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Part 1

DER SCHATZ DER SIERRA MADRE

DER SCHATZ DER SIERRA MADRE

VON B. TRAVEN

VERLAG DER BÜCHERGILDE GUTENBERG BERLIN 1927

Satz und Druck besorgte die Buchdruckwerkstätte, G.m.b.H., Berlin Buchbinderarbeiten Leipziger Buchbinderei A.-G. / Ausstattung C. Reibetantz Nachdruck verboten Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung vorbehalten Copyright 1927 by B. Traven, Tamaulipas (Mexico)

DER SCHATZ, DEN ZU FINDEN DU DIE MÜHEN EINER REISE NICHT FÜR WERT HÄLTST, DAS IST DER ECHTE SCHATZ, DEN ZU SUCHEN DIR DEIN LEBEN ZU KURZ ERSCHEINT. DER FUNKELNDE SCHATZ, DEN DU MEINST, DER LIEGT AUF DER ANDERN SEITE.

1

Die Bank, auf der Dobbs saß, war keineswegs gut. Die eine Latte war herausgebrochen, und eine zweite Latte bog sich nach unten durch, darum konnte man recht gut das Sitzen auf dieser Bank als Strafe empfinden. Ob er diese Strafe verdient habe oder ob sie ungerecht über ihn verhängt worden sei, wie die Mehrzahl der Strafen, die verhängt werden, darüber dachte Dobbs in diesem Augenblicke gerade nicht nach. Daß er unbequem saß, würde er wahrscheinlich erst erfahren haben, wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er auf der Bank gut sitze. Die Gedanken, die Dobbs beschäftigten, waren dieselben, die so viele Menschen beschäftigen. Es war die Frage: Wie komme ich zu Geld? Wenn man schon etwas Geld hat, dann ist es leichter, zu Geld zu kommen, weil man etwas anlegen kann. Wenn man aber gar nichts besitzt, dann hat es seine Schwierigkeiten, diese Frage zur Zufriedenheit zu lösen.

Dobbs hatte nichts. Man darf ruhig sagen, er hatte weniger als nichts, weil er nicht einmal ganze und vollständige Kleidung hatte, die unter beschränkten Verhältnissen als ein bescheidenes Anfangskapital angesehen werden darf.

Aber wer arbeiten will, der findet Arbeit. Nur darf man nicht gerade zu dem kommen, der diesen Satz spricht; denn der hat keine Arbeit zu vergeben, und der weiß auch niemand zu nennen, der einen Arbeiter sucht. Darum gebraucht er ja gerade diesen Satz, um zu beweisen, wie wenig er von der Welt kennt.

Dobbs würde Steine gekarrt haben, wenn er solche Arbeit bekommen hätte. Aber selbst diese Arbeit bekam er nicht, weil zu viele da waren, die auf diese Arbeit warteten, und die Eingeborenen immer mehr Aussicht hatten, sie zu bekommen, als ein Fremder.

An der Ecke der Plaza hatte ein Schuhputzer seinen hohen Eisenstuhl stehen. Die übrigen Schuhputzer, die sich keinen Stuhl leisten konnten, liefen mit ihren kleinen Kästchen und Klappbänkchen wie die Wiesel rund um die Plaza und ließen niemand in Ruhe, dessen Schuhe nicht spiegelblank waren. Er mochte auf einer der zahlreichen Bänke sitzen oder spazierengehen, er wurde immerwährend belästigt. Also selbst die Schuhputzer hatten es nicht leicht, Arbeit zu finden, und gegenüber Dobbs waren sie Kapitalisten, denn sie besaßen eine Ausrüstung, die wenigstens drei Pesos kosten mochte.

Selbst wenn Dobbs die drei Pesos gehabt hätte, Schuhputzer hätte er nicht werden können. Nicht hier zwischen den Eingeborenen. Es hat noch nie ein Weißer versucht, Schuhe auf der Straße zu putzen, hier nicht. Der Weiße, der zerlumpt und verhungernd auf der Bank auf der Plaza sitzt, der Weiße, der andre Weiße anbettelt, der Weiße, der einen Einbruch verübt, wird von den übrigen Weißen nicht verachtet. Wenn er aber Stiefel auf der Straße putzt oder bei Indianern bettelt oder Eiswasser in Eimern herumschleppt und verkauft, sinkt er tief unter den schmutzigsten Eingeborenen hinab und verhungert doch. Denn kein Weißer würde seine Arbeit in Anspruch nehmen, und die Nichtweißen würden ihn als unlauteren Konkurrenten betrachten.

Auf den hohen Eisenstuhl an der Ecke hatte sich ein Herr in weißem Anzug hingesetzt, und der Putzer machte sich über dessen braune Schuhe her. Dobbs stand auf, schlenderte langsam hinüber zu dem Stuhl und sagte ein paar leise Worte zu dem Herrn. Der Herr sah kaum auf, griff in die Hosentasche, brachte einen Peso hervor und gab ihn Dobbs.

Einen Augenblick stand Dobbs ganz verblüfft, dann ging er zurück zu seiner Bank. Er hatte auf nichts gerechnet oder auf zehn Centavos vielleicht. Er hielt die Hand in der Tasche und koste den Peso. Was sollte er damit tun? Ein Mittagessen und ein Abendessen, oder zwei Mittagessen, oder zehn Pakete Zigaretten Artistas, oder fünfmal ein Glas Milchkaffee mit einem Pan Frances, das ein gewöhnliches Brötchen ist.

Nach einer kurzen Weile verließ er die Bank und wanderte die paar Straßen hinunter zum Hotel Oso Negro.

Das Hotel war eigentlich nur eine Casa de Huespedes, ein Logierhaus. In der Vorderfront war an der einen Seite ein Laden mit Schuhen, Hemden, Seifen, Damenwäsche und Musikinstrumenten; an der andern Seite war ein Laden mit Drahtmatratzen, Liegestühlen und photographischen Apparaten. Zwischen diesen beiden Läden war der breite Hausdurchgang, der zum Hofe führte. In dem Hofe befanden sich die morschen und fauligen Holzbaracken, die das Hotel bildeten. Alle diese Baracken hatten kleine, enge, dunkle, fensterlose Kammern. In jeder Kammer standen vier bis acht Schlafgestelle. Auf jedem Gestell lagen ein schmutziges Kissen und eine alte verschlissene Wolldecke. Licht und Luft für die Kammern kamen durch die Türen, die immer offen standen. Trotzdem waren die Kammern stets dumpfig, weil sie alle zu ebener Erde lagen und die Sonne nur ein Stück weit in jeden Raum eindringen konnte. Luftzug war auch nicht, weil die Luft in dem Hofe stillstand. Diese Luft wurde durch die Abortanlagen, die keine Wasserspülung hatten, noch mehr verschlechtert. Außerdem brannte mitten auf dem Hofe Tag und Nacht ein Holzfeuer, auf dem große Konservenbüchsen standen, in denen Wäsche gekocht wurde. Denn in dem Hotel befand sich auch noch die Wäscherei eines Chinesen.

Links in dem Hausdurchgang, ehe man zu dem Hofe kam, war ein kleiner Raum, in dem der Hausmeister saß. Ein zweiter Raum, gleich neben diesem Empfangsraum, war bis oben hin mit Drahtnetz vergittert. Hier lagen auf Regalen die Koffer, Kisten, Pakete und Pappschachteln der Hotelgäste aufbewahrt. Es lagen da Koffer von Leuten, die hier vielleicht nur eine Nacht geschlafen hatten; denn manche der Koffer und Kisten waren dick mit Staub bedeckt. Es hatte gerade für eine Nacht gereicht, das Geld, das der Gast hatte. Am nächsten Tage hatte der Mann dann irgendwo draußen geschlafen und auch die folgenden Nächte. Eines Tages kam er dann, nahm ein Hemd oder eine Hose oder sonst einen Gebrauchsgegenstand aus dem Koffer, schloß ihn ab und gab ihn wieder zurück zum Weiteraufbewahren. Und eines andern Tages machte sich der Mann auf die Reise. Da er kein Bahngeld oder Schiffsgeld hatte, mußte er zu Fuß wandern, und dabei konnte er seinen Koffer nicht gebrauchen. Heute war der Mann vielleicht in Brasilien oder längst irgendwo in einer Wüste verdurstet oder auf einem Buschwege verhungert oder erschlagen.

Nach einem Jahr, wenn der Aufbewahrungsraum für die Koffer zu gepackt wurde, so daß die Sachen der Neuankömmlinge nicht einmal mehr untergebracht werden konnten, dann machte der Hotelbesitzer ein Aufräumen. An den Sachen befand sich manchmal ein Zettel mit dem Namen des Besitzers jener Kiste oder der Pappschachtel. Es kam vor, daß der Mann vergaß, welchen Namen er angegeben hatte, und weil er inzwischen seinen Namen geändert hatte, nun seinen Koffer nicht zurückverlangen konnte, weil er sich auf seinen damaligen Namen nicht besinnen konnte. Er vermochte den Koffer wohl zu bezeichnen. Dann fragte der Hausmeister nach dem Namen, und weil der Name mit dem Zettel, der mit einer Stecknadel auf den Koffer gepickt war, nicht übereinstimmte, so wurde ihm der Koffer nicht ausgehändigt.

Oft war der Zettel mit dem Namen auch abgefallen. Manchmal war er nur mit Kreide angeschrieben, die sich ausgewischt hatte. Zuweilen hatte der Hausmeister in der Eile vergessen, nach dem Namen zu fragen, und er hatte nur die Bettnummer mit Blaustift auf die Pappschachtel geschrieben. Die Bettnummer aber hatte der Besitzer der Pappschachtel nie gewußt, und hätte er sie gewußt, würde er sie wohl kaum behalten haben. Ein Datum war nie mit angegeben.

Es war also nie festzustellen, wie lange eine Kiste oder ein Koffer hier in dem Aufbewahrungsraum lag. Die Dauer der Aufbewahrungszeit wurde nach der Dicke der Staubschicht beurteilt, die auf den Sachen lag. Und nach dieser Dicke vermochte der Hotelbesitzer ziemlich genau zu sagen, wieviel Wochen jener Koffer oder dieser Zuckersack hier lag. Berechnet wurde für die Aufbewahrung nichts. Wenn aber der Raum zu eng wurde, dann kamen die Sachen, die den dicksten Staub aufweisen konnten, heraus. Der Besitzer durchsuchte den Inhalt und sortierte ihn. Meist waren es Lumpen. Es kam ganz selten vor, daß irgendein Gegenstand von Wert in den Koffern gefunden wurde; denn wer noch Wertgegenstände besaß, ging nicht in den Oso Negro übernachten, oder er verbrachte dort nur eine Nacht. Diese Lumpen verschenkte der Logierhausbesitzer dann an zerlumpte Hotelgäste, die darum bettelten, oder an andre zerlumpte Leute, die gerade vorbeikamen. Es ist ja nun einmal so in der Welt, daß keine Hose so zerlumpt, kein Hemd so zerschlissen, kein Stiefel so abgetreten sein kann, als sich nicht jemand fände, der jene Hose oder jenes Hemd noch als sehr gut bezeichnen würde; denn kein Mensch auf Erden kann so arm sein, daß nicht ein andrer sich noch ärmer glaubte.

Dobbs hatte keinen Koffer, den er zum Aufbewahren hätte geben können, nicht einmal eine Pappschachtel oder einen Papiersack. Er hätte nicht gewußt, was er hätte hineinstecken sollen; denn alles, was er besaß, trug er in seinen Hosentaschen. Eine Jacke hatte er seit Monaten nicht mehr.

Er trat in den kleinen Raum des Hausmeisters. Dieser Raum hatte zwar in der Vorderwand, die im Haupteingang lag, ein Schalterbrett, aber niemand benutzte es, nicht einmal der Hausmeister selbst. Auf diesem Schalterbrett, dicht vor dem Schiebfenster, stand eine Wasserflasche und ein kleines Krügchen aus Steingut. Das war die gemeinschaftliche Wasserflasche für alle Hotelgäste. In den Schlafräumen selbst war kein Wasser und keine Wasserflasche. Wer Durst hatte, mußte hier zu dem Schalterfensterchen kommen, um zu trinken. Einige erfahrene Gäste, besonders solche, die nachts häufig Durst bekamen, nahmen eine leere Tequilaflasche mit Wasser gefüllt in die Schlafräume.

Der Hausmeister war noch ein ganz junger Mann, kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Er war klein und mager und hatte eine lange spitze Nase. Er hatte Dienst von morgens um fünf bis abends um sechs. Abends um sechs trat der Hausmeister für die Nacht seinen Dienst an. Denn das Hotel war Tag und Nacht ununterbrochen geöffnet, nicht so sehr wegen der Eisenbahnzüge, die nur dann nachts einliefen, wenn sie Verspätung hatten, als vielmehr derjenigen Arbeiter wegen, die hier im Hotel schliefen, und die in Restaurants oder in andern Geschäftszweigen tätig waren, wo die Arbeitszeit sehr spät in der Nacht, manchmal erst gegen Morgen, zu Ende war.

Tag und Nacht wurde in dem Hotel geweckt, weil immer welche da waren, die zu irgendeiner Zeit aufstehen mußten, weil sie zu ihrer Arbeit zu gehen hatten. Da schliefen Privatnachtwächter, Bäcker, Asphaltierer, Straßenpflasterer, Zeitungsverkäufer, Brotaustrager und Angehörige von Berufen, die sich mit einem Worte gar nicht beschreiben lassen. Viele dieser Leute hätten sich ein Privatlogis mieten können, wo sie besser geschlafen hätten und sauberer und nicht in Gemeinschaft mit Unbekannten, Fremden und Strolchen. Aber des Weckens wegen, ihres pünktlichen Arbeitsbeginns wegen, wohnten sie hier im Hotel, wo sie sich darauf verlassen konnten, daß sie genau zu der Minute geweckt wurden, die sie angaben. Beide Hausmeister waren sehr tüchtige Leute. Es kamen täglich neue Gäste und alte verschwanden. Es wechselte jeden Tag. Alle Nationalitäten waren vertreten, es kamen weiße, gelbe, schwarze, braune, rotbraune Gesichter an dem Schalter vorüber. Aber der Hausmeister, der Dienst hatte, wußte stets, ob der Mann bezahlt hatte oder nicht. Wenn er im Zweifel war, sah er sofort im Buch nach und verfolgte den Mann vom Fenster aus, das nach dem Hofe zu ging, in welchen Raum er lief.

Es waren einige ganz kleine Räume noch vorhanden, in denen nur ein Bett stand, ein verhältnismäßig breites und mit einer Matratze. Die Matratze war zwar sehr hart, aber die Gäste waren nicht verwöhnt. Diese Räume waren für zwei Personen bestimmt und kosteten für jede Person einen Peso. Es waren die Räume, die von denen genommen wurden, die mit einer Frau kamen. Für einzelne Frauen und Mädchen waren auch einige Baracken vorhanden mit mehreren Schlafgestellen für fünfzig Centavos. Diese Räume hatten zwei Türen, aber die Türen schlossen nicht und hingen so schief in den Angeln, daß man sie nicht einmal richtig zumachen konnte. Die Schlafgestelle der weiblichen Einzelgäste hatten aber Moskitonetze, unter denen sich die Mädchen verbergen und auskleiden konnten. Besonders die Mädchen einfacher Herkunft und die indianischen Mädchen besitzen eine erstaunliche Geschicklichkeit, sich unter diesen Netzen aus- und anzukleiden und darunter die Nacht so ungesehen zu verbringen, als wären sie innerhalb der gemauerten vier Wände eines Hauses. Meist waren es Küchenmädchen und Spülmädchen aus den Restaurants, die hier wohnten.

Die Männer hatten alle viel zu viel mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun, als daß sie sich um die Mädchen bekümmert hätten. Und die Mädchen schliefen in diesem Hotel, wo alles so offen und unabgeschlossen war, wie es sich nicht vorstellen läßt, sicherer als an manchen andern Plätzen, die unter dem Namen „Gutes Familienhotel“ laufen. Die zerlumpten männlichen Schlafgäste des Oso Negro würden den Mann totgeschlagen haben, der es gewagt haben würde, sich zu den Mädchen hineinzuschleichen und dort einen Unfug zu verüben.

Es waren Gäste in dem Hotel, die hier schon zwei, drei, ja sogar fünf Jahre wohnten. Da sie immer dasselbe Schlafgestell innehatten, dieselbe Ecke bewohnten, so wohnten sie eigentlich ebenso sauber wie in einem Privathause. Nur ihre Schlafgenossen wechselten natürlich meist jede Nacht. Aber es kam vor, daß sich genügend Dauergäste zusammenfanden, die einen ganzen Raum für sich füllten. Das Leben für die Männer war viel freier als in einem Privathause. Sie konnten kommen, wann sie wollten, ohne die Wirtin wütend zu machen, sie durften gehen, wann sie wollten, ohne daß sich jemand um sie bekümmerte, und wenn sie schwer geladen heimkamen, so kümmerte sich erst recht niemand um sie.

Schränke gab es nicht in den Räumen. Die Sachen hängte man an Nägeln auf, die in die Holzwände getrieben waren. Manche Gäste, die schon länger hier wohnten und in Arbeit standen, packten ihre Sonntagssachen in eine große Holzkiste, die sie mit einem Vorhängeschloß verschließen konnten. Andre machten einen Überhang aus Sackleinen, um ihre Sachen vor Staub zu schützen. Wieder andre zogen kreuz und quer dicke Schnur über ihre aufgehängten Sachen, so fest, daß sich eine einzelne Hose nur sehr schwer hervorstehlen ließ. Es wurde selten gestohlen; denn wenn jemand etwas im Arm trug, wurde er von dem Hausmeister mißtrauisch betrachtet, und wenn der Hausmeister gar die Hose kannte, daß sie einem andern gehörte, dann kam der Spitzbube schon gar nicht damit durch. Und die Hausmeister kannten die Jacken und Hosen ihrer Dauergäste recht gut. Der Hausmeister saß ziemlich eng in seinem Raum, denn der Raum war vollgepackt mit allen möglichen Gegenständen. Kleine Pakete, kleine Schachteln, ganz kleine Handtaschen und solche Sachen, die sich kaum lohnten, daß man ihretwegen den Drahtkäfig aufschloß, weil sie nur auf kurze Zeit hier abgegeben waren. Sie sollten in einer halben Stunde oder so abgeholt werden. Meist wurden sie auch in der verabredeten Zeit abgerufen, manchmal aber lagen sie auch Wochen hier und waren von dem Besitzer vergessen worden, der plötzlich abgereist war, vielleicht als Seemann bis an das entgegengesetzte Ende der Welt. Denn wenn ein Schiff grade rausfuhr und es fehlten Leute, so wurde der mitgenommen, der am schnellsten bereit war zu gehen und alles hinter sich im Stich ließ, gerade ging, wie er da stand.

Dann war in dem engen Raum noch ein hohes Regal mit Handtüchern, Seife und Seiflappen aus Bast für die Badegäste. Es gab nur Brausebäder. Jedes kostete fünfundzwanzig Centavos. Das Wasser war kalt und sehr knapp.

Dann stand da noch ein Regal für Briefe und allerlei Papiere. Es war alles verstaubt.

Endlich war da noch ein Geldschrank. Hier wurden die Wertsachen aufbewahrt, die von den Schlafgästen abgegeben wurden: Geld, Uhren, Ringe und Apparate, die Wert hatten. Unter solchen Apparaten waren Kompasse, Feldmeßinstrumente und ähnliche Sachen, die Geologen oder Gold- und Silbersucher brauchten. Denn auch Leute, die solche Apparate hatten, kamen oft tief herunter und landeten hier als Schlafgänger. Gewehre, Revolver, Angelgeräte hingen auch herum.

Vor sich auf der kleinen Ecke des Tisches, die noch frei geblieben war von Papieren, Paketen und Schachteln, lag das dicke Fremdenbuch. Hier wurde jeder Hotelgast eingeschrieben. Nur der Familienname und die Bettnummer sowie die bezahlte Summe. Wie der Gast sonst noch hieß, welche Nationalität er besaß, welchen Beruf, welches Ziel und woher er kam, das interessierte den Hotelbesitzer gar nicht. Noch weniger interessierte sich die Polizei dafür, die sich das Buch nie ansehen kam. Das Buch interessierte bestenfalls nur noch die Steuerbehörde, wenn der Hotelbesitzer nachweisen wollte, daß man seine Einnahmen zu hoch festgesetzt hatte. Nur da, wo viel überflüssige Beamte herumlaufen und vom Staate bezahlt werden, kümmert sich die Polizei um jeden Dreck und will bis auf die Farbe des einzelnen Haares einer Warze wissen, wer der Hotelgast ist, woher er kommt, was er hier tun will und wohin er zu gehen beabsichtigt. Die Beamten wüßten ja sonst nicht, womit sie sich beschäftigen sollten, und die Steuerzahler würden bald herausfinden, daß man sie nicht nötig hat.

Dobbs kam hinein zu dem Hausmeister, legte seinen Peso auf den Tisch und sagte: „Lobbs, für zwei Nächte.“

Der Hausmeister blätterte in dem Buche herum, bis er ein leeres Bett fand, schrieb „Jobbs“, weil er nicht richtig verstanden hatte und zu höflich war, noch einmal zu fragen, und fügte dann hinzu: „Raum sieben, Bett zwei.“

„Gut“, sagte Dobbs und ging seiner Wege. Er hätte sich gleich hinlegen dürfen, den Rest des Nachmittags, die ganze Nacht, den ganzen folgenden Tag, die darauffolgende Nacht und den ganzen nächsten Vormittag bis zwölf Uhr durchschlafen dürfen, wenn er gewollt hätte. Aber er hatte Hunger und mußte auf die Jagd gehen oder auf den Fischfang.

Die Fische bissen aber nicht so leicht an. Es gab ihm niemand etwas. Dann sah er vor sich einen Herrn im weißen Anzug gehen. Er holte ihn ein, murmelte etwas, und der Herr gab ihm fünfzig Centavos.

Mit diesen fünfzig Centavos ging Dobbs erst einmal zu einem Chinesen, um zu Mittag zu essen. Mittag war zwar längst vorbei. Aber es gibt immer Mittagessen beim Chinesen, und wenn es schon zu spät ist, daß man es noch Comida Corrida nennen könnte, dann nennt man dasselbe Essen eben einfach Cena, und das ist dann Abendessen, wenn es auch kaum vier Uhr von der Kathedrale geschlagen hat.

Dann ruhte sich Dobbs ein wenig auf der Bank aus, und endlich dachte er an Kaffee. Er pirschte wieder eine Weile vergebens, bis er einen Herrn im weißen Anzug sah. Und der Herr gab ihm fünfzig Centavos. Ein Silberstück.

„Ich habe Glück mit Herren im weißen Anzug heute“, sagte Dobbs und ging zu dem runden Kaffeestand an der Seite der Plaza de la Libertad, die dem Zoll- und Passagierhafen am nächsten lag.

Er setzte sich auf den hohen Barstuhl und bestellte ein Glas Kaffee mit zwei Hörnchen. Das Glas wurde zu drei Viertel mit heißer Milch gefüllt und dann schwarzer heißer Kaffee draufgegossen, bis das Glas bis an den Rand gefüllt war. Dann wurde ihm die Zuckerdose hingestellt, die zwei schönen braunen Kreuzhörnchen und ein Glas Eiswasser.

„Warum habt ihr Banditen denn den Kaffee schon wieder um fünf Centavos erhöht?“ fragte Dobbs, dabei verrührte er den Berg Zucker, den er sich in das Glas geschüttet hatte.

„Die Unkosten sind zu hoch“, sagte der Kellner, während er sich mit einem Zahnstocher im Munde herumfuhrwerkte und sich dann gelangweilt gegen die Bar lehnte.

Dobbs hatte die Frage nur gestellt, um etwas zu sagen. Für ihn und seinesgleichen machte es zwar sehr viel aus, ob der Kaffee fünfzehn oder zwanzig Centavos kostete. Aber er regte sich über die Preiserhöhung nicht auf. Wenn er fünfzehn Centavos aufbringen konnte, dann konnte er auch zwanzig aufbringen, und wenn er keine zwanzig machen konnte, dann fehlten ihm auch die fünfzehn. Im Grunde genommen war es also ganz gleich.

„Ich kaufe keine Lose, verflucht noch mal, laß mich endlich zufrieden“, rief er dem Indianerjungen zu, der ihm schon seit fünf Minuten die langen dünnen Fahnen der Lotterielose vor der Nase herumschwenkte.

Aber der Junge ließ sich so leicht nicht abweisen.

„Ist die Lotterie des Staates Michoacan. Sechzigtausend Pesos der Hauptgewinn.“

„Mach’ endlich, daß du fortkommst, du Räuber, ich kaufe kein Los.“

Dobbs tauchte sein Hörnchen in den Kaffee und schob es in den Mund.

„Das ganze Los ist nur zehn Pesos.“

„Hundesohn, ich habe keine zehn Pesos.“ Dobbs wollte einen Schluck Kaffee trinken, aber das Glas war zu heiß, er konnte es nicht anfassen.

„Dann nehmen Sie doch nur ein Viertel, das ist zwei Pesos fünfzig.“

Dobbs hatte sehr geschickt das Glas an den Mund gebracht. Aber als er jetzt gerade trinken wollte, verbrannte er sich die Lippen, so daß er das Glas rasch wieder hinsetzen mußte, weil es ihm durch das lange Halten auch in den Fingern zu heiß geworden war.

„Wenn du jetzt nicht sofort machst, daß du mit deinen gestohlenen Losen zum Teufel gehst, dann gieße ich dir das Wasser ins Gesicht.“

Dobbs sagte es diesmal wütend. Nicht aus Wut über den geschäftstüchtigen Jungen als vielmehr aus Wut, daß er sich die Zungenspitze verbrüht hatte. An seiner Zunge konnte er seine Wut nicht auslassen, auch nicht an dem Kaffee, den zu vergießen er sich wohl hütete. Darum ließ er seine Wut an dem Jungen aus.

Der Junge machte sich nicht viel daraus. Er war solche Wutausbrüche gewöhnt. Auch war er ein guter Kaufmann, der seine Leute kannte. Wer hier um diese Zeit Kaffee trinken und zwei Hörnchen dazu essen konnte, der war auch imstande, ein Lotterielos zum Besten des Staates Michoacan zu kaufen.

„Dann nehmen Sie doch nur ein Zehntel, Senjor. Kostet nur einen Peso.“

Dobbs nahm das Glas mit dem Eiswasser auf und schielte dabei zu dem Jungen hin. Der Junge sah es, ging aber nicht vom Fleck.

Dobbs trank einen Schluck von dem Wasser. Der Junge schwenkte ihm dabei seine Fahnen mit den Losen vor der Nase herum. Mit einem Schwupp hatte ihm Dobbs das Wasser ins Gesicht geschüttet, und die Lose trieften vom Wasser.

Der Junge war aber nicht wütend darüber. Er lachte nur, schüttelte das Wasser aus den Losen und strich sich mit dem halben Handrücken das Wasser von seinem zerlumpten Hemd herunter. Diesen Wasserguß betrachtete er mehr als einen Ausdruck freundschaftlicher Geschäftsanbahnung denn als ein Zeichen unversöhnlicher Feindschaft. In seinem kleinen Kopf hatte sich einmal die Meinung festgesetzt, daß derjenige, der ein Glas Milchkaffee trinken und zwei Hörnchen dazu essen könne, auch ein Los kaufen müsse, um durch einen Lotteriegewinn diese Ausgabe wieder hereinzubekommen.

Das größte Glas Kaffee geht einmal mit seinem Inhalt zu Ende. Dobbs drückte den letzten Tropfen heraus, der nur herauszuholen war, ohne das Glas zerbrechen zu müssen. Endlich war auch die letzte Krume der schönen Hörnchen aufgepickt, und Dobbs gab seinen Fünfziger hin, um zu zahlen. Er bekam zwanzig Centavos heraus, in einem kleinen Silberstück. Darauf schien der Junge nur gewartet zu haben.

„Kaufen Sie doch ein Zwanzigstel von der Monterreylotterie, Senjor. Kostet nur zwanzig Centavos. Hauptgewinn zwanzigtausend Pesos. Da nehmen Sie das. Das ist eine gute Nummer.“

Dobbs wiegte das Silbermünzchen in der Hand. Was sollte er damit machen? Zigaretten kaufen. Er hatte gerade jetzt nach dem Kaffee keinen Geschmack auf Zigaretten. Lotterielos war weggeworfen. Immerhin, weg ist weg. Und man konnte ein paar Tage hoffen. Es dauerte ja nicht viele Monate, sondern immer nur ein paar Tage, bis die Ziehung war.

„Na, gib her dein Los, du Hundesohn. Nur damit ich dich endlich nicht mehr mit deinen Losen sehe.“

Eilfertig riß der kleine Kaufmann das Zwanzigstel von der langen Fahne herunter. Es war ganz hauchdünnes Papier. So dünn, daß der Druck auf der rückwärtigen Seite ebenso stark war wie auf der Vorderseite.

„Das ist eine sehr gute Nummer, Senjor.“

„Warum spielst du sie denn da nicht selbst?“

„Ich habe nicht das Geld dazu. Da ist das Los. Vielen, vielen Dank, Senjor. Beehren Sie mich beim nächsten Mal.“

Dobbs schob sein Los ein, ohne sich die Nummer anzusehen. Dann ging er baden. Das war ein weiter Weg. Raus, weit hinter dem Cementerio. Dann den Berg hinunter zum Fluß. Ehe man herankam, mußte man über Kanäle und Pfützen springen und durch sumpfige Stellen waten.