Part 17
Aber er begann wieder zu suchen. Und als er nun zum hundertsten Male überzeugt war, auf der Stelle zu sein, wo er Curtin niedergeschossen hatte, sah er das Stück eines verkohlten Astes liegen. Und nun wußte er, daß er auf dem richtigen Platze war. Das Stück war in der vergangenen Nacht von dem Ast abgebrochen, den er zum Leuchten gebraucht hatte.
Der Boden sah unruhig aus. Aber das konnte ebensogut von seinem eigenen Herumwühlen und Herumlaufen sein. Blut konnte er nicht sehen. Auf diesem Boden hätte man es auch kaum sehen können. War Curtin von einem Tier verschleppt worden? Oder hatte ihn jemand gefunden und aufgehoben? Selbst konnte er nicht fortgekrochen sein, denn er war tot. Davon hatte sich Dobbs doch überzeugt. Er war sicher von einem Tier verschleppt worden.
Um so besser, dachte Dobbs. Dann wird bald nichts mehr von dem Leichnam übrig sein. Etwas ruhiger geworden, begann er nun, an den Abmarsch zu denken. Aber er drehte sich immer wieder um. Bald glaubte er, daß er Curtin zwischen den Bäumen gesehen habe, bald schreckte er zusammen, weil er meinte, einen andern Menschen bemerkt zu haben. Dann wieder fuhr er auf, weil er überzeugt war, er hätte Stimmen gehört. Und wenn irgendwo ein Ast brach oder ein Stein rollte, so glaubte er, ein Berglöwe schliche um ihn herum, derselbe, der Curtin verschleppt hatte, sei nun auf den Geschmack gekommen und wolle ihn hinterrücks anfallen.
Er rief den Eseln zu, und sie begannen zu marschieren. Aber der Marsch war viel schwieriger als Dobbs geglaubt hatte. Ging er vorn an der Spitze, dann blieben die hinteren Esel zurück und fingen an zu streuen und auf Seitenpfaden und im Gebüsch nach Gras zu suchen. Verschiedene Male mußte er den Zug anhalten, weil er zurückgebliebene Esel einzubringen hatte.
Dann ging er am Ende des Zuges. Nun streuten die vorderen Esel, und der ganze Zug kam auseinander. Dann nahm er Leinen und band jeden Esel an den Tragsattel des vorangehenden, um sie zusammenzuhalten.
Wieder nahm er die Spitze. Aber sobald einer der folgenden Esel nicht nachkam und am Sattel des vorderen zog, blieb der vordere stehen, und der ganze Zug kam zum Halten.
Er begann nun, sich nur mit dem führenden Esel zu beschäftigen, ihn anzupeitschen und so zu zwingen, die andern nachzuziehen. Das ging einige fünfzig Schritte. Dann wurde es dem Esel zu dumm. Er blieb stehen, stemmte die Vorderbeine fest nach vorn, warf die langen Ohren zurück und stand fest wie ein Fels. Dobbs mochte ihn peitschen oder ihm die Stiefel in die Weichen schlagen, der Esel rührte sich nicht. Er wußte ja nicht, was los war. Er sollte vorwärtsmarschieren und wurde gleichzeitig nach hinten gezogen. Dobbs änderte abermals seine Taktik und stellte sich selbst an die Spitze des Zuges und zog den vorderen Esel. Das ging eine Weile sehr gut. Die Esel kamen alle nach. Aber als der führende Esel gelernt hatte, daß es für ihn leichter und bequemer sei, gezogen zu werden, als freiwillig zu laufen, ließ er sich immer mehr ziehen und schleppen, bis Dobbs schließlich eine solche Last zu ziehen hatte, als hänge ein ganzer Eisenbahnzug an der Leine, die er über der Schulter nach sich zog. Er mußte es aufgeben und versuchte es wieder, von hinten anzutreiben und am Zug immer auf- und abzurennen, um die streuenden Esel zusammenzuhalten.
Dann kam eine Zeit, wo der Zug ganz willig und mühelos ging. Die Esel waren in Gang gekommen und hielten sich schön auf dem Pfade. Das ging nun so ruhig und angenehm, daß Dobbs gemütlich hinterhertrotten und sich eine Pfeife anzünden konnte. Und da er nichts weiter zu tun hatte, als ruhig seines Weges zu schlendern, begannen die Gedanken wieder in ihm zu arbeiten.
Ich habe nicht sorgfältig genug nachgesehen, dachte er. Der war vielleicht nicht tot, sondern nur schwer verwundet. Jetzt kriecht er durch das Holz und kommt schließlich in ein Indianerdorf. Dann ist alles aus. Er drehte sich mit einem Ruck um, denn er glaubte die Indianer, die ihn verfolgten, um ihn der Polizei zu übergeben, schon hinter sich zu hören.
Er kann aber noch nicht in einem Dorfe sein. Die Dörfer sind weit. Und wenn er auch nicht tot sein sollte, so ist er doch so schwer getroffen, daß er nur ganz langsam vorwärtskommen kann. Ich muß ihn finden und ihm den Rest geben, dachte Dobbs weiter. Nun ist es doch schon auf alle Fälle Mordversuch und Straßenraub. Das kostete zwanzig Jahre Heilige-Maria-Insel.
Endlich sah er keinen andern Ausweg, als wieder umzukehren und aufs neue nach dem Leichnam oder dem verwundeten Curtin zu suchen. Es fiel ihm ein, daß er nach einer Richtung nicht ein einziges Mal gesucht hatte. Das war die entgegengesetzte Richtung, von der Stelle aus, wo er Curtin hatte liegenlassen, über das Lagerfeuer in die andre Seite des Busches. Da hatte er nie nachgeforscht. Und es war ganz klar, daß Curtin weitergekrochen war, weil diese Richtung zurückführte in die Nähe jenes Dorfes, das sie gestern nachmittag gesehen hatten. Dobbs hatte ruhig geschlafen und nichts gesehen und nichts gehört. Vielleicht war Curtin auch gar nicht ganz dicht an das Lager gekommen, um Dobbs nicht aufzuwecken und den Rest zu bekommen. Wehren konnte er sich ja nicht. Da war kein Zweifel, in jene Richtung war Curtin gekrochen, und dort mußte er gesucht werden.
Es war kurz vor Abend, als Dobbs wieder zum alten Lagerplatz zurückkam. Er nahm sich keine Zeit, die Esel abzuladen, sondern begann sofort zu suchen. Nun suchte er in jener Richtung mit der gleichen Hast und dem gleichen Eifer, mit denen er am Vormittag in der entgegengesetzten Richtung gesucht hatte.
Die Nacht aber kam rasch, und Dobbs mußte das Suchen aufgeben.
Nun blieb nur noch ein Ausweg für ihn übrig. Er durfte keine einzige Stunde mehr auf das Suchen verschwenden. Morgen früh mußte er sofort aufbrechen und mit der größten Schnelligkeit die Station in Durango erreichen, sofort die Esel und Werkzeuge verkaufen und sich in den nächsten Zug setzen, um in einer größeren Stadt zu verschwinden. Nach Laredo, Eagle Pas, Brownsville oder einer andern Grenzstation durfte er vorläufig nicht. Denn wenn wirklich Curtin ein Dorf erreicht hatte, oder Howard auf dem Wege war, dann wurde die Grenze ganz sicher zuerst nach ihm abgesucht.
Am vergangenen Nachmittag hatte Dobbs, von der kahlen Stelle eines hohen Berges aus, schon in der Ferne die Rauchschwaden eines fahrenden Zuges gesehen. Es konnte demnach nicht mehr allzu weit sein.
21
Frühzeitig war Dobbs auf dem Marsche. Der Zug marschierte leidlich gut, nachdem er in Gang gekommen war. Die Tiere waren williger als am Tage zuvor, weil sie nicht solange hatten zu stehen brauchen und weil sie den ersten Teil des Weges schon kannten. Immerhin, ein Esel brach aus und Dobbs konnte ihn nicht einbringen. Er mußte ihn aufgeben, weil er sonst zuviel Zeit verloren hätte. Bei dem Hinterherjagen war das Gepäck heftig gegen Bäume gestoßen, die Gurten waren gerissen, und der Esel trabte ohne das Gepäck weiter. Dobbs nahm sich aber die Mühe, das Gepäck aufzuteilen. Der Esel würde ja folgen und am Abend am Lager freiwillig eintreffen.
Nun konnte Dobbs beinahe ununterbrochen die Bahnlinie in der Ferne sehen. Der Weg führte den ganzen Tag hindurch immer abwärts, hinunter ins Tal. Er hätte leicht am selben Nachmittag die Stationen Chinacates oder Guatimape erreichen können. Aber in diesen winzigen Dörfchen wäre er zu sehr aufgefallen mit seinem Zuge, jetzt um so mehr als vorher, weil er ganz allein war. Das hätte Verdacht erregt. Außerdem kaufte ihm in diesen kleinen Örtchen niemand seine Esel, Werkzeuge oder andre Gegenstände ab, die er verkaufen mußte, um die Fahrkarte und die Expreßfracht zu bezahlen.
Es blieb ihm darum keine andre Wahl, als noch die Strecke bis Durango zu machen, wo er seine Geschäfte unauffälliger abwickeln konnte. Das waren noch zwei kräftige Marschtage. Vielleicht gar drei. Wenn er nur wüßte, ob Curtin tot ist oder nicht. Aber schließlich soll man ja seinem guten Glück auch etwas zu tun übriglassen.
Als Dobbs an dem Abend das Lager aufschlug, fühlte er sich ruhiger als die beiden Tage vorher. Es war in der Tat nicht das Gewissen gewesen, das ihn beunruhigt hatte. Es war vielmehr nur das trübe Gefühl gewesen, das man bekommt, wenn man eine Arbeit nur halb oder unzulänglich getan hat. Und er hatte seine Arbeit mehr als unzulänglich getan. Das rächte sich. Das machte ihn unsicher. Er hätte dem Curtin den Schädel vollständig zertrümmern, ihm das Messer in das Herz stoßen und ihn noch im selben Augenblick eingraben sollen. Das wäre eine vollkommene Arbeit gewesen, die ihm wahre Zufriedenheit und Ruhe gebracht hätte. „Tu deine Arbeit vollkommen und tu sie sofort“, war ihm schon als Kind gelehrt worden. Wo es endlich einmal darauf ankam, hatte er sie weder vollkommen noch sofort getan.
Aber da kam der Esel angetrottet, der am Tage ausgebrochen war und jetzt zu seinen Genossen zurückkehrte. Zwei der grasenden Esel steckten den Kopf weit vor und brüllten. Sie waren gewiß seine intimeren Freunde. Der Heimgekehrte aber ging zu einem andern Esel, schnüffelte an seinem Halse herum, kratzte ihn dort mit den Zähnen und begann dann neben ihm zu grasen, so gleichgültig, als sei er gerade nur einmal für fünf Minuten beiseitegetreten und nicht einen ganzen vollen Tag lang einige Meilen hinter dem Zuge hergetrottet.
„Da habe ich ja schon Glück“, rief Dobbs lachend aus, als er den Esel antrotten sah. „Das wären fünfzehn Pesos gerettet. Noch zwei Tage, dann kann ich dem Alten ruhig einen Brief schreiben und dem andern Burschen einen Doktor schicken. Die können mich dann nicht mehr unter dem Fingernagel kratzen.“
Er wurde so guter Laune, daß er zu pfeifen und schließlich zu singen begann. Auch schlief er in dieser Nacht viel ruhiger als die vorhergehende Nacht, wo er mehrere Male aufgescheucht worden war von Geräuschen, die ihn erschreckten, obgleich sie ganz natürlich waren.
Gegen Mittag des nächsten Tages konnte er schon, als der Pfad über einen Hügel ging, Durango in der Ferne liegen sehen. Durango, das liebliche Juwel der Sierra Madre, das, immer gebadet im goldenen Licht und leise gefächelt von weichen lauen Winden, die es umschmeicheln wie zarte Frauenhände, kosig eingebettet ist zwischen den schützenden Bergen. „Die Stadt des Sonnenscheins“ wird es genannt von denen, die es sahen und die sich zurücksehnen nach seiner trauten Lieblichkeit. Ein Wunderwerk hat Mutter Erde ihm zur Seite gestellt, wie es kaum ein zweites gibt, den „Cerro del Mercado“, einen Berg aus purem Eisen, 600 Millionen Tonnen reines Eisen. Mutter Erde ist nicht knickerig, wenn sie einmal die Laune zeigt, Geschenke zu machen.
An diesem Abend schlug er das letzte Lager auf. Morgen abend wird er in Durango sein und am darauffolgenden Morgen im Zuge nach Canitas sitzen. Der Verkauf der Esel und der übrigen Sachen wird schnell vor sich gehen, er wird so viel verlangen, wie er ungefähr benötigt.
Er frohlockte. Er fühlte sich auf der sicheren Seite. Wenn der Wind günstig herüberwehte, konnte er das Bellen der Güterzüge durch die Stille der Nacht hören. Und dieses merkwürdig heulende Bellen der Lokomotiven, das so unheimlich und geisterhaft klingen kann, flößte ihm Empfindungen ein, als wäre er schon in einem Hotel nahe der Eisenbahn. Es war der Schrei der Zivilisation. In diesem Schrei fühlte er sich geborgen. Er sehnte sich nach den Gesetzen, nach der Rechtlichkeit, nach den festen Mauern der Stadt, nach allen den Dingen, die sein Gut beschützen sollten. Innerhalb jenes Bereiches, wo Gesetze das Eigentum bestätigten und wo starke Mächte dem Gesetz Achtung verschafften, war er sicher. Dort mußte jede Sache, jede Anschuldigung bewiesen werden. Und konnte nichts bewiesen werden, dann war der Inhaber der rechtmäßige Besitzer, dessen Eigentum mit Gewehren und Gefängnissen geschützt wurde. Aber er würde es überhaupt vermeiden, sich in Beweisführungen einzulassen. Er geht vorsichtig aus dem Wege, allen den Steinen und Steinchen, über die man so leicht stolpern kann, wenn man seine Augen nach allen Seiten offen halten muß. Was kann Howard machen? Nichts. Versucht er, mit der Polizei oder dem Gericht etwas zu erreichen, dann sitzt er selber drin. Er hat ja eine Mine gegraben und ausgebeutet, ohne die Erlaubnis der Regierung einzuholen. Er hat den Staat und die Nation bestohlen. Wird sich also schön hüten und etwas gegen ihn unternehmen. Und Curtin? Wenn er wirklich leben sollte, was kann er gegen ihn tun? Ebensowenig. Auch er, Curtin, hat den Staat bestohlen, er muß es ja eingestehen, wenn er eine Anzeige machen will. Dobbs hat den Staat nicht beraubt. Es kann ihm niemand beweisen. Mordversuch? Auch das kann Curtin nicht beweisen. Es hat niemand gesehen. Die Schußnarben? Wer weiß, in welcher Schlägerei oder gar in welchem Straßenraub, den er verübt hat, er die Wunden bekommen haben mag. Dobbs ist jetzt ein feiner, eleganter, wohlhabender Herr, der sich einen teuren Anwalt mieten kann. Ihm glaubt man, wenn er mit vornehmer wegwerfender Geste erklärt, die beiden andern seien Straßenräuber. Man braucht sie ja nur anzusehen und außerdem haben sie ja den Staat bestohlen. Er wird das schon drehen. An ihn können sie nicht heran, nicht wenn er unter dem Schutz des Gesetzes steht. Es ist doch gut, daß es Gesetze gibt.
Nur hier, ehe er die Station erreicht, ehe er in die schützenden Arme des Gesetzes sich bergen kann, können die beiden etwas gegen ihn unternehmen. Aber die sind weit und morgen ist er in Sicherheit. Vielleicht finden sie ihn rein zufällig später einmal irgendwo, in den States oder in Kuba oder in Mexiko oder gar in Europa. Sie können ihm natürlich dreist ins Gesicht hinein schreien, daß er ein Raubmörder, ein Straßenräuber, ein ganz infamer Schuft sei. Das können sie tun. Dagegen ist man wehrlos. Er wird sich nichts daraus machen. Oder wenn sie es zu bunt treiben, dann bringt er eine Anklage gegen sie ein wegen Verleumdung und Beschimpfung. Denn das ist eine Verleumdung, weil kein Richter in einem zivilisierten Lande glauben wird, daß solche Dinge geschehen könnten irgendwo auf der Erde. Jetzt nicht mehr, heute nicht mehr. Das war vor hundert Jahren, vor fünfzig vielleicht noch möglich. Heute nicht mehr. Nirgends auf der Erde. So abgelegene und ungeschützte Gegenden gibt es nicht mehr. Das weiß jeder Richter. Er lacht darüber. Und dann muß der Verleumder tüchtig Strafe zahlen oder ins Gefängnis gehen, denn Dobbs ist ein ehrenwerter und vermögender Mann, der sich sein Geld durch gesetzliche Spekulationen erworben hat.
Der Alte oder Curtin können ihn natürlich meuchlerisch umbringen. Das können sie, dagegen ist man trotz aller Gesetze wehrlos. Aber dann werden sie gehenkt oder kommen in den elektrischen Stuhl. Das wissen sie vorher, und darum werden sie es schön bleiben lassen.
Da bellt wieder eine Lokomotive durch die Nacht. Es ist für Dobbs, als höre er Musik. Die Musik des Geborgenseins.
Merkwürdig, daß Curtin gar nicht schrie, als er ihn niederschoß, daß er nicht stöhnte, nicht wimmerte, nicht röchelte, nicht seufzte. Nichts, nichts. Er brach zusammen wie ein gefällter Baum. Schlug lang hin und war tot. Nur das Blut quoll und preßte sich dick und zähe durch das Hemd. Das war die einzige Bewegung. Und als Dobbs mit dem brennenden Ast ihn beleuchtete und erwartete, daß er ein Grauen empfinden würde, sah er nur das weiße starre Gesicht. Er hätte sich auch gar nicht grauen können, denn Curtin lag so komisch verrenkt da, daß Dobbs beinahe gelacht hätte über die groteske Verrenkung des Körpers.
Und Dobbs lachte nun vor sich hin. Er fand es so komisch, alles, wie Curtin hingeschlagen war, wie er da so stumm lag, und wie ein ganzes Leben so mit einem leisen Bewegen des Abzuges eines Revolvers für immer ausgelöscht ist.
Wo kann nur der Leichnam sein? Verschleppt? Gefunden und in Sicherheit gebracht? Von einem Löwen oder einem Jaguar fortgezerrt? Das hätte er aber sehen müssen. Vielleicht war er nicht tot?
Dobbs wurde unruhig. Er begann zu frieren. Er schürte im Feuer herum. Dann drehte er sich um und sah über die kahlen Flächen, dann hinüber in das Gesträuch. Endlich mußte er aufstehen. Er ging umher. Er redete sich ein, daß er es tun müsse, um sich zu erwärmen. Aber in Wahrheit tat er es, weil er so leichter nach allen Seiten beinahe zugleich sehen konnte. Zuweilen glaubte er, daß er jemand heranschleichen sehe. Dann wieder meinte er zu hören, wie jemand sich dem Feuer nähere. Und dann plötzlich hatte er das Gefühl, daß jemand ganz dicht hinter ihm stände, daß er eben dessen Atem an seinem Ohr verspürt habe, und daß die Spitze eines langen Messers in seinen Rücken ziele. Mit einem kurzen Ruck sprang Dobbs vorwärts und drehte sich um, den Revolver gezogen. Aber er sah nichts. Er sah nichts weiter als die dunklen Schatten der Esel, die gelangweilt grasten oder sich gelegt hatten.
Dobbs entschuldigte sich gegenüber, daß man immer auf seiner Hut sein müsse, und daß ein solches Gebaren durchaus nicht lächerlich sei und mit Furcht oder gar Gewissen nichts zu tun habe. Wer so allein in der Wildnis ist und wertvolles Gut mit sich führt, ist immer etwas nervös. Das ist ganz natürlich. Und wer das nicht eingesteht, der betrügt sich nur selbst. Er schlief in dieser Nacht nicht ganz so gut wie in der vorhergegangenen. Aber er wußte auch gleich die Ursache. Es war nur darum, weil er zu sehr übermüdet war. Der Abmarsch am Morgen verzögerte sich, weil einige Esel weit abgestrichen waren und eingeholt werden mußten. Dobbs war zu nachlässig gewesen, als er die Knebel festlegte. Er verlor volle zwei Stunden.
Der Weg wurde besser, und gegen zwölf Uhr konnte Dobbs ausrechnen, daß er in drei Stunden in Durango sein würde. Es war nicht seine Absicht, gleich mitten in die Stadt zu gehen, sondern er wollte an der ersten Fonda, die er am Rande der Stadt traf, halten und abladen. Dort wollte er mit dem Besitzer der Fonda verhandeln, daß er ihm Käufer für die Tiere besorgen möge, falls er sie nicht vielleicht gleich selbst zu einem billigen Preise übernehme, um ein gutes Geschäft zu machen. Dann würde er alles übrige Gepäck, also die Säcke mit dem allein wichtigen Gut, auf einen Wagen verladen und zur Expreßgutstelle fahren lassen. Das würde dann in keiner Weise auffallen. Deklarieren könne er leicht als trockne Felle. Er bezahlt die Höchstrate für Handelsware, dann kümmert sich niemand mehr darum.
Der Weg wurde ungemein sandig und staubig. Die eine Seite des Weges war offen. An der andern Seite aber erhob sich eine Wand von trocknem, brüchigem Lehm und bröckelndem, zerfasertem und ausgewettertem Stein. Dorniges Gesträuch und Magueypflanzen standen müde, durstig und mit dickem Staub bedeckt an einigen Stellen am Wege.
Wenn sich der Wind erhob, oder wenn eine Bö gezogen kam, so standen dicke Wolken erstickenden Staubes in der Luft. Sie erschwerten das Atmen. Und der Sand spreute in die Augen, daß sie schmerzten und für einige Minuten zu erblinden schienen. War die Bö vorübergefegt, so stand die Luft still, schwer, eisern und lastend über dem Lande. Dann kochte und glühte die Luft, und der Staub sengte und röstete die Haut. Die Erde, seit Monaten wartend auf den Regen, konnte die auf ihr lastende Gewalt der Sonne nicht ertragen, und sie warf das Leuchten zurück zur Höhe in quälender Brunst. Das glastende Flimmern des wuchtenden Sonnenlichtes hieb Menschen und Tieren in die Augen und in das Hirn, daß sie sich taumelnd dahinschleppten, die Augen schlossen und nichts mehr denken konnten als das Ende dieser Pein.
Die Esel torkelten mit halbgeschlossenen Augen weiter. Keiner streute, keiner brach aus. Sie gingen wie Apparate. Sie bewegten kaum den Kopf. Auch Dobbs hatte die Augen zu. Wenn er sie nur ganz schmal öffnete, hieb die sengende Flut des grellen Lichts in sie hinein, daß er glaubte, die Augäpfel müßten ihm verbrennen mit einem Husch.
Durch einen schmalen Ritz in den Augen sah er dann einige Bäume am Wege stehen. Er dachte, daß er hier ein wenig halten wolle, fünf Minuten oder zehn, um sich eine Weile gegen den Baumstamm lehnen zu können, den Schatten zu fühlen und die Augen aufzumachen, um sie zu erholen. Die Esel werden ja leicht stehenbleiben und zufrieden sein, einen Augenblick rasten zu können im Schatten.
Er kam zu den Bäumen, lief nach vorn, wendete den führenden Esel, und der Zug stand. Die Esel drängten sich von selbst in den Schatten und blieben ruhig. Dobbs ging zum Wassersack, spülte sich den Staub aus dem Munde und trank.
„Keine Zigarette, Mensch?“ hörte er da jemand sprechen.
Er zuckte zusammen. Seit Tagen die erste menschliche Stimme, die an sein Ohr klang.
Im ersten Augenblick, als er sprechen hörte, dachte er an Curtin, dann sofort an Howard. Aber dann begriff er, noch in derselben Sekunde, daß es spanisch war, und daß es also keiner seiner beiden Genossen sein könne. Er wendete den Kopf und sah unter einem der nächsten Bäume drei Männer liegen. Sie waren völlig zerlumpte und heruntergekommene Mestizen. Leute, die vielleicht vor langer Zeit bei irgendeiner Minengesellschaft gearbeitet hatten und nun seit vielen Monaten ohne Arbeit waren. Sie trieben sich hier draußen in der Nähe der Stadt herum, schliefen, faulenzten, bettelten, und wenn sie irgendwo einen kleinen Diebstahl verüben konnten, betrachteten sie das als eine Fügung Gottes, der keinen Spatz verhungern läßt, auch wenn er weder pflügt noch sät.
Vielleicht auch waren sie ausgebrochene Sträflinge, oder sie wurden einer verunglückten Sache wegen gesucht und verbargen sich hier, bis ihnen ein Bart gewachsen war und sie hoffen durften, zurück in die Stadt zu gehen, ohne erkannt zu werden. Was die Stadt nicht einmal auf ihrem Kehrichthaufen duldet, das treibt sich draußen an den Wegen, die zur Stadt führen, herum. Eine gute Strecke weiter draußen als da, wo die verrosteten Konservenbüchsen, die zerbrochenen Flaschen, die durchlöcherten Emailletöpfe, die zerbeulten Eimer, die vergilbten Zeitungsfetzen und all der übrige Speichel beginnt, den eine zivilisierte Stadt täglich auswirft. Es ist in den Tropen nicht besser denn anderswo. Kein Tier erzeugt soviel Unrat und Kot wie der zivilisierte Mensch; und den Unrat, den er täglich erzeugt, zu beseitigen, kostet ihn ebensoviel Mühe, Arbeit und Nachdenken wie die Anfertigung und der Verbrauch der Dinge, die er nötig zu haben glaubt.
Dobbs war ja lange genug im Lande, um zu wissen, daß er sich nun in einer der verteufeltsten Lagen befand, die er je erwartet hatte. Diesen Auswurf der Städte kannte er. Das waren die Leute, die nichts zu verlieren hatten, hier in einem Sinne, der sich auf keine andre Menschenschicht anwenden läßt.
Er dachte jetzt, daß er einen bösen Fehler begangen hatte, vom Wege abzuweichen, um hier eine Viertelstunde im Schatten zu rasten. Sicherer war er auf dem Wege auch nicht, aber er war nicht ganz so in der Falle wie augenblicklich.
„Eine Zigarette habe ich nicht. Habe selber seit zehn Monaten keine mehr gekostet.“
Das klang sehr gut. Er sagte damit gleichzeitig, daß er selbst ein armer Teufel sei, der sich nicht einmal eine Zigarette kaufen könne.
„Aber ich habe etwas Tabak noch übrig“, fügte er hinzu.
„Papier zum Rollen?“ fragte einer der Männer.
Die Männer lagen noch ruhig und faul am Boden. Alle hatten sich ihm zugewendet, einer halb sitzend, einer auf einen Arm gestützt, und der andre lang auf dem Bauche liegend und den Kopf träge zur Seite geneigt, um Dobbs anzusehen.
„Ein Stück Zeitungspapier habe ich“, sagte Dobbs.
Er zog den Tabaksbeutel, brachte ein Stück Papier aus der Tasche und reichte es dem, der ihm am nächsten lag, hinunter; denn der bemühte sich nicht, aufzustehen, um den Tabak anständig in Empfang zu nehmen.
Alle rissen ein Stück Papier ab und schütteten den Tabak auf. Dann rollten sie die Zigaretten, und der vorderste gab den Tabakbeutel zurück.
„Cerillos? Zündhölzer?“ fragte der eine, der den Beutel zurückgab.
Dobbs griff in die Tasche und brachte die Zündhölzer hervor. Auch die Schachtel mit den Zündhölzern gaben die Leute wieder zurück.
„Nach Durango?“ fragte einer.
„Ja, ich will die Esel verkaufen. Ich brauche Geld. Ich habe nichts.“
Das war eine kluge Antwort, dachte Dobbs, jetzt wissen sie schon, daß ich nichts in der Tasche habe.
Alle drei lachten auf. „Geld. Das ist es gerade, was wir auch brauchen, was, Miguel? Da warten wir drauf, auf das Geld.“