Part 15
„Wo?“ fragte Dobbs. „Ja, jetzt sehe ich. Indianer auf Pferden. Die brauchen doch aber nicht gerade auf unsern Hacken zu sein. Können doch ebensogut auf einem Spazierritt sein oder zu Markt reiten.“
Es dauerte nicht lange, und die Reiter waren herangekommen. Sie erkannten die vier Indianer, die ihnen gestern abend den Besuch abgestattet hatten, und außerdem waren da noch zwei Männer, die Howard in dem Hause gesehen hatte.
Die Männer grüßten, und dann sagte der eine: „Aber, Senjores, warum sind Sie uns denn fortgelaufen?“
Howard lachte und sagte: „Wir sind nicht fortgelaufen, aber wir müssen weiterreisen, wir müssen zur Stadt. Wir haben dort wichtige Geschäfte, die eilig sind.“
„Oh,“ sagte der Indianer, dessen Sohn in Lebensnöten gewesen war, „Geschäfte können warten. Geschäfte sind nicht eilig. Es gibt noch mehr Tage, nicht nur heute und nicht nur morgen und nicht nur übermorgen. Aber ich muß Sie doch erst einladen. Ich kann Sie doch nicht fortlassen. Sie haben meinem Sohn das Leben wieder zurückgegeben. Dafür müssen Sie mein Gast sein. Zwei Wochen. Ach, das ist zu wenig. Sie müssen sechs Wochen lang mein Gast sein. Ich habe Land. Ich habe viel Mais. Ich habe Kühe. Ich habe viele Ziegen. Ich gebe Ihnen jeden Tag einen guten Truthahn zu essen und Eier und Milch. Meine Frau wird Ihnen jeden Tag Tamales machen.“
„Wir danken Ihnen von ganzem Herzen,“ sagte Howard, „aber wenn wir nicht rechtzeitig in der Stadt sind, verlieren wir unser Geschäft.“
„Geschäfte laufen nicht davon“, sagte nun ein andrer der Indianer. „Geschäfte sind zäh wie das Fleisch einer alten Ziege. Geschäfte machen Sorgen. Warum wollen Sie sich Sorgen machen, wenn Sie es so gut bei uns haben sollen. Sie werden keine Sorgen haben, und wir haben auch Musik und Tanz.“
„Nein, wir müssen gehen, wir müssen ganz bestimmt zur Stadt“, sagte Dobbs, und er wurde ein wenig ärgerlich.
„Wir haben Ihr Geschenk angenommen,“ sagte nun der Vater, „und Sie müssen auch unser Geschenk annehmen.“
Als die Indianer sahen, daß es schwieriger war, die Fremden zu Gast zu bitten, als sie sich gedacht hatten, sagte einer: „Die beiden jüngeren Männer mögen ruhig gehen, aber du,“ und er wendete sich Howard zu, „du darfst nicht gehen. Der Sohn meines Bruders würde sicher sterben, wenn wir dich nicht zu Gaste bitten. Wir müssen deine Medizin bezahlen, weil du so gut warst zu dem Jungen.“
So verärgert die drei Reisenden auch waren, so sehr sie sich wehrten, sie konnten nicht entkommen. Sie waren umringt von den sechs Männern und waren in deren Gewalt.
Endlich kam Dobbs auf einen Gedanken. Er sagte zu Howard: „Die Dummheit, die wir gestern getan haben, läßt sich nicht rückgängig machen. Die sind zufrieden, wenn du bleibst. Sie wollen nur dich hierbehalten. Wir gehen weiter, und du kannst später nachkommen. Das ist der einzige Ausweg.“
„Du hast gut reden“, sagte Howard. „Aber was wird aus meinen Packen?“
„Die behältst du bei dir“, sagte Curtin.
Dobbs widersprach und sagte: „Würde ich nicht raten. Die stöbern das durch und nehmen es dir weg, oder sie reden herum, und es kommt heraus, und wenn die dich nicht erschlagen, dann hören Banditen davon und lauern dir auf.“
„Was soll ich denn nun tun?“ fragte Howard.
„Wir nehmen dein Gut mit und liefern es bei der Bank auf deinen Namen ein. Oder traust du uns etwa nicht?“ Das sagte Dobbs.
„Trauen? Warum nicht trauen?“ Howard lachte und sah von einem zum andern. „Wir haben ja beinahe ein ganzes Jahr zusammen gelebt und zusammen gearbeitet. Da war doch immer etwas zu trauen. Oder etwa nicht?“
Und da ihnen nichts weiter übrigblieb, mußten sie zu einer Entscheidung kommen, mit der auch die Indianer zufrieden waren. Denen war es nur darum zu tun, Howard ihre Dankbarkeit zu erweisen. So schien es der beste Ausweg zu sein, daß Howard den beiden Arbeitsgenossen sein Gut übergab. Beide übernahmen die Verantwortung für die Ablieferung, und beide gaben ihm einen Zettel, auf dem sie das Gut quittierten, soundso viele Säckchen, jedes ungefähr das gleiche Gewicht von soundso vielen Gramm ausgewaschenen Sandes.
„Und wo liefert ihr es ab?“ fragte Howard.
„Wir geben es in ein Safe der Banking Company in Tampico, auf deinen Namen“, sagte Curtin.
„Gut denn“, sagte Howard, und sie schieden voneinander.
„Ist ja nur ein paar Wochen, Alter“, sagte Curtin. „Ich warte auf alle Fälle auf dich in Tampico. Triffst mich im Southern oder im Imperial. Ich würde mit dir hierbleiben, aber das ist ja solche Zeitvergeudung, und du weißt doch, ich habe jemand auf mich warten.“
Howard bekam eines der Pferde, während der Indianer, der sein Pferd hergegeben hatte, zu einem andern Manne mit aufs Pferd stieg. Dann zogen sie lachend und zufrieden in ihr Dorf, Howard im Triumph in ihrer Mitte führend.
18
Durch den Aufenthalt und durch die langen Unterhandlungen, bei denen die Indianer keine Eile zeigten, wohl aber Zähigkeit, ihren Willen durchzusetzen, war ein halber Tag verlorengegangen. Es erweckte ganz und gar den Eindruck, als ob die Indianer auf die Begleitung der beiden Genossen Howards nicht allzu großen Wert legten. Hätte Howard gewünscht, daß die beiden in die Gastfreundschaft eingeschlossen sein müßten, so hätten sie mitgehen müssen, und man würde ihnen dieselben Freundlichkeiten erwiesen haben wie Howard. Aber die Indianer schienen keinen Gefallen an den beiden zu finden. Vielleicht war es deren Blick, der ihnen nicht zusagte, und sie legen auf den Blick mehr Wert als auf das übrige Aussehen.
Dieser Aufenthalt war die Ursache, daß Curtin und Dobbs heute nicht einmal Cienega, ein winziges Indianerdorf, erreichten und so einen Tag mehr zu reisen hatten, ehe sie zu dem Paß im Hochgebirge kamen, wo sie den Übergang machen wollten.
Sie waren beide durch den Vorfall ärgerlich geworden und mißmutig. Kaum daß sie ein Wort miteinander sprachen, und wenn sie etwas zu sagen hatten, so sagten sie es knurrend. Sie waren wütend, daß sie die Fracht Howards zu transportieren hatten, daß sie seine Esel zu treiben hatten, daß sie sein Gut abladen und aufladen mußten, und daß er fehlte und seinen Teil an der Arbeit nicht verrichtete. Und es waren gerade die Esel des Howard, die auszubrechen liebten, es waren gerade seine Packen, die nicht gut aufgeschnürt waren und während des Transports sich von den Tragsätteln lösten. Sie luden fluchend auf. Und während sie das taten, begannen die übrigen Esel zu streuen, und mußten eingeholt werden. Solche Dinge kamen nicht vor, wenn da drei Mann waren. Auf Howard konnten sie nur aus der Ferne fluchen und schimpfen. Sie sahen bald ein, wie lächerlich das war; denn Howard konnte es nicht hören, und da war es törichte Kraftverschwendung, auf ihn loszuwettern. Sie fluchten dann auf die Esel. Aber die antworteten nicht und nahmen es nicht ernst. Sie trotteten ihren Weg, zupften da ein Hälmchen aus und rissen dort ein Zweiglein von einem Strauch, wenn immer sie eine Sekunde Zeit hatten, ihre Zunge zu bewegen und das nächste Tier im Zuge nicht so unhöflich drängte.
Schließlich blieb den beiden Burschen nichts andres übrig, als sich gegenseitig anzuknurren, sich alberne Vorwürfe zu machen, sich für ferne und weit zurückliegende Dinge die Schuld zuzuschieben, nur um Antworten zu hören und sich an den Antworten immer mehr zu erhitzen. Es sind immer die Antworten, die einen Streit machen. Denn welcher von beiden hätte die philosophische Ruhe gehabt, auf Vorwürfe, Anschuldigungen und lächerliche Behauptungen nicht zu antworten? Curtin hatte die Spitze des Zuges und Dobbs den Schwanz. Und über die Esel hinweg, die geduldig und langmütig zwischen den beiden trollten, warfen sie sich ihre lieblichen und wohlgemeinten Reden zu. Die Esel drehten ihre Ohren bald nach vorn, um einen strahlenden Fluch Curtins auszukosten, und bald drehten sie ihre Ohren nach hinten, um zu hören, in welch kräftiger Form Dobbs die Schmährede Curtins aufnehmen und beantworten werde. Dann kamen die Esel, die nebeneinander gingen, mit ihren Nasen zusammen, schnüffelten sich an, flüsterten etwas und grinsten mit breiten Mäulern. War der Pfad zu schmal, so daß sie nicht nebeneinander aufkommen konnten, so schnüffelte der eine Esel an den Hinterbacken des vor ihm marschierenden. Der drehte sich dann um, nickte und grinste und gab unzweideutig zu erkennen, daß er es verstanden und sich seine Meinung gebildet habe. Sie gaben dann ihre Meinungen unter sich weiter, immer durch Schnüffeln und Umdrehen, Nicken und Grinsen und Wackeln und Drehen der armlangen Ohren. Hätten sich Dobbs und Curtin nur einen Augenblick Zeit genommen und einmal darauf geachtet, was und wie die Esel über die Angelegenheit dachten, so würden sie sicher einen Begriff von wahrer Weltweisheit bekommen haben. Aber wer wird sich denn so weit herablassen, daß er den Esel als Lehrmeister duldet?
„Ich mache Stopp hier“, sagte Dobbs plötzlich. „Ich bin doch kein Vieh, daß ich den ganzen Tag so drauflosrenne.“
„Es ist ja erst drei Uhr, Mensch“, erwiderte Curtin.
Dobbs schrie wütend über die Esel hinweg: „Ich habe dir doch nicht geheißen, hier Lager zu machen. Meinetwegen kannst du losbürsten bis morgen früh.“
„Geheißen? Du?“ blökte Curtin zurück. „Du hast mir gar nichts zu heißen. Du bist doch nicht der Boß.“
„Du vielleicht? Sag’s nur. Ich warte nur darauf, das von dir zu hören.“ Dobbs wurde rot im Gesicht.
„Gut,“ sagte Curtin etwas ruhiger, aber doch noch verärgert, „wenn du nicht mehr weiter kannst –“
„Kannst? Kannst?“ schrie Dobbs. „Mit dir kann ich noch um die Wette.“
„Ja, ja, das ist gut. Also wenn du nicht mehr willst, dann können wir abladen und Lager machen. Meinetwegen, mir auch recht.“
„Hier ist doch Wasser,“ sagte Dobbs, ebenfalls ruhiger werdend, „wer weiß, ob wir am Abend Wasser finden.“
Essen stimmt immer versöhnlich, wenn während des Essens nicht über die Kostenfrage geredet wird.
Auch hier stimmte das Essen versöhnlich, obgleich es kein Festessen war. Und auch hier wurde ein Trinkspruch ausgebracht. Auch hier auf den andern.
Dobbs war der Redner des Abends. Er sagte: „Was wird denn der alte Bursche machen?“ Und dabei dachte er nicht an ihn, sondern an sich selbst, an seine eigenen Interessen. Freilich, zuerst war ja sein Gedanke wohl in der Tat bei Howard. Aber noch ehe er den Satz beendete, wurde ihm klar, daß etwas andres ihm näher lag als Howard. Er sah hinüber zu den Packen, und sein Blick haftete eine Weile an den Packen Howards.
Curtin sah ebenfalls hinüber zu den Packen. Aber er deutete den Blick des Festredners unrichtig. Denn er sagte: „Oh, ich denke, wir kriegen die ganze Schiffsladung fein und sauber ins Häuschen. Wir sind jetzt weit genug fort vom Berg. Das ist nun ganz unverdächtig. In zwei Tagen, wenn wir einen guten Blick haschen von der Höhe, können wir schon die Eisenbahn rauchen sehen.“
Dobbs sagte nichts darauf. Er stierte ins Feuer, dann sah er hinüber, wo sich die dunklen Schatten der grasenden Esel bewegten, und weil er nicht wieder ins Feuer starren und nicht wieder die Esel beobachten wollte, so fiel sein Blick abermals auf die Packen und blieb an den Packen Howards hängen.
Plötzlich stieß er Curtin mit der Faust an und lachte laut auf. Sein Lachen wurde glucksend und schluckend und holpernd.
Curtin sah ihn erstaunt und verwirrt an, wurde von dem Lachen etwas angesteckt, lächelte und sah sich um, als wolle er nach der Ursache suchen, warum Dobbs vergnügt und lachlustig war.
Endlich fragte er mit lachendem Munde: „Mensch, worüber lachst du denn eigentlich so sehr?“
„Ach Söhnchen, ach Söhnchen“, sagte Dobbs, herausplatzend mit Lachen, „Söhnchen, das ist ja so sehr komisch, so unsagbar komisch.“
„Was ist komisch?“
„Denke dir doch nur, dieser Esel von einem Mann gibt uns seine ganze Bronze. Hier draußen in der Wildnis. Und wir können damit so leicht abziehen. Kein Windhauch bleibt mehr übrig von uns. Wo will er uns denn suchen, dieser alte Knochen?“
Curtin hatte aufgehört zu lächeln. „Ich verstehe dich nicht, Dobbs“, sagte er. „Wovon redest du denn?“
Dobbs lachte und stieß Curtin wieder mit der Faust an: „Verstehst nicht? Du Bähschaf, wo bist du denn groß geworden?“
„By Jolly, ich verstehe dich nicht.“ Curtin schüttelte den Kopf.
„Was ist da zu verstehen? Sei doch nicht so hartleibig. Wir ziehen ab.“
Curtin zeigte keine Miene, daß er verstände, was man von ihm wolle.
„Wir ziehen ab“, erläuterte Dobbs. „Verladen alles sauber und teilen auf, und jeder geht seiner Wege.“
„Ich fange nun an zu begreifen.“ Curtin nickte.
„Es hat lange gedauert“, sagte Dobbs und klopfte ihm auf die Schulter.
Curtin stand auf. Er trat ein paar Schritte herum, dann kam er wieder zum Feuer. Er setzte sich aber nicht, sondern blieb stehen und sah hoch in den Himmel. Dann sagte er kurz und hart: „Wenn du meinst, daß wir Howard leichtmachen sollen um seine Arbeit, wenn du meinst –?“
„Was denn sonst? Freilich meine ich das. Und ich meine es im Ernst!“
„Ja, also wenn du das meinst,“ setzte Curtin fort, als sei er gar nicht unterbrochen worden in seinem Satze, „da mache ich nicht mit. Ich bin nicht von dieser Partei.“
„Am Ende,“ sagte nun Dobbs, während er aufstand und sich ganz dicht vor den stehenden Curtin hinstellte, „am Ende brauche ich deine Erlaubnis dazu nicht. Wenn du das durchaus wissen willst. Dich frage ich nicht. Und wenn du nicht mitmachst, so ist das dein Schade. Dann nehme ich das ganze Süßholz allein, und du kannst dir die Rotznase wischen, wenn du einen Lappen hast. Verstehst du das?“
„Ja, das verstehe ich jetzt.“ Curtin schob die Hände in die Taschen und trat einen Schritt zurück, um Dobbs nicht so dicht auf dem Leibe zu haben.
„Und?“ fragte Dobbs hart. „Und was?“
„Solange ich hier bin, kriegst du nicht eine Linse von dem, was dem Alten gehört. Ich habe ihm den Zettel unterschrieben –“
„Habe ich doch auch, pfeife ich drauf. Er soll uns erst einmal finden. Dann erzähle ich ihm, Banditen haben es uns abgenommen. Klar wie ein Diamant.“
Curtin sprach unbeirrt weiter: „Ich habe den Zettel unterschrieben, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß ich es mit dir oder ohne dich richtig abliefern will. Es ist nicht allein wegen des Zettels und wegen meiner Unterschrift und wegen meines Versprechens. Man verspricht so viel im Leben, und man unterschreibt so viel im Leben, wenn man das alles halten sollte, hätte man keine Zeit mehr zum Leben. Das ist es nicht. Es ist etwas andres. Er hat es nicht gestohlen, er hat es nicht irgendwo aufgelesen, er hat es nicht in der Lotterie oder an der Börse oder an der Monte Bank gewonnen. Er hat es treu und schwer und ehrlich erarbeitet. Ich habe vor nichts Respekt. Aber etwas achte ich. Und das ist das, was jemand hart und treu mit seinen Händen erarbeitet hat.“
Dobbs machte eine wegwerfende Geste: „Laß doch die bolschewistischen Ideen woanders. Da kannst du deine Hühner damit füttern. Die kenne ich auswendig.“
„Hat gar nichts mit Bolschewisten zu tun“, erwiderte Curtin. „Ist ja vielleicht möglich, daß dies die Absicht der Bolschewisten oder Kommunisten ist, allen Nichtarbeitern, die das Geld schon haben, den Respekt vor dem Arbeitslohn beizubringen, daß man dem Arbeiter den Lohn gibt, den er wirklich verdient, und daß man ihm den Lohn nicht auf allerlei Umwegen und Schleichwegen wieder aus der Tasche zieht und dafür Dinge tut, die den Arbeiter gar nicht interessieren. Aber das steht ja auf einem andern Blatt. Das können die mit sich abmachen. Ich habe nichts damit zu tun. Und nun kurz und deutlich, Junge: Solange ich im Zuge oder in der Nähe des Zuges bin, faßt du nicht ein Körnchen an von dem, was dem Alten gehört. An seine Bronze gehst du nicht, solange ich auf zwei Beinen stehe. Nun weißt du es.“
Curtin setzte sich, nahm seine Pfeife und begann sie zu stopfen. Er gab sich Mühe, ruhig zu erscheinen.
Dobbs blieb stehen und sah Curtin unverwandt an. Dann lachte er laut und höhnisch auf: „Du hast recht, Söhnchen. Nun weiß ich es. Nun weiß ich, was du vorhast. Ich habe es schon lange gewußt.“
„Was hast du schon lange gewußt?“ fragte Curtin, ohne aufzusehen.
„Daß du das selber im Sinn hast, daß du mich heute oder morgen nacht niederknallst, mich verscharrst wie einen krepierten Hund, dann mit Howards Packen und mit meinen noch dazu abziehst und dir eins lachst, was für blöde Kühe wir gewesen sind.“
Curtin ließ die Pfeife, die er eben anzünden wollte, sinken und sah auf. Seine Augen waren weit geöffnet. Aber sie waren hohl und leer. Gegenüber dieser Anschuldigung verlor er die Fähigkeit, seinen Augen einen Ausdruck zu geben. An eine Tat, wie sie ihm hier unterschoben wurde, hatte er nie gedacht. Er zählte sich durchaus nicht zu den ehrenhaften Mustermenschen. Er wußte wohl zuzugreifen, wenn es etwas zum Zugreifen gab, und er ließ sich von Gewissensskrupeln nicht plagen. Die schweren Ölmagnaten, die Stahlkönige, die Eisenbahnriesen könnten nicht sein, was sie sind, wenn sie sich von dem sogenannten Gewissen beeinflussen lassen würden. Warum sollte er, der Kleine, der Winzige ein edleres und feineres Gewissen haben als jene, die als die Sterne der Nation bezeichnet werden, und die in Zeitungen, Zeitschriften und Lesefibeln als die großen Beispiele der Tatkraft, der Willenskraft und des Erfolges hingestellt werden? Aber was Dobbs ihm hier unterstellte, das war die schäbigste Tat, die er sich denken konnte. Vielleicht hätte er die Tat nicht so sehr schäbig gefunden, wenn er von selbst auf den Gedanken gekommen wäre. Da sie ihm jedoch von Dobbs in so hämischer und widerwärtiger Weise an den Kopf geworfen wurde, fand er sie so hundsgemein wie keine Tat, von der er je gehört hatte. Denn dadurch, daß ihm Dobbs diese Tat zutraute, erkannte er mit einemmal die grenzenlose Schäbigkeit und Gemeinheit des Dobbs. Wie konnte er so etwas von jemand denken? Doch nur, weil er es selbst im Sinne hatte. Hatte er aber eine solche Tat im Sinn, dann war Curtin ein toter Mann; denn Dobbs wird nicht zögern, ihn umzubringen, um alles Gut zu besitzen. Und dieses Bewußtsein, daß es nun um sein Leben ginge, war es, das jeden Ausdruck in seinen Augen verlöschte. Er sah die Gefahr und konnte ihr nicht entgehen.
Er war hilflos. So hilflos wie ein Mensch selten sein kann. Denn wie konnte er sich gegen Dobbs schützen? Vier oder fünf Tage hatten sie noch zu wandern. Allein, selbst wenn sie jemand trafen, so war das keine Sicherheit. Dobbs brauchte den Leuten, denen sie begegneten, nur anzudeuten, was es zu verdienen gäbe, und sie würden sofort auf seiner Seite sein. Und trafen sie niemand, um so besser für Dobbs. Eine Nacht konnte Curtin wohl ohne Schlaf zubringen und sein Fell bewachen. Aber in der nächsten Nacht schlief er nur um so fester. Dobbs brauchte dann gar nicht einmal eine Kugel zu vergeuden. Er konnte ihn binden, ihm einen Hieb über den Kopf geben und eingraben. Den Hieb konnte er sich sogar noch sparen.
Da war nur ein Ausweg. Curtin hatte das mit Dobbs zu tun, was Dobbs mit Curtin vorhatte. Eine andre Rettung gab es nicht. Schlinge oder du wirst verschlungen. Da ist kein andres Gesetz.
Seine Bronze will ich gar nicht haben, dachte Curtin, aber ich muß ihn beiseiteschaffen. Der Alte bekommt seine Ladung, ich behalte meine, und die des Schurken grabe ich ein. An ihm will ich mich nicht reich machen, aber mein Leben ist ebensoviel wert wie das seine.
Er hatte die linke Hand mit der Tabakspfeife in seinem Schoße ruhen. Seine rechte Hand lag auf dem Knie. Jetzt zog er die rechte Hand langsam an sich und ließ sie nach hinten zur Hüfttasche gleiten.
Aber im selben Augenblick hatte Dobbs seinen Revolver hoch.
„Eine Bewegung, Junge,“ rief er, „und ich ziehe ab.“
Curtin hielt die Hände ruhig.
„Hoch damit!“ sagte Dobbs.
Curtin streckte die Arme hoch.
„Habe ich doch ganz richtig vermutet“, sagte Dobbs höhnisch. „Verräuchern mit langen Redensarten. Da kommst du bei mir nicht durch.“
Dobbs kam näher. „Steh auf!“ sagte er.
Curtin sprach kein Wort. Er war blaß geworden. Als er stand, kam Dobbs ganz nahe, ging um ihn herum und griff in die Revolvertasche des Curtin, um ihn zu entwaffnen.
Mit einem kurzen Ruck fuhr Curtin herum. Dobbs schoß. Aber durch die unerwartete Bewegung des Curtin fehlte die Kugel, und ehe Dobbs ein zweites Mal ziehen konnte, hatte ihm Curtin einen Faustschlag gegen das Kinn gegeben, der Dobbs zu Boden warf. Curtin warf sich sofort auf ihn und entwand ihm den Revolver. Dann sprang er auf und trat einige Schritte zurück.
„Die Karten sind jetzt anders gemischt, Dobbs“, sagte er.
„Sehe ich“, erwiderte Dobbs. Er richtete sich hoch, blieb aber auf dem Boden hocken.
„Nun will ich dir nur sagen, daß du ganz im Unrecht bist“, meinte Curtin. „Ich habe nicht einen Augenblick daran gedacht, dir etwas abzunehmen oder dich gar aus dem Wege zu räumen.“
„Kannst du mir jetzt gut erzählen. Aber wenn du ein so gutes frommes Kind bist, wie du behauptest, dann gib mir meine Kanone wieder.“
Curtin lachte. „Das werde ich doch besser bleibenlassen. Das ist kein Spielzeug für dich.“
„Verstehe“, erwiderte Dobbs kurz und ging zum Feuer.
Curtin zog die Patronen aus dem Revolver des Dobbs und schob sie in die Tasche. Dann wog er die Waffe eine Weile in der Hand. Er wollte sie Dobbs zureichen, und Dobbs streckte auch schon den Arm aus. Aber er besann sich und schob den Revolver ebenfalls in die Hosentasche. Dann setzte er sich auch ans Feuer, achtete aber darauf, daß er genügend Platz hatte, um einem unerwarteten Angriff des Dobbs auszuweichen.
Nun brachte er seine kurze Tabakspfeife hervor und zündete sie an. Dobbs sprach kein Wort, und Curtin hatte reichlich Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen.
Er war keineswegs besser dran als eine halbe Stunde vorher. Er konnte nicht vier Tage und vier Nächte Dobbs bewachen. Endlich würde er einschlafen, und Dobbs würde ihn überwältigen. Dobbs wird kein Erbarmen zeigen. Er ist ja nun überzeugt, daß er richtig vermutet hatte, daß er in Notwehr handele, wenn er Curtin beseitige. Es konnte nur einer überleben. Beide würden halb wahnsinnig werden vor Furcht und vor Übermüdung. Wer einschlief, war das Opfer des andern.
„Könnten wir uns nicht morgen früh oder heute nacht noch trennen und jeder seinen eigenen Weg ziehen?“ fragte endlich Curtin.
„Würde dir gefallen.“
„Warum gefallen?“
Dobbs lachte höhnisch auf. „Mich von hinten packen? Nicht wahr? Oder mir Banditen auf den Nacken hetzen?“
„Dann freilich, wenn du das denkst,“ sagte Curtin, „dann weiß ich nicht, wie wir auseinanderkommen. Dann werde ich dich wohl binden müssen, Tag und Nacht.“
„Ja, das wirft du wohl müssen. Also komme nur heran und binde. Ich bin dabei.“
Dobbs hatte recht. Das war nicht so einfach, ihn zu binden. Das konnte leicht dazu führen, daß die Karten abermals vertauscht würden. Und das wäre zum letzten Male gewesen. Dobbs war der, der robuster war, der rücksichtsloser zugriff. Er war durch die Robustheit seines Gewissens der Stärkere der beiden. Der Rücksichtslose überlebt den Zögernden. Diejenigen, die einer raschen Tat mehr vertrauen als einem ruhigen sorgfältigen Überlegen und Abwägen, sind die Eroberer. Aber die andern sind die Sieger und werden die Besitzer. Hier aber kam nur die Eroberung in Frage, weil die Sicherheit des eignen Lebens allein in der rücksichtslosen Überwältigung und Vernichtung des andern lag. Curtin hatte die Macht, aber er fürchtete sich, sie zu gebrauchen. Er war Politiker, aber kein Schöpfer. Dobbs dagegen konnte vergeuden, aber nicht verschwenden; er konnte vernichten, aber nicht zerstören. Und darum war auch er kein Schöpfer; denn der Schöpfer kann verschwenden und zerstören.
19
Für Curtin begann eine entsetzliche Nacht. Nicht aber für Dobbs. Nachdem er die schwache Seite Curtins entdeckt hatte, fühlte er sich durchaus sicher. Er konnte nun mit Curtin spielen.