Chapter 13 of 20 · 3944 words · ~20 min read

Part 13

Der Häuptling sagte, daß er eine Farm habe und viel Vieh. Das ist aber kein Geld, antwortete ihm Don Manuel, ich brauche Geld, viel Geld. Darauf sagte ihm der Häuptling, daß er den Arzt zum reichsten Manne in ganz Neu-Spanien machen wolle, wenn er seinem Sohne das Augenlicht gäbe. Wie er denn das machen wolle mit seiner Farm, fragte Don Manuel. Ich weiß eine reiche Gold- und Silbermine, sagte ihm der Häuptling, und die will ich Ihnen zeigen, wenn mein Sohn sehen kann. Und sie machten den grausamen Kontrakt, daß Don Manuel das Recht haben solle, dem Kinde das Licht der Augen wieder auszulöschen, wenn die Mine nicht existiere oder schon jemand anders gehöre.

Don Manuel arbeitete und operierte mit dem Jungen zwei volle Monate und vernachlässigte alle seine andern Patienten, darunter sogar den Geheimsekretär des Vizekönigs. Und nach zwei Monaten konnte der Knabe sehen wie ein Adler, und Don Manuel erklärte dem Häuptling, daß nun das Augenlicht dauernd sei. Und das war richtig.

Die Freude des Häuptlings war grenzenlos, und seine Dankbarkeit kam aus treuem Herzen. ‚Nun will ich dir sagen, Don Manuel, daß ich dich nicht belogen habe‘, war seine Antwort, als der Arzt wegen der Bezahlung fragte. ‚Die Mine gehört meiner Familie. Als die Spanier kamen, wurde sie von meinem Urvater verschüttet, weil wir keine Spanier in unserm Distrikte haben wollten, weil wir die Spanier haßten, und weil wir wußten, daß die Weißen das Gold und das Silber mehr liebten als ihren Gottessohn. Die Mine war verraten worden, und die Spanier kamen und rissen meinem Urvater und seinem Weibe lebendig die Zungen aus, um zu erfahren, wo die Mine sei. Aber obgleich sein Mund voll Blut war und die Schmerzen ihn wahnsinnig machen wollten, lachte mein Vater ihnen ins Gesicht, und sie bekamen die Mine nicht. Und mein Urvater zeichnete die Worte nieder, und nach seinem Tode gingen sie von dem Mund des Sohnes zu dessen Sohne und so fort bis zu meinem Munde: Wenn dir oder deiner Familie oder deinem Stamme von einem Menschen ein großer Dienst erwiesen wird, den dir weder der federgekrönte Gott unsres Volkes noch der blutgekrönte Gott des weißen Volkes erweisen wollte oder nicht erweisen konnte, so gib den Schatz jenem Menschen, und ihm soll er gehören. Du, Don Manuel, hast in meinem Sohne mir, meiner Familie und meinem Stamme jenen Dienst erwiesen, den zu erweisen trotz aller meiner Mühen und Gebete und Opfer der Gott des weißen Volkes zu schwach war, und dir gehört darum die Mine. Folge auf meinem Wege, den ich dir sagen will, nach drei Monaten und sprich zu niemand, was du weißt, und ich will dich zum reichsten Manne machen in ganz Neu-Spanien.“

„Die Indianer wissen nicht viel mehr Minen, als wir wissen“, sagte Howard, als er seine Erzählung weiterspann. „Sie haben einmal alle verborgenen Minen, die nach der Eroberung Mexikos die Indianer, aus Vergeltung für die Greuel, die man an ihnen verübte, verschüttet und unauffindbar gemacht hatten, sehr genau gewußt. Aber die Indianer sind ja nicht wohnen geblieben, wo sie zur Zeit der Eroberung lebten. Tausende wurden von den Spaniern als Arbeiter und Sklaven nach andern Distrikten verschleppt, andre wurden in Rebellionen und Kämpfen von ihren Wohnplätzen in die Gebirge und Dschungel verjagt, andre wurden durch Blattern und durch Epidemien, die ihnen die weißen Kulturträger ins Land brachten, ausgerottet, Häuptlingsfamilien starben weg oder wurden getötet, ehe sie ihr Wissen auf ihre Nachkommen weitergeben konnten. Darum wird es immer seltener, daß ein Indianer eine verschüttete Mine kennt. Häufig glaubt er sie nur zu kennen, weil das, was in seiner Familie über diese oder jene Mine bekannt ist, so legendenhaft geworden ist, so sehr mit gefundenen und bekannten Minen verknüpft wurde, daß der wahre Ort unauffindbar ist, um so mehr, als oft der Ort mit Worten und Merkmalen und Richtungen bezeichnet wurde, die sich im Laufe der Zeit im Sprachgebrauch geändert haben und auf falsche Wege führen müssen. Diese Geschichte aber liegt ja weit zurück in einer Zeit, wo das Erinnerungsvermögen der Indianer noch frischer war, weil es nicht so sehr durch den Verkehr beeinflußt wurde, wie das der Fall ist, seit die Eisenbahnen laufen und die Indianer sich viel mehr und rascher zerstreuen als früher, weil auch sie dahin ziehen, wo sie ihren Lebensunterhalt leichter finden als an ihrem Geburtsplatz.

Nachdem Don Manuel seine Geschäfte in Mexiko abgewickelt hatte, machte er sich mit seiner Frau Maria auf die lange und beschwerliche Reise nach Huacal. Er fand den Häuptling und wurde von ihm aufgenommen besser als ein Bruder. ‚Mir ist auf der Reise eingefallen,‘ sagte Don Manuel zu seinem Gastgeber, ‚daß es recht merkwürdig ist, warum du selbst nicht die Mine ausbeutest, Aguila? Du hättest mir doch hunderttausend Goldgulden geben können, und ich hätte getan, was du von mir verlangtest.‘ Der Häuptling lachte: ‚Ich brauche kein Gold, und ich brauche kein Silber. Ich habe zu essen, habe eine schöne und gute Frau und einen Sohn, den ich liebe und der stark ist und wohlgebaut. Was wäre mir Gold? Die Erde bringt Segen, reichen Segen, die Früchte bringen Segen, reichen Segen, meine Viehherde bringt Segen, reichen Segen. Gold bringt keinen Segen, und Silber bringt keinen Segen. Bringt es euch, den weißen Spaniern, Segen? Ihr mordet euch um das Gold. Ihr haßt euch um das Gold. Ihr verderbt die Schönheit eures Lebens um das Gold. Wir haben nie das Gold zu unserm Herrn gemacht, wir waren nie seine Sklaven. Wir sagten, Gold ist schön, und darum machten wir Ringe daraus und andre Schmucksachen, und wir schmückten uns, unsre Frauen und unsre Götter damit, weil es schön ist. Aber wir machten es nicht zu Geld. Wir konnten es ansehen und uns daran erfreuen, aber wir konnten es nicht essen. Unser Volk und auch die Völker im Tal haben nie um Gold gekämpft oder um Gold Kriege geführt. Aber wir haben viel gekämpft um Land, um Äcker, um Flüsse und Seen, um Städte, um Salz, um Herden. Aber um Gold oder um Silber? Es ist doch nur schön anzusehen. Doch wenn ich Hunger habe, kann ich es nicht in meinen Magen stecken, und also hat es doch keinen Wert. Es ist nur schön wie eine Blume, die blüht, oder schön wie ein Vogel, der singt. Aber wenn du die Blume in den Magen steckst, ist sie nicht mehr schön, und wenn du den Vogel kochst, singt er nicht mehr.‘ Da lachte Don Manuel und sagte: ‚Ich werde mir das Gold nicht in den Magen stecken, Aguila, das glaube nur.‘ Und der Häuptling lachte auch und sagte: ‚Das glaube ich dir wohl. Ich kann wohl für die Erde dienen, aber ich kann nicht für Gold dienen, weil ich sonst nichts zu essen habe, keine Tortillas und keine Camotes. Du verstehst nicht, was ich sage, und ich verstehe nicht, was du sagst. Du hast ein andres Herz. Aber ich bin dennoch dein Freund.‘

Sie brauchten drei Tage, in denen sie in den Bergen herumkrochen und im Dickicht suchten, kratzten und gruben. Don Manuel war geneigt, das lange Suchen zu mißdeuten und zu glauben, daß der Indianer ihn um seinen Lohn gebracht habe. Aber wenn er dann wieder sah, wie geschickt und wie planmäßig der Häuptling die Gegend durchforschte, wie genau er auf den Stand der Sonne achtete und auf die Schatten, die von den Berggipfeln geworfen wurden, mußte er doch erkennen, daß ein bestimmter Weg verfolgt wurde. ‚So ganz leicht, wie du es dachtest, ist das nicht‘, sagte der Häuptling. ‚Da sind Erdbeben gewesen, und da waren ein paar hundert Jahre lang Regenzeiten und Wolkenbrüche und Erdrutsche, da haben Flüsse ihren Lauf geändert, da sind Bäche versiegt und andre sind neu entstanden. Da sind kleine Bäume groß geworden, und große Bäume, die einmal Ziele waren, sind gestorben. Es kann auch noch eine Woche dauern, Don Manuel, du mußt Geduld haben.‘

Es dauerte auch noch mehr als eine Woche. Und der Häuptling sagte am Abend: ‚Morgen kann ich dir die Mine geben; denn morgen habe ich sie in meinen Augen.‘ Don Manuel wollte wissen, warum er nicht gleich mit dem Häuptling hatte reisen können, als jener heimging. ‚Dann hätten wir trotzdem bis morgen warten müssen, weil die Sonne nicht im Ziel stand. Jetzt steht sie im Ziel. Ich weiß auch seit ein paar Tagen, wo der Platz ist, aber morgen habe ich die Mine und kann sie dir geben.‘

Wirklich, am folgenden Tage fanden sie die Mine in einer Schlucht. ‚Da ist einmal der Berg abgebrochen. Das kannst du auch sehen. Darum war es so schwer, den Platz zu finden. Da liegt die Mine, und sie ist nun dein. Mein Haus mußt du aber heute verlassen‘, sagte der Häuptling. ‚Warum? Ich würde es auch so verlassen, denn ich will in der Nähe der Mine mein Haus bauen.‘ ‚Ja, mein Haus ist nun nicht mehr gut. Du hast die reiche Mine und bringst keinen Segen.‘ Der Häuptling wollte ihm die Hand reichen, aber Don Manuel sagte: ‚Warte, Aguila. Ich möchte dich noch etwas fragen. Wenn ich von dir hunderttausend Goldgulden verlangt hätte, damit ich deinen Sohn heilen soll, hättest du dann nicht die Mine selbst aufgemacht?‘ ‚Gewiß hätte ich das getan,‘ sagt der Gefragte, ‚ich wollte doch mein Kind geheilt sehen. Aber wenn ich die Summe gehabt hätte, würde ich die Mine wieder verschüttet haben, weil Gold nicht gut ist. Was hätte ich auch tun können? Die Spanier würden es erfahren, und sie hätten mich, meine Frau und meinen Sohn ermordet, um die Mine zu bekommen. Nach euren Sitten wird ja wegen Gold immer gemordet. Sei vorsichtig, Don Manuel, daß nicht auch du gemordet wirst, wenn deine Leute wissen, daß du eine Goldmine hast. Wenn sie wissen, daß du nichts weiter hast als Brot und Tortillas, wirst du niemals gemordet. Ich will immer dein Freund bleiben, aber wir müssen uns nun trennen.‘

Don Manuel begann hier sein Lager aufzubauen, und Aguila zog zurück zu seinem Hause, das eine Tagereise weit von der Mine entfernt lag. Vor seiner Abreise hatte sich Don Manuel die Certificados von der Regierung verschafft, die ihn berechtigten, nach Edelmetallen zu suchen und die Plätze, wo er welche fände, mit seinem Bergungsrecht zu belegen. Er reiste zurück in die nächste Stadt, wo er seine Frau zurückgelassen hatte, brachte seine Frau mit sich, und zu gleicher Zeit warb er Arbeiter an und kaufte die notwendigen Maschinen, Werkzeuge und Sprengmittel. Nun ging er an die Arbeit, die Mine freizulegen. Seine kühnsten Erwartungen wurden übertroffen. Die Mine war so reich an Silber, daß sie alle andern bekannten Minen überbot. Sie gab als Hauptprodukt Silber, aber als Nebenprodukt kam auch Gold mit vor.

Viele Vorkommnisse hatten ihn gelehrt, daß es am besten sei, wenn man nicht zu sehr von seiner Mine spreche, sie nicht zu sehr preise. Nicht nur Privatpersonen, sondern selbst die königlichen Beamten und die hohen Würdenträger der Kirche verstanden es nur zu gut, einem Manne, der nicht genügend Macht im Rücken hatte, die Mine aus den Händen zu spielen. Der Besitzer verschwand plötzlich, niemand wußte, wo er geblieben war, und die Mine wurde als herrenloses Gut entweder der Krone oder der Kirche überwiesen. Die Inquisition, die in Mexiko viel länger ihre unheilvolle Macht ausübte als irgendwo sonst auf der Erde, die erst endgültig hier verschwand, als die Revolution siegte und das Land eine freie und unabhängige Republik wurde, wirkte zu jener Zeit noch immer mit ungeschwächten Kräften. Es genügte, daß ein Bischof Kenntnis einer reichen Mine erlangte, und der Finder und Besitzer jener Mine wurde wegen Gotteslästerung, Ketzerei, Zauberei, mangelnden Respekts gegen die Wunderkraft eines Gnadenbildes vor das Tribunal der Inquisition geschleppt. Vor diesem Tribunal zitterte selbst der mächtigste Mann im Lande, der Vizekönig. Wenn er geladen war, trat er diesem Tribunal nur in Begleitung einer schwerbewaffneten Leibwache gegenüber mit der Ankündigung, daß seine Truppen und die Artillerie den Befehl haben, auf das Gebäude der Hohen Inquisition rücksichtslos zu feuern, falls er innerhalb einer kurz bemessenen Frist nicht wieder in seinem Palaste sei und sich seinen Soldaten gezeigt habe. Was konnte dann so ein einfacher Privatmann tun? Es traten zehn oder zwanzig Zeugen auf, die beschworen, gesehen zu haben, daß der Mann vor der Monstranz nicht gekniet habe, oder die gehört hätten, daß er gesagt habe, es falle ihm schwer, zu glauben, daß der Sohn gleichzeitig sein eigener Vater sein könne, oder daß der Papst keine Irrtümer begehen könnte. Und wurde das beschworen, so wurde der Missetäter verbrannt, und er durfte es als besondere Gnade ansehen, wenn er nicht lebendig verbrannt, sondern vor der Verbrennung erdrosselt wurde. Wie immer aber auch die Strafe ausfiel, war beschworen worden, daß er schuldig sei, so verfiel sein ganzer Besitz der Kirche. Darum war es durchaus nicht so merkwürdig, daß hier diejenigen Leute, die reichen Besitz hatten oder die sich weigerten, der Kirche und den Klöstern das Land oder die Minen, die sie begehrten, freiwillig abzutreten, oft viel rascher der Ketzerei angeklagt und schuldig gesprochen wurden als arme Indianer, die von der Inquisition viel glimpflicher behandelt zu werden pflegten; denn wer sollte für den armen Indianer die hohen Kosten der komplizierten Untersuchung zahlen? Denn hoch waren die Kosten für das Tribunal. Es tat niemand etwas umsonst, wie die Akten beweisen, und die Zeugen waren die allerletzten, die es billig machten aus Rücksicht für den heiligen Zweck. Die Macht einer jeden Religion ist begrenzt. Keine Religion kann diese Grenzen berühren oder gar zu überschreiten versuchen, ohne abzusterben. Eine Religion, die zu starr geworden ist, eine Religion, die ihre Elastizität so sehr verloren hat, daß sie sich in die Entwicklung und in die Zeit nicht mehr einfügen kann, stirbt ab. Es können nicht ewig ungestraft Kriege geführt werden von Völkern, deren Religion ihnen verbietet, das Schwert zu ziehen, und deren Religion ihnen gebietet, nicht zu töten.

Don Manuel war gewitzigt dank der reichen Erfahrungen, die andre gemacht hatten. Er schickte kein Silber und kein Gold fort. Er speicherte es auf und wartete auf seinen Tag. Trotzdem ihm die Mine so reichen Gewinn abwarf, behandelte er doch seine indianischen Arbeiter recht erbärmlich, zahlte ihnen kaum so viel Lohn, daß sie satt wurden, ließ sie arbeiten, bis sie zusammenbrachen oder gar wegstarben, und wenn sie nicht genügend schafften, ließ er noch mit der Peitsche nachhelfen. Mit Negern läßt sich so für eine lange Zeit wirtschaften, mit Indianern nicht. In den dreihundert Jahren spanischer Herrschaft in Mexiko haben die Spanier nie und zu keiner Zeit das ganze Land in unbestrittenem Besitz gehabt. Irgendwo war immer Rebellion, Aufruhr und Empörung. Und war sie an einer Stelle brutal und menschenunwürdig unterdrückt, brach sie woanders wieder aus. Das war im großen so, und das war auch so im kleinen. Und eines Tages war Rebellion in der Mine des Don Manuel. Seine Frau, Donja Maria, konnte noch rechtzeitig fliehen, aber er wurde erschlagen. Seine Schätze wurden nicht geraubt, sondern, nachdem Don Manuel tot war, verließen die indianischen Arbeiter den Platz und kehrten in ihre Dörfer zurück.

Als Donja Maria durch Boten erfahren hatte, daß die Mine wieder sicher sei, kehrte sie zurück, um die Arbeit fortzusetzen. Sie fand die erbeuteten Schätze schön und sicher vergraben. Was sie besaß, hätte genügt, daß sie ihr Leben sorgenlos führen konnte bis an das Ende ihrer Tage.

Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, nach Spanien zurückzugehen und dort als die reichste Frau zu erscheinen. Da sie noch jung war und auch Schönheit reichlich mit auf den Lebensweg bekommen hatte, so hegte sie die Hoffnung, in Spanien ein Schloß und ein adliges Gut zu kaufen und durch die Verheiratung mit einem Marquis dem Hofe nahezukommen. Es hatten ja spanische Granden Töchter aztekischer, tezkukischer und andrer indianischer Fürsten Mexikos und Perus geheiratet nur ihres Reichtums wegen. Warum sollte sie, die aus anständigem bürgerlichen Hause war, mit Hilfe ihres unermeßlichen Vermögens nicht viel leichter noch einen Marquis zum Gatten bekommen?

Sie verstand zu rechnen, vielleicht noch besser als ihr erschlagener Mann. Sie rechnete aus, wieviel ein Schloß und wieviel ein altadliges Gut in Spanien kosten würde, wieviel die Unterhaltung dieses Besitzes, Dienerschaft, Wagen, Pferde und Reisen kosten würden, wieviel der Marquis gebrauchen würde, und wieviel sie selbst noch täglich auszugeben hätte, um eine glänzende Rolle bei Hofe spielen zu können. Sie kam auf eine ansehnliche Summe. Aber immer fand sie, daß da noch vieles sei, was sie nicht bedacht habe, daß da noch Abgaben an die Regierung seien, daß sie eine Kirche zu bauen habe, um die hohen Herren der Inquisition günstig zu stimmen und sie nicht lüstern werden zu lassen. Und dann arbeitete sie noch so lange, bis der ausgerechnete Betrag verdoppelt werden konnte. Damit war sie gegen alle Fehlrechnungen gesichert. Es waren fürwahr harte Jahre, wo sie zu kämpfen hatte. Fern von der Zivilisation, fern jeder, auch der kleinsten Bequemlichkeit, Tag und Nacht auf dem Posten, geschickt mit den Arbeitern umgehend, daß ihr Lohn nicht zu hoch sei, daß er aber auch wieder gut genug sei, daß sie aushielten und sich nicht empörten. Da mußte auch an Überfälle gedacht werden, an Banditenhorden, die sich aus Verbrechern, aus desertierten Soldaten, aus entsprungenen Strafgefangenen, aus dem Auswurf der Städte gebildet hatten und die marodierend, unter Indianern und Weißen gleich Schrecken verbreitend, im Lande umherzogen.“

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Der blasse Neid muß es der Donja Maria lassen, daß sie sich den zahlreichen Aufgaben besser gewachsen zeigte als ihr ehemaliger Gatte. Sie fürchtete weder Tod noch Teufel, weder marodierende Banditen noch rebellierende Indianer, und sie wäre sicher auch noch mit der Inquisition in irgendeiner Weise fertig geworden, wenn die Frage an sie herangetreten wäre. Sie war robust, ausdauernd und unternehmend; aber wenn sie damit nicht durchkam, so gewann sie um so sicherer mit ihren diplomatischen Fähigkeiten. Sie konnte lachen, wenn es ihr nützlich erschien, sie konnte weinen, wenn sie das für wertvoller hielt, sie vermochte zu fluchen wie ein Straßenräuber, und sie konnte inniger beten als ein Franziskanermönch. Arbeiten konnte sie für sechs Indianer, und wenn es nicht so ging, wie sie es wollte, dann packte sie mit gesunden Fäusten selbst zu, und die Indianer, ungewohnt, eine Frau so schwere Arbeit scheinbar spielend verrichten zu sehen, gerieten in eine Art von Bann, wo sie tun mußten, was Donja Maria von ihnen verlangte. Das ging so Jahre hin. Schließlich aber bekam sie doch eine solche Sehnsucht nach Spanien, nach einem sauberen Hause, einer guten Küche, einem molligen Schlafzimmer und nach einem Gesponst, mit dem sie hätscheln und tätscheln konnte, daß sie sich eines Tages entschloß, aufzupacken und abzuziehen. Als sie ihr Vermögen überschlug, fand sie, daß es reichen konnte für jeden Luxus, der sich nur ausdenken lasse.

Sie hatte sich einen bewaffneten Schutztrupp herangebildet, der dafür diente, die Mine und die aufgespeicherten Schätze zu bewachen und zu verteidigen. Der Trupp bestand aus Indianern, einigen Mestizen und zwei spanischen Soldaten, die desertiert oder entlassen worden waren. Einer dieser beiden Spanier machte sie zum Führer bei Tage und den andern zum Führer in der Nacht.

Das Metall, von dem etwa ein Sechstel Gold, alles übrige aber gediegenes Silber war, hatte sie in rohe Blöckchen und Barren gegossen, damit es sich leichter transportieren lasse. Diese Blöckchen wurden in Kisten sicher verpackt. Wie groß der Reichtum war, den sie aus der Mine geholt hatte, ist daraus zu ersehen, daß sechzig Maultiere, jedes einzelne bis zur Grenze der Tragfähigkeit beladen, nötig waren, um das Metall abzutransportieren.

Die Karawane mit ihren zwanzig bewaffneten Begleitmannschaften machte sich auf die Reise. Zweitausend Kilometer bis nach der Hauptstadt Mexiko. Keine richtige Straße, über Wüstengelände, über steile Gebirge, durch Flüsse, durch Schluchten und Felsklammen, durch Urbusch und Urwald, durch Dschungelgebiete, einige Tage in den eiseskalten Winden der Sierra, dann in der glühenden Hitze der tropischen Regionen und dann wieder über schneebedeckte Gebirgspartien und wieder durch fieberschwüle Dschungellandschaften.

Und dann kam ein Abend, wo ihr das Lager merkwürdig bewegt erschien. Sie sah näher zu und fand, daß der eine Spanier den Versuch gemacht hatte, die Dinge zu seinen Gunsten zu ändern. Er kam zu ihr und fragte: ‚Wollen Sie mich heiraten oder nicht, Donja Maria?‘ ‚Ich, Sie? Einen solchen Straßenräuber? Einen, der vom Galgen heruntergefallen ist, weil der Henker einen morschen Strick gebraucht hat, statt eines guten neuen?‘ Darauf sagte der Bursche: ‚Ich nehme es auch ganz gern ohne Sie, Senjora. Ich kriege auch noch eine Hübschere.‘ ‚Was nehmen Sie ohne mich?‘ fragte Donja Maria. ‚Was da in den Kisten ist.‘ ‚Nicht, solange ich dabei bin, du Bastard.‘ Der Mann hob die Hand, zeigte rüber, wo die Leute lagerten, und sagte grinsend: ‚Dann sehen Sie nur erst einmal dorthin, vielleicht überlegen Sie es sich mit der Heirat. Eine Stunde will ich schon gern warten.‘ ‚Da magst du auch gut dein ganzes Leben warten, wenn du nicht vorher gehenkt wirst.‘

Sie ging aber doch rüber zu den Leuten und fand, daß der Bursche eine schöne Arbeit geleistet hatte. Der andre Spanier und die Indianer waren gebunden, während die Mestizen auf der Seite dieses Mannes waren und an dem Geschäft teilzunehmen gedachten. Sie standen da, die Pistolen im Gürtel, und sahen die Frau frech und grienend an.

‚Schöne Arbeit, das muß ich sagen‘, meinte Donja Maria zu dem Burschen, der ihr hinterher folgte. ‚Nicht wahr?‘ gab er zur Antwort. ‚Da werden Sie wohl nun nicht mehr lange überlegen und brav und schön ja sagen‘, fügte er hinzu.

‚Nein, da hast du recht, du Hund von einem Bastard, da werde ich nicht lange überlegen‘, sagte sie. Gleichzeitig hatte sie von einem der Sättel, die auf dem Boden lagen, eine Peitsche ergriffen, und ehe der Mann auch nur sah, was los war, hatte sie ihm einen erbarmungslosen Hieb quer über das Gesicht gezogen, der seine Augen blendete. Er taumelte, und sie ließ blitzschnell ein halbes Dutzend über sein Gesicht nachfolgen. Dann brach er zusammen und rührte sich nicht mehr. Aber sie fing erst an. Die Mestizen waren so erstaunt über das, was sie sahen, daß sie weder an Fortlaufen noch an Schießen dachten. Und als sie zum Bewußtsein kamen, was mit ihrem Führer geschehen war, sausten ihnen auch schon die Peitschenhiebe über das Gesicht. Die nicht fielen, begannen, mit den Armen ihr Gesicht bergend, zu rennen. Donja Maria sprang zu dem andern Spanier und schnitt die Stricke, mit denen er gefesselt war, mit ein paar kurzen Rucken auf. Der befreite sofort die Indianer, und die waren im Nu auf den Pferden und lassoten die Mestizen ein.

‚Häng’ den Bastard‘, rief Donja Maria und zeigte auf den Spanier, der sie zu heiraten gedacht hatte und der sich schwerfällig vom Boden zu erheben begann. Eine halbe Minute später hing er. ‚Was habe ich dir Hund gesagt?‘ rief sie ihm zu, während die Indianer ihn hochzogen. ‚Ich habe dir doch gesagt, daß du vorher gehenkt wirst. Und mit euch?‘ wandte sie sich den Mestizen zu. ‚Euch müßte ich auch hängen lassen. Aber ich werde euch noch ein Loch offen lassen, ihr lauft ja doch alle dem Henker in die Schlinge, und ich will ihm nicht das Geschäft verderben. Aber das kann ich euch sagen, wenn ihr das noch einmal versucht, peitsche ich euch persönlich, bis die Fetzen von eurem Kadaver hängen, dann lasse ich euch rösten und darauf hängen. Ihr braucht nicht zu bleiben, könnt gleich gehen, brauche euch nicht. Lohn kriegt ihr nicht, und die Pistolen nehme ich euch auch wieder ab. Aber wenn ihr durchaus bleiben wollt, schenke ich euch in Mexiko die Pistolen, die Sättel und die Pferde, die ihr reitet. Höre mal, du Spanier,‘ sie ging nun zu dem Manne hin, der auf ihrer Seite war, ‚wie heißt du? Ja, Rügo. Wenn wir in Mexiko sind, kriegst du‘ – sie hatte sagen wollen ‚das ganze Maultier‘, überlegte es sich aber noch rechtzeitig und sagte: ‚da kriegst du die rechte Seitenladung des Mulas da drüben, und die Indianer kriegen die halbe Ladung der linken Last, die können sie sich teilen.‘ Damit war die Meuterei zu Ende.