Part 11
Nachdem sie eine Zeit gesprochen hatten, lachten sie mit einem Male laut auf. Sie erhoben sich, und unausgesetzt lachend kamen sie wieder mehr zur Mitte des Platzes.
„Sie, Senjor, mit uns können Sie solche Tricks nicht spielen“, rief der Führer. „Wir haben es gesehen. Sie haben da in der Ecke das Gewehr angebunden und mit einer Leine abgezogen. Aber wir fallen auf solche Späße nicht rein.“
Die Männer lachten belustigt auf. Und mit einem Ruck hatten sie jetzt alle die Revolver in der Hand.
„Kommen Sie hervor, Bürschchen, sonst holen wir Sie“, rief der Führer. „Wird es bald. Eins, zwei, drei. Na, raus nun.“
Curtin schrie: „Ich denke gar nicht daran. Wenn Sie einen Schritt machen, wird geschossen.“
„Wollen wir schon sehen, Hombre.“
Plötzlich ließen sich die Männer alle auf den Erdboden fallen und begannen, den Revolver in der Faust, von verschiedenen Seiten auf die Stelle zuzukriechen, wo Curtin saß. Sie kamen aber nicht weit. Vier Schüsse krachten aus vier verschiedenen Stellen der Rinne, und zwei der Männer schrien, daß sie getroffen seien. Sicher hatten sie nur Streifschüsse, denn sie alle wendeten sich und krochen zurück zum Gebüsch.
Hier berieten sie nun, was zu tun sei. Es war ihnen klargeworden, daß die Rinne von mehr als einem, vielleicht gar von vier oder fünf Mann besetzt sei. Und diese Leute konnten keine andern sein, als Leute von der Polizei. War das wirklich Polizei, dann waren sie geliefert, denn die Polizei würde nicht hier oben nur sein, die würde inzwischen auch den Weg besetzt halten und ihnen den Rückzug absperren. Es blieb also nur eins übrig. Der Kampf mußte nun aufgenommen werden. Aber es erweckte den Anschein, als ob sie nicht beginnen wollten, und als ob sie abwarten möchten, was die Leute in der Rinne tun würden. Sie erwarteten von dort den Angriff. Als aber kein Angriff erfolgte und sie keinen Laut von der Rinne her hörten, wurden sie wieder unbestimmt und glaubten aufs neue, daß der Gringo da nur Tricks spiele. Denn wären es Soldaten, die würden nicht warten, die würden angreifen und sie in die Arme der Soldaten treiben, die auf dem Wege stehen.
Aber die Posten hatten nichts gemeldet, und als einer von ihnen heraufkam, schüttelte er mit dem Kopfe und ließ erkennen, daß da unten keine Soldaten seien, daß die Straße frei wäre.
Es schien dann einer den Vorschlag zu machen, daß man die Leute hier in der Rinne, ob sie nun Soldaten oder Jäger seien, regelrecht belagern solle, denn nun lohne es sich erst recht. Seien da mehrere Leute, dann hätten sie auch mehrere Waffen, Lebensmittel und auch sonst noch Dinge, die man gebrauchen könne, in der Mehrzahl können sie nicht sein, weil sie sonst ihren Vorteil zur rechten Zeit wahrgenommen und einen direkten Angriff gemacht haben würden in dem Augenblick, als die Schüsse die Leute in Verwirrung gesetzt hatten.
Die vier Mann in der Rinne fanden jetzt ein wenig Zeit, um sich zu besprechen, denn sie sahen, daß die Banditen vorläufig nichts unternehmen würden. Sie krochen alle zu jener Ecke, wo Howard saß, und berieten, was man tun könne. Sie aßen etwas, tranken einen Becher Wasser und leisteten sich dieselbe Freude, die die Banditen nun schon viele Stunden lang gehabt hatten, und rauchten.
„Wenn man nur wüßte, was sie jetzt vorhaben!“ sagte Curtin.
„Ob wir das wissen oder nicht, kommt auf dasselbe heraus“, sagte Howard. „Wir können immer nur handeln, wenn die beginnen.“
„Wir können doch raus und drauflosgehen“, riet Dobbs.
„Dann hätten sie uns.“ Howard schüttelte den Kopf und stopfte seine Pfeife. „Jetzt wissen sie nicht, wieviel wir sind. Aber dann können sie sich verteilen. Den Platz können wir halten, aber auf den Weg kommen wir nicht, da liegen sie im Hinterhalt. Und den Platz können wir besser halten, wenn wir ruhig in der Rinne bleiben. Wir wissen ja auch nicht einmal, ob nicht noch ein andrer Trupp unterwegs ist.“
„Ich denke auch, es ist besser, wenn wir ruhig in der Rinne bleiben“, sagte Lacaud. „Für immer werden sie dort nicht sitzenbleiben.“
„Wie reichen wir denn mit dem Wasser und mit dem Speck und den Crackers?“ fragte Curtin.
„Sparsam müssen wir damit sein, dann geht es für drei Tage.“
Nun begannen die Esel zu schreien. Die Männer horchten auf, kümmerten sich aber weiter nicht darum. Vielleicht gab ihnen das auch die Sicherheit, daß doch keine Soldaten hier seien, denn die würden nicht auf Eseln kommen. Zu den Eseln, wenn sie überhaupt daran dachten, sie mitzunehmen, konnten sie nicht gelangen, ehe sie nicht den Platz beherrschten.
Howard sagte nun: „Wir müssen uns auf die Nacht einrichten. Da können sie einen Schleichanfall machen.“
„Nicht in dieser Nacht und nicht in der nächsten“, sagte Lacaud. „Es ist Vollmond, und der Platz ist beleuchtet, als ob es am Tage wäre, ich weiß es von der vergangenen Nacht.“
„Das ist wahr“, bestätigte Howard. „Da haben wir Glück. Für die Nacht gehen wir besser zwei und zwei Mann zusammen und halten beide Ecken. Einer kann dann immer schlafen, und der andre hält die Sicht. Freilich, das brauche ich ja nicht zu sagen, wenn beide schlafen, wachen wir alle nicht mehr auf.“
Von den Banditen ließ sich keiner mehr auf dem Platze sehen. Sie blieben im Busch, wo man sie reden hörte und zwischen dem Gestrüpp zuweilen hin und her laufen sah.
„Das wäre jetzt gut Zeit, daß zwei einen Vorschlaf halten“, sagte Howard eine halbe Stunde später. „Die kommen uns während des Tages nicht mehr, da können wir ganz sicher sein. Ich glaube aber bestimmt, die kommen kurz vor Morgengrauen. Darauf wette ich mit euch.“
Sie teilten sich nun den Schlaf ein, und die Nacht ging ganz ruhig vorüber, bis auf eine behutsame Annäherung, die bei Anbruch der Dunkelheit erfolgte. Als aber ein Schuß krachte, während erst zwei aus dem Busch heraus waren, gaben sie es auf. Ein wenig später war auch der Mond so hell, daß man eine Katze hätte über den Platz huschen sehen.
Aber um drei Uhr morgens stieß Lacaud Curtin an, und Howard gab Dobbs einen Puff.
„Bist du wach?“ fragte Howard.
„Ja, vollständig.“
„Drüben rührt sich’s. Die kommen. Von vier Seiten krabbeln sie raus.“
„Das scheinen alle zehn Mann zu sein“, sagte Dobbs, nachdem er eine Weile hinübergesehen hatte.
„Ja, die gehen jetzt aufs Ganze. Hoffentlich sind die beiden drüben in der Ecke auch auf dem Posten. Ich will dir etwas sagen, Dobbs, sobald sie in der Mitte sind, feuern wir. Nimm sie gut aufs Korn, damit sie gleich einen guten Empfang haben. Wenn die in der Ecke, Curtin ist ja eine verschlafene Ratte, dösen sollten, dann werden sie durch unser Schießen munter werden. Sie haben dann noch immer Zeit.“
Aber ehe die Angreifer die Mitte des Platzes erreicht hatten, krachten schon aus der Ecke, wo Curtin und Lacaud saßen, zwei Schüsse. Denn auch sie hatten gedacht, es sei vielleicht notwendig, Dobbs und den Alten aufzuwecken, ehe die Banditen zu nahe waren.
Die Angreifer ließen sich aber nicht abschrecken. Sie krochen weiter. Es schien keiner von ihnen getroffen zu sein, jedenfalls nicht erheblich. Weder ein Fluch noch ein Schrei war zu hören gewesen.
Nun schossen auch Dobbs und der Alte, und einer der Banditen fluchte, hatte also offenbar einen zu sitzen.
Wahrscheinlich glaubten die Männer, jetzt sei alles verschossen, und es sei nur ein Trick mit angebundenen Gewehren gewesen, oder wer weiß, was sie sonst glauben mochten, jedenfalls wollten sie nun der Sache ein rasches Ende bereiten. Eine kleine Strecke krochen sie noch, dann sprangen sie auf und liefen halbgebückt auf die Rinne zu, breit über ihre ganze Länge verteilt.
Dadurch boten sie natürlich ein viel besseres Ziel. Drei wurden sofort getroffen. Zwei von ihnen hielten sich den Arm, der verwundet war, und der dritte schleppte sich schwer hinkend zurück zum Busch, weil er einen Treffer ins Bein erhalten hatte. Von der Rinne wurde unausgesetzt weitergeschossen, während die Angreifer von ihren Waffen keinen Gebrauch machen konnten, denn sie sahen niemand, auf den sie hätten halten können. Sie wußten ja auch nicht, wie es in der Rinne aussehe, wo sie vielleicht in Fallen gehen konnten.
Sie ließen sich wieder auf den Boden fallen, riefen sich etwas zu und begannen, zum Busch zurückzukriechen.
Dann kam der Morgen rasch herauf, und während des Tages war an einen Angriff, wie sie nun endgültig wußten, viel weniger zu denken als in der Nacht.
Als die vier sich wieder in der Ecke trafen, um zu frühstücken, sagte Howard: „In der nächsten Nacht kommen sie wieder. Da werden sie wohl mit einem andern Plan kommen. Aufgeben tun sie nicht, jetzt nicht mehr. Sie haben inzwischen gelernt, ein wie guter Verteidigungsposten diese Rinne ist. Ein besseres Hauptquartier können sie gar nicht finden. Dann noch unsre Schießeisen, und was wir sonst haben. Wir müssen gut nachdenken, was wir tun können.“
Aber vier gegen zehn, die einen Rückweg haben, vier, deren Trinkwasser in Bechern abgezählt werden muß, gegen zehn, die sich über den offnen Rückweg mit Wasser und Lebensmitteln und sogar mit Hilfskräften versehen können, da gibt es nicht viel Pläne zu machen. Und weil auch immer der Angreifer bestimmt, wann geschlafen werden darf, und wann gewacht werden muß, so hat er noch einen weiteren Vorteil.
Curtin, der, während die übrigen frühstückten, auf Wache stand, rief plötzlich aus: „Mal her. Was machen die da? Das wird nun ernst.“
Die drei kamen sofort zu den Schußlöchern und erkannten alle gleichzeitig, daß es nunmehr um Kopf und Kragen gehe.
Die Banditen waren sehr tätig. Sie hieben Äste und Stämmchen ab und begannen Schiebeschanzen zu bauen nach der Art der Indianer. Dahinter verborgen konnten sie in aller Ruhe bis an die Rinne rutschen und die Belagerten bequem ausheben. Ein paar Schüsse würden ja in der Rinne gewechselt werden, aber das Endresultat war entschieden.
Gegenüber diesem Plan wußte auch Howard keinen Rat mehr. Es konnte sich nur noch darum zu handeln, im letzten Nahkampfe sich so kostspielig wie möglich zu machen. Wer lebend in deren Hände fiel, der hatte gewiß keine Freudentränen zu vergießen.
„Mich wundert es ja eigentlich nur, warum sie nicht schon vorher darauf gekommen sind“, sagte Curtin. „Es ist doch ein alter Indianertrick.“
„Es macht zuviel Arbeit“, erwiderte Howard.
Sie berieten hin und her, kamen aber auf keinen Gedanken, der sie aus der verteufelten Lage, in der sie sich jetzt befanden, hätte befreien können. Es war vielleicht doch möglich, sich durch das Dickicht einen Weg zu hauen. Aber das hätten die Männer drüben sofort gesehen. Sie dachten auch an die Mine. Jedoch das war nur ein unbedeutender Zeitgewinn. Schließlich kamen sie doch wieder darauf, daß es mit einem Angriff versucht werden sollte, trotzdem es hoffnungslos war, denn dann standen sie auf dem freien Platze, während die andern im Dickicht saßen und den Weg hielten. Und endlich kamen sie auch davon wieder ab, weil zuletzt selbst Dobbs, der diesen Plan am eifrigsten verfochten hatte, einsah, daß es eine bodenlose Dummheit sei.
Hätte sich nur die Felswand erklettern lassen! Aber die war zu steil, und wenn sie es auch versuchten, in der Hoffnung, vielleicht weiter oben, über der vorspringenden Ecke, einen Halt zu finden, es war dennoch aussichtslos. In der Nacht ging es nicht, und am Tage konnten sie ohne Mühe abgeschossen werden, ohne sich auch nur wehren zu können.
Sie konnten nichts weiter tun, als denen da drüben ruhig zuzusehen, wie sie arbeiteten. Um vier Uhr nachmittags konnte alles fertig sein, und dann würde wohl der Angriff zu erwarten sein, wenn sie nicht den Einbruch der Dunkelheit als den besseren Zeitpunkt ansahen.
Es war gegen elf Uhr. Die Männer saßen am Eingang zu dem Platz und hielten ihr Mittagsmahl. Sie waren guter Dinge und lachten. Die vier in der Rinne waren offensichtlich der Hauptgegenstand ihrer Scherze, denn immer, wenn sie einen guten Witz gemacht zu haben glaubten, den sie belachten, dann sahen sie hinüber zu der Rinne.
Da hörte man ganz plötzlich einen Ruf: „Ramirez, Ramirez, pronto muy pronto, nun aber rasch.“
Einer der Posten kam den Weg heraufgelaufen und stürzte auf den Führer los. Die Männer sprangen alle auf und gingen in den Weg hinein. Man hörte sie reden und reden, aber das Reden entfernte sich immer weiter.
Dann wurde es still, und die Belagerten wußten nicht, was sie daraus machen sollten.
„Das ist ein Trick“, sagte Dobbs. „Sie tun jetzt so, als ob sie fortgegangen seien, damit wir herauskommen sollen auf den Weg. Dort liegen sie im Hinterhalt und warten auf uns.“
„Unwahrscheinlich ganz unwahrscheinlich“, meinte Howard. „Hast du nicht gesehen, daß da einer der Posten aufgeregt angelaufen kam?“
„Das gehört mit zu dem Trick, damit wir glauben sollen, sie seien eilig auf und davon gegangen.“
Howard aber schüttelte den Kopf. „Die brauchen keinen Trick auszuspielen, seit sie auf die Indianeridee gekommen sind.“
Dobbs ließ sich aber nicht überzeugen. „Die Indianeridee ist schon ganz gut. Sie kann aber immerhin einigen Leuten das Leben oder einige Verwundungen kosten. Vielleicht sind sie auch knapp an Munition. Wenn sie uns fangen können, ohne daß sie Munition zu verschießen brauchen, und ohne daß wir unsre Munition verschießen, die sie ja schon als ihr Eigentum betrachten, wären sie doch dumm, wenn sie es nicht wenigstens versuchen sollten. Glückt es nicht, dann kommen die Schiebeschanzen noch immer zurecht.“
„Du scheinst recht zu haben“, gab jetzt Howard zu. „Es ist unsre Munition, die sie sparen wollen; denn wenn sie auf uns losrücken, verschießen wir natürlich alles, was wir haben.“
Curtin hatte sich nicht in das Gespräch gemischt. Er war in der Rinne vorsichtig weitergekrochen und dann auf den Felsvorsprung geklettert. Da die Banditen nicht zu sehen waren und sich ihre Stimmen weit genug entfernt hatten, konnte er es einmal wagen, Ausschau zu halten.
Er saß auf dem Felsvorsprung und sah hinunter in das Tal. Eine gute Weile lang. Dann plötzlich rief er aus: „Hallo, raus mit euch. Da unten kommt eine Schwadron Kavallerie. Die sind hinter unsern Freunden her.“
Die drei kamen nun auch hervorgekrochen, und alle stiegen sie auf den Aussichtspunkt. Von dort aus betrachteten sie ein recht bunt bewegtes Bild. Die Soldaten hatten sich in sechs Gruppen verteilt und schwärmten in der Ebene umher. Sie hatten zweifellos erfahren, daß die Banditen hier irgendwo sein müßten. An diese Felsenwildnis dachten sie vorläufig noch nicht, weil sie ja wußten, daß die Banditen Pferde hatten, und sie wahrscheinlich nicht glaubten, daß man mit Pferden heraufkommen könne.
Lacaud war aber andrer Ansicht. Er sagte: „Es sieht so aus, als ob die schon wissen, wo die Räuber stecken. Aber die sind nicht so ungeschickt, sich hier in einen Hinterhalt zu begeben. Auf dem steilen Wege, der von dichtem Gebüsch und von Felsenwänden eingeschlossen ist, können sie nichts ausrichten oder nur unter großen Verlusten. Entweder die belagern den Berg, oder sie spielen einen Plan aus. Und ich glaube, das tun sie.“
Die Soldaten zogen weiter, fünf oder sechs Kilometer weiter hinaus in das Tal. Die Banditen hatten bisher sicher gedacht, daß ihr Versteck den Soldaten bekannt sei. Nun aber, als sie die Soldaten weiterreiten sahen, begannen sie sich hier geborgen zu fühlen. Ein Stück des Weges konnte von dem Felsen aus übersehen werden, und Curtin bemerkte, daß die Banditen wieder zurückgeritten kamen, um ihr Hauptquartier hier wieder aufzuschlagen. Aber die Offiziere der Federaltruppen waren ihnen an Schlauheit weit überlegen.
Als die Truppen weit genug entfernt waren, begannen sie, deutlich weithin sichtbar, nach Spuren zu suchen. Mit großen Bewegungen und mit auffälligem Hin- und Herreiten ließen sie erkennen, daß sie nun endlich herausgefunden hatten, daß die Banditen in der Felsenwildnis sein müßten. Ohne große Eile sammelten sie sich und zogen nun auf die Felsen los, um den Weg zur Höhe zu suchen. Das war ihr Trick. Sie wußten, daß die Banditen es mit allen Mitteln vermeiden würden, sich in der Felsenwildnis einschließen zu lassen, wenn sie eine Gelegenheit haben konnten, andres Gelände zu gewinnen. Aus den Felsen konnten sie nicht mehr heraus, wenn sie einmal eingeschlossen waren, und die Soldaten konnten in Ruhe die Zugangswege besetzt halten, ohne anzugreifen und ohne sich in den inneren Wegen den Kugeln der im Gebüsch und in Bergspalten lauernden Banditen auszusetzen.
Die Posten der Banditen hatten die Bewegungen der Soldaten gut beobachtet. Als sie nun erkannten, daß ihr Versteck entdeckt war, beschlossen sie, rasch den Vorsprung zu benutzen, und durch den Busch vortrefflich gedeckt, die andre Seite des Geländes zu gewinnen. Dort konnten sie entweichen, ohne gesehen zu werden oder erst so spät bemerkt zu werden, daß sie mit ihren ausgeruhten Pferden leicht den Vorsprung, den sie hatten, so zu erweitern vermochten, daß die Soldaten ihre Spur vielleicht wieder verloren.
Aber eine kleine Abteilung der Soldaten lag im Busch auf der Seite des Geländes, das die Banditen zu erreichen trachteten, versteckt. Diese Abteilung war in der vergangenen Nacht in diese Stellung gegangen, ohne daß die Banditen, die ja hier oben mit ihrem nächtlichen Angriff beschäftigt waren, etwas davon hätten erfahren können. Die Soldaten hatten das Schießen in der Nacht, das die Felsenwände weit in das Tal hinaushallten, wohl gehört, und es hatte sie davon überzeugt, daß sie auf richtigem Wege waren. Die Ursache des Schießens kannten sie zwar nicht, aber sie hatten geglaubt, daß die Banditen entweder betrunken seien oder unter sich einen Streit auszufechten hätten.
Die vier saßen hier oben auf dem Felsvorsprung und warteten auf das Gefecht, das sich nach ihrer Rechnung in einer Stunde abspielen würde. War das vorüber, dann konnten sie endlich wieder in Ruhe an ihre unterbrochene Arbeit gehen.
Die Schüsse begannen zu krachen, und die Abteilungen, die weit abgeschwenkt hatten, um die Banditen herauszulocken, kamen nun in vollem Galopp herangestürmt. Der Rückweg hinauf zu den Felsen schien den Banditen abgeschnitten zu sein, und sie jagten los, mit wildem Geschrei, Schwenken der Arme und brutalem Einschlagen der fingerlangen Sporen ihre Pferde zur höchsten Leistung aufraffend. Und die Pferde rasten auch in unbeschreiblicher Eile das Tal hinunter.
Hinterher folgten die Soldaten, die im Busch gelegen hatten. Sie hatten erst aufsitzen müssen, als die Banditen vorbeikamen, denn die Banditen waren nicht so nahe vorübergekommen, wie die Soldaten erwartet hatten; sie hatten infolgedessen nicht genügend gute Ziele abgegeben. So hatten die Banditen auch hier einen Vorsprung gewonnen. Sie ritten nicht nur, sie schossen auch während des Reitens auf ihre Verfolger.
„Das ist gut, wenn sie einen tüchtigen Vorsprung gewinnen“, sagte Howard.
„Warum?“ fragte Dobbs erstaunt.
„Dann kommen die Soldaten hier aus der Gegend weg. Die könnten ja denken, daß hier oben noch mehr Banditen versteckt seien, und kommen uns besuchen. Wir können sie nun durchaus nicht gebrauchen, wenn sie uns auch hier oben aus einer verteufelten Lage befreit haben. Ich möchte ihnen aber doch lieber auf unsrer Rückreise unsern Dank abstatten.“
Die reitenden Gruppen entfernten sich immer weiter, das Schießen klang immer leiser herauf, und bald konnten die Beobachter auf dem Felsen nicht mehr sehen, was unten vor sich ging, denn die Reiter wurden von dem flimmernden Horizont verschluckt.
14
Die Männer hatten ihr Lager wieder aufgebaut, hatten gekocht und gegessen und sich lang am Feuer ausgestreckt. Es war noch lange bis Sonnenuntergang, aber keiner machte den Vorschlag, heute noch zu arbeiten.
Als es dann dunkel wurde und sie, ihren Kaffee trinkend und ihre Pfeifen rauchend, um das Feuer saßen, sagte Curtin: „Ich glaube doch, daß Howard recht hat, und daß wir am besten tun, aufzugeben und die Mine zuzupacken. Wir könnten noch vielleicht einen Tausender machen, aber besser ist es, uns zu begnügen mit dem, was wir sicher haben. Es können uns wieder einmal solche ungebetenen Gäste hier hereinregnen, und ob man immer so gut herauskommt, ist eine Frage.
Zuerst sagte keiner etwas darauf. Dann, nach einer längeren Pause, meinte Dobbs: „Meinetwegen, ich bin damit einverstanden. Bauen wir morgen ab, übermorgen früh bringen wir unsre Sachen in Ordnung und die Packe und die Tiere, und den folgenden Tag früh ziehen wir los. Ich habe auch keine Lust mehr.“
Lacaud hörte sich das an, ohne sich einzumischen. Er rauchte und sah scheinbar gleichgültig in das Feuer. Ab und zu stand er auf, brach Äste über seinem Knie, und was er nicht zerbrechen konnte, warf er in ganzer Länge auf das Feuer.
„Kennt ihr die Geschichte von der Cienega-Mine?“ fragte er plötzlich.
„Wir kennen so viele Geschichten von Minen“, sagte Howard gelangweilt. Er träumte gerade von seinen Plänen, wie er das Geld, das er verdient habe, am vorteilhaftesten anlegen möchte, daß er ein bequemes Leben führen könne, während sich das Geld, ohne viele Mühe darauf zu verwenden, verdopple, dann vervierfache, endlich verhundertfache. Er war durch die Frage Lacauds aus der Reihe, wie er sich den Vorgang der Verhundertfachung dachte, gekommen. Vielleicht auch hatte er einen Fehler in seinen Berechnungen entdeckt, und da er zu müde war, um sich die Anstrengung zu machen, die ganze Gedankenreihe und die vielen Zahlenreihen, die er vor seinen geistigen Augen entwickelt hatte, noch einmal aufzubauen, durchzudenken und durchzuarbeiten, sagte er: „Ach, richtig, dich hatten wir ja ganz vergessen.“
Da sahen auch Dobbs und Curtin auf.
Curtin lachte: „Da siehst du, wie bedeutungslos du hier bist. Dich haben wir völlig übersehen, obgleich du mit uns gekämpft und jetzt in Ruhe mit uns gegessen und getrunken hast. Wir haben eben unsre Gedanken, und da bist du nicht mit drin.“
„Sagtest du nicht was von einem Plan?“ fragte Dobbs. „Den kannst du nun für dich behalten. Ich mache mir nichts draus. Wenn da auch noch zehntausend drin sein sollten. Ich will sie nicht. Ich will in die Stadt, will Mädchen sehen, am Tisch sitzen und das Essen vom Kellner auf die weiße Decke gesetzt haben und zusehen, wie andre Leute kochen und sich für einen Drecklohn abschinden.“
„Da sind aber mehr drin als zehntausend“, sagte Lacaud.
„Wo?“ fragte Curtin.
„In meinem Plan.“
„Ach so“, erwiderte Curtin und gähnte.
„Das Zeug liegt ganz offen da.“ Lacaud versuchte die drei zu interessieren. Es schien nicht zu gelingen, denn Dobbs sagte: „Wenn es offen daliegt, dann heb’ es nur ja auf und laß es nicht etwa liegen. Es könnte dir sonst leid tun, und du bist ganz der Bursche, der immer bereut und immer etwas zu bereuen hat. Hallo, ich gehe schlafen.“
Auch Howard und Curtin standen schwerfällig auf, reckten sich, gähnten und gingen zum Zelt. Auf dem Wege dorthin blieb Curtin nachdenklich stehen, hierauf drehte er sich um, reckte sich wieder und sah dabei nach dem Monde hinauf.
Es fiel ihm etwas ein, und er rief ins Zelt: „Howard, hast du denn den Weg verstellt heute nachmittag, als du die Esel losbandest?“
„Freilich,“ rief er, „an der Biegung hinter der Grasfläche, wie immer, bei der Wasserpfütze.“
Lacaud holte seine Packen herbei und legte sich am Feuer nieder.
Curtin sah es und kam zum Feuer.
„Kannst doch auch ins Zelt kommen, Mensch. Soviel Platz für deine Ecke ist schon noch vorhanden.“
Aber Lacaud erwiderte: „Ich schlafe ganz gut hier. Ich schlafe überhaupt lieber am Feuer als in einem Zelt. Aber höre, willst du denn nicht mitmachen? Es ist ordentlich etwas drin, kannst du mir glauben.“
„Was mitmachen? Ach ja, dein Plan. Nein, ich bin froh, wenn ich hier weg bin. Ich halte es nicht mehr aus. Es bleibt keiner von uns hier. Was hier zu finden war, das haben wir herausgeholt, und ich rühre keine Hand mehr.“
Curtin ging hinüber zum Zelt und kroch hinein.
„Was wollte denn der Knabe von dir?“ fragte Dobbs.
„Sein Plan, ich habe aber abgewinkt.“
„Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich aus dem Burschen machen soll“, sagte Howard. „Beinahe glaube ich, er hat seine Schrauben nicht alle richtig eingedreht, da sind ein paar locker. Ich brauchte nur zu wissen, was er in den letzten sechs Monaten gemacht hat, und wo er gewesen ist, dann könnte ich euch ganz genau sagen, ob er der ewige Goldsucher ist oder ob er buschverrückt ist. Vielleicht ist er beides.“
„Ewiger Goldsucher?“ fragte Curtin neugierig.