Chapter 14 of 20 · 3984 words · ~20 min read

Part 14

Da waren aber auch die marodierenden Horden, mit denen man sich herumzubalgen hatte und gegen die sie die Fracht auf Blut und Leben zu verteidigen hatte. Was scherten sich die Horden um Blut und Leben? Die kämpften bis auf den letzten Tropfen, denn es gab immer nur zu gewinnen, und auf das Leben, das sie dagegen einsetzten, pfiffen sie, weil darüber ja sowieso schon lange in einem Gerichtsurteil, oft in mehreren, endgültig verfügt war.

Es fiel auch ein Tier mit seiner Ladung in die Schlucht, und die Ladung mußte geborgen werden, oder ein Tier sank mit seinem Reichtum in einen Sumpf oder verschwand beim Überschreiten eines Flusses. Es war noch sehr in Frage zu stellen, ob es leichter war, die Schätze aus der Mine zu holen, oder ob es leichter war, die Schätze sicher nach Mexiko zu bringen, ohne daß das Leben der Donja Maria auf der Strecke blieb.

Sie durchlebte auf der Reise eine wahrhaft beklagenswerte Zeit, und wenn sie an die harte Zeit der vielen Jahre bei der Mine zurückdachte, so war jene Zeit nicht weniger beklagenswert gewesen. Nie war sie ihres Lebens froh gewesen, seit sie im Besitze der Mine war. Und sie wußte sich nicht einer einzigen Stunde zu erinnern, wo sie sich ihres Lebens oder ihres Schatzes vollkommen sicher gefühlt hatte. In Wahrheit, wenn sie an alles dachte und sich aller Tage erinnerte, so hatte sie das erbärmlichste Leben geführt, das sich nur denken läßt, ein Leben, viel erbärmlicher als das eines Tieres. Immer in Furcht, immer in Sorgen. Schwere Träume störten ihren Schlaf, und sie fand nie eine Erholung aus den qualvollen Gedanken, die sie hetzten und jagten während des Tages. In all dem Jammer ihres traurigen Daseins hatte sie nur ein, nur ein einziges leuchtendes und strahlendes Bild: jenen Augenblick, wenn sie ihren Schatz abgeliefert hatte in dem Sicherheitshause der königlichen Regierung in Mexiko.

Dieser Augenblick, den zu erleben sie ein so erbarmungswürdiges Dasein während der letzten Jahre geführt hatte, kam. Sie erreichte die Stadt Mexiko, ohne daß sie auch nur einen Barren ihres kostbaren Gutes verloren hätte. Sie wurde vom Vizekönig persönlich empfangen, und es wurde ihr die hohe Ehre zuteil, daß der Vizekönig sich mit ihr in Privataudienz lange unterhielt. Ihre Freude und ihre Dankbarkeit gegen den hohen Herrn kannte kaum noch irgendwelche Grenzen, als er ihr versprach, daß er den Schatz, den sie in so harter entsagungsreicher Arbeit erworben habe, in den Gewölben aufbewahren wolle, die sonst nur der Verwahrung des königlichen Schatzes und der Staatsgelder dienen.

Das war viel mehr, als Donja Maria je erhofft hatte. Nirgends in ganz Neu-Spanien, nicht einmal in den Katakomben der Kathedrale oder in einem Kloster war ihr Schatz so gut verwahrt und so sicher aufgehoben wie in den festen Gewölben der Regierung und unter der persönlichen Verantwortung und Bürgschaft des Vizekönigs, der höchsten Macht im Lande. Hier endlich lag ihr Schatz sicher und wohlverwahrt, bis sie ihn unter militärischer Bedeckung zum Schiff transportieren und dann mit sich nach dem Lande ihrer Sehnsucht nehmen konnte. Sie versprach dem Vizekönig für seine gnädige Fürsorge, die er ihr angedeihen ließ, einen Anteil an ihrem Schatze, der hoch genug war, daß selbst ein Vizekönig in Neu-Spanien ihn einen fürstlichen Anteil nennen konnte.

Dann zahlte sie ihren Leuten die Löhne und entließ sie. Hierauf suchte sie ihren Gasthof auf, den besten, den die Stadt hatte.

Und nun endlich, nach so vielen Jahren, konnte sie sich ruhig zum Schlafe niederlegen. Zum ersten Male seit Jahren konnte sie ruhig aufatmen, ruhig und bedachtsam und ungestört essen. Endlich durfte sie auch einmal andre und schönere Gedanken haben, als sie in allen den Jahren in ihrem Hirn herumzuwälzen gehabt hatte.

Aber dann geschah etwas, was sie nicht erwartet hatte, obgleich es keineswegs merkwürdig, sondern ganz natürlich war. Der Schatz verschwand nicht und wurde auch nicht aus den Gewölben bei Nacht und Nebel gestohlen. Aber etwas andres verschwand. Donja Maria hatte sich in dem Gasthofe zum Schlafe niedergelegt, wohlgeborgen in einem weichen, herrlichen Bett. Aber niemand hatte sie wieder aufstehen sehen. Niemand hat je wieder etwas von Donja Maria gesehen. Niemand hat je wieder etwas von ihr gehört. Sie war verschwunden, und kein Mensch konnte angeben, wo sie geblieben war.

Das ist eben sehr einfach,“ so schloß Howard seine Erzählung, „die Donja Maria hatte nur eins vergessen, daß Gold auch manchmal unsichtbar macht. Ich wollte euch die Geschichte ja auch nur erzählen, um euch zu zeigen, daß der Transport ebensogut seine Schwierigkeiten hat wie das Suchen und das Graben. Und selbst wenn man alles so schön in Sicherheit zu haben glaubt, so ist das dann noch nicht entschieden, ob man sich davon auch nur eine Tasse Kaffee wird kaufen können. Das alles ist ja der Grund, warum Gold so teuer ist.“

„Gibt es denn da keine Möglichkeit,“ sagte Curtin, „daß man vielleicht herausfinden kann, wo die Mine war? Die Frau hat doch nicht alles ausgebeutet, die hat doch genug zurückgelassen.“

„Die Mine kannst du sehr leicht finden,“ erwiderte Howard, „aber du kommst zu spät. Die wird von einer großen Minengesellschaft ausgebeutet, und sie hat der Gesellschaft schon zehnmal mehr eingebracht, als sie der verschwundenen Senjora gebracht hatte. Die Mine scheint in der Tat unerschöpflich zu sein. Kannst sie ganz leicht finden, sie heißt ‚Donja-Maria-Mine‘, und sie liegt in der Nähe von Huacal. Kannst arbeiten da im Wochenlohn, wenn es dir Vergnügen macht.“

Die Männer saßen noch eine Weile um das langsam verglimmende Feuer, und dann begannen sie aufzustehen. Sie reckten sich, traten mit den Füßen auf den Boden und wollten hinüber zum Zelt gehen.

„Die Geschichte ist schon mehr als hundert Jahre alt“, sagte da Lacaud.

„Das hat ja niemand bestritten“, sagte Dobbs.

„Ich weiß aber eine Geschichte, die nur zwei Jahre alt ist und die ebensogut ist oder noch besser.“

„Ach, halt’s Maul,“ sagte Dobbs gähnend, „wir wollen deine Geschichte nicht hören, auch wenn sie nur eine Woche alt sein sollte. Deine Geschichte kennen wir schon, die interessiert uns ebensowenig wie du. Und wenn du gar nichts sagst, so ist uns das schon am liebsten. Du bist ja ein Ewiger.“

„Ein was?“ fragte Lacaud.

„Ein Nischt“, sagte Dobbs und trottete hinter den beiden, die vorausgegangen waren, nun auch zum Zelt hinüber.

Am folgenden Morgen, dem vorletzten, den sie hier zu verbringen gedachten, waren die drei so aufgeregt, daß sie sich kaum Ruhe nahmen, zu frühstücken. Sie krochen in ihre geheimen Verstecke, und jeder brachte sein Häuflein Arbeitsgut hervor. Es waren Körnchen, Sand und Staub, sorgfältig eingedreht in altes Zeltleinen und mit einem Bindfaden verschnürt. Jeder besaß ein ganz ansehnliches Häufchen solcher Säckchen. Die Aufgabe war nun, diese Säckchen gut und unauffällig zu verpacken. Sie kamen in getrocknete Wildhäute, und so wurden nun festverschnürte Packen gemacht, die durchaus den Anschein erweckten, als seien sie Packen, die nur aus trockenen Fellen bestanden. Diese Packen kamen hierauf in Säcke, und die Ladung war fertig.

Dobbs und Curtin gingen dann auf die Jagd, um noch ein Stück Wild zu bekommen für die Reise. Howard zimmerte Tragsättel für die Esel und überholte das Riemen- und Leinengut, damit sie auf der Reise nicht durch Brüche der Verpackungen aufgehalten würden. Lacaud war wieder seine eigenen Wege gegangen und stöberte in dem Gebüsch in der Nähe der Weidefläche herum. Aber er sagte nicht, was er suche, und von den dreien fragte ihn niemand. Sie betrachteten sein Gebaren weder mit dem Ausdruck von Mitleid noch mit dem von Spott. Mitleid war ihnen fremd, und um ihn zu verhöhnen, dazu fühlten sie sich nicht interessiert genug. Es war ihnen nunmehr ganz gleichgültig, was der Mann tat, solange er ihnen keine Unbequemlichkeiten bereitete. Selbst wenn er einen Berg aus gediegenem Golde gefunden haben würde, sie wären noch sehr im Zweifel gewesen, ob sie ihren Plan, am folgenden Morgen abzureisen, auch nur um einen Tag verschoben hätten. Sie hatten sich in die sofortige Abreise so sehr verbissen, daß nichts sie hätte aufhalten können. Sie waren mit einem Male der Einsamkeit, der Schufterei und der harten Lebensweise so überdrüssig geworden, daß sie nichts nennen konnten, was sie bewogen haben könnte, auch nur einen Tag länger hierzubleiben. Ihre Stimmung war so, daß sie Lacaud halbtot geprügelt haben würden, wenn er auch nur den Versuch gemacht haben würde, sie zu überreden, noch eine Woche hier zu verweilen, weil er einer großen Sache auf der Spur sei. Als Howard so nebenbei hinwarf, daß Lacaud genau zu wissen scheine, was er wolle, denn er handle nicht ganz so träumerisch wie ein Ewiger, da sagte Curtin: „Mich kann nichts verführen. Er könnte mir ein Stück bringen so groß wie meine Faust. Ich will es gar nicht haben.“

„Haben? Warum nicht?“ sagte Dobbs. „Haben schon. Aber wie fortkriegen? Wir können das, was wir haben, ja schon kaum heimkriegen. Ich will nichts mehr, oder er müßte es mir schon nach Durange bringen. Also nun ruhig davon.“

Diesen Abend saßen sie ziemlich schweigsam am Feuer. Jeder war mit seinen Gedanken und Plänen viel zu sehr beschäftigt, als daß er etwas erzählt hätte, oder als daß er einem andern in Ruhe hätte zuhören können. Es war noch dunkel, als sie das Zelt abbrachen und sich auf den Weg machten.

„Du bleibst wohl noch hier?“ fragte Curtin den Lacaud.

„Ja, ich habe hier noch zu tun“, sagte der.

„Dann viel Glück, Junge. Vielleicht haben wir später einmal Zeit, deine schöne Geschichte zu hören“, meinte Dobbs lachend. „Dann kannst du vielleicht auch Beweise bringen.“

Lacaud schob die Hände in die Taschen und antwortete: „Beweise? Beweise, sagst du? Die kann ich jetzt schon bringen. Aber ihr habt ja keine Zeit.“

„Die haben wir auch nicht“, sagte Dobbs. „Darum müssen wir jetzt gehen. Wir haben es eilig, ins Trockne zu kommen.“

Howard gab Lacaud die Hand und sagte: „Ich habe dir da Salz, Pfeffer und noch einige andre Kleinigkeiten zurückgelassen, die uns nur im Wege sind. Kannst du vielleicht brauchen. Da liegt auch noch ein Stück Zelttuch. Magst du auch haben, ist gut für den Regen in der Nacht.“

„Danke“, erwiderte Lacaud.

Auch Dobbs und Curtin schüttelten Lacaud die Hand. Dobbs gab ihm Tabak, und Curtin gab ihm eine Handvoll Patronen. Jetzt, als sie schieden, wurden sie mit einemmal Freunde. Curtin hatte es bereits auf der Zunge, ihn einzuladen, mit ihnen zurückzugehen, weil es ja hier für ihn fürchterlich sein müsse, allein in dem Dickicht zu hocken, und wo gar keine Hoffnung sei, etwas zu finden, weil sie lange genug hier gewesen seien und jedes Steinchen umgewendet hätten und sie genau wüßten, was und was nicht hier zu finden sei. Aber er sagte es nicht und sagte nur: „Good bye.“

Howard hatte ein ähnliches Verlangen. Er wollte ihn ersuchen, mitzukommen, und er gedachte, ihm eine Anstellung in seinem Kino zu geben, als Vorführungsoperateur oder als Hausverwalter. Aber auch er sprach das nicht aus, gab ihm nur die Hand und sagte nur: „Good luck.“

Und Dobbs dachte, daß ein Mann mehr auf der Reise nicht schaden könne, es sei ein Schutz mehr gegen Banditen, und wenn man die Ladung auf vier Mann verteile, sehe sie nicht so auffällig aus, aber er schüttelte ihm die Hand nur kräftig und sagte freundlich: „So long.“

Lacaud hatte jedem ebenfalls ein kurzes Wort zum Abschied gesagt, dann stand er eine Weile und sah den Leuten nach. Als er sie nicht mehr sehen konnte, drehte er sich zum Feuer, stieß mit der Stiefelspitze darin herum und sagte laut: „Schade.“

17

Die Reisenden hatten mit ihrem Packzuge einen weiten Umweg zu gehen, um zu vermeiden, das Dorf, wo Curtin die Einkäufe zu machen pflegte, nicht zu berühren und nicht von den Bewohnern gesehen zu werden. Sie wollten die Leute des Dorfes in dem Glauben lassen, daß Curtin noch immer dort oben sei. Als sie weit aus dem Bereiche des Dorfes waren, blieben sie auch nicht auf den Wegen, sondern wanderten Pfade, wo sie sicher waren, selten jemand zu begegnen. Je weiter sie aus dem Distrikt sich entfernten, desto mehr durften sie hoffen, ungesehen die Stadt zu erreichen. Waren sie erst einmal in der Stadt, dann waren sie und ihr Gut in Sicherheit. Da gingen sie in ein Hotel, packten alles schön um und setzten sich mit unauffälligen Koffern in die Bahn.

Sie hatten jetzt kaum noch bares Geld in der Tasche, einige Pesos, und die sollten reichen bis zur Stadt. Dort konnten die Esel und was man sonst nicht brauchte, verkauft werden, und das gab dann das Fahrgeld. Aber die Stadt mußte erst geschafft werden. Und das erforderte seine Zeit. Die Entfernung war nicht so erheblich. Aber die Wege wollten sie nicht gehen, weil sie dort leichter Banditen oder Landpolizei treffen konnten als auf den versteckten Pfaden. Je weniger Leuten sie begegneten, um so lieber war es ihnen.

Nun liefen die Pfade nicht alle so, wie sie es gewünscht hätten. Alle Pfade führen entweder zu einem Dorf oder zu einer menschlichen Behausung. Da stießen sie zuweilen ganz plötzlich auf ein Dorf, wenn sie es weder erwartet noch gewollt hatten. Und waren sie erst einmal in Sicht eines Dorfes, so konnten sie nicht gut umkehren. Das hätte sie verdächtig gemacht.

So kamen sie am zweiten Tage in ein Indianerdorf. Es hatte sich nicht vermeiden lassen. Sehr ungewöhnlich ist es nicht, daß eine Eselkarawane durch einen Ort zieht. Daß nur weiße Männer diese Karawane führen, ist zwar selten, aber es machte sich niemand Gedanken darüber, weil die Weißen ja manchmal recht merkwürdige Ideen haben.

Als sie nun mitten im Ort waren, sahen sie vor einer Hütte vier Mexikaner stehen. Drei von ihnen hatten einen Patronengürtel umgeschnallt und hinten auf der Hüfte den Revolver.

„Das ist Polizei“, sagte Dobbs zu Howard. „Jetzt sitzen wir drin.“

„Scheint wahrhaftig Polizei zu sein“, erwiderte der Alte.

Dobbs hielt die Esel an, aber Howard stieß ihn an und sagte: „Nur keine Dummheiten jetzt. Wenn wir so plötzlich anhalten oder gar umkehren, dann sind wir fertig. Dann merken die gleich, daß hier etwas nicht stimmt. Nur ganz ruhig darauflos, als ob wir ein klares Gewissen hätten. Das haben wir ja auch. Es ist nur wegen der Taxe und der nicht eingeholten Lizenz.“

„Kann uns aber den ganzen Bettel kosten.“ Dobbs fluchte.

Inzwischen kam auch Curtin näher.

„Was will denn der Mann mit der Brille?“ fragte er und deutete mit dem Kopf hinüber zu dem Manne, der nicht bewaffnet war, und der am Eingang zu der Hütte stand und offenbar mit den Bewohnern redete.

„Ist wahrscheinlich ein Regierungskommissar“, sagte Dobbs. „Weiß der Henker, was hier los ist. Laß uns ganz ruhig weitergehen.“

Die Mexikaner hatten die Ankommenden nicht bemerkt. Erst als sie den Platz erreichten, wo die Hütte stand, drehte sich einer der Polizeileute nach ihnen um. Dann schien er den andern etwas zu sagen, und darauf drehten sich alle um und sahen den Reisenden nach, die gemächlich weitergingen. Als sie schon den Platz beinahe überschritten hatten, rief mit einem Male einer der Männer ihnen nach: „Hola, Senjores, un momento!“

„Nun sitzen wir fest“, sagte Dobbs halblaut.

„Ich gehe rüber, allein,“ schlug Howard vor, „ihr bleibt hier bei den Eseln. Ich will hören, was die wollen.“

Howard ging hinüber. Als er vor den Männern stand, sagte er: „Guten Tag, womit können wir dienen?“

„Kommen Sie von den Bergen runter?“ fragte einer der Beamten.

„Ja, wir haben gejagt.“

„Sind Sie alle geimpft?“ fragte der Mann nun.

„Ob wir was? Ob wir geimpft sind?“ Howard sprach es mit leichten Worten, denn er hatte sofort erkannt, was die Männer hier wollten.

„Freilich, wir sind alle geimpft. Schon als ganz kleine Kinder. Das ist bei uns gesetzlich. Ich bin sicher schon zehnmal geimpft worden in meinem Leben.“

„Wann das letztemal?“

„Vor zwei Jahren.“

„Haben Sie das Certificado bei sich?“

Howard lachte: „Das trage ich doch nicht immer in der Tasche.“

„Natürlich nicht“, sagte nun der Mann. „Aber dann muß ich Sie jetzt hier impfen. Wir sind die Impfkommission, und wir müssen jeden impfen, den wir hier in den Dörfern treffen.“

Der Mann mit der Brille ging in die Hütte und kam mit seinem Kasten hervor. Er öffnete ihn, Howard entblößte den Oberarm, und der Mann kratzte ihm mit der Nadel ins Fleisch. „Mit Ihnen haben wir es leichter als mit den Leuten hier“, sagte er lachend. „Hier die Leute müssen wir auflauern, die rennen in die Berge und in das Dickicht, weil sie glauben, wir wollen ihnen den Kopf abschneiden.“

„Ja,“ meinte einer der Polizeimänner, während er ein Buch herausnahm, „hier die gesamte Einwohnerschaft zu impfen, kostet uns mehr Mühe, als wenn wir eine Horde Banditen einfangen sollen. Aber die Seuche nimmt überhand, wenn wir nicht alles hier zum Impfen herankriegen. Die Kinder, das ist das Schlimmste. Die Frauen machen ein Geschrei, als ob wir die Kinder ermorden wollten, und kämpfen wie Wahnsinnige mit uns, wenn wir die Nadel ansetzen wollen. Da, sehen Sie mein Gesicht, ganz zerkratzt von den Weibern, und hier mein Kollege hat eine schwere Beule am Kopfe, wo ihn die Weiber mit einem Stein getroffen haben. Wir sind schon vier Tage hier. Alle haben sich verkrochen, und wir müssen sie aushungern, bis sie wieder hereinkommen. Nach und nach kommen sie ja, weil sie gesehen haben, daß die Kinder, die wir schon geimpft haben, noch immer am Leben sind. Aber wie sollen wir es ihnen denn klarmachen, daß wir nur zum Besten der Leute und ihrer Kinder hier arbeiten.“

Während der Zeit hatte er in dem Buche herumgeblättert und kam zu den leeren Blättern.

„Schreiben Sie hier auf beide Seiten Ihren Namen hin“, sagte der Beamte.

Howard schrieb und gab das Buch zurück.

„Ihr Alter?“

Der Beamte schrieb es ein, unterschrieb das Blatt, riß die eine Hälfte des Blattes an der perforierten Linie aus und gab sie Howard.

„Hier haben Sie Ihr Certificado, diesen andern Abschnitt behalten wir in unserm Buch. Schicken Sie Ihre beiden Kameraden auch herüber. Es wird ihnen nichts schaden, auch wenn sie schon zehnmal geimpft sind.“

„Was habe ich denn nun zu bezahlen?“ fragte der Alte. „Wir sind sehr knapp mit Geld.“

„Da haben Sie nichts zu bezahlen. Das kostet nichts. Bezahlt die Regierung.“

„Das wäre ja dann recht billig“, sagte Howard lachend und schob den Ärmel herunter.

„Wir wissen ja,“ sagte nun einer der andern Beamten, „daß Sie alle geimpft sind, oder wir nehmen es wenigstens an. Aber wir tun es hier mit Vorliebe, daß wir Sie impfen. Wir sind recht dankbar, daß Sie gerade hier zur rechten Zeit vorbeikommen. Die Einwohner hier, die sehen von ihren Verstecken aus ja jede Bewegung, die wir machen. Darum haben wir uns auch gerade diese Hütte ausgesucht, die steht am freiesten. Wenn die Leute nun sehen, daß wir keinen Unterschied machen zwischen Indianern und Weißen, und daß Sie hier Ihren Arm hinhalten, als ob Sie das jeden Tag täten, so bekommen die Leute Vertrauen und sehen, daß es nicht das Leben kostet.“

Howard ging hinüber und schickte Dobbs und Curtin zum Impfen.

„Ich wüßte nicht, was ich lieber täte,“ sagte Curtin lachend, „jeden Augenblick dachte ich, sie werden kommen und dumme Fragen machen.“

„Wenn es dir Vergnügen macht,“ sagte Howard, „dann kannst du denen erzählen, was du in den letzten Monaten getan hast. Die haben kein Interesse für deine Familienangelegenheiten. Die sind die Impfkommission, und alles, was nicht mit Impfen zu tun hat, läßt sie kalt. Die impfen einen verfolgten Banditen, der gerade vorüberkommt, und lassen ihn laufen. Es gehört nicht zu ihrem Geschäft, Banditen einzufangen.“

„Na, na,“ unterbrach Dobbs, „besser, du hältst das Maul, wir lassen uns impfen, und dann sofort weiter.“

„Habe ich denn gesagt, daß wir uns hier niederlassen sollen?“

„Aber du redest gerade so, als ob wir denen um den Hals fallen sollten“, sagte Dobbs und trottete hinüber zu der Hütte.

Howard schüttelte den Kopf mit einer bedauernden Gebärde und wandte sich an Curtin: „Dieser Dobbs ist ohne Humor, was ich immer sage. Ich falle doch lieber einer Impfkommission um den Hals als einer Polizeitruppe, die Minen kontrollieren geht, in die Hände. Nun laufe nur rüber, Curtin, und lasse dir dein Papier geben, daß wir weiterkommen.“

Am Abend lagerten sie in der Nähe des Örtchens Amapuli. Sie hatten dort bleiben müssen, weil man ihnen gesagt hatte, daß sie bis zur nächsten Wasserstelle vor Einbruch der Nacht nicht kommen könnten.

Während sie noch ihr Abendessen bereiteten, kamen vier Indianer des Dorfes zu ihrem Lager. Sie grüßten und fragten sehr höflich, ob sie sich niedersetzen dürften.

„Como no?“ sagte Howard. „Warum nicht, Sie stören uns in keiner Weise.“

Die vier Indianer saßen eine Weile und sahen zu, wie die Fremden ihr Fleisch rösteten und ihren Reis kochten.

„Sie kommen gewiß von weit her,“ sagte endlich einer der Indianer, „und Sie wollen gewiß noch weit reisen? Sie sind wohl sicher sehr kluge Männer.“

Curtin sagte: „Wir können Bücher lesen, und wir können Briefe schreiben, und wir können mit Zahlen rechnen.“

„Mit Zahlen?“ fragte einer. „Zahlen? Das kennen wir nicht.“

„Zehn ist eine Zahl,“ erklärte Curtin, „und fünf ist eine Zahl.“

„Oh,“ meinte nun einer der Besucher, „das ist nur halb. Zehn ist nichts, und fünf ist nichts. Sie meinen zehn Finger oder fünf Bohnen oder drei Hühner, nicht wahr?“

„So ist es“, mischte sich Howard ein.

Die Indianer lachten, weil sie es verstanden hatten, und einer sagte: „Zehn kann man nicht sagen. Man muß immer sagen, was zehn? Zehn Vögel oder zehn Bäume oder zehn Männer. Wenn man zehn oder drei oder fünf sagt, ohne daß man auch sagt, was man meint, so ist das ein Loch, und das ist leer.“

Dann lachten sie wieder. Nach einem längeren Schweigen sagte dann einer: „Mein Sohn ist ins Wasser gefallen. Wir haben ihn gleich wieder gefischt. Aber ich glaube nicht, daß er tot ist. Er wacht aber nicht auf. Sie haben gewiß Bücher gelesen und wissen, was man tun kann.“

Howard fragte: „Wann ist Ihr Sohn ins Wasser gefallen? Gestern?“

„Nein, heute nachmittag. Aber er wacht nicht auf.“

„Ich werde mit Ihnen gehen und mir Ihren Sohn ansehen“, sagte Howard. „Ich werde sehen, ob er tot ist.“

Die Männer standen auf, und Howard ging mit ihnen. Sie kamen in ein Haus, das aus getrockneten Lehmziegeln gebaut war. Auf einem Tische lag eine Matte, und auf der Matte lag der Verunglückte.

Howard sah ihn sehr sorgfältig an, hob die Augendeckel, legte sein Ohr auf die Brust, fühlte die Hände und Füße ab und sagte: „Ich will einmal versuchen, ob er zu sich kommt.“

Er machte eine Viertelstunde lang Atembewegungen, dann ließ er dem Jungen heiße Umschläge auf den Leib legen, rieb die Füße und Hände, und als er sein Ohr wieder auf die Brust legte, fand er, daß das Herz zu schlagen begann. Nach einer Stunde begann der Junge selbst zu atmen, und wenige Minuten darauf öffnete er die Augen.

Die Männer und Frauen, die in der Hütte standen, hatten der Tätigkeit des Fremden zugesehen, ohne einen Laut zu äußern. Die beiden Frauen, die sich mit dem Erwärmen der Umschläge befaßten, verständigten sich nur durch Gesten oder durch ein leise geflüstertes Wort. Selbst jetzt, als der Junge völlig erwacht war, trauten sich die Leute nicht zu sprechen.

Howard nahm seinen Hut, setzte ihn auf und ging zur Tür. Niemand hielt ihn zurück, und niemand sagte etwas. Nur der Vater kam ihm nach, gab ihm die Hand und sagte: „Vielen Dank, Senjor.“ Dann ging er wieder zurück in sein Haus.

Es war nun finster geworden, und Howard hatte Mühe, das Lager zu finden. Aber der Lichtschein des Feuers zeigte ihm endlich den Weg.

„Was hast du denn ausgerichtet?“ fragte Dobbs.

„Kleinigkeit“, sagte Howard. „Künstliche Atmung, und da kam er schon. Hatte nur gerade einen Schock. Wäre sicher nach ein paar Stunden selbst hochgekommen ohne Hilfe. Hat gerade ein Maulvoll Wasser abbekommen. Habt ihr mir noch etwas übriggelassen vom Fleisch?“

Vor Sonnenaufgang waren sie schon wieder auf dem Marsche. Sie wollten recht bald Tomini erreichen und versuchen, dort das Hochgebirge zu kreuzen.

Als sie ihre Mittagsrast beendet hatten, die Esel aufgepackt waren und sie eben begannen, die Tiere auf den Weg zu bringen, sagte Curtin: „Was ist denn da los? Sieht ja aus, als ob wir jemand auf den Hacken haben.“