Chapter 7 of 22 · 3932 words · ~20 min read

Part 7

Schließlich sagt der Vater, er wolle einmal in den »Löwen« hinübergehen; dort sitze jetzt sicher der Herr Kantor, der Hermanns Pate war, mit dem wolle er den schwierigen Fall besprechen.

Der Herr Pate saß wirklich am Stammtisch und lachte Tränen, weil auch er gerade der Runde das telephonische Gespräch erzählt hatte. Und als Meister Klemens nach einer Stunde wieder heimkam, sagte er zu seinem Sohne:

»Die Sache ist gemacht! Wir telephonieren jetzt den Kaiser an. Ich hab' mich erkundigt: er hat natürlich Telephonnummer Million. Also du sagst: er möchte, bitte, entschuldigen, du könntest die Prinzessin nicht heiraten, denn du seist erst neun Jahre alt, und dein Herr Kantor und Pate erlaube es nicht!«

Der Junge sträubt sich und will nicht; er sagt, er geniere sich vor dem Kaiser; aber endlich kommt das Gespräch zustande. Der Kaiser ist auch gleich aufs erste Klingelzeichen am Apparat.

»Waas?« brüllt er. »Du willst nicht? Der Kantor erlaubt's nicht? Wer hat mehr zu sagen: der Kaiser oder der Kantor? Ich werde mein Kriegsheer schicken und den Kantor totschießen lassen.«

»Nein -- nein -- bitte -- bitte -- nicht,« wimmert das Büblein.

»Der Kantor ist wohl dein Lehrer?«

»Ja, ja!«

»Hast du ihn denn so gern -- den Lehrer?«

»Ja -- ja -- ich hab' ihn -- sehr -- sehr lieb! Er ist sehr gut und lustig.«

Da muß sich offenbar der »Kaiser« an der anderen Seite des Drahtes die Nase schneuzen. Man hört es deutlich. Und dann sagt er ganz milde:

»Du bist ein guter Junge -- und du kannst bei deinem Vater und deinem Lehrer bleiben, und zu Weihnachten kommt eine ganze Kiste Soldaten und Kanonen für dich.«

Klinglingling! Das Gespräch war aus.

* * * * *

Nur ein Jahr war das her. Es war alles wie sonst, das Feuer brannte im Ofen, die Arbeit lag auf dem Tische, viele Bestellungen kamen Tag um Tag.

Der Bilderschnitzer aber starrte ins Licht der Lampe.

So ein Kind kann sterben -- kann einem genommen werden! So mitten heraus aus dem Leben -- gesund und tot. Was war das Leben noch wert? Was ging ihn Weihnachten an? Was ging es ihn an, daß fremde Kinder sich an seiner Hände Werk erfreuten?

So ein Kind kann sterben!

Er trat ans Fenster, sah hinauf zum kalten Nachthimmel. Wie waren die Sterne so nahe! Wenn er von der Stadtmauer bis zum nächsten Ort schaut, ist der weiter, als diese Sterne sind. Und er kann sein Kind nicht sprechen, sein Kind nicht sehen?

Warum erfindet Ihr denn alles, warum erfindet Ihr denn nicht, daß man einmal ein paar Minuten mit einem Toten sprechen kann? O, gäbe das einen Frieden ...!

Ein rasendes Verlangen nach dem Jungen packt ihn. Das Telephon hängt noch an der Wand. Einmal hat der Junge auch mit dem Himmel gesprochen -- mit dem Nikolaus, der dort in der Goldenen Spielzeugstraße Nummero 1000 wohnt. Er hat ihm seine unschuldigen Wünsche gesagt und beigefügt, Schnitzwerk wolle er nicht haben; denn das könne auch im Himmel niemand besser machen als sein Vater. Da ist dem »Nikolaus« am anderen Ende des Drahtes damals die Stimme ausgegangen.

So ein Kind muß sterben!

Weinend reißt der Bilderschnitzer an der Kurbel, und in verzweifeltem Weh spricht er mit seinem toten Knaben ...

Drunten in der Wohnstube sitzt ein blasses, stilles Weib. Dieses hört das Klingelzeichen und nimmt den Hörer:

»Hermann, höre mich -- Hermann, ich rufe dich -- ich halt' es nicht mehr aus ohne dich -- mein lieber Junge -- ich verzweifle ohne dich -- o komm wieder -- o komm wieder, lieber Junge!«

* * * * *

Der Einsame oben erschrickt. Er hat ein leises Weinen vernommen. Dann -- dann hat er eine Stimme gehört, die schlicht und klar sagt:

»Gott schickt dir ein neues Kind!«

Da stürzt er die Treppen hinab und reißt die Tür zur Wohnstube auf. Seine Frau hat noch den Hörer in der Hand.

»Ist es wahr?« stammelt er.

»Es ist wahr!« antwortet sie und reicht ihm tröstend die Hand hin.

Die Briefe der Tochter

Eine Skizze aus dem Leben

Es war einige Zeit vor dem Kriege.

Die verwitwete Frau Geheimrat hatte zwei Töchter. Die ältere -- Hedwig -- war zu Haus bei der Mutter geblieben: die jüngere -- Irene -- war ihrem Gatten tief ins Russenland gefolgt, wo sie mit ihrem Manne ein Gut bewirtschaftete. Die Schwestern glichen sich außerordentlich bis in viele, ja ganz lächerliche Kleinigkeiten. Beide waren frische, sonnige Mädel. Als aber Irene fortgezogen war, wurde es sehr einsam im Hause der Mutter; ein Herzleiden legte der alten Dame die größte Schonung auf, und als die Jahre an Hedwig vorübergingen und die Hoffnung auf Ehe- und Mutterglück ihr langsam zerrann, wurde sie ein stilles Mädchen mit dem leisen wehmütigen Lächeln, das diejenigen haben, die auf das Schönste verzichteten und denen doch die tiefe Güte des Herzens blieb.

Alle zwei Jahre kam Irene einmal zu Besuch. Dann war die Jugend wieder im Haus, dann war alles Sehnen und Bangen fern, dann funkelten die Wände und glitzerten die Fensterscheiben. Wenn aber der Abschied gekommen war, wenn die Uhr wieder so müde und einförmig tickte und die toten Stunden zählte, dann blieb nur die Hoffnung: in zwei Jahren kommt sie wieder, dann blieb nur die eine ganz fröhliche Stunde in der Woche, wenn Irenes Brief am Sonnabend kam und ihre liebe drollige Art aus den Zeilen zu den Vereinsamten sprach. Dann lachten sie oft unter Tränen, legten den Brief in ein Mahagonikästlein zu den andern und dachten stolz und glücklich an Irene, wie man an einen großen Schatz in der Ferne denkt ...

Im fünfzehnten Jahre nach der Verheiratung Irenes erhielt Hedwig durch eine Mittelsperson von ihrem Schwager eine heimliche Nachricht, die Entsetzliches brachte. Irene war bei einem Aufstand von einem betrunkenen Bauern erschlagen worden.

Eine Base war es, die Hedwig zu sich gerufen und ihr den Unglücksbrief übermittelt hatte. Erst nach zwei Stunden gelang es dem Hausarzt, einem alten Freund der Familie, das zusammengebrochene Mädchen zu sich zu bringen. Nach der dritten Stunde schickte die ahnungslose Mutter nach ihr. Es wurde eine Ausflucht gefunden, und Hedwig saß noch weitere zwei Stunden bei der Base.

»Weinen Sie! Weinen Sie sich aus!« sagte der Arzt.

Aber Hedwig weinte nicht. Sie sprach auch nicht. Sie saß ganz still da. Zuletzt erhob sie sich und stand gerade und fest.

»Mich hat's getroffen,« sagte sie, »die Mutter wird's nicht treffen. Ich werde es ihr nie sagen -- nie!«

Sie wies jede Begleitung ab und ging allein nach Hause. Und sie belog zum erstenmal die Mutter. Während sie das Abendbrot bereitete, war sie lebhaft und lachte ein paarmal stoßweise.

»Du bist so komisch!« sagte die Mutter.

»Das Leben ist überhaupt komisch,« entgegnete die Tochter; »du glaubst gar nicht, wie komisch.«

Die Mutter schüttelte den Kopf.

Nach dem Abendbrot sagte Hedwig: »Ich habe so Lust, ein paar Briefe von Irene zu lesen.«

Damit war die Mutter immer einverstanden. Und Helene suchte aus dem Mahagonikasten die lustigsten Briefe heraus, die Irene je geschrieben hatte und las sie laut vor. Die Mutter lächelte und nickte glückselig mit dem Kopf, und Hedwig kicherte bei jeder drolligen Stelle der Briefe.

»Siehst du,« sagte sie am Schluß, »solche Briefe könnte ich nie schreiben, mir fehlt der Humor.«

Die Mutter seufzte.

»Liebes Kind, Irene hat auch viel mehr Grund lustig zu sein, als du in deiner Einsamkeit.«

»Ja,« nickte Hedwig versonnen, »Irene hat allen Grund, sich über das Leben lustig zu machen. Aber ich werde von jetzt an auch lustig sein, Mutter, paß nur auf!«

In der Nacht hatte Hedwig, die bei der Mutter schlief, ihr Taschentuch im Mund wie einen Knebel, weil sie sonst laut aufgeschrien hätte. Aber am Morgen lächelte sie wieder und pfiff dem Kanarienvogel eine Melodie vor.

Am gleichen Morgen wurde Irene in Rußland begraben ...

Nächsten Sonnabend blieb der gewohnte Brief aus Rußland aus. Die Mutter betrübte sich; aber Hedwig lachte und sagte:

»Wird sich russisches Postmeister gesagt haben: wozu soll immer schöne russische Marke in dreckige Deutschland wandern? Mach' ich Marke los von Brief, schmeiß' Brief weg, verkauf' Marke noch einmal, geht auch!«

»Du bist jetzt immer sehr vergnügt, Hedwig.«

»Findest du, Mutter? Ich will noch vergnügter werden.«

Eine Woche verging, der Sonnabend kam wieder; die alte Geheimrätin saß schon in früher Morgenstunde am Fenster und wartete auf den Briefträger.

Und er brachte den gewohnten Brief von Irene.

»Diesmal hat Postmeister nicht Marke gemaust,« sagte Hedwig heiter, riß den Brief auf und las ihn laut vor. Schon nach dem dritten Satz lachte sie laut auf.

»Diese Irene ist ein zu drolliges Ding!«

Die Mutter freute sich auch über den Brief, wunderte sich aber, daß ihn Hedwig gar so lustig fand.

»Er ist witzig,« sagte die alte Frau zum Schluß, »aber ich weiß nicht -- die andern sind so mehr lieb und drollig.«

»Was du auch hast, Mutter; ein Brief fällt nicht aus wie der andere!«

»Gib mir den Brief.«

»Aber du hast ihn doch schon gehört, Mutter.«

»Na, gib ihn schon,« sagte die Alte ärgerlich; »ich will ihn doch selbst lesen; man hat doch die Schrift in den Händen.«

Die Mutter setzte die Brille auf und las.

»Die Schrift ist ein bißchen verändert,« sagte sie; »Irene mag eine neue Art Feder gehabt haben.«

»Ja, wahrscheinlich,« stimmte Hedwig bei und tastete sich durch die Tür nach der Küche.

Sie und ihre Schwester hatten immer eine Schrift gehabt, die nicht zu unterscheiden war. Nun, da Hedwig unter tausend Qualen und Mühen einen Irenenbrief an die Mutter geschrieben und ihn dem Schwager zur Rücksendung zugestellt hatte, fand sie ihre eigene Schrift verändert und konnte es nicht verhüten.

Noch am gleichen Tage mußte sie den »Brief von Irene« beantworten und der Mutter das Antwortschreiben geben.

»Aber Hedwig,« sagte diese betroffen, »deine Schrift ist ja auch anders geworden, und zwar gerade wie die von Irene.«

Hedwig zuckte die Achseln.

»Das macht wahrscheinlich, weil wir beide älter werden, Mutter. Irene und ich werden immer gleich bleiben; ich glaube, wenn die eine mal tot ist, ist die andere auch tot.«

»Kind,« sagte die Mutter streng, »ich verbiete dir, daß du so was von dir und Irene sagst.«

»Ich werde es nie wieder sagen, liebe Mutter!«

So vergingen fast zwei Jahre. An jedem Sonnabend kam ein Brief von Irene. Er enthielt immer viel Lustiges, Schilderungen aus der Häuslichkeit, Szenen aus dem russischen Gemeindeleben. Gott weiß, wie schwer Hedwig die Abfassung dieser Briefe wurde. Der Schwager mußte ihr »Stoff« liefern (immer durch die Base), und Hedwig war glücklich, als sie einen Band »Anekdoten aus dem russischen Volksleben« erstehen konnte. Den ganzen Band schrieb sie nach und nach in den Briefen »von Irene« ab. Der Mutter gegenüber atmeten die Briefe immer die reinste Liebe; sie waren immer von zärtlicher Sorge erfüllt, die Mutter möge ihres Herzleidens wegen sich vor jeder Aufregung hüten; denn die Geschehnisse dieses jämmerlichen Erdendaseins seien gar keiner Aufregung würdig.

Manchmal sagte die Mutter: »Findest du nicht auch, Hedwig, daß sich Irene verändert haben muß? Es ist eine Schärfe und Härte in ihren Stil gekommen, die früher nicht da waren und die mir leid tun. Das Kind muß etwas Trübes erfahren haben, was mir verschwiegen wird. Nein, nein, widersprich mir nicht, Hedwig; eine Mutter hat feine Ohren.«

Dann entwarf Hedwig den nächsten »Irenenbrief« wohl fünfmal, ehe sie ihn abschickte und prüfte jeden Satz immer und immer wieder, ob nicht die Note ihrer eigenen tiefen Herzenserbitterung darin mitklinge. Und manchmal blickte sie in stummer Qual auf zum Himmel: »Führ' mir die Hand, Irene!«

Nach zwei Jahren war die Zeit gekommen, daß Irene ihren Besuch machen sollte. In jenen Wochen konnte es Hedwig nicht mehr verbergen, daß sie sehr krank war. Der alte Hausarzt kam, sprach von Nerven und Bleichsucht und verordnete seine Mittelchen. Und eines Tages kam ein kurzer mit Bleistift geschriebener Brief aus Rußland:

»Liebe Mutter, ich war so leichtsinnig, auf eine Leiter zu steigen und bin gefallen. Meine Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, was Du schon daraus sehen kannst, daß ich Dir selber -- wenn auch mühsam -- schreibe. Das Schlimmste ist, daß der Arzt sagt, eine anstrengende Reise nach Deutschland sei auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Arme Mutter! Ich liebe Dich und küsse Dich und Hedwig.

Eure Irene.«

Die alte Frau bekam einen bösen Anfall; ihr Leben war in Gefahr, und Hedwig stand im Hausflur vor dem alten Arzte und sagte: »Ich habe den Tod betrügen wollen; er läßt sich nicht betrügen!«

Aber die Mutter wurde wieder gesund, hauptsächlich weil der Schwager alle Tage telegraphisch gute Nachricht über das Befinden Irenes gab. Nach vierzehn Tagen saß die alte Dame wieder im Lehnstuhl am Fenster und sagte zu Hedwig:

»Kind, ich traue deinem Schwager nicht, daß er mir Irenes Zustand zu günstig schildert. Fahr' hin, Kind, überzeug' dich selbst, wie es Irene geht, und gib mir dann Nachricht. Wenn du mir gute Nachricht gibst, ist sie wahr; denn du hast mich noch nie im Leben belogen.«

Da wandte sich Hedwig ab und starrte mit gläsernen Augen die Wand an.

Am dritten Tage ließ sie die Mutter in der Obhut der Base und reiste nach Rußland. Endlos war die Fahrt durch die nüchterne Ebene. Als sie auf der kleinen Station ankam, trat ihr der Schwager entgegen, führte sie abseits unter eine Baumgruppe und sagte in tödlicher Verlegenheit:

»Hedwig, noch ehe wir in den Wagen steigen, muß ich dir etwas sagen -- ich bin -- ich bin wieder verheiratet.«

»Du bist -- du bist ...?«

»Ja, ohne Hausfrau konnte ich das Gut nicht halten.«

»Ah!«

Sie sah sich wie betäubt nach dem Bahnhof um.

»Wann fährt denn der nächste Zug zurück?«

»Hedwig!«

»Ich kann ja nicht -- kann ja nicht ...«

Sie saßen wohl über eine Stunde unter der Baumgruppe auf einer Bank. Der Schwager redete viel auf sie ein. Sie aber sagte immer nur mit einem irren Ausdruck in der Stimme:

»Die Mutter, die Mutter ...«

Und endlich fuhr sie mit dem Schwager heim und wurde von der neuen Gutsherrin freundlich empfangen. Am Abend schickte sie einen Eilbrief nach Hause.

»Irene geht es sehr gut. Sie hat einen so zielbewußten, tüchtigen Mann.

Hedwig.«

Drei Wochen hielt sie es aus. Sie schmückte Irenes Grab mit den wenigen schlichten Blumen, die sie in der Landschaft fand, und freute sich des Töchterleins, das die Schwester hinterlassen hatte. Die kleine Irene war ein zwölfjähriges Mädchen, lebhaft und heiter wie ihre Mutter. Den ganzen Nachmittag entwarf und schrieb Hedwig Briefe. Abwechselnd war immer einer mit Irene, der andere mit Hedwig unterzeichnet. Nicht nur das Briefpapier wechselte, nein, auch der Stil. Während Irenes Briefe heiter, liebevoll, romantisch waren, schrieb Hedwig geschäftsmäßig und trocken.

Kurz vor ihrer Abreise verlangte Hedwig von ihrem Schwager in bestimmtester Form, daß er ihr Irenes Kind überlasse und mitgebe. Er sah sie in seiner scheuen, aber milden Weise an und wandte ein:

»Glaubst du, daß das Kind nie verraten wird, daß seine Mutter tot ist?«

Da brach Hedwig in bittere Tränen aus und fuhr allein durch die trostlose Steppe Rußlands heim.

Nach einem Jahre neigte sich das Leben der alten Frau Geheimrat zu Ende. Der Hausarzt machte schließlich der Tochter gegenüber kein Hehl mehr daraus. Und er fand sie gefaßt.

»Drei Jahre habe ich mir das Leben der Mutter noch ertrotzt -- jetzt kann ich es wohl nicht mehr,« sagte sie.

Sie saß oft und sann, ob sie nun der Mutter alles offenbaren solle. Aber sie kam immer wieder zu dem Schluß: »Sie soll erst erfahren, daß sie Irene verloren hat, in dem Augenblick, wo sie ihren Liebling wiederfindet. Nicht eine Sekunde soll sie Herzeleid haben um Irenes grausamen Tod.«

Dabei blieb es. Die Mutter, die ihr Ende nahen fühlte, ließ Brief über Brief an Irene schreiben, und jeden Tag kamen Briefe zurück voll innigster Liebe, aber auch voll Klagen, daß gerade jetzt eine Reise unmöglich sei. Dazu Vertröstungen auf nahe Zukunft.

So kam die Todesstunde. Da rief die Mutter:

»Telegraphiere an Irene -- sie muß kommen -- muß. -- Besorge selbst das Telegramm, Hedwig -- andere besorgen es nicht richtig!«

Hedwig entfernte sich. Als sie nach kurzer Zeit in Mantel und Hut zurückkam, rief die Mutter:

»Irene -- Irene -- du bist da -- du bist da!«

Hedwig sank am Bett in die Knie. Der Hut fiel ihr vom Kopf, die Sterbende streichelte ihre braunen Haare.

»Irene -- mein Kind -- du bist da -- du warst so lange -- Hedwig und ich haben so gewartet -- Hedwig ist ein sehr, sehr gutes Mädchen.«

Dann wurden die Augen weit, die Sterbende hob den Kopf der Knienden, starrte ihr ins Gesicht und sagte:

»O, du bist -- nicht Irene -- du -- bist Hedwig ...«

Sie sank zurück in die Kissen, starrte nach der Decke, griff mit den Händen in die Luft und rief plötzlich:

»Da steht Irene -- dort oben!«

Und starb ...

Nach Minuten erhob sich Hedwig und drückte der Mutter die Augen zu. Sie streichelte die blasse Wange und sprach:

»Nun weißt du es, Mutter. Nun zürne mir nicht und sage auch Irene, daß sie der Fälscherin nicht zürne!«

* * * * *

Am Begräbnismorgen erschien der Schwager aus Rußland. Er führte Irenes Kind an der Hand, übergab es Hedwig und sagte:

»Ich bringe dir das Kind, damit du nicht zu allein bist.«

Da schaute Hedwig den Schwager an und sagte:

»Richard, du bist ein treuer Mensch!«

Am Abend, als sie beisammen saßen, sagte Richard:

»Hedwig, achte nur darauf, daß mir die kleine Irene alle Wochen einen Brief schreibt -- mir würde sonst die Sonne fehlen.«

Und er sah mit verlorenem Blick in den Abend hinaus.

Die letzte Furche

Eine romantische Geschichte von Paul Keller

Der Tod.

Gar viele meinen, das sei immer der Knochenmann mit der Sense auf der Schulter.

Aber das ist nicht so.

Der Sensenmann -- der ist nur einer von der großen Kompagnie, die »Tod« heißt. Wo die Donner der Schlacht dröhnen und die Blitze der Bajonette zucken, da mäht er seine Schwaden; oder wo die Schwüle der Seuchenpest lastet, da schwingt er seine Sense; oder wo eine heiße Lokomotive auf eine brüchige Dammstelle zusaust, da fällt seine Ernte. Der Sensenmann arbeitet nur im großen; einzelne Halme mäht kein Schnitter.

Für die einzelnen sind die kleineren Geschäftsgenossen da. Zum Beispiel der Rüpel.

Der zieht dem fleißigen Maurer unvermutet die Leiter unter den Füßen weg; der stopft mit flinkem Finger einem gemächlich Schmausenden einen Knochen in den Hals; der stößt ein Kind, das nach jungen Enten schaut, in den Teich; der schmiert einer Brummfliege Gift an den Stachel und hetzt sie auf einen arglosen Wandersmann wie einen tollen Hund.

Oder der Zauderer.

Der ist sentimental. Der ist ein Schwächling. Er hat keine Energie, er vermag niemals sein Werk stark und flink zu tun. Wochenlang, monatelang, jahrelang sitzt er am Lager seines Opfers und zögert und verschiebt's vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Morgen. Er weicht zurück vor jedem bißchen neuen Lebensmut, er geniert sich vor dem Weinen klagender Freunde, er mag das Netz nicht zerreißen, er knüpft feig' und heimlich Masche an Masche auf, und wenn ihm ein Tröpflein Medizin ins Gesicht gespritzt wird, verkriecht er sich in den Winkel. Aber er kommt immer wieder, entknotet mit heimlichem Finger immer wieder Masche um Masche und kann es nicht über sich bringen, sein Werk zu vollenden, bis der von Schmerzen Gepeinigte mit bettelnder Stimme selbst Tag und Nacht nach ihm ruft. Und wenn es dann endlich getan ist, wenn die Freunde tiefseufzend sagen: der Tod war eine Erlösung! -- dann schleicht der Zauderer davon und lächelt und hält sich für besser und gutherziger als seine Genossen.

Um noch einen dritten zu nennen: der Schneider.

Der hat nicht viel gelernt. Er ist ein simpler Bursche. Seine ganze Kunst besteht darin, mit einer Schere den Faden, der vom Himmel auf jedes Menschen Haupt sich herabstrafft und diesen Menschen aufrecht hält, unvermutet durchzuschneiden, worauf der Entfestigte plötzlich am Boden liegt und seine Freunde vor Schrecken das Zittern kriegen. Der Schneider hält sich für einen Humoristen. Wenn er einem, der in guter Weinlaune gerade voller Behagen eine Anekdote erzählt, den Faden durchschneidet, glaubt der Schneider, daß es keine wirksamere Pointe gäbe. Denn diese Anekdote und ihren Schluß vergißt kein Hörer sein Leben lang. Oder wenn einer gerade in puterrotem Zorne schimpft und sich aufrichtet gegen seine Widersacher und plötzlich auf der Nase liegt, so meint der Schneider, das sei nichts anderes als eine Illustration zu der großen Erdenweisheit: »Mensch, ärgere dich niemals!« Der Schneider hat viel Ähnlichkeit mit seinem Kameraden, dem Rüpel; er faßt rasch zu, überlegt nichts, macht seine Arbeit so aus der Laune, so aus dem Handgelenk heraus. Nur ist er weniger brutal als der Rüpel. Kinder und einfaches Volk verschont er fast immer, nur unter den »besseren« Ständen erlaubt er sich oft seine Streiche.

Manchmal freilich kommt er auch als gütiger Menschenfreund. Da sitzt ein alter Gelehrter, der nichts mehr vom Leben erwartet, vor einem Lieblingsbuch und sinkt mit dem weisen Antlitz plötzlich auf die geliebten Zeilen, wie ein Mondenstrahl fällt ins tiefe Meer; oder ein Beter, der mit Gott spricht, hört unvermutet sein »Amen« in der Ewigkeit klingen, oder ein Schläfer, der mit grauen Sorgen zur Ruhe ging, wacht in goldenem Lichte auf, oder ein Verirrter in der Fremde findet sich plötzlich heim. Wundert ihr euch, daß der schlichte Engel, der dem Leben des Bauern Tobias beigegeben war, als er vom Herrn der Zeit den Wink zum Schlußmachen bekam, zu der Genossenschaft der Todesbrüder ging und sich für seinen Schützling den »Schneider« ausbat? Der Engel kannte die Rechnung des alten Tobias, die Rechnung mit dem Himmel, die Rechnung mit der Erde. Sie stimmten beide. Und so bat er sich den Schneider aus.

Am Montagabend, wenn die Lerche zu singen aufhörte, sollte es geschehen.

* * * * *

Der Bauer Tobias war am Montag nachmittags in ganz besonderer Laune aufs Feld hinausgezogen. Im Hof hatte ihn noch sein Lieblingsenkelein, die kleine Traute, angehalten und gemahnt:

»Großvater, du bist mir noch immer die Puppe schuldig, die du mir versprochen hast und die ich schon vorgestern bekommen sollte.«

Tobias hatte sich hinter den Ohren gekratzt.

Richtig! Seit drei Tagen war er der Traute eine Puppe schuldig. Das war nicht in der Ordnung. Und da er Glück hatte, stelzte gerade die dürre Botenfrau vorüber, die nach der Stadt ging. Die hielt er an und sagte:

»Kathrine, ich brauch' eine Puppe. Eine, die was aushält.«

»Und mit blauen Augen,« ergänzte Traute.

»Ja, mit blauen Augen,« sagte der Großvater. »Und da sind elf Groschen, zehn Groschen für die Puppe und einen Groschen für die Besorgung.«

So war das Geschäft abgeschlossen. Tobias war niemandem auf der Welt mehr etwas schuldig, nicht einmal der Traute, der er doch eigentlich immer was »schuldig« war. Nun war er auf dem Felde und pflügte ein Stoppelfeld mit dem Schälpflug um. Es war eine leichte Arbeit.

Eigentlich hätte er es gar nicht mehr nötig gehabt, tätig zu sein. Seit einem Vierteljahr war er im »Auszug«. Und Tobias hatte einen guten Sohn. Dem würde es nicht zuviel sein, wenn der alte Vater zwanzig Jahre lang und länger im Auszug lebte. Nein, er würde sich freuen. Der liebe Gott segne den Wilhelm! Dies kleine Stoßgebetlein war der Refrain von allen heimlichen Hymnen der alten Bauernseele, die zum Himmel emporstiegen.

Furche um Furche zieht der brave Ackergaul den Pflug auf und ab, und Tobias geht hinter dem Pflug, und seine friedvollen Augen sehen mit Freude auf das braune fette Ackerland, das unter dem Eisen emporquillt.

Ein Kleefeld grenzt an das Ackerland. Darüber singt eine Lerche ihre hellen Triller und schwirrenden Melodien. Tobias blinzelt manchmal zu ihr empor in die sonnige Luft. Er hat von jeher die Lerchen gern gehabt.

Näher, immer näher kommt der Pflug dem Kleefeld. Bald ist die Arbeit getan.