Chapter 8 of 22 · 3990 words · ~20 min read

Part 8

Am Himmel türmt sich ein Wolkengebirge auf. Es hat mehrere Gipfel, einen Kammweg, der sie verbindet, dunkle Täler und schroffe Abhänge. Die Sonne nähert sich dem Gebirge, verschwindet hinter ihm und versilbert seinen höchsten Gipfel. Dann sinkt sie hinab hinter die schwarzen Hänge. Es wird plötzlich dunkler und kühler auf dem Felde. Der alte Bauer schaut zum Himmel, ob die Sonne denn schon untergehen wolle, aber er sieht das Wolkengebirge, lächelt und sagt: »Es ist noch Zeit!«

Hell singt die Lerche über dem Klee.

Furche um Furche -- immer dem Ende zu. Der Wilhelm wetzt am anderen Ende des Kleefelds die Sense. Er will das Abendfutter schneiden. Schon knarrt der Futterwagen den Feldweg entlang. Jetzt macht Tobias eine kurze Rast.

Um den Wiesenbusch, der ihm nahe ist, lugt ein Gesicht. Ein scharfer Blick fliegt über die Wiese, so scharf wie der Augenstrahl ist, den der Jäger auf ein Wild richtet. Und nun, wie der Tobias dem Busch den Rücken kehrt, huscht ein Schatten über die Wiese.

Der Tod ist da -- der Schneider. Aber er hört die Lerche noch singen über dem Klee, und die Sonne steht noch über dem Himmelsrande. Er ist zu zeitig gekommen. So duckt er sich, von keines Menschen Auge gesehen, auf die letzte Ecke des Ackerfeldes. Ein betender Engel kniet neben ihm.

Die beiden warten.

Fröhlich fährt Tobias den Acker wieder hinauf. Es ist ihm so wohl; er fühlt sich noch gar nicht müde. Wilhelm hat auch einmal herübergewinkt. Das hat ihn gefreut wie immer.

Wieder wendet sich der Pflug.

»Die letzte Furche,« sagt der Bauer laut. »Freu' dich, Schimmel, die letzte Furche. All Ding nimmt einmal ein Ende!«

Sacht geht's den Acker hinab, auf den Schneider zu, dessen Augen durch die Luft glühen. Und der Schneider reckt den Hals. Aber der Engel faßt ihn an der Hand. Noch singt die Lerche.

Unter dem Wolkengebirge tritt die Sonne wieder hervor, steht klar am Abendhimmel.

Wie der Tobias mitten in der Furche ist, packt ihn plötzlich jemand von hinten an der Schulter. Tobias erschrickt ein wenig und läßt den Pflug fallen. Das Pferd bleibt stehen und sieht sich um.

Da lacht auch schon der Tobias.

»Der G'steifel ist's. Und ich dummer Kerl erschreck'!«

»Ja,« lacht der G'steifel, »niemand kann schneller und leiser laufen wie einer, der ein lahmes Bein hat.«

Tobias begrüßt den alten Freund und Kriegskameraden. Schon anno Siebzig hat der »G'steifel« von den Bayern im Feld seinen Namen bekommen. Jetzt sieht er bewundernd übers Feld.

»Mensch, Tobias, du wirst wohl gar nicht alt? Hast du nun das ganze Feld wieder allein umgewendet?«

»Es ist leichte Arbeit,« sagt Tobias; »der Acker ist mürbe und der Schälpflug greift ja nicht tief. Und unter acht Stunden Feldarbeit am Tage -- das würd' mir nicht gefallen.«

»Wird halt auch mal kommen, daß die Kräfte abnehmen, Tobias.«

»Ja, ja, aber es wird mir nicht gefallen. Es wird mir gar nicht gefallen.«

»Aja, da ist's aber noch lange hin. Vorläufig schnupfen wir mal.«

Der G'steifel zieht eine silberne Tabaksdose aus der Tasche. »Luise« ist auf ihrem Deckel eingraviert.

»Ihr seid doch Kerle,« lacht der G'steifel, »dreiundvierzig Jahre lang gewöhnt mir nu schon meine Luise das Schnupfen ab, und wie ich siebzig Jahr alt bin, schenken mir die Freunde 'ne silberne Luise. Das habt Ihr fein ausgediftelt, Tobias! Das ist ein Witz!«

»Ja, ja,« lacht der Tobias fröhlich, und eine Träne tritt ihm dabei ins Auge. »Sie hat's doch nicht übel genommen?«

»Die Luise? Nu nee. Ihren Namen in Silber! Geschmeichelt gefühlt hat sie sich, hat aber die Dose in den Glasschrank stellen wollen. Na, das gibt's nich. Ich will immer an dich erinnert sein, Alte, hab' ich gesagt. Na, da schnupf' halt.«

»Die Luise soll leben!« sagt Tobias und schnupft. Gleich hinterher muß er an die zehnmal niesen.

»'s is starke Sorte,« sagt der G'steifel. »Meine ausgepichten Nasenröhren müssen so was haben. Du aber bist's nich gewöhnt.«

Am Feldende der Schneider reckt abermals den Hals. Und wieder faßt der Engel seine Hand. Noch singt die Lerche.

»Gut schaust du aus,« sagt der G'steifel. »Warst halt immer ein hübscher Kerl. Ich glaube, damals -- vor dreiundvierzig Jahren -- hätte die Luise lieber dich genommen als mich.«

»Nu nein,« protestiert der Tobias, »mit dir hat's nie ein Bursch aufnehmen können.«

Der G'steifel klopft wehmütig lächelnd auf sein lahmes Bein.

»Nu ja,« sagt Tobias; »fürs Vaterland! Das ist eine Ehre!«

»Ja, ja,« seufzt der alte Kamerad, und bald darauf erörtern sie zum vielhundertsten Male den Fall, wie der G'steifel zu seinem lahmen Beine gekommen ist. Die Arbeit ruht, die letzte Furche liegt halb unvollendet da, die Sonne rückt tiefer am Himmel.

Da steigt die Lerche aus der Luft herab aufs Kleefeld zu. Der Schneider steht auf, geht gebückt den Acker entlang, nimmt die blitzende Schere aus dem Rockärmel. Aber die Lerche steigt noch einmal hoch empor und singt hell und klar über den beiden alten Kriegskameraden, die in Erinnerung schwelgen. Und der Schneider schleicht verdrossen nach seinem Platze zurück.

Nun sind die beiden Alten fertig.

»Du fährst wohl auf dem Kleefuder heim?« fragt der G'steifel.

»Ja, es sitzt sich weich und gut auf dem Klee.«

»Ich kann's nicht,« sagt der G'steifel; »mein Reißen leidet es nicht, auf Klee zu sitzen.«

Sie geben sich die Hände und scheiden voneinander.

Tobias nimmt den Pflug auf und vollendet die letzte Furche.

Hell singt die Lerche. Der Engel hebt die gefalteten Hände. Der Schneider lauert.

Die Furche ist vollendet. Tobias legt den Pflug hin und strängt das Pferd ab. Dann schaut er über den Acker.

Langsam schleicht der Schneider hinter ihm und reckt sich hoch empor über sein Haupt.

»Das ganze Feld liegt schön da!« sagt Tobias in tiefer Zufriedenheit.

Da bricht die Lerche schrill ihre Weise ab und schießt in den Klee.

Ein leises Blitzen über dem Haupt des Tobias.

Ohne den leisesten Laut sinkt er tot auf die weiche, braune Ackererde.

* * * * *

Der Wilhelm rast übers Kleefeld, schreiend und oftmals fallend rennt der entsetzte alte G'steifel. Sie schlucken, sie ächzen, sie machen einige unbeholfene Wiederbelebungsversuche, aber der tote Tobias lächelt zu dem fruchtlosen Beginnen.

Da sehen sie ein, daß alles aus ist.

Laut weinend sinkt der junge, starke Wilhelm neben dem Vater ins Knie; bis ins Mark erschüttert steht der G'steifel neben dem so jäh gefallenen Kameraden. Eben noch stark und froh, und jetzt tot -- wie ist das möglich, wie ist das möglich? G'steifel schlägt dreimal an die Brust: »Gott sei uns Sündern gnädig!«

Dann packt ihn ein lähmender Gedanke. Er hat den Tobias von seinem scharfen Tabak schnupfen lassen, und der hat so sehr niesen müssen, daß ihm wohl eine Herzader gesprungen ist. Herrgott -- Herrgott ...

Der G'steifel weint bitterlich und er verwünscht das böse Tabakszeug, das er gegen den Willen seiner Frau dreiundvierzig Jahre lang geliebt hat. Und er schluchzt: »Ich werd' nimmer froh! Ich werd' nimmer froh!«

Und ist so außer sich vor Schmerz und Verzweiflung, daß er es gar nicht merkt, wie seine Finger mechanisch die Dose öffnen und in der Aufregung Prise um Prise in die Nase stecken.

Der Kleewagen rumpelt heran.

»Auf dem Kleewagen hat er heimfahren wollen,« schluchzt der G'steifel.

Der Wilhelm nickt, und so betten sie den Vater auf den duftenden Klee. Langsam fährt der Wagen über den Sturzacker dem Wege zu. Der G'steifel ist außer sich, und die vermeintliche Schuld drückt ihm das Herz ab. Er hält es nicht aus, er beichtet dem Wilhelm, klagt sich an und schwört dem Tabak ab.

Wilhelm tröstet ihn.

»Der Tabak ist nicht schuld,« sagt er, »Gott hat es so gewollt.«

Da wird auch der G'steifel ruhiger.

Ach, es ist schön, wie der alte Bauer Tobias heimfährt. Die liebsten Pferde ziehen ihn, der geliebte Sohn und der treueste Freund begleiten ihn. Und sie lieben den Toten in diesem Augenblicke viel, viel mehr, als sie sich selbst lieben.

Auf dem Feldhügel bleibt der Wilhelm stehen und deutet nach Westen.

»Da ist Vaters Seele hin!« sagt er ruhig und fromm.

Zwei weiße Gebirge stehen am Himmel mit silbernen Gipfeln und leuchtenden Almen, und mitten zwischen ihnen steht der Weg offen in ein rotleuchtendes goldenes Land.

Die Sonne zog diese Straße, und nun zieht auf ihr ein schlichter Engel mit einer Bauernseele der ewigen Heimat zu.

Was lächelt der Leichnam im kühlen Klee? Ein Bauer zog aus auf ein schmales Feld, ein gekrönter König, der über die ganze Welt erhöht ist, kehrt heim.

Die Abendglocke singt ihr tiefes, frommes Feierabendlied. Am Hoftor sitzt die kleine Traute. Sie hält selig eine neue Puppe auf dem Schoß und lugt mit ihren großen Augen den Feldweg entlang.

Bergkrach

Humoreske in schlesischer Mundart

Ei der letzta Walpurgisnacht hotta amol de schläscha Barge Krach mitsomm. Wer hotte dan Krach ongefanga? Nattierlich kee andrer Mensch als wie der Zotabarg[2]. A hotte die Schniekuppe 'n ale Gake[3] gehissa.

»Was?« schrie die Schniekuppe. »Du Fatzke! Was unterstiehste dich? Bin ich nich eure Keenigin?«

»Nee, du bist 'n ale Gake,« verhorrte der Zotabarg uff sem dicka Kuppe.

»Nu, du niederträchtiger Latschel, du Faffermandla[4], du Ziegequork du! Ich bien doch 'n feine, gebild'te Dame.«

»Jawohl ja, Sie sein 'n feine, gebildete Dame,« sate der Huchwald, dar sich zu benahma weeß, weil a vo a Salzburner[5] Kurgästa Plüh und Bildung gelernt hot.

»Hal ock du die Frasse,« sagte der klobige Zotabarg zum Huchwalde, »sunst verrot ich's erst, daß de anne Liebschoft mit der Eule hust. Ich sah's schun, wie ihr euch immer pussiert. Und der Sturchbarg stieht ni weit vo euch weg.«

»Pfui, pfui, Zotabarg,« schrie der frumme Kreuzbarg bei Striegau, und durch olle die viele Foffabarge ei der Schläsing ging a Sturm, und se hielta 'm Zotabarge 'n Revermande. Der beleidigte Huchwald schmieß augenblicklich dam groba Karle 'n Päpel[6] Wulka on a Kupp, und de Eule schamte sich wie 'n ale Jumfer. Der Sturchbarg tat wie tulpe.

»Was ist denn das für ein Skandal?« fragte das Huche Rad[7] ('s war zu Kaisers Geburtstag werkliches geheemes huches Rad gewurn). »Wer lärmt denn da und stört die Nachtruhe?«

»Ach, Exzellenz,« sate die Schniekuppe, »'s sein nämlich wieder die klein' Leute im Paterre, die Spektakel machen.«

»Natürlich der Pöbel,« sate 's werklich huche Rad. »Wo sind denn unsere Polizisten, die beiden Sturmhauben?«[8]

Die Sturmhauba schliefa leider. 's huche Rad grief ei seine tiefe Hosatosche, ei die gruße Schniegrube, zug an weißa Zädel raus und machte sich 'n omtliche Notiz über die schläfriga Pulzisten.

Nu war's a bißla stille. Uff emol pläkte der Pietschaberg[9] bei Ingerschdurf wie a Feuerkolb. A behaupte unter vielem Gewinsele, der Zotabarg hätt' a mitt'm Fusse geschibbt.

»'s ies gar nie wohr,« striet's der Zotabarg ob, »der ale Lopps, der Pietschabarg, is wieder bepietscht. Eene Krohe hot a immer eim Stäppel, merstenteels aber 'n ganza Heffa.[10]«

»Ich -- ich -- bien -- ganz -- ganz -- un -- un -- gar -- nie -- be -- suffa,« druxte der Pietschabarg, »aber -- Zotabarg, du -- du bist -- uffte -- uffte genug -- benabelt.« Olle Barge ei der Schläsing lachta, und der Zotabarg kriegt 'n ganz verknuchte Bust. A recht's olla mitnandern ei ganz urnara[11] Ausdrücka vür, wie uffte eim Johre, daß sie benabelt gewast wär'n. 's war 'n lausige Liternei. Wenn's wohr is, was dar Karl sate, do sein de schläs'scha Barge 'n ganz versuffne Klicke. Und was das Schlimmste derbeine ies: die hüchsta Spitza, die sein am üfftesta eim Nabel, die klen'n Kneppe, die blein viel klorer. Aber manchmol erwischt se's oo. Sugar 'm frumma Kreuzbarge sate der Zotabarg nach, a hätte monchmal 'n klen'n Stäbrich[12].

»Aber,« so schluß a, »bei a Monnsbildern is ni asu schlimm, wenn se sich och manchmol asu recht eihüll'n; wenn sich aber a Froovulk[13] ei der Wuche drei, vier, fünf, sechs, sieba Mol benabelt, dos ies ane Offaschande. Und a sittes Froovulk ies äben die Schniekuppe.«

Die Schniekuppe kreeschte ver Wutt.

»Zotabarg,« krächzt' se, »du bist ju a ganz gemeener, urnarer, geweeniglicher Dingrich. Nu, du tummer Grootsch[14] du! Wos verstiehst'n du, wie's ei hucha und hichsta Kreesen hargieht? Do is asu viel Wind und eisige Kälde, doß ma sich monchmol a bisserla eisacka muß. Muß, du Offe, hierscht es? Aber du warst ju schun immer asu a aler Stänkerfritze, dar keene Ruh' gab und sich über olles und jedes die Frasse zerriß. Deswägen hot dich ju och ünser Herrgott aus der onständiga Sudetenreihe rausgesotzt. Weil du keene Ruhe gibst, do hot a dich abseits vo olla ganz alleene gesetzt, wie der Schulmeester anne recht biese Range alleene uff eene Uxabanke[15] setzt.«

A schollendes Gelächter vu olla Barga. Do war sugar der Altvater ufgewacht, dar schun siehr wacklig und taprig ies und immer eischläft, eb wos lus ies oder nich.

»Wos -- wos ies denn eegentlich?« fragt a däsig.

»Ach, alter Herr,« sate die würdige Bischofskuppe bei Ziegenhols, »es ist doch heute wieder die sündige Walpurgisnacht, da machen eben die Berge Skandal und lästern und führen gemeine Redensarten.«

»Ähähähähä,« dröselte der Altvater. »jajajaja! 's war immer asu -- 's war immer asu.«

Und wie a das su leise dudelte und mit eem verschlofna Blicke nach seim Lieblingstöchterla, 'm Heidebrünnel, niber liebäugelte, schlief a och schunt wieder ei.

Nu zug aber der Schniebarg ei der Grofschaft lus, dar ies nämlich der Schniekuppe ihr Stiefbruder. Seit a 'n sehr schienes Aussichtstermla uff semm Kuppe hot, spricht a huchdeutsch.

»Meine Herren,« sat a, »wir lassen uns doch von dem erbärmlichen Zotenberge nicht produzieren; wir werden ihn einfach aus insem Gebergsverein nausschmeißen.«

»Nu, du Glotzer Natzla[16], du,« schrie der Zotabarg, »wie sprichst 'n du? Plombier' dich ock nich! 's heeßt ju gar nich produzieren, 's heeßt ju profetieren.«

»Provozieren,« ächzte 's gebild'te Huche Rad, »es ist entsetzlich, unter solchen Banausen zu leben.«

»Ja, ja, Exzellenz,« seufzte die Schniekuppe, »das sag' ich auch. Und Exzellenz wissen doch, ich bin eine gebildete Frau. Ich verkehre mit Breslauern, Berlinern, Engländern und sugar Amerrekanern. Und ich bin patriotisch. Ein König und eine Königin von Preußen sind auf mir gewäst.«

»Prahl dich nich, tumme Gans,« prillte der Zotaberg.

»Kriegst doch keen'n Orden! Du und patriotisch! Vurna biste preiß'sch und hinga biste biehmsch[17]. Und die Leute san, deine Hingerseite is immer noch scheener wie deine Verderfront.«

»Gott, wie unanständig,« sate der Veilchenstein[18], der beim Huchen Rad immer eim Vorzimmer stieht.

»Halt's Maul, Veilchenstein, du bist a Jude!« schrie der Zotaberg.

»Nu werd a gor noh antersemitisch,« klong's wie a Seufzer vu der Silberkuppe riber.

»Ja, und du bist och 'ne Judenschickse,« schantierte der Zotabarg uff die Silberkuppe.

»Judenschickse -- pfui!« sate der frumme Annaberg bei Strehlitz, und nahm 'n Klusterbitter ver Entrüstung.

»Rummel! Rummel! Rummel! Rummel!« quietschte der Rummelsberg bei Strählen ver Freede. A ies der reene Kuckuck, a prillt immer sen'n eegna Nama.

Nu fiel'n de Walmbriger Barge[19] olle über a Zotabarg har: der Huchwald, der Sottelwald, der Schworze Barg, der Gotshibel, die Uxaköppe und halt olle. Ar wäre a ganz ormseliger Buschklepper, meenta se, ar und sei Bruder, der Geiersberg, wär'n die leibhoftiga Satane, und orme Luder wär'n 's, Blobeermichel, während sie, die reicha Walmbriger Barge, asu viel Kohle hätta.

»Macht euch nie gruß,« gurgelte der Zotabarg derzwischen, »macht euch ock ni mausig, daß ihr die Kolik im Bauche habt!«

Iber da faula Witz ging a tuller Skandal lus. Die Schniekuppe wischte sich mit em Wölkla zwanzigmol hingernander die Nase und fächelte sich dann domiete, die Uxaköppe drohta mit a Hörnern, der Wulfsberg heulte, der Fuchsberg ballte, der Schniebarg schmieß ver Bust mit Lawin'n rim, 's Huche Rad machte sich wie verrückt Notizen, die Pferdeköppe wieherta, der Veilchenstein jommerte, der Krokonosch schimpfte uff biehmsch, der Annaberg tronk immerfurt Klusterbitter, der Rummelsberg prüllte wie tälsch: »Rummel, Rummel,« die Eule tat, als wenn se sich halbtut schamte, der Huchwald schwur, uff a Summer werd a a Zotabarg mit Hagelkörnern tutschissa[20] wie mit eener Matrilljese, der Schworze Berg sah aus wie a wütender Näger, der Sturchberg schlug mit a Fliegeln, und die hunderttausend Mühlberge ei der Schläsing[21] klopperta ver Ufregung.

Do kam uff eemol der liebe Herrgott ei seim himmelblooen Mantel aus seim scheenen Paradiese runder ei die liebe Schläsing und sate:

»Bst! Seid stille! Seid hübsch artig, meine lieba Kinderla! Ihr seid ju olle su hibsche, schmucke Perschla und Madla[22] ihr mißt euch ni händeln. Ich bien euch ju olla asu harzlich gutt. Gieht jitzt hibsch schlofa[23], und wenn ihr murne früh wieder ufstieht, do flecht ich jedem an lichta, guldna Kranz ei de Hoore. Gieht schlofa, ihr Kinderla, gieht schlofa!«

Und der liebe Herrgott zug jedem ane weeche, mollige Nachtmütze über die Ohren. Do worn se gut und stille, sanftmittig wie die Lammla. Blußig der Knurrkupp vo Zotabarg kunnde sich nich asu plutze beruhigen. Wie ihm die Nachthaube schun übers Maul wegrutschte, brummelte a drunder no leise ver sich:

»De Schniekuppe ies doch 'n ale Gake!«

Altenroda

46.-65. Auflage

Altenroda

Ein Rundgang -- Zugleich eine Ouvertüre

Liebe Stadt, wenn ich dein gedenke, wird mir die Seele ruhig. Dann bin ich auf eine Weile fort aus dem schrecklichen Leben, das wir nun alle führen müssen. Wie ein Jüngling erwache ich aus schwerem Schlafe und schaue in unschuldiges Frühlingslicht.

Wenn ich dein gedenke, Altenroda, dann ist es mir, als sei alles nicht wahr, das von Leid und Angst, von Enttäuschung und Gram, von den Toten, die noch leben müßten, vom bösen Kriege und von der Schande des Vaterlandes, als sei alles nur ein Traum gewesen, so furchtbar, daß das Erwachen desto tröstender ist.

Du bist noch da, liebes Altenroda! Der Eulenwald schirmt dich noch auf mit seinen grünen Armen, der Ochsenkopf baut sich noch auf wie eine trutzige Feste, die Poststraße läuft durch die bunte Aue und auf dem Flüßchen schwimmen die silberweißen Enten.

Altenroda! Wie mich die Sehnsucht quält, dich wiederzusehen, dir zu sagen: »Siehe, ich lebe auch noch. Laß mich wieder einmal durch deine alten Straßen gehen!«

* * * * *

Heute wollte ich zu dir hinfahren. Es ist nicht weit. Als ich auf den Hauptbahnhof meiner großen Stadt kam, standen Maschinengewehre davor. Irgendwo, auf einer entfernten Gasse war wildes Geschrei. Ein Beamter kam und sagte, es sei Eisenbahnerstreik; die Züge führen nicht. Traurig ging ich heim. Ich durfte nicht nach Altenroda.

* * * * *

Deine Kinder bekommen alle das Heimweh, wenn sie von dir ferne sein müssen -- auch ich habe das Heimweh nach dir. Und wie man nicht nach Sünden seines Vaters oder seiner Mutter fragt, sondern ihr Bild heilig und unversehrt im Herzen bewahrt, so mag ich nicht fragen, ob auch dir, Altenroda, der Krieg die Jugend nahm, ob auch dir die Revolution das Glück ermordete. Ich sehe dich im Lichte alter Zeit, friedlich und schön, waldfrisch und heimlich.

Ich kann nicht zu dir, weil die Züge nicht fahren. Aber ich will mich hinsetzen und alte Erinnerungen an dich aufschreiben. Dann bin ich bei dir -- in dir. Ich baue mir rasch ein weißes Luftschiff mit silbernem Propeller, darauf fahre ich zu dir hin im Sonnenscheine unter dem schweigenden Himmel. Schwalben umzwitschern mich, Störche ziehen flügelschlagend vor mir her; vom Bienenstocke meines Vaters steigt die Frau Königin mit ihrem Gefolge auf und bringt mir einen Gruß; dort über den Bergen des Ostens blinkt schon der frühe Mond.

Es geht über die alte Heimaterde. Der Hahn vom Kirchturme glitzert herauf, die Wälder wogen tief unten wie blaue Teiche. Wie Fußschemel sind die Berge; aber ich bin ein Kind, meine Beine sind zu kurz, die Schemel zu erreichen; sie baumeln in freier Luft. Von unten her singen Lerchen wie Kanarienvögel, die am Fußboden sitzen. Die Glocken klingen aus der Tiefe. Kinder sehen mein Schiff, zeigen nach oben und jauchzen. Sie rufen herauf: »Du! Du! -- Laß mich ein Stückchen mitfahren!«

So fahre ich gen Altenroda.

* * * * *

Von ungefähr greife ich aus der Weste einen Taschenkalender heraus. Welches Datum haben wir? Den 6. Juli 1913. Aha, das ist mein vierzigster Geburtstag. Es ist also doch nicht wahr, daß ich nahe der »50« bin, es hat auch gar keinen Weltkrieg von 1914 bis 1918 gegeben. Das waren nur böse Träume. Es ist erst der 6. Juli 1913. Der Kalender muß es wissen.

Gott sei dank! Erst 1913. Nun werde ich in Altenroda mitten in den Frieden hineintreffen und keine Trauer- und Angstgesichter, wohl aber die alte deutsche Ehre und das alte deutsche Glück finden.

* * * * *

Da ist schon der Gipfel des Ochsenkopfes. Vom Aussichtsturme der Bergbaude weht die schwarzweißrote Fahne. Es muß wohl ein Festtag sein, daß sie geflaggt haben. Vom Ochsenkopfe herab hat einmal ein Köhler eine ganze Stadt zuschanden geraucht -- huhu! Und dort oben sind jetzt immer die Volksfeste. Am Abhang des Berges stand in alter Zeit der Galgen; jetzt ist eine lustige Wiese dort. Alle Tyrannen der Welt werden am Ende lächerlich; auf dem Schindanger grasen die Gänse.

Nun eine Biegung; ich bin über dem Flusse, über der Poststraße, über der bunten Aue. Links vor mir liegt der meilenweite Eulenwald. Auf der Straße marschiert junges, buntmütziges Volk. Gymnasiasten sind es, die in die Ferien wandern. Sie singen, jubeln und -- rauchen. Aha, daher hatte der Ochsenkopf geflaggt. Die großen Ferien beginnen. Da freut sich die ganze Stadt mit den Kindern und feiert ein Fest.

Nun der Rathausturm, die Kirchtürme, der Schuldturm, das hohe, spitzgiebelige Dach der Kranich-Apotheke -- ich bin da!

* * * * *

Ich muß zu allererst nach dem »Goldenen Löwen«, muß mich bei Vater Speer anmelden. Wie kann er ahnen, daß ich komme?

Er hat es aber doch geahnt, eilt mit entgegen, soweit er mit seinen zweihundertfünfzig Pfund eilen kann, schiebt das Käppchen auf dem Kopfe hin und her, lacht und sagt:

»Ich dachte mir's schon. Mit Ihnen geht mir's wie mit dem Wetter. Ich merke die Ankunft vorher in den Knochen.«

»Wenn's nur kein Reißen ist, Vater Speer.«

»Nö, nö! Das Wetter ist ja sehr schön heute.«

»In Altenroda ist immer schönes Wetter.«

Er lacht sein gutmütiges Meckern.

»Haha, da ist er kaum rein zur Stadt und sagt schon wieder was Lächerliches. Immer schönes Wetter! Da hätten Sie mal den Sturm am 17. April erleben müssen. Die halbe Stadt abgedeckt. Da war gerade der August Stumpe da ...«

»Ach der! Den habe ich neulich den »Tristan« singen hören. Herrlich!«

»Wie er den Christian singt, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß er am 18. April nach dem Sturme auf die Häuser rauf ist und Dächer geflickt hat vom Morgen bis in die sinkende Nacht.«

»Ein guter Sänger!« sage ich in Erinnerung an einen schönen Theaterabend.

»Ein guter Dachdecker,« sagte Vater Speer in Erinnerung an den Sturm.

»Der Stumpe -- so so -- der war da. Ja, die Altenrodaer Kinder hängen an ihrer Stadt.«

»Gehört sich auch! Nur der Cyrill ist nicht mehr dagewesen. War wohl doch ein bißchen obenhinaus und konfuse. War ja aber kein Einheimischer.«

Die Häuser sind mit Fahnen, Girlanden und Tannenreis geschmückt.

»Das ist wohl wegen des Ferienanfangs?«

»Jawohl. Na, es ist doch ein Festtag. Die Schützengilde macht heute Umzug und abends ist bei mir ›Sommernachtstraum‹ im ›Löwen‹. Früher hieß es ›italienische Nacht‹. Aber das haben wir abgeschafft; wir sind ja wohl keine Italiener.«

»Nein, Vater Speer. Sind die Hullah-Araber noch auf dem Gymnasium?«

»Nein, Gott sei dank nicht. Das waren, weiß Gott, die größten Vagabunden, die wir hier auf der Schule gehabt hatten. Haben im März alle ihr Abitur gemacht, alle bestanden und sind nun fort nach den Universitäten.«

»Das freut mich!«

»Mich auch! Und die ganze Stadt freut's! Daß sie fort sind! Das sind, darauf nehme ich Gift, die Burschen gewesen, die mir zur Nachtzeit immer die leeren Fässer aus dem Hofe nach dem Marktplatz rollten und die den Fuhrleuten vor dem ›Löwen‹ die Pferde ausspannten. Und wegen der Promenadenesel von damals habe ich auch meinen Verdacht. Sie wissen schon -- wegen Hero und Leander!«

Wir gehen ein Stückchen weiter.

»Der gute Vater Ansorge ist also tot?«

»Leider!« sagt der Löwenwirt düster. »Viel zu früh! Erst siebzig! Er hat der Stadt sein ganzes Vermögen vermacht.«

»Und +Dr.+ Schicketanz auch?«

»Der auch! Liegen beisammen. Wird sich auch so gehören.«

»O, der Tod!«

»Ja, der Tod!«