Chapter 4 of 20 · 3977 words · ~20 min read

Part 4

Bohlen und Bretter, Werkzeuge, Nägel, Schraubenbolzen waren schon auf Maultieren und Eseln herbeigeschleppt, und alle zwei Stunden traf wieder eine neue Karawane ein. Die Karawanenführer arbeiteten ebenfalls im Kontrakt. Sie erhielten für jede Ladung bezahlt und nicht für die Zeit, die sie arbeiteten. Hätte man ihnen nach der Zeit bezahlt, so hätten sie sich unterwegs hingelegt und geschlafen. Auch das Ausschlagen der Lichtung und der Straße, alles wurde in Kontrakt vergeben. Die Leute verdienten gut dabei, viel besser, als wenn sie im Tagelohn gearbeitet haben würden. Zuerst wurde nun eine Baracke gebaut, wo die weißen Arbeiter wohnen und schlafen konnten. Dann kam die Küche und der Speisesaal an die Reihe. Das war alles in zwei Tagen getan.

Einer der Leute nun wurde frei gemacht, um mit einer ganzen Horde von Indianern die weiteren Baracken aufzurichten, während die übrigen fünf unter dem Kommando Pats das Derrick aufbauten.

Das war eine ganz verteufelte Arbeit. Dobbs hatte noch nie an einem Derrick gearbeitet. Zentnerschwere Bohlen mußte er auf den Schultern herbeischleppen, während die Sonne erbarmungslos herunterglühte. Nach drei Tagen waren seine Schultern wie rohes Fleisch. Die Haut hing in Fetzen und Streifen auf seinem Halse herum, zur Hälfte abgebrannt, zur Hälfte abgeschürft.

Waren die Bohlen herangeschleift, dann mußten die Löcher für die Schraubbolzen durchgedrillt werden. Und das alles ging wie ein Expreßzug. Kaum richtig Zeit zum Essen wurde genommen, um das Tageslicht voll auszunützen. Nach der Uhr wurde nicht gesehen. Vom ersten Strahl der Sonne bis zum letzten rötlichen Schimmer wurde gewuchtet und geschuftet. Nach Sonnenuntergang wurde auch noch bei Laternenlicht gearbeitet, wenn es sich um Arbeiten handelte, die man bei Lampenlicht verrichten konnte. Das elektrische Licht kam ja erst viel später, wenn die Maschinen hier waren.

Die geübteren Leute richteten die Bohlen auf, verbolzten sie, verstrebten sie, und immer höher stieg der Bohrturm in die Lüfte, und immer gefährlicher wurde das Arbeiten in schwindelnder Höhe. Die Derrickbauer klammerten sich mit den Knien an eine Strebe, während sie mit den beiden Armen und Händen und mit Unterstützung der Oberschenkel wieder eine dieser wuchtigen Bohlen höher schoben und dann, in schwindelnder Höhe in den Kniegelenken hängend, die schwere Bohle so lange hin und her dirigieren und dann halten mußten, bis der Bolzen in die gedrillten Löcher geschoben und verschraubt war. Wie die Affen mußten die Leute sein oder gar noch geschickter als die Affen, um nicht abzustürzen und sich das Genick zu brechen oder Arme und Beine zu zertrümmern.

Endlich konnte das fertige Derrick, der Bohrturm, gekrönt werden. Die schweren eisernen Rollen, über die die dicken Drahtseile laufen, die den Bohrer und den Klärer heben und senken, wurden hochgewunden und festgebolzt.

Die schwerste Arbeit war getan. Nun kam das Maschinenhaus an die Reihe. Dann die Werkzeug- und Lagerschuppen.

Inzwischen war der Weg fertig geworden, und das erste Lastauto konnte von der Bahnstation aus unmittelbar bis hierher durchfahren.

Ein schmaler Fluß lag drei Meilen weiter in den Busch hinein. Zu diesem Fluß wurden Wasserrohre gelegt, und am Ufer des Flusses wurde das Pumphaus errichtet und die Motorpumpe aufgesetzt. Bis zu diesem Tage war das Wasser für das Camp in Kannen, die auf Eseln geschleppt wurden, vom Flusse herbeigeschafft worden. Nun wurde es hergepumpt und in Tanks aufgespeichert.

Dann kam die Dampfmaschine an, die auf einem mächtigen Traktor herangefahren wurde. Am nächsten Tage brachte der Traktor, den man stundenweit durch den Busch fauchen und stöhnen und rattern hörte, den Dampfkessel.

Wieder einen Tag später wurden die gewaltigen hölzernen Triebräder herbeigeschleift, die wie große Räder einer Wassermühle aussehen und über die die Seile und Ketten für Bohrer, Klärer und Rohre laufen. Und die Dynamo kam, die Leitungen wurden gelegt, und eines Abends erstrahlte der Platz in dem Busch, der noch vor wenigen Wochen unberührt in seiner tropischen Einsamkeit gelegen hatte, ebenso unberührt wie er lag seit Erschaffung der Welt, in dem grellen elektrischen Lichte, das keine Nächte mehr kennt. Dem Busch wurde die Nachtruhe genommen, und wohin die Strahlen des nie vergehenden Lichtes trafen, begann der Busch zu siechen. In hohen Hügeln lagen des Morgens Millionen und aber Millionen von Insekten unter den elektrischen Lampen aufgehäuft.

Von dem Geratter der Maschinen, das nun ununterbrochen, Tag und Nacht, den Busch erfüllte, wurden die Bewohner des Busches hinweggetrieben aus ihrer Heimat. Sie mußten auswandern in unbekannte neue Gebiete, wo sie hofften, Ruhe und Nahrung zu finden.

Nun kamen die eigentlichen Ölmänner. Die Arbeit der Rigbuilder, der Camp-Erbauer, war getan. Sie reisten zurück zur Stadt und warteten auf einen neuen Kontrakt. Der neue Kontrakt konnte in drei Tagen kommen, er konnte in sechs Wochen da sein, und es war auch möglich, daß sie auf den neuen Kontrakt in sechs Monaten noch immer warteten. Öl ist wie Würfelspiel. Es werden zehntausend, zwanzigtausend, fünfzigtausend Dollars in ein Camp gesteckt, und wenn so tief gebohrt worden ist, wie das nur irgend angängig ist, dann ist da kein Öl, sondern Salzwasser, oder Sand oder Lehm. Und der Busch wird seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben, die so schnell von ihm Besitz ergreifen und so nachhaltig, daß ein Jahr darauf jede Spur von Menschen verwischt ist.

Öl ist ein Glücksspiel. Man kann sein ganzes Vermögen verlieren, und man kann mit fünftausend Dollar fünf Millionen Dollar gewinnen. Und darum sind alle, die mit Öl zu tun haben, heute reich und morgen arm. Sie arbeiten wochen- und monatelang tief im Busch oder im Dschungel vergraben. Und was sie dort in schwerer Arbeit verdient haben, verlumpen sie in drei Tagen in der Stadt. Und die es nicht verlumpen, die Vorsichtigen und Sparsamen, werden ihr Geld auch los. Sie warten und warten und warten auf Arbeit, bis der letzte Peso ausgegeben ist und sie die Leute anbetteln, die in das Imperial, in die Luisian, in das Southern, in die Bank gehen. Arbeit zu bekommen ist eine Glücksache in den Ölländern, wie es eine Glücksache ist, auf Öl zu stoßen.

So war es Dobbs gegangen. Er stand da und dachte nicht an Arbeit. Und da fiel sie ihm in die Tasche.

„Wie ist denn das nun mit meinem Gelde?“ fragte Dobbs den Contractor.

„Was ist denn los?“ sagte Pat. „Drängen Sie doch nicht so. Sie werden Ihr Geld schon kriegen. Ich laufe Ihnen nicht fort damit.“

„Dann geben Sie wenigstens etwas“, forderte nun Dobbs.

„Na gut“, erwiderte Pat. „Ich gebe Ihnen dreißig Prozent.“

„Und das andre?“ fragte Dobbs.

„Weiß ich noch nicht. Habe mein Geld selber noch nicht bekommen.“

Dobbs bekam die dreißig Prozent seines verdienten Lohnes. Die übrigen Leute hatten ihr Geld auch nicht erhalten. Diejenigen, die energisch drängten, bekamen von Pat vierzig oder fünfzig Prozent. Zwei andre, die ihn bei guter Laune halten wollten, damit er sie beim nächsten Kontrakt wieder mitnehmen möge, erhielten nur fünf Prozent, weil sie ihm ganz schüchtern erzählten, daß sie noch nicht zu Abend gegessen hätten und auch ihr Hotel nicht bezahlen könnten.

„Ich möchte nur wissen, ob der Schwindler sein Geld bekommen hat oder nicht“, sagte Dobbs zu Curtin, der auch mit zu dem Kontrakt gehört hatte.

„Ja, wenn man das nur wüßte“, antwortete Curtin. „Die Kompanien sind manchmal sehr langsam in dem Auszahlen des Kontraktes, weil sie knapp mit barem Gelde sind und nun das Drillen losgeht, das eine Unmasse Geld verschlingt.“

Eine Woche lang konnten weder Dobbs noch Curtin den McCormick ausfindig machen. In seinem Hotel war er nicht. Aber eines Tages ging Pat McCormick auf der andern Seite der Straße vorüber.

„Los, drauf auf ihn!“ rief Curtin dem Dobbs zu. Und wie der Teufel war er drüben. Dobbs war sofort an seiner Seite.

Curtin packte Pat am Hemdärmel. Pat hatte keine Jacke an.

„Wo ist unser Geld, du Hundesohn? Sofort gibst du jetzt unser verdientes Geld her, oder wir schlagen dich in kleine Stücke. Auf der Stelle!“ Curtin sagte es ziemlich laut und mit drohenden Fäusten.

„Aber flink, und keine Ausflüchte mehr!“ mischte sich nun auch Dobbs ein. „Wir warten nun über drei Wochen auf unser Geld.“

„Seien Sie doch ruhig“, sagte Pat halblaut und zog sie mit sich in eine Bar, wo er sofort drei große Glas Habanero bestellte. „Wir können doch das in aller Ruhe erledigen. Sehen Sie mal, ich habe da in nächster Woche wieder einen neuen schönen Kontrakt, und gleich darauf noch einen, den einen in Amatlan, den andern in Corcovado. Da nehme ich Sie beide wieder mit. Sie sind tüchtige Arbeiter, mit denen ich gern zusammen arbeite. Gesundheit!“

Er hob sein Glas und stieß mit den beiden an.

Sie tranken.

Dann sagte Curtin: „Das ist ganz gut, daß Sie uns wieder mit in Ihre neuen Kontrakte nehmen wollen. Aber ohne Geld arbeiten wir nicht. Wo ist unser Geld?“

„Ich habe das Geld noch nicht bekommen. Der Scheck ist noch nicht überwiesen.“ Dann wandte er sich gleichzeitig zu dem Bartender und kommandierte: „Noch drei große Habaneros.“

„Sie, Mann,“ sagte nun Curtin ungeduldig, „glauben Sie nicht, daß Sie uns jetzt entwischen und uns hier mit dem Schnaps einseifen können.“

„Einseifen?“ Pat tat erstaunt. „Ich Sie einseifen mit Schnaps? Das ist nicht gerade sehr –“

„Was es ist, das ist ganz gleichgültig“, sagte Dobbs. „Wir wollen unser Geld, für das wir schwer genug gearbeitet haben. Ob Sie uns wieder mit in neue Kontrakte nehmen oder nicht, hat doch keinen Wert, wenn Sie nicht zahlen.“

„Hund verfluchter, wo ist unser Geld?“ Curtin schrie es ganz plötzlich heraus, als ob er mit einem Male seine Sinne verloren habe. Vielleicht hatte der Schnaps auf ihn eine andre Wirkung, als Pat erwartet hatte.

„Aber ich kann euch doch nur wiederholen, ich habe das Geld selbst noch nicht ausgezahlt bekommen.“

Da packte ihn Curtin vorn an der Kehle, schüttelte ihn und sagte: „Das Geld jetzt her, du Räuber, oder ich zerhämmere deinen Schädel hier auf der Tischplatte.“

„Ruhig, Gentlemen, ruhig“, mischte sich nun der Bartender ein. Er nahm aber im übrigen keine Notiz weiter von dem Vorgang. Er putzte die Barplatte ab, wo die Gläser ihre Ränder zurückgelassen hatten, und zündete sich dann eine Zigarette an.

Pat war ein kräftiger Bursche, und er wehrte sich. Aber Curtin besaß die größere Wut. Dobbs kam näher, als ob er auch gleich auf Pat mit losspringen wolle.

Nun drehte sich Pat aus der Kehlschlinge heraus, ging einen halben Schritt zurück und sagte hämisch: „Ihr seid ja in der Tat die richtigen Banditen. Das hätte ich nur wissen sollen. Aber lieber schneide ich mir sonst was ab, als daß ich euch beide Schufte noch einmal mit in einen meiner Kontrakte nehme. Da habt ihr euer Geld, und nun laßt euch ja nicht mehr sehen.“

„Da werden wir Sie nicht um Erlaubnis fragen“, sagte Curtin.

Pat griff in die Hosentasche und holte eine Handvoll Dollarscheine hervor, die er ganz zerknüllt in der Tasche trug.

„Da ist ihr Geld“, sagte er zu Dobbs. Er hatte im Augenblick die richtige Summe abgezählt. Er wußte im Kopfe auf den Cent genau, wieviel er jedem schuldete. Er schob das Geld Dobbs hin, und dann zählte er mit derselben Hand, mit der er die Scheine hielt, das Geld für Curtin ab und warf es ihm rüber.

„So,“ sagte er nun in dem Tone, wie man lästige Gläubiger abfertigt, „nun belästigen Sie mich gefälligst nicht mehr. Sie haben jetzt Ihr Geld, und ich werde mich wohl hüten, noch einmal solche Handlanger, die nichts verstehen, in meinen Kontrakt zu nehmen.“

Er warf drei Pesos auf die Bar für die Schnäpse. Dann schob er den Hut in den Nacken und verließ das Lokal, die beiden Leute stehen lassend, als hätten sie ihm eine unerhörte Beleidigung zugefügt.

5

„Warum wohnen Sie denn im Cleveland, Mensch?“ fragte Dobbs den Curtin, als sie auf die Straße traten und am Southern Hotel vorüberschlenderten. „Da zahlen Sie doch wenigstens drei Pesos für die Nacht.“ „Vier“, gab Curtin zur Antwort. „Kommen Sie doch mit in den Oso Negro, fünfzig Centavos“, riet Dobbs. „Ist mir zu dreckig da und nichts als Beachcombers und solche Strolche“, sagte Curtin.

„Wie Sie wollen. Wenn das Geld alle ist, landen Sie auch im Oso Negro wie wir alle. Ich hätte es ja selbst nicht nötig. Aber ich will die paar Böckchen zusammenhalten. Wer weiß, wann wieder etwas aufblüht. Ich gehe auch zum Chink essen für fünfzig, genau wie vorher.“

Sie waren zur Ecke der Plaza gekommen, wo das große Juwelengeschäft La Perla war. Sie blieben dort stehen und sahen sich die Herrlichkeiten an. Das funkelte von Gold und Diamanten. Ein Diadem lag da für achtzehntausend Pesos. Sie sagten nichts, betrachteten nur die aufgespeicherten Schätze, dachten an den Wert, der hier lag, und dachten an das viele Geld, das manche Leute hier in der Stadt besitzen müssen, um solche Dinge kaufen zu können.

Vielleicht war es das, was sie hier aufgehäuft sahen, das ihre Gedanken einmal vom Öl ablenkte. Denn wer hier lebte, dachte nur an Öl, dachte nur in Öl und dachte nur an Lebensmöglichkeiten, die mit Öl irgendwie verknüpft waren. Ob man arbeitete oder spekulierte, immer war es Öl. Sie lehnten mit dem Rücken gegen die großen Glasscheiben und sahen gelangweilt über die Plaza, hinter der die Schiffsmasten sichtbar waren. Das erinnerte sie beide an Reisen und auch daran, daß es noch andre Länder gäbe und andre Erwerbsquellen als die, die hier in dieser Stadt in Frage kamen.

„Was haben Sie nun eigentlich vor, Curtin?“ fragte Dobbs nach einer Weile. „Immer hier herumstehen und herumwarten, bis man rein zufällig etwas bekommt, das wird man endlich leid. Es ist immer nur Warten und Warten. Das Geld wird immer weniger, bis man eines Tages gar nichts mehr hat. Dann geht die alte Flöte wieder los, die anbetteln, die aus den Camps für einen Tag oder für eine Nacht hereinkommen. Ich habe ganz ernsthaft im Sinn, nun einmal etwas andres zu tun. Gerade jetzt ist Zeit, solange man noch Geld hat. Ist es erst wieder fort, dann steht man da und kann sich nicht rühren.“

„Dieselbe Frage beschäftigt mich nun zum dritten Male“, erwiderte Curtin. „Ich weiß, wie das ist und wie das geht. Aber ich habe keine einzige Idee. Goldgraben, das ist das einzige.“

„Da haben Sie es gesagt“, fiel Dobbs ein. „Daran dachte ich auch gerade. Es ist schließlich keine gewagtere Spekulation, als auf Arbeit in den Ölfeldern zu warten. Es gibt ja kaum noch ein Land, wo soviel Gold und soviel Silber darauf wartet, daß man es ausbuddelt, wie dieses Land hier.“

„Lassen Sie uns da hinübergehen und auf die Bank setzen“, sagte Curtin. „Ich will Ihnen sagen, ich bin hier runter gekommen nicht wegen Öl, sondern wegen Gold“, erzählte nun Curtin, nachdem sie sich niedergesetzt hatten. „Ich habe hier in den Öldistrikten nur einige Zeit arbeiten wollen, bis ich genügend Geld in den Fingern haben würde, um auf die Goldsuche loszugehen. Es kostet eine gute Summe. Da ist die Reise, da sind die Schaufeln, Hacken, Pfannen und sonstigen Werkzeuge. Dann muß man auch vier bis acht Monate leben können, ehe man was verdient. Kommt es endlich zum Rechnunglegen, kann es sein, daß man alles verloren hat, Geld und Mühe, weil man nichts gefunden hat.“

Dobbs wartete darauf, daß Curtin noch weitersprechen sollte, aber Curtin schwieg, er schien nichts mehr zu sagen zu haben.

Da sagte nun Dobbs: „Das Risiko ist nicht so groß. Hier herumzulungern und auf Arbeit zu warten, ist ein ebensolches Risiko. Hat man Glück, kann man monatlich dreihundert Dollars verdienen, vielleicht noch mehr, sechs, zehn, achtzehn Monate lang. Hat man kein Glück, findet man keine Arbeit, hat man genau so gut alles verloren. So glatt liegt das Gold ja nicht auf dem Haufen, daß man es nur abzuschaben und einzusacken braucht. Das weiß ich auch. Aber ist es nicht Gold, dann ist es vielleicht Silber, und ist es kein Silber, so ist es vielleicht Kupfer oder Blei oder gute Steine. Wenn man das auch nicht selbst ausbeuten kann, so findet man immer eine Kompanie, die einem die Mutung abkauft oder die einen mit guten Anteilen als Teilhaber aufnimmt. Jedenfalls werde ich mir das einmal gut überlegen.“

Sie sprachen nun von etwas anderm. So schwer gewichtig werden solche Gespräche über Goldsuchen hier nie genommen. Jeder sagt es, jeder plant es, und von zehntausend geht dann einer los und tut es, weil das eben nicht so schlicht zugeht, als ob man auf Kaninchenjagd zu gehen beabsichtigt. Es lebt nicht ein Mann hier, der nicht einmal wenigstens daran gedacht hat, auf die Goldsuche zu gehen. Die vielen Hunderte von Minen für andre Metalle, die hier im Lande sind, wurden alle gefunden und gegründet von Leuten, die auf Gold suchten und dann das nahmen, was sie fanden. Manche Mine, die weder Silber noch Gold hervorbringt, trägt ihren Besitzern größere Reichtümer zu, als zahlreiche Goldminen es können. Je mehr die elektrische Industrie sich ausbreitet, desto wertvoller wird Kupfer. Es kann die Zeit kommen, daß man Gold für durchaus entbehrlich ansieht; von Kupfer, Blei und vielen andern Metallen kann man das nicht so leicht sagen.

Kein Mensch hat einen Gedanken ganz für sich allein, und es hat noch nie jemand ganz für sich allein eine originelle Idee gehabt. Jede neue Idee ist das Kristallisationsprodukt tausend verschiedener Ideen, die andre Menschen haben. Einer findet dann plötzlich das rechte Wort und den richtigen Ausdruck für die neue Idee. Und sobald das Wort da ist, erinnern sich Hunderte von Menschen, daß sie diese Idee schon lange vorher gehabt haben.

Wenn in einem Menschen ein Plan auftaucht, der Gedanke, etwas Bestimmtes zu unternehmen, heranreift, darf man sicher sein, daß zahlreiche Menschen in seiner Nähe den gleichen oder einen ähnlichen Plan haben. Darum verbreiten sich Massenstimmungen so rasch wie ein fegender Feuerbrand.

Etwas Ähnliches geschah hier.

Curtin wollte noch eine Nacht im Cleveland bleiben und erst am folgenden Tage umziehen zum Oso Negro. Als Dobbs heimkam, waren außer ihm nur noch drei Amerikaner in dem Raum. Die übrigen Betten schienen heute nicht besetzt zu sein. Einer der Neuangekommenen war ein älterer Mann, dessen Haar weiß zu werden begann.

Als Dobbs den Raum betrat, unterbrachen die drei ihr Gespräch. Aber nach einer Weile nahmen sie es wieder auf. Der Alte lag im Bett, der eine der beiden andern lag angekleidet auf dem Bett, und der dritte saß auf dem Bett. Dobbs begann sich auszukleiden.

Zuerst verstand er nicht, wovon die Rede war. Dann aber wußte er mit einemmal, daß der Alte seine Erfahrungen als Goldsucher den Jüngeren mitteilte. Die beiden Jüngeren waren hierher gekommen, um auf Gold zu suchen; denn man hatte ihnen in den Staaten unerhörte Dinge von dem Goldreichtum des Landes erzählt.

„Gold ist eine verteufelte Sache“, sagte Howard der Alte. „Es ändert den Charakter. Man kann noch soviel haben, noch soviel finden, soviel aufzupacken haben, daß man es allein gar nicht wegschleppen kann, immer denkt man daran, noch etwas hinzuzubekommen. Und um noch etwas hinzuzubekommen, hört man auf, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Wenn man rausgeht, nimmt man sich vor, mit dreißigtausend Dollars zufrieden zu sein. Wenn man nichts findet, setzt man seine Erwartungen herab auf zwanzigtausend, dann auf zehntausend, und man erklärt, daß man sich mit fünftausend völlig begnügen würde, wenn man sie nur finden möchte, auch wenn man hart darum arbeiten muß. Findet man dann aber etwas, dann ist man mit den ursprünglich erhofften dreißigtausend nicht satt zu kriegen, dann geht man immer höher und höher, möchte fünfzig-, hundert-, zweihunderttausend Dollars haben. Dann kommen die Verwicklungen, die einen hin und her schmeißen und nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.“

„Bei mir nicht,“ sagte einer der beiden, „bei mir nicht, das kann ich beschwören. Zehntausend und Schluß. Schluß, und wenn da noch für eine halbe Million läge. Das ist gerade die Summe, die ich brauche.“

„Wer nicht selber draußen war,“ meinte Howard in seiner langsamen Redeweise, „der glaubt es nicht. Von einer Spielbank kann man leicht weg, von einem Haufen Gold, den man nur zu nehmen braucht, um ihn zu besitzen, kann keiner weg. Ich habe in Alaska gegraben und gefunden, ich habe in Britisch-Columbia gegraben, in Australien, in Montana, in Colorado. Habe ganz schön etwas zusammengebracht. Na, und nun bin ich hier im Oso Negro und fertig. Meine letzten fünfzigtausend im Öl verloren. Jetzt muß ich alte Freunde anbetteln, auf der Straße. Vielleicht gehe ich noch mal los mit meinen alten Knochen. Habe aber nicht das Betriebskapital. Das ist nun überhaupt auch so: Geht man allein, ist es am besten. Man muß aber die Einsamkeit vertragen können. Geht man zu zweien oder zu dreien, lauert immer Mord herum. Geht man zu einem Dutzend, dann kommt nicht viel auf den einzelnen Mann, und Zank und Mord ist erst recht herum. Solange nichts da ist, hält die Bruderschaft. Wenn aber die Häufchen wachsen und wachsen, dann wird die Bruderschaft eine Luderschaft.“

Und so begann der Alte Goldgeschichten zu erzählen, Geschichten, die unter den fahrenden Gästen des Oso Negro und verwandter Häuser mit mehr Eifer gehört werden als die schamlosesten Liebesgeschichten.

Wenn so ein alter Goldgräber erzählte, dann konnte er die ganze Nacht erzählen, und keiner schlief ein, und keiner rief: „Nun will ich Ruhe haben.“ Ein solches Rufen nach Ruhe wäre ja in jedem Falle, ob es sich um Goldgeschichten, um Diebesgeschichten oder um Liebesgeschichten handelte, immer vergeblich gewesen. Ruhe durfte einer ja verlangen. Tat er es aber zu oft und vielleicht gar zu energisch, dann gab es Senge, weil die Erzähler darauf bestanden, ebensoviel Rechte hier zu besitzen wie die, die Ruhe haben wollten. Es ist das gute Recht eines jeden Menschen, seine Nächte mit Erzählen zu verbringen, wenn er das Bedürfnis dazu fühlt. Wenn einem andern das nicht gefällt, so hat er das Recht, sich einen ruhigeren Platz zu suchen. Wer nicht unter dem Donner von Geschützen, unter dem Gerassel von Wagen, unter dem Gefauche von Autos, unter dem Gewirr kommender und gehender, lachender, singender, schwätzender, schimpfender Menschen sanft und ruhig schlafen kann, soll nicht auf Reisen gehen und soll nicht in Hotels wohnen.

„Kennt ihr die Geschichte von der Grünwassermine in New Mexico?“ fragte Howard. „Die kennt ihr sicher nicht. Aber ich kenne Harry Tilton, der dabei war, und von dem ich die Geschichte weiß. Da ging eine Bande von fünfzehn Mann los auf die Suche. Sie gingen nicht so ganz blind. Da war ein altes Gerücht, daß in einem Tale eine reiche Goldmine sei, die von den alten Mexikanern gefunden und ausgebeutet wurde, und die ihnen später die Spanier wegnahmen, nachdem sie durch gräßliche Folterungen, durch Ausreißen der Zungen, durch Anbohren des Schädels und mehr solcher christlichen Liebesbezeigungen die Indianer gezwungen hatten, ihnen den Ort der Mine zu verraten.

Dicht bei der Mine war ein ganz kleiner See, der in einem Felsenbette lag. Und das Wasser dieses kleinen Sees war grün wie ein Smaragd. Darum hieß die Mine die Grünwassermine, La Mina del Agua Verde. Es war eine ungemein reiche Mine. Das Gold lag rein in dicken Adern da. Man brauchte es nur so fortzunehmen.

Die Indianer aber hatten die Mine mit einem Fluche belegt, so wurde von den Spaniern behauptet, weil alle Spanier, die mit der Mine zu tun hatten, weggerafft wurden. Manche durch Schlangenbisse, andre durch Fieber, wieder andre durch entsetzliche Hautkrankheiten oder durch Krankheiten, deren Ursache niemand erklären konnte. Und eines Tages war die Mine verschwunden. Kein Mensch wurde mehr gesehen, der zu der Zeit bei der Mine gewesen war.

Als die Sendungen ausblieben und auch keine Berichte einliefen, sandten die Spanier eine Expedition zu der Mine. Trotzdem die Mine genau in den Karten eingezeichnet war, trotzdem man weit genug den Weg verfolgen konnte, die Mine war nicht mehr zu finden. Und es war so leicht, ihre Lage zu bestimmen. Da waren drei steile Berggipfel, die mußten alle drei in einer Linie liegen, dann war man auf dem richtigen Wege, und wenn eine vierte Bergspitze, deren Form sehr auffallend war, in Sicht trat und in einem bestimmten Winkel zu der Linie stand, dann war man so dicht bei der Mine, daß man sie nicht verfehlen konnte. Aber obgleich monatelang gesucht wurde, es wurde weder die Mine noch der Felsensee gefunden. Das war im Jahre 1762.

Diese reiche Mine ist nie aus dem Gedächtnis aller derjenigen entschwunden, die sich für Goldminen interessieren.