nana. „Er muß Sie recht gut kennen. Er schilderte Sie genau so, wie Sie mich beeindrucken.“
„O ja. Wir kennen uns beide. Außerdem ist Herr von Schoenburg klug, glaube ich.“
Nana lachte: „Das wann er hörte. Er läßt sich nämlich so gern loben. Gerade darum hab ich ihn gern. Solche Menschen geben sich wenigstens Mühe um ihren Nächsten. – Er sagt, Sie wollen studieren.“
Renée staunte: „Ich, wieso? Ich habe doch gar kein Examen gemacht.“
„Na ja natürlich, wenn Sie das haben.“
„Ich hab aber gar nicht Lust,“ sagte Renée. Nana sah Renée starr an. „Nicht Lust?“ frug sie. „Hoho, Sie werden schon bekommen.“ – „Ich meine, ich hätte schon Lust, nur ist es so schwer und ich bin so faul,“ sagte Renée.
„Sie sollen faul sein? Das glaub ich im Leben nicht. Außerdem Faulheit ist nur so beim ersten Ruck hinderlich. Nachdem kommt’s von allein. Was ist da weiter. Wenn Sie einundeinhalb Jahr wahnsinnig büffeln oder zwei Jahr ordentlich oder drei Jahr mit Zwischenpausen und Seelenruhe, dann haben Sie’s. Nachher brauchen Sie gelegentlich mal ein Jahr sich hinzusetzen, bauen Ihren Dr. phil. und sind ein gemachter Mann. Ist das nun so schlimm?“
„Ja, Sie! Sie können natürlich alles schon,“ sagte Renée.
Nana lachte höhnisch. „Ja,“ sagte sie, „noch nix kann ich. Sie sollten mich mal hören, wenn mein Dr. math. mir Pyramiden und Zylinder aus Kartoffeln ausschneidet, damit ich mir so einen Querschnitt in meinem Krautkopf vorstellen kann. Ja.“
Renée mußte lachen. Sie fing bald an, Lust zu bekommen.
„Erklären Sie mir mal was davon.“
„Dank schön,“ sagte Nana, „nee – nachher werden Sie wütend, wenn ich mich verheddre.“
„Ach, tun Sie’s doch.“
„Mir scheint, sie streiten bereits,“ sagte Schoenburg. Sie stritten doch gar nicht, sie vertrugen sich doch so schön. –
Nana und Renée verabredeten gemeinsame Ausflüge, Spaziergänge, Lädenbummel. Und jedes Mal sagte Nana: „Eigentlich habe ich gar keine Zeit.“
Schoenburgs Cousine gefiel Sarah nicht sonderlich. „Sie hat eine so lärmend fröhliche Art. Gerade wie eine aufgezogene Uhr.“
Jedesmal wenn Renée mit Nana zusammen war, wurde vom Studieren gesprochen und vom Examen. Und von einem Mal auf das andere bekam Renée mehr Lust. Sie dachte: Es muß hübsch sein, etwas vor sich zu bringen.
Aber sie wollte durchaus nicht so viel Zeit vertun. Mehr als zwei Jahre wollte sie keinesfalls anwenden.
Nana redete ihr zu. Nana hatte schon feste Pläne: Renée nahm erst Privatunterricht und zum Schluß ging sie aufs Gymnasium. Oder sie machte alles privat.
Als die Ferien anfingen, ging Nana zu Verwandten aufs Land. Renée brachte sie zur Bahn und stand und sah dem Zuge nach, und als Nanas Lockenkopf zuletzt sichtbar wurde neben dem eifrig wehenden Tuch, dachte Renée: eigentlich kennen wir uns noch gar nicht, haben immer nur von diesen äußerlichen Dingen gesprochen. –