Part 12
»Das will ich,« sagte der Papa. »Ich schlage vor, unser Quartett heißt: ›Der Wagen‹. Der Name berührt zunächst befremdend. Aber das soll er. Alles, was in der Welt zugkräftig sein soll, muß einen auffälligen Namen haben. Das weiß ich aus der Apotheke. Je verrückter der Name einer neuen Sache ist, desto besser geht sie. Und dann denken Sie doch an die berühmte Düsseldorfer Vereinigung ›Malkasten‹ oder an die Münchener ›Scharfrichter‹. Ist das nicht auch verrückt? Doch nun zur Sache! Ein Wagen hat vier Räder. Alle Räder müssen gleichen Takt halten, alle müssen dem gleichen Ziel zusteuern, dieselbe Straße ziehen, mal langsam, mal schnell, mal in anfeuerndem Tempo, mal nachlassend diminuendo. Und der Fünfte? Kein auch noch so verrohter Kritiker wird wagen, in einem blöden Witz zu behaupten, daß der Dirigent des ›Wagens‹ das Roß sei, das den Wagen zieht, sondern jedermann wird ihn als den Kutscher ansehen, der den Wagen lenkt. Das Publikum aber wird der ›Wagen‹ über Berg und Tal in grüne Waldeinsamkeit, an alte Burgen und in das Gewühl der Großstadt führen, kurz, der ›Wagen‹ wird ihm eine Reise durch alle Poesie des Lebens vermitteln.«
»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Herrn Apothekers, Herr Stumpe?«
»Ach,« sagte August Stumpe, »der Vorschlag ist an sich sehr geistreich. Nur, wir sind ein Musikverein, und ein Wagen macht keine gute Musik. Ein Wagen knarrt, und wenn er singt, quietscht er. Man könnte dann den Verein lieber ›Automobil‹ nennen, das hat auch vier Räder, und alles andere trifft auch zu, das von der Waldeinsamkeit und den Burgen und Städten, zu denen man hinfahren kann. Ein Wagen kann ferner nur wenig Leute über Berg und Tal führen; wir wollen aber vielen Menschen die ›Reise durch die Poesie‹ verschaffen. Darum sollten wir uns lieber ›Omnibus‹ heißen, der hat auch vier Räder.«
»Herr Stumpe, wollen Sie mich verhöhnen?«
»Gott bewahre, Herr Apotheker, ich sage nur meine Meinung.«
»Er sagt seine Meinung! Und er hat ein Recht dazu!« entschied Cyrill.
»Bitte, Herr Stumpe, was sagen Sie zu den Vorschlägen der beiden Damen?«
»Ja,« meinte Stumpe, »wir kommen ja nur mit der Wahrheit weiter. Es tut mir leid, aber die Vorschläge der beiden Damen waren kitschig. Am kitschigsten war der von Fräulein Sabine. ›Kleeblatt‹ nennt sich ein Backfischkränzchen, aber kein ernster Kunstverein.«
»Sie sind frech,« sagte Sabine gemütlich. »Pah!«
Cyrill war ganz blaß.
»Bitte, Herr Stumpe, nun machen Sie Ihren eigenen Vorschlag.«
»Ich schlage vor,« sagte August Stumpe, »daß wir auf allen Klimbim verzichten und unsere Vereinigung nennen: ›Quartett Cyrill Dietrich‹. Herr Cyrill Dietrich ist unser Lehrer, unser Führer; ohne ihn könnten wir nichts. Cyrill Dietrich ist ein schöner, wohlklingender Name. Der Name Cyrill Dietrich wird einer Vereinigung immer ein Ansporn sein, eifrig zu arbeiten, und dem Publikum immer eine Garantie, daß es etwas Gutes zu erwarten hat.«
Schweigen. Cyrill saß mit gesenktem Haupte da. Er war in tiefster Seele glücklich. Er hatte in diesem Augenblicke den Dachdecker August Stumpe von Herzen lieb. Nicht in der Hauptsache wegen der letzten über ihn selbst geäußerten Worte, obwohl Cyrill wie alle Künstler für Anerkennung überaus empfänglich war, sondern des Wahrheitsmutes wegen, mit dem Stumpe seine Meinung gesagt hatte, und vor allem, weil er sich so recht als begnadetes Gotteskind offenbarte. Wie kam ein Dachdecker zu solchem Geschmack, zu solcher Ausdrucksweise? Der Mann war, während er Cyrills Unterricht genoß, mit Siebenmeilenstiefeln gewandert. Ach, das naturgeborene Genie vor sich zu haben, was ist das doch für eine Wonne!
Nach einer Weile aber lehnte Cyrill den Vorschlag August Stumpes dennoch ab.
»Meine Damen und Herren! Bitte, binden Sie sich nicht an meinen Namen. Einst -- vielleicht sehr bald -- werde ich nicht mehr bei Ihnen sein. Ich werde dann nichts sein, als der zufällige erste Dirigent Ihres Quartetts, der noch dazu sehr kurze Zeit bei Ihnen tätig war. Mein Name ist kein Programm. Genehmigen Sie meinen eigenen Vorschlag: ›Quartett Altenroda‹. In dem schönen Namen Altenroda haben Sie alles, wofür Ihr Herz und Ihre Kehle singt, haben Sie die Heimat und alles, was Ihnen darin lieb und wert ist.«
Cyrills Vorschlag wurde angenommen.
* * * * *
Als August Stumpe nach diesem Abend im Bette lag, dachte er nicht wie sonst darüber nach, weshalb wohl ein ein Meter und fünfundsiebzig Zentimeter langer, kräftiger Mann zur Nachtruhe in einem Gestell zu liegen habe, das nur ein Meter und siebzig Zentimeter lang war, sondern er klagte sich in leidenschaftlichen Selbstvorwürfen an, daß er an Fräulein Sabines harmlosem Vorschlag eine so bissige Kritik verübt, daß er seinen Engel so böse gekränkt hatte. Immer wieder überdachte er die Situation; immer aufs neue schüttelte es ihn vor dem »Kleeblatt«-Vorschlag Sabinens, und immer aufs neue brannten dennoch alle Sehnsuchtsfeuer nach dem lieblichen Mädchen hin. Es war ein auf- und abwogendes Fieber, ein wildes Auf und Nieder. Ganz zuletzt aber dachte August Stumpe an Cyrill. Und im Gedanken an Cyrill schlief er ein. Ein kleiner kluger Gott saß auf der Kante der kleinen Bettstelle und lächelte. Wieder hatte einer die Liebe zur Kunst über die Liebe zum Weibe gestellt.
Auch Cyrill schlief schlecht. Auch er dachte an die Vorgänge des Abends. Und auch er quälte sich. Daß Sabine den »Kleeblatt«-Vorschlag gemacht hatte, grämte ihn noch im Bett, verursachte ihm sauren Geschmack im Munde. Aber was war sie denn? Ein Kind von kaum zwanzig Jahren. Ein liebes, wonniges Mädel. Was sollte man von ihr verlangen? Die Sehnsuchtsfeuer loderten. Aber dann glitten Cyrills Gedanken doch zu dem begnadeten Dachdecker hinüber, und er wurde ganz ruhig und schlief ein.
Und derselbe kleine kluge Gott, der auf Stumpes Bettstelle gehockt hatte, kam auf silberner Mondbahn zu Cyrill gefahren und besah sich lächelnd auch diesen Getreuen. --
Auch Fräulein Liesel Tilgner schlief nicht. Sie hatte sich heute in August Stumpe, als er so grob wurde, endgültig und rettungslos verliebt.
Selig schlief nur das Sabinchen, ihr herziges Köpfchen auf den molligen Arm gelegt. Sabinchen dachte an nichts Böses und an nichts Gutes -- sie dachte an gar nichts. Völlig ruhelos war der Apotheker. Er saß an seinem Schreibtisch und entwarf »Statuten« für das »Quartett Altenroda«.
* * * * *
Das »Quartett Altenroda« gab sein Konzert. In der Vorankündigung hieß es, das Programm würde einen Volkslied-Teil und einen Kunstlied-Teil enthalten, zur Umrahmung des Liederteils zwei Klaviervorträge, ausgeführt von Herrn Cyrill Dietrich, im ersten Teil Schubert, im zweiten Beethovens Letzte Sonate (+op.+ 111). Preise der Plätze drei Mark, zwei Mark, eine Mark; Stehplatz fünfzig Pfennige.
Bei der Aufführung waren eigentlich nur Stehplätzler anwesend, das Parkett war fast leer. Nur hie und da hockten mit trübseligem Gesicht ein paar verirrte Seelen. Sie fühlten sich äußerst unbehaglich in ihrer Einsamkeit. Die Sänger taten ihnen leid. An den Wänden aber klebte junges Volk: leise kicherndes hübsches Backfischgesindel und junge Männer im ehrenvollen Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, die alle gut gescheitelte Frisuren hatten und feierliche Gesichter machten.
»Was sollen wir tun?« fragte der Apotheker, als er den leeren Saal sah. »Diese Bande! O, diese Bande! Was sollen wir tun?«
»Singen!« antwortete Cyrill, düster und lakonisch.
»Aber doch nicht allein vor diesem jungen Rabattengemüse?«
»Doch!« sagte Cyrill noch um eine Silbe lakonischer, und der Fall war entschieden.
Schlag acht Uhr (das war der festgesetzte Beginn des Konzerts) machte Cyrill Dietrich seine Dirigentenverneigung vor dem Publikum und hielt eine kleine Ansprache:
»Meine Damen und Herren! Ich freue mich, daß insonderheit die Jugend Altenrodas unserer Einladung so zahlreich Folge geleistet hat. Ihr schöner, jung-seliger Idealismus hat Sie hierhergeführt. Nur wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Nur auf die Jugend baue ich meine Hoffnung, daß in Altenroda eine Besserung des Kunstgeschmacks eintreten kann. Ich heiße Sie herzlich willkommen und bitte Sie, auf den leergebliebenen Stühlen des Saales Platz zu nehmen.«
Hei, flog das hübsche Backfischgesindel in seinem jungseligen Idealismus auf die leeren Stühle. Die jungen Herren folgten in gemessenerem Tempo; einige aber blieben »ostentativ« an der Wand stehen. Sie wollten sich »nichts schenken« lassen; sie hätten ja, wenn sie es nur gewünscht hätten, sich leicht einen Talerplatz kaufen können. Sie hatten es aber nicht gewünscht. Sie standen lieber. Sie standen »prinzipiell«, standen »zum Vergnügen«. Und alle Welt ließ sie auch ruhig stehen.
Schlag acht Uhr wurde auf Cyrills Befehl auch die Kasse geschlossen. Zehn Minuten später aber, als der Kassierer noch mit den Aufräumungsarbeiten, insonderheit mit dem Verpacken von dreihundertfünfundsiebzig unverkauft gebliebenen Programmen beschäftigt war, erschien noch ein Sekretär mit seiner Frau und wünschte zwei Plätze.
»Bedaure,« sagte der Kassierer hochmütig; »die Kasse ist geschlossen.«
»Ist es denn so voll?« fragte der Sekretär verwundert.
»Das wohl nicht,« erwiderte der Kassierer; »aber was geschlossen ist, ist geschlossen. Das ist so bei vornehmen Konzerts.«
Das Konzert des »Quartetts Altenroda« war boykottiert worden. Die ganze sangesfreudige Stadt Altenroda war nun einmal in drei Lager eingeteilt, je nach der Zugehörigkeit zu einem der drei Gesangvereine; jedes Lager war bis zur Lächerlichkeit vereinsmeierisch und hielt auf strengste Disziplin. Parole war Parole. Wehe dem, der da nicht Stange hielt! Und hier bei Cyrills Konzert hieß in allen drei Vereinen die Parole: »Nicht hingehen!« Die »Harmonie« haßte Cyrill wegen seines Verhaltens im Harmonie-Konzert. Der Kirchenchor war neidisch auf Liesel Tilgner, die »wohl die Einzige sein wollte, die was könnte«. Der Verein »Frohsinn« hatte »seinen Freund und Ehrenmitglied« August Stumpe wider alle anderslautenden Zusagen eingebüßt; denn August Stumpe hatte sich seit langem dem Verein ferngehalten, nicht einmal an dem großen Schweineschlachtfest-Wettsingen hatte er sich beteiligt.
Also Parole: »Nicht hingehen!«
Die wenigen, die dennoch gekommen waren, es waren sechsundzwanzig, waren Außenseiter. Nur die »unreife Jugend« hatte sich davon, das neue Quartett zu hören, nicht abhalten lassen. »Weil es doch ein Feez ist,« hatte die blonde Käthe Birke zu dem Primaner Erich Mosemmel auf dem Hinwege gesagt.
Als das Konzert aus war, lungerte spazierengehend halb Altenroda in der Nähe des Konzertraumes auf Nachrichten, »wie es eigentlich gewesen sei«.
Käthe Birke, die mit dem Primaner Erich Mosemmel nach Hause ging und ihren Eltern begegnete, erstattete Bericht.
»Es war himmlisch! Ich habe nie geglaubt, daß es etwas so Schönes gibt.«
Das Kind hatte Mühe, zwei halbe Tränen in die Blauaugen zurückzudrängen, als es das sagte.
»Ja,« bestätigte Erich Mosemmel, bedeutend forscher im Ton; »es war tadellos!«
Und es ging noch am selben Abend ein Gesumme in der Stadt, das Konzert sei herrlich gewesen. Und noch am selben Abend erwogen zwei Männer, ob sie nicht am besten Selbstmord verübten: Cyrill und der Dachdecker. Der Apotheker nahm es fast ebenso tragisch wie diese beiden; er betrank sich im Giftgadern ganz unverünftig. Liesel Tilgner flennte sich halbtot, einmal, weil der Tenor in seinem Unglück über das schlecht besuchte Konzert fast gar nicht mit ihr gesprochen hatte, und dann, weil ihr Vater, der Kirchenchordirigent, der noch immer gegen ihre Beteiligung am Quartett war, gesagt hatte, der »Reinfall« wäre eine gerechte Strafe für ihren kindlichen Ungehorsam. Ach Gott, es ist auch schwer, als »Kind« von einunddreißig Jahren immer noch ganz gehorsam zu sein.
Nur Sabinchen aß nach dem Konzert noch einmal tüchtig zu Abend, lutschte eine Tüte Bonbons aus und schlief dann selig, das wunderschöne Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.
* * * * *
In Altenroda gab es eine Sensation.
Das Stadtblatt brachte folgenden Artikel:
»~Kunst im Winkel.~ Ach, ich alter Knabe! Ich habe geglaubt, im Musikleben Bescheid zu wissen. Ich habe in Berlin, in Rom, in Paris, in München mich bemüht, einen Blick hinter den Schleier der Musik der bezauberndsten aller Göttinnen, zu tun, in ihr ewig schönes Gesicht zu schauen. Und dann habe ich so ziemlich alles, was auf Erden an Bedeutung singt, geigt, orgelt, flötet, klavierspielt, opert, operettelt und Laute zupft, gehört. Ich war in einem Jahre bei zweihundertundzwei Musikabenden. (Beileidsbesuche und Kranzspenden dankend verbeten!) Ich hätte geschworen, daß ich nie, nie mehr ganz freiwillig in ein Konzert gehen würde, sondern nur, wenn es höhere Pflicht erheischt: Kritikerpflicht oder die Pflicht, einem Großen in der Musik zu huldigen, indem man sich demütig zu seinen Füßen setzt. Kleinstadtkunst, das war für mich so etwas wie Gurkenbau in Liegnitz, Schnupftabakfabrikation in Ratibor, Stoffweberei in Cottbus. Alles sehr brav, alles sehr brauchbar, ja unentbehrlich, aber mich ging's nichts an, hatte mit ›Kunst‹ nichts zu tun. Kleinstadtkunst ging mich noch weniger an als die vielen Dilettantenstümpereien in den Großstädten, die nichts sind als Legierungen von Schwärmerei und Eitelkeit und vielleicht ein bißchen Sehnsucht.
Ach, ich alter Knabe, ich alter musikalischer Globetrotter! Da bin ich in einem entzückenden Erdenwinkel zur Winterfrische, habe wegen Talentlosigkeit meiner Bauchmuskeln das Skifahren aufgegeben und mich nur auf das Rodeln beschränkt, mußte mal kurz verreisen, las, wie schon vorher tausendundeinmal, also zum tausendzweitenmal den Fahrplan falsch und blieb also in Altenroda fünf Stunden lang ohne Weiteranschluß sitzen. Ein Einheimischer kann sicherlich in Altenroda fünfzig Jahre lang zufrieden und selig sein; aber was soll ein großstädtischer Fremdling mit fünf Stunden in Altenroda anfangen? Alle Ehre der Konditorei unter den Lauben und dem Hotel zum ›Löwen‹, sowie den dort ausliegenden Lesezirkelheften -- aber ach, fünf Stunden sind halt grausam lang.
Kurz und gut, ich sah ein Plakat: ›Quartett Altenroda. Konzert.‹ Ich las das Plakat aus lauter Langerweile. Und ich fiel in einen Abgrund von Erstaunen. Das war ein Programm, würdig eines Konzertraums, dessen Vorbedingung aparter Geschmack ist. Wo in aller guter und böser Geister Namen kam ein Mensch nach Altenroda, der ein solches Programm aufstellen konnte? Und wenn nun schon einer war, der solchen Geschmack hatte, wie konnte er die Kräfte zusammen bekommen, solch ein Programm auszuführen? Es mußte doch greulicher Unfug dabei herauskommen.
Ich ging hin. Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen. Ich war -- pünktlich, wie es sich geziemt -- fünfzehn Minuten vor acht da. Ein leerer Raum. Einige Jünglinge und Jungfrauen an den Wänden. Mir wurde bange wie einem Einsamen in der Wüste.
Und nun sangen vier Leute; ein blasser junger Mann dirigierte. Zwei Damen-, zwei Herrenstimmen. Eine kritische Würdigung des Konzerts will ich nicht geben, nicht etwa, wie man mancherorten sagen würde, eine ›Rezension‹ schreiben; ich will nur als eines meiner seltsamsten Lebensereignisse berichten, daß ich in einer deutschen Kleinstadt eine Kunstgabe fand, die mich in Erstaunen setzte. Glückliches Deutschland, wenn selbst in deine fernsten Täler solcher Kunsteifer und solche Kunstreife gedrungen sind! Der Tenor des Quartetts hat prachtvolles, wenn auch noch nicht zu voller Edelreife gediehenes Material. Die anderen leisten (auch von strengem Gesichtspunkt aus beurteilt) höchst Achtbares. Alle sprechen richtig, alle atmen richtig, alle singen richtig. Der Dirigent ist ein famoser Mann, und ich segne mein Mißgeschick, das mich in Altenroda fünf Stunden aufhielt.«
Dieser Artikel, der im Altenrodaer Stadtblatt erschien, war von einem der gefeiertsten und gefürchtetsten Kritiker der Hauptstadt unterzeichnet.
Jedermann, der behauptet, daß Rezensenten gemeingefährliche Subjekte sind, hat recht. Cyrill Dietrich kriegte einen Weinkrampf vor Jubel, als er den Artikel las. August Stumpe, der ein zerschlätertes Winterdach ausbessern sollte, saß mit dem Zeitungsblatt in eisiger Höhe, wäre beinahe erfroren und tat gar nichts, weder zur Ausbesserung des Daches noch seines Seelenzustandes. Der Apotheker betrank sich drei Tage und drei Nächte lang vor Freude, und nur Sabinchen heulte, und zwar wegen der plötzlich ausgebrochenen Trunksucht ihres lieben Papas.
Daß aber der Artikel der kritischen Großstadtkoryphäe in dem Altenroder Stadtblatt Aufnahme gefunden hatte, erklärte sich einfach daraus, daß der Verleger des Stadtblattes die Bedeutung jener Koryphäe kannte. Er war auf einige großstädtische Zeitungen abonniert. Und wenn er jetzt eine Abonnentenreklame für sein Stadtblatt losließ, vergaß er nie zu bemerken: Mitarbeiter u. a. Herr +Dr. X.+, der gefeierte Musikkritiker erster Weltblätter.
* * * * *
Es ging schon auf den Frühling zu. Im Winter blüht das Geschäft der Dachdecker nicht. Über ein paar Notaufträge, wenn gerade das Schneegestöber schon ins Haus dringt oder sich der Nordwind einen gar zu groben Spaß erlaubt hat, kommt es nicht hinaus. So hatte August Stumpe viel Zeit zum Studium, und es wurde auch jede freie Stunde sorglich genützt. Cyrill war ein unermüdlicher Lehrer. Es war diesem durch und durch musikalischen Manne ein Herzensglück, ein so starkes Talent, wie das des Dachdeckers war, zu immer größerer Reife zu führen. Schon lange waren sie über bescheidene Rollen aus Spielopern wie »Freischütz« und »Waffenschmied« hinaus. Schon waren sie bei Wagner angelangt. Als Cyrill das erstemal zu seinem Schüler über Wagner sprach, stand er vor ihm wie ein begeisterter Priester, und als er ihm die Wonnen und Wunder des »Lohengrin« erschloß, seufzte der Dachdecker und sagte: »Das ist Musik aus dem Paradiese.«
Eines Tages fuhren die beiden miteinander nach der Hauptstadt. Im Wartesaal zu Altenroda trafen sie sich.
»Ich habe einstweilen die beiden Fahrkarten gekauft,« sagte Cyrill.
»Ich auch!« sagte der Dachdecker.
Cyrill hatte dritter, der Dachdecker hatte zweiter Klasse gelöst. Schließlich legten sie die vier Karten zusammen, fuhren erster und waren schön allein im Abteil. Der Dachdecker schämte sich halb zu Tode in dem feinen Raume und wünschte nur, daß keine anderen Menschen einsteigen möchten.
Cyrill lächelte wehmütig.
»Sie werden bald immer erster Klasse fahren,« sagte er. »Wenn Sie erst ein Bühnenstern sind! Und ich werde immer dritter Klasse fahren. Ich glaube, ich bin selbst dritter Klasse.«
Dagegen erhob der Dachdecker leidenschaftlichen Protest; aber Cyrill wehrte ab und sagte:
»Lassen Sie es gut sein. Nicht jeder kann ganz vorne stehn. Es genügt schon, wenn er dabei ist. Heute abend im Opernhaus nehmen wir uns ganz gute Plätze. Wohnen können wir ja in einem kleinen Vorstadthotel.«
Sie saßen in einer Loge des Opernhauses.
Lohengrin.
Das silberne Singen der Geigen mit dem Gralsmotiv setzte ein; die Ouvertüre wogte vorüber, der Vorhang hob sich, und ein schönes Bühnenbild zeigte König Heinrich mit den Männern von Brabant am Ufer der Schelde.
Der Dachdecker preßte seine Hand auf Cyrills Knie, als müsse er sich festhalten. So selig erschrocken wie er schaute einst Moses ins Gelobte Land.
Als die Lichtgestalt Lohengrins auftauchte, diese Gestalt, die aus Glanz und Wonnen kommt, ganz Schönheit, ganz Reinheit, ganz Heldenkraft, ganz wundersamste Jugend, rannen dem armen Dachdecker unaufhaltsam die Tränen über die Wangen, das Herz pochte ihm in Seligkeit; alle Glocken klangen, alle Engel sangen; tausend Melodien strömten ihm zu: Du bist glücklich, du bist selig, du bist im Himmel!
Aber als der Vorhang gefallen war, saß der Dachdecker stumm und mit bleichem Gesichte auf seinem Stuhle.
Die Leute gingen nach dem Vorraume.
»Wollen wir nicht auch hinausgehen?« fragte Cyrill.
Der Dachdecker schüttelte den Kopf. Wie konnte man aus diesem Himmel hinausgehen? Aber er war so todblaß und stierte so eigentümlich mit den Augen, daß Cyrill fragte:
»Was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«
»Ach,« sagte der Dachdecker, »ach, ich erbärmlicher Kerl! So etwas werde ich niemals können. Der Lohengrin ist wie ein Gott!«
Cyrill schwieg. Er dachte: Ganz gut, wenn du die Größe und Schwierigkeit deiner Aufgabe erfassest. Im übrigen ist noch jeder, der wirklich etwas kann, nicht einmal, sondern hundertmal an sich verzweifelt. Nur die Stümper sind selbstsicher.
Im zweiten Akte, nach Elsas süßen Nachtgesängen, faßte sich der Dachdecker am Hals und flüsterte Cyrill angsterfüllt zu:
»Mir wird übel!«
Cyrill sah mit einem Blick, daß die Sachlage hier bedrohlich wurde, faßte August an der Hand und führte ihn hinaus. Unwillige Blicke folgten den Störern, und Elsa sang unten auf der Bühne: »Es gibt ein Glück, das ohne Reu,« ohne zu ahnen, daß da oben ein kunstbegeisterter Naturmensch diese Sentenz +ad absurdum+ führte.
August Stumpe mußte sich erbrechen. Kalter Schweiß perlte ihm auf dem Gesichte und auf den Händen.
»Na, hören Sie mal,« sagte Cyrill, der nur unwillig den Samariter spielte, »wenn Sie sich immer im Theater so aufregen wollen, dann taugen Sie freilich nichts für die Bühne.«
»Nein,« schöpfte August Luft, »nein, ich tauge nichts! Ich tauge rein gar nichts! Ich bin eine unnütze Kreatur! Ich bin ein dummer Mensch. Für mich gibt's nur eins -- weg von der Welt!«
»Blech!« sagte Cyrill zum Trost und sonst nichts. Dann führte er August an ein Büfett und labte ihn mit einer Flasche Selterswasser. Von drinnen drangen die Hochzeitshymnen des großen Kirchgangs. August strebte wieder hinein.
»Nicht um die Welt!« sagte Cyrill und hielt den Dachdecker zurück.
Da lehnte sich August Stumpe in seinem todjämmerlichen Zustande an eine Säule, und Cyrill stand neben ihm in dem leeren Restaurationsraum, und beide machten einen unvorteilhaften Eindruck.
Wie sie so dalehnten, kam ein kleiner dicker Herr mit einem Hornzwicker auf der Nase vorbei, musterte sie, blieb stehen, ging vorüber, blieb wieder stehen, guckte sich um und kam plötzlich heran.
»Also, da möchte ich doch wetten, Sie beide sind aus Altenroda.«
Cyrill und August erschraken, als ob sie entlarvte Verbrecher seien, und einer von beiden sagte: »Ja, ja, ja!«
»Habe ich Sie doch erkannt,« schmunzelte der alte Herr vergnügt. »Ja, mein Physiognomiengedächtnis! Also die Leute vom Quartett Altenroda. Sie der Dirigent, Sie der Tenorist! Weiß alles, weiß alles! War ja in Ihrem Konzert. Sind also da mal hergekommen in die Oper -- was? Und da ist Ihnen wohl schlecht geworden? Sehen ja ganz verdaddelt aus?«
»Ja,« sagte Cyrill, der den gewaltigen Musikkritiker von dazumal inzwischen erkannte oder wenigstens ahnte, »meinem Freunde wurde übel.«
»Er ist doch nicht Sänger von Beruf? Was ist er denn?«
»Dachdecker.«
»Dachdecker? So, so -- Dachdecker! So -- heidi -- ganz oben! Ganz oben, direkt am Kirchturmknopf! Dachdecker! Und singt! Und fährt mal in die Oper! Opfert Geld! Siebzehn Mark zweiter Klasse hin und her! Weiß ich! War ja doch in der Gegend. Siebzehn Mark! Und dann die sonstigen Spesen. In die Oper! In den ›Lohengrin‹! Und hört dann hier solches -- solches -- und wird ihm schlecht.«
Der kleine dicke Herr mit der Hornbrille nahm Cyrill etwas auf die Seite.
»Sagen Sie mal -- der Mann hat sich wohl direkt erbrochen? Das sieht man ihm doch an!«
»Ja,« sagte Cyrill, »es wurde ihm übel. Schon nach dem ersten Akt wurde ihm ganz benommen.«
»Hatte er denn vorher getrunken oder sich den Magen verdorben?«
»Durchaus nicht! An der Übelkeit ist nur die Oper schuld.«
Der Dicke funkelte Cyrill mit den Brillengläsern an.
»Die Oper! War denn -- dieser -- dieser Dachdecker schon öfter in der Oper?«
»Nein, es ist die erste, die er hört.«
Der Dicke rieb sich die Glatze.
»Das ist fabelhaft! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehen Sie, man müßte doch annehmen, auf eine so naive Haut, wie es ein Dachdecker aus Altenroda ist, müßte die erste Oper, die er hört, mächtigen Eindruck machen, sie müßte ihn begeistern. Aber nein! Wenn er ein musikalisches Talent ist (und das ist Ihr Dachdecker in ganz hervorragendem Maße), wenn er ein musikalisches Innenleben hat, wird ihm bei einer solch gottserbärmlichen Aufführung, wie die heutige ist, einfach schlecht. Er kotzt! Er verachtet die ganze Bande. Der ›Lohengrin‹, der heute hier auf Engagement zu singen die Verbrecherstirn hat, soll sich auf einen Misthof als Kikerikihahn vermieten. Ja, das soll er! Das schreibe ich morgen in meine Kritik. Als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten! Selbst ein wirklich musikalischer Dachdecker aus Altenroda hat das herausempfunden.«
Auf diese Rede hin sagte Dietrich Cyrill weder »ja« noch »nein«. Er war zu erstaunt über diese Wendung der Dinge.
»Also,« fuhr der Dicke fort, »ich habe damals über Ihr Konzert an Ihr Stadtblatt einige Zeilen gerichtet. Es machte mir Spaß. Ich wollte auch den Spießern aus Altenroda, die Ihrem Konzert ferngeblieben waren, eines auswischen. Ich habe mich damals über Ihre Leistungen gewundert. Aber noch mehr wundere ich mich heute. Daß einem Naturkinde bei der ersten Oper, die es hört, schlecht wird, nur weil schlecht gesungen wird -- sehen Sie, das ist ein psychologisch rasend interessanter Fall. Das ist ein Testimonium so elementaren Schönheitswillens, daß ich erstaunt bin.«
Der Dicke ging nun zu dem Dachdecker, der mit einem weidlich dummen Gesicht immer noch an der Säule stand, und sagte:
»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Übelkeit! Wundern Sie sich nicht, daß mir nicht auch übel geworden ist! Verachten Sie mich deswegen nicht! Ich bin abgehärtet bis aufs äußerste. Ich kann Seifenlauge vertragen, weil ich berufshalber tausendmal habe Seifenlauge schlucken müssen. Verstehen Sie das?«
August wußte nicht, was der ›Lohengrin‹ mit Seifenlauge zu tun habe, aber er nickte mit dem Kopf. Ihm war alles egal.
Nun war drinnen der zweite Akt zu Ende; die Leute strömten in den Restaurationsraum. Der kleine Dicke zog eine Visitenkarte aus der Tasche, überreichte sie Cyrill und sagte: