Chapter 5 of 15 · 3963 words · ~20 min read

Part 5

Ein unbestimmtes Drängen hinter ihr schob Renée vorwärts. Dann stand sie im Weißen Saal ganz allein in dem schimmernden Gewoge.

Es war, als gingen weiche Luftwellen an den weißen Riesenwänden empor und fingen sich oben in den goldenen Ornamenten. –

Dann kam der Kaiser – er trug die Uniform von Hannsbabos Regiment, und er grüßte zu denen im Saal, und die Kaiserin, die er am Arm führte, senkte langsam und würdevoll den Kopf mit dem schönen, weißen Haar. Sehr viel Glanz war um sie von den Krondiamanten.

Jemand hinter Renée flüsterte: „Sie sind ja ganz versunken!“ Es war Hedi Bassewitz. Sie stand mit drei andern hinter Renée. Eine von denen gefiel Renée. Sie hatte ein blaues Kleid an, das ganz eng anschloß und über und über mit glänzenden Schuppen benäht war. Ihre Augen waren blau.

„Jetzt ist die Kaiserin gleich durch,“ sagte die Bassewitz, „sie macht viel fixer als der Kaiser.“ Die in dem Schuppenkleid lächelte Renée zu. „Sie waren wohl noch nicht hier?“ sagte sie. „Nein, nur bei der Cour.“ –

Die Bassewitz erzählte, daß rechts die Botschafterinnen säßen und links vom Beschauer die Fürstinnen und hinten die Exzellenzendamen; daß kein Sterblicher tanzen dürfte, wenn etwas Prinzliches tanzte und daß, wer Walzer tanzte, rausgeworfen wird. „Nur Galopp ist erlaubt.“ –

„Aber sie machen doch Walzermusik,“ sagte Renée. – Die Bassewitz stieß ein überlegenes Prusten aus. „Man muß sich eben die Ohren zuhalten und einfach irgendwie herumspringen,“ antwortete sie.

Gerade als die Musik einsetzte, kam Hannsbabo und stellte Renée fünf Offiziere vor, und die engagierten Renée für alle Tänze. Es war doch nett von Hannsbabo. Sie verabredeten alle fünf das Zusammentreffen auf dem großen Parkettstern in der Mitte vor dem Thron. –

Hannsbabo wollte Renée zur Gavotte. „Du siehst blaß aus, Hannsbabo.“ Er lächelte. – „Nein, nein, das macht mein roter Rock und dann das Ausgehen. Das ermüdet etwas.“ –

Nachher ging Renée zu Sarah. Sarah sah schön aus. Sie hatte ein breites Diadem, Renée dachte: wie eine Städtekrone mit lauter Zinnen. Sie sagte: „Darf ich dir etwas sagen, Sarah?“ Sarah nickte abwesend. – „Hannsbabo muß nicht so viel auf Gesellschaften gehen, er sieht blaß aus.“ Die Schwägerin sah an ihr vorüber. „O, Hannsbabo ist ^all right^,“ sagte sie. „Er wünscht immer, daß ich auf Bälle gehe, und er geht eben mit. Er tut es ganz gern. Du brauchst gar nicht Sorge zu haben.“ –

Die mit dem Schuppenkleid kam auf Renée zu. „Ihr Bruder sieht schlecht aus, Fräulein von Catte,“ sagte sie, „Sie müssen mehr auf ihn achten,“ und dann strich sie wie aus Versehn an Renées Hand vorüber, sah nach dem Thron, als ob sie dort etwas zeigte, und sagte leise mit abgewandtem Gesicht: „Diese Amerikanerinnen verstehen so wenig von Menschen. Sie sind nicht gewohnt darauf zu achten. Sie haben ihn doch lieb. Ich fürchte um ihn – fragen Sie mich nichts und sprechen Sie nicht darüber – bitte“ – –

Von hinten wurde Renée zur Seite geschoben. Sie sah in das indignierte Gesicht der Palastdame von Gagern. „Ihre Majestät kommt.“ – „Sie hätten fast die Kaiserin umgelaufen,“ hauchte ein Kammerjunker. – Renée erschrak – die Kaiserin ging durch die gebahnte Gasse grüßend vorüber. – „Höchstens hätte sie _mich_ umgelaufen,“ murmelte Renée ingrimmig. – Die mit ihr gesprochen hatte, war fortgegangen. – Später erfuhr Renée, daß es die Gräfin Gisczyska gewesen war, die Frau eines österreichischen Attaché. –

Während der Gavotte beobachtete Renée immer ihren Bruder, und darum merkte sie es gar nicht, wie er kein Wort sprach, und sie kümmerte sich nicht darum, daß sie beide die Kürassierkolonne zweimal fast in Verwirrung brachten. – Wie mechanisch und ungewohnt er den Tanz ausführte. Mit so meilenweit fernen Gedanken.

„Kleiner Bub, warum siehst du mich so an?“ –

„Du bist nicht wie sonst, Hannsbabo.“ – „Du auch nicht. Du siehst heute besonders lieb und schön aus,“ sagte er. –

Renée hielt einen kleinen Augenblick seine Hand fest beim Vorübergehen. – „Hannsbabo, willst du mir’s nicht sagen? Oder – sei mir nicht böse – darf ich nicht einmal davon reden mit Sarah?“ – „Nein,“ sagte er, „nicht! Was soll ich mit irgend einem jämmerlichen Produkt deiner Ermahnungen? Was hilft es, wenn Sarah – o nein, so nicht, Renée.“ – – Renée wollte so gern Herrn von Schoenburg fragen. Aber der war so einsilbig, und immer, wenn Renée sich umsah, stand er hinter ihr und sah, den Kopf gesenkt, vorwurfsvoll zu ihr auf. Als Renée ging, sagte er: „Warum haben Sie nicht mit mir soupiert, Fräulein von Catte?“ – „Sie haben mich doch gar nicht gefragt.“ – „Aber Sie wissen das doch ganz gut,“ sagte Schoenburg. Dann begleitete er Renée zur Teufelstreppe, wo Papa auf sie wartete. Er ging auch mit herunter. Unten nahm er dem Diener Renées Cape ab und legte es ihr um. Und er sagte ganz leise: „Kommen Sie gut heim.“ –

Alle Tage ging Renée nun mit der Angst um Hannsbabo und war sehr allein damit. – In den feuchten Vorfrühlingsabenden machte der Dunst von draußen die Zimmer früher dunkel, und wenn man die Fenster öffnete, kam ein scharfer Geruch von Rauch mit der Luft herein. Über den Seen im Tiergarten war den ganzen Tag eine dünne Schicht von Dampf. Es gab auch noch Frost in den Nächten, und die zu bunten Blumen am Luisendenkmal standen verfroren und fremdartig in der kühlen Märzluft.

Renée ging in diesen Tagen viel herum im Tiergarten, und manchmal saß sie lange auf einer Bank und dachte, was man tun könnte für Hannsbabo. Sollte sie nicht mit Papa sprechen? Würde er denn helfen können? – Vielleicht gingen Hannsbabo und Sarah ein wenig auf Reisen. Vielleicht konnte der Wechsel der äußeren Umstände ihm helfen. – Dann wieder wußte Renée ganz gut, das alles half nichts. Es waren alles nur ohnmächtige und sinnlose Gedanken, die niemals das finden konnten, was einzig half. –

Am Sonntag bekam Renée einen Brief. Ein kleiner, grüner Brief war es mit einer fremden Handschrift. Die Unterschrift hieß: Marie Gisczyska. Renée las: Wollen Sie heute nachmittag zu mir kommen und mit mir den Tee nehmen. Ich habe viel mit Ihnen zu denken. –

Dann war es auf einmal eine so große Hilfe für Renée, daß diese ganz fremde Dame mit ihr sprechen wollte von Hannsbabo.

Den Sonntag kam ein Vetter aus dem Kadettenkorps und Viktor natürlich. Und nach dem Essen sagte Papa, nun könnte Renée den Vetter unterhalten, und sie könnte ja auch ein bißchen mit ihm spazieren gehn. „Ich kann doch den langweiligen Jungen nicht den ganzen Tag unterhalten, Papa,“ sagte Renée, „außerdem langweilen wir beide uns dabei. Außerdem bin ich eingeladen zum Tee bei der Gräfin Gisczyska.“

Papa sah erstaunt auf: „So, wie kommst du denn dazu?“ Renée antwortete: „Ich habe sie auf dem Hofball kennen gelernt.“ – „So, na,“ sagte Papa. „Also wann soll denn da die Reise losgehen?“ „Um halb fünf, dachte ich.“ – „Ja – soll denn etwa ich den Bengel unterhalten?“ sagte Papa ärgerlich. „Ach Papa – ich tät ihm einen Taler schenken für den Zirkus,“ meinte Renée; „zum Abendessen bin ich dann schon wieder da!“

Papa lachte. Dann zog er zwei runde Taler aus seinem großen, dunkelroten Portemonnaie: „Da sollst du auch einen haben für deinen Edelmut,“ sagte er. –

Renée nahm ein Auto. Erstens hatte sie ja einen Taler bekommen für nichts und wieder nichts, und zweitens wollte sie recht bald da sein. Dieses Auto raste mit besessener Geschwindigkeit die Hofjägerallee und Charlottenburger Chaussee entlang und bog mit einem fürchterlichen Ruck links ein. Es hielt in der Roonstraße.

Gräfin Gisczyska kam Renée entgegen. Sie führte Renée an der Hand herein und dankte ihr für ihr Kommen und bat um Entschuldigung, daß sie so von heut auf morgen ... „Ja, ist jetzt das eine aufdringliche Person, haben S’ gedacht – gellns,“ sagte sie lachend. – „Aber nicht doch. Ich freue mich so sehr, mit Ihnen sprechen zu dürfen, Gräfin, man kann es nicht alles allein bedenken.“ – „Ja, nicht wahr?“ Gräfin Gisczyska sprang auf und drückte Renée die Hand. – „Aber nun hab ich das Gefühl, daß ich Ihnen erst mal erklären soll, warum eigentlich ich Sie so ^sans façon^ zu mir bat und was mir das Recht gibt, von Ihrem Bruder – darf ich sagen, von Hannsbabo – zu sprechen. – Also wir, das heißt mein Mann und ich, waren eine Zeitlang mit Ihrem Bruder in Washington zusammen. Als er zuerst dort war, fühlte er sich natürlich etwas allein, und da mein Mann ihm sympathisch war, so kam er oft zu uns. Da war es, daß ich Ihren Bruder sehr lieb gewann. Wenn er gewollt hätte, – ich wäre mit ihm gegangen auf und davon.“ –

Gräfin Gisczyska lehnte den Kopf ganz weit zurück auf das harte Holz ihres geschnitzten Stuhles – dann sprang sie auf mit einer heftigen Bewegung. – „O, _ich_ hätte es gewollt!“ –

Renée schwieg und sah in das blaue Feuer, das die Gräfin entzündete. Dann bekam Renée den Tee aus einer kleinen, feinen Tasse.

„Wenn ich zu Ihnen offen sprechen darf,“ sagte die Gräfin, „so will ich Ihnen sagen, wie es ist mit Ihrem Bruder. Er liebt die Frau. Aber sie ist nicht eine Frau. Nein, keineswegs. Sie ist ein Geschöpf aus einer schönen Materie, aber von innerlichster Kälte, ohne jede Sensibilität, ohne jedes Begreifen von den Dingen des Gefühls. Sie ist – nun etwas, das man in der Literatur der achtziger Jahre ‚Larve‘ zu nennen pflegte oder ‚Nixe‘ – was weiß ich.“ –

Renée sagte: „Ein Mensch wählt diese Ausdrucksform, ein anderer jene. Es ist nicht immer herzlos, was anders ist als wir, Gräfin.“ –

„Ich merke, Ihre Schwägerin hat es verstanden, die ganze Familie Catte einzustecken. – Ja, darum gerade reden wir doch zusammen, weil wir sehen, daß ein Mann, der uns beiden lieb ist, an ihr leidet! Ich muß Ihnen etwas von der Verlobung erzählen. Gar nicht viel, nur etwas Charakteristisches: Einer ihrer Vettern – sie hat deren ein Dutzend – sagte mir: ‚Sarah will leider keinen von uns heiraten, weil wir sie alle lieben, sagt sie, und weil sie einen Widerwillen bekommt gegen Menschen, die sie lieben. Sie sagt: ein Mann, der eine Frau liebt, spricht immer so heiser, er ist wie ein widerlicher Kater‘.“ –

Renée mußte lachen: „Finden Sie das so herzlos? Es ist doch nur lächerlich. Es ist, daß eine Frau immer die Abwehr hat gegen den Mann als Typus. Aber dann rechnet sie ihren Mann nachher nicht in diesen Typus hinein –“

„Sie sagen zwar sehr kluge Dinge für Ihre Jugend,“ antwortete Gräfin Gisczyska, „aber leider hat Sarah dies gesagt, als sie bereits verlobt war. Und ich würde denken, daß eben aus dieser Tatsache heraus alles, was dort geschieht, begreiflich wird. Ihre Schwägerin gehört zu den Menschen, die suchen, wenn der andere zurückweicht, und zurückweichen, wenn der andere sie sucht. Und Hannsbabo sucht sie sehr eindringlich eben.“ – „Ja.“ – Die Gräfin sprach weiter: „Und eben wenn diese Frau weiß, daß da einer ist, der zu ihr hinstrebt, dann lockt sie ihn ein wenig an, um ihn im nächsten Augenblick mit kühlem Erstaunen zurückzustoßen. – Und immer wieder das gleiche. Und ein Mensch geht zugrunde daran, ein lieber, schöner, stolzer Mensch. – O, es ist ein widerliches, zynisches Spiel.“

„Das – das glauben Sie?“ – Gräfin Gisczyska nahm Renées Hand. – „Es ist so,“ sagte sie, „erschrecken Sie nicht so, kleine Renée, es ist so. Ich habe es gesehn.“ –

Beide schwiegen. Die blaue Flamme unter dem Kessel breitete sich aus, und das Wasser kam in ein leises, gleichmäßiges Surren. –

Renée frug: „Wie haben Sie das gesehn?“ – Gräfin Gisczyska schwieg; einen Augenblick sah sie Renée an. –

„Erinnern Sie sich an den Ball bei Ihrem Bruder?“ fragte sie. – – „Sahen Sie, wie die beiden tanzten? Sahen Sie das Gesicht seiner Frau? Ah – ich sah es. Die widerliche, rohe Sensationslust ihres Gesichts. Niemand hat etwas gesehn. Nein. Nur ich. Ich sah, wie die Blässe ihm ins Gesicht stieg, ganz weiß war sein Gesicht, und dann begann er zu zittern, und dann bebte dieser große, starke Mensch – und eben in diesem Augenblick ließ sie seine Hand los und sah ihn an. Haben Sie das gesehn?“ –

„Wie – wie denn sah sie ihn an?“ frug Renée. „So, als wäre er ein Widerwillen, ein Unflat, ein häßliches und verächtliches Tier in ihrem Weg.“ –

Renée wandte ihr Gesicht weg. Sie stand auf und ging zum Fenster. Da war ein Gefühl brennender Scham in ihr, daß man so reden durfte von ihrem Bruder. –

„Mögen Sie nicht einmal sprechen mit Ihrer Schwägerin?“ sagte Gräfin Gisczyska.

„Mein Bruder will es nicht.“ –

Die Gräfin fuhr auf: „Inwiefern? Hat er seine Frau durchschaut? Hat er ...“

Da auf einmal hatte Renée einen Widerwillen gegen dies Gespräch; sie mochte nicht mehr. Eben als sie überlegte, ob sie noch antworten sollte, kam der Diener herein, er meldete den Prinzen Johann. – Renée verabschiedete sich eilig. –

„Sie müssen bald wiederkommen, vielleicht morgen,“ rief die Gräfin ihr nach.

Renée ging durch den Tiergarten nach Hause. Und immer wieder stieg ihr das Gefühl des Widerwillens auf auch gegen sich selbst. Es war, als hätte sie Hannsbabo etwas Böses getan.

Sie sprach auch nicht mit Papa. Es schien ihr, als dürfe man überhaupt nicht davon sprechen. –

Einmal aber – es war gegen den Frühling – einmal faßte Renée sich ein Herz. Sie ging zu Hannsbabo, als Sarah gerade fort war. Und sie setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. Sie sah ihm in die Augen: „Hannsbabo,“ sagte sie, „ich weiß es, du bist sehr unglücklich, und nun sagst du mir nichts, und ich kann dir nicht helfen. Du bist immer sehr gut gewesen zu mir, gar nicht wie ein gewöhnlicher Bruder, vielmehr wie ein Freund. Früher hattest du Vertrauen zu mir, du hast mir viel von dir gesagt, obwohl ich noch ein Kind war, und nun –“

Hannsbabo schwieg lange. Renée sah dem Zeiger der Uhr nach, die am Spiegel stand auf zwei schlanken Säulchen von Alabaster – manchmal sah Renée zu ihm herüber. Sie hielt noch seine Hand. „Es ist ja nicht so leicht, davon zu sprechen,“ sagte Hannsbabo dann. „Sie meint es nicht schlecht, sie hat mich sogar ein wenig lieb, glaube ich, aber siehst du, das ist nichts, was das Einsamkeitsgefühl nähme. Im Gegenteil. Und dabei weiß ich, _sie_ ist der Mensch, mit dem ich hätte heimisch werden können auf der Erde. –“

Renée kamen die Tränen in die Augen von dem Gefühl des Nicht-helfen-könnens. – Er nahm nun ihre Hand und legte sein Gesicht hinein. Renée zog ihn an sich – sie saßen still beieinander. –

„Ich mag nicht mehr leben,“ sagte Hannsbabo. Renée weinte. Ihr Bruder hob sein Gesicht zu ihr auf, und sie hörte ihn sanft sprechen. – „Weine nicht, mein kleiner Bub Renée – weine nicht!“ –

Was konnte Renée tun? Sie hätte ihn nehmen mögen, ihren Bruder, und mit ihm fortgehn. Weit fort. Vielleicht nach Italien – vielleicht war da die weiche, süße Luft, die er brauchte. „Ich bin zu müde,“ sagte Hannsbabo, „das Reisen macht so viel Beschwerde.“ –

Renée sprach mit Sarah. Sie tat es gegen alles eigene Gefühl, sie tat es gegen Hannsbabos ausgesprochenen Willen. Sie tat es gedrängt von ihrer Liebe für ihn.

Sie sagte: „Was ich tue, Sarah, was ich dir jetzt sage, das mußt du so gut und so fein und so schön aufnehmen, wie du kannst – du mußt weich und gut sein, damit ich an dich heran kann mit meinen Worten.“ – –

„O,“ sagte Sarah, „was ist es, was für eine lange Vorrede, ^darling^ –“ Renée fühlte so, als käme ein Strom von Glut ihr den Rücken herauf – und schließlich preßte es die Kehle zusammen. –

Sie ballte die Hände. – „So wirst du es nicht abtun. So nicht! Ich rede von Hannsbabo. Ich rede von meinem Bruder, den ich liebe, hörst du, den ich tausendmal mehr liebe als du, als so ein kalter, kalter Mensch wie du, begreifen kannst.“ –

Sarah wurde ganz blaß, fast bis in die Spitzen ihrer Finger – ihre grauen Augen starrten in Renées Gesicht. –

„Du bist mit ihm hergekommen. Du hast ihn geheiratet. Das ist ein Geschehnis, verstehst du, wenn ein Mensch wie Hannsbabo dich liebt, wenn ein so stolzer, schöner, vornehmer Mensch dich liebt – du. – Ich sage dir, du, ich lasse es nicht geschehen, daß du ihn umbringst mit der widerwärtigen Kälte deines Wesens. Ich lasse es nicht zu! Hüte dich vor mir, denn ich werde es sagen, allen Menschen werde ich es sagen, ausschreien will ich es, wenn du noch einmal, noch ein einziges Mal tust, was du getan hast bis heute, wenn du ihn quälst.“ – –

Sarah warf den Kopf zurück, eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht – und die großen Tränen. –

Renée ging.

„Elisabeth bittet um deinen Besuch recht bald,“ sagte Papa. „Sie fühlt sich nicht recht wohl und bekommt Besuch von Viktors Mutter und Schwester. Am Ende könntest du gleich morgen fahren.“ –

Renée hatte nicht die geringste Lust. Nein. Aber natürlich würde kein Widerstreben helfen. Wenn jemand in einer Familie verheiratet war, so war das Grund genug, um sämtliche unverheiratete Schwestern und Cousinen in Tätigkeit zu setzen. –

Das Landratsamt war ein großer quadratischer Kasten, an den man ein Rechteck angeflickt hatte. In diesem Rechteck befand sich eine Loggia und darüber das Gastzimmer. Im Eßzimmer entdeckte Renée ein Bild von Groß-Gehren, das sie von zu Hause kannte. – In Elisabeths Wohnzimmer standen die beiden bronzenen Leuchter aus der Groß-Gehrener Halle, und über Viktors Schreibtisch prangte das Bild des jungen Katte, der zu Küstrin erschossen worden ist. Das hatte früher bei Renées Mutter gehangen, denn es war einer von ihrer Linie gewesen. Von denen, die der große König später zu Grafen gemacht hatte. –

Elisabeth sagte: „Papa hat es mir geschenkt.“ – Und gerade das hätte Renée so gern behalten – gerade das. –

Überall wo Viktors umfangreiche Mutter sich bewegte, entstand ein Geräusch von Seide. Sie war stets in starrer, schwarzer Seide und trug auf dem Kopf einen künstlichen Aufbau weißen Haares. Während sie von Elisabeth in den Räumen umhergeführt wurde, sagte sie: „Das freut mich, liebes Kind, ganz hübsch, ganz hübsch.“ Sie sagte es, als ob sie in einem Laden die Auslage betrachtete. – Sie war eine unausstehliche Person, fand Renée. Elisabeth benahm sich förmlich demütig gegen sie. Und Elisabeth nannte sie ‚Mamachen‘.

In diesem Haus kam Renée gar nicht zum Nachdenken. Wenn sie in ihrem Zimmer war, dann hörte sie das Gekeif und Gelärm der Leute auf der Straße und das Rasseln der Wagen auf den holprigen Pflastersteinen. Und war sie nicht in ihrem Zimmer, dann gab es immer von irgendwoher die pfeifende, gellende Stimme der Frau Amélie von Horwitz, die erzählte von der Prinzeß Clementine, die immer zu ihr gesagt hatte ...

Renée kam dort in einen Zustand haltloser, psychischer Apathie. Kein Weiterkommen, kein Weiterwollen, keine Abwehr. Alles, was dort gesprochen wurde, hielt sich jenseits jeder Möglichkeit von Gefühl und Empfindung. Und alles war entsetzlich leer.

Renée suchte Ruhe. Es gab keine Ruhe. Diese Menschen hasteten umher und warfen die Albernheiten ihres engen Lebens wirr und sinnlos durcheinander – und es gab keine Ruhe. –

An diesem Abend lief sie nach Groß-Gehren, – den Wiesenweg, der an der Mühle vorbeiführt. Hinter dem dunklen Rand des Forstes stieg ein großer, rötlicher Mond auf. Stieg feierlich auf, und vor ihm her war die Helligkeit seines Lichtes – – allmählich fing sich das Licht in den Nebeln auf der Wiese. –

Renée ging schnell, sie fühlte die Feuchtigkeit der Grashalme, die ihr Kleid streiften. Man konnte nicht weit sehn wegen des Nebels; auf einmal tauchten die schwarzen Flügel der Mühle vor ihr auf – ganz unorganisch und sonderbar aus dem Grau heraus. –

Sie fand die Gartentür abgeschlossen und lief bis an das Ende des Gartens, wo sie als Kind durchgekrochen durch das Loch in der Hecke. –

Wie ein riesiger See ohne Land lag es vor ihr. Die Fläche des Wassers ins Unendliche erweitert durch diese Ebene von Nebel über den Wiesen.

Auf dem Wasser flackerte in goldnen Schlangen der Mondschein. –

O, hier bleiben können – lange oder immer – wie schön und traurig war das Wasser und der große Mond. –

Unten auf den Stufen, die ins Wasser führen, auf der dritten Stufe, die der See überspült, wenn er unruhig ist, saß Renée. – O, der große Mond. –

Renée mußte weinen; sie dachte nicht an ein bestimmtes Geschehnis – es war nichts – es war vielleicht etwas, was kam. An wen dachte Renée? An keinen Menschen – nur – wenn einmal eine süße und geliebte Stimme zu ihr sprechen, wenn einmal eine Hand sehr sanft sie berühren würde, – o eine sanfte Hand – daran dachte Renée. – –

Es war nach Mitternacht, als sie zurückkam. Viktor machte ihr auf. – Sie hätten sich alle so gesorgt. Es sei aber auch unrecht von Renée, weil Elisabeth sich doch in dieser Zeit nicht aufregen dürfe, wo denn Renée nur gewesen sei? –

„In Groß-Gehren!“ – „Aber wir konnten doch mal hinfahren, wenn du wolltest,“ sagte Viktor mit sanftem Vorwurf.

Renée hörte eine Woche lang alles geduldig an. Es war unpassend gewesen, überspannt, lächerlich, sentimental. – Was sollte Johann denken, er hatte natürlich gehört, daß Viktor Renée nachts hereinlassen mußte. –

„Ihr könnt ja Johann ins Vertrauen ziehn, vielleicht findet Johann es auch überspannt,“ sagte Renée.

Elisabeth begann zu weinen. Man tröstete sie. Und Renée hörte Frau Amélie von Horwitz leidenschaftlich versichern: „Deine liebe Schwester hat es ja gar nicht so böse gemeint, Elisabethchen, nein, wirklich, sie hat es ja völlig eingesehn.“ –

In der Umgegend gab es ein Kränzchen. Im Winter las das Kränzchen, im Sommer spielte es Tennis. Es gehörten ihm die jungen Mädchen des Kreises an. Aber Renée weigerte sich teilzunehmen. – Elisabeth sagte: „Viktor ist der Ansicht, daß ein verheirateter Landrat die Pflicht hat, die passenden Elemente des Kreises zusammenzuhalten. Ich habe das Kränzchen zum Sonntag eingeladen. Natürlich muß ich mich momentan etwas zurückhalten.“ fügte Elisabeth hinzu.

Elisabeth ging nur gegen Abend aus. Dann trug sie ein Cape von riesigen Dimensionen. Sie genierte sich vor dem Diener, vor dem Kutscher, vor dem Gärtner. –

Es muß ein fürchterlicher Zustand sein, dachte Renée. Elisabeth tat ihr leid. Sie versuchte, ihrer Schwester gut zu werden. „Du mußt mehr spazieren gehn,“ sagte Renée, „wir könnten jeden Morgen nach dem königlichen Forst hinausfahren, und da könnten wir spazieren gehn, und dann holt der Wagen uns mittags wieder ab.“ – „Ach, Renéechen, ich darf doch momentan nicht fahren,“ antwortete Elisabeth kläglich. – „Aber dann könnten wir zusammen in den Stadtforst gehn.“ – „Ach, ich sehe so aus,“ antwortete Elisabeth. „Da geniere ich mich doch.“ – Renée nahm ihre Hand: „Gar nicht hast du dich zu genieren. Warum denn etwa? Es geht doch alles natürlich zu in der Welt. Und bis jetzt wird es noch nicht als Schande aufgefaßt, wenn eine Frau ein Kind bekommt, sollte ich meinen.“ – Elisabeth sagte: „Du redest so, Renée! Junge Mädchen sollten ...“

„Meinst du mal wieder, ‚junge Mädchen‘ müßten immer erst warten, bis ein Mann kommt, sie zu verderben?“ – Renée lachte: „Denn das ist’s doch in Wahrheit. ‚Unverdorben und mit Schmelz‘ und als ‚unbeschriebene Blätter‘ und so’n Quark sollen sie dem Mann überliefert werden, damit er sie um so besser verderben kann.“ – „Du führst furchtbare Reden, Renée,“ sagte Elisabeth.

„Ich begreife nicht, wie man Kinder bekommen mag, wenn man das Wissen um die Geschehnisse ihres Ursprungs als ‚verdorben werden‘ bezeichnet.“ –

Elisabeth begann abzulenken: „Ich glaube, wir werden uns hierin doch nie verständigen.“ –

„Nein – das glaub ich auch nicht.“ –

Frau Amélie von Horwitz trat ein. Sie rauschte in schwarzer Seide. Auf den hügeligen Dimensionen ihrer Brust thronte eine Brosche aus Amethysten sowie eine Kette aus schwarzen Jett-Perlen. –