Part 19
Als Hornriegel mit den tausendfünfhundert Mark abgezogen war, setzte sich Ansorge wieder zu seinem Dackel aufs Sofa. Das Vieh drehte ihm den Schwanz hin. Das war das schlimmste Zeichen seiner Verachtung. Nicht einmal ein Stück Zucker nahm der erzürnte Vierbeiner an.
* * * * *
Jahre vergingen. An seinem vierzigsten Geburtstag, als die Festgäste alle gegangen waren, saß Ansorge abermals bei seinem Dackel, der unterdes eine weiße Schnauze bekommen hatte.
»Dackel,« sagte er; »jetzt sind wir vierzig Jahre alt geworden. Ins Schwabenalter sind wir gekommen. Meinst du, daß wir jetzt weise werden?«
Der Hund schüttelte den Kopf, daß ihm die Ohren klatschten. Er will sagen, dachte Ansorge: ich war schon immer weise, du wirst es nie. Und in diesem Augenblicke fiel ihm der Dentist ein, von dem er nie wieder etwas gehört hatte, von dem er gar nicht wußte, ob er überhaupt nach Magdeburg gezogen war.
Eine halbe Stunde der Träumerei verging. Der Hund knurrte und bellte leise im Schlaf. Vielleicht träumte ihm von dem Dentisten, den er einmal hatte hinausbeißen wollen, dieses aber damals nicht gedurft hatte ...
Am nächsten Tage bekam Ansorge einen Brief.
»Verehrter Herr Ansorge!
Bitte um Verzeihung, daß ich mich nicht eher gemeldet habe. Mir ist es indes sehr unterschiedlich, meist recht schlecht ergangen. Aber nun habe ich es geschafft. Ich bin selbständiger Dentist in einer hannoverischen Mittelstadt, und mein Kundenkreis wächst von Woche zu Woche. Mißerfolge habe ich nicht mehr gehabt; ich habe in den Jahren viel gelernt. Seit einem Vierteljahr bin ich glücklich verheiratet. Die Neueinrichtung hat viel gekostet, sonst könnte ich Ihnen die tausend Mark, mit denen Sie mir aus bitterster Not geholfen haben, bald zurückzahlen. So muß ich Sie bitten, heute mit der ersten Ratenzahlung von fünfhundert Mark zufrieden zu sein. Das andere und die aufgelaufenen Zinsen folgen binnen einem Jahre nach. Im »Altenrodaer Stadtblatt«, das ich immer noch mithalte, las ich, daß der so hochbeliebte Bürger der Stadt, Herr Ansorge, seinen vierzigsten Geburtstag feiert. Bitte, nehmen Sie auch einen herzlichen Glückwunsch an von Ihrem fürs ganze Leben dankbaren
~Hornriegel~, Dentist.«
Mit diesem Briefe in der Hand stand Ansorge lange still da. Er sagte sich:
»Da war nun wieder einmal so etwas wie eine Sorge in mein Leben gekommen. Und nun ist sie zu nichts geworden; sie ist durch eine große Freude aufgewogen worden.«
Dann schlug er den Dackel, der auf dem Sofa lag, auf den Buckel und sagte mit einem glücklichen Lachen:
»Ach, Dackel, was bist du doch für ein dummer Kerl!«
Der Hund brummte.
Er will sagen, dachte sich Ansorge, es hätte ja auch anders kommen können. Aber es blieb eine große Freude in ihm. Und seine zweite persönliche Sorge war aus.
* * * * *
Ansorge war ein tüchtiger Kaufmann. Er verstand es, mit seiner Arbeiterschaft und seiner Kundschaft ganz ausgezeichnet umzugehen, und wenn sich sein Reichtum trotz hoher Einnahmen nicht vermehrte, so lag das daran, daß die klugen Stadtväter von Altenroda Herrn Ansorge zum Armendirektor gewählt hatten. Die Stadtväter wußten genau, so lange Ansorge Direktor war, brauchten sie den Armenetat nicht zu erhöhen; denn Ansorge leistete Riesenzuschüsse aus eigener Tasche. Dabei lebte er selbst äußerst bescheiden, ja, er schränkte sich ein. Als er aber einmal aus irgend einem Anlaß eine gute Flasche Wein für drei Mark trank, drohte ihm der Stadtkämmerer mit dem Finger und sagte:
»Direktorchen, Direktorchen, leben Sie nicht über die Verhältnisse der Stadt!«
Am meisten kosteten Ansorge die Kinder, zumal zu Weihnachten. Dieses liebliche Fest plünderte seine Kasse meist vollständig aus. Vom fünfundfünfzigsten Lebensjahre an bekam der Wohltäter den Namen »Vater Ansorge«, den er, der nie eigene Kinder gehabt hatte, mit Stolz trug.
Der Apotheker, der manchmal gebildete Reden führte, sagte einmal im »Goldenen Löwen«, Ansorge sei der stärkste Altruist, der ihm begegnet sei. Alle Stammtischgäste nickten ihm Beifall zu, obwohl keiner wußte, was ein Altruist sei. Ansorge schüttelte den Kopf. Er sagte nichts, aber er dachte sich: Wenn Ihr nur wüßtet, was ich für ein Egoist bin. Wer etwas Gutes unterlassen hat, ist in schlechter Stimmung. Das Essen und die Zigarre schmecken ihm nicht, er ist unfroh und fühlt sich elend. Wie anders fühlt sich der Mensch nach einer guten Tat. Ganz herrlich ist das Hochgefühl, das er hat. Es ist, als ob die Seele ein Bad genommen und sich darauf an etwas ganz Gutem satt gegessen und satt getrunken hätte. Und dieses Wohlgefühl geht auf den Körper über. Wer Gutes tut, tut es in erster Linie sich selber.
Ganz und gar unzufrieden mit Herrn Ansorges Wohltätigkeitssinn war der Prokurist seines Geschäfts, Herr Sperlich. Mit Ingrimm sah Sperlich, wie die hohen Reinerträgnisse, die er, der langjährige treue Beamte, aus dem Unternehmen herauswirtschaftete, aus Ansorges allezeit offenen Händen verrannen. Man hätte die Anlage vergrößern, das Geschäft verdoppeln können, wenn eben nicht diese unselige Verschwendungssucht des Chefs gewesen wäre.
Der Ruf von Ansorges Wohltätigkeitssinn war inzwischen weit über die Grenzen von Altenroda hinausgedrungen. Von weither kamen Bittbriefe. Einmal kam ein solcher aus Hamburg. »+Dr.+ Meier, Schriftsteller,« war er unterzeichnet. Was sich alles unter dem ehrlichen Namen »Schriftsteller« verbirgt, ist schauerlich. Aber das wußte Ansorge nicht, auch flößte ihm der Doktortitel Vertrauen ein. Der Brief erschütterte ihn. Er gab das Bild einer menschlichen Lebenstragödie, herzbewegender, unverschuldeter Leiden, und endete in dem Hilferuf:
»Sie, edler Herr, sind meine letzte Hoffnung. An Ihnen liegt es, ob ich weiter leben, weiter schaffen kann, oder ob ich untergehen muß. Nächsten Freitag abends sechs Uhr schlägt meine Schicksalsstunde. Habe ich dann nicht sechshundert Mark in der Hand, so ist es aus mit mir. Es bleibt mir dann nichts übrig, als mich noch am selben Abend aufzuhängen. Einen Revolver besitze ich nicht, kann auch keinen kaufen. Meine arme, unschuldige Familie muß ich dann ihrem Schicksal überlassen. Nun entscheiden Sie, was geschehen soll.«
Dieses Schreiben zeigte Ansorge seinem Prokuristen. Sperlich pfiff leise durch die Zähne und legte den Brief auf den Schreibtisch.
»Nun?« fragte Ansorge.
Aber Sperlich war schon wieder in seine Arbeit vertieft, und Ansorge wollte ihn nicht stören. Also ging er leise hinaus. Er hatte ohnehin zu tun. Draußen vor der Stadt lebte eine Witwe, die sich durch Weißnähen ernährte. Sie hatte einen einzigen Sohn, einen hübschen, intelligenten Bengel, an dem sie in abgöttischer Liebe hing. An was sollte auch das arme Weib, das nichts auf der Welt besaß als dieses Kind, sein Herz sonst hängen? Ansorge hatte dem Jungen eine gute Lehrlingsstelle bei einem Optiker verschafft. Was tat der Lumpazius? Bestahl seinen Chef um hundertfünfzig Mark. Da war er denn hinausgeworfen worden, und der empörte Optiker drohte außerdem mit Anzeige.
Der Fall hatte Eile. War der Anzeigebrief erst beim Gericht, so war nichts mehr zu wollen. Also hin zum Optiker! +Dr.+ Meier in Hamburg mußte warten. Es war erst Montag, und Meiers Schicksalsstunde schlug erst Freitag abend um sechs. Hier galt es zunächst, dem Optiker die hundertfünfzig Mark zu ersetzen, die der schreckliche Junge verlumpt hatte. Allein fünfunddreißig Mark für eine Busennadel mit Brillanten hatte der Kerl ausgegeben. Ansorge mußte lachen, wenn er an dieses Schmuckstück dachte. Am besten wäre es natürlich, der Optiker nähme den Jungen, der bittere Reuetränen vergoß, wieder auf. Ein deutlicher Denkzettel würde dem Bürschlein genügen. War aber der Optiker harthörig, nun, so blieb Ansorge wohl nichts übrig, als den jungen Fant zunächst im eigenen Betriebe zu beschäftigen und ihn im Auge zu behalten, natürlich, ohne sein ohnehin verletztes Ehrgefühl weiter zu kränken.
Gegen elf Uhr kam Ansorge nach Hause. Er war hundertfünfzig Mark los geworden und hatte den diebischen Jungen auf dem Halse. Etwas nervös trat er ins Büro.
»Wir wollen jetzt den Hamburger Brief erledigen,« sagte er.
»Ist schon erledigt,« brummte der Prokurist Sperlich.
»Ah, Sie haben die sechshundert Mark hingeschickt?«
»Nein, das nicht; ich habe was ganz anderes hingeschickt?«
»Was denn?«
»Einen Strick. Der Mann will sich ja doch aufhängen; da wollte ich ihm gefällig sein.«
»Herr Sperlich, Sie erlauben sich einen merkwürdigen Scherz.«
»Es ist kein Scherz, Herr Ansorge. Ich habe tatsächlich einen neuen hanfenen Strick an diesen +Dr.+ Meier nach Hamburg geschickt. Und zwar als Eilpaket.«
»Herr -- Herr Sperlich -- wenn das wahr ist ...«
»Es ist wahr!«
»Dann -- dann sind Sie entlassen!«
»Wie sagten Herr Ansorge?«
»Wenn das wahr ist, daß Sie nach Hamburg den -- den Strick gesandt haben, sind Sie entlassen.«
»Schön!« sagte der Prokurist. Er legte seine Schreibsachen pedantisch gerade, wischte die Feder sorgsam am Tintenputzer ab, stand dann langsam auf, rückte den Schreibtischstuhl zurecht, nahm seinen Hut vom Kleiderhaken, sagte: »Guten Tag, Herr Ansorge,« und ging nach Hause.
Das geschah alles in so großer Gelassenheit, daß Ansorge wie in Betäubung dastand. Erst allmählich wachte er auf.
Ungeheuerliches war geschehen. Er hatte jemand gekündigt, nein, nicht gekündigt, sondern Knall und Fall entlassen. Sperlich! War denn das möglich? Aber der Mann hatte ja ein Verbrechen begangen, hatte einem Verzweifelten den letzten Mut genommen, einen mit dem Tode des Ertrinkens Ringenden vollends unter Wasser getaucht. Und die Familie, die arme Familie des Doktor Meier!
Ein dringendes Telegramm wurde aufgesetzt. Tausend Mark gingen telegraphisch nach Hamburg, dazu die Bemerkung: »Eilpaket bedauerlichstes Mißverständnis. Fassen Sie Mut, helfe Ihnen weiter. Ansorge.«
Als Ansorge dieses Telegramm persönlich abgegeben und seine tausend Mark losgeworden war, fühlte er sich wohler. Gegen Sperlich hatte er großen Groll. Solche Gemütsroheit hätte er dem Manne nie und nimmer zugetraut. Sperlich war Vorsitzender des Tierschutzvereins. Wer konnte von einem solchen Manne auch nur eine Unzartheit erwarten? Und dieses Benehmen, dieses Absenden eines Strickes an einen Menschen, der in Verzweiflung war! Ein Rätsel, ein unerforschbares Rätsel! Außerdem war Sperlich ein schlechter Geschäftsmann. Mit sechshundert Mark wäre der Fall zu erledigen gewesen, nun, nach der furchtbaren Kränkung, die Doktor Meier in Hamburg erlitten hatte, mußte natürlich eine Art Sühnegeld gezahlt werden. (Das waren also die vierhundert Mark, die Ansorge über die geforderte Summe geschickt hatte.) Diesen Verlust von vierhundert Mark hatte er Herrn Sperlich zu verdanken.
Eine unruhige Nacht verging. Am nächsten Morgen Punkt acht war Ansorge im Büro. Sperlichs Platz war leer. Sperlich war als der Gewissenhafteste aller Angestellten sonst schon immer um drei Viertel acht da. Also, da er um drei Viertel acht nicht gekommen war, kam er überhaupt nicht. Er hatte die Kündigung ernst genommen.
Herrn Ansorge faßte eine leise Übelkeit an. Vierundzwanzig Jahre war Sperlich im Geschäft. Eine Perle von Ehrlichkeit und Tüchtigkeit! Dukatengold von Charakter! Nächstes Jahr sollte Sperlich sein fünfundzwanzigstes Geschäftsjubiläum feiern, und Ansorge zerbrach sich schon wochenlang den Kopf über das Festprogramm. Und nun? Kündigte ihm! Nein, warf ihn hinaus!
Ansorge war überzeugt, daß ihn ganz Altenroda als einen rohen, undankbaren Patron ansehen würde, wenn dieser Hinauswurf des allgemein geschätzten Herrn Sperlich bekannt wurde. Vielleicht würden die Arbeiter in einen Proteststreik treten. Dann -- das nahm sich Ansorge vor -- würde er unter jeder nur irgend annehmbaren Bedingung seine Fabrik verkaufen, seine Vaterstadt verlassen, um irgendwo auf der Welt einsam und fremd sein Leben zu beschließen.
So nervös geworden -- schickte Ansorge einen Boten in Sperlichs Wohnung mit der Anfrage, ob etwa Herr Sperlich nicht wohl wäre, da er nicht im Geschäft sei. Der Bote kam zurück und meldete: »Herr Sperlich ist verreist.« Das ganze Personal machte erstaunte Augen. Ansorge las aus diesem Erstaunen schweres Mißtrauen und heftige Vorwürfe gegen sich selbst.
Zwei Tage später saß Ansorge entgeistert vor einem Briefe.
»Auskunftei Spürvogel, Hamburg.
Auf die von Ihrer Firma an uns gerichtete Anfrage erwidern wir ergebenst folgendes:
›Schriftsteller‹ +Dr.+ Meier ist ein sogenanntes verbummeltes Genie. Er ist ein total verlumptes Individuum, das wegen Eigentumsvergehen und Schwindeleien aller Art schon oft mit dem Strafrichter Bekanntschaft gemacht hat. Neuerdings verlegt er sich berufsmäßig auf die Herstellung wirksamer Bettelbriefe, die er an Personen verschickt, die als besonders wohltätig gelten. Meier erzielt durch seine Manipulationen oft größere Beträge. Er sucht in seinen Briefen immer besonderes Mitleid mit seiner bedrohten Familie zu erwecken. Meier hat aber keine Familie; er ist alter Junggeselle. Auch ist ein besonderer Trick Meiers, mit Selbstmord zu drohen, falls er bis zu einer gewissen Stunde die geforderte Summe nicht erhält. Darüber macht er dann beim Weine seine besonderen Scherze. Wenn er einen größeren Erfolg gehabt hat, lädt er seine intimsten Freunde und Freundinnen zum Weine und sagt beim ersten Glase: ›Na, prosit auf das dumme Luder!‹ Es ist nicht weiter notwendig zu warnen, dem Schwindler auch nur die geringste Summe leih- oder geschenkweise zu gewähren.«
* * * * *
Hab' einer tausend Mark abgeschickt und krieg' einer einen solchen Brief!
Ansorge las die »Auskunft«, die ja wohl Herr Sperlich von der Firma aus noch veranlaßt hatte, immer aufs neue.
So ein Lump! So ein Lump!
Dem hatte er tausend Mark geschickt!
Und der merkwürdige Toast, der in der »Auskunft« erwähnt war, der war ja nun in Hamburg wohl längst auf ihn -- Herrn Ansorge -- ausgebracht worden. Vielleicht war er zweimal ausgebracht worden, weil Ansorge ja mehr geschickt hatte, als von ihm verlangt worden war.
Ein dummes ...
Danke schön!
Ansorge war kreideweiß. Er stand auf, zerriß den Brief der Auskunftei in hundert Fetzen und ging krank nach Hause.
In der Nacht bekam er Schüttelfröste. In einem fiebrigen Traume sah er Herrn Sperlich, seinen unersetzlichen Prokuristen, vor einem Hamburger Großhandelsherrn stehen, der ihm die Hand reichte und sagte:
»Also, Herr Sperlich, ich engagiere Sie! Wir hier in Hamburg wissen um +Dr.+ Meier und Konsorten Bescheid.«
* * * * *
Wie eine weiße, angeschossene Taube war Ansorges Seele. Rund um seine reine Menschenliebe sah er die wilden Jäger roher Selbstsucht lauern.
Und da kam ihm ein Gottesgeschenk an Trost.
Ein kleines Mädelchen lebte in der Vorstadt, das Kind eines Eisenbahners, der in seinem Beruf zu Tode verunglückt war. Das Kind war vier Jahre alt, seine verwitwete Mutter fünfundzwanzig. Das Weib sah dem jäh dahingerafften Gatten in verzehrender Trauer nach. Ihr einziges Lebensglück war das vierjährige Mädchen. Das fiel beim Spielen in den durch Gewitter hochgeschwollenen Fluß. Und es wurde gerettet. Durch den einzigen fähigen Kerl gerettet, der zufällig in der Nähe war. Und dieser einzige zu einer Lebensrettung fähige Kerl war der Sohn der Weißnäherin, der Lumpazius, der seinem Chef hundertfünfzig Mark gestohlen hatte und zurzeit nur darum nicht weit weg von Altenroda in einer Besserungsanstalt war, weil ihn Ansorge davor bewahrt hatte.
Ansorge ging zu der Mutter des geretteten Kindes. Sie sagte ihm: »Ach, Herr Ansorge, wenn Ihr Lehrling, der junge Schmiedecke, nicht gewesen wäre, da wäre ja alles, alles dahin! Ich habe ihm meinen goldenen Fingerring angeboten, aber er hat ihn nicht gewollt.«
Ansorge ging in sein Geschäft, nahm sich den »Lumpazius« vor und führte folgende Unterhaltung mit ihm:
»Schmiedecke, du weißt, daß du einmal ein Lump gewesen bist.«
»Ja,« sagte Schmiedecke beklommen.
»Schmiedecke, ich sage dir, das mit der kleinen Trudel, das war eine Edeltat, und daß du den Fingerring nicht angenommen hast, war vielleicht noch mehr. Schmiedecke, ich hoffe, du wirst Karriere machen!«
Da fing der Junge so an zu weinen, daß Ansorge flink hinausging.
* * * * *
Es war abends neun Uhr. Ansorge saß an seinem Schreibtisch, hatte einen Briefbogen vor sich und grübelte. Der Prokurist Sperlich!
Ansorge hatte sich überwunden, nochmals zu Frau Sperlich geschickt und sich nach ihrem Gatten erkundigen lassen. Er sei in einer Sommerfrische, es gehe ihm gut, ließ Frau Sperlich sagen, und sie danke für die freundliche Nachfrage.
Was tut der Chef eines Unternehmens mit einem Angestellten, der auf eigene Faust ohne Urlaub wochenlang in die Sommerfrische geht, der sagen läßt, es ergehe ihm gut da, und er danke für die freundliche Nachfrage?
Entläßt ihn! Jawohl, aber das ging hier nicht an; denn Sperlich war schon entlassen. War bei Lichte besehen ein Mann, der von der Firma Ansorge aus tun und lassen konnte, was er wollte.
Was sollte man so einem Manne schreiben?
Ansorge saß drei Stunden lang vor dem leeren Briefbogen. Es war nicht der geschäftliche Verlust, der ihn bewegte. Einen neuen tüchtigen Prokuristen, der sich voraussichtlich rasch einarbeiten würde, hatte ihm ein Geschäftsfreund empfohlen. Er brauchte nur zuzugreifen. Aber er wollte den alten, treuen Menschen, den Dukatencharakter zurückhaben.
Um elf ging Ansorge schlafen. Um eins stand er wieder auf. Er schrieb auf den Briefbogen:
»Lieber Herr Sperlich!
Was zwischen uns geschehen ist, geschah von mir aus im Affekt. Ich weigere mich nicht, über mein damaliges Verhalten mein Bedauern auszusprechen. In der Sache selbst hatten Sie nämlich recht. Wenn Sie die Kündigung als nicht geschehen ansehen und die alten für meine Firma wertvollen Beziehungen aufrechterhalten wollen, so bitte ich um bezüglich Nachricht. Für den Fall Ihres Wiedereintritts in die Firma gebe ich Ihnen weitere drei Wochen Urlaub.«
Dieser Brief ging am 3. August von Altenroda ab. Am 5. August, früh drei Viertel acht, saß der Prokurist Sperlich in seinem Büro und arbeitete, ohne vom Pult aufzusehen.
Drei Tage später sagte Ansorge zu Sperlich:
»Was meine Wohltätigkeitsbestrebungen anlangt, so mögen, Herr Sperlich, in Zukunft ~Sie~ die auswärtigen Angelegenheiten erledigen. Natürlich immer nach gerechter und wohlwollender Prüfung. Ich glaube, daß es in solchen Fällen gut ist, vorher vertrauenswürdige Erkundigungen einzuziehen.«
»Jawohl, Herr Ansorge,« sagte Sperlich, »ich werde alles gewissenhaft besorgen.«
Ein Mißtrauen aber blieb bei Ansorge doch. Der Strick -- der Strick! Das war doch gar zu drastisch. Schließlich schickte Sperlich einem armen Mädel, das sich zu vergiften drohte, eine Schachtel »Rattentod«, einer anderen, die sich ertränken wollte, eine Badekappe. Zuzumuten wäre es ihm -- dem Rauhbein. Und so einer hieß Sperlich. Rabe müßte er heißen oder Uhu!
Schön aber war es, daß Sperlich wieder da war. Und seltsam war das Folgende.
Sperlich kam eines Tages zu Ansorge und sagte:
»Herr Ansorge! Ich habe ja wohl die Bearbeitung der Fälle für auswärtige Wohltätigkeit übertragen bekommen; aber nun ist ein Fall da, wo ich Sie doch um Ihr ganz spezielles Einverständnis bitten muß. In unserer Nachbarstadt Wilmershofen wird eine Heilanstalt für unbemittelte Lungenkranke errichtet. Die Firma ist angegangen worden, einen Beitrag zu zeichnen. Wie hoch soll er sein?«
Ansorge trat ans Fenster. Das tat er immer, wenn er tief nachdenken wollte, obwohl es -- so fiel ihm einmal ein -- unlogisch ist, bei tiefem Nachdenken auf die Straße zu sehen.
Jetzt waren seine Gedankengänge so: Ein junger Mann von siebenundzwanzig Jahren kriegt die Schwindsucht -- Frau, zwei kleine Kinder -- denkt sich: Hätt' ich Rettung! Hätt' ich Rettung, daß ich bei euch bleiben könnte, ihr lieben drei! Hat keine Rettung. Dann eine junge Witwe -- Mann an Schwindsucht gestorben -- sie sich angesteckt -- zwei Kinder -- muß auch hinüber -- die Kinder Waisen -- furchtbar!
Also dreißigtausend Mark müßten es anstandshalber sein. Das letzte Jahr war schlechter als die vorigen; dreißigtausend Mark waren viel Geld für die Firma. Zudem: der ganze Umkreis, die Provinz, der Staat mußten mitwirken an dem unbedingt notwendigen Werke.
Die Hauptsache aber: Sperlich! Was würde Sperlich sagen, wenn er dreißigtausend Mark für eine Lungenheilanstalt verlangte, von ihm, der ehedem wegen sechshundert Mark einen Strick absandte?
Trotzdem: in so heiliger Liebeshilfe durfte keine Feigheit sein! Mochte schließlich selbst Herr Sperlich wieder ins Gebirge gehen.
Ansorge wandte sich am Fenster um. Sein Gesicht war blaß, gefaßt, ja bestimmt.
»Herr Sperlich,« sagte er, »bei einem so dringenden Liebeswerk wird sich meine Firma mit einem ansehnlichen Betrage beteiligen. Ich werde die Zeichnung keinesfalls unter -- unter fünfzehntausend Mark halten.«
Sperlich saß auf seinem Stuhl, den Körper vornüber geneigt, die Hände zwischen die Knie geklemmt.
»Nun? Sind Sie mit der Summe einverstanden?«
»Nein!« sagte Sperlich mit rauher Stimme.
Ansorge trat wieder ans Fenster. Was ihm die da unten reifentreibenden Kinder und der einen Prellstein beschnubbernde Hund sowie das eine Markttasche tragende Weib in seinen Fragen zu offenbaren hatten, wußte Ansorge nicht. Aber er sah immer, wenn er tief in Gedanken war, auf die Straße.
Also, mit den fünfzehntausend Mark war Sperlich nicht einverstanden. Was wollte der Knicker? Wie weit reichte eigentlich seine Menschlichkeit?
Abermals wandte sich Ansorge um. Sein Gesicht war noch um einen Schein blasser, gefaßter, bestimmter geworden.
»Herr Sperlich, wenn sich unsere Firma an dem Liebeswerk beteiligt, dann keineswegs unter zehntausend Mark.«
Sperlich erhob sich.
»Herr Ansorge, Ihrem Willen untersteht ja alles. Ich hätte mir bloß erlauben wollen, einen anderen Vorschlag zu machen.«
»Nun?«
»Ich -- ich wollte -- dreißigtausend Mark vorschlagen. Es wird auch manchen armen Schlucker aus unserem Betrieb geben, der drüben Zuflucht suchen muß.«
Ansorge trat abermals ans Fenster.
Der eine Junge hatte der Grünzeugmuttel den Reifen gegen den Bauch gefahren um dafür eine beträchtliche Ohrfeige in Empfang zu nehmen.
Kreiselnde Welt!
Ansorges Gesicht erhellte sich, wie wenn die Sonne aufgeht über einer im Nebel schauernden Flur.
Das dritte Mal wandte er sich um.
»Na, Sperlich, ich hatte ja zuerst selber an dreißigtausend gedacht; ich hatte es doch nur aus Sorge vor Ihrem Widerspruch nicht aussprechen mögen.«
»Die Entscheidung liegt immer bei Ihnen, Herr Ansorge!«
Das war zwar nicht ganz tatrichtig, aber es war schön gesagt von Herrn Sperlich.
Ansorge und Sperlich waren für immer treu verbunden. Und so war Ansorges dritte persönliche Sorge aus der Welt.
* * * * *
Es gibt viele Dichter und Philosophen, die behaupten, das rarste Pflänzlein auf der Erde sei die Dankbarkeit. Von Herrn Ansorges Leben läßt sich das nicht sagen. Er hat viele, auch ganz rührende Dankbarkeit erfahren. Seine weichen Schlapphüte hielten in der Krempe keinen Monat die Form; denn ganz Altenroda grüßte ihn. In der Schule hatte eine junge Lehrerin einmal gefragt, ob die Kinder ganz schlechte Menschen aufzuzählen wüßten. Da war folgende Liste herausgekommen: Kain, Judas, Herodes, Kaiser Nero, Napoleon und der Kutscher Nimietz aus Altenroda. (Niemitz hatte ein Pferd so mißhandelt, daß er auf die Anzeige Herrn Sperlichs, des Vorsitzenden des Tierschutzvereins, einen Monat Gefängnis bekam.)
Und nun sollten die Kinder die besten Menschen nennen. Das sagte das eine Mädchen:
»Jesus Christus!«
»Vortrefflich!« lobte die Lehrerin; »er war zwar Gottes Sohn, aber er war doch auch ein Mensch wie wir! Der Beste von allen Menschen. -- Und nun nennt noch einen ganz guten Menschen.«
Da meldete sich die halbe Klasse.
»Herr Ansorge!«
Die Lehrerin war verblüfft. Aber sie war ein kluges Mädchen, und so erkannte sie: hier ist von Kindermund erst der Meister und dann ein Jünger genannt worden. Sie machte die wehmütige Erfahrung, daß die Kinder auf die Frage nach anderen ganz guten Menschen sich mühsam den Kopf zerbrechen mußten, und hatte nichts dagegen, als ein kleines Kind als dritten in der Reihe der ganz guten Menschen sagte:
»Mein Vatel!«
Diese Schulgeschichte sprach sich herum. Ganz Altenroda freute sich -- bis auf einen, dem sie außerordentlich peinlich war. Das war Herr Ansorge selbst. Niemand durfte ihm von dieser Geschichte sprechen, selbst seine besten Freunde nicht.
Der, der sich am meisten über diese -- so drückte er sich aus -- Abstimmung über gute und böse Geister aufregte, war +Dr.+ Schicketanz.
Im »Löwen«, als Ansorge am Stammtisch fehlte, äußerte sich Schicketanz also:
»Die Frage nach guten und schlechten Menschen ist im Grunde genommen Unsinn. Überhaupt Kindern gegenüber, die keine Lebenserfahrung haben. Aber die Sache mit dem Ansorge, die ist doch bedeutsam. Da ist doch etwas ins Volksbewußtsein gedrungen, etwas ins Vertrauensvolle, Gläubige gewachsen. Ich habe lange den Ansorge für einen Narren gehalten; ich weiß jetzt, daß er ein Weiser ist, der viel mehr inneres, wahres Glück hat, als wir alle. Und was die Lehrerin anlangt, die die an sich unsinnigen Fragen gestellt hat, so will ich in der Stadtverordnetenversammlung beantragen, daß sie die Leitung der Mädchenschule bekommt. Meine eigenen Enkelkinder lasse ich so wie so seit jenem Tage von ihr unterrichten.«
Drei Tage später, bei einer ganz unpassenden Gelegenheit, aber unter vier Augen, machte +Dr.+ Schicketanz mit Ansorge Bruderschaft. Ansorge, der in Untertertia sitzen geblieben war, als Schicketanz schon nach Oberprima kam, fühlte sich aufrichtig geehrt. Er war damals dreiundsechzig, Schicketanz achtundsechzig Jahre alt.
Da starb in Altenroda ein betagtes Weib, das eine so einsame Seele gewesen war, daß sie keinerlei Verwandte hinterließ.
Die Hinterlassenschaft umfaßte etliches wurmstichiges Möbelzeug, alte Weiberkleider, einen geringen Bestand an Wäsche und ein Sparkassenbuch über achtzehnhundertsechsundzwanzig Mark fünfundsechzig Pfennige. Obwohl nun die Erbschaft ja nicht bedeutend genannt werden konnte, hatte die alte Frau ein Testament gemacht. Unter dem Kopfkissen, auf dem sie ihre müden Augen geschlossen hatte, wurde ein Zettel gefunden, darauf stand handschriftlich: