Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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Das Königliche Seminartheater Altenroda Grünlein
Das Königl. Seminartheater
Altenroda Grünlein
Novellen
von
Paul Keller
Bergstadtverlag / Breslau und Leipzig
Einband und Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter
Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten ~Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau~
Seite Das königliche Seminartheater 3 In den Grenzhäusern 37 Der Ausflug 75 Das Telefon des Bildschnitzers 99 Die Briefe der Tochter 117 Die letzte Furche 129 Bergkrach 143 Altenroda 155 Vom Musikleben in Altenroda 177 Der Schuldturm 247 Das traurige Schicksal des Meisters Michael 251 Vom törichten Kaspar 265 Rauchermärchen 277 Die drei Geizhälse 291 Der evangelische Geizhals 295 Der katholische Geizhals 303 Der jüdische Geizhals 317 Zwei Idyllen 329 Der Briefkasten 329 Hero und Leander 335 Ansorge 357 Grünlein 391
Das Königliche Seminartheater
Ein Stück eigener Lebensgeschichte
~Buchschmuck von Prof. Wilh. Poetter~
~55.-74. Auflage~
Druck von Wilh. Gottl. Korn, Breslau
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten ~Copyright 1923 by Bergstadtverlag Breslau~
Zuweilen ist mir in irgend einer Stadt, in irgend einer Gesellschaft ein Kranz mit einer Schleife verehrt worden. Die Kränze sind verdorrt, die Schleifen habe ich mir aufgehoben. Unter ihnen befindet sich ein verblichenes blaues Band, darauf steht: »Paul Keller zu seinem 19. Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden Bartsch, Bentzinger, Böttcher, Heilgans, Scherwentke.« Der Kranz, der zu dem Band gehörte, hat vielleicht einmal schlecht und recht einen Taler gekostet samt der Schleife, auf welche die spendenden Freunde die Inschrift mit chinesischer Tusche selbst aufgepinselt hatten.
Fünf neunzehnjährige Seminaristen schenkten einem Kameraden zum Geburtstag einen Lorbeerkranz für drei Mark. Jeder gab sechzig Pfennig. Welch ein Opfer! Für sechzig Pfennig konnte man in jener billigen Zeit -- es war 1892 -- in einem Restaurant Breslaus fein zu Mittag speisen; für sechzig Pfennig konnte man einen Sitzgalerieplatz im Stadttheater haben, den »Lohengrin« hören, den »König Lear« oder die »Haubenlerche«; für sechzig Pfennig konnte man selbst »bei ausgesprochenem Pech« tagelang Zwanzigstelpfennig-Skat spielen; für sechzig Pfennig konnte man sich drei Reklam-Bücher kaufen; für sechzig Pfennig konnte man zwölf Tassen heißen Kaffee im Seminar haben; für sechzig Pfennig hätte man sich bei einem Ferienkommers in bayerischem Bier um den Verstand saufen können.
Und eine solche Summe gab man so hin! Für einen Freund! Für einen Kranz!
Ach, ihr fünf treuen guten Kerle, deshalb ist mir ja Euer verblaßtes Band, auf das Ihr selbst Eure Namen gepinselt habt, heute noch so eine Kostbarkeit.
Dieses Band ist einmal sehr teuer gewesen.
* * * * *
Ich war auf eine etwas abenteuerliche Art ins Breslauer Seminar gekommen. Da ich meine dreijährige Vorbildung in der Grafschaft Glatz und zwar in der Königlichen Präparandenanstalt zu Landeck genossen hatte, war ich -- wie alle dortigen Schüler -- für das Seminar in Habelschwerdt bestimmt. Aber ich wollte nicht nach Habelschwerdt. Warum, weiß ich selbst nicht recht. Die Hauptursache war wohl mein Freund Oskar Bartsch, der aus Breslau stammte, mir glänzende Bilder von dieser Stadt zeichnete und sagte: »Ein Mann wie du gehört nicht nach Habelschwerdt, er gehört nach Breslau.« Darauf gingen wir zwei zu dem Vorsteher unserer Anstalt, sagten ihm, wir möchten nicht nach Habelschwerdt, wir möchten gerne zu der Aufnahmeprüfung ins Seminar nach Breslau; aber er -- der prächtige, humorvolle Doktor -- schmiß uns ganz gemütlich raus, indem er sagte: »Das Habelschwerdter Seminar wird die Riesenehre, euch zwei als Schüler zu haben, bei gesundem Leibe überstehen!« Draußen auf der Treppe stopfte Bartsch die Hände in die Hosentaschen und sagte: »Das ist eine Gemeinheit!« Ich gab ihm recht, und wir gingen in die Osterferien. Dort gelang es mir, auf einem Feldspaziergang meinem Vater das Reisegeld nach Breslau abzupressen, um daselbst eine große »Aktion« ins Werk zu setzen. Mein Freund Bartsch führte mich durch die Wunderstadt, und wir gingen direkt ins Lehrerseminar. Der Direktor, dessen äußere Bärbeißigkeit mit seinem inneren jovialen Wesen -- wie wir später erfuhren -- in krassem Widerspruch stand, saß trotz der Ferien in seinem Amtszimmer. Als ob er ausgerechnet auf uns zwei Lebensstürmer gewartet hätte. Als er uns so prüfend ansah, die wir an seiner Tür andauernd mit »Dienermachen« beschäftigt waren, verloren wir die Sprache.
»Was wünschen Sie?« fragte er dreimal mit seiner tiefen Stimme.
Wir dienerten nur.
»Also wer sind Sie denn eigentlich? Und was wollen Sie?«
Da brachte ich heraus:
»Wir sind zwei Präparanden aus Landeck und möchten gern ins Breslauer Seminar eintreten.«
»So? Haben Sie denn bei uns die Aufnahmeprüfung, die vor zwei Wochen war, mitgemacht?«
»Nein. Wir durften nicht.«
»Wieso durften Sie nicht?«
»Der Herr Vorsteher unserer Anstalt hat gesagt, wir gehörten nach Habelschwerdt; wir hätten in Breslau nichts zu suchen.«
Der Direktor lächelte.
»Na, da hat ja Ihr Herr Vorsteher ganz recht gehabt. Wie kommen Sie denn dann hierher?«
»Wir -- wir sind -- so auf eigene Faust ...«
»Aah -- auf eigene Faust! Das ist gut von Präparanden! Und wie denken Sie sich das -- eh ...? Sie wissen doch, daß man in einem Königlich Preußischen Lehrerseminar nur dann aufgenommen werden kann, wenn man die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Und Sie wissen auch, daß die diesjährige Aufnahmeprüfung für das Breslauer Lehrerseminar vorbei ist. Also, wie haben Sie sich die Sache eigentlich gedacht?«
»Wir -- wir hatten gedacht, wir könnten ja extra geprüft werden.«
Da hieb der Direktor mit der Faust auf den Tisch. Aber er erboste sich nicht. Er lächelte.
»Also, man wird alt wie ein Haus und lernt nie aus. Vier Tage lang haben wir Aufnahmeprüfung gehalten. Zweiunddreißig haben bestanden, vierzig sind durchgefallen. Und jetzt kommen zwei aus Landeck daher, vierzehn Tage zu spät, gegen den Willen ihres Anstaltsleiters kommen sie auf eigene Faust und wünschen eine Extraprüfung. Sie sind gut, Sie zwei!«
Mir dämmerte, daß wir eine Frechheit begangen hatten, und ich wollte mich mit einer eiligen Verneigung drücken. Mein Freund Bartsch schloß sich mir an. Aber als wir schon halb zur Tür hinaus waren, rief der Direktor: »Halt, bleiben Sie mal da! Finden Sie sich in Breslau zurecht?«
Bartsch nickte. Er sei Breslauer Kind, sagte er.
»So -- dann gehen Sie nach der Schuhbrücke Nummer soundso. Da ist ein Haus, an dem außen ein Fries angebracht ist, das einen Hexentanz darstellt. In diesem Hause wohnt der Herr Provinzialschulrat Dr. X.; dem sagen Sie, Sie seien Präparanden aus Landeck, gehörten eigentlich nach dem Seminar in Habelschwerdt, seien aber gegen den Willen Ihres Anstaltsleiters auf eigene Faust nach Breslau gefahren und wünschten eine Sonderprüfung, da die Breslauer Aufnahmeprüfung schon vorbei sei. Und nun gehen Sie. Ich wünsche Ihnen viel Glück!«
In überschwenglichem Gefühl dankten wir dem Direktor, nicht ahnend den mörderlichen Hinterhalt, den er uns legte. Dieser Provinzialschulrat +Dr.+ X. war sein Freund, wohl auch sonst ein tüchtiger Mann, aber er war als arger Wüterich verrufen; noch heute fährt bei der Nennung seines Namens manchem schlesischen Lehrer eine Gänsehaut über den Rücken.
Wir zwei Dummlinge aber torkelten vergnügt drauf los, fanden das Haus und standen bald einem Manne gegenüber, der uns aus runden Gläsern fixierte wie eine Brillenschlange ihre Opfer.
»Was wollen Sie?«
Ich stotterte mit Todesverachtung die ganze Geschichte heraus.
Iwan der Schreckliche begriff anfangs rein nichts. Dann aber erkundigte er sich mit zischenden Fragen, und als ihm die irrsinnige Frechheit klar geworden war, daß sich zwei Präparanden erkühnten, eine Königlich Preußische Haus- und Prüfungsordnung umstoßen zu wollen, und in ihrem Anarchismus bis zu einem Provinzialschulrat kamen, kriegte er das Wundfieber.
Er raste, und ich glaubte, mein und meines Freundes Bartsch letztes Stündlein zähle nur noch nach Sekunden. Einen Blick nach der Tür wagte ich nicht zu werfen. Ich war wie gelähmt.
Plötzlich aber stand der Tobende still, wischte sich die Stirn und sagte mit fast stiller Miene:
»Ja, das ist ja menschlich gar nicht erklärlich! Wie kommen Sie eigentlich dazu? Wie können Sie das ...«
Die Stimme versagte ihm.
Worauf ich -- fest überzeugt, daß wir so wie so verloren seien -- erwiderte:
»Herr Provinzialschulrat, wir wären nicht zu Ihnen gekommen. Aber wir waren zuerst im Seminar, und der Herr Seminardirektor hat uns gesagt: Gehen Sie nur nach der Schuhbrücke, in das Haus, wo der Hexentanz dran ist, und da bringen Sie mal Ihr Anliegen vor. Ich wünsche Ihnen Glück dazu!«
Seine Furchtbarkeit starrten erst mit den Augen, dann fingen hochdieselben an merkwürdig zu grinsen. Zweimal ging der Herr über Leben und Tod durch das große Zimmer, dann sagte er mit unglaublicher Milde:
»Na, da gehen Sie zum Herrn Seminardirektor zurück und sagen Sie ihm, Sie würden wirklich eine Extraprüfung haben. Die Verfügung ans Seminar würde kommen. Inzwischen besorgen Sie sich die nötigen Papiere!«
* * * * *
Das Gesicht des Herrn Direktors, das er machte, als er uns lebendigen Leibes wiederkommen sah, ist nicht zu beschreiben. Schließlich fing er furchtbar an zu lachen.
Wir bekamen wirklich eine Extraprüfung. Sieben Seminarlehrer samt Direktor mußten zwei Präparanden zwei Tage lang prüfen. Bartsch wußte nicht, wer der letzte römische Kaiser gewesen sei, und ich zerbrach mir über die Kryptogamen, die »Geheimblütler«, so lange den Kopf, bis ich zu den Pilzen, die mir einfielen, auch die Kohlköpfe rechnete, da ich nie einen Kohlkopf öffentlich hatte blühen sehen.
Das war nun ganz falsch. Aber da Geschichte und Naturkunde nur Nebenfächer waren, kamen wir durch.
Unser guter Vorsteher aus Landeck, Herr +Dr.+ Krause, schickte uns einen Glückwunschbrief.
* * * * *
Das war meine erste Prüfung, im Seminar von Breslau heimisch zu werden, und sie war wirklich nicht leicht. Der Prüfende in Naturkunde hatte mich Siebzehnjährigen zum Beispiel gefragt, was ich über Sauerstofffabriken wisse. Natürlich nichts. Fast noch schwerer aber war das, was folgte. Provinzialschulrat +Dr.+ X. war als Schultyrann eine milde Fee gegen das, was mein neuer Seminarbruder Heilgans als Kunsttyrann war. Dieser siebzehnjährige hochgemute Jüngling mit den hochgebürsteten Haaren und den rollenden Augen war um mich, den von außen Gekommenen, lange wortlos herumgestrichen. Endlich erwischte er mich allein. Wir hatten beide zusammen Orgelübungsstunde. Abwechselnd mußte einer eine halbe Stunde lang spielen, die andere halbe Stunde Bälge treten.
»Spielen Sie zuerst!« sagte Heilgans.
Wir zwei »Neuen« wurden von den anderen gesiezt.
Ich war ein sehr mittelmäßiger Orgelspieler, packte meine »Orgelschule« aus, trampelte meine »Pedalübungen« und marterte mich an einem F-Moll-Choral verzweiflungsvoll ab. Heilgans »machte Wind«. Er lächelte verächtlich über meine Leistungen; dann kam er dran zu spielen. Er breitete ein großes Buch vor sich aus, dessen Umfang mich in Erstaunen setzte und dessen Titelblatt er mir mit lässiger Handgebärde zeigte:
~Die Walküre~, Oper von Richard Wagner.
»Ich spiele jetzt den Walkürenritt!« sagte Heilgans; »das ist die Perle vom Ganzen!«
Und er reckte sich in dem alten Überzieher, den er anhatte, und sauste mit den Filzschuhen, die er trug, in so wahnsinnigem Tempo über die Pedale, brachte solch grauenhaft majestätische Musik bei sämtlichen gezogenen Registern zum Vorschein, daß ich völlig außer Atem kam, und zwar nicht nur wegen der Bewunderung für die Heilganssche Fertigkeit, sondern auch, weil ich für diese Kunststürme den Wind zu liefern hatte.
Gerade waren wir mitten in der Ekstase, da kam der Oberlehrer revidieren. Und was neulich der Direktor gesagt hatte, das sagte nach Überschauung der Sachlage auch er: »Man wird alt wie ein Haus und lernt nie aus! Spielt einer in dieser engen Stube mit voller Orgel den Walkürenritt! Noch dazu in Filzschuhen! Ja, Mensch, die Bude fällt uns ja über dem Kopf zusammen.«
Nach dieser Abkanzelung spielte Heilgans mit einer einzigen gedeckten Flöte »Tauet, Himmel, den Gerechten!« so lange, bis er den Oberlehrer außer Hörweite glaubte. Dann aber ging er -- immer mit den Tönen der sanften Flöte -- in andere, ganz andere Rhythmen über und fing endlich an leise dazu zu singen:
»~Mein lieber Schwan, ach, diese letzte traurige Fahrt, wie gerne hätt' ich sie dir erspart. Nach einem Jahr, wenn deine Zeit im Dienst zu Ende sollte gehn, dann durch des Grales Macht befreit, wollt' ich dich anders wiedersehn!~«
Der Zauber der süßen Melodie packte mich so, daß ich auf das Bälgetreten vergaß und die Orgel stillstand.
»Warum machen Sie keinen Wind, Herr?«
»Ach,« sagte ich ganz selbstvergessen, »das war schön! Was war denn das für herrliche Musik?«
»Na, doch dritter Akt, dritte Szene von ›Lohengrin‹.«
»Was ist das: ›Lohengrin‹?«
Heilgans sah mich düster an. Ich glaube, ihm graute vor meiner Unwissenheit.
»Sie können so herrlich spielen!« sagte ich in ehrlicher Bewunderung.
Da blickte er etwas freundlicher.
»Waren Sie nie im Theater?« fragte er.
»O ja, im Landecker Badetheater habe ich ›Minna von Barnhelm‹ gesehen, und im Salzbrunner Badetheater den ›Veilchenfresser‹.«
»Badetheater sind Mumpitz,« belehrte mich Heilgans. »Die ›Minna‹ von Lessing is ja noch 'n ganz leidliches Stück, aber der ›Veilchenfresser‹ is Kitsch. So was von Schiller, Goethe, Shakespeare oder Theodor Körner haben Sie nicht gesehen?«
»Nein,« sagte ich beschämt.
»Auch keine Oper?«
»Keine einzige.«
»Es ist unglaublich,« sagte Heilgans und verfiel in Trübsinn über den geistigen Tiefstand mancher seiner Volksgenossen.
»Da wissen Sie wohl überhaupt nichts von Dichtern?«
»O ja, gelesen habe ich sehr viel, und ich -- ich dichte selbst ein bissel.«
Heilgans meckerte vor Vergnügen.
»Sie dichten selber? Das is ulkig. Da -- da schießen Sie mal mit was los, was Sie gedichtet haben.«
Ich besann mich nicht lange und deklamierte:
»~O, wie das Herz auch wallt und ringt und wie es liebt und haßt, es kommt der Abend, und er zwingt es bald zu langer Rast. Wenn dann den fernen Westen säumt ein leuchtend' Abendrot, ist wenig wahr, was man geträumt, und manche Hoffnung tot.~«
»Das haben Sie doch nicht alleine gemacht,« unterbrach mich Heilgans.
»O ja. Das ist das letzte Gedicht das von mir gedruckt wurde. Ich hab's eingesteckt.«
Ich zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte es ihm. Er las es, las meinen Namen, aber ich mußte ihm erst noch einen Redaktionsbrief zeigen, ehe er an mich glaubte.
»Hm ja,« sagte er dann, »das Ding ist ja gar nicht übel. Es reimt sich. Aber wissen Sie, die eigentliche, die richtige Kunst ist bloß beim Theater. Wenn das Theater nicht wär', hätte überhaupt das ganze Leben keinen Zweck. Ich bin schon siebzehnmal im ›Lohengrin‹ gewesen; ich kann jedes Wort und jede Note auswendig; ich habe acht Wagnersche Klavierauszüge, da kostet jeder vierzehn Mark. Richard Wagner ist überhaupt der Inbegriff von allem, was man wissen muß.«
Er versprach, mich in den »Lohengrin« und in »Tannhäuser« einzuführen.
»Vielleicht auch noch in die ›Meistersinger‹ und in den ›Holländer‹,« fügte er hinzu; »denn den ›Ring‹ oder gar ›Tristan und Isolde‹ werden Sie nie verstehen.«
Ach Gott, wie war ich dankbar, daß sich dieser hochgebildete Großstädter mit so einem Glatzer Waldburschen, wie ich daherkam, überhaupt abgab.
Am selben Abend stellte mich Heilgans seinem Freunde Felix Böttger vor, der ein fast ebenso kunsterfahrener Mann war wie er.
»Er versteht nichts vom Theater,« sagte Heilgans bei der Vorstellung »ich hab' ihn anfangs überhaupt nicht leiden gekonnt; aber ich denke, wenn wir uns ein bißchen Mühe geben, wird was aus ihm.«
»Na, nur immer Mut, junger Mann,« sagte Böttger mit tiefer, jovialer Stimme und legte mir die Hand auf die Schulter.
* * * * *
Wir wohnten alle im Internat. Das Seminar war ein uraltes früheres Klostergebäude mit vielen hygienischen Unzulänglichkeiten, aber auch mit einer kostbaren gemütlichen Romantik.
Unser Kursus hatte zwei Schlafsäle. Der kleinere hieß die »Vorhölle«, der größere der »Himmel«. Ich schlief anfangs im »Himmel«, aber Heilgans sorgte dafür, daß ich zu ihm in die »Vorhölle« zog. Er sagte, dort sei es gemütlicher; im »Himmel« wohnten die Banausen. Für diese Bemerkung wurde er von einer Schar himmlischer Geister am Abend durchgehauen.
Und diese tätliche Beleidigung erforderte Rache.
»Können Sie Gespenstergeschichten erzählen?« fragte mich Heilgans.
Ob ich das konnte!
Am nächsten Abend, als die Lichter erloschen waren und tiefe Dunkelheit in den alten Klosterräumen herrschte, erzählte ich eine Gespenstergeschichte nach der anderen. Ich mußte eigens in den Himmel kommen und erzählte dort durch die Finsternis.
»Noch eine Geschichte, noch eine,« sagten die Himmelsleute, und ich erzählte mit halbverhaltener Stimme. Fast fürchtete ich mich vor den eigenen Geschichten.
Dann brachte Heilgans die Rede auf einige Selbstmorde, die früher im Seminar passiert waren, und sagte, daß ganz ernsthafte Leute glaubten, es spuke. Auf dem angrenzenden Kirchboden solle es oft rumoren.
Die »Himmelianer« taten zwar mutig, aber ganz richtig war keinem ums Herz.
Um Mitternacht nun, als alles schlief, läutete plötzlich durch die tiefe Stille der bange Ton eines Glöckleins. Es war ein schauriger Klang. Nur wimmernd und ganz vereinzelt schlug die Glocke an.
»Bim bim!«
Dann lange Pause.
Dann wieder einmal: »Bimm, bimm, bimm!« Und dann wieder minutenlanges Schweigen.
»Bimm!«
Ein verlorener klagender Ton.
Der ganze »Himmel« wachte auf. Wir hörten Zischeln, leises Sprechen. Aber es stand keiner auf.
Die Dunkelheit war so tief, der Klang des Glöckleins so sterbensbange, daß selbst mir die Haut schauderte, obwohl ich wußte, daß Heilgans und mein Landecker Freund Bartsch heimlich an dem Gasrohr des Himmels eine kleine Glocke angebracht hatten, von der eine Schnur durch ein Fensterchen über der Türe zu uns in die Vorhölle lief.
Eine ganze Stunde lang bimmelte die Geisterglocke, und erst als draußen von einem Turm eine Uhr Eins schlug, hörte der Spuk auf.
Ein paar sonst ganz robuste Burschen aus dem Himmel sagten am nächsten Morgen, sie hätten kalten Angstschweiß geschwitzt. Das hätte ich mit meinen verdammten Gespenstergeschichten zuwege gebracht; das Gebimmel sei grausig gewesen.
Die Sonne brachte die Geisterglocke an den Tag, und der darob einsetzende Feldzug des uns an Zahl viermal überlegenen Himmels gegen uns Vorhöllenleute endete mit unserer schweren Niederlage.
»Aber Banausen sind sie doch!« sagte Heilgans, als er sich seine schmerzenden Gliedmaßen rieb. Mit mir machte er Bruderschaft.
* * * * *
In die Vorhölle siedelten nach und nach lauter der Kunst ergebene Leute über, und hier entwickelte Heilgans die große Idee der Gründung eines Königlichen Seminartheaters. Er hatte indes sämtliche Mitglieder des Kursus auf ihre Theatertalente hin beobachtet und geprüft und fand, daß nur sechs absolut talentlos waren. Diese bestimmte er zu Kulissenschiebern, Theaterboten, Portiers und Garderobiers. Es wurde eine Theaterkommission eingesetzt, und diese ernannte in fulminanten Dekreten Herrn Arthur Heilgans zum Direktor, Herrn Felix Böttger zum Oberregisseur, Herrn Paul Keller zum Dramaturgen, Herrn Liersch zum Kapellmeister, Herrn Eduard Bentzinger zum Theatermaler und technischen Leiter. Mein Freund Bartsch wurde »Bonvivant«; ein dicker, frischer Junge, der sonst den Spitznamen »Doppelpunkt« führte, wurde erste Liebhaberin; Blasel, der damals Meisterschwimmer von Deutschland war, wurde Heldentenor, der dicke Wurbs komische Alte, Picha erster Operettenheld, und so erhielt jeder sein Fach und seinen Posten. Das erste Theaterrequisit, das wir hatten, war ein Kupierrädchen, wie es bei der Schneiderei gebraucht wird; Blasel hatte es seiner Mutter gestohlen, und es diente dazu, die Theaterbillette zu »lochen«. Es gab drei Arten von Plätzen: zu zehn, fünf und zwei Pfennig. Freibillette wurden nicht ausgegeben, nicht mal an die Kritiker.
Heilgans hielt nun täglich in allen Pausen Vorträge über dramatische Kunst. Einmal wurde er während einer Studierstunde von dem revidierenden Lehrer erwischt, als er gerade auf allen Vieren auf dem Fußboden herumkroch und wie besessen schrie:
»Mein schaudernd Gebein deckt kalter Schweiß! Was fürcht' ich denn? Mich selbst? Sonst ist hier niemand. Ist hier ein Mörder? Nein. -- Ja, ich bin hier!«
»Sind Sie verrückt?« fragte der aufs höchste erstaunte Lehrer.
»Entschuldigen -- nein,« stammelte Heilgans; »ich bin bloß Richard III.«
Der Lehrer war so grausam, dem edlen Shakespeare-Darsteller eine Stunde Arrest zuzudiktieren. Als er gegangen war, bestieg Heilgans das Katheder und hielt eine kurze Ansprache:
»Meine Herren! Wer sich der Kunst vermählt hat, wie ich, muß leiden. Denken Sie an die Karlsschüler; denken Sie daran, wie Schiller unter dem Unverstand seiner Lehrer und Vorgesetzten gelitten hat. Es ist immer die alte Geschichte: ›Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehn.‹ Sie haben gesehen, wie dieser Pauker mich schwärzen und in den Staub ziehen wollte. Aber das gelingt ihm nicht. Ich werde meine Stunde Arrest mit Freuden absitzen, weil es für die Kunst geschieht. Und Schiller, dem ebenfalls Verfolgten, zu Ehren werden wir zur Eröffnung unseres Königlichen Seminartheaters ein Schillersches Stück geben, und zwar ›Wallensteins Tod‹. Dieses Stück erfordert keine große Ausstattung, da es nur in Zimmern spielt. Ich selbst übernehme die Rolle des Wallenstein, Böttger spielt den Max Piccolomini, Herr von Schalscha übernimmt die Thekla, die anderen Rollen werde ich noch verteilen. Meine Herren, wenn Sie den ›Wallenstein‹ richtig erfassen wollen, dann ...«
Der revidierende Lehrer kam zurück.
»Warum stehen Sie auf dem Katheder? Warum sitzen Sie nicht auf Ihrem Platz und arbeiten?«
»Ich -- ich -- hatte nur einen -- einen kleinen Vortrag über Friedrich Schiller gehalten.«
»Zwei Stunden Arrest,« entschied der Gestrenge.
Heilgans schlich auf seinen Platz und »arbeitete«. Als aber jemand kam und glaubwürdig berichtete, der Revisor habe nun bestimmt das Seminar verlassen, ging Heilgans nach dem Katheder zurück und sagte:
»Meine Herren, entschuldigen Sie die kleine Störung, durch die ich vorhin abermals unterbrochen wurde. Also, wenn Sie ›Wallenstein‹ richtig auffassen wollen, dann ...«
* * * * *
Mit der »richtigen Auffassung« des »Wallenstein« hatte es seinen Haken. Nach etwa vierzehn Tagen sagte mir Heilgans:
»Mit dem ganzen Tode von Wallenstein ist es nichts. Die Kerle wollen nicht genug pauken. Und pauken muß nu ein Schauspieler. Ich habe die vier ersten Akte gestrichen, und wir geben nur den letzten ...«
Der große Tag nahte. An einem Schornstein unter dem Dach hing ein vom Theatermaler Bentzinger entworfener riesiger Zettel, auf dem die Eröffnungsvorstellung angezeigt wurde. Die beiden oberen Klassen (Ober- und Mittelkursus) waren eingeladen worden. Natürlich gegen Entree. Sämtliche Plätze gingen schon im Vorverkauf weg. Das Privileg dazu hatte Blasel, weil er das Kopierrädchen geliefert hatte. Die Vorstellung fand im geräumigen Himmelssaal statt; die Vorhölle diente als »Garderobe« und »Foyer«. Die Theaterdiener geleiteten die Herrschaften zu ihren Plätzen. Alles war in gespannter Erwartung.
Die Bühne wurde durch den hintersten Teil des Himmels, den ein Rundbogen abschloß gebildet. Ein Kunstwerk an sich war der Vorhang. Er war aus Schlafdecken hergestellt, die dem Königlich Preußischen Fiskus gehörten und nun »zusammengestückelt«, auch vielfach mit Löchern versehen worden waren, damit sich der Vorhang malerisch raffen und »ziehen« ließ. Gott habe diese alten Decken selig; sie sind im Dienste erhabener Kunst eines ehrenvollen Todes gestorben.
Ober- und Mittelkursus stellten je einen Kritiker, die, mit Notizbüchern bewaffnet, in der ersten Reihe saßen. Der Kritiker des Mittelkursus, ein Herr Wawrok, galt als ein gestrenger Kunstrichter. Ich habe das auch zu fühlen bekommen.
Die Vorstellung war herrlich. Ich selbst spielte die Rolle des alten Gordon, aber ich mußte mich sehr zusammennehmen, daß ich meinen Part stellte; denn Heilgans als Wallenstein riß mich gänzlich hin. Schon sein Äußeres war gut. Er trug als Wams eine ganz neue »Düffeljacke« seiner Mutter, einen spitzen Hut, einen richtigen Degen und Stiefel mit Sporen und großen flatternden Papiermanschetten.
Und wie er sprach! Als er sagte: »Die Hoffnung nenn' ich meine Göttin noch,« und gar, als er die letzten Worte: »Ich denke einen langen Schlaf zu tun ...« wie in die Ewigkeit hineinsprach, fühlte ich in tiefer Erschütterung die Größe dramatischer Kunst.
Allein wie seine Stimme tremolieren konnte -- hinreißend!
Der Beifall war stark und wohlverdient. Am nächsten Tage waren an den Schornsteinen die handschriftlichen Rezensionen der Kritiker angeheftet. Herr Wawrok hatte sechs Bogenseiten geschrieben. Er zog eine geistvolle Parallele zwischen Arthur Heilgans und Ernst von Possart und wies ganz unparteiisch nach, in welchen Stücken Possart den Heilgans überrage, aber auch in welchen Punkten Heilgans dem Münchener Tragöden zweifellos überlegen sei. Jedenfalls -- das stand selbst diesem scharfen Kritikus fest -- wir lebten mit einem der größten Tragöden Deutschlands unter einem Dach.
Ich selbst kam schlecht weg. Zunächst bemängelte der Kritiker meine Garderobe. Er schrieb: »Herr Keller sah als Gordon einem italienischen Räuberhauptmann viel ähnlicher, als dem würdevollen Kommandanten der Festung Eger. Überhaupt scheint Herr Keller als Schauspieler nur von mittlerer Begabung zu sein, dem man wichtigere Rollen an so einem ernstem Kunstinstitut, wie es das Königliche Seminartheater ist, nicht anvertrauen sollte. Herr Keller wird gut tun, lieber gar nicht aufzutreten, sondern zur Kritik überzugehen.«