Part 2
Im Wasser tummelten sich schon Dutzende von Indianern sowie von Weißen, die auf der gleichen gesellschaftlichen Stufe standen wie Dobbs und von dem lebten, was andre abfallen ließen. Badehosen hatte niemand. Aber es war auch niemand da, der sich darum bekümmert hätte. Es gingen sogar Frauen und Mädchen an diesen Badestellen vorüber, die nichts Besonders darin sahen, daß die Männer hier ganz unbekleidet badeten, und auch mit keinem Gedanken daran dachten, Ärgernis oder Anstoß daran zu nehmen. Freilich, die feinen amerikanischen oder europäischen Frauen hätten es unter ihrer Würde gefunden, hier vorbeizugehen. Die standen oben auf der Höhe, auf den Balkonen und in den Fenstern ihrer Häuser mit guten Prismengläsern und sahen den Badenden zu. Die Damen, die nicht hier wohnten, sondern auf der andern Seite der Avenida Hidalgo, in der Colonia Guadalupe und in den andern Kolonien, die ließen sich von Damen, die hier wohnten, zum Tee einladen. Jede Dame brachte ihr Prismenglas mit, um – um sich die weite Landschaft von der Höhe aus zu betrachten. Denn die Aussicht war sehenswert. Darum hieß die Kolonie hier auch Colonia Buena Vista.
Das Baden war erfrischend, und Dobbs sparte fünfundzwanzig Centavos, die er für das Brausebad im Hotel hätte bezahlen müssen. Aber das Baden hatte auch wieder seine Schattenseiten. Da waren die Riesen-Taschenkrebse, die im Schlamm saßen. Und diese Krebse dachten zuweilen, die Zehen der Badenden seien gutes Fleisch, das man nicht verachten dürfe. Es zwickte ganz verteufelt, wenn so ein guter alter ausgewachsener Krebs ordentlich zupackte und mit der Zehe abrücken wollte.
Der Fluß teilte sich hier in viele Arme. An einzelnen Ufern saßen die Krebsfischer. Es war ein mühseliges Geschäft, und es konnte nur ausgeführt werden von jemand, der unerhört viel Geduld hatte.
Die Krebsfischer waren meist Indianer oder sehr armes Halbblut. Der Köder war altes stinkiges Fleisch. Je mehr es stank, desto besser war es. Ein großer Brocken des Fleisches wurde auf einen Angelhaken gespießt, der an einer sehr langen Schnur befestigt war. Dann wurde der Brocken sehr weit in den Flußarm hinausgeworfen.
Hier blieb er eine gute Weile liegen. Nun begann der Fischer die Schnur ganz, ganz langsam einzuziehen, so langsam, daß man es kaum sah. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Haken mit dem Brocken wieder am Ufer war. Dann wurde die Schnur weiter langsam herausgezogen auf das flach aufsteigende schlammige Ufer. Sechs bis zehnmal war es vergebens. Der Haken mußte wieder hinausgeworfen werden, oft mit einem neuen Brocken, weil der alte abgefressen war, dann wieder mit unendlicher Geduld langsam herangeholt werden.
Die Krebse packten mit der Schere den Brocken Fleisch fest, und sie hielten so krampfhaft den Brocken fest, daß sie sich damit herausziehen ließen, weil sie den Brocken nicht mehr hergeben wollten. Wurde zu rasch gezogen, dann konnte der Krebs so schnell nicht mit, oder es kam ihm verdächtig vor, und er ließ los. Oft packte er auch den Brocken so kräftig, daß er ihn vom Haken abkniff, und dann hatte der Krebs gewonnen.
Geduldige Fischer machten ein gutes Tagesgeschäft, denn manche der Krebse wogen ein halbes oder gar dreiviertel Kilo, und die Restaurants zahlten gute Preise, weil das Fleisch von Liebhabern sehr begehrt ist.
Als Dobbs den Fischern so zusah, fand er, daß es kein Geschäft für ihn sei. Er hätte die Geduld nicht gehabt, die hier nötig war. Ein kleiner, unbedachter hastiger Ruck ließ die Beute gehen. Dieses Fischen erforderte eine Ruhe der Nerven, die Dobbs, der im Tumult einer amerikanischen Großstadt aufgewachsen war, nicht hätte aufbringen können, selbst wenn er für jeden Krebs fünf Pesos bekommen hätte.
Er torkelte wieder zurück zur Stadt. Das Baden und die Wanderung hatten ihn hungrig gemacht, und er mußte zusehen, wie er zu seinem Abendessen kam. Wieder war es eine Zeitlang vergebens, und er mußte manche peinliche Bemerkung einstecken und runterschlucken. Aber man wird abgebrüht, wenn man Hunger hat, und wenn man keinen andern Weg sieht, um zu einem Abendessen zu kommen.
Endlich sah er einen Herrn in einem weißen Anzug. Er dachte, mit Herren im weißen Anzug habe ich heute Glück, wir werden es wieder einmal versuchen. Und er hatte richtig geraten. Es waren fünfzig Centavos, die für das Abendessen reichten.
Nach dem Abendessen und nach einer angemessenen Ruhe auf einer Bank dachte er, es wäre doch recht gut, wenn ich etwas Kleingeld in der Tasche hätte, weil man ja nie weiß, was vorkommen kann. An dieses Kleingeld dachte er nicht aus sich selbst heraus, sondern der Gedanke kam ihm, als er einen Herrn in einem weißen Anzug drüben auf der andern Seite der Plaza vorübergehen sah. Er ging gleich auf ihn los.
Der Herr griff auch richtig in die Tasche und brachte einen Fünfziger hervor. Dobbs wollte zulangen, aber der Herr hielt seinen Fünfziger fest. Dann sagte er ganz trocken: „Hören Sie mal, mein Junge, eine so unerhörte Frechheit ist mir doch noch nie im Leben vorgekommen, und wenn mir das jemand erzählen würde, so würde ich es nicht glauben.“
Dobbs stand ganz verdattert da. So etwas war ihm auch noch nicht vorgekommen, daß jemand eine so lange Ansprache an ihn hielt. Er wußte nicht recht, ob er stehenbleiben oder ob er fortlaufen sollte. Aber da er den Fünfziger immer noch in der Hand des Herrn sah, hatte er das Gefühl, daß dieser Fünfziger früher oder später doch für ihn bestimmt sei, und daß der Herr eben nur das Vergnügen haben wolle, eine Predigt dabei anzubringen. Die Predigt kann ich mir für den Fünfziger ja ruhig mit anhören, ich habe ja weiter nichts zu tun, sagte sich Dobbs. Und so blieb er ruhig stehen.
„Heute nachmittag erzählten Sie mir,“ fuhr der Herr jetzt fort, „Sie hätten noch nicht gegessen. Daraufhin gab ich Ihnen einen Peso. Dann traf ich Sie wieder, und Sie sagten, Sie hätten kein Schlafgeld, daraufhin gab ich Ihnen fünfzig Centavos. Wieder später kamen Sie und sagten, Sie hätten noch nicht zu Abend gegessen, und ich gab Ihnen abermals einen Fünfziger. Nun sagen Sie mir das eine, wozu wollen Sie denn jetzt noch Geld?“
„Für morgen früh zum Frühstück“, sagte Dobbs geistesgegenwärtig.
Der Herr lachte, gab ihm den Fünfziger und sagte: „Das ist das letztemal, daß ich Ihnen etwas gebe. Nun gehen Sie auch einmal zu einem andern und nicht gerade immer zu mir. Es fängt mir an, langweilig zu werden.“
„Entschuldigen Sie nur,“ sagte Dobbs, „ich habe nicht gewußt, daß Sie immer derselbe sind. Ihr Gesicht habe ich mir nie angesehen, das sehe ich jetzt zum ersten Male. Aber ich werde nun nicht wiederkommen.“
„Damit Sie auch Ihr Wort bestimmt halten und mich nicht mehr belästigen, will ich Ihnen noch einen Fünfziger mehr geben, damit Sie auch noch morgen das Mittagessen haben. Aber von dann an wollen Sie gefälligst für Ihren Lebensunterhalt ohne meine Mitwirkung sorgen.“
„Dann wäre diese Quelle ja auch erschöpft“, sagte Dobbs zu sich. Und er kam zu der Erkenntnis, daß es besser sei, einmal über Land zu gehen und zu sehen, wie es da ausschaut.
2
Es traf sich so, daß Dobbs in seinem Schlafraum einen Mann fand, der einem andern Schlafkameraden erzählte, daß er nach Tuxpam gehen wolle, aber keinen Weggenossen hätte. Kaum hatte Dobbs das gehört, als er auch gleich sagte: „Mensch, ich gehe mit nach Tuxpam.“
„Sind Sie Driller?“ fragte der Mann von dem Bett aus. „Nein, Pumpmann.“ „Gut,“ sagte der Mann darauf, „warum nicht, wir können ganz gut zusammengehen.“
Am nächsten Morgen machten sich die beiden auf, die zahlreichen Ölfelder auf der Strecke nach Tuxpam nach Arbeit abzusuchen. Sie frühstückten erst ihr Glas Kaffee und ihre beiden Brötchen in einem Kaffeestand, und dann zogen sie beide ab.
So direkt kann man ja nun nicht nach Tuxpam gehen. Da gibt es keine Bahn. Nur Flugzeuge. Und da kostet eine Fahrt fünfzig Pesos. Aber da fahren viele Lastautos hinunter zu den Feldern. Das eine oder andre nimmt einen vielleicht mit. Den ganzen Weg zu laufen, ist nicht so einfach. Es sind mehr als hundert Meilen, und immer in glühender Tropensonne und wenig Schatten.
„Das ist das allerwenigste,“ sagte Barber, „wenn wir nur erst rüber sind über den Fluß.“
Das Übersetzen über den Fluß kostete fünfundzwanzig Centavos, und diese fünfundzwanzig Centavos wollten sie nicht ausgeben.
„Ja, da bleibt uns nichts weiter übrig,“ sagte Barber, „da müssen wir auf die Huasteca-Frachtfähren warten. Die nehmen uns umsonst mit hinüber. Das kann aber bis um elf Uhr dauern, ehe wieder eine kommt, die fahren ja nicht nach der Zeit, sondern nach der Fracht, die sie haben.“
„Dann setzen wir uns nur hier in Geduld auf die Mauer“, erwiderte Dobbs. Er hatte sich von dem Überschuß des Frühstücksgeldes ein Päckchen mit vierzehn Zigaretten gekauft für zehn Centavos. Er hatte Glück. In dem Päckchen war ein Bon für fünfzig Centavos, den er gleich beim Zigarettenhändler gegen Bargeld eintauschte. Nun besaß er die große Summe von einem Peso und zehn Centavos in barer Münze.
Barber hatte auch etwa einen Peso und fünfzig Centavos als Reisekapital. Sie hätten das Fährgeld ja bezahlen können; aber da sie reichlich Zeit hatten und nichts versäumten, so konnten sie auch ganz gut auf die Frachtfähre warten und das Geld sparen.
Hier an der Fähre war ein reger Verkehr. Dutzende von großen und kleinen Motorbooten warteten auf Fahrgäste. Spezialboote, die über der Taxe fuhren, brachten die Kapitäne und die Manager der Ölkompagnien hinüber, die es zu eilig hatten, um auf die Taxboote zu warten, die immer erst ihre vier oder sechs Fahrgäste voll haben wollten, ehe sie losratterten. Und da hier immer Aufenthalt war und besonders die Arbeiter, die drüben arbeiteten und hier wohnten, in den Morgen- und in den Nachmittagsstunden hier zu Hunderten und oft zu Tausenden schwärmten, ging es an der Fähre zu wie auf einem Jahrmarkt. Da waren Tische, wo es Mittagessen gab, oder Kaffee, oder geröstete Bananen, oder Früchte, oder Enchiladas, oder heiße Tamales, oder Zigaretten, oder Süßigkeiten. Alles lebte von der Fähre und durch die Fähre. Autos und Straßenbahnen brachten die Fahrgäste aus dem Stadtinnern in ununterbrochener Folge. Das ging den ganzen Tag und die ganze Nacht ohne Aufhören. Drüben waren die Hände, hier auf dieser Seite, in der Stadt, war das Hirn, waren die Zentralbureaus, die Banken. Drüben auf der andern Seite des Flusses war die Arbeit, hier war die Erholung, die Rast, das Vergnügen. Drüben war der Reichtum, das Gold des Landes, das Öl. Drüben war es wertlos. Hier erst, auf dieser Seite, in der Stadt, in den steilen Bureauhäusern, in den Banken, in den Konferenzräumen, in der All America Cable Service bekam das Öl, das auf der andern Seite völlig wertlos war, seinen Wert. Denn Öl wie Gold sind wertlos an sich, ihr Wert wird erst durch viele andre Handlungen und Vorgänge bestimmt.
An dieser Fähre wanderten Milliarden an Dollars vorüber. Nicht in Banknoten, nicht in gemünztem Golde, ja nicht einmal in Schecks. Diese Milliarden wanderten hier vorüber in kurzen Notizen, die jene Leute, die meist, aber nicht immer in Spezialbooten außer Taxe fuhren, in ihren kleinen Taschenbüchern, manchmal nur auf einem Stückchen Papier, trugen. Reichtümer und Werte in unserm Jahrhundert lassen sich in Notizen ausdrücken und in Notizen herumtragen.
Um halb elf kam dann endlich die Frachtfähre, angefüllt mit Fässern, Kisten und Säcken. Dutzende von indianischen Männern und Frauen kamen herüber, schwer bepackt mit Körben, in denen sie Feldfrüchte zur Stadt brachten, oder Matten, Taschen aus Bast, Hühner, Fische, Eier, Käse, Blumen und kleine Ziegen.
Barber und Dobbs stiegen ein, aber es dauerte doch noch eine Stunde, ehe die Fähre wieder hinüberfuhr. Die Fahrt war lang, ging den Fluß weit hinunter, ehe die Anlegestelle erreicht wurde. Weit den Fluß hinauf lag ein Tankschiff neben dem andern, um das Öl aufzunehmen und über den Ozean zu tragen.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses war der Verkehr ebenso rege, und es war ein ebensolcher Jahrmarktsverkehr wie auf der Stadtseite. Nicht nur den Fluß hinauf, sondern noch viel weiter den Fluß hinunter, bald bis zur Mündung, lagen die großen Tankschiffe.
Weiter zurück vom Ufer, auf den Höhen, lagen die Riesentanks, vollgefüllt mit dem wertvollen Öl. Zahlreiche Rohre führten das Öl aus den Tanks hinunter zum Flußufer. Hier wurde es durch Metalldrahtschläuche in die gewaltigen Tanks der Schiffe gepumpt. Wenn das Öl einkam oder das Schiff voll gefüllt war, hißte es die rote Gefahrflagge. Denn das Rohöl gaste, und eine unvorsichtige Behandlung mit offenem Feuer konnte das Schiff ausbrennen bis auf das Wasser.
Scharen von Händlern mit Früchten, Papageien, Tigerkatzen, Tiger- und Löwenfellen, Affen, Büffelhörnern, mit kleinen Palästen und Kathedralen, aus Muscheln kunstvoll gebaut, trieben sich hier herum und boten den Seeleuten ihre Waren an. Wenn sie kein Geld kriegen konnten, nahmen sie auch andre Dinge, Anzüge, Regenmäntel, Lederkoffer oder was sie sonst an wertvollen Sachen eintauschen konnten.
Die Raffinerien bliesen Wolken von Rauch und Gas aus. Das abgeblasene Gas setzte sich in den Lungen und Luftröhren fest, wo es wie dünne Nadeln stach. Dann hüstelten die Leute, und wenn der Wind diese Gase gar hinübertrieb in die große Stadt, dann fühlte sich die ganze Bevölkerung wie in einem Giftofen. Die Ungewohnten, die Neuankömmlinge, bekamen ein unsicheres, ängstliches Gefühl. Sie faßten sich immerwährend an die Kehle oder versuchten zu niesen oder zu schnauben und wußten meist nicht, was los war. Viele der Neuen hatten ein Empfinden, als müßten sie sterben, so giftig war das stechende Gefühl in der Kehle und in der Lunge.
Aber die Altgewohnten nahmen es leicht. Solange dieses stechende giftige Gas durch die Stadt schwelte, rann das Gold durch die Gassen, und das Leben sah rosig aus, von welcher Seite aus man es auch betrachtete.
Hier waren die Saloons, einer neben dem andern. Alle lebten sie von den Seeleuten. Die besten Kunden waren die amerikanischen Seeleute. Denn die bekamen in ihrer Heimat weder Bier noch Wein noch Branntwein. Die holten hier alles nach, was sie daheim versäumten, und tranken soviel Vorrat, daß sie es gut eine Weile in ihrem trocknen, stumpfen Lande wieder aushalten konnten. Sie waren an hohe Preise für geschmuggelten Branntwein gewöhnt. Und hier, wo die Preise normal waren, erschien es ihnen, als ob der Whisky und das Bier überhaupt nichts kosteten, als ob sie alles geschenkt erhielten. So wanderte ein Dollar nach dem andern in die Cantinas und in die Bars. Und wenige Häuser weiter waren die schönen Damen, die ihnen den Rest ihres Geldes abnahmen. Aber die Seeleute fühlten sich nie übervorteilt. Sie waren glücklich, und sie würden den, der ihnen durch Verbote und Gesetze das Trinken und die schönen Damen genommen hätte, mit tausend Flüchen belastet haben. Sie brauchten keinen Vormund. Und die Seemannsmission, die sich nur darum bekümmert, daß die Seeleute ein sauberes Bett bekommen und einen trocknen warmen Raum, wo sie Zeitungen lesen können, wird von den Seeleuten am höchsten geachtet. Wer Sehnsucht hat, in die Kirche zu gehen, findet immer eine Kirche; man braucht sie dem Seemann nicht an den Mittagstisch oder in den Schlafsaal zu tragen und das wenige an Religion, das ihm die Schule noch gelassen hat, hier auch noch zu verekeln. Seeleute und Gefängnisgäste sind die beiden Volksklassen, die man als die wehrloseste Beute ansieht, die man mit Religion bis zum Überdruß des Erbrechens vollpacken darf. Aber Überfütterung hat noch nie gut getan. Und weil sie nie gut tut und das Gegenteil erzeugt von dem, was beabsichtigt ist, wird dem Verbrecher und wird dem Seemann immer noch mehr Religion aufgepackt. Der Verbrecher im Gefängnis und der Seemann an Land, nachdem er sein ganzes Geld ausgegeben hat, bilden die beste Betgemeinde. Sie würden beide eine kräftige Kinovorführung vorziehen, aber die können sie nicht umsonst haben.
Barber sagte: „Es ist gerade Mittag, wir könnten eigentlich zu einem Tanker raufklettern. Vielleicht fällt ein Mittagessen ab.“
„Das ist nicht so übel“, erwiderte Dobbs. „Wir können nur wieder runtergepfeffert werden, das ist alles.“
Sie sahen zwei Männer mit nackten Armen bei einem Fruchthändler stehen. Barber ging gleich drauflos und sagte: „Von welchem seid ihr denn?“
„Von der Norman Bridge. Warum?“
„Habt ihr schon gegessen?“ fragte Barber.
„Nein, wir sind gerade auf dem Wege dazu.“
„Wie ist es denn mit einem Mittagessen für uns beide?“ fragte Barber.
„Kommt nur gleich mit rauf. Die sind alle rübergegangen in die Stadt. Masse übrig.“
Als Dobbs und Barber eine Stunde später das Schiff verließen, konnten sie kaum gehen, so voll hatten sie sich gegessen. Sie setzten sich an eine Wand, um erst eine Weile zu verdauen. Aber dann wurden sie unruhig, weil sie ja weiter wollten und für die Nacht ein Unterkommen haben mußten.
„Wir können auf zwei Wegen gehen“, sagte Barber. „Wir können hier auf dem Hauptwege gehen, immer in der Nähe der Lagune bleibend. Aber ich denke, der Weg ist nicht gut. Der wird von allen abgelaufen. Da gibt es nichts in den Camps, die sind alle überlaufen von den Strolchen. Arbeit gibt es hier auch nicht, weil da genug Leute kommen.“
„Dann brauchten wir doch überhaupt gar nicht erst rüber, wenn das aussichtslos ist“, sagte Dobbs unwillig.
„Aussichtslos? Das habe ich nicht gesagt“, verteidigte sich Barber. „Nur hier auf diesem Hauptverkehrswege da ist nicht viel los, weil zu viele da laufen. Ich denke, wir gehen besser auf dem inneren Wege. Da treffen wir mehr Felder, die ganz unbekannt sind, die mehr abseits der großen Wege liegen. Da stoßen wir auch auf Camps, die gerade anfangen zu bauen. Da gibt es immer etwas zu tun. Wir gehen jetzt mal hier den Fluß rauf und gehen dann links ab, und in einer halben Stunde sind wir schon in Villa Cuauhtemoc.“
„Dann los, wenn Sie glauben, daß jener Weg besser ist“, sagte Dobbs.
Der ganze Weg war Öl und nichts als Öl. Links auf den Höhen standen die Tanks wie Soldaten aufmarschiert. Rechts war der Fluß. Bald hörten die Schiffe auf, und das Flußufer wurde frei. Aber das Wasser war dick mit Öl überzogen, die Ufer waren dick mit Öl bedeckt, und alle Gegenstände, die der Fluß oder die einkommende Flut auf das Ufer geworfen hatten, waren mit zähem schwarzem Öl überzogen. Der Weg, auf dem die beiden gingen, war an vielen Stellen sumpfig von dickem Öl, das aus geborstenen Röhren quoll oder aus der Erde sickerte. Öl und nichts als Öl, wohin auch immer man sah. Selbst der Himmel war mit Öl bedeckt. Dicke schwarze Wolken, die von den Raffinerien herüberwehten, trugen Ölgase mit sich davon.
Es kamen dann Anhöhen, die freundlicher aussahen. Dort waren die hölzernen Wohnhäuser der Ingenieure und der Bureaubeamten. Sie wohnten hier schön und luftig, und was sie am Stadtleben einbüßten, das mußten sie hier durch Grammophone und Radioapparate ersetzen. Denn abends aus der Stadt hierher zurückzukommen, war ziemlich umständlich und auch nicht sicher. Es trieb sich genug Gesindel herum, das auf leichte Gelegenheiten wartete und das Leben eines andern nicht hoch einschätzte.
Villa Cuauhtemoc ist die eigentliche alte Stadt, eine uralte Indianerstadt, die schon hier war, ehe die Spanier kamen. Sie liegt gesünder als die neue Stadt, und sie liegt am Ufer eines großen Sees, der Fische, Enten und Gänse in unübersehbarer Menge spendet. Das natürliche Trinkwasser in der alten Stadt ist besser als das in der neuen Stadt. Aber die neue Stadt wußte die alte weit und schnell zu überholen. Denn die neue Stadt liegt dicht am Ozean und an einem Flusse, auf dem die größten Ozeanriesen bis zum Hauptbahnhof fahren können und hier so sicher gegen die wildesten Orkane ruhen, als ob sie in einer Badewanne lägen. Von der alten Stadt wird in der neuen kaum noch gesprochen. Tausende, Zehntausende von Bewohnern der neuen Stadt wissen gar nichts davon, daß auf der andern Seite des Flusses und eine halbe Stunde weiter ins Land hinein die eigentliche ursprüngliche Stadt liegt. Aber diese beiden Städte, Mutter und Tochter, entfernen sich immer mehr. Die neue Stadt, gerade hundert Jahre alt, die zweihunderttausend Einwohner hat, mit ständiger Wohnungsnot, liegt im Staate Tamaulipas, während die alte Stadt im State Vera Cruz liegt. Die alte Stadt wird immer bäuerlicher, die neue Stadt wird immer mehr und mehr Weltstadt, die ihren Namen in die fernsten Winkel der Erde sendet.
Kaum hatten die beiden Wanderer, die nun sehr eilig waren, um voranzukommen, am Ende der Stadt, gegenüber der Lagune, den Höhenweg erreicht, als sie einen Indianer am Wege hocken sahen. Der Indianer hatte gute Hosen an, ein sauberes blaues Hemd, einen hohen spitzen Strohhut und Sandalen. Eine große Basttasche, gefüllt mit einigen Habseligkeiten, lag vor ihm auf dem Boden.
Sie beachteten den Mann nicht und gingen rasch weiter. Nach einer Weile drehte sich Dobbs um und sagte: „Sie, was will denn der Indianer, der kommt immer hinter uns her.“
Barber wandte sich um und sagte: „Es scheint so. Jetzt bleibt er stehen und tut, als ob er etwas da im Busch sucht.“
Zu beiden Seiten war der dicke undurchdringliche Busch.
Sie gingen weiter, aber als sie sich umdrehten, sahen sie, daß der Indianer ihnen folgte. Er schien sogar rascher zu gehen, um näher heranzukommen.
Barber fragte: „Hatte der Bursche einen Revolver?“
„Ich habe keinen gesehen“, meinte Dobbs.
„Ich auch nicht. Ich fragte Sie nur, um zu erfahren, ob Sie vielleicht etwas gesehen haben. Scheint also kein Bandit zu sein.“
„So sicher ist das nicht“, sagte Dobbs nach einer Weile, nachdem er sich wieder umgedreht hatte und den Indianer folgen sah. „Er kann ja ein Spion der Banditen sein, der uns im Auge zu behalten hat. Wenn wir dann Lager machen, überfällt er uns, oder seine Spießgesellen kommen.“
„Unangenehm“, erwiderte Barber. „Am besten wäre es, wenn wir umkehrten. Man weiß nie, was diese Burschen im Sinne haben.“
„Was will man uns denn nehmen?“ Dobbs suchte nach Sicherheiten.
„Nehmen?“ wiederholte Barber. „Aber wir tragen doch kein Schild an uns, daß wir nur jeder etwa einen Peso haben. Und wenn wir ein solches Schild trügen, würden sie es nicht glauben, sondern uns erst recht überfallen, weil sie denken, wir haben eine Menge Geld. Zwei Pesos sind für diese Leute überhaupt eine Masse Geld. Wir haben ja auch Schuhe, Hosen und jeder ein Hemd und einen Hut. Das alles sind Wertsachen.“
Sie gingen aber weiter. Immer, wenn sie sich umdrehten, sahen sie, daß der Indianer hinter ihnen war, jetzt kaum noch fünfzehn Schritte entfernt. Wenn sie stehenblieben, blieb der Indianer auch stehen. Sie fingen an nervös zu werden. Der Schweiß brach ihnen aus.
Dobbs atmete schwer. Endlich sagte er: „Wenn ich jetzt einen Revolver hätte oder ein Gewehr, ich würde den Burschen ohne weiteres erschießen. Dann hätte man Ruhe. Das halte ich nicht mehr aus. Wie wäre es, Barber, wenn wir ihn fangen und irgendwo festbinden an einen Baum oder ihm eins über den Kopf hauen, daß er nicht mehr hinter uns herlaufen kann?“
„Ich weiß nicht,“ gab Barber zur Antwort, „ob das gut wäre. Vielleicht ist er ganz unschuldig. Aber wenn man ihn los würde, es wäre ganz gut.“
„Ich bleibe jetzt stehen und lasse ihn herankommen“, sagte Dobbs plötzlich. „Ich kann so nicht mehr laufen. Das macht mich verrückt.“
Sie blieben stehen, taten aber so, als ob sie von einem Baum irgend etwas herunterholen wollten, eine Frucht oder einen Vogel.
Auch der Indianer blieb stehen.
Dobbs kam nun auf eine Idee. Er wurde immer eifriger um den Baum beschäftigt, als ob dort irgendein Wunder in den Ästen sei. Wie vermutet, fiel der Indianer darauf herein. Er kam langsam, Schritt für Schritt, näher, die Augen stierend auf den Baum gerichtet. Als er endlich ganz dicht neben den beiden Männern stand, machte Dobbs eine aufgeregte Geste und schrie: „Da, da rennt er davon!“ Und dabei zeigte er mit ausgestrecktem Arm in den Dschungel hinein, Barber heranzerrend und ihm den Davonrennenden genau zeigend.
Gleich darauf aber drehte er sich um und sagte zu dem Indianer: „Wo wollen Sie denn hin? Warum laufen Sie denn immer hinter uns her?“
„Ich will dorthin“, sagte der Indianer und zeigte in die Wegrichtung, in die Barber und Dobbs ebenfalls zu gehen gewillt waren.
„Wohin?“ fragte Dobbs wieder.
„Dorthin. Da, wo Sie hingehen wollen.“
„Sie wissen doch nicht, wo wir hin wollen“, sagte Dobbs.
„Doch, das weiß ich“, erwiderte der Indianer ruhig. „Sie wollen nach den Ölcamps. Da möchte ich auch hin, vielleicht kriege ich Arbeit.“