Chapter 3 of 20 · 3916 words · ~20 min read

Part 3

Barber und Dobbs atmeten erleichtert auf. Das war die Wahrheit. Der Mann wollte nur Arbeit suchen gehen, genau so wie sie. Er sah auch gar nicht so aus, als ob er ein Bandit wäre.

Um aber auch den letzten Rest von Mißtrauen in sich zu verscheuchen, fragte Dobbs: „Warum gehen Sie denn nicht allein? Warum rennen Sie denn hinter uns her?“

„Ich sitze da schon drei Tage von frühmorgens bis zum Abend, da am Ende der Stadt und warte auf Weiße, die zu den Camps gehen wollen.“

„Sie finden den Weg doch auch allein?“

„Das schon“, sagte der Mann. „Aber ich fürchte mich vor den Tigern und Löwen. Es gibt hier so viele. Da mag ich nicht allein gehen. Die könnten mich auffressen.“

„Ich glaube nicht, daß wir selbst so sicher vor den Tigern sind“, meinte Dobbs.

„Doch“, erwiderte der Indianer. „Die mögen Weiße nicht. Die gehen lieber auf Indianer. Aber wenn ich in Gesellschaft gehe, dann kommen sie nicht und fressen mich auch nicht.“

Nun lachten Barber und Dobbs über ihre eigne Angst, die sie gehabt hatten, als sie so erfahren mußten, daß der Indianer, vor dem sie sich gefürchtet hatten, mehr Furcht hatte als sie.

Der Indianer lief jetzt mit ihnen. Er redete kaum und trottete nebenher oder hinterdrein, gerade wie es der Weg zuließ.

Kurz vor Sonnenuntergang kamen sie an ein Indianerdorf, und sie gedachten hier in einer der Hütten zu übernachten. Die Indianer sind sehr gastfreundlich, aber jeder wies die drei zu dem Nachbar, immer mit der Entschuldigung, daß sie keinen Platz hätten. Das Dorf hatte nur ein paar Hütten. Und auch der letzte der Dorfbewohner, den sie aufsuchten, konnte sie nicht aufnehmen.

Er machte ein besorgtes und ängstliches Gesicht und sagte: „Es ist besser, Sie gehen zum nächsten Dorf. Das ist ein großer Ort mit mehr als dreißig Hütten. Da werden Sie alle gut aufgenommen.“

„Wie weit ist denn das?“ fragte Dobbs mißtrauisch.

„Weit?“ sagte der Indianer. „Das ist gar nicht weit. Das sind nur eben zwei Kilometer. Da sind Sie dort lange vor der Nacht. Die Sonne ist ja noch nicht ganz unter.“

Es blieb nichts andres übrig, sie mußten auf das nächste Dorf losgehen. Sie wanderten zwei Kilometer, aber von einem Dorfe war nichts zu sehen. Sie liefen zwei Kilometer mehr, und immer noch nicht war ein Dorf in Sicht.

„Der hat uns schön angeschwindelt“, sagte Barber ärgerlich. „Ich möchte nur wissen, warum die uns nicht dabehalten wollten und uns hier in die Wildnis hinausgeschickt haben?“

Dobbs, nicht weniger ärgerlich, sagte: „Ich kenne ja die Indianer auch ein wenig. Und ich hätte es besser wissen sollen. Die machen es sonst nie, daß sie jemand fortweisen. Aber die haben Furcht vor uns gehabt. Das ist der ganze Grund. Wir sind drei Mann und können die Familien nachts in der Hütte leicht erschlagen.“

„So ein Unsinn“, erwiderte Barber. „Warum sollten wir denn die armen Teufel erschlagen. Die haben ja selber nichts, vielleicht noch weniger als wir.“

„Die haben aber Furcht. Da ist nichts dagegen zu machen. Die beurteilen ihre Werte, die sie haben, ja ganz anders als wir. Da ist ein Pferd oder zwei oder eine Kuh oder ein paar Ziegen. Das ist alles hoher Wert. Wir können doch Banditen sein. Wer sagt ihnen denn, daß wir keine sind. Und vor Banditen haben sie eine Höllenangst.“

Barber nickte und sagte dann: „Das ist alles gut. Aber was nun? Wir sitzen jetzt hier mitten im Busch, und in zehn Minuten ist stockdunkle Nacht.“

„Bleibt uns eben nichts andres übrig, als hier haltzumachen.“ Dobbs sah keinen andern Ausweg. „Ein Dorf ist hier sicher nicht allzu weit. Der Weg ist befahren, und Kuhdreck liegt auch herum und Pferdeäppel. Aber das Dorf kann noch eine Stunde weit sein. In der Nacht können wir nicht gehen. Da kommen wir vom Wege ab und landen vielleicht in irgendeinem Sumpf oder in einem Dickicht, wo wir nicht mehr rausfinden. Und wenn wir auch in das Dorf kommen, die hetzen uns die Hunde auf den Hals. Um diese Zeit ist es ganz und gar verdächtig, wenn da drei Mann in das Dorf kommen und Unterkunft haben wollen.“

Mit einigen Zündhölzern suchten sie den Boden ab, um einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Aber da waren nur dicke Kakteen und andre Stachelgestrüppe. Auf dem Boden selbst kroch alles mögliche Getier herum, das ein Ruhen oder gar Schlafen verhindert hätte. Nun hatte der Indianer auch noch von Tigern und Löwen gesprochen, die hier in dieser Gegend frei herumliefen. Der Indianer mußte es ja wohl wissen, denn er war ja aus dieser Gegend.

Sie standen eine Weile herum, dann wurden sie müde vom Stehen und legten sich doch hin. Dobbs lag neben Barber. Aber kaum lagen sie zwei Minuten, da drängte sich der Indianer zwischen sie wie ein Hund. Ganz vorsichtig und langsam, aber nachdrücklich. Er fühlte sich nur sicher, wenn er zwischen den beiden Weißen lag; denn der Tiger wird ja nicht gerade den mittelsten wählen, sondern den, der außen liegt. Und für die eine Nacht wird er an dem einen ja wohl genug haben.

Dobbs und Barber waren aber mit dieser Platzverteilung nicht einverstanden. Sie preßten und pufften an dem Indianer herum, daß er einen blauen Fleck neben dem andern haben mußte. Aber er ließ sich das ruhig und widerspruchslos gefallen. Hatten sie ihn endlich mit Fäusten und Füßen aus ihrer Mitte herausgeschoben, so wartete er eine Weile, bis er glaubte, sie seien am Einschlafen. Und es brauchte sich nur der eine oder der andre ein wenig mehr auf die Seite zu legen und so einen schmalen Spalt zwischen beiden zu öffnen, sofort schob er sich wieder dazwischen und würgte so lange, bis er der ganzen Länge nach wieder regelrecht zwischen beiden lag. Sie gaben schließlich den Kampf auf, weil es ganz vergebens war.

Barber wachte auf durch irgendein Kriechtier, das ihm über das Gesicht gelaufen war. Er setzte sich aufrecht und strich sich den Körper ab. Aber er fand nichts weiter. Während er nun so saß und in das Singen und Zirpen des nächtlichen Busches hineinlauschte, schreckte er plötzlich zusammen.

Er hörte ganz deutlich ein Heranschleichen von vorsichtigen Tritten. Es war kein Zweifel, es waren die Tritte eines großen Tieres. Sobald er die Tritte wieder gehört hatte und überzeugt war, daß er sich nicht täuschte, rüttelte er Dobbs auf.

„Was ist denn los?“ fragte Dobbs schläfrig.

„Da ist ein Löwe oder ein Tiger auf der Fährte. Gleich hinter uns.“

„Ich glaube, Sie träumen“, sagte Dobbs, langsam wach werdend. „Ich glaube nicht, daß ein Tiger herankommt und sich an uns wagt.“

Er lauschte nun ebenfalls. Als er das Geräusch hörte, sagte er, sich weiter aufrichtend: „Das scheint doch so, als ob Sie recht haben. Das ist ein großes Tier. Ein Mensch schleicht nicht zur Nachtzeit hier umher. Der hat mehr Angst als wir. Das ist ein Tier, die Tritte sind ziemlich schwer.“

Ob der Indianer schon die ganze Zeit wach gelegen hatte oder jetzt erst aufwachte, war nicht ganz klar. Jedenfalls dachte er, daß er am sichersten sei, wenn er sich nicht melde und ruhig hier zwischen den beiden liegenbleibe. Nun aber richtete er sich mit einem Ruck auf, und gleich stand er. Sein Gesicht konnte man nicht erkennen, denn es war stockfinster. Aber sicher war es von Furcht verzerrt. Aus dem Tonfall seiner Stimme konnten die beiden andern fühlen, wie sein Gesicht wohl jetzt aussehen müsse.

„Da ist ein Tiger, gleich da dicht bei uns“, sagte er mit bebender Stimme. „Nun sind wir alle verloren. Der wird gleich losspringen. Der steht da drüben im Gebüsch und lauert.“

Dobbs und Barber blieb der Atem stecken. Der Indianer kannte den Schritt und den Geruch eines Tigers, er gehörte ja zu diesem Lande.

„Was machen wir da nur?“ fragte Dobbs.

„Am besten, wir schreien und machen großen Lärm“, riet Barber.

„Das ist nicht gut. Daraus macht sich ein Tiger nichts. Das lockt ihn erst noch mehr und rascher an.“

Atemlos standen die drei da und lauschten auf die Schritte. Minutenlang hörten sie nichts, dann wieder vernahmen sie einen oder zwei Tritte.

„Ich weiß einen Ausweg“, sagte mit leiser Stimme Dobbs. „Wir klettern auf einen Baum. Da sind wir am sichersten.“

„Tiger klettern auch auf Bäume“, sagte darauf Barber ebenso leise. „Das sind doch Katzen, die klettern und springen wie nichts.“

„Das ist aber der sicherste Platz.“ Dobbs bestand auf seinem Plan.

Er tastete sich vorsichtig herum und kam auch nach zwei Schritten zu einem Mahagonibaum. Ohne noch lange zu überlegen, begann er hochzuklimmen.

Kaum hatte der Indianer gemerkt, was los sei, sofort war er auch an dem Baum, nur um nicht der Letzte und Unterste sein zu müssen. Er folgte Dobbs ziemlich rasch nach auf den Baum. Seine Basttasche hatte er aber mitgenommen.

Barber wollte nicht allein hier unten zurückbleiben, und so kletterte er endlich auch nach.

Hier oben, nachdem sie sich so eingenestelt hatten, wie das in der Dunkelheit nur möglich war, atmeten sie das erstemal wieder ein wenig auf und betrachteten ihre Lage ruhiger. Sie fühlten sich nun doch sicherer hier als auf dem Boden. Barber hatte ganz recht, als er sagte: „Unten kann der Tiger einen wegschleppen. Hier kann man sich festhalten.“

„Festhalten, ja“, meinte Dobbs. „Aber ein Bein oder einen Arm nimmt er mit.“

„Besser, als wenn man ganz mit muß“, sagte Barber.

Die Müdigkeit wurde größer und die Furcht geringer. Der Indianer war wieder in der Mitte, unter sich hatte er Barber, über sich Dobbs. Er fühlte sich am geborgensten. Sie hatten sich alle drei mit ihren Leibgürteln an einem Ast festgeschnallt, um zu verhüten, daß sie etwa im Schlaf hinunterfielen.

Es war eine lange Nacht, oft unterbrochen von schweren Träumen und von halbwachen Visionen. Endlich aber wurde es Morgen.

Beim hellen Licht der Sonne sah alles sehr natürlich aus, nichts von dem Grauen und den wilden Vorstellungen der Nacht war geblieben. Sogar der Erdboden sah viel einladender aus, als er in der Nacht erschienen war. Nur dreißig Schritte weiter lag eine Grasfläche, die traulich durch die Bäume leuchtete.

Die drei setzten sich nieder und frühstückten jeder eine Zigarette. Der Indianer brachte ein paar trockene Tortillas zum Vorschein, von denen er den beiden je eine abgab.

Während die drei nun dasaßen und rauchten und kauten, gerade einmal nicht redeten, hörten sie wieder die Tritte des Tigers. Alle drei schreckten gleichzeitig auf. Diese Art der Tritte kannten sie so genau, als ob sie die Tritte ihres nächsten Verwandten seien. Sie würden sie nach zehn Jahren noch genau so wiedererkannt haben wie heute; denn sie waren in jede Fiber ihres Körpers eingedrungen und hatten sich dort festgesetzt.

Am hellen lichten Tage ein Tiger. Warum nicht? Aber so dicht in der Nähe von drei Menschen? Das war denn doch zu ungewöhnlich.

Dobbs hatte sich umgedreht in der Richtung, von woher die Tritte in der Nacht gekommen waren und auch jetzt kamen. Er lugte durch die Bäume, sah rüber auf die Grasfläche, und dort war der Tiger.

Jetzt konnten ihn alle drei deutlich sehen. Der Tiger graste und war an einen Baumstumpf mit einer langen Leine angebunden, damit er nicht entlaufen solle. Es war ein harmloser Tiger, der froh war, wenn man ihm nichts tat und ihm sein Gras gönnte. Es war ein Esel.

Der Indianer sagte nichts darauf. Er wußte genau, daß er in der Nacht einen Tiger gehört hatte, und er kannte Tiger.

Dobbs und Barber sahen sich an. Sie sagten kein Wort, aber sie wurden beide rot im Gesicht. Dann lachten sie, als ob sie bersten wollten.

Endlich sagte Dobbs: „Um eins bitte ich Sie, Mensch, erzählen Sie das niemand. Wir können uns sonst nirgends wieder sehen lassen.“

3

Das Dorf, von dem die Indianer vergangenen Abend gesprochen hatten, war nur kaum zwanzig Minuten entfernt. Daß hier ein Esel angebunden war und graste, bewies ja schon genügend, daß ein Dorf nicht weit sein könne. Aber man kann sich auch täuschen, denn es kann der Esel eines Holzfällers oder eines Kohlenbrenners sein.

In dem Dorf bekamen sie etwas zu essen, Bohnen, Tortillas und Tee aus Zitronenblättern. Spät am Nachmittag kamen sie in das erste Camp. Dobbs ging gleich zu dem Aufseher, aber es war keine Stelle frei.

„Wollen Sie essen?“ fragte der Aufseher.

„Ja“, sagte Dobbs. „Wir möchten auch gern übernachten hier, wenn es geht.“

„Es wird sich wohl auch dafür ein Plätzchen finden“, sagte der Aufseher und ging wieder in seine Baracke, nachdem er zur Küchenbaracke rübergewinkt hatte.

Der Indianer ging den beiden nicht vom Halse. Er heftete sich an sie, als sei er an sie angebunden. Als sie nun rüberkamen zur Küche, guckte sie der chinesische Küchenvorsteher an, und dann entschied er, daß sie in der Küche zu essen hätten. Es war des Indianers wegen. Wären Dobbs und Barber allein gewesen, so hätten sie in dem Speiseraum für die weißen Arbeiter gegessen. Mit dem Indianer ging das nicht, weil die ihre eigene Küchenbaracke haben.

„Den Mann müssen wir uns vom Halse schaffen“, sagte Dobbs kauend. „Wir können doch nicht mit ihm in all den Camps herumziehen. Das geht so nicht mehr.“

„Morgen früh werden wir ihn heimjagen“, erwiderte Barber, der sich den Appetit nicht verderben wollte dadurch, daß er jetzt Pläne entwarf.

Später gingen Dobbs und Barber zu den Arbeitern, um zu hören, was hier oder in den Nachbarcamps los sei.

„Nichts ist los“, sagte ein langer Schwede. „Alles tote Brunnen. Vier haben Salzwasser, zwei haben Sand und acht nichts als Lehm. Bauen alle ab. Braucht gar nicht weiterzugehen. Weiter runter nach Süden wird wieder neu gebohrt. Aber da könnt ihr von hier aus nicht hin. Da müßt ihr über Panuco, oder ihr könnt auch über Ebano, da kommt ihr in den andern Distrikt.“

Sie fanden Schlafgelegenheit in einem Lagerschuppen auf alten Säcken, wo sie vor Eseln sicher waren, und den Schlaf, den sie der Tiger wegen in der vergangenen Nacht verloren hatten, nachholten.

Es gab am Morgen auch noch ein leichtes Frühstück, und dann marschierten sie ab.

„So, ehe wir nun noch zu den zwei andern Camps gehen, wo vielleicht was los ist oder wo wir wenigstens unser Essen holen können, müssen wir den Indianer umbringen“, sagte Dobbs, als sie eine halbe Stunde vom Camp fort waren.

„Hören Sie,“ redete Dobbs den Indianer an, „wir gehen jetzt allein. Wir können Sie nicht gebrauchen.“

Ängstlich blickte der Indianer auf und sagte: „Aber die Tiger, Senjor!“

„Das müssen Sie mit den Tigern allein abmachen“, mischte sich nun Barber ein. „Wir wollen Sie los sein.“

„Ja, das ist richtig,“ sagte Dobbs, „und wenn Sie nicht freiwillig gehen, dann setzt es was, aber etwas Kräftiges.“

Unschlüssig stand der Indianer da. Er dachte nicht daran, zu bitten oder zuzureden. Die beiden hatten gesagt, er solle sich seiner Wege scheren, und damit hatte er sich zufrieden zu geben. Ob er verstand, daß er ihnen lästig sei, ob er begriff, daß die beiden durchaus im Recht seien, sich die Reisegesellschaft zu wählen, die ihnen zusagte, wurde nicht klar. Er stand da und sagte nichts.

Dobbs und Barber gingen los. Aber wie ein verstoßener Hund, der sich von seinem Herrn nicht trennen kann, folgte der Indianer hinter ihnen her. Anhänglichkeit oder Treue oder irgendein ähnliches Gefühl leitete ihn nicht. Er war ein ganz nüchterner Materialist. Er wußte, daß die beiden zu den Ölfeldern gehen; er wußte, daß die beiden immer zu essen bekommen; und er wußte endlich, daß, wenn er sich an sie anhänge, er nie verhungern könne. Ginge er allein, so würde er in keinem Camp auch nur eine Krume bekommen, kaum von seinen eignen Rasseangehörigen, die dort zu Dutzenden in jedem Camp arbeiteten. Die Furcht vor den Tigern war echt. Zu den Camps wollte er unter allen Umständen, um wegen Arbeit zu fragen; aber allein zu gehen oder mit einem andern Indianer traute er sich nicht. Er kannte die Schrecken des Busches und des Dschungels besser als die Weißen.

Nachdem die beiden eine halbe Stunde gegangen waren, drehte sich Barber um und sagte: „Da kommt dieser braune Teufel doch wieder hinter uns hergeschlichen.“

Dobbs nahm Steine auf und begann den Indianer mit Steinen zu bombardieren. Aber der Indianer ging den Steinen gut aus dem Wege und blieb jetzt nur noch weiter zurück, um nicht getroffen zu werden, wenn Dobbs oder Barber ab und zu unversehens einen Stein aufnahmen und ihn auf den Indianer lospfefferten.

„Den werden wir nicht los“, sagte Barber. „Ich weiß kein Mittel mehr.“

„Erschlagen wie eine kranke Katze“, sagte Dobbs wütend, während er wieder einen Stein nahm und ihn nach dem Indianer feuerte.

Richtig, als sie im nächsten Camp ankamen, trottete der Indianer wieder mit ihnen in die Küchenbaracke und bekam seine Portion Essen mit. Der Aufseher machte ein merkwürdiges Gesicht, als er den Indianer hinter den beiden herziehen sah.

Dobbs und Barber erzählten dem Aufseher, daß der Indianer immer hinter ihnen herlaufe, aber der Aufseher zuckte mit den Schultern. Er wußte nicht recht, was er aus den beiden machen sollte, die mit einem Indianer durch die Camps ziehen.

Hier im Camp hatten die beiden den Indianer schön zur Seite, um ihn gründlich zu verprügeln. Aber hier konnten sie es nicht tun. Der Aufseher würde alle drei sofort aus dem Camp verweisen lassen, wenn sie sich zu prügeln anfingen. Und in der Nacht draußen sein im Busch war das letzte, was sich Dobbs und Barber wünschten.

So ging es auch den folgenden Tag. Der Indianer trottete immer getreulich hinter ihnen her, stets aus der Schußweite bleibend, und gegen alles, was die beiden sagten, war er so stumpf, daß nichts mit ihm anzufangen war. Er klebte fest an ihnen.

Da endlich kamen die beiden zu einer Entscheidung. Hier in den Camps herum war sowieso kaum irgendeine Arbeit zu erwarten, und so beschlossen sie, auf dem kürzesten Wege zurück zur Stadt zu gehen. Es war die einzige Möglichkeit, den Indianer loszuwerden.

Gegen Abend kamen sie nach Villa Cuauhtemoc, wo sie den Indianer an der Straße zu den Feldern getroffen hatten. Er war nicht verwundert, daß die Reise schon zu Ende sei. Er hockte sich wieder auf seinen Platz, wo er vor drei Tagen gesessen hatte. Und dort wartete er auf neue Opfer, die zu den Camps gehen wollten.

Dobbs und Barber gingen am selben Abend zurück zum Flußufer. Übersetzen konnten sie nicht mehr. Sie schliefen hier auf dieser Seite des Flusses unter einem breitästigen Baum, wo sie noch drei andre Schlafgäste antrafen, die hier schon seit vier Wochen ihr Leben fristeten, im Freien unter diesem Baum schliefen und ihre Mahlzeiten von den Tankschiffen bezogen. Es gab hungrige Tage, und es gab fette Tage. Es gab Tage, wo sie auf keinem Schiff auch nur einen Bissen Brot erhielten, und es gab wieder Tage, wo sie auf drei oder vier Schiffen zu Mittag oder zu Abend essen gehen konnten. Es war das reine Lotteriespiel.

Am nächsten Morgen setzten die beiden mit der Fähre rüber zur Stadt. In den paar Tagen, die sie fortgewesen waren, hatte sich in der Stadt nichts geändert. An der Bank, vor dem Imperial, vor den Speiserestaurants, in denen die Ölleute verkehrten, trieben sich noch genau die gleichen Burschen herum, die zwei, drei, sechs Wochen vorher dort gewesen waren und ihre Sprüchlein hergesagt hatten.

Barber ging wieder seine eignen Wege, und Dobbs war in der Zwischenzeit nur um das klüger geworden, daß in den Ölfeldern die Arbeit ebenso knapp sei wie hier. Diese Erfahrung war etwas wert. Man machte sich keine Vorwürfe, daß man nicht jede Gelegenheit, die sich einem böte, mit beiden Händen ergriffe. Mehr konnte man nicht tun, als daß man der Arbeit nachlief, wo immer welche auftauchte. In den Feldern war keine und hier war keine.

Aber eines Morgens bekam Dobbs etwas zu tun. Maschinenteile verladen. Es war schwere Arbeit, und es gab nur drei Pesos den Tag, von denen sich nichts ersparen ließ. Nach fünf Tagen war auch diese Arbeit beendet. Er stand dann eines Tages an der Fähre, die hinübergeht zu dem Bahnhof für die Bahn nach Panuco. Da kamen fünf Leute gelaufen, die es sehr eilig zu haben schienen.

Einer von den Leuten, ein untersetzter, knorriger Mann, sah Dobbs dastehen. Er hielt an, sagte ein Wort zu seinen Begleitern und rief dann rüber zu Dobbs: „Sie, he! Suchen Sie Arbeit?“

„Ja“, rief Dobbs und kam einen Schritt näher.

„Kommen Sie her! Flink! Ich habe Arbeit für Sie, wenn Sie tüchtig zupacken können.“

Dobbs war jetzt ganz dicht herangekommen.

„Ich habe da einen Kontrakt übernommen, ein Camp aufzuriggen. Ein Mann ist mir ausgeblieben. Wird Fieber haben oder Malaria. Weiß ich nicht. Kann nicht auf den Jungen warten. Sie können an seine Stelle treten.“

„Gut, mache ich. Was wird gezahlt?“ fragte Dobbs.

„Ich zahle acht Dollars den Tag. Verpflegung geht ab. Macht einsachtzig oder zwei, weiß ich noch nicht. Sechs Dollars bleiben Ihnen klar in der Tasche. He? Was ist?“

„Ich komme mit.“ Dobbs, der zehn Minuten vorher einer Beschäftigung, die nur zwei Dollars den Tag brachte, nachgelaufen wäre wie eine hungrige Katze, ist jetzt so, als ob er dem Contractor einen Gefallen erwiese, wenn er mitginge.

„Da müssen Sie aber gleich kommen, auf der Stelle“, sagte nun der Contractor hastig. „So wie Sie da sind. Ihre Sachen zu holen, dazu haben wir keine Zeit. Der Zug nach Panuco fährt in einer Viertelstunde, und wir müssen noch übersetzen. Also los, los! Hurtig, abgefegt!“

Er packte ihn am Ärmel und zerrte ihn hinter sich her zur Fähre.

4

Pat McCormick, der Contractor, war Amerikaner irischer Herkunft. Er war nicht mehr sehr jung. Den größten Teil seines Lebens hatte er in den Ölfeldern von Texas und Mexiko verbracht. Er hatte gearbeitet als Driller, als Tooldresser, als Truckdriver, als Teamster, als Timekeeper, als Bodegaman, als Pumpman und noch in allen möglichen andern Zweigen, die in den Ölfeldern vorkommen mögen. In den letzten Jahren arbeitete er mehr selbständig. Er übernahm das Aufriggen der Camps. Und diese Arbeit übernahm er in Kontrakt. Er machte seinen Preis, nachdem er die Stelle, wo das Camp errichtet werden sollte, sorgfältig geprüft hatte. Diese Vorprüfung vorteilhaft auszuführen, erforderte grade die lange Erfahrung, die er besaß. Es kam darauf an, wie weit das Camp von der nächsten Eisenbahnstation lag, wie weit von der nächsten Straße, auf der man noch mit Lastautos fahren konnte, ob es Busch oder Dschungel oder Prärie war, wo das Camp errichtet wurde. Ob Wasser in der Nähe war, ob es billige Hilfsarbeiter unter den Eingeborenen in jener Gegend gab, alles mußte vorgesehen werden, ehe der Preis festgesetzt wurde. War der Preis zu hoch, übergab die Kompanie den Kontrakt vielleicht einem andern; war der Preis zu niedrig, verlor der Contractor von seinen Ersparnissen. Aber die amerikanischen Kompanien sind nicht knickrig; wenn es ihnen bewiesen wurde, daß Umstände vorlagen oder eintraten, die eine Erhöhung der Kontraktsumme nötig machten, zahlten sie bereitwillig nach.

Von Panuco fuhren sie mit Lastautos, die gleich Material mitnahmen, runter zu den südlichen Distrikten, bis die Straße, die schlecht genug war, zu Ende ging. Von dieser Endstelle aus war ein Weg durch den Busch gehauen, etwa drei Meilen lang. Dieser Weg war gerade breit genug, daß die indianischen Hilfsarbeiter mit Packmulas durchkonnten. Der Weg endete in einer Lichtung von etwa hundert Meter Durchmesser, die aus dem Busch herausgehauen worden war. In dieser Lichtung sollte das Camp errichtet werden, weil die geologischen Sachverständigen der Kompanie gefunden hatten, daß hier mit hoher Wahrscheinlichkeit Öl sei.

Zwanzig indianische Hilfsarbeiter, die in Dörfern wohnten, einige Meilen entfernt, waren hier bereits eine Weile tätig, um die Lichtung herauszuschlagen und jetzt die Straße bis zur Hauptstraße so zu verbreitern, daß man auf ihr mit den Lastwagen fahren konnte.

Die ersten paar Tage schliefen die sechs Leute in einem einfachen Zelt. Zwei Chinesen sorgten für das Zubereiten der Mahlzeiten.