Chapter 7 of 20 · 3986 words · ~20 min read

Part 7

Aber das Leben, das die drei Leute hier führten, war erbarmungswürdiger als das eines litauischen Fabrikarbeiters in Detroit. Es war das jammervollste Leben, das sich nur vorstellen läßt. Dobbs meinte eines Abends, daß er sich in dem verschlammtesten Schützengraben Frankreichs menschlicher gefühlt habe als hier während der letzten Wochen. Curtin und Howard konnten das nicht beurteilen, weil sie nicht die Ehre hatten, in Frankreich gewesen zu sein, um die zarten unschuldigen Säuglinge an der Brust amerikanischer Mütter vor den Bajonetten der Hunnen zu schützen. Und mit jedem weiteren Tag, den sie hier zubrachten, wurde das Leben unerträglicher. Das ewig gleichförmige Essen, hastig zubereitet von übermüdeten Händen, ekelte sie an. Aber sie mußten es hinunterwürgen. Die öde Einmütigkeit ihrer Tätigkeit machte die Arbeit noch schwerer, als sie an sich schon war. Graben, Sieben, Schwenken, Ausklauben, Wasserschleppen, Abstützen. Eine Stunde wie die andre, ein Tag wie der andre. Woche für Woche. Und so ging das nun schon Monate.

Die Arbeit hätte sich vielleicht ertragen lassen. Hunderttausende von Menschen verrichten ihr ganzes Leben lang keine andre Arbeit und fühlen sich dennoch verhältnismäßig wohl dabei. Hier aber wirkten andre Mächte gegen sie.

Die ersten Wochen hatten sie verbracht, ohne daß ihnen zum Bewußtsein gekommen wäre, wie schwierig sich ihr Dasein gestalten könne. Sie dachten nicht einen Augenblick darüber nach, daß an ihnen Mächte fressen und nagen könnten, von deren Vorhandensein sie bisher nie etwas gewußt hatten. In der ersten Zeit gab es jeden Tag etwas Neues. Jeden Tag wurde etwas Neues geplant und ausgeführt. Jeder von ihnen wußte ein paar Witze zu erzählen oder ein Geschäftchen, das den beiden andern unbekannt war. Jeder war ein Studium für den andern, jeder besaß eine Besonderheit, die den andern interessierte oder vielleicht anwiderte, aber doch wenigstens seine Aufmerksamkeit erweckte.

Nun aber hatten sie sich nichts mehr zu erzählen. Keiner hatte in seinem ganzen Sprachschatz ein Wort übriggelassen, das der andre nicht kannte.

Und er kannte jedes Wort des andern sogar mit der Betonung und der Geste, die mit seinem Worte verknüpft waren.

Dobbs hatte die Gewohnheit, beim Sprechen zuweilen das linke Auge halb zuzukneifen. Anfangs hatten Howard und Curtin das höchst lustig gefunden, und sie machten Scherze über diese Eigenheit. Da kam aber dann ein Abend, an dem Curtin sagte: „Wenn du verfluchter Hund das nicht sein läßt, immerfort das linke Auge zuzukneifen, schieße ich dir eine Unze Blei in den Bauch. Du weißt ganz gut, du Zuchthäusler, daß mich das ärgert.“

Mit einem Satz war Dobbs auf und hatte den Revolver gezogen. Hätte Curtin seinen Shooter ebenso rasch hoch gehabt, dann wäre die schönste Schießerei im Gange gewesen. Aber Curtin wußte, daß er sofort sechs Kugeln im Magen haben würde, sobald er nur mit der Hand nach hinten langte.

„Ich weiß schon ganz gut, wer du bist“, schrie Dobbs, den Revolver im Handgelenk schwenkend. „Du bist doch in Georgia ausgepeitscht worden, weil du Mädchen überfallen und vergewaltigt hast. Rein zum Vergnügen bist du doch nicht hier in Mexiko, du Frocklifter.“

Ob Dobbs ein Zuchthäusler war, wußte Curtin genau so wenig, wie Dobbs wußte, ob Curtin jemals in Georgia gewesen war. Sie saugten sich das aus den Tabakspfeifen oder kauten es aus den Speckschwarten heraus, und jetzt sagten sie es, um sich gegenseitig zur höchsten Wut anzustacheln.

Howard ließ sich nicht stören, er qualmte dicke Wolken Tabaksrauch und starrte in das Feuer. Als die beiden aber schwiegen und keine neuen Schimpfereien so schnell erfinden konnten, sagte er: „Aber Jungens, laßt doch die Schießerei sein. Wir haben hier keine Zeit, um Kranke zu pflegen.“

Dobbs schob nach einer Weile seinen Revolver ein und legte sich schlafen. Curtin blieb aber mit Howard am Feuer sitzen und zündete sich eine neue Pfeife an.

Nicht lange darauf kam ein Morgen, an dem Curtin dem Dobbs den Revolverlauf in die Hüfte pokte: „Jetzt sagst du noch ein Wort, und ich ziehe ab, du Giftkröte.“

Das war so gekommen: Dobbs hatte zu Curtin gesagt: „Schmatz’ nicht immer so wie ein Mastschwein, wenn du frißt. In welcher Verbesserungsanstalt bist du denn groß geworden?“

„Ob ich schmatze oder ich rotze, das geht dich ganz gewiß einen Hundedreck an. Ich wenigstens ziehe nicht immerfort durch den hohlen Zahn wie eine pfeifende Ratte.“

Worauf Dobbs erwiderte: „Haben denn die Ratten in Sing Sing hohle Zähne?“

Der muß erst gefunden werden, der nicht weiß, was diese Frage bedeutet; denn Sing Sing ist der unfreiwillige Aufenthalt jener New-Yorker, die gefaßt werden. Die übrigen New-Yorker, die nicht gefaßt werden, haben ihre Bureaus in der Wall Street.

Eine solche freundschaftliche Anspielung konnte Curtin nicht ruhig ertragen, und er stieß Dobbs den Lauf des entsicherten Revolvers zwischen die Rippen.

„Verflucht noch mal,“ rief Howard jetzt aufgebracht, „ihr betragt euch, als ob wir alle gegenseitig verheiratet wären. Steck’ das Eisen ein, Curtin.“

„Du?“ schrie Curtin erbost. Er ließ den Arm mit dem Revolver fallen und wandte sich gegen den Alten: „Was hast du denn hier zu kommandieren, du Krüppel?“

„Kommandieren?“ entgegnete Howard, „an Kommandieren denke ich gar nicht. Aber ich bin hierhergekommen, um Gold zu graben und mein Geschäft zu machen, nicht aber mich hier mit dummen Jungen herumzuzanken. Wir brauchen einer den andern, und wenn einer zusammengeschossen wird, können die beiden andern abziehen, mit zweien läßt sich das gar nicht machen oder nur so unbequem, daß wir kaum auf einen gesunden Tagelohn kommen.“

Curtin hatte seinen Revolver eingeschoben und sich wieder hingesetzt.

„Und ich? Das will ich euch gleich sagen,“ fuhr Howard fort, „ich bin das herzlich leid nun. Ich habe keine Lust, mit einem von euch hier übrigzubleiben, und ich gehe. Es langt mir, was ich jetzt habe.“

„Aber uns langt es nicht“, schrie Dobbs wütend. „Du mit deinen alten Knochen hast genug für die sechs Monate, die du noch zu leben haben magst. Wir aber nicht. Und wenn du hier auskneifen willst, ehe wir alles ausgelaugt haben – wir werden schon noch ein Mittelchen finden, dich hierzubehalten.“

„Komm uns nicht mit solchen Kindereien, Alter“, mischte sich nun auch Curtin ein. „Wir kriegen dich innerhalb vier Stunden, wenn du etwa abrutschen willst. Weißt du, was wir dann mit dir machen?“

„Kann ich mir denken, du Schurke“, höhnte Howard.

„Kannst du dir nicht denken“, sagte Curtin darauf und grinste. „Wir nehmen dir deinen Kümmel ab und binden dich an einen Baum, sicher und sorgfältig, und dann gehen wir, wir ohne dich. Morden, wie du dir vielleicht gedacht hast? Nein, das gibt es nicht.“

„Sicher nicht,“ antwortete Howard, „dazu seid ihr viel zu fromm. Ich könnte euch ja euer kinderreines Gewissen belasten. Anbinden und allein lassen. Sieh mal einer an. Ihr seid wahrhaftig nicht wert, daß man euch anspuckt. Und ihr wart doch so feine Jungen, als ich euch da unten in der Stadt traf.“

Eine Weile schwiegen alle drei.

Dann sagte Dobbs: „Das ist ja alles Unsinn, was wir hier reden. Aber verteufelt noch mal, wenn man kein andres Gesicht sieht nun schon seit Monaten, immer zusammenhocken muß, man wird sich zum Ekel. Ich glaube, daß es so mit verheirateten Leuten geht. Erst können sie nicht ohne einander auch nur eine halbe Stunde leben, und sobald sie zusammenleben müssen und keiner mehr einen neuen Satz zu reden weiß, den der andre nicht schon hundertmal gehört hat, dann spucken sie sich gegenseitig an und möchten sich vergiften. Das weiß ich von meiner Schwester. Zuerst wollte sie sich ertränken, weil sie ihn nicht kriegen sollte, und als sie ihn eine Weile hatte, wollte sie sich ertränken, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Jetzt ist sie geschieden und will es mit einem andern versuchen.“

„Wieviel denkst du denn, Howard, wieviel es ist, was wir jetzt haben?“ fragte Curtin dann unerwartet.

Der Alte dachte eine Weile nach. Dann sagte er: „So genau läßt sich das nicht berechnen. Wir kriegen das nicht so rein heraus. Da ist immer noch manchmal etwas unreines Metall dazwischen. Aber ich denke, daß wir jeder vierzehn- bis sechzehntausend Dollars geschafft haben.“

„Dann möchte ich den Vorschlag machen,“ sagte Dobbs, „daß wir noch sechs Wochen dreingeben, dann das Camp einebnen und abwandern.“

„Bin ich einverstanden“, warf Curtin ein.

„Länger werden wir ja auch gar nicht zu tun haben“, meinte nun Howard.

„Wenn ich nicht ganz im Irrtum bin, dann werden wir nach vier Wochen bereits so dünn sein, daß es die Arbeit nicht mehr lohnt. Habt ihr gesehen, daß zehn Schritte weiter rauf, wo wir jetzt das Bett ausheben, sich die Erde ändert? Da ist kein Sand mehr. Entweder ist der Fluß an der Stelle von oben den Berg hinuntergefallen, oder er ist aus dem Berge herausgekommen. Das kann man jetzt nicht mehr sehen. Da ist sicher einmal ein Bergrutsch gewesen, und seitdem hat der Fluß einen andern Weg genommen, oder die Quellen und Beibäche haben sich verlegt.“

Der Friede war im Lager wieder eingekehrt. Ein so bitterböser Streit, wie der letzte gewesen war, kam nicht mehr vor. Sie hatten jetzt ein bestimmtes Ziel, einen festgesetzten Tag, an dem sie das Lager aufgeben wollten. Und das veränderte ihre Stimmung und ihr Wesen so vollkommen, daß sie nicht begreifen konnten, wie solche Streitigkeiten überhaupt möglich gewesen waren. Sie beschäftigten sich jetzt damit, den besten Plan zu entwerfen, wie sie hier unauffällig fortkommen und ihre Beute in Sicherheit bringen konnten, wo sie sich niederlassen wollten, und was sie mit dem erlösten Gewinn anzufangen gedachten. Dieses Entwerfen von Plänen gab ihren Gesprächen eine andre Richtung. Sie lebten schon in dem Vorgefühl, wieder in einer Stadt und zwischen allen den Dingen, die Zivilisation bedeuten, zu leben. Und wissend, daß es ja nun nicht mehr lange sein werde, fanden sie sich mit einem Male ganz leicht mit den Gewohnheiten der Mitgenossen ab. Sie sahen in jenen Gewohnheiten nicht mehr das Häßliche, nicht mehr das, was den einen bis zur Wut ärgern konnte, sondern sie wurden nachsichtig gegeneinander. Wenn jetzt der eine vielleicht sich nachhaltig auf dem Kopfe kratzte und dann nachher das Abgekratzte an den Fingernägeln gedankenlos betrachtete, als ob es etwas Genießbares sei, so erfolgte keine hämische Bemerkung des andern, der ja auch seine üblen Gewohnheiten hatte, sondern er sagte lächelnd: „Beißen sie, Curtinken? Na warte, das Fleisch ist gleich fertig geröstet, dann bist du auf diese filzige Mahlzeit nicht mehr angewiesen.“ Worauf dann Curtin, ebenfalls lachend, antwortete: „Es ist gut, daß du mich daran erinnerst, ich muß mir doch diese verfluchte Angewohnheit abgewöhnen, sonst schmeißen mich die Leute vielleicht gar aus dem Hotel hinaus.“

Und je näher der Tag, an dem sie das Camp aufheben wollten, heranrückte, desto besser fingen sie sich an zu vertragen. Howard und Dobbs sprachen sogar schon davon, als Geschäftsteilhaber zusammen zu arbeiten und in Monterrey oder in Tampico ein Kino aufzumachen und gemeinschaftlich zu leiten. Dobbs sollte der künstlerische Leiter sein, also die Filme kaufen, die Vorführungen leiten, die Programme schreiben und die Musik überwachen, während Howard die geschäftlichen Angelegenheiten, die Kasse, die Mieten, die Löhne, die Druckarbeiten, die Reparaturen und die Verschönerungen des Theaters übernahm.

Curtin hatte es nicht so leicht. Er konnte sich nicht schlüssig werden, ob er in Mexiko bleiben oder nach den States zurückkehren solle. In einem Satze hatte er einmal gelegentlich hingeworfen, daß er so etwas Ähnliches wie eine Braut in San Antonio in Texas habe. Er schien sich aber nicht viel daraus zu machen. Wahrscheinlich tat er auch nur so, um nicht mit seiner Braut aufgezogen zu werden. Von Frauen wurde im Camp selten gesprochen, und wenn man schon von ihnen sprach, so geschah es immer im wegwerfenden Sinne. Warum sollte man sich auch mit solchen Gedanken plagen? Man spricht immer im wegwerfenden Sinne von Dingen, die man nicht haben kann. Es wäre auch ziemlich schwergefallen, sich diese drei Männer vorzustellen, daß sie in ihrem Arm eine Frau oder ein Mädchen hätten. Es hätte sich nur um die entlaufene Frau eines Straßenräubers handeln können. Ein anständiges Mädchen hätte sich lieber in einem Sumpfloch ertränkt, als daß sie sich mit einem dieser Männer hier eingelassen haben würde. Wenigstens in dem Zustande, wie sie jetzt aussahen, wie sie sich betrugen, und in welcher Art und Weise sie ihre Gedanken ausdrückten.

Das Gold, das eine schöne und elegante Dame am Finger trägt oder das als Krone einem Kaiser auf seinem Kopfe wackelt, ist meist in recht merkwürdiger Gesellschaft schon gewesen, und es hat viel häufiger sich in Blut gebadet als in Seifenwasser. In allen Fällen hat eine Krone aus Blumen und ein Kranz aus den Blättern eines Baumes eine Herkunft, die edler ist. Die Dauerhaftigkeit des Materials, die Dauerhaftigkeit einer Blumenkrone verglichen mit der Dauerhaftigkeit einer Goldkrone ist nur relativ.

10

Curtin war in der Tienda des Dorfes gewesen und hatte Proviant eingekauft. Es war der letzte Proviant, den sie benötigten, und er sollte reichen bis zu ihrer Abreise. „Mann, wo steckst du nur so lange?“ fragte Howard, als Curtin angeritten kam und sich schickte, den Tragesel abzuladen.

„Ich wollte grade meinen Esel satteln und dir entgegenkommen“, warf Dobbs ein. „Wir dachten, es sei dir etwas zugestoßen. Du hättest doch eigentlich spätestens um zwei Uhr zurück sein müssen.“

Curtin antwortete nicht, sondern lud den Esel ab und brachte die Säcke zum Feuer. Dann setzte er sich nieder, steckte sich eine Pfeife an, gab den Tabak aus den Säcken heraus, verteilte ihn, und endlich sagte er:

„Ich habe verteufelte Umwege machen müssen. Da unten im Dorfe trieb sich ein Bursche herum. Sagt, er sei von Arizona.“

„Was will denn der hier?“ fragte Dobbs.

„Das wollte ich gern erfahren“, erwiderte Curtin. „Aber die Indianer sagten nur, er sei schon ein paar Tage da und lungere herum. Er fragte die Leute, ob hier Minen seien oder Gold oder Silber. Darauf erklärten ihm die Indianer, Minen seien hier nicht, und Gold gäbe es auch nicht hier, auch kein Silber und überhaupt nichts; sie könnten sich grade recht und schlecht ernähren von Mattenflechten und Töpfemachen. Aber dann sagte ihm der blöde Esel von der Tienda, daß da irgendwo in den Bergen ein Amerikaner herumkrieche, der wilde Tiere jage. Er weiß ja nicht, daß ihr auch hier seid, er kennt ja nur mich. Das denke ich wenigstens. Und da hat er ihm gesagt, daß ich zuweilen käme, um Proviant einzukaufen, und daß ich wohl jetzt in dieser Woche kommen würde. Da hat dann der Bursche aus Arizona gesagt, er wolle auf mich warten.“

„Und da hat dieses dreckige Vieh auch richtig gewartet?“

„Ja, das hat er. Als ich da unten ankam, fiel er mich gleich an, was ich hier täte, ob „was zu machen sei“, ob hier nicht mächtig viel Gold wäre, und all solchen Unfug. Ich war ziemlich kurz angebunden und gab kaum Antwort.“

„Hast du ihm nicht ordentlich etwas vorgesohlt?“ fragte Dobbs.

„Das habe ich. Wenn ich überhaupt antwortete, so habe ich ihm saubere Geschichten geliefert. Aber das half alles nichts. Er wollte durchaus mit zu meinem Camp kommen. Er meinte, hierherum müsse unbedingt Gold sein, er sähe es aus dem Lauf der ausgetrockneten Flüsse, aus dem heruntergeschwemmten Sand und aus Brocken, die vom Gebirge oben abgespalten und heruntergestürzt seien.“

„Das ist ein großer Mann,“ sagte Howard, „wenn der aus solchen Dingen sehen kann, daß hier Gold sein müsse.“

„Gar nichts weiß der Bursche“, fiel Dobbs ein. „Das ist ein Spion, da bin ich ganz sicher. Entweder ein Spion von der Regierung wegen der Taxe, oder er ist ein Spion von den Banditen, die uns auf der Rückwanderung aufheben wollen. Wenn sie auch gar nicht an Gold denken, aber wir haben doch Esel und Werkzeuge und Kleidungsstücke, Messer, Revolver und Felle, wie sie glauben. Das ist alles Wert. Da lohnt es sich schon, uns anzufallen.“

„Nein,“ sagte Curtin, „ich glaube nicht, daß er ein Spion ist. Ich glaube, er ist wirklich hinter Gold her.“

„Hat er denn eine Gräberausstattung?“ fragte Howard.

„Ich habe keine gesehen. Er hat ein Maultier, auf dem er reitet, eine Decke, einen Kaffeekessel, eine Pfanne und einen Sack, wo er wahrscheinlich noch ein paar Lumpen drinhaben mag. Das ist alles.“

„Mit seinen Fingern kann er das Gold nicht rausbuddeln“, sagte Dobbs. „Vielleicht hat man ihm die Werkzeuge gestohlen, oder er hat sie verkaufen müssen. Aber was haben wir denn mit diesem Windhund zu tun?“

Curtin kratzte sich am Kopf und wollte sich dann die Fingernägel betrachten. Als er aber bemerkte, daß Dobbs und Howard ebenfalls auf seine Fingernägel guckten, ließ er die Hand sinken und nahm sich wieder einmal vor, es nicht mehr zu tun. Dobbs und Howard jedoch hatten diesmal nicht deshalb auf seine Fingernägel geschaut, um ihn daran zu erinnern, daß er in wenigen Tagen auf dem Rückwege zur Zivilisation sei. Sie hatten vielmehr aus reiner Gedankenlosigkeit die altgewohnte Bewegung Curtins verfolgt. Man darf es auch nicht einmal Gedankenlosigkeit nennen. Ihre Gedanken waren mit dem geheimnisvollen Burschen aus Arizona beschäftigt, und sie hatten das unklare Empfinden gehabt, als ob dadurch, daß Curtin sich seine Fingernägel betrachte, wie er es gewohnt sei, sich das Geheimnis, das jenen Burschen umgab, lüften könne.

Curtin stierte ins Feuer. Dann sagte er: „Ich konnte nichts aus ihm machen. Er sieht nicht so aus, als ob er von der Regierung oder von den Banditen sei. Er sieht ziemlich unschuldig aus, als ob er das, was er sage, auch wirklich meine. Aber wir haben schon etwas mit ihm zu tun, wenn Dobbs auch glaubt, wir haben es nicht. Er ist mir gefolgt. Er fragte erst, ob er nicht mit in mein Camp kommen könne. Das habe ich ihm verweigert. Dann ist er hinter mir hergeritten. Ich bin stehengeblieben und habe ihn abgewartet. Dann habe ich ihm gesagt, er solle sich zum Teufel scheren und mich nicht belästigen. ‚Ich will Sie ja aber gar nicht belästigen,‘ sagte er darauf, ‚ich will nur ein paar Tage in Gesellschaft sein, ich bin schon ganz verrückt, immer so hier im Gebirge herum und immer nur mit diesen Indianern. Ich möchte ein wenig sprechen und ein paar Abende mit einem weißen Burschen am Feuer sitzen. Dann gehe ich wieder.‘ Da habe ich ihm gesagt, er solle sich einen andern Kameraden suchen, ich wolle nichts mit ihm zu tun haben. Strolch konnte ich ja nicht gut sagen, er hätte es mir wiedergeben können, wie wir schon aussehen.“

„Wo ist er denn jetzt?“ fragte Howard.

„Er ist doch nicht etwa hier?“ sagte Dobbs und drehte sich um.

„Das glaube ich nicht“, erwiderte Curtin. „Ich machte alle möglichen Umwege und Windungen durch das Gebüsch. Aber wenn ich den Weg übersehen konnte, sah ich immer, daß er auf dem richtigen Wege hierher war. Wäre ich zu Fuß gewesen, hätte ich ihn völlig abgeführt. Aber nun versuche das einmal, wenn du zwei Esel hast. Es ist ja auch nur nötig, daß er weiß, daß hier jemand im Gebirge haust, und wenn er die Richtung nur ungefähr weiß, so muß er heute oder morgen oder übermorgen auf uns stoßen. Das wird er sicher. Es ist nur eine Frage: Was tun wir mit dem Manne, wenn er hier auftaucht? In seiner Gegenwart können wir nicht zur Mine.“

„Das ist eine böse Sache, eine sehr böse Sache“, sagte Howard. „Wenn es ein Indianer wäre, das wäre nicht so schlimm. Der bleibt nicht, der geht wieder zu seinem Dorfe, zu seiner Familie. Aber dieser Bursche klebt wie Pechpflaster. Der riecht auch gleich, daß hier was los ist. Denn warum sollen sich denn gerade hier drei Weiße verkriechen? Hier im Gebirge? Wir können ihm nur erzählen, daß wir drei Raubmörder seien, die sich hier verborgen halten müssen. Aber wenn er dann runtergeht, kriegen wir ein Regiment Soldaten her, und dann ist es aus mit unsern schönen Zukunftsplänen. Und wenn da ein Offizier unter den Soldaten es wirklich glaubt von wegen den Raubmördern, läßt er uns vielleicht gar auf der Stelle niederknallen, um ganz sicher zu sein, daß wir ihm nicht entwischen.“

„Es ist ganz einfach“, sagte nun Dobbs. „Mit dem Burschen werden wir rasch fertig. Wenn er kommt, sagen wir ihm, er möge sich sofort hier aus der Gegend fortscheren, und wenn wir ihn noch einmal hierherum sähen, würden wir ihn mit Blei laden.“

„Das wäre eine rechte Eselei“, meinte Howard. „Dann geht er runter, redet unten dummes Zeug, trifft vielleicht gar irgendwo Landpolizei, und wir haben hier den schönsten Bockmist. Dann kannst du ihm auch ebensogut erzählen, daß wir entsprungene Sträflinge von der Heiligen Maria sind.“

„Well, bleibt eben nur der grade Weg.“ Dobbs sah entschlossen aus. „Sobald er kommt, wird er geknipst und fertig. Oder wir hängen ihn an den Baum da drüben und schälen die Rinde ab. Dann haben wir Ruhe.“

Eine Weile sagte niemand etwas zu diesem Vorschlag.

Howard stand auf, sah nach den Kartoffeln, einem unerhörten Luxus, stach darin herum, setzte sich wieder und sagte: „Das mit dem Abknipsen wäre eine Dummheit. Er ist vielleicht ein ganz unschuldiger Tramp, der lieber durch Gottes weite Welt zieht und zu seinem lieben Schöpfer betet dadurch, daß er sich an all dem so recht von Herzen erfreut, was da um ihn herum Schönes zu sehen ist, als daß er sich in den Ölfeldern oder in den Minen abrackert für einen Drecklohn. Und so einen unschuldigen Vagabunden abzuknipsen wäre ein Verbrechen.“

„Wir wissen doch aber nicht, ob er unschuldig oder ein Gauner ist“, protestierte Dobbs.

„Es kann auch herauskommen“, sagte Howard.

„Ich möchte wissen, wie?“ Dobbs wurde nur noch mehr überzeugt, daß sein Plan der beste sei. „Wir graben ihn ein, niemand findet ihn. Wenn die unten erzählen, sie hätten ihn hinaufgehen sehen, wir haben ihn nicht ankommen sehen, damit fertig. Wir können ihn ja auch dort die Schlucht hinunterpfeffern. Kann auch von selber runtergefallen sein.“

„Willst du das machen?“ fragte Howard.

„Warum ich? Wir können ja ein Hölzchen ziehen, wer es zu machen hat.“

Der Alte grinste. „Ja, und der, der es gemacht hat, kann dann sein ganzes Leben vor den beiden andern, die es gesehen haben, auf dem Bauche rutschen. Das ist alles so schön und gut, wenn man ganz allein ist. Aber hier, wie die Dinge liegen, ich jedenfalls sage: Nein.“

„Ich sage auch: Nein.“ Endlich hatte sich auch Curtin wieder in das Gespräch gemischt. „Das ist alles zu teuer, alles zu dumm. Wir müssen etwas andres finden.“

„Bist du denn überhaupt so ganz sicher, ob er dir folgt und ob er hier heraufkommen wird?“ fragte Howard.

Curtin sah vor sich nieder und sagte resigniert: „Ich bin durchaus überzeugt, daß er kommt, und daß er uns auch findet. Er erweckte ganz den Anschein, als ob er –.“ Hier hob Curtin die Augen, sah nach der schmalen Lichtung im Gehölz und sagte mit müder Stimme: „Da steht er schon.“

Weder der Alte noch Dobbs fragte „Wo?“ Sie waren so überrascht, daß sie sogar vergaßen, einen Fluch locker zu machen. Sie folgten den Augen Curtins, und in dem Schatten der hereinbrechenden Nacht, von dem Schein des Lagerfeuers ungewiß beleuchtet, stand der Fremde. Neben sich, am Zügel haltend, hatte er sein Maultier.

Er stand ganz still, rief nicht das übliche „Hallo!“ herüber, rief auch nicht „H’ye“ (How do you do?) und bot auch keinen Abendgruß. Er stand nur da und wartete. Stand da wie ein hungernder Mann, der zu stolz ist, um für irgend etwas zu betteln.

Als Curtin von dem Manne, den er unten im Dorfe getroffen hatte, erzählte, machte sich jeder der beiden Zuhörenden eine bestimmte Vorstellung von dem Aussehen des Mannes. Sowohl Howard als auch Dobbs hatten sich den Mann völlig anders vorgestellt. Dobbs hatte sich einen Mann gedacht mit den rohen, halbvertierten Gesichtszügen eines Vagabunden in den Tropen, der sein Leben fristet von Straßenraub, und der vor keinem Mord zurückschreckt, wenn er ihn um seiner eignen Sicherheit willen oder einer besseren Beute wegen für notwendig hält.

Howard dagegen dachte sich den Fremden als den üblichen Goldsucher, robust, wetterfest, Gesicht wie Leder, Hände wie ausgetrocknete Baumwurzeln, keine Gefahr fürchtend und keine Hindernisse kennend, um kein Mittel verlegen, den Sinn und alle Gedanken stier und hartnäckig auf das einzige Ziel gerichtet, Gold zu finden und es rücksichtslos auszubeuten. Er hatte die Vorstellung eines grundehrlichen Goldsuchers von gutem Schlage, der niemals ein Verbrechen begehen wird und einen Mord nur dann verübt, wenn es der Verteidigung seiner Mine oder seiner Beute gilt.