Chapter 3 of 22 · 3987 words · ~20 min read

Part 3

»Meine Ale is zu komisch. Do denkt se nu, Sie könnten denken, ich hätt's ernste gemeent. Nu, du müßt ich ju -- do müßt' ich ju wirklich a aler Labersack erster Klasse sein, wenn ich ei'm Menschen wie Sie sulches Zeug vorredte. 's war doch bluß Spoß. Denn Sie sein ju wie Milch und Blutt -- und Gewichte haben Sie -- schwer leck -- ich hab' Se kaum erheben können -- und Muskeln ha'n Se und zu a Suldaten werden Se komm', a storker Kerl sein Se!«

»Du laberst ja schun wieder,« kam die Wirtin zur Tür hereingefahren; »denn das globt a doch jitzt nich. Do merkt a doch, wie der Hase leeft.«

»Ich sag' überhaupt nischt meh,« sagte der Wirt und setzte sich beleidigt in einen Winkel.

»Das is ooch viel besser,« entgegnete ihm die Gattin. »Und Sie, junger Herr, machen Se sich nischt draus. Essen Se immer recht tüchtig und sein Se viel ei freier Luft, do kriegen Se im Läben keene Schwindsucht.«

»Ganz dasselbe, was ich von Anfang an gesat ha,« brummte der Mann im Winkel.

Dann wurde es still.

Nach einer Weile fragte mich die Wirtin, ob ich noch ein Glas Buttermilch wünschte. Ich dankte. Der Wirt fuhr höhnisch lachend empor.

»Puttermilch! Nischt wie Puttermilch! Davo kriegt eener freilich keene Schwindsucht. Aber die Cholera kriegt a! -- Das is doch kee Junge meh, das is doch a Herr. Eener, der schon im zweeten Seminar is. Fer den paßt keene Puttermilch, fer den paßt a Seidel Bier!«

Er brachte zwei Gläser Bier und lud mich ein, mit ihm auf der Bank vor der Haustür Platz zu nehmen.

Das war der Anfang meiner Freundschaft mit dem Roten Hahnenwirt Heinrich Hollmann, einer Freundschaft, die noch heut besteht.

* * * * *

Der Abend war still und trüb. Es war, als hätten alle Bäume in schlaffer Trägheit die Köpfe geneigt. Der Nebel stieg langsam und müd vom Tale auf, über dem Kammweg lag ein fahler Schein, gelb wie Laternenlicht. Am Waldrand huschte eine Eule, sonst regte sich nichts.

»Das wird eine gute dunkle Nacht,« sagte der Hahnenwirt. Dann fing er an, mir Schmugglergeschichten zu erzählen, eigentlich die einzige Art von Geschichten, die er in den Grenzhäusern erleben konnte.

»Die die Schmuggler für schlechte Leute halten,« sagte mein neuer Freund, »sein alles tumme Kerle. Die wissen eben nich, wie's hier zugeht. Das bissel kleener Grenzverkehr rüber und nüber macht keen Staat arm oder reich. Da lohnt sich der ganze Sums mit den Grenzjägern nich. 's is olles Quatsch.«

»Aber es wird doch manchmal einer erschossen,« wandte ich ein.

»Erschussen? Ja, Schmuggler -- Grenzjäger nich! Da könn' Se lange suchen, eh Se een erschuss'nen Grenzjäger finden. Nu ja, 's is mal a schlechter Kerl drunter, wie 's halt ieberoll schlechte Kerle gibt; aber sunst sein de Schmuggler ehrenwerte Leute. Orme Teifel sein's, die sich amal a paar Pfennige schwer genug verdien'. Wovon soll'n se denn leben hier in diesen Bergen?«

»Sie sind wohl auch ein Schmuggler?« frage ich harmlos.

Aber da fuhr er auf.

»Jüngla,« sagte er, »nimm dich in acht, sunst hau ich dir eene runter. Beleidigen loß ich mich nich!«

Ich erschrak über diesen Entrüstungsausbruch und stammelte eine Entschuldigung, setzte auch beschwichtigend hinzu, daß ich selbst schon Kleinigkeiten für den eigenen Bedarf geschmuggelt hätte.

Da knurrte er:

»Wer hier in der Gegend nich schmuggelt, is blödsinnig!«

Später, viel später war einmal der Deutsche Kaiser im schlesisch-böhmischen Grenzgebirge. Es wurde ihm ein Glas böhmischen Weines vorgesetzt. Er trank ihn und sagte: »Na prosit -- geschmuggelt ist er ja sicher!« Und lachte.

An jenem Abend aber griff ich in die Tasche, zog einen Papierbeutel heraus und bot meinem Gastfreund eine Zigarre an. Der sah mich betroffen an.

»Der Junge roocht,« sagte er, »und hat doch de ...«

»Ich hab' nicht die Schwindsucht,« unterbrach ich ihn. »Nehmen Sie nur.«

»Österreicher,« sagte er anerkennend, als er die Marke prüfte, »seht amal die Borste an! Na, wenn sich das bluß mit dem Biere und der vielen Puttermilch verträgt.«

Dann rauchten wir und schwiegen. Ein Mann stieg vom Kammweg herunter, den ich nach einiger Zeit als einen Grenzjäger erkannte.

»Da kommt ein Grenzer.«

»Ja,« meinte Hollmann, »eener, der noch Durst hat. Es is Wenzel Hollmann von der andern Seite.«

»Ist er verwandt mit Ihnen?«

»Weil er Hollmann heeßt? Ach, keene Spur. Hier heeßen drei Viertel von allen Leuten Hollmann oder Liebich. Wu sull'n ooch immer die neuen Namen herkummen!«

Wenzel Hollmann, ein geschmeidiger Mann in knapper österreichischer Uniform, setzte sich zu uns und trank drei oder vier Gläschen Wünschelburger Kornbranntwein. Seine Dienstkappe legte er neben sich auf die Bank. Es stak ein winziges Sträußchen daran.

»Immer hat a a Puckettel[1] an der Mütze,« sagte der Hahnenwirt; »'s is halt a schneidiger Kerl.«

»Na, du weißt doch, daß mir das immer die Kinder vom Blauen Hahnen dranmachen. Und du putzest mich ja selber oft aus,« entgegnete der Grenzer.

Der Rote Hahnenwirt lachte aus vollem Halse.

»Ja, denkst du, der Rote steht gegen den Blauen zurücke? Putzt der Blaue seine Kunden, putzt der Rote erst recht seine Kunden.«

Er entfernte das Sträußchen, das aus drei Stengelchen Rosmarin und einem gelben Hahnenfuß bestand, brach vom Gartenzaun zwei Heckenröslein, pflückte vom Beet eine rote Nelke und befestigte sie an der Kappe des Grenzers.

»Der Rote Hahn läßt sich von der Konkurrenz nischt vormachen,« sagte er.

Der Grenzer lächelte ein wenig geschmeichelt und ging bald darauf davon.

Der Hahnenwirt lachte leise hinter ihm her. Dann sagte er:

»Na, Jüngla -- junger Herr -- ich sollt's ja eegentlich nich verraten, aber Se werden ja nischt ausmähren -- Se haben ja selbst schon geschmuggelt -- na, und da soll'n Se gleich amal a rechtes Schmugglerstückel zu sehn kriegen. Wissen Se, was das bedeutet?«

Er nahm die Rosmarinstengel und den Hahnenfuß auf, die der Grenzer dagelassen hatte.

»Also passen Sie auf. Das, was ich hier in der Hand hab', is 'ne Geschäftsbestellung. Und zwar eene vom Blauen Hahnenwirt drüben. Der Hahnenfuß bedeutet a Faß Butter, und die Rosmarinstengel bedeuten drei Pfund Schokolade. Die soll ich nu nach drüben liefern.«

»Und das bringt der Grenzer?« rief ich überrascht.

»Jawull, der Grenzer! Der is der zuverlässigste Bote. Der tumme Kerl hat natürlich keene Ahnung, daß a unsern Briefträger macht. Ich hab', wie Se gesehn haben, gleich meine Gegenbestellung beim Blauen Hahn gemacht: eine rote Nelke, das is a Fässel Roter, und zwee Heckenröslein, die bedeuten zwee Flaschen gezehrten Oberungar. Das trägt a nu wieder rüber; denn a pendelt immer zwischen uns beeden hin und her.«

»Das ist großartig ausgedacht!« rief ich begeistert.

»Ja, Kupp muß ma haben,« sagte der Hahnenwirt stolz. »Wir haben 'ne ganze Liste ausgearbeit'. Klee z. B. bedeutet Slibowitz, Jelängerjelieber bedeutet Virginiazigarren, Fette Henne versinnbildlicht 'ne Tonne ungarisches Schweineschmalz, Flachs is natürlich Leinwand, Männertreu sind Hosenträger, Rosen Stoff für seidne Blusen und 'ne kleine Distel is 'n Sack Salz. Eine volle Getreideähre heißt: Ich bitte um die Rechnung; eine leere Ähre aber bedeutet: Wart noch a bissel, hab' jetzt gerade keen Geld.«

»Es ist genial,« flüsterte ich voll Bewunderung.

»Ja, junger Herr,« sagte der Hahnenwirt, »wenn Se immer hier wären, könnten Se noch a ganz gescheiter Kerle werden ...«

»Der Wenzel Hollmann scheint mir grade kein sehr tüchtiger Grenzjäger zu sein,« wandte ich nach einer Weile ein.

»Der -- nicht tüchtig? Oho! Ein Satan is a. Unsere Preußen sind viel langsamer, se haben zu dicke Bierbäuche, aber der dürre Windhund von Österreicher, der geht Tag und Nacht rum und hat beinah schon die ganze Gegend erwischt.«

»Hat er Sie auch schon einmal erwischt?« fragte ich.

»Mich? Ich bin keen Schmuggler,« brauste er wieder auf; doch dann setzte er hinzu: »Unsere Leute, ich meine die, die so die Ware zwischen mir und meinem Blauen Kollegen drüben hin- und herschaffen, die hat a freilich schon ziemlich ofte erwischt -- der Lump der!«

Er schnob vor Ingrimm.

»Dreimal mehr Strafe haben wir schon blechen müssen, als der ganze Handel einbringt. Aber Geschäft is Geschäft. Blödsinnig müßt' ma sein, wenn ma nich schwärzte. Und geleimt wird a doch! Das haben Sie ja gesehen, wie a geleimt wird. So a Spaß schwemmt ollen Ärger weg. Der größte Hauptkerl aber, den a noch nie erwischt hat, das is der Wassermüller Liebich unten in a Talhäusern. Das is so a Mordsteufelskerl, der würd' nicht erwischt, und wenn der deutsche und der österreichische Kaiser selber uf die Grenzwache zögen.« Nach diesem starken rednerischen Trumpf rieb sich Heinrich Hollmann vergnügt die Hände.

»Das Dollste is,« fuhr er fort und er lachte mit so tiefem Vergnügen, daß man merkte, wie die Freude aus dem untersten Herzen kam; »das Dollste is, daß der Liebich dem Wenzel Hollmann die eegne Liebste weggeschmuggelt hat. Das verwindet der Windhund sein Lebtag nich.«

»Möchten Sie mir das erzählen?«

Er schielte mich von der Seite her an.

»Für Liebesgeschichten biste noch a bissel zu grün,« sagte er. Aber er erzählte, und erzählte zum Teil hochdeutsch.

»Also -- da war a Mädel drüben -- Franziska -- 's hübscheste Mädel im ganzen Gebirge. Alle war'n in se verschossen -- alle -- alle ohne Ausnahme, hüben wie drüben. Am dollsten aber waren der Grenzjäger Wenzel und der Wassermüller Liebich in die Franziska verliebt. Also, die beiden waren schon total verrückt um die Köppe. Je mehr se nu aber auf das Mädel spannten, desto mehr hatten se natürlich uff einander 'ne grenzenlose Wut. Wenn se sich bloß sahen, wurden sie grün im Gesichte. Am schlimmsten war's natürlich uff 'm Tanzboden. Da wundert man sich noch heute, daß da nich amal a Unglück geschehen is. Se überboten sich, wo se konnten. Hatte der Wenzel 'ne neue Extrauniform, kaufte sich der Liebich 'n neuen schwarzen Anzug, 'n Patent-Gummikragen und bunte Manschetten; wie sich der Wenzel in eener Auktion 'n Zwicker gekauft hatte, durch den a zwar nich sehen konnte, in dem a aber sehr studiert aussah, schaffte sich der Liebich 'ne Meerschaumspitze an, obwohl ihm jedesmal schlecht wurde, wenn a roochte. Der Wenzel machte Schulden über Schulden und koofte der Franziska in eenem Jahre alleine sieben Granatbroschen; der Liebich schenkte ihr 'n goldnen Fingerring mit ei'm Garantieschein, daß er binnen drei Jahren nich schwarz würde. Und so ging's weiter, es waren eben, wie gesagt, ganz verrückte Kavaliere. Da versuchte es der Wenzel mit was anderem. A schmiß sich so heftig uff seine Berufsarbeit, daß a binnen kurzem neun Schmuggler erwischte und 'ne schriftliche Belobigung kriegte. Damit hob a sich nu bei der Franziska ein; denn das is wahr: nischt gefällt ei'm Mädel an ei'm Kerl besser, als wenn a Schneid hat. Das is, weil die Weiber selber su feiges Gelichter sind. Also, der Liebich fängt schon an, mitsamt seiner Meerschaumspitze sachte hinten runterzurutschen -- da wird a plötzlich a Schmuggler. A bringt der Franziska allerhand feine Geschenke, mal 'ne kleine Tonne grüne Heringe, mal 'n Viertelzentner Viehsalz, und a sagt immer dazu, daß a am liebsten in Wenzels Amtsstunden schmuggelte, weil das der dämlichste Grenzjäger von ganz Österreich wäre. Der Wenzel wurde halb verrückt vor Wut. A schlief nich mehr, a lag Tag und Nacht uff der Lauer, a saß amal von Mitternacht bis Morgens uff eenem Baume in strömendem Regen, und wie's endlich Tag wurde, hatte ihm der Liebich, ohne daß er was gemerkt hätte, 'ne Flasche Pain-Expeller unter den Baum gestellt, weil Pain-Expeller gutt is gegen Rheumatismus. Das ganze Gebirge lachte, und wie der Wenzel mit seinem Belobigungsbriefe und eener seidnen Schürze das nächste Mal zur Franziska kam, merkte er, daß es Essig war. Sie hatte sich für a preißischen Liebich entschieden. Aber ihre Mutter war für a östreichischen Wenzel. Und da setzte es der Wenzel durch, daß a, wie ich amal 'ne Entenkirmes mit Ball machte, mit der Franziska über die Grenze rüberkommen konnte. A hatte sich für schweres Geld 'n geschlossenen Glaswagen gemietet. Weil sich's nu aber nich schickte, daß a bei dem Mädel im Wagen saß, setzt a sich manierlich neben a Kutscher, und im Wagen saß die böhmische Jungfer. Wie se ans deutsche Zollhaus kamen, war's schon dunkel; denn es war im späten November. Der Wenzel stieg ab und sagte der Jungfer im Wagen, er hätte vier österreichische Zigarren zu verzollen. Damit wollt' a zeigen, was für a gewissenhafter Mensch er wär', und sich bei der Franziska einheben. Wie er aus 'm Zollhaus wieder rauskommt, setzt' a sich gleich wieder auf 'n Bock, und die Fahrt ging weiter. Herr, du meine Güte, wie se hier im ›Roten Hahn‹ ankamen, saß in dem Wagen 'ne Strohpuppe, und die Franziska war verschwunden. Die tanzte drüben mit 'm Liebich bei der österreichischen Konkurrenz. Der Kutscher, der mit 'm Liebich im Komplott gewesen war, kriegte zwar vom Wenzel a paar gesalzene Ohrfeigen, aber -- mit der Franziska war's aus. Sechs Wochen drauf heirat' se a Liebich. Kurz vorher hatte se von den sieben Granatbroschen zweie an a Wenzel zurückgeschickt. Su sein die Weiber!«

Der Rote Hahnenwirt machte eine Pause in seiner Erzählung, zündete sich die Zigarre neu an und lachte leise und philosophisch vor sich hin.

»Su sein die Weiber!« wiederholte er. »Mir is es ooch erst mit der Fünften geglückt. Und fünf is für mich 'ne Unglückszahl.«

Er ließ wehmütig den Kopf hängen; aber bald lachte er wieder und erzählte weiter.

»Der Liebich trieb's nu ganz toll. Kurz vor seiner Hochzeit erzählte er in Wenzels Gegenwart im Gasthause, seine Schwiegermutter müsse doch jetzt Kuchen backen, und da wolle er ihr ein Faß Butter aus dem Preußischen hinüberschaffen. Das war nu der Gipfel der Frechheit. Wenzel, der Grenzjäger, der sowieso mit verglasten Augen und hohlen Backen rumlief, lauerte von nun an Tag und Nacht. Zwar mit der Franziska war er fertig; aber den Kerl -- den Lump -- den Teufel -- reinzulegen, das wär' für ihn das Allerhöchste gewesen. Und richtig -- a erwischt ihn. In der Silvesternacht -- 's war 'n Hundewetter -- erwischt der Wenzel a Liebich uff eenem entlegenen Seitenwege mit ei'm Faß Butter. Aus einem Graben, direkt aus der Schneejauche heraus, springt er ihn an.

»Wo is der Zollschein?« schreit er.

Liebich, der sonst ein starker Kerl is, is so erschrocken, daß a lallt und stammelt wie a Kind.

»Ich hab' -- ich hab' -- die Putter -- die Putter -- verzollt ...«

Er sucht in allen Taschen.

»Wo ist der Zollschein?«

Liebich dreht alle Taschen um, immer wieder, immer wieder -- er sucht wie verrückt nach 'm Scheine.

»Ich -- ich hab'n verloren ...«

Wenzel lacht hämisch.

»Wenzel, mach' mich nich unglücklich.«

Liebich sinkt geknickt auf seine Karre. »Hab' Erbarmen, Wenzel, laß mich laufen ...«

»Marsch, nach dem Zollamt!«

»Hab' Erbarmen, Wenzel ...«

»Nichts da! Vorwärts marsch, oder ...«

»Wenzel, denk' an de Franziska -- mach se nich unglücklich wegen den paar Pfund Putter ...«

»Vorwärts! Die Karre aufnehmen und -- marsch vor mir her. Bei Fluchtversuch kriegst 'ne blaue Bohne zwischen die Rippen!«

»Erbarm dich, Wenzel -- erbarm dich über mich und de Franziska ...«

Der Grenzer hebt das Gewehr. Da nimmt der Liebich die Karre auf. Aber er läßt sie wieder fallen. Es wird ihm schlecht -- er muß sich hinsetzen -- alle Glieder zittern ihm -- es würgt ihn ...

»Ich glaub' -- mich hat -- der Schlag gerührt -- mir is so schlecht!«

Liebich is kaum imstande, sich wieder aufzurichten. Den schweren Schubkarren zu stoßen, is ihm ganz unmöglich. Er faßt immer nach 'm Herzen. So muß der Grenzer schließlich selber zugreifen. Er schiebt den Karren, und Liebich muß drei Schritt vor ihm her gehen. Wollte er ausreißen, wär's sein Tod. So geht's den steilen Berg hinauf. Der Weg is glitschig; das Wetter is schauderhaft -- Wind und Regen schlagen den beiden ins Gesicht. Der Grenzer schwitzt und kann's kaum noch ermachen. Aber er muß den Karren schieben; denn der Liebich is ganz hin. Taumelig geht er vor ihm her. Immer wieder mal sagt er:

»Wenzel, ich bitt' dir alles ab, was ich dir angetan hab' -- aber laß mich laufen -- tu's uns nich an!«

Der andere hört nicht darauf.

Und nu kommt's.

Wie sie den Berg rauf sind, bis zur Chaussee und nich mehr weit zum Zollhause haben, greift der Liebich uff eenmal in de Westentasche und sagt ganz gemütlich: »Na, da hab' ich ihn ja!«

Und a bringt einen richtigen Zollschein raus. A hatte die Putter richtig verzollt. Der Grenzer, der kaum noch schnaufen kann, steht wie versteinert vor ihm, und Liebich lacht und sagt:

»Ich dank' dir ooch, Wenzel, daß du mir die schwere Karre auf 'n Berg geschoben hast. Bist halt doch ein gutter Kerl, Wenzel! Von der Putter back' wir nu Hochzeitskuchen. Sollst 'n Stickel davon kriegen.«

Der andere is nu nahe am Ersticken gewest, aber der Liebich hat gemeint:

»Ich hab' dir's doch von vornherein gesagt, daß ich die Putter verzollt hatte. Und wenn ~ich~ dir was sag', kannste es doch glauben.«

Hat die Achseln gezuckt, is plötzlich wieder ganz bei Kräften gewest und hat seinen Karren auf der Chaussee gemütlich weitergefahren. Und der Wenzel hat sich an einen Baum anhalten müssen und hat laut geheult vor Wut und Scham, wie ihn der andere geäfft hat. A hat mir amal erzählt, a hätt' ihn totschießen wollen, aber der liebe Gott hätte ihn vor der Sünde bewahrt. Aber er hat 'n tödlichen Haß uff a Liebich, und das nehm' ich ihm ooch nich übel.«

Soweit ging die Erzählung des Roten Hahnenwirtes.

* * * * *

Es war unterdes dunkel geworden, und wir gingen schlafen. Von meiner Giebelstube aus sah ich noch ein wenig hinaus auf die dunklen Waldberge. Wer weiß, wo der Wenzel jetzt lag mit der Flinte im Arm und auf das menschliche Wild lauerte, das sich scheu und verstohlen durch die schwarzen Waldgänge schlich und auf jeden Laut lauschte, auf jedes Zeichen Obacht gab, das ein nahes Verderben anzeigen konnte. Und wie ich noch so hinaussah, passierte ein Schmugglerstück dicht vor meinen Augen.

Ein Mann mit einem Schubkarren tauchte aus dem Dunkel auf. Er klopfte leise an einen Fensterladen. Der Hahnenwirt kam aus dem Hause, spähte erst nach allen Seiten, verhandelte mit dem Mann im Flüsterton und belud dann seinen Karren mit einem Faß und einem kleinen Paket.

Der Hahnenfuß und die drei Stengel Rosmarin!

Das ging nun hinüber über die Grenze nach dem »Blauen Hahn«. Ich war so aufgeregt, daß ich noch nicht schlief, als die Wirtsstubenuhr unten die elfte Stunde klirrte. Nicht lange darauf klopfte es unten an die Tür. Ich fuhr rasch in die Kleider; denn wo hätte ich junger Bursch ein Geschehnis in dem alten Schmugglerhaus verpassen wollen. Ich schlich die Treppe hinab und duckte mich in einen Winkel. Hollmann kam mit einer Laterne angeschlürft und fragte, wer draußen sei.

»Liebich -- der Wassermüller Liebich!« antwortete eine tiefe Stimme.

Mir pochte das Herz. Der Müller Liebich, der war ja der berühmte Schmuggler, der Gegner Wenzels, des Grenzers. Da öffnete der Wirt die Tür. Ein kräftiger Mann stand draußen.

»Nanu, Liebich, willst du was über die Grenze schaffen?«

»Ja,« sagte der andere, und seine Stimme war ganz heiser. »Meine -- meine Frau will ich rüberschaffen.«

»Deine -- Frau?«

Liebich lehnte sich an den Türpfosten.

»Sie is gestorben,« sagte er tonlos. »Die Leiche will ich rüberschaffen. Da liegt sie.«

Er wies auf ein Wägelchen, das draußen im Dunkel stand.

»Liebich,« rief der Hahnenwirt, »du redst wohl irre? Du wirst doch mit sowas keen Allotria treiben!«

»Komm raus,« sagte der andere. Der Hahnenwirt ging hinaus, und ich folgte, ohne daß mich jemand bemerkte. Liebich hob eine Decke von dem Wägelchen auf. Darunter stand ein Sarg. Tiefinnerlicher Schmerz schüttelte den Mann so, und er weinte so stoßweise, so bitterlich, daß der ganze furchtbare Ernst klar war.

»Wann -- wann is se denn ...«

»Vorgestern. Wir haben das erste Kind gekriegt. Nach sechs Jahren. Das Kind lebt -- die Franziska is tot.«

»Und nu willst du sie rüberschaffen? Nach Hause?«

»Ja, sie wollte drüben begraben werden.«

»Und warum bringst du sie denn in der Nacht?«

»'s macht sonst zu viel Schererei, wenn man eine Leiche über die Grenze haben will. Is se aber erst amal drüben, wird se ooch drüben begraben.«

Liebich wollte die Leiche seiner Frau über die Grenze schmuggeln. Er konnte wohl gar nicht anders; sein ganzes Denken war so eingerichtet, daß ihm ein Verhandeln mit Grenzbehörden ganz ausgeschlossen schien. Müde setzte er sich auf die Bank, auf der ich vorhin mit Hollmann gesessen hatte.

»Ich wollt's alleine schaffen,« sagte er, »aber ich kann nich. Die Kräfte verlassen mich.«

Was er dem Feinde gegenüber früher einmal geheuchelt hatte, war jetzt bitterster Ernst geworden.

»Du mußt mir helfen, Hollmann; ich ermach's nich alleine.«

Der Gastwirt erholte sich von seiner Bestürzung; dann versprach er, dem Freunde zu helfen. Jetzt erblickte er auch mich und schnob mich wohl erst zornig an; aber nach einigem Hin und Her erlaubte er mir sogar, mich dem kleinen traurigen Zug anzuschließen.

Die Leiche einer jungen Frau und Mutter auf einem kleinen wackeligen Wägelchen, vorn an der Deichsel der leise schluchzende Mann, hinten, den Karren schiebend, Hollmann und ich, so ging es langsam den Bergweg hinauf. Ein müder Nachtwind surrte durch die Bäume, ein feiner Regen rieselte vom Himmel. Was war das für eine traurige Fahrt! Und doch pochte mir das Herz in ungewohnten Schauern, und die Wangen brannten mir viel mehr von der Aufregung als von der Anstrengung.

Bei einer Wegbiegung blieben die Männer halten und lugten nach der Höhe. Ein Licht brannte dort oben, wohl in dem Häuslein irgend eines Webers oder kleinen Bauern.

»Die Straße ist sicher!« sagte Hollmann; denn das Licht war ein Signal für die Schmuggler, daß kein Grenzer auf dem Wege war, es war wie ein Leuchtturm für die Gefährdeten unten im dunklen Waldmeer.

Liebich legte sich mit dem ganzen Oberkörper auf den Sarg und fing wieder an zu weinen. Er preßte den Kopf an das harte Holz, das sein Liebstes umschloß, er küßte den Sarg, er umklammerte ihn mit den Armen.

Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir wieder weiterfuhren. Den Zollhäusern wichen wir auf einem Nebenwege aus. Als wir aber jenseits der böhmischen Station waren, erlosch plötzlich das Licht am Berge.

Die Männer blieben stehen und lauschten.

Wir waren in Gefahr.

»Vorsicht!«

Wir hielten an. Liebich schnaufte tief und grimmig auf. »Nich amal die Toten lassen se ihres Weges ziehen!«

Dann legte er den Finger an die Lippen. Das Wägelchen mit dem Sarge stand ganz am Rande der Straße. Liebich drückte sich an einen Baum, und Hollmann zog mich leise hinter den Sarg. Dort kauerten wir uns nieder.

Minuten vergingen. Sacht und fein rieselte der Regen. Die Berglehne stieg schwarz gegen den Nachthimmel empor. Mich fror. Da huschte Liebich unhörbar die Straße entlang auf eine Brücke zu. Ich sah, wie er darunter verschwand.

»Was macht er?« fragte ich kaum hörbar.

»Ruhig!« brummte der Gastwirt ziemlich laut. »A sucht die Brücke und a Graben ab. Da stecken se meist -- und nu nich immerfort reden, sonst ...«

»Halt!«

Wie aus der Erde herausgeschossen, stand ein Mann vor uns. Wenzel Hollmann -- der Grenzjäger war es. Er hatte die Flinte unter dem Arm.

»Halt! -- Wer seid Ihr?«

Er trat näher.

»Der Hahnenwirt,« sagte er betroffen. »Was machen Sie hier? Was ist das für ein Sarg?«

Der Wirt war fürchterlich erschrocken, aber er wollte sich's nicht merken lassen und sagte in schwerem Mißmut:

»Wenzel, Sie kennen mich! Sie wissen, daß ich der ehrlichste Mann im ganzen Gebirge bin, der noch nie daran gedacht hat, das Allergeringste zu schmuggeln. Also, lassen Se mich in Ruhe und gehen Se Ihres Weges.«

»Was ist das für ein Sarg?« wiederholte der Grenzjäger statt aller Antwort seine Frage. Er trat heran und wollte die Decke, die nur das Kopfende des Sarges freiließ, entfernen.

Da kam ein gurgelnder Laut von der Brücke her.

»Laß den Sarg stehen! Geh weg vom Sarg, du verfluchter Spürhund!«

Liebich raste heran.

»Ich schlag' dich tot, wenn du den Sarg anrührst!«

»Was ist in dem Sarge?« fragte der Grenzer mit eiskalter Stimme.

»Das geht dich nichts an!«

»Was ist in dem Sarge?«

Der Grenzer hob die Flinte. Da mengte sich der Gastwirt ein.