Part 18
Dobbs lehnte gegen einen Baum so, daß er die drei im Auge behalten konnte. Er stopfte sich jetzt seine Pfeife und zündete sie an. Jede Müdigkeit war vergangen. Er suchte nach einem Auswege. Ich könnte sie vielleicht als Treiber mieten, dachte er, dann fällt es gar nicht auf, wenn ich in die Stadt komme; es ist besser, als wenn ich ganz allein mit der Karawane ankomme. Dann sind sie sicher, sie haben Arbeit, erwarten jeder einen Peso, und da vergessen sie andre Absichten. Sie fühlen dann schon das Essen im Magen und ein paar Gläser Tequila.
„Ich könnte zwei oder drei Treiber gebrauchen“, sagte er.
„Könntest du?“ lachte einer.
„Ja, die Esel machen mir zu schaffen. Sie halten nicht zusammen.“ „Was willst du denn zahlen?“ fragte ein andrer.
„Einen Peso.“
„Allen drei oder jedem?“
„Jedem. Freilich erst, wenn wir in der Stadt sind und ich dort Geld einkassiert habe, jetzt habe ich keinen Centavo in der Tasche.“
Wieder dachte Dobbs, wie klug und deutlich die Antwort sei.
„Bist du denn ganz allein?“ fragte nun der, der sich auf den Arm gestützt hatte.
Was soll ich antworten, dachte Dobbs. Um aber nicht zu lange auf eine Antwort warten zu lassen und dadurch Verdacht zu erregen, sagte er: „Nein, ich bin nicht allein. Es kommen zwei andre meiner Freunde hinter mir auf dem Wege, mit den Pferden.“
„Das ist merkwürdig, Miguel, meinst du nicht auch?“ sagte der, der lang ausgestreckt auf dem Bauche lag.
„Ja,“ gab Miguel zu, „das ist wirklich merkwürdig. Geht hier ganz allein mit seiner großen Karawane und läßt seine Freunde auf Pferden hinterherkommen.“
„Siehst du die Freunde kommen, auf den Pferden?“ fragte der, der den Kopf aufgestützt hatte.
„Will mal zusehen“, erwiderte der Ausgestreckte. Er erhob sich langsam, trat aus den Bäumen heraus und sah den Weg hinauf, den man in der Ferne besser übersehen konnte als gerade in der letzten Strecke.
Er kam zurück und sagte: „Die beiden Freunde mit den Pferden sind noch weit hinterher. Sicher eine Stunde weit. Das ist merkwürdig, Miguel, meinst du das nicht auch?“
„A decir verdad,“ sagte Miguel, „ich denke auch, das ist sehr merkwürdig. Was hast du denn da alles geladen?“ fragte er dann, stand auf und ging zu einem der Esel.
Mit der geballten Hand klopfte er die Packen ab.
„Felle, scheint es“, sagte er.
„Ja, auch Felle“, gab Dobbs zu. Er fühlte sich immer unbehaglicher und dachte an Aufbruch.
„Tiger?“
„Ja,“ sagte Dobbs leichthin, „es ist auch Tiger dabei.“
„Bringen schönes Geld“, meinte Miguel mit sachverständiger Miene und trat von dem Esel wieder zurück.
Um seine Unbehaglichkeit zu verbergen, ging Dobbs nun zu einem Esel und zog die Gurten fester, obgleich es gar nicht nötig war. Dann ging er zu einem andern und rüttelte an den Packen, als ob er sich davon überzeugen müsse, daß sie fest genug sitzen. Hierauf zog er seinen Gürtel an und zerrte die Hosen höher, als ob er sich zur Weiterreise fertigmache.
„Werde ich wohl – ja, da muß ich wohl nun wieder weiter, um noch vor Abend in der Stadt zu sein.“ Er klopfte dabei seine Pfeife an seinem hochgehobenen Stiefelabsatz aus, als er das sagte. „Wer will denn als Treiber mitgehen nach Durango?“ Er sah sich um, umkreiste aber gleichzeitig die Esel, um sie zusammenzuholen.
Keiner der Burschen gab eine Antwort. Sie sahen sich an und wechselten Blicke miteinander. Einen der Blicke fing Dobbs auf, und er stieß einen der Esel an, um ihn in Gang zu bringen. Der Esel trottete los, und ein andrer folgte ihm träge. Die übrigen aber blieben stehen und nagten an dem Gras. Dobbs ging zu einem andern Esel und rief ihm zu. Auch der begann abzutrotten.
Die Männer waren aufgestanden. Sie schlenderten zwischen die noch stehenden Esel und drängten sie, scheinbar unabsichtlich, zurück oder stellten sich so, daß die Esel nicht folgten, sondern wieder stehenblieben, wenn sie schon einen Schritt gemacht hatten.
Dann aber begannen sie unruhig zu werden, als sie sahen, daß die Spitze marschierte und schon auf dem Wege war, und sie drängten die Männer zur Seite, um Platz zu bekommen. Aber die Männer wurden nun lebhaft und griffen den Eseln dreist in die Leinen und hielten sie fest.
„Weg da von den Eseln!“ schrie Dobbs erbost.
„Was da?“ sagte Miguel frech mit vorgestrecktem Kopf. „Die können wir so gut verkaufen wie du, die werden nicht schlechter dadurch, daß wir sie verkaufen.“
Die beiden andern lachten und packten noch einen zweiten Esel.
„Weg da von den Eseln, sage ich noch einmal!“ schrie Dobbs mit erhöhter Stimme. Er sprang einen Schritt zurück und zog den Revolver.
„Mit deinem Eisen da kannst du uns nicht erschrecken,“ höhnte einer, „uns nicht. Du kannst nur einen schießen, und dem ist es ohnehin gleichgültig.“
„Zurück und die Esel los!“ schrie Dobbs.
Dann schoß er auf den nächsten. Es war Miguel. Aber der Revolver klickte nur kalt und hart. Dreimal, fünfmal, siebenmal klickte der Revolver. Kein Schuß krachte. Dobbs starrte, und die Männer starrten. Sie vergaßen vor Erstaunen zu lachen oder zu höhnen.
Aber einer bückte sich und ergriff einen schweren Stein.
Eine Sekunde nur folgte, eine kurze Sekunde. In dieser Sekunde jedoch kamen die Gedanken so schnell auf Dobbs ein, daß er, selbst in dieser kurzen Sekunde, wo es sich um sein Leben entschied, noch denken mußte, wie es nur möglich sei, daß man in einer Sekunde so viel denken könne. Sein erster Gedanke war, wie es geschehen konnte, daß der Revolver versagte. Aber da kam eine ganz lange Geschichte in sein Bewußtsein. In jener Nacht, wo er Curtin erschoß, hatte er sich an den schlafenden Curtin geschlichen, dessen geladenen Revolver gezogen und ihn später mit diesem Revolver niedergeschossen. Curtin hatte beide Revolver in den Taschen gehabt, seinen eignen und den des Dobbs. Da beide Revolver gezeichnet waren und Howard die Revolver hätte nennen können, warf Dobbs den Revolver Curtins, mit dem er die Schüsse getan hatte, zu dem Leichnam, als er ihn das zweite Mal aufsuchte und ihm den zweiten Schuß gab. Den eignen Revolver aber steckte er zu sich. So gewann es den Anschein, falls Curtin gefunden wurde, als sei er angegriffen worden und habe sich verteidigt. Der Revolver des Dobbs hatte ein andres Kaliber, aus seinem Revolver konnten die Schüsse nicht gefeuert worden sein. Dobbs hatte nur eins vergessen. Als er seinen eignen Revolver wieder an sich nahm, vergaß er, ihn zu laden. Er hatte es vergessen, daß in jener Nacht, als Curtin ihm den Revolver abnahm, Curtin den Revolver entladen hatte. Unter allen andern Gedanken, die ihn während der letzten Tage so viel beschäftigten, hatte er nicht einmal daran gedacht, daß der Revolver noch immer ungeladen sei.
Immer noch in derselben Sekunde dachte jetzt Dobbs an eine andre Waffe. Er stand dicht bei einem der Esel, an dessen Packen ein Machete gebunden war. Er griff zu, um den Machete zu ziehen und sich damit zu verteidigen. Das wäre ihm auch gelungen. Er hätte, den Machete in der Hand, vielleicht Zeit gefunden, den Revolver zu laden, denn er hatte einige Patronen lose in der Hemdtasche.
Aber da war die Sekunde zu Ende, und der Stein sauste an seinen Kopf. Er sah ihn kommen, konnte aber den Kopf nicht rasch genug abwenden, weil er seine letzten Gedanken ganz auf den Machete gerichtet hatte.
Der Stein streckte ihn nieder, mehr durch die Wucht und den Anprall als durch die Verletzung.
Ehe er jedoch Zeit gewann, wieder aufzuspringen, war Miguel schon am Machete, auf das er durch die Bewegung des Dobbs erst aufmerksam geworden war. Mit einem gewandten Griff zog er den Machete aus der langen Lederscheide, sprang zu dem liegenden Dobbs, und mit einem kräftigen, kurz und sicher ausgeholten Hieb schlug er Dobbs den Kopf glatt vom Nacken.
Nicht so sehr erschreckt als vielmehr verblüfft über diese rasche Tat starrten alle drei auf den Leichnam. Die Augen des Kopfes, der nur um die Breite des Machete vom Rumpfe entfernt lag, zuckten nervös und blieben dann im scharfen Ruck zu dreiviertel geschlossen stehen. Beide Hände spreizten sich lang aus und krampften sich fest zusammen. Das taten sie mehrere Male. Dann, nachdem sie das letztemal die Nägel in die eignen Handflächen gepreßt hatten, lösten sie sich sanft und starben, halb geöffnet.
„Das hast du getan, Miguel“, sagte einer der beiden andern halblaut und kam näher.
„Halt dein Maul“, rief Miguel wütend und drehte sich so rasch nach dem Sprecher um, als wolle er ihn auch erschlagen. „Das weiß ich selber, wer ihm eins draufgewichst hat, du Hänfling. Wenn es herauskommt, werdet ihr beide genau so gut erschossen wie ich. Das wißt ihr doch, oder soll ich es den Gendarmen erzählen. Bei mir macht es sowieso keinen Unterschied aus und ich bin eure Pflegemutter nicht.“
Er betrachtete den Machete. Es war nur ganz wenig Blut daran. Er rieb ihn ab an dem Baume und dann schob er ihn wieder in die Scheide.
22
Die Esel, die sich ja im allgemeinen nicht so in die Angelegenheiten der Menschen zu mischen pflegen, wie die Hunde es so gern tun, waren lässig abmarschiert. Da sie viel klüger sind, als Menschen, die nie etwas mit Eseln zu tun haben, gemeinhin glauben, so marschierten sie auf dem richtigen Wege immer auf Durango zu.
Die Männer hatten in ihrer Erregung die Esel ganz vergessen. Sie nahmen dem Leichnam die Hosen und die Stiefel ab und zogen die Sachen gleich an. Viel Wert hatten weder die Hosen noch die Stiefel; denn sie hatten die letzten zehn Monate mehr getan, als man von solchen Dingen erwartet. Dennoch waren sie, verglichen mit den Fetzen, die jene Männer trugen, wahre Prachtstücke.
Das Hemd aber wollte niemand haben und niemand wollte es anziehen, obgleich alle drei an Stelle der Hemden etwas trugen, von dem man schwer hätte sagen können, welches die kompaktere Masse war, die Löcher oder die darumhängenden Fetzen.
„Warum willst du denn das Hemd nicht nehmen und anziehen, Ignacio?“ fragte Miguel, während er mit dem Fuße gegen den Leichnam stieß, der jetzt nichts weiter anhatte als das mürbe getragene Khakihemd.
„Ist nicht viel wert“, erwiderte Ignacio.
„Du hast Grund, so etwas zu sagen, du Hund, du dreckiger“, sagte Miguel darauf. „Gegen das deine betrachtet ist es besser als neu.“
„Ich mag es nicht“, meinte nun Ignacio und wandte sich ab. „Es ist zu nahe am Halse. Warum nimmst du es denn nicht?“
„Ich?“ fragte Miguel und zog wütend die Stirne hoch, „ich ziehe nicht das Hemd an, das so ein Hund von einem Gringo warm am Leibe gehabt hat.“
Die Wahrheit aber war, daß das Hemd auch für Miguel zu nahe am Halse des Leichnams war. Es hatte zwar keine Blutflecken, aber trotzdem wollte es keiner anziehen. Sie hatten das Vorgefühl, daß sie sich in dem Hemde nicht wohlfühlen könnten. Sie vermochten das Gefühl nicht zu erklären und gaben sich alle damit zufrieden, daß das Hemd eben zu nahe am Halse sei, und daß es darum als Wertgegenstand nicht mehr in Betracht kommen könne.
„Der Schurke wird ja wohl in seinem Packen noch ein paar andre Hemden haben“, sagte Ignacio.
Miguel fuhr ihn sofort an. „Da wartest du erst einmal, bis ich nachgesehen habe, und was dann übrigbleibt, da können wir darüber sprechen.“
„Bist du hier vielleicht der Hauptmann?“ schrie nun der dritte, der die letzten Minuten scheinbar uninteressiert, gegen einen Baum gelehnt dagestanden hatte. Er hatte guten Grund, uninteressiert zu scheinen, denn er hatte sich die Hosen angeeignet, während Miguel die Stiefel genommen hatte. Nur Ignacio war leer bei dieser Teilung ausgegangen, weil er das Hemd nicht gemocht hatte.
„Hauptmann?“ brüllte Miguel erbost. „Hauptmann oder kein Hauptmann, was hast du denn bis jetzt getan?“
„Habe ich ihm denn nicht den Stein an den Schädel gefeuert?“ prahlte der dritte. „Du hättest dich ja sonst nicht an ihn gewagt, du Cobarde.“
„Du mit deinem Stein,“ höhnte Miguel, „das war gerade wie ein Zahnstocher. Wer von euch beiden räudigen Katzen hätte sich denn herbeigemacht und ihm den Rest gegeben? Ihr Jammerfetzen, die ihr seid. Und damit ihr es wißt, gleich jetzt, den Machete kann ich auch noch ein zweites Mal gebrauchen und auch noch ein drittes Mal, für euch beide. Ich werde euch nicht um eure Erlaubnis fragen.“
Er wendete sich um und wollte zu den Packen gehen.
„Wo sind denn die Esel hin, verflucht noch mal?“ rief er erstaunt.
Erst jetzt kam es allen ins Bewußtsein, daß die Esel abmarschiert waren.
„Nun aber nach und die Biester eingeholt, sonst kommen sie in die Stadt, und wir haben gleich darauf die Schwärme von Gendarmen hier herumsausen“, rief Miguel.
Die Männer machten sich auf und rannten dem Zuge nach. Sie hatten gut zu laufen, denn die Esel, die hier kaum ein trockenes Hälmchen am Wege fanden, das sie aufgehalten hätte, waren munter vorangetrottet. Es dauerte mehr als eine Stunde, ehe die Männer mit den Tieren wieder zurück bei den Bäumen waren.
„Wir werden ihn besser einscharren,“ sagte Miguel, „sonst schwärmen die Geier herum, und jemand, der nichts Besseres zu tun weiß, könnte nachsehen kommen, was die Geier hier gefunden haben.“
„Ja, willst du denn vielleicht einen Zettel mit deinem Namen bei ihm zurücklassen?“ fragte Ignacio höhnisch. „Es kann uns doch gleichgültig sein, ob man das Aas findet oder nicht. Er wird es nicht mehr erzählen, wen er zuletzt getroffen hat.“
„Du bist aber schlau, mein Hühnchen“, sagte Miguel. „Wenn man den Hund findet und bei uns seine Esel, dann kannst du nichts mehr abstreiten. Aber wenn man bei uns die Esel findet und nirgends den Kadaver, da soll dir erst mal einer beweisen, daß du dem Gringo in die Hölle verholfen hast. Wir haben die Esel von dem Gringo gekauft. Aber wenn man das findet, was noch von ihm übrig ist, glaubt dir niemand, daß du die Esel gekauft hast. Also los an die Arbeit.“
Und mit demselben Spaten, mit dem Dobbs den Curtin einzugraben gedacht hatte, wurde er nun selbst eingescharrt. Es ging sehr rasch. Die Männer machten sich nicht viel Mühe. Sie taten gerade das Allernotwendigste und überließen die Arbeit den Ameisen und den Würmern.
Dann machten sie sich auf und trieben den Zug wieder ins Gebirge zurück, weil sie sich zur Stadt nicht wagten, einmal aus persönlichen Gründen, dann aber auch, weil sie dachten, sie möchten dort jemand begegnen, der den Zug kannte und erwartete. Es war auch recht gut möglich, daß Dobbs die Wahrheit gesagt hatte und wirklich noch zwei Männer mit Pferden auf seinem Wege folgten. Denn es schien ihnen in der Tat sehr unwahrscheinlich zu sein, daß Dobbs den ganzen Zug allein geführt haben sollte. Und um zu vermeiden, jenen Männern, die vielleicht existierten, zu begegnen, bogen sie von dem Wege, den Dobbs ihrer Rechnung nach gekommen war, ab und zogen auf einem andern Maultierpfade hinauf ins Gebirge.
Als sie wieder im Busch waren, konnten sie ihre Neugier nicht länger zurückhalten. Sie wollten wissen, wie groß die Beute sei und welche guten Dinge in den Packen waren.
Es war dunkel geworden, und der Busch machte den Platz, wo sie nun hielten, um hier zu übernachten, noch dunkler. Um ihren Aufenthalt nicht zu verraten, solange sie noch in dieser Gegend waren, unterließen sie es, Feuer anzuzünden.
Sie wurden geschäftig. Sie luden die Tiere ab und begannen die Packen aufzuschnüren. Da war noch eine Hose und noch zwei Paar leichte Schuhe. Da war auch Kochgeschirr, aber nur noch eine Handvoll Bohnen und eine Faustvoll Reis.
„Scheint wirklich nicht so ein reicher Bursche gewesen zu sein“, sagte Ignacio. „Hatte es sehr nötig, zur Stadt zu kommen.“
„Geld hat er auch nicht gehabt“, knurrte Miguel, während er den Packen, den er aufgeschnürt hatte, durchsuchte. „Hatte gerade noch siebzig Centavos in der Hosentasche, der Schurke. Vom Besten sind die Felle auch nicht, die er hier hat. Werden kaum ein paar arme Pesos bringen.“
Dann kam er zu den Säckchen.
„Was hat er denn hier? Sand, wahrhaftig Sand. Möchte wissen, wozu er den Sand hier mit sich herumschleppt, in lauter kleinen Säckchen?“
„Das ist ganz klar“, sagte Ignacio, der nun ebenfalls die Säckchen in seinem Packen fand. „Ist durchaus klar. Der Bursche war ein Ingenieur von einer Mining Company. Der hat hier im Gebirge herumgesucht und bringt nun die Sandproben mit zur Stadt, damit sie dort im Bureau von den andern Ingenieuren und Chemikern untersucht werden. Dann wissen die amerikanischen Kompanien gleich, wo sie Land abstecken können.“
Er schüttete die Säckchen alle aus. Auch Miguel schüttete den Inhalt der Säckchen, die in seinen Packen waren, aus, und als er sah, daß die Säckchen nur wertlose abgerissene Fetzen waren, verfluchte er Götter, Teufel und alle Gringos. Es war so dunkel geworden, daß sie den Charakter des Sandes selbst dann nicht hätten erkennen können, wenn sie mehr darüber gewußt hätten.
Auch Angel, der dritte, fand die Säckchen in seinem Packen. Er gab ihnen eine andre Deutung. Er sagte: „Der Bursche war ein echter amerikanischer Schwindler und Betrüger, das kann ich euch sagen. Die Säckchen hat er alle so schön zwischen den Fellen versteckt gehabt und dann die Felle dicht verschnürt. Wißt ihr warum? Der hat die Felle in Durango nach Gewicht verkaufen wollen, und damit sie mehr wiegen sollten, hat er den Sand dazwischengesteckt, und damit der Sand nicht herauskommen sollte, darum hat er ihn in kleine Säckchen gesteckt. Der hätte die Felle am Abend verkauft, und am nächsten Morgen, ehe der Käufer den Schwindel gemerkt hätte, war der Vogel fortgeflogen mit der Bahn. Dem haben wir den Schwindel schön verdorben, diesem Hund.“
Und Miguel und Ignacio fanden, daß dies die beste Erklärung für den Sand sei, und sie beeilten sich, ihn loszuwerden.
23
Noch in der Nacht packten sie auf und zogen weiter. Am Nachmittag kamen sie in ein Dorf, und sie fragten einen Indianer, den sie vor seinem Hause trafen, ob er niemand wüßte, der Esel kaufen würde, sie hätten die Absicht, einige der Esel zu verkaufen, weil sie keine Verwendung für sie hätten. Der Indianer sah sich die Esel an, ging um sie herum, sah nach den Brandzeichen, dann sah er sich die Packen an, dann sah er unauffällig auf die Stiefel des Miguel und auf die Hosen des Angel, als ob er willens sei, das alles zu kaufen. Endlich sagte er: „Ich kann keine Esel kaufen, ich habe jetzt kein Geld. Aber mein Onkel, der kauft vielleicht die Esel. Der hat auch Geld genug dazu, ich habe keins. Ich will euch zu meinem Onkel führen, und mit dem könnt ihr verhandeln.“
Das ging ja leicht, dachten die drei Halunken, denn für gewöhnlich kann man in ein halbes Dutzend Indianerdörfer gehen, ehe man jemand findet, der einen Esel kauft. Meist haben die Leute ja kein Geld, und ein Peso bedeutet schon eine große Summe für sie.
Nach einigen hundert Schritten kamen sie zu dem Hause des Onkels. Das Haus war, gleich den meisten der übrigen Häuser, aus getrockneten Lehmziegeln gebaut und mit Gras gedeckt. Es befand sich an dem großen Dorfplatze, wo der Markt, die Unabhängigkeitsfestlichkeiten, die Revolutionserinnerungsfeiern und die politischen Versammlungen abgehalten werden. In der Mitte des Platzes war ein bescheidener Pavillon errichtet, wo die Musik zu spielen pflegte, wenn eine öffentliche Festlichkeit war, und wo sich auch die Redner hinzustellen hatten, wenn sie eine Ansprache halten wollten. Von diesem Pavillon aus sprachen auch die Führer der Gesundheitskommissionen, wenn sie aufs Land kamen, um die indianische Bevölkerung über Gesundheitspflege und Kinderfürsorge zu unterrichten. Die Arbeiterregierung leistet auf diesen Gebieten mehr als alle Regierungen seit der Ankunft der ersten Spanier zusammengenommen.
Der Indianer ging in das Haus seines Onkels, um mit ihm über den Ankauf der Esel zu sprechen. Es dauerte nicht lange, da kam der Onkel heraus und ging auf die drei Wegelagerer zu, die sich im Schatten der paar Bäume, die in der Nähe des Hauses standen, niedergehockt hatten.
Der Onkel war ein älterer Mann, grauhaarig schon, aber fest und sehnig. Sein kupferbraunes Gesicht war straff, und seine schwarzen Augen glänzten wie die eines Knaben. Das strähnige Haar trug er ziemlich lang und seitlich nach hinten gestrichen. Er kam sehr aufrecht und langsam auf die Männer zu. Er grüßte und trat dann sofort zu den Eseln, um sie zu prüfen. „Sehr gute Esel, Senjor,“ sagte Miguel, „sehr gute, verdad, die können sie nicht besser auf dem Markt in Durango kaufen.“
„Das ist wahr,“ sagte der Onkel, „es sind gute Esel. Freilich, ein wenig abgearbeitet und ein wenig hungrig. Ihr habt wohl eine weite Reise gemacht?“
„Oh, nicht so weit, kaum zwei Tage“, mischte sich Ignacio ein.
Miguel stieß ihn in die Rippen und sagte: „Da hat mein Freund hier nicht ganz die Wahrheit gesagt. Wir sind jetzt allerdings nur zwei Tage marschiert, seit dem letzten Ruhetag. Aber in Wirklichkeit sind wir doch schon seit einigen Wochen auf der Reise.“
„Dann ist es ja auch kein Wunder, daß die Esel etwas herunter sind. Die werden wir aber schon wieder auffüttern.“ Als er das sagte, sah er sich die Leute genauer an, ihre Kleidung und ihre verkommenen Gesichter. Er ließ es sich aber nicht anmerken, daß er sie beobachtete, er erweckte vielmehr den Anschein, als ob er sie nur ganz gedankenlos betrachte, während sich sein Geist mit dem Kauf und mit den Zahlen beschäftigte.
„Was sollen sie denn kosten?“ fragte er nun, die Leute immer weiter betrachtend.
„Oh, ich denke,“ sagte Miguel lächelnd und den Kopf vertraulich neigend, „ich denke, daß zwölf Pesos kein zu hoher Preis ist.“
„Für alle?“ fragte der Onkel ganz unschuldig.
Miguel lachte laut auf, als habe er einen guten Witz gehört: „Aber natürlich nicht für alle, ich meine, zwölf Pesos für jeden einzelnen.“
„Das ist ein sehr hoher Preis,“ sagte nun der Onkel geschäftsmäßig, „dafür kann ich sie auch auf dem Markt in Durango kaufen.“
„Wer weiß?“ gab Miguel zur Antwort. „Da sind sie viel teurer, fünfzehn oder gar zwanzig Pesos. Dann müssen Sie sie aber noch heimtreiben.“
„Richtig,“ nickte der Onkel, „aber dann verdienen sie auch schon auf der Reise ihr Geld. Da kann ich Ware mit heimbringen und den Eseln aufpacken.“
Miguel lachte breit aus: „Ich sehe, ich habe es mit einem klugen Geschäftsmann zu tun, und da wollen wir auch nicht so hartnäckig auf unserm Preis bestehen. Mein letztes, mein allerletztes Wort – da schlagen Sie zu, mein allerletztes Wort ist neun Pesos für jeden einzelnen. Ich weiß, Sie haben es auch nicht so dick, und wir haben dieses Jahr eine lange Trockenzeit.“
„Neun Pesos,“ sagte der Onkel ruhig, „das kann ich nicht zahlen. Vier Pesos und nicht einen Centavito mehr.“
„Machen Sie es fünf, und die Esel sind alle Ihr Eigentum“, sagte Miguel und schob die Hände in die Hosentaschen, als ob er das Geld schon im Sack habe.
„Vier Pesos ist mein Gebot“, sagte der Onkel ruhig.
„Sie ziehen mir die Haut über die Ohren, Senjor; aber gut, ich will gewiß nicht selig werden, und blind will ich morgen früh sein, wenn ich Ihnen die Esel nicht in Wahrheit geschenkt habe für einen solchen Preis.“ Das sagte Miguel und sah dabei der Reihe nach vom Onkel zu dem Neffen und dann zu seinen beiden andern Strauchdieben. Die nickten und machten eine traurig sein sollende Miene, um anzudeuten, daß sie soeben ihr letztes Hemd für nichts weggegeben hätten.
Der Onkel nickte nun ebenfalls, aber mit einer Gebärde, als hätte er schon gestern nachmittag gewußt, daß er heute Esel für vier Pesos das Stück kaufen würde.
Er ging wieder zu den Eseln und sagte dann: „Wollt ihr denn die Packen auf euren Rücken weiterschleppen?“
„Ja, richtig, die Packen“, sagte Miguel verblüfft und sah nach seinen beiden Kumpanen; diesmal aber nicht so protzend, wie er es gewöhnlich tat, sondern so, als ob er sie um eine gute Antwort oder einen Rat anflehen wollte.
Ignacio verstand den Blick und sagte: „Die Packen wollen wir auch verkaufen, wir wollen mit der Bahn weiterfahren.“
„Das ist wahr,“ gab Miguel nun geläufig zu, „die verkaufen wir auch. Das war unsre Absicht.“
In Wahrheit hatten sie die Packen ganz vergessen über dem Eselverkauf.
„Was habt ihr denn in den Packen?“ Der Onkel ging wieder näher heran und stieß mit der Faust in einen Packen.