Chapter 12 of 20 · 3958 words · ~20 min read

Part 12

„Ja, einer, der ewig sucht und sucht, ein Dutzend märchenhafte Geschichten von verschütteten und verlorengegangenen Goldminen weiß, ein Dutzend Pläne und Zeichnungen in der Tasche oder im Kopfe hat, die ihm den sicheren Weg zu einer verschollenen Mine zeigen, ein Dutzend alberne Schwätzereien von Indianern und Mestizen in seinem Hirn herumwälzt über Plätze, wo Gold oder Diamanten zu finden seien. Er sucht und sucht, je unwegsamer und wilder das Gebirge, je größer die Gefahren, desto mehr ist er überzeugt, daß er dicht an den armdicken Adern sitzt. Aber er findet nie eine Linse Gold, obgleich er bestimmt weiß, daß er unmittelbar davorsteht und morgen die Ader klopft. Es ist auch ein Verrücktsein, das genau so gefährlich für seine Mitmenschen werden kann, wie jedes andre Verrücktsein. Und die Besessenen sind mehr zu bemitleiden als andre Wahnsinnige, weil sie immer wandern, ruhelos und ziellos. Bald sterben sie beinahe an Hunger, bald an Durst; bald haben sie ihr Leben gegen Berglöwen, gegen Klapperschlangen und sonstiges giftiges Tier- und Kriechzeug zu verteidigen, bald gegen mißtrauische Indianer; dann wieder stürzen sie wo ab, brechen sich die Knochen und liegen da, bis sie von einem Indianer oder Banditen gefunden werden, der sich die Mühe macht, sie wieder aufzupäppeln. Aber kuriert können sie nicht werden. Sie wissen immer, daß sie morgen die Mine bestimmt finden werden.“

„Den Eindruck macht er aber auf mich nicht“, sagte Dobbs. „Da ist noch etwas andres hinter ihm versteckt.“

„Möglich“, gab Howard zu. „Ich habe jetzt keine Lust, darüber nachzudenken. Meinetwegen mag er sein, was er will. Ich weiß nur noch nicht, was wir mit ihm tun, falls er etwa den Versuch machen sollte, mit uns abzuwandern. Das können wir nicht gebrauchen.“

„Morgen wird er natürlich die Mine sehen“, sagte Curtin.

„Schadet jetzt nichts mehr“, erwiderte Howard. „Wir bauen sie zu, und wenn er zurückbleibt und sie wieder aufmacht, so ist das seine Sache.“

Am nächsten Morgen, nachdem sie ein kurzes Frühstück gehabt hatten, gingen Howard, Dobbs und Curtin kräftig an die Arbeit. Zu ihrer Verwunderung zeigte Lacaud keine Absicht, mit ihnen zu ihrer Mine zu kriechen. Sie hatten ihn zwar nicht dazu aufgefordert, aber sie hatten erwartet, daß er doch wohl in einer so bedeutenden Sache wie eine Goldmine interessiert sein würde. Er fragte nicht einmal danach. Nachdem er seinen Kaffee ausgetrunken hatte, stand er auf und begann den Weg hinunterzugehen.

Curtin folgte ihm, weil er glaubte, Lacaud würde hinunter ins Dorf gehen, um dort zu sagen, daß es nun Zeit sei, hier das Nest durchzusuchen, weil es morgen zu spät sein würde. Lacaud wußte nicht, daß Curtin hinter ihm her sei. Er ging sorglos seiner Wege, sah sich nur aufmerksam jeden größeren Baum, jeden Stein genau an, als ob er nach irgendwelchen Merkmalen suche. Zuweilen blieb er stehen und bückte sich, um den Boden zu untersuchen. Endlich kam er zu der Grasfläche, wo die Tiere waren. Er ging hinüber und kam auch an die Wasserpfütze. Als er die aufmerksam betrachtet hatte, sah er hoch und ging auf die Felswand zu. Dort begann er nun herumzukriechen und zu suchen.

Nun überzeugt, daß Lacaud andre Absichten habe, als den Männern Schwierigkeiten zu bereiten, kehrte Curtin wieder zurück zu den beiden und erzählte, was er gesehen habe.

„Es ist schon so,“ sagte Howard, „wie ich euch gestern abend gesagt habe, der ewige Goldsucher. Wir wollen uns nicht mit ihm aufhalten.“

Sie waren am Abbrechen der Gerüste, und Dobbs hatte sich die Hand aufgerissen. Er wurde ärgerlich und sagte: „Wozu bauen wir denn überhaupt ab? Lassen wir es stehen, und gehen wir unsrer Wege.“

„Wir haben das doch vorher, als wir hier anfingen, untereinander vereinbart, daß, wenn wir etwas machen, abbauen und zuwerfen wollen.“

„Es hält uns nur auf, und ich weiß auch nicht, wozu es gut ist“, brummte Dobbs.

„Na, Junge, erst einmal denke ich, daß man gegen den Berg, der sich so freigebig erwiesen hat, wenigstens die eine Dankbarkeit zeigt, daß man ihn nicht schimpfiert zurückläßt, daß man die Wunde, die man ihm geschlagen hat, auch wieder schließt. Und dem Berg die Gerüste vor der Nase stehenzulassen und ihm seinen Garten wie einen dreckigen Bauplatz zurückzulassen, das ist unanständig. Der Berg hat es doch wahrlich verdient, daß man seine Schönheit respektiert. Ich will auch lieber an diesen Platz so zurückdenken, wie ich ihn fand, als wir kamen, denn daß ich immer diesen Schuttplatz vor Augen habe, wenn ich an diese Monate denke. Schlimm genug, daß wir nur gerade den guten Willen zeigen können, und daß der Platz noch unerträglich genug aussehen wird, wenn wir gegangen sind.“

„Merkwürdig ist deine Ansicht von der Persönlichkeit des Berges,“ sagte Curtin, „aber ich denke auch, man soll die Stube, die man sauber fand, ausfegen, wenn man sie verläßt, auch wenn niemand dabeisteht, der einen dafür lobt.“

„Einen andern Grund hat es auch noch,“ setzte der Alte fort, „es könnte ja sein, daß hier jemand heraufkommt, während wir noch auf dem Wege sind. Da hat er denn gleich heraus, was wir hier gemacht haben, und er kommt uns mit einem halben Dutzend Kerlen hinterher. Wenn das hier wieder schlicht gemacht ist, soweit wie wir es schaffen, dann sieht es aus, als ob es nur eben ein langes Camp war, wo wir alles mögliche getan haben mögen, nur nicht gerade gelbes Schwergewicht gewaschen. Na, Dobbs, pack nur kräftig mit zu; wir haben so manchen Tag umsonst gearbeitet, ehe der Berg seine Hand aufmachte, und dieser Tag hier sieht eine gute und noble Arbeit, auch wenn sie nichts an bar einbringt. Wenn du dir einen Blumengarten vor deiner Haustür einrichtest, so denkst du auch nicht daran, daß er dir bares Geld einbringen soll.“

Das Mittagessen, wie es die drei in den verflossenen Monaten zu ihrer Gewohnheit gemacht hatten, war kurz und einfach. Sie kochten einen Kessel Tee und aßen dazu ein ledernes Stück Mehlpfannkuchen, das in der Frühe mitgebacken wurde. Sobald der Tee getrunken war und jeder eine Pfeife zu Ende geraucht hatte, wurde wieder frisch weitergearbeitet. Das Licht des Tages mußte bis zur Minute voll ausgenutzt werden; wenn die Sonne des Morgens aufging, mußte das Frühstück beendet sein, und das Abendessen wurde begonnen, wenn die Sonne untergegangen war. Nur so war es ja möglich gewesen, daß die drei Männer soviel schaffen konnten. Die Länge des Tages war das ganze Jahr hindurch so gut wie immer die gleiche, der geringe Unterschied wurde von ihnen kaum bemerkt. Die Regenzeit hatte ihre Arbeit auch nicht wesentlich beeinflussen können. Es kam vor, daß einige Stunden lang wahre Wolkenbrüche heruntergegossen; aber dann gab es immer genügend andres zu tun. Außerdem hatte der Regen auch wieder seine Vorteile, weil er ihren Erdtank, den sie sich gegraben hatten, um immer genügend Wasser für das Waschen des Sandes zu haben, auffüllte und ihnen so das Heraufschleppen des Wassers erspart wurde.

„Es ist doch eine elende Schufterei gewesen“, meinte Curtin, als er sich einen Augenblick hinsetzte, um zu rasten.

„Schon richtig“, bestätigte der Alte. „Aber wenn wir das ausrechnen, dann hat wohl noch keiner von uns einen so guten und so hohen Tagelohn gehabt, als wir ihn hier verdient haben.“

Auch Dobbs hatte den Spaten hingestellt, sich niedergesetzt und begann eine Pfeife zu stopfen. „Es kommt mir jetzt so in den Sinn,“ sagte er langsam, „als ob wir noch gar nicht so recht zufrieden sein können. Nicht, was unsern Verdienst anbelangt, sondern ich meine, ehe wir nicht den ganzen Zauber sicher und geborgen in einer Stadt haben und unauffällig in unserm Hotelzimmer schön zusammen aufgeschichtet vor uns sehen, können wir nicht gut sagen, daß er uns gehört.“

„Das ist mir die letzten Wochen auch im Kopf herumgegangen“, sagte der Alte. „Das wird eine schwierige Reise. Das wird die schwierigste Sache. Da sind Banditen, da sind Unglücksfälle auf dem Wege, da ist die Landpolizei, die neugierig ist und wissen möchte, was wir transportieren. Und findet sie den gelben Kies, so haben wir ihn entweder gestohlen oder jemand umgebracht und es geraubt, oder wir haben es gegraben ohne Lizenz und ohne die Taxen zu bezahlen. Das wird noch manches zu bedenken geben. Ja, denkt mal auch ein wenig drüber nach, wie wir den Pfeffer am besten und sichersten verschiffen.“

Die beiden jüngeren Teilhaber schwiegen, dann zogen sie die Stirnen in Falten, als ob sie angestrengt nachdächten, dann stöhnten sie, weil ihnen das Denken Mühe machte, mehr Mühe als die schwerste Minenarbeit, und endlich taten sie einen tiefen Atemzug, standen auf und warfen die Haufen auseinander.

Spät am Nachmittag schichteten sie die zusammengeschlagenen Gerüste übereinander und steckten sie in Brand, damit sie verschwänden. Am nächsten Tage sollte dann die Brandstelle mit Erde überworfen werden. Dann sollten noch einige Sträucher, junge Bäumchen und Grasfladen, die an andern Stellen ausgerupft waren, hier verstreut eingepflanzt werden. Der Alte hatte so nebenbei hingeworfen: „Es kann ja sein, daß einer von uns sein Zeug nicht durchkriegt, oder er verjubelt es in ein paar Wochen, oder er hat sonst Pech. Der kann dann hier zurückkommen und nochmal durchbuddeln, er findet schon immer noch einen anständigen Tagelohn. Das ist mit ein Grund, warum wir das so unverdächtig zurücklassen wie nur möglich. Dann kommt so leicht niemand auf die Idee, sich hier umzusehen.“

Das war etwas, das Dobbs und Curtin besser verstanden, als was der Alte gesagt hatte über Dankbarkeit gegen den Berg, und daß man die Natur nicht geschändet hinter sich lassen solle. Dobbs war der Meinung, daß die Natur für sich selber sorgen könne, sie habe mehr Zeit und mehr Geduld als er, er sei nicht der Nachtwächter einer einsamen Berglandschaft. Aber man hatte das dem Alten versprochen, und so tat man es nun auch; er war eben alt und hatte seine Grillen, wenn er auch sonst ein Partner war, mit dem sich schon auskommen ließ.

Als sie dann Feierabend machten, sah der Platz wahrhaftig so aus, daß keiner, der vorüberkam und nur gerade so oberflächlich hinsah, vermutet hätte, daß hier einmal eine Mine gewesen wäre. Nur der Haufen der zusammengeschlagenen Gerüste kohlte und rauchte noch. Morgen würde auch die Erinnerung an ihn verschwunden sein.

Lacaud war um die Mittagszeit nicht am Feuer gewesen, ob er vorher oder später auf dem Campplatze gewesen war, wußten die drei nicht. Sie hatten ihn überhaupt ganz vergessen. Sie waren viel zu sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, als daß sie sich seiner erinnert hätten. Erst jetzt, als sie auf ihrem Umwege zum Platz gekrochen kamen und ihn dort hocken und das Feuer in Ordnung bringen sahen, fiel ihnen ein, daß der Mann noch immer da sei.

„Hast du deine Goldmine inzwischen gefunden?“ fragte Dobbs, während er mit dem Wasserkessel zum Feuer trat.

„Noch nicht,“ erwiderte Lacaud, „aber ich denke, ich bin nie so dicht dabei gewesen wie heute.“

„Dann viel Glück“, lachte Curtin, der mit seiner Pfanne kam.

Lacaud hatte einen Kessel mit seinem eigenen Reis am Feuer stehen.

„Kaffee brauchst du nicht zu kochen,“ sagte Howard gutmütig, „den kannst du mit uns trinken. Mehr Kaffee schütten wir nicht auf, nur mehr Wasser, und das Wasser brauchen wir ja jetzt nicht mehr zu sparen.“

„Danke!“ sagte Lacaud kurz.

Sie wuschen sich, dann aßen sie, und dann hockten sie am Feuer. Howard, Dobbs und Curtin fühlen sich wie Fabrikarbeiter am Samstagabend. Sie wußten, daß sie morgen früh nur eine gute Stunde die angenehme Arbeit des Bepflanzens des Platzes zu machen haben würden, dann folgte die viel angenehmere Arbeit des Packens, und dann hatten sie nur noch die leichte Aufgabe zu erfüllen, die Tragkarawane vorzubereiten. Alles schöne, leichte Arbeit, bei der man rauchen, singen und schwatzen konnte.

Deshalb saßen sie auch, zum ersten Male seit Monaten, gemütlich und gutgelaunt zusammen am Feuer. Der Gedanke, daß sie sich bald zu trennen haben würden, nachdem sie beinahe ein volles Jahr Mühe und Arbeit und unglaubliche Entbehrungen gemeinschaftlich getragen hatten, ließ sie so verträglich zueinander werden, wie sie es nie vermocht hatten. Zum ersten Male fühlten sie, daß ein festes Band sie umschlösse, das Freundschaft, Kameradschaft, Bruderschaft bedeute. Sie fühlten, daß der eine dem andern beistehen könne, auch wenn es das Leben kosten solle. Sie fühlten sich mehr verwandt als leibliche Brüder. Ohne es laut zu sagen, baten sie sich im stillen gegenseitig alles ab, was sie einander in den letzten Monaten an kleinen, oft aber auch an sehr nichtswürdigen Bosheiten zugefügt hatten.

Lacaud war ausgeschlossen von dieser Bruderschaft, weil er die Empfindungen der andern nicht so lesen und verstehen konnte, wie die es konnten, die sich gegenseitig ausgelernt hatten. Sie konnten nichts voreinander verbergen, was in ihnen vorging und was sie dachten; aber vor Lacaud konnten sie alles verbergen, was sie ihn nicht wissen lassen wollten, ihn vermochten sie sogar irrezuführen und zu täuschen, wenn sie wollten. Das wäre den dreien untereinander nicht geglückt. Jeder von ihnen hatte in den verflossenen Monaten kein andres Studium gehabt als das seiner beiden andern Genossen. Weder Bücher, noch Zeitungen, noch andre Gesichter, noch unerwartete Landschaftsbilder konnten sie ablenken von ihrem Studium. Es kam oft vor, daß der eine nur einen Satz anfing, und die beiden andern wußten sofort den ganzen Inhalt des Satzes und sogar die genauen Worte und die genaue Wortfolge, die der Sprecher gebrauchen würde. Es hatte sich dadurch auch die merkwürdige Gewohnheit bei ihnen herausgebildet, daß keiner von ihnen je seinen Satz vollendete, weil er es nicht nötig hatte und der andre schon antwortete, wenn nur drei oder vier Worte des Satzes gesprochen waren. Das war ja mit einer der Gründe gewesen, warum sie sich so sehr auf die Nerven fielen, daß sie sich gegenseitig hätten ermorden können, nur um nicht immer schon vorher die Worte und Gedanken des andern wissen zu müssen und sich über sie tödlich zu langweilen oder zu Tode zu ärgern. Aber auf welche Weise hätten sie ihren Wortschatz und ihren Ideenreichtum vermehren können? Es handelte sich immer um dieselben Angelegenheiten, immer um dieselben Begriffe, immer um dieselben Aufgaben. Es hatte sich auch, ohne daß es ihnen selbst zum Bewußtsein gekommen wäre, zwischen ihnen eine ganz eigenartige Form der Unterhaltung entwickelt, der ein Fremder hilflos gegenüberstehen mußte.

Da hatten sie ein Schaufelrad gebaut. Mit Hilfe eines primitiven Göpels, den ein Esel ziehen mußte, wurde das Schaufelrad in Bewegung gesetzt, um das Wasser auf die Rinne zu schöpfen, von wo es herabfiel in die Waschpfannen, in denen der Sand ausgewaschen wurde. Weil es die leichtere Arbeit war, den Göpel zu bedienen, so hatte diese Arbeit Howard zu verrichten. Ursprünglich wurde gerufen: „Howard, schütte das Wasser auf, wir sind so weit.“ Dieser ganze lange Ruf hatte sich verdichtet zu dem einen Wort: „Schitt.“ Und dieses Wort „Schitt“ hatte schließlich die Bezeichnung für Wasser überhaupt zu übernehmen, weil es kürzer und einfacher zu sagen war als „water“. Selbst wenn von Wasser zum Kaffeekochen oder zum Trinken die Rede war, es hieß einfach: „Schitt a’ feu?“, was bedeuten sollte: „Steht das Wasser am Feuer?“ Der Spaten wurde aus Gründen, die später keiner von ihnen erklären konnte, der „Kat“, die Pickhacke wurde zum „Scheik“, die Dynamitpatrone wurde genannt die „Mary“. Wenn die „Mary“ gezündet werden sollte, so gebrauchten sie hierfür zwei Worte, das eine hieß „Mary“, das andre kann aus Höflichkeitsgründen und auch aus andern Gründen hier nicht genannt werden, wenngleich es unter gewissen Voraussetzungen und unter gewissen Bedingungen mit einer Mary schon in Verbindung gebracht werden kann. Und dieses Wort wurde dann auch gebraucht, wenn es sich um die Pfeife oder das Feuer anzuzünden handelte. „Essen“, also die Mahlzeit, bekam eine Bezeichnung, die eigentlich mehr das Gegenteil bezeichnen würde, wenn man das Wort unter gesitteten Menschen überhaupt anwendet, wo man es aber vermeidet und sogar sehr vorsichtig ist, wenn man es zu umschreiben hat.

Howard wurde nie bei seinem Namen gerufen, sondern nur „Olb“. Das hatte sich entwickelt aus „Old boy“, alter Knabe oder alter Bursche. Curtin war „Kuh“, und Dobbs wurde gerufen „Pamp“. Warum, wußte er selbst nicht, keiner hätte es erklären können.

So ging das mit allen Worten und Bezeichnungen. Sie konnten miteinander zehn Minuten sprechen, ohne daß Lacaud etwas verstanden hätte. Sie selbst natürlich wußten nicht, daß Lacaud das nicht verstehen konnte; es kam ihnen gar nicht einmal in den Sinn, darüber nachzudenken, daß er zuweilen glauben müßte, er sei unter Leuten, die aus irgendeinem unbekannten und fremden Lande seien. Sie hatten sich so daran gewöhnt, daß sie sich lächerlich vorgekommen wären, wenn sie anders gesprochen hätten.

15

„Ja, mit dem Fortkommen“ –, Howard nahm den Gedanken da wieder auf, wo er ihn bei dem kurzen Gespräch am Nachmittag verlassen hatte. Statt Fortkommen sagte er „Kippen“, aber man muß die Reden schon in eine Form bringen, daß auch diejenigen sie verstehen, die nicht zur Bruderschaft gehören.

„Ja, mit dem Fortkommen, das ist so eine verteufelte Sache. Fortkommen und weiterkommen werden wir schon. Warum nicht. Aber wenn man auch alles schön in Sicherheit zu glauben hat, so hat man es noch lange nicht auf sein Bankguthaben eingeschrieben. Habt ihr jemals die Geschichte der Donja Catalina Maria de Rodriguez gehört? Sicher nicht. Bei ihr handelte es sich auch nicht um das Gold und das Silber, sondern um das Fortkommen und um das Abliefern an die sichere Stelle.“

„In Guadalupe ist das Gnadenbild unsrer lieben Frau von Guadalupe, der Schutzpatronin von Mexiko. Kannst von Mexico City mit der Straßenbahn hinfahren. Zu diesem Gnadenbilde pilgern alle Mexikaner und Indianer, die etwas auf dem Herzen haben, in der sicheren Hoffnung, daß das Gnadenbild ihr Verlangen erfüllen werde, sei es nun, daß sie ihrem Nachbar einen Acker abnehmen wollen, sei es, daß dem Mädel der Liebhaber fortgelaufen ist, oder sei es, daß die Frau in Ängsten ist, es könne herauskommen, daß sie ihren Mann mit einem Kräutchen unter die Erde und sich dadurch zu einem andern Manne geholfen hat.“

„So was ist doch alles Schwindel und Aberglaube“, warf Dobbs ein.

„Durchaus nicht“, erwiderte der Alte. „Du mußt nur daran glauben, dann ist es kein Schwindel. Wer an einen Gott glaubt, für den gibt es einen, und wer nicht an einen obersten Lenker und Verwalter der Gestirne glaubt, für den gibt es keinen. Aber darum wollen wir uns nicht lange streiten. Ich sage ja nicht einmal, was ich selbst davon halte. Ich berichte eben nur die ungeschminkte und nüchterne Tatsache.

Das sind nun mehr als hundertfünfzig Jahre her, so ungefähr in der Zeit der amerikanischen Revolution. Da lebte in der Nähe von Huacal ein wohlsituierter Indianer, der zu den Häuptlingen der Chiricahuas gehörte. Er hatte eine schöne Farm und beteiligte sich nicht an den Mord- und Raubzügen der benachbarten Sippen. Die Sippe seines Stammes war hier seßhaft geworden und fand in der Landwirtschaft mehr Freuden und Wohlstand als in den Streifzügen und in den ewigen Kämpfen mit den Spaniern. Der Häuptling hatte nur ein Leid auf der Welt: sein einziger Sohn, Erbe und Erhalter seines Adelsranges, war blind. In früheren Zeiten wäre der Sohn ja getötet worden; seitdem der Stamm aber seßhaft geworden war und die Sippen sich zum Christentum bekannt hatten, war man weitherziger geworden. In diesem Falle sprach auch noch die Tatsache mit, daß der Junge sonst wohlgebaut und kräftig war, und daß er ein selten schöner Knabe genannt werden durfte.

Ein Mönch, der herumzog und die Freigebigkeit des Häuptlings bis zur letzten Nagelprobe auszunützen verstand, riet dem Vater, er möge mit seiner Frau und dem Jungen eine Pilgerreise zur gnadenreichen Gottesmutter von Guadalupe unternehmen und mit der Opferung ja nicht sparen, denn dafür sei die Gottesmutter sehr empfänglich, und sie wisse den Wert der Gabe wohl zu schätzen.

Der Häuptling ließ sein Gut unter der Aufsicht seines Onkels zurück und machte sich auf die Pilgerfahrt. Er durfte weder Pferd noch Esel, noch Wagen gebrauchen und mußte diese gewaltige Strecke von beinahe zweitausend Kilometer mit Frau und Kind zu Fuß machen, mußte in jeder Kirche, an der er vorüberkam, dreihundert Ave Marias beten und eine Anzahl Kerzen und silberne Augen opfern.

Endlich erreichte er Mexiko, und nachdem er viele Stunden in der Kathedrale gebetet und gefleht hatte, begann der letzte Teil seiner harten Aufgabe. Von der Kathedrale bis zum Gnadenbilde in Guadalupe sind fünf Kilometer. Diese fünf Kilometer hatten er, seine Frau und der kleine Junge auf den Knien zu rutschen, und jeder hatte dabei eine brennende Kerze in den Händen zu tragen, die trotz Wind und Regen nicht ausgehen durfte. Wenn eine Kerze zu Ende ging, dann mußte rechtzeitig eine neue, die geweiht war und darum mehr Geld kostete als andre, gewöhnliche Kerzen, an der ausbrennenden angezündet werden. Die ganze Nacht hindurch ging die mühselige Reise. Der Junge schlief ein, und noch im Schlaf wimmerte er um ein Stückchen Maiskuchen und um Wasser. Aber sie durften weder essen noch trinken. Sie warteten, bis der Junge sich wieder ein wenig erholt hatte, und dann ging die Prozession weiter. Alle Leute, Spanier und Indianer, die ihnen begegneten, wichen ihnen scheu aus und bekreuzigten sich; denn was für eine unerhörte, nichtswürdige Sünde mußte diese Familie begangen haben, daß sie eine so furchtbare Pilgerfahrt abzubüßen hatte.

Völlig erschöpft kamen sie an den Fuß des Cerrito de Tepeyacac, des Hügels, auf dem die Gottesmutter im Jahre 1531 dem Quauhtlatohua-Indianer Juan Diego persönlich dreimal erschienen war und ihr Bild in seinem Ayate, seinem Überwurf zurückgelassen hatte. Hier lagen sie drei Tage und drei Nächte auf den Knien, betend und flehend. Der Häuptling hatte sein Vieh und seine ganze Ernte der Kirche versprochen, wenn ihm die Gottesmutter in seiner Not hülfe. Doch kein Wunder ereignete sich. Da versprach er endlich, dem Rate des Mönches folgend, seine ganze Farm und alles, was er habe, zu opfern, wenn die Gottesmutter seinem Kinde das Augenlicht gäbe.

Aber das erwartete und ihm so sicher versprochene Wunder vollzog sich auch jetzt nicht. Der Knabe wurde so erschöpft von dem langen Fasten und der anstrengenden Reise, daß sich seine Mutter endlich ganz seiner Pflege widmen mußte, um ihn am Leben zu erhalten. Der Häuptling, nicht mehr wissend, was er noch mehr tun könnte, begann an der Macht der Gottesmutter im besonderen und an der Macht der christlichen Religion im allgemeinen zu zweifeln, und er sagte, daß er nun zu den Medizinmännern seines Stammes gehen wolle, die seinen Vätern oft genug Beweise von der Macht und der Wunderkraft der alten indianischen Götter gegeben hätten. Die Mönche verboten ihm, so gotteslästerliche Reden zu führen, und drohten ihm an, daß seine Familie noch bösere Gebrechen zu erwarten habe, wenn er nicht aufhöre, seine Zweifel zu äußern. Und sie sagten ihm, daß er allein die Schuld trüge, die Gnadenmutter wisse wohl, was sonst kein Mensch wisse, daß er auf der Reise Fehler gemacht habe, eine Kirche überschlagen habe, sich bei dem Beten der Ave Marias absichtlich verzählt habe, um schneller fertig zu sein, daß er gegessen habe, wenn er nicht sollte, und daß er verschiedene Male des Morgens Wasser getrunken habe, ohne vorher niederzuknien und zu beten. Der Häuptling mußte schließlich zugeben, daß er wohl einmal nicht dreihundert, sondern nur zweihundert und achtzig Aves gebetet habe, weil es ihm schwerfalle, so hohe Zahlen zu behalten. Und gewiß, sagte ein andrer Mönch, habe er verschiedene Sünden anzugeben unterlassen, als er in der Kathedrale gebeichtet habe, denn noch jedem, der es verdient habe, hat die Gnadenmutter aus der Bedrängnis geholfen. Darum möge er die Pilgerfahrt nach sechs Monaten wiederholen.

Vielleicht ging dem Häuptling das doch zu weit, oder aber – und das ist wohl das, was am wahrscheinlichsten sein mag – er hatte den Glauben an die Wundermacht des Bildes verloren. Jedenfalls ging er zurück nach Mexiko, aß tüchtig und gut und nahm auch seine junge Frau wieder in seine Arme, was er, getreu der Aufgabe folgend, während der ganzen Reise nicht getan hatte. Dann hörte er herum in der Stadt, und man nannte ihm das Haus eines Don Manuel Rodriguez. Don Manuel war ein berühmter spanischer Arzt, aber er war sehr habgierig und machthungrig. Er untersuchte den Jungen und erklärte dem Häuptling, daß er wahrscheinlich fähig sein würde, dem Kinde das Augenlicht zu geben. Was denn der Indianer zahlen könne?