Part 9
Alle stiegen in den ersten Wagen der zweiten Klasse, der gleich hinter dem Gepäckwagen folgt. In diesem Wagen zweiter Klasse saßen wie üblich die zwölf Soldaten mit ihrem Offizier, alle mit scharf geladenen Gewehren, um den Zug gegen Banditenüberfälle zu schützen.
Die Mehrzahl der Männer blieb in dem ersten Wagen zweiter Klasse, aber einige gingen von diesen Wagen, nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, über die Plattform in den zweiten Wagen zweiter Klasse, um wahrscheinlich bessere Plätze zu finden. Die beiden Wagen zweiter Klasse waren gut besetzt mit Landleuten, kleinen Geschäftsleuten und Indianern, die ihre Waren zur nächsten größeren Stadt bringen wollten. Hinter den beiden Wagen zweiter Klasse folgte der Wagen erster Klasse, der gleichfalls gut besetzt war, und hinter dem, als letzter Wagen, folgte der Pullman-Schlafwagen.
Der Zug kam schnell in gute Fahrt. Bis zur nächsten Station waren zwanzig Minuten oder einige mehr. Als der Zug nun in voller rasender Fahrt war und die Beamten damit beschäftigt waren, an die neueingestiegenen Reisenden die Fahrkarten zu verkaufen, besetzten die Männer die Türen der Wagen, in deren Nähe sie von Beginn an gestanden hatten, als ob sie sich viel Zeit nehmen wollten, nach guten Plätzen zu suchen.
Gleichzeitig, ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Warnung zu rufen, zogen sie unter ihren Decken Gewehre und Revolver hervor und begannen Schnellfeuer zu eröffnen. Insbesondere richtete sich das Feuer auf die Soldaten, die ihre Gewehre zwischen ihren Knien stehen oder seitlich gegen die Wand gestellt hatten, oder die in Fibeln lasen, um lesen und schreiben zu lernen, oder die an ihrem Abendbrot kauten, oder die eingenickt waren.
Die Schießerei dauerte nur etwa zehn Sekunden; dann wälzten sich alle Soldaten in ihrem Blute, die Mehrzahl war tot, die übrigen röchelten und waren am Sterben. Die Zugbeamten lagen erschossen, tot oder zu Tode verwundet auf dem Boden oder auf den Bänken. Zwanzig Fahrgäste waren getroffen, eine Anzahl tot, andre verbluteten an fürchterlichen Wunden. Säuglinge an der Brust der Mutter, Frauen und Kinder blutend und sterbend in einem wirren Knäuel. Männer und Frauen lagen auf den Knien und flehten um Gnade, Mütter hielten ihre wimmernden Kinder hoch, um Mitleid bei den Banditen zu erwecken, andre boten ihre armseligen Habseligkeiten als Preis für ihr Leben an. Aber die Banditen schossen und schossen, bis die Kammern leer waren.
Dann begannen sie auszurauben, und sie nahmen alles, was ihnen nur irgendwelchen Wert bedeutete. Ein Teil der Banditen war in die erste Klasse gegangen und plünderte hier, ohne zu schießen. Uhren und Geldbörsen, Fingerringe und Ohrringe, Halsketten und Armbänder. Wenn die Beute nicht reich genug erschien, half ein Stoß in den Magen mit dem Revolver oder dem Gewehr, daß sich der Betroffene rasch erinnerte, noch ein paar Goldstücke in der linken Hosentasche und einen Brillantring im Koffer zu haben.
Hierauf wurde der Pullmanwagen abgeleuchtet, die Fahrgäste aus den Betten gejagt und ihnen alle bewegliche Habe abgenommen.
Der Zug raste während der ganzen Zeit seines Weges. Vielleicht hatte der Lokomotivführer das Schießen nicht gehört, oder er hatte es gehört und hoffte, die nächste Station zu erreichen in so schneller Fahrt, daß die Banditen nicht abspringen konnten.
Aber die Banditen zogen nun wieder nach vorn, durch die beiden Wagen zweiter Klasse, wo die Panik der Fahrgäste, als die Banditen zurückkamen, unbeschreibliche Formen annahm. Die Räuber kümmerten sich um nichts und kehrten sich an nichts. Sie gingen über die Plattform zu dem Gepäckwagen, brachen die Koffer auf oder warfen sie hinaus, um sie nachträglich aufzulesen. Sie ermordeten den Gepäckbeamten und kletterten an dem fahrenden Zuge entlang in den Postwagen, wo sie die beiden Postbeamten niederschossen und die Postsäcke durchwühlten.
Inzwischen hatte der Lokomotivführer gehört, daß etwas nicht in Ordnung sei, oder aber er sah einige Banditen aus dem Postwagen schon in den Tender klettern. Die Station war noch weit, und er konnte sie nicht mehr erreichen. Er warf den Hebel herum, und der Zug schien zu zerkrachen, so rasch hielt er an.
Der Heizer sprang sofort ab und suchte das Dickicht am Fuße des Bahndamms zu erreichen. Aber von einem halben Dutzend Kugeln getroffen brach er zusammen und rollte den Damm hinunter. Ehe der Lokomotivführer Zeit gewann, abzuspringen, hatten vier Mann die Lokomotive erklommen und hielten den Lokomotivführer fest, ohne ihn zu erschießen. Im Expreßwagen hatten die Banditen zahlreiche Kannen mit Petroleum und Gasolin entdeckt, die als Expreßgut für eine Tienda gingen. Mit diesen Flüssigkeiten übergossen sie die Wagen, schütteten durch die zerschlagenen Fenster das Gasolin hinein, und dann warfen sie brennende Zündhölzer in die Wagen. Explosionsartig schlugen die Flammen hinauf in den schwarzen Nachthimmel.
Schreiend und heulend und wimmernd, wie vom Wahnsinn getrieben, versuchten die in den Wagen eingeschlossenen Reisenden durch die Fenster ins Freie zu kommen. Sie stauten sich an den Fenstern, und wenn sie durchkamen, so fielen sie von der Höhe hinunter auf den Damm, versengt, angebrannt und sich nun die Glieder brechend oder verrenkend. Wer zu schwer verwundet war und in der Panik keine Hand fand, die ihn nach sich zog, mußte qualvoll verbrennen.
Vorn auf der Lokomotive standen zwei Banditen, die ihre Revolver auf den Lokomotivführer gepreßt hielten und ihm befahlen, die Lokomotive abzukoppeln und mit den Banditen, die sich alle auf den Tender gepackt hatten, loszufahren, bis sie anordnen würden, zu halten.
Die Lokomotive fuhr ab und ließ den brennenden Zug und die Menschen zurück, die von den wilden Flammen grauenhaft beleuchtet wurden und in dieser grauenhaften Beleuchtung, wahnsinnig vor Schrecken, Schmerzen und Trauer, durcheinanderjagten, gestikulierten, schrien, heulten und beteten und Zurückgebliebene aus dem Flammenmeer zu retten versuchten. Alles und alles hatte keine sieben Minuten gedauert, und die Station, der die Lokomotive entgegenraste, war noch immer weit. Und plötzlich befahl einer der Männer dem Lokomotivführer, anzuhalten. Die Lokomotive hielt an, und die Männer sprangen ab. Der letzte schoß den Lokomotivführer nieder und stieß ihn mit den Füßen den Damm hinunter. Dann folgte er seinen Genossen.
Nach einiger Zeit wachte der Lokomotivführer aus seiner Bewußtlosigkeit auf. Mit dem Rest seiner Lebenskraft kroch er den Damm hinauf und zog sich auf seine Lokomotive. Trotz seiner Schmerzen, trotzdem er jeden Augenblick fürchtete, zusammenbrechen zu müssen, brachte er es zuwege, die Lokomotive laufen zu lassen. Sie erreichte mit ihm die Station. Der Stationsmeister, verwundert über die einsame Lokomotive und verwundert über das Ausbleiben des Zuges, der von der vorigen Station lange angemeldet war, kam sofort zur Lokomotive und fand den blutenden Lokomotivführer. Mit Hilfe der Fahrgäste, die hier auf den Nachtzug warteten, trug er den Mann in die Stationshütte, und hier konnte der sterbende Beamte gerade noch das Notwendigste von dem grauenhaften Überfall erzählen, ehe es mit ihm zu Ende ging.
Der Stationsmeister telegraphierte eiligst nach beiden Seiten. Er bekam die Stationen, und man sagte sofort einen Hilfszug zu. Hier auf der Station stand ein Güterzug, der den Passagierzug durchzulassen hatte. Es wurden zwei leere Güterwagen aus dem Zuge rangiert, an die Güterzuglokomotive angehängt, und der erste Hilfszug war fertig.
Aber wer sollte ihn fahren und wer begleiten? Die Banditen waren sicher noch auf der Strecke, um alles, was sie aus dem Zuge geworfen hatten, einzusammeln. Sie würden den Hilfszug sofort angreifen, schon um die ganze Beute zu sichern. Wahrscheinlich hatten sie auch Schienen aufgerissen oder die Gleise blockiert.
Der Stationsmeister sagte: ‚Es ist besser, wir warten den großen Hilfszug ab, der sicher Militär mitbringen wird.‘
Aber der Lokomotivführer des Güterzuges fiel ihm gleich ins Wort: ‚Ich fahre. Da liegen Frauen und Kinder im Blute, und da liegen meine Kameraden, von denen wir einigen vielleicht noch helfen können. Ich fahre den Zug. Heizer, was machst du?‘
Nun sind die Eisenbahner in Mexiko ohne Ausnahme alle organisiert in einer ganz vortrefflichen Gewerkschaft. Sehr radikal und immer streiklustig. Aber sie halten zusammen, zäh wie Pech. Und in ihrer Organisation und durch den Geist, der dort herrscht, und der sie zu aufrechten Männern macht, die immer bildungshungrig sind, die sich ihres Wertes für die Entwicklung ihres Landes bewußt sind, werden sie diese höflichen, hilfsbereiten, immer lachenden und scherzenden Eisenbahnleute, die so unähnlich den brummenden und schnauzenden Unteroffizieren sind, die als Eisenbahnbeamte in Mitteleuropa den Menschen das Reisen so oft verbittern. Sie sind keine Untergebenen stolzer und hochmütiger Vorgesetzter, sondern sie sind alle Kameraden, alle Genossen ihrer stolzen Organisation. Der Heizer ist nicht selten Präsident und Wortführer in jener Ortsgruppe, wo der Linienchef bescheiden mit den Rangierern, Weichenstellern und Schmierern auf derselben Bank sitzt, um ruhig und aufmerksam zuzuhören, was der Präsident Heizer für Vorschläge im Interesse der Lebenslage der Eisenbahnangestellten zu machen hat. Und wenn gestreikt wird, dann organisiert der Linienchef, der zehnmal mehr Gehalt bekommt als die Schmierer und Rangierer, keine Technische Nothilfe, sondern er arbeitet die Plakate und Anschläge aus, die die Öffentlichkeit über die Ursachen und Notwendigkeiten des Eisenbahnerstreiks unterrichten sollen, weil er ja schriftgewandter ist als der Heizer, der Vorsitzender und Sprecher ist. Und weil das so ist, weil der Linienchef und der Rangierer ja aus derselben Schüssel essen, sozusagen, weil infolge der Organisation dem Linienchef der dreckige Schmierer nähersteht als der Staat und als die Interessen des Handels und der Industrie und des Volkswohls, die für ihn alle erst nach den notwendigen Lebensbedürfnissen seines Genossen Weichenstellers kommen, so braucht der Lokomotivführer eigentlich nicht erst lange zu fragen: ‚Heizer, was machst du?‘ Er weiß die Antwort schon lange vorher. Und er weiß, was alle übrigen Eisenbahner, die hier herumstehen und auf die Abfertigung des Güterzuges warten, antworten werden.
Da sind erst einmal die eignen Kameraden von der Gewerkschaft. Und wenn die auch alle gesund wären, da würden sie dennoch gehen. Denn da sind ja auch die Fahrgäste, die in Not sind. Denn wenn auch die Gewerkschaftsgenossen an erster Stelle kommen, an zweiter kommen dann aber gleich die Fahrgäste, für deren Wohl der Eisenbahner sich mehr verantwortlich fühlt als für das seiner eignen Familie. Denn das lehrt ihn seine Gewerkschaft. Und seine Gewerkschaft hat immer recht, was auch alle andern, der Erzbischof eingeschlossen, sagen mögen.
So sagt der Heizer: ‚Ich fahre die Personenzuglokomotive voraus als Sicherheit. Du folgst auf fünfhundert Meter und hast dann genügend Zeit, deinen Zug zu halten, wenn ich mit der Vorlokomotive abrutsche, weil die Gleise raus sind.‘
Die Lokomotive wird in Gang gebracht, ein Schmierer springt als Heizer mit rauf, und dann fährt die Lokomotive rückwärts hinaus.
Der kleine Hilfszug ist inzwischen fahrtbereit, und alle Güterzugbeamten, obgleich sie alle Frauen und Kinder haben, springen rauf. Es springen auch noch einige der herumstehenden Leute nach, und der Zug schießt los in die Nacht hinaus.
Die Sicherheitslokomotive fand die Schienen in Ordnung. Es war nichts blockiert. Aber als sie näher zur Unfallstelle kam, wurde Schnellfeuer auf sie eröffnet.
Die Banditen hatten in der Nähe jener Stelle, wo sie den Lokomotivführer zum Halten zwangen, ihre Pferde verborgen gehabt. Sie waren noch mit dem Auflesen der Beute beschäftigt. Und die, die hier bei den Pferden standen, schossen sofort auf die Lokomotive, um sie am Weiterfahren zu hindern, damit sie die übrigen Banditen nicht am Einsammeln stören sollte.
Der Heizer erhielt einen Schuß ins Bein, sein Hilfsmann einen Streifschuß am Ohr. Aber sie rasten voran, nachdem sie dem folgenden Zuge mit der Laterne das Signal gegeben hatten, daß die Strecke selbst in Ordnung sei. Der Hilfszug wurde auch mit Schüssen begrüßt. Aber einige der Beamten hatten Revolver und antworteten. Die Banditen konnten in der Dunkelheit nicht erkennen, ob in den unbeleuchteten Wagen vielleicht gar schon ein Trupp Soldaten sei. Sie schienen es anzunehmen. Denn sie eilten zu den Pferden und ließen alles liegen, was sie bis jetzt noch nicht hatten auspacken können. Sie saßen auf und ritten davon, hinein in den dichten Dschungel, die Richtung auf das Gebirge haltend.
Die Beamten des Hilfszuges luden mit Hilfe der gesunden Fahrgäste alle Toten und Verwundeten in den Zug und fuhren mit ihrer traurigen Fracht zur Station zurück.
Dort war bereits das Telegramm eingelaufen, daß ein Lazarettzug unterwegs sei, der aber vor morgen früh nicht an der Stelle sein könne. Dann waren noch weitere Telegramme in der Station von der Regierung und von den nächsten Garnisonen. Die Regierung telegraphierte, daß alle Abteilungen der berittenen Landpolizei der Nachbardistrikte auf dem Marsche seien, und daß vier Regimenter Kavallerie der Federal-Armee mobilisiert seien und noch vor Anbruch des Morgens mit Spezialzügen zur Überfallstelle gesandt würden, um die Verfolgung der Banditen aufzunehmen.
Eine Nähnadel in einem Haufen Heu zu finden, ist keineswegs leicht. Aber wenn sie durchaus gefunden werden muß, so kann sie gefunden werden, auch wenn der Heuhaufen noch so groß ist. Nach den Gesetzen der Mathematik kann man berechnen, daß man sie finden muß, und wann man sie finden wird. Aber einen Banditen zu finden, der einen erheblichen Vorsprung hat über Dschungelwege, die er am besten kennt und der Verfolger überhaupt nicht kennt, und der nach Überkreuzen des Dschungels Gebirge erreicht, das Hochgebirge in Mexiko, das ist mit dem Finden einer Nähnadel in dem größten Heuhaufen überhaupt nicht zu vergleichen.
Aber die Soldaten sind meist ja selbst Indianer. Das ist schon etwas wert. Sie wissen auch, wo zu einer bestimmten Zeit die Banditen gewesen sind, nämlich hier an dieser Bahnstrecke zwischen zwei genau bekannten Stationen. Und es dauerte nicht allzulange, da hatten die Offiziere heraus, daß die Banditen sich in kleine Gruppen aufgeteilt hatten und nach verschiedenen Richtungen auseinandergegangen waren. Die Nähnadel in dem Heuhaufen war nun auch noch in kleine Stücke gebrochen.
Oberflächliche Beschreibungen der Banditen waren herumtelegraphiert worden. Aber da kann einer der Beschriebenen ruhig durch ein Indianerdorf reiten, die Soldaten können ihn sogar treffen, sie können ihn in Verdacht haben. Aber wenn er nichts in seinen Taschen oder auf seinem Leibe hat, das an den Zugüberfall erinnert, was nützt dann die Beschreibung? Er hat immer ein Alibi. Er hat in jener Nacht zwanzig Kilometer entfernt von der Überfallstelle unter einem Baum an der Straße nach Chalchihuites geschlafen. Das Gegenteil kann ihm niemand beweisen.
Aber da reitet ein Trupp Federal-Kavallerie durch Guazamota. Vor einer Hütte hocken zwei Mestizen, in ihre Decke eingewickelt und rauchend. Die Soldaten reiten ruhig vorüber. Der eine Mestize will aufstehen und hinter die Hütte gehen. Aber er bekommt einen Wink von dem andern, kehrt wieder zurück und hockt sich ruhig wieder hin.
Der Trupp ist schon vorüber. Da dreht sich der führende Offizier um und läßt den Trupp halten. Er ist durstig und reitet zu einer Hütte. Nachdem er getrunken hat, reitet er auf die andre Seite hinüber und steigt ab. Hier hocken die beiden rauchenden Männer.
‚Wohnt ihr hier in diesem Dorf?‘ fragt der Offizier.
‚Nein, wir wohnen nicht hier, Senjor.‘
‚Wo seid ihr denn her?‘
‚Wir haben unser Haus in Comitala.‘
‚Gut‘, sagt der Offizier und stellt seinen Fuß in den Steigbügel. Er will aufsitzen und mit seiner Abteilung wieder abreiten.
Er ist etwas müde, das Pferd tänzelt herum, er kann den Steigbügel nicht kriegen. Einer der beiden Mestizen steht auf, weil das Pferd ihm beinahe auf den Füßen herumtrampelt. Er kommt näher und faßt den Steigbügel, um dem Offizier behilflich zu sein. Die Decke fällt von seinen Schultern.
Der Offizier stellt den Fuß wieder auf den Erdboden.
‚Was haben Sie denn da in Ihrer Hosentasche?‘ fragt er nun den aufgestandenen Mestizen.
Der Mann sieht an sich herunter und auf seine Hosentasche, die ziemlich bucklig hervorsteht. Er dreht sich halb um, als ob er weiter zur Hütte treten wolle, als ob er ein Loch suche. Dann sieht er auf die Soldaten und auf den Offizier, zieht an seiner Zigarette, nimmt sie aus dem Munde, bläst den Rauch in einem kurzen Stoß aus und lächelt.
Mit einer raschen Bewegung hat ihn der Offizier am offenen Hemdkragen gefaßt und mit der linken Hand gleichzeitig in die Tasche gegriffen.
Der andre Mestize ist nun ebenfalls aufgestanden, zuckt die Schultern, als ob ihm die Störung seiner Ruhe lästig wäre, und als ob er sich einen andern Platz suchen wolle, wo er in Ruhe hocken und rauchen kann.
Ein Sergeant und zwei Soldaten sind abgesprungen und stehen so, daß die beiden Mestizen nicht entweichen können.
Der Offizier läßt den Hemdkragen des Mannes los und besieht sich das, was er ihm aus der Tasche geholt hat. Es ist ein gutes, rundes, ziemlich kostspieliges Lederportemonnaie. Der Offizier lacht, und der Mestize lacht. Der Offizier öffnet das Portemonnaie und schüttet den Inhalt in die Hand. Es ist nicht viel, etwas Gold, große Silberstücke, alles in allem etwa fünfundzwanzig Pesos.
‚Ist das Ihr Geld?‘ fragt er.
‚Freilich ist das mein Geld.‘
‚Das ist viel Geld. Da könnten Sie sich doch ein neues Hemd kaufen.‘
‚Das werde ich auch morgen tun, ich will zur Stadt gehen.‘
Aber in dem Portemonnaie ist auch eine Fahrkarte erster Klasse nach Torreon. Dieser Mestize fährt nie erster Klasse. Außerdem hat sie das Datum des Überfalltages.
Der andre Mann wird durchsucht. Er hat auch Geld, hat es aber lose in der Tasche. Er hat aber auch einen Brillantring in der Uhrtasche seiner Hose. Auf einen Wink des Sergeanten sind alle Soldaten jetzt abgesessen.
‚Wo habt ihr denn eure Pferde?‘
‚Die stehen da hinten‘, sagt der erste Mestize, schüttet sich Tabak auf das Blatt, zieht mit den Zähnen das Säckchen zu und rollt sich eine neue Zigarette. Er ist nicht nervös und verschüttet nicht ein Krümchen Tabak. Ruhig und lächelnd zündet er sich die Zigarette an und raucht, während ein andrer Unteroffizier alle seine Taschen durchsucht.
Die Pferde der beiden werden herangebracht und durchsucht. Armselige Sättel, minderwertiges Zaumzeug und ein zerschlissener Lasso.
‚Wo sind die Revolver?‘ fragt der Offizier.
‚Wo die Pferde gestanden haben.‘
Der Sergeant geht hin und kratzt mit den Stiefeln in einer Ecke des Erdbodens herum, wo er einen Revolver und eine alte Pistole hervorbringt.
‚Wie heißt ihr denn?‘
Die beiden Leute sagen ihre Namen. Der Offizier schreibt die Namen ein und was er gefunden hat.
Leute aus dem Dorfe haben sich angesammelt. Der Offizier fragt einen Burschen: ‚Wo ist denn der Kirchhof hier, der Cementerio?‘
Der Offizier, die Soldaten und die beiden Mestizen in ihrer Mitte folgen dem Burschen, der den Weg zum Cementerio zeigt. Hinter ihnen her kommen die Leute des Dorfes, Männer und Kinder und die Frauen mit ihren Kleinen auf dem Arm.
Auf dem Cementerio gehen die Soldaten in eine Ecke, ein Spaten wird gebracht, und die beiden Mestizen graben ihre Löcher. Der Offizier raucht, die Soldaten rauchen und schwatzen mit den Leuten des Dorfes. Als die Löcher tief genug sind, setzen sich die beiden Mestizen und ruhen sich aus. Sie drehen sich wieder Zigaretten, und nach einer Weile sagt der Offizier: ‚Wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt beten.‘
Der Offizier kommandiert sechs Mann, die sich aufstellen.
Die beiden Mestizen bleiben durchaus ruhig, sie sind nicht nervös, nicht ängstlich. Sie bekreuzigen sich, murmeln etwas, bekreuzigen sich wieder und stecken sich eine neue Zigarette an. Dann stellen sie sich nebeneinander auf, ohne einen Befehl abzuwarten.
Der Offizier ruft: ‚Fertig!‘
Die beiden Banditen rauchen noch ein paar Züge, dann werfen sie die Zigaretten fort.
Nachdem die Löcher zugeschaufelt sind, nehmen der Offizier und die Soldaten die Mützen ab, stehen eine Weile schweigend, setzen die Mützen wieder auf, verlassen den Friedhof, sitzen auf und reiten los.
Warum soll sich der Staat unnötig größere Ausgaben machen, wenn der Endzweck doch derselbe ist!
Ein andrer Trupp Kavallerie bemerkte in dem bergigen Gelände acht Männer einige Kilometer voraus auf Pferden reitend. Die Männer schienen die Soldaten gesehen zu haben, denn plötzlich fielen sie in Trab und verschwanden. Der Offizier folgte mit seinem Trupp, konnte aber nicht finden, wohin sich die Reiter gewandt haben mochten. Die Hufspuren auf dem sandigen Wege waren so zahlreich und gingen so weit auseinander, daß der Offizier keine Spur aufnehmen konnte. Er beschloß, den Spuren zu folgen, die am frischesten schienen.
Nach einigen Stunden kamen die Soldaten zu einer einsamen Hazienda. Die Soldaten ritten in den weiten Hof und saßen ab, um ein wenig zu rasten. Der Besitzer kam heraus, und der Offizier fragte ihn, ob er nicht eine Anzahl Reiter gesehen habe. Der Besitzer erklärte, niemand sei vorübergeritten, er müßte es sonst wissen. Darauf erklärte der Offizier, er müsse die Hazienda durchsuchen, worauf ihm der Besitzer antwortete, er möge tun, was ihm beliebe.
Der Besitzer ging in das Haus zurück, und als die Soldaten sich nun dem Hause näherten, wurde auf sie von mehreren Seiten aus geschossen. Ein Soldat war tot und vier verwundet, als sie das Hoftor beim Zurückgehen erreicht hatten.
Eine Hazienda ist wie ein großer Gutshof. Sie ist mit einer dicken hohen Mauer umgeben und steht wie eine kleine Festung im Gelände.
Die Soldaten hatten ihre Gefallenen mit hinausgeschleppt. Sobald sie draußen waren, wurde das Tor von innen geschlossen und über die Mauer auf die Soldaten weitergefeuert.
Und nun beginnt ein wackres Gefecht, das, wie beide Parteien genau wissen, nur mit der völligen Vernichtung des andern endet oder mit Mangel an Munition. Die Belagerten haben nichts zu verlieren, erschossen werden sie auf jeden Fall. Die Verteidigung ist die einzige Gelegenheit, die sie haben, um ihre Lage zu ändern.
Der Offizier läßt erst einmal alle Pferde so weit zurückbringen, daß sie nicht geschossen werden können. Die Banditen verschwenden keine Kugel auf die Pferde während des Rücktransports, so reichlich haben sie die Munition nicht.
Die Soldaten sind übel dran. Die Hazienda liegt in einem offnen Gelände von Äckern und Viehweiden. Aushungern können sie die Banditen nicht, auf Artillerie zu warten, würde der Offizier und würden auch seine Leute als eine Schande betrachten. Es muß also angegriffen werden.
Die Hazienda ist rechteckig, und von allen vier Seiten greift eine Abteilung an. Es geht sehr kriegsmäßig dabei zu. Die Soldaten machen kurze Sprünge, legen sich wieder auf den Boden, eröffnen das Feuer, um die andere Front einen Sprung näher machen zu lassen. Die Mauer können sie nicht nehmen; sie richten den Angriff auf die beiden Tore, das in Front und das an der Rückseite. Nach dreistündigem Kampfe lockt der Offizier die Belagerten zum Vordertor, während er das Rücktor, das nur von drei Mann verteidigt wird, erklettern und aufbrechen kann.
So leicht geben die Banditen den Kampf aber nicht auf. Es entwickelt sich im Hofe und dann vom Wohnhause aus eine kleine Schlacht. Am späten Nachmittag sind die Soldaten unbestrittene Besitzer der Hazienda. Sie haben vier Tote, zwei Schwerverwundete und neun mit leichten Schüssen. Im Hause und im Hofe finden sie nicht nur die acht, die sie vor sich reiten sahen, sondern noch einige andre Zugräuber.
Sieben sind tot, fünf verwundet, die gleich erschossen werden. Unter den Toten ist der Besitzer der Hazienda, von dem man nicht weiß, ob er selbst ein Bandit ist, oder ob er von den Banditen unter Androhung des Todes gezwungen wurde, ihre Anwesenheit abzuleugnen. Das Hofpersonal hat sich verkrochen und kommt jetzt hervor. Es hat nichts mit der Sache zu tun. Das ist sicher. Die Familie des Haziendabesitzers ist auf Besuch in der Hauptstadt. In den Kleidern der Männer finden die Soldaten Unmengen von Sachen, die aus dem Zugüberfall herstammen. So werden die Banditen nach und nach abgefangen. Einzeln und in Horden. Aber sie alle innerhalb einer kurzen Zeit zu fangen, hat seine Schwierigkeiten. Und je mehr Zeit vorübergeht, ehe man sie alle hat, um so seltener werden die letzten erwischt. Diese nicht Gefangenen schließen den Rest ihrer Tage sicher nicht in beschaulicher Ruhe ab.
Und ihr,“ beendete Lacaud seinen Bericht, „ihr glaubt ganz ernsthaft, daß ich etwas mit diesen Banditen zu tun haben könnte, die ein so grauenhaftes Verbrechen wie jenen Zugüberfall begangen haben?“
„Dann haben wir hier nichts zu lachen, wenn die heraufkommen“, sagte Howard. „Also diese Vertrauensfrage wäre auch geklärt.“
„Dann sind die Kerle da unten wahrscheinlich jene letzten, von denen du sprichst“, sagte Dobbs.
„Das glaube ich wohl. In dem Bericht war erwähnt, daß einer einen goldbronzierten Strohhut aufgehabt hätte, und daß man den für einen Hauptmacher hält, der sich am rohesten betragen hat.“
„Dann haben wir hier nichts zu lachen, wenn die heraufkommen“, sagte nun Curtin. „Aber ich sehe sie gar nicht mehr.“
„Die kannst du nicht sehen, die sind jetzt an der Schleife“, sagte Dobbs. „Wenn sie an der Schleife vorüber sind, dann kommt die Stelle, wo wir sehen können, ob sie heraufkommen, oder ob sie unten das Felsental entlang gehen.“
13