Chapter 5 of 20 · 3884 words · ~19 min read

Part 5

Als New Mexico von den Amerikanern annektiert wurde, machten sich gleich wieder Leute auf, um diese Mine zu suchen. Viele kamen nicht wieder. Und die wiederkamen, waren halb idiotisch von dem vergeblichen Suchen und von Halluzinationen, die sie in dem Herumirren in jenem Felsental gehabt hatten.

Es war dann Mitte der achtziger Jahre, ich glaube, es war 1886, da zogen wieder einmal Leute auf die Suche, eben jene fünfzehn Mann. Sie hatten Abschriften von den alten Berichten und Kopien von den alten spanischen Karten. Das mit den vier Bergspitzen war ja so einfach. Aber sie mochten noch so sehr und noch so genau die Bergspitzen zur Zielrichtung nehmen, von der Mine war nichts zu sehen. Sie gruben und sprengten da und dort, und nicht eine Spur kam auf. Sie arbeiteten in Kolonnen, jede Kolonne zu drei Mann, um große Umkreise abzusuchen. Ihre Lebensmittel wurden immer knapper, aber die Männer gaben nicht auf.

Eines Spätnachmittags bereitete eine Kolonne ihr Abendessen. Das Feuer brannte, aber der Kaffee wollte nicht kochen, weil der Wind zu stark war, der die Kanne kühlte. Deshalb begann einer das Feuer tiefer zu legen. Und als er grub und auf etwa einen und einen halben Fuß war, fand er einen Knochen. Er warf den Knochen beiseite, ohne ihn näher anzusehen, und schob nun das Feuer in das Loch, nachdem er Züge gemacht hatte.

Als die Kolonne dann beim Abendessen saß, nahm einer so beiläufig jenen Knochen in die Hand und malte damit in den Sand.

Da sagte plötzlich sein Nachbar zu ihm: ‚Lassen Sie mal den Knochen sehen.‘ Und nach einer Weile sagte er: ‚Das ist der Armknochen eines Menschen. Wo ist denn der Knochen her?‘

Der Mann, der das Loch gegraben hatte, sagte nun, daß er beim Graben darauf gestoßen sei und den Knochen aus dem Sand gezogen habe.

‚Dann muß da das ganze Skelett liegen, denn wie sollte nur ein einzelner Armknochen gerade hierher kommen?‘ sagt der Mann nachdenklich.

Es war nun dunkel geworden. Sie hüllten sich in ihre Decken und legten sich schlafen.

Am nächsten Morgen sagte der, der den Armknochen entdeckt hatte, ich will ihn Bill nennen, weil ich seinen Namen nicht weiß, also da sagt Bill: ‚Da, wo der Armknochen war, muß das Skelett sein. Nun ist mir in der Nacht ein Gedanke gekommen. Ich habe mich gefragt, wie das Skelett hierherkommt.‘

‚Einfach. Jemand erschlagen worden oder verhungert‘, sagte einer.

‚Das ist natürlich möglich, sagte Bill darauf. ‚Es sind ja viele hier herumgelaufen. Aber ich glaube nicht, daß sie gerade hier erschlagen wurden oder gerade hier verhungerten. Mir ist nun der Gedanke gekommen, daß die Mine durch einen Sandsturm oder durch ein Erdbeben oder durch einen Bergsturz oder so etwas Ähnliches verschüttet worden ist. Und weil von den Spaniern keiner wiederkam, so sind die dabei mit verschüttet worden. Sie sind in der Nähe der Mine verschüttet worden. Wenngleich dieser Armknochen auch ganz gut jemand gehören kann, der vor uns hier gesucht hat und hier umgekommen ist, so kann es ebensogut möglich sein, daß dieser Armknochen einem der verschütteten Spanier gehörte. Und wenn hier sein Armknochen liegt, dann liegt auch hier dicht dabei sein Skelett. Und wenn wir diesem Skelett nachgehen, kommen wir vielleicht auf die Mine. Ich denke, wir graben einmal hier bei dem Feuerloch.“

Sie gruben und fanden auch wirklich die übrigen Teile des Skeletts, Stück bei Stück. Sie gruben im Kreise weiter und fanden ein zweites Skelett. Sie gruben in der Richtung des zweiten Skeletts weiter und kamen auf ein drittes. Und so fanden sie die Richtung, die der Bergsturz oder das Erdbeben genommen hatte. Sie folgten dem Wege und gruben Werkzeuge aus, und endlich stießen sie auf Goldbrocken, die offenbar verstreut worden waren.

‚Wir haben die Mine. Was nun?‘ sagte Bill.

‚Wollen die andern herbeirufen‘, sagte einer.

‚Daß du ein Esel bist, habe ich immer gewußt,‘ sagte der Dritte, ‚aber daß du so ein großes Rind bist, das habe ich nicht gewußt. Wir werden schön brav das Maul halten und nichts sagen. Wir gehen mit den andern zurück in ein paar Tagen. Und nach ein paar Wochen kommen wir drei allein wieder hierher und legen die Mine aus.‘

Damit waren die drei auch einverstanden. Sie sammelten die paar Goldbrocken zusammen und steckten sie ein, damit sie dafür eine gute Ausrüstung kaufen konnten. Dann schütteten sie alles wieder sorgsam zu. Ehe sie aber alles zu hatten, kam eine andre Kolonne herbei. Die Männer der andern Kolonne betrachteten sich das Gegrabe mißtrauisch, und dann sagte der eine von ihnen: ‚He, ihr Burschen, was spielt ihr denn hier? Wollt uns wohl raushalten aus der heiligen Messe.‘

Die drei bestritten, daß sie etwas gefunden hätten, und daß sie faules Spiel treiben wollten. Es kam zum Zanken. Und als ob die Luft die Reden der ersten Kolonne davongetragen hätte, fanden sich hier in derselben Stunde zwei weitere Kolonnen ein. Die erste Kolonne und die zweite, die die erste überrascht hatte, waren gerade dicht vor dem Augenblick, wo sie bereit waren, sich zu einigen, einen Pakt zu schließen, bei dem die übrigen drei Kolonnen ausgeschaltet werden sollten, als die beiden andern Kolonnen hier ziemlich gleichzeitig eintrafen.

Jetzt natürlich kehrte die zweite Kolonne sofort von dem halben Pakte ab und beschuldigte die erste Kolonne des Verrats. Ein Mann wurde abgeschickt, um auch die letzte Kolonne herbeizuholen, und als sie angelangt war, wurde Rat gehalten. Es wurde beschlossen, die drei Mitglieder der ersten Kolonne wegen der beabsichtigten Unterschlagung des Fundes zu hängen.

Die drei wurden gehängt. Es erfolgte kein Widerspruch, denn es fielen drei Anteile weg, die nun unter die übrigbleibenden zwölf mit verteilt werden konnten.

Dann wurde an die Arbeit gegangen, und die Mine wurde bloßgelegt. Es war in der Tat eine unerschöpflich reiche Mine. Aber nach einiger Zeit wurden die Lebensmittel so knapp, daß fünf Mann abgeschickt wurden, um Lebensmittel heranzuholen.

Harry Tilton, der mir selber die Geschichte erzählte, sagte, daß er mit dem, was bis jetzt auf seinen Anteil falle, zufrieden sei, und daß er mit den fünf Männern, die Lebensmittel holen gehen, abwandern wolle. Er nahm seinen Anteil und zog ab. Es wurden ihm dafür in der Bank achtundzwanzigtausend Dollars ausbezahlt. Für das Geld kaufte er sich eine Farm, wo er sich dauernd niederließ.

Die fünf Mann, die um Lebensmittel gegangen waren, kauften Packpferde ein, bessere Werkzeuge, reichlich Lebensmittel und ließen ihr Mutungsrecht registrieren. Dann kehrten sie zurück.

Als sie bei der Mine ankamen, fanden sie das Camp niedergebrannt und die zurückgelassenen Männer ermordet, oder richtiger, von den Indianern erschlagen. Das Gold war nicht angetastet. Nach den Spuren zu urteilen, hatte ein fürchterlicher Kampf stattgefunden in der Zeit, während die Leute fort waren, um Lebensmittel zu besorgen. Die zurückgekehrten Männer begruben die getöteten Kameraden und begannen, weiter in der Mine zu arbeiten.

Es vergingen nur drei oder vier Tage, da kehrten die Indianer zurück. Sie waren mehr als sechzig Mann stark. Sie griffen sofort an und töteten nun auch noch den Rest. Einer dieser Leute aber war nicht getötet worden, sondern nur schwer verwundet. Als sein Bewußtsein wiederkam, kroch er voran. Tagelang oder wochenlang. Er wußte es nicht. Endlich wurde er von einem Farmer gefunden und zu dessen Hause gebracht. Er erzählte seine Erlebnisse. Ehe er jedoch genau den Ort, wo sich das alles zugetragen hatte, bezeichnen konnte, starb er an seinen Wunden. Die Farmer der Gegend, wo der Mann gestorben war, machten sich auf, die Goldmine zu finden. Sie suchten viele Wochen, aber sie fanden sie nicht. Harry Tilton, der in einen der Nordstaaten gegangen war, erfuhr von den Dingen, die sich hier ereignet hatten, nichts. Er kümmerte sich nicht mehr darum, lebte zufrieden auf seiner Farm, und er glaubte alle seine Kameraden, die mit ihm ausgezogen waren, reiche oder wohlhabende Leute, die, nachdem sie genügend Gold erworben hatten, nach dem Osten gereist seien. Er war an sich ein schweigsamer Mensch. Er hatte davon gesprochen, daß er sein Geld durch Goldgraben erworben hätte. Aber das war nicht ungewöhnlich. Da er nicht übertrieb, sondern, wenn er schon von seiner Goldgräberzeit sprach, nur ganz schlicht und einfach erzählte, so kam diese reiche Mine ganz in Vergessenheit.

Mit der Zeit jedoch verdichtete sich das Gerücht immer mehr, daß Tilton sein Geld in wenigen Tagen erworben habe. Das bestritt er nicht. Und daraus schloß man, daß die Stelle, wo er das Gold gegraben habe, sehr reich an Schätzen sein müsse. Immer mehr Glücksjäger bedrängten ihn, doch einen Plan auszuarbeiten, so daß man die Mine wiederfinden könne. Er tat es schließlich auch. Aber inzwischen waren mehr als dreißig Jahre vergangen. Sein Gedächtnis war nicht mehr so gut. Ich war mit einer der Kolonnen ausgerückt, die dem Plane nachgingen.

Wir fanden die Orte alle, die Tilton angegeben hatte. Aber die Mine selbst fanden wir nicht. Sie war vielleicht damals durch einen Bergsturz oder durch ein Erdbeben verschüttet worden, oder die Indianer hatten alle Spuren verwischt, und sie hatten es so gut getan, daß nichts zu finden war. Sie wollten keine Leute in ihrem Gebiete haben; denn eine solche Mine hätte Hunderte von Menschen herangelockt und die Gegend in einen solchen Tumult geworfen, daß das Leben, das sie zu führen gewohnt waren, verdorben wäre.

Ja, wenn man so eine Mine finden könnte,“ beendigte Howard seine Erzählung, „wäre man gemacht. Aber da kann man vielleicht sein ganzes Leben lang suchen, und man findet nichts. Das ist wie mit jedem andern Geschäft. Wenn man das rechte Geschäft findet, und man hat Glück, dann hat man seine Goldmine. Jedenfalls, wenn ich auch ein alter Knabe schon bin, ich mache immer wieder mit, wenn es auf Gold losgeht. Aber man braucht Kapital wie für jedes andre Ding.“

Die Geschichte, die Howard hier erzählt hatte, enthielt nichts, das ermutigte, und nichts, das warnte. Es war eine übliche Goldsuchergeschichte, zweifellos wahr und doch wie ein Märchen klingend. Aber alle Geschichten, die von reichen Gewinnen erzählen, klingen märchenhaft. Um zu gewinnen, muß man wagen. Wer Gold haben will, muß es suchen gehen. Und Dobbs beschloß in dieser Nacht, auf die Goldsuche zu gehen, selbst wenn er nur mit einem Taschenmesser ausgerüstet sein sollte.

Nur eine Frage, eine einzige Frage war es, die sich in seinen Plan drängte. Sollte er allein gehen oder mit Curtin oder mit dem alten Howard oder mit Curtin und Howard?

6

Es war am nächsten Morgen, als Dobbs die Geschichte, die er von Howard gehört hatte, an Curtin weitererzählte. Curtin hörte andächtig zu. Endlich sagte er: „Ich glaube, das ist eine wahre Geschichte.“

„Aber natürlich ist es eine wahre Geschichte. Warum sollte sie denn erlogen sein?“ Dobbs war höchst verwundert, daß jemand die Richtigkeit der Geschichte bezweifeln könnte. Aber dieser Zweifel, den Curtin geäußert hatte, hatte eine Einwirkung auf ihn. Ihm war die Geschichte so natürlich erschienen wie die Tatsache, daß es Morgen sei, wenn die Sonne aufgeht, und Abend, wenn sie untergeht. Es war nichts in der Geschichte enthalten gewesen, was erdichtet hätte sein können. Der Zweifel jedoch, den Curtin in seine Frage gelegt hatte, machte die Geschichte abenteuerlich. Und während Dobbs bisher das Suchen von Gold mit ebenso nüchternen Augen angesehen hatte wie das Suchen von passenden Stiefeln in den verschiedenen Schuhgeschäften einer Stadt oder wie das Suchen nach Arbeit, sah er plötzlich ein, daß Goldsuche unbedingt mit etwas Unheimlichem umgeben sein müsse. Nur darum war ihm jetzt so sonderbar zumute, weil er dieses Unheimliche, Mystische, Fremdartige niemals vorher empfunden hatte, wenn von Goldsuchern die Rede war. Als Howard ihm die Geschichte so trocken erzählt hatte, hatte er keine andre Empfindung gehabt als die, daß Gold und Steinkohle im Grunde ganz dasselbe seien, daß Steinkohle einen Menschen, der sich mit ihr befaßt, genau so reich machen kann, als wenn es sich um Gold handelt.

„Erlogen?“ sagte Curtin. „Davon habe ich nichts gesagt. Die Geschichte in sich ist nicht erlogen. Da gibt es Hunderte solcher Geschichten. Ganze Berge solcher Geschichten habe ich in den Zeitschriften gelesen, die solches Zeug drucken. Aber ich glaube, die Geschichte ist, auch wenn alles andre unwahrscheinlich sein sollte, sicher wahr in jenem Teil, wo diese drei Burschen versuchen, die übrigen von der Kompanie übers Ohr zu hauen und kalt abfahren zu lassen.“

„Richtig!“ Dobbs nickte. „Das ist der Fluch, der auf dem Golde lastet.“ Als er das sagte, kam ihm klar zum Bewußtsein, daß er einen solchen Satz eine Stunde vorher nicht gesprochen haben würde, weil ihm gar nicht der Gedanke gekommen wäre, daß Fluch am Golde haften müsse.

Curtin hatte eine derartige Wandlung in seiner Anschauung nicht mitgemacht. Vielleicht nur darum nicht, weil ihm ein so unerwarteter Zweifel nicht gegenübergetreten war, wie ihn soeben Dobbs erlebt hatte.

Dieses innere Erlebnis, das Dobbs in dieser Minute gehabt hatte, trennte diese beiden Männer, ohne daß es ihnen zum Bewußtsein kam. Es war eine Trennung innerhalb ihrer Gefühlswelt. Von nun an gingen beide einem andern Ziel ihres Lebens entgegen. Ihre verschiedene Schicksalsbestimmung begann sich zu formen.

„Fluch auf dem Golde?“ sagte Curtin widersprechend. „Sehe ich nicht. Wo ist denn der Fluch? Es liegt ebensoviel Segen darauf. Es hängt nur davon ab, wer es in Händen hat. Die bestimmten Charaktereigenschaften seines Besitzers schaffen den Fluch oder den Segen. Gib einem Schurken Kieselsteine in die Hand oder trockne Schwämme, er wird sie gebrauchen, um einen Schurkenstreich damit zu verüben.“

„Habgier ist die einzige Charaktereigenschaft, die Gold in seinem Besitzer auslöst.“ Dobbs wunderte sich, wie er zu dieser Meinung kam. Sie erschien ihm fremd. Aber er redete sich ein, daß er diese Meinung nur geäußert habe, um Curtin zu widersprechen.

„Das ist nun blanker Unsinn, was du da sprichst“, erwiderte Curtin. Unbeabsichtigt hatte er mehr eine vertrauliche Form der Anrede gewählt, auf die Dobbs ebenso gedankenlos einging, als hätte er den Wechsel gar nicht gefühlt.

„Es kommt doch ganz und gar darauf an,“ setzte Curtin seine Rede fort, „ob der Besitzer das Gold an sich liebt, oder ob er es nur als Mittel betrachtet, um bestimmte Ziele zu erreichen. Es gibt ja auch in der Armee Offiziere, die mehr darauf sehen, daß das Lederzeug peinlich sauber geputzt ist, als daß sie darauf achten, daß das Lederzeug sich in einem brauchbaren Zustande befindet. Das Gold selbst ist nicht notwendig. Wenn ich jemand glauben machen kann, daß ich viel Gold besitze, kann ich dasselbe erreichen, als wenn ich es wirklich hätte. Es ist nicht das Gold, das die Menschen verwandelt, als vielmehr die Macht, die sie mit Hilfe des Goldes ausüben können, das die Menschen so aufregt, sobald sie Gold sehen oder von Gold auch nur hören.“

Dobbs lehnte sich zurück auf der Bank, wo die beiden saßen. Er sah hoch und bemerkte auf einem Dache eines der gegenüberliegenden Häuser zwei Arbeiter, die Telephondrähte legten. Sie standen so unsicher, daß man jeden Augenblick erwarten konnte, daß sie abstürzen würden. „Für vier Pesos oder vier Pesos fünfzig den Tag,“ dachte Dobbs, „und immer die Aussicht, sich das Genick zu brechen oder die Knochen zu zerschlagen; beim Derrickbauen ist es ebenso, nur daß man die Aussicht etwas besser bezahlt bekommt.“

Dann dachte er, es ist doch ein rechtes Luderleben, das man als Arbeiter führt. Und diesen Gedanken weiterführend, fragte er: „Würdest du denn deine Freunde verraten, um alles Gold für dich allein zu haben, so wie es die drei versuchten?“

„Das kann ich jetzt nicht sagen“, gab Curtin zur Antwort. „Ich glaube nicht, daß es einen einzigen Menschen gibt, der genau sagen kann, was er tun würde, wenn er eine große Menge Gold für sich allein erwerben kann, und wenn er eine Gelegenheit hat, andre Teilnehmer auszuschalten. Ich glaube bestimmt, daß noch jeder Mensch anders gehandelt hat, als er selbst erwartete in dem Augenblick, wo er plötzlich viel Geld bekam oder die Möglichkeit sah, durch eine Handbewegung einen Haufen Gold einzusacken.“

Dobbs sah noch immer hinauf zu den Telephonarbeitern. Obgleich er es den Arbeitern nicht gönnte, hoffte er dennoch leise, daß einer herunterfallen möchte, weil das ein wenig Abwechselung in das eintönige Leben gebracht haben würde.

Weil nun keiner von den Arbeitern herunterfiel, kam ihm zum Bewußtsein, daß er unbequem sitze, und daß ihm die Schultern weh täten. Er setzte sich wieder gerade auf die Bank und zündete sich eine Zigarette an. Er sah dem Rauch nach und sagte dann: „Ich würde es machen wie Tilton. Das ist das Sichere, und man braucht nicht mehr so zu schuften und nicht mehr so hungrig herumzulungern. Ich würde mich mit einer kleinen Menge begnügen und meiner Wege ziehen. Die andern mögen sich meinetwegen herumschlagen.“

Curtin wußte nichts darauf zu antworten. Das Thema war erschöpfend von ihnen behandelt, und sie sprachen von etwas anderm, von etwas ganz Gleichgültigem, nur um zu sprechen und nicht so blöde dazusitzen.

Am Nachmittag aber, als sie vom Baden am Flusse zurückgekommen waren und sich den ganzen Weg über geärgert hatten, daß sie die lange staubige Avenida hatten laufen müssen, weil sie die fünfzehn Centavos für die Straßenbahn sparen mußten, kam das Goldthema wieder zur Sprache. Immer nur halbsatt, immer durstig nach einem Glase Eiswasser, immer schlecht geschlafen in den harten und unbequemen Bettgestellen, arbeitete der Gedanke an Gold in ihnen ununterbrochen. Woran sie wirklich dachten, das war eine Veränderung ihrer gegenwärtigen Lage. Diese Lage ließ sich nur ändern durch Geld. Und Geld war so nahe verwandt mit Gold. So wurde der Gedanke an Gold immer stärker in ihnen und löschte alle andern Gedanken aus. Sie sahen schließlich ein, daß Geld ihnen nicht helfen könnte, daß nur Gold, ein großer Berg Gold sie aus diesem Leben, aus diesem Herumhängen zwischen Verhungern und Niemalssattwerden befreien könnte. Sie waren in einem Lande, wo unerhörte Schätze an Gold zu finden waren. Sie sahen das Gold funkelnd vor sich liegen, selbst dann, wenn sie die Augen schlossen, weil die Sonne so unbarmherzig blendend auf der weißen staubigen Plaza lag. Vielleicht war es nicht das Gold, vielleicht war es das heiße Asphaltpflaster, der weiße Staub, die weißen Häuser, das sie so ungeduldig machte. Aber sie mochten hin und her denken, sie kamen immer wieder auf Gold zurück. Gold war Eiswasser, Gold war ein zufriedener Magen, Gold war eine kühle Wohnung in dem hohen eleganten Riviera-Hotel. Gold, nur Gold, und dann hörte das Stehen vor der amerikanischen Bank, wo man hoffte, die Manager von den Ölfeldern um einen lockeren Peso oder um Arbeit anzufleddern, auf. Es war entwürdigend, und es war ein schäbiges Leben. Das kann so nicht in alle Ewigkeit fortgehen. Man muß ein Ende machen. Nachdem drei Tage vergangen waren, sich keine Aussicht auf Arbeit zeigte und es durchaus so aussah, als ob auch in den nächsten drei Monaten sich keine Aussicht auf Arbeit zeigen würde, sagte Dobbs zu Curtin: „Ich gehe jetzt los auf Gold. Und wenn ich auch ganz allein gehen muß, ich gehe. Ob ich hier verrecke oder in der Sierra zwischen den Indianern, das ist mir nun wahrhaftig Schmalzkuchen wie Sirupfaß. Ich gehe los.“

„Denselben Vorschlag wollte ich dir soeben machen,“ sagte Curtin, „ich bin zu jedem Pferdediebstahl bereit.“

„Es bleibt dir ja auch nichts andres mehr übrig als die Wahl zwischen Taschendiebstahl und Santa Maria?“

„Santa Maria?“ fragte Curtin. „Ich bin nicht katholisch.“

„Ob du katholisch bist oder nicht, das fragen sie dich nicht. Aber wenn du Pech hast beim Taschendiebstahl, dann wirst du schon lernen, wer Santa Maria ist. Das ist die Strafinsel an der Westküste, wo man dich nicht nach der Religion fragt, sondern nur wissen will, wieviel Jahre du abzumachen hast. Wenn du diese Santa Maria kennengelernt hast, weißt du, warum die Heilige Maria immer ein aufgeklapptes Taschenmesser in ihrem Herzen hat. Das hat ihr nämlich einer hineingetrieben, der von jener Insel lebendig zurückgekommen ist.“

„Wir könnten dann ja gleich morgen losgehen.“

Dobbs überlegte eine Weile, dann sagte er: „Ich habe gedacht, daß wir den alten Howard mitnehmen könnten. Wir wollen ihn heute abend fragen, wie er darüber denkt.“

„Howard? Warum? Der ist ja so alt. Vielleicht können wir ihn auf dem Rücken schleppen.“

„Alt ist er“, bestätigte Dobbs. „Aber er ist zähe wie eine gekochte alte Stiefelsohle. Wenn es darauf ankommt, hält der mehr aus als wir beide zusammengenommen. Ich muß nur gleich gestehen, ich habe nicht viel Ahnung von Goldgraben und weiß nicht einmal recht, wie es aussieht, wenn man es vor sich im Dreck liegen sieht. Howard hat Erfahrung, er hat selber gegraben und hat auch fein Geld gemacht. Im Öl ist alles wieder draufgegangen. So einen alten erfahrenen Burschen mitzuhaben, ist schon halb eingesackt. Wer weiß, ob er überhaupt mitgeht.“

„Fragen wir ihn einfach“, riet Curtin.

Sie gingen zum Oso Negro. Howard lag im Bett und las Banditengeschichten im Western Story Magazine.

„Ich?“ sagte er sofort. „Was für eine Frage? Natürlich bin ich dabei. Bin immer dabei, wenn es auf Gold geht. Ich habe noch dreihundert Dollars hier auf der Bank. Zweihundert lege ich an für die Sache. Ist mein letztes Geld. Wenn das zu Ende ist, bin ich fertig. Aber man muß etwas wagen.“

Nachdem sie alles Geld zusammengeworfen hatten, erinnerte sich Dobbs seines Lotterieloses. „Sei doch nicht so abergläubisch“, sagte Curtin lachend. „Ich habe noch nie jemand gesehen, der in der Lotterie gewonnen hätte.“

„Macht nichts“, sagte Dobbs darauf. „Ich gehe die Liste wenigstens einmal nachsehen. Das kann nichts schaden.“

„Da gehe ich mit. Das lange Gesicht, das du machst, möchte ich gern sehen.“

Überall hingen die Listen aus. In jedem kleinen Laden, wo man Lose verkaufte. Die Listen waren auf Leinwand gedruckt. Weil niemand eine Liste kaufte, die Lotterie auch nie ein Nebengeschäft aus dem Listenverkauf machte, so wurden die Listen von Hunderten von Leuten betastet. Sie mußten sehr dauerhaft sein, um den Angriffen derer zu widerstehen, die glaubten, diesmal ganz sicher gewonnen zu haben.

Da gleich an der Ecke der Madrid Bar hing so eine Liste, groß wie ein Handtuch.

Dobbs warf einen Blick darauf und sagte zu Curtin: „Dein Aberglaube ist lächerlicher als meiner. Da, siehst du die fettgedruckte Nummer? Das ist meine Nummer. Auf mein Zwanzigstel kriege ich jetzt hundert Pesos ausgezahlt.“

„Wo?“ fragte Curtin erstaunt.

„Gehen wir gleich zur Agentur kassieren.“

Dobbs legte sein Los auf den Tisch. Der Agent prüfte es, und ohne einen Abzug irgendwelcher Art zu machen, händigte er Dobbs zwei dicke goldne Fünfzigpesostücke aus.

Als sie wieder auf der Plaza standen, sagte Curtin: „Nun will ich noch hundert Dollars heranschaffen. Dann langt es. Ich habe da einen Freund in San Antonio, drüben in Texas. Der schickt mir das Geld.“

Er telegraphierte, und das Geld kam pünktlich an. Sie nahmen den Nachtzug nach San Luis. Von dort fuhren sie mit dem nächsten Zug hinauf nach Durango.

Hier saßen sie über Karten und studierten die Gegenden.

„Wo Eisenbahn läuft, da brauchen wir gar nicht erst hinzugehen“, sagte Howard sachlich. „Das lohnt sich nicht. Wo eine Bahn ist, wo nur eine gute Straße ist, da kennt man jeden Winkel, in dem etwas sein könnte. Die wilden Ecken sind es, wo was zu holen ist. Da, wo kein Steg ist, wo keine Geologen sich hintrauen, wo kein Mensch weiß, was ein Auto ist, da muß man herumkriechen. Und so eine Gegend müssen wir uns aussuchen.“ Er stöberte auf der Karte herum und sagte dann: „Ungefähr hier. So genau kommt es nicht darauf an. Ist man erst einmal da, dann muß man die Augen aufmachen. Das ist alles. Ich habe einmal einen gekannt, der konnte das Gold riechen, gerade so wie ein durstiger Esel Wasser riecht, wenn er Lust hat, hinzugehen.“

„Richtig,“ sagte Dobbs, „da fällt mir ein, wir wollen gleich einmal hier in einem Nachbardorfe Esel kaufen, die uns die Packen schleppen.“

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