Chapter 16 of 22 · 3997 words · ~20 min read

Part 16

»Den Geizkragen -- den Fahrig. Er ist der Knopfgeber. Ich hab's rausgekriegt. Erst habe ich die drei ersten Bänke abgesammelt, dann bin ich in die Sakristei gegangen und habe den Klingelbeutel ausgeschüttet, dann bin ich zu Fahrig zurück und habe ihn ganz allein was in den leeren Klingelbeutel stecken lassen, dann wieder nach der Sakristei, und da war der Knopf. Ich habe dem Fahrig den Knopf zurückgegeben und ihm gesagt: Solche Münze nehmen wir nicht an!«

»Ja, Sie haben das ziemlich laut gesprochen. Die Umsitzenden werden es verstanden haben.«

»Ich hatte leiser sprechen wollen, Herr Pastor; aber ich war zu aufgeregt.«

»Hm,« sagte der Pastor nachdenklich, »eigentlich soll man wegen eines Hosenknopfes die Verkündigung des Wortes nicht stören. Aber einen argen Geizhals haben Sie entlarvt, das stimmt. Ich werde Herrn Fahrig heute noch hundertzwanzig Hosenknöpfe zurückschicken.«

Das geschah und wurde zum Anlaß, daß Leonhard Fahrig aus der evangelischen Landeskirche Preußens austrat und Dissident wurde. Sein Auge strahlte, als er bedachte, daß er dadurch ja die Kirchensteuer spare, die für ihn immerhin drei Mark und fünfundzwanzig Pfennig für das Jahr betrug. Außerdem kamen die Nickel für den Opferteller in Wegfall; die Hosenknöpfe waren auch nicht ganz umsonst gewesen. Mochte der Pastor sein bißchen Kram immerhin bei dem jungen Konkurrenten kaufen, diesen Verlust würde die Firma Fahrig verschmerzen.

Es kauften von nun an aber sehr viele bei dem jungen Konkurrenten und zwar nicht nur die Angehörigen jener Gemeinde, sondern auch viele Leute anderer Konfession, denen der Filz zuwider geworden war.

Umsonst beteuerte Fahrig, daß ihm zufällig ein Hosenknopf losgegangen sei, er diesen in sein Portemonnaie gesteckt und aus Versehen für den Klingelbeutel ergriffen habe. Niemand glaubte ihm; niemand hörte ihm gern zu, wenn er wetterte, die gläubigen Christen würden durch die Habgier der Pfaffen aus der Kirche hinausgedrängt. Als aber der Zorn über den argen Rückgang seines Geschäftes ihn zu solcher Torheit hinriß, daß er eines Tages einen Zettel an sein Schaufenster klebte: »Ausverkauf von hundertundzwanzig hochehrwürdigen Hosenknöpfen«, da hatte er in Altenroda vollständig verspielt.

Wutschnaubend verkaufte Leonhard Fahrig sein Geschäft und zog in die Fremde. Die Altenrodaer Bürger lachten und ließen ihn ziehen. Sie waren einen ihrer drei Geizhälse los.

Nutzanwendung: Geiz ist die Wurzel alles Übels! Das wahre Sprichwort, das durch diese und die zwei folgenden Geschichten beleuchtet werden soll, sei aufs neue allen denen eingeschärft, die geizig sind oder es zu werden beabsichtigen.

Der katholische Geizhals

Der katholische Pfarrer von Altenroda predigte einmal:

»Es gibt kein Laster, gegen das so schwer anzukämpfen ist wie gegen den Geiz. Wenn ich gegen die Unzucht predige, so wird gar mancher und gar manche erröten; denn sie fühlen sich getroffen; den Trunkenbolden braucht man kaum erst zu sagen, daß sie Süfflinge sind, sie wissen es, und wenn sie einmal das graue Elend kriegen, heulen sie über sich selber; dem Hochmütigen, der sonst stolzen Sinnes glaubt, er sei überhaupt nicht sündhaft, sondern sich eben nur seines rechten Wertes bewußt, wird bei einer Armenseelenpredigt, bei der Schilderung von Grab und Vergängnis doch einmal weich und demütig zu Mute werden, wenn auch nur vorübergehend -- der Geizige allein bleibt immer unbewegt; sein Herz ist von Stein. Jedes göttliche Samenkorn verdorrt auf diesem felsigen Ackerlande. Was der Geizige Gutes tut, tut er aus Berechnung; niemals ist seine Hand milde im stillen; die Not der Brüder läßt ihn ungerührt; das goldene Kalb ist der Götze, den er anbetet; wenn er könnte, machte er auf dem Sterbebette noch Geschäfte und feilschte mit dem Tischler um den Preis des eigenen Sarges. Er ist so verblendet, daß er sein jämmerliches Laster, das ihn zum Sklaven des Geldes erniedrigt, nicht erkennt, sondern sich nur für einen Mann hält, der eben sparsamer und klüger ist als die anderen. So schreibt er einen Gewinnposten zum anderen; der Teufel aber zieht sein Notizbuch und schreibt die Gegenrechnung; denn eher wird ein Tau durch ein Nadelöhr gehen, als ein Geiziger ins Himmelreich.«

Als der Geistliche so predigte, saß unten im Kirchenschiff Herr Birnbaum und dachte: »O, wie predigt er wieder gut; o, wie hat er wieder recht!« Daß er selbst der ärgste Geizkragen der ganzen Pfarrgemeinde war, daß die Predigt hauptsächlich auf ihn zielte, daran dachte er nicht.

Sein Herz war von Stein.

Birnbaum war Beamter, hatte sich durch Streberei und rücksichtsloses Vordrängen hochgearbeitet und es trotz seines nicht bedeutenden Gehaltes zum Besitzer mehrerer Häuser gebracht. Den Grundstock zu seinem Vermögen, das er durch Spekulationen und Wucher eifrig vermehrte, hatte die Mitgift seiner Ehefrau gebildet, die ihm in jungen Jahren sechsunddreißigtausend Mark zubrachte, die höchste Summe, auf die Birnbaums Ehrgeiz damals gerichtet sein konnte. Diese Frau war so mordshäßlich, daß der Spiegel erblindete, wenn sie hineinsah, und die Vögel davonflogen, wenn sie auf die Straße trat, auch alle Säuglinge in den Kinderwagen zu brüllen anfingen, wenn sie vorüber ging. Frau Birnbaum hatte eine einzige Tochter, die fast ebenso häßlich war wie sie und die zum Unglück Helene hieß, so daß sie in ganz Altenroda »die schöne Helena« genannt wurde. Um dieses Mädchen tat es vielen Leuten leid; denn sie hatte nicht das harte Herz ihres Vaters und führte ein freudloses Dasein. Sie hatte fast nie freie Zeit, mußte Tag für Tag Handarbeiten machen, die an ein Geschäft in der Hauptstadt geliefert wurden, besaß keine Bücher, durfte nie zum Tanze gehen und trug immer unschöne, aber »unverwüstliche« Kleider.

An Sommerabenden, wenn Helene noch über der Handarbeit saß und die Mutter im Hause wie eine Magd tätig war, beschäftigte sich Herr Birnbaum manchmal damit, Streichhölzer in zwei Teile zu spalten, damit von jedem Streichholz zweimal Feuer gewonnen werden könne. Im Winter gingen alle der Lichtersparnis wegen mit den Hühnern zu Bett.

Als Helene vierundzwanzig Jahre alt geworden war (das ist gewöhnlich der Zeitpunkt, wo unvermählt und unverlobt gebliebene Mädchen anfangen, unruhig zu werden), dachte der Vater daran, ihr einen Mann zu besorgen. Er ging zunächst nur auf Geld aus, mußte aber bald zu seinem Leid erkennen, daß vermögende junge Männer zwar gegen Vermögen auf der anderen Seite im allgemeinen nichts einzuwenden haben, daß sie aber auf negative Reize der Braut um so weniger Wert legen, auch wenn ihnen gesagt wird, daß es sich um ein sehr sparsames, häusliches und bescheidenes Mädchen handle. Der junge Windikus Bomüller, der Sohn des Bankiers, war sogar so frivol, zu sagen: »Ach was, wenn sie häuslich, sind sie scheußlich«. Deswegen brach Herr Birnbaum seine geschäftlichen Beziehungen zu dem Bankhause aber doch nicht ab, erstens weil der Verkehr mit einer auswärtigen Bank sich kostspieliger gestaltet hätte, schon wegen des vielen Portos, und dann, weil bei Bomüller ein junger Mann war, der Herrn Birnbaum manchmal wertvolle Tips für An- oder Verkauf von Wertpapieren gab.

Es erging Herrn Birnbaum bei seinem Männerfang so wie dem hoffärtigen Fischreiher, der am Flußrande saß und es durchaus unter einem Hechte nicht tun wollte, die Karpfen, Schleien, Weißfische aber verschmähte. Als jedoch alle Karpfen, Schleien, Weißfische davongeschwommen waren, blieb dem Fischreiher nur ein Schlammpeizger übrig.

Der Schlammpeizger Herrn Birnbaums hieß Rillmann und war der bewußte junge Mann aus dem Bankhause. Der Bengel war hübsch und in seinem Fache nicht unbegabt, besaß aber keinerlei Vermögen, offenbar auch keinen Sparsamkeitssinn; denn er brauchte nach Birnbaums Erkundungen sein Jahresgehalt von zweitausendvierhundert Mark glatt auf.

Birnbaum überlegte, bis die schöne Helena sechsundzwanzig Jahre alt geworden war. Dann sagte sich der kluge Vater: Nun ist's hohe Zeit; die Verschwendungssucht werde ich dem Rillmann schon abgewöhnen, und was ihm an Vermögen fehlt, kann er mir, der Bescheid auf dem Geldmarkte weiß, der sogar manches Geheimnis erspüren kann, durch seine Fingerzeige ersetzen.

Birnbaum machte sich an Rillmann heran, und als dieser endlich merkte, was der Geldmann mit ihm vorhatte, wurde er sehr bedenklich. Er kam in Zwiespalt mit sich selbst. Wenn er Birnbaums letzten Jahres-Bankabschluß immer und immer wieder las, sagte sich Rillmann jedesmal: »Ich nehm' sie!« Sah er aber das Mädchen selbst nur von fern, so schwur er bei sich: »Ich nehme sie nie und nimmer!« Als die Zeit schon auf Helenas achtundzwanzigsten Geburtstag zu marschierte, kam Rillmann zu dem endgültigen Entschlusse, die schöne Helena zu heiraten. Ein Freund, dem er sich anvertraute, hatte ihm dazu geraten.

»Aber sie ist so fürchterlich häßlich!« seufzte Rillmann.

»I was, häßlich!« sagte der Freund; »mit den zunehmenden Jahren wirst du kurzsichtig, da ist's dann nicht mehr so schlimm.«

So kam die Sache ins Rollen, zum seligen Entzücken Helenas, die den hübschen, lustigen Rillmann unsäglich liebte.

Vor dem Sonntag, an dem Rillmann bei Birnbaums einen »offiziellen Besuch in persönlicher Angelegenheit« angemeldet hatte, sagte der Mann zur Frau:

»Weib, es nützt nichts, wir müssen Wein geben, wenigstens mal zum Anstoßen auf das Brautpaar.«

Birnbaum hatte einmal bei einer Zwangsversteigerung, die einen armen Vorstadtrestaurateur betraf, zehn halbe Flaschen Moselwein gekauft, eine saure Sorte, von der aber Herr Birnbaum behauptete, sie würde mit jedem Jahre besser und lasse sich überdies durch einen Zuguß von Zuckerwasser veredeln. Nach Neujahr, wenn der Pfarrer, der Kaplan und der Küster zur Einsegnung der Wohnung kamen, wurde immer eine halbe Flasche geopfert. Die drei Herren nahmen zwar stets eine ablehnende Haltung an, aber Herr Birnbaum ließ es sich als der reichste Mann der Pfarrei nicht nehmen, die Geistlichkeit samt dem Küster gastfreundlich zu bewirten. Die Sache wurde dann so gemacht, daß Frau Birnbaum mit einem Tablett erschien, auf dem vier gefüllte Gläser standen, und daß sie jedem der drei Herren eines in die Hand gab, das vierte aber dem Gatten. Da die halbe Flasche nämlich nur drei Gläser abwarf, wurde Herrn Birnbaums Glas mit Wasser gefüllt, was nicht auffiel, da die Weingläser von grünlicher Färbung waren. Nach dem ersten Schluck, den er aus seinem Glase genommen hatte, schnalzte Herr Birnbaum allemal mit der Zunge und sagte:

»Es ist eine bekömmliche Sorte. Ich hab' den Wein von einer guten Firma, direkt aus der Originalkellerei. Er heißt ›Edelmarke‹.« Dann lächelten die Herren fein und tranken voll Mut und Gottvertrauen den Quietscher hinunter. Die Frage, ob noch ein Gläschen gefällig sei, verneinten sie eifrig und einstimmig und empfahlen sich. Das wiederholte sich in ungefähr derselben Weise zu jedem Neujahr.

»Weib, wir müssen Wein geben,« sagte Birnbaum vor dem Verlobungssonntag zu seiner Frau. »Und diesmal trinken wir mit. Man verlobt schließlich seine einzige Tochter nicht alle Tage.«

»Aber es sind nur drei Gläser in der Flasche,« warf Frau Birnbaum ein.

»Richtig!« sagte der Mann; »nun, da muß eben doch wieder eines an Wasser glauben, und das ist, meine ich, Helena. Wer weiß, wie ihr der Wein bekäme, und außerdem gehen wir doch wohl als Eltern vor.«

»Daß es nur kein Unglück bringt, wenn Helena mit Wasser anstößt.«

Da wurde Birnbaum, der wie alle Geizhälse sehr abergläubisch war, bedenklich und beschloß heroisch, auch diesmal selber der Wassertrinker zu sein. Der Frau wolle er den Vorrang lassen. Sie sollte, wie immer, den Wein selber präsentieren, indem sie jedem sein Glas zureichte.

Der Sonntag kam. Der Freier erschien, der in Todesangst seinen auswendig gelernten Spruch herunterjagte, wie einer, der fürchtet, stecken zu bleiben.

Papa Birnbaum spielte den Gerührten und Überraschten, sprach von den Talenten des jungen Mannes, von den Tugenden der Tochter, von eifrigem Streben, von weisem, sparsamem Haushalten, von damit verbundener gesicherter Zukunft, vom Zusammenarbeiten von Schwiegervater und Schwiegersohn und berief sich bei all diesen Ausführungen fleißig auf den lieben Gott. Nur von einem, auf das Rillmann am gespanntesten wartete, sprach Birnbaum nicht -- von einer Mitgift. Da faßte der Freiersmann Mut und sagte:

»Ja, Herr Birnbaum, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich von Haus aus ohne Vermögen bin, und von meinem kleinen Gehalte habe ich Ersparnisse nicht machen können. Jetzt beziehe ich jährlich im ganzen zweitausendsechshundert Mark; davon kann ich natürlich eine Frau und eventuell eine Familie nicht standesgemäß ernähren.«

Birnbaum lächelte.

»Mein Lieber,« sagte er, »das Wort ›standesgemäß‹ hat es in sich. Manche Leute leben über ihren Stand, die werden pleite; manche Menschen leben ihrem Stande gemäß, die machen keine Schulden, kommen aber auch zu nichts; manche Leute leben unter ihrem Stande, die werden reich.«

»Das ist wohl richtig,« sagte Rillmann; »aber mit zweitausendsechshundert Mark Jahreseinkommen kann ich keinen Haushalt gründen.«

»Sie wollen also über Ihren Stand leben?«

Rillmann antwortete nicht; aber sein Gesicht bekam einen verbissenen Ausdruck, und er warf einen Blick nach der Tür. Da wurde Birnbaum ängstlich. Er erwog blitzschnell, daß er eine jetzt gegebene Zusage nach der Hochzeit ja wieder zurücknehmen könne.

»Herr Rillmann, Sie wissen, ich halte das Meinige zusammen. Vermögen bekommt Helena jetzt nicht. Das Mädchen will nicht ihres Geldes, sondern um ihrer selbst willen geheiratet sein. Schließen meine Frau und ich mal unsere müden Augen, wir sind ja immerhin beide schon dreiundfünfzig, so ist Helena die einzige Erbin. Das wissen Sie wohl. Ich schaffe nur für mein Kind. Immerhin gefällt es mir, daß Sie als Geschäftsmann auch an die materielle Seite der Sache denken. Ich will Ihnen entgegenkommen und zahle Ihnen monatlich einen Zuschuß von -- nun sagen wir -- von fünfundzwanzig Mark.«

Als sich die Gesichtsform des jungen Mannes bei Nennung der Ziffer zu einem Grinsen verzerrte, setzte Birnbaum rasch hinzu:

»Oder, wenn Ihnen das erforderlich erscheint, von fünfzig Mark. Sie werden sehen, Herr Rillmann, Sie kommen glänzend aus. Helena ist nicht umsonst mein Kind. Im übrigen ordnen wir das alles später.«

Damit ging Birnbaum zur Tür, rief Frau und Tochter herein, um dem Freier weiter keine Zeit zur Überlegung und zu Einwendungen mehr zu lassen, umarmte die Frauensleute und sagte voll tiefer Rührung:

»Denke dir, Helena, Herr Rillmann hat um deine Hand bei mir angehalten.«

Das Mädchen stand mit sanft gerötetem Gesichte da; ein überirdisches Strahlen brach aus ihren kleinen, sonst so farblosen Augen, der Widerschein tiefinnersten Glückes verschönte sie.

Die Mutter heuchelte auch ihrerseits freudige Überraschung, und Herr Rillmann führte nun den Entschluß aus, den er sich in schweren Kämpfen einsamer Nachtstunden abgerungen und für den er sich vor der Werbung in Gesellschaft seines Freundes bei einer Flasche edlen Weines Mut angetrunken hatte: er reichte Helena die Hand und küßte sie flüchtig auf den Mund. Über diesen feierlichen Akt vergoß Frau Birnbaum eine Menge von Tränen.

Als aber nach dem Kuß eine Pause verlegenen Schweigens eintrat, klatschte Birnbaum in die Hände und sagte:

»Nun aber genug des Weinens und der Abküsserei. Hole Wein, liebe Frau! Das müssen wir feiern!«

Frau Birnbaum entfernte sich und kam ungeschickterweise schon nach kaum einer Minute mit vier Gläsern, die draußen gefüllt bereit gestanden hatten, zurück. Herr Birnbaum warf ihr für diese Tölpelei, die alles verriet, einen so zornigen Blick zu, daß die Frau verwirrt wurde und die Gläser klirrten. Herrn Rillmann aber war die eine Minute in der Gesellschaft seiner Braut schon so lang geworden, daß er von dem verunglückten Manöver nichts merkte.

Frau Birnbaum reichte jetzt jedem ein Glas, nahm sich das letzte, und nun rief Birnbaum aus:

»Wir trinken auf das Wohl des jungen Brautpaares. Wir wünschen euch, liebe Kinder, daß eure Ehe so glücklich werden möge, wie die unsere immer war. Das Brautpaar lebe hoch -- hoch -- hoch!«

Alle tranken. Aber schon nach dem Ansetzen sah Birnbaum seine Frau erschreckt an. Das, was er trank, war nicht Wasser -- es war Wein.

Was war das? Was bedeutete das?

Nun sah Birnbaum auf den Bräutigam. Der stand mit einem so verdatterten Gesicht da, blickte so entgeistert in sein Weinglas, daß dem Brautvater eine grausige Ahnung aufstieg.

Die Frau hatte die Gläser verwechselt, dem Bräutigam das Glas mit dem Wasser gereicht.

Betroffen saßen alle im Kreise. Der Bräutigam stierte immer in sein Glas, als ob er einen verhexten Pokal in der Hand halte. Plötzlich stand er auf und sagte in Verwirrung:

»Meine Herrschaften, ich muß mich jetzt empfehlen. Ich muß erst mal nach Hause.«

Keine Widerrede half. Rillmann ging.

Birnbaum tobte mit seiner Frau wie ein Berserker; die Frau weinte, Helena hatte Herzkrämpfe.

Am Nachmittag schon kam Rillmanns Absage.

* * * * *

Die Geschichte der armen Helena ist sehr traurig ausgegangen. Das Mädel, dem ein einziges Mal im Leben die große goldene Sonne des Glückes aufgegangen war, konnte es nicht verwinden, daß diese Sonne so bald wieder unterging. Im Herbste begann sie zu husten. Als der Husten den Hausmitteln, die angewendet wurden, nicht wich, machte Frau Birnbaum schüchtern den Vorschlag, man möge doch mal +Dr.+ Schicketanz befragen. Sie wurde rauh abgewiesen.

»+Dr.+ Schicketanz! Was der für Rechnungen schreibt. Wegen einer Erkältung gleich zum Doktor laufen! Ich hab' wohl mein Geld auf der Straße gefunden?«

So blieb es. Erst im Frühjahr, als sich ihr Zustand immer mehr verschlimmerte, wurde Helena zum Arzte geschickt.

+Dr.+ Schicketanz, der ein guter Arzt, aber ein etwas rücksichtslos offener Mann war, sagte zu der Mutter:

»Es ist ein Skandal, daß Sie mit dem Mädchen erst jetzt zu mir kommen. Nun aber dalli in die Lungenheilanstalt! Ob's noch was helfen kann, steht dahin. Ich glaube nicht!«

Nein, es half nicht mehr. Schon nach drei Monaten schickte die Anstalt die Kranke nach Hause. Hoffnungslos. In ihren letzten Leidenstagen sprach Helena öfters in Traum und Fieber laute Worte, denen Vater und Mutter erschüttert lauschten:

»Ich bin nicht mehr häßlich ... ich bin schön ... ich habe große Augen und glänzende braune Haare ... ich habe ein gutes seidenes Kleid und eine goldene Kette ... ich habe Lackschuhe und ich kann tanzen ... ich habe einen Fächer ...«

»O, er kommt, er kommt wieder und sieht, wie schön ich bin. Und er liebt mich. Wir trinken den ganzen Abend guten Wein.«

Schmerzlos neigte die arme Schattenblume, der Zeit ihres Lebens Schmelz und Glanz versagt geblieben waren, eines Abends das Köpfchen und starb.

Einen Tag nach dem Begräbnis stand Birnbaum vor seinem Geldschrank, schlug mit den Fäusten an die stählerne Tür und schrie in Verzweiflung:

»Wofür? -- Wofür?«

Der jüdische Geizhals

Pinkus.

Er stammte aus Brzezany.

Das liegt in Ostgalizien.

Noch hinter Lemberg.

Daran ist nichts auszusetzen; denn selbst hinter Lemberg müssen doch Leute wohnen. Auch: warum soll einer nicht Pinkus heißen und aus Brzezany stammen? Aber die Altenrodaer Bürger schimpften darüber, daß Pinkus aus Brzezany sich in ihrer Stadt niedergelassen und seine ostgalizische Kultur in Form einer »Gemischtwarenhandlung« dort hatte in Erscheinung treten lassen. Die Bürger von Altenroda waren zum großen Teil stramme Antisemiten, sie schimpften auf den Juden, machten Witze über seinen Namen, seine Herkunft und sein Aussehen, und wenn sie einigen alten unnützen Kram zu verkaufen hatten, bestellten sie heimlich den Pinkus und suchten noch so viel von ihm herauszuschinden, wie es bei solchem Trödel und solchem Käufer eben möglich war. Auch borgten manche bei ihm Geld.

Pinkus stand sich in solcher Gemeinde glänzend. Er kaufte alles zusammen, was ihm unter die Finger kam. Der Apotheker hatte einmal bei einem Faschingsfeste der »Harmonie« eine alphabetische Aufzählung des Pinkusschen Warenbestandes zum Besten gegeben: Armleuchter, Abortspapiere, Betschemel, Bartflechtenmittel, Cypernwein, Cäsarenwahnsinn (antiquarisch von Quidde), Dörrgemüse, Daunenfedern, Emaillegeschirr, Einreibe, Feigen, Fichtes Reden, Heiligenbilder, Hosenträger usw.

Acht Tage nach dem Faschingsfeste der »Harmonie« kam Pinkus zu dem Apotheker und sagte:

»Herr Doktor Apotheker, ich bedanke mer for den schönen Witz, was der Herr Doktor Apotheker gemacht haben mit mir armen Mann. Ich habe in der letzten Woche gemacht ausgezeichnete Geschäfte!«

Als Pinkus gegangen war, sagte sich der Apotheker:

»Ich bin ein Esel! Ich habe für den Mann Reklame gemacht.« Niemand widersprach, da niemand da war.

Also, halb Altenroda schimpfte auf Pinkus, und ganz Altenroda machte gelegentlich Geschäfte mit ihm. Pinkus stand sich gut dabei. Er überragte an Geschäftsklugheit sämtliche Bürger der Stadt, und da geistige Überlegenheit immer Neid erzeugt, freute sich die gute Stadt Altenroda, als es eines Tages gelang, den wirklich geizigen und schachersüchtigen Pinkus hineinzulegen. Der Held, dem die Ehre zufiel, war ein armer Musiker, der Sonnabends und Sonntags im »Bleiernen Hecht« zum Tanze aufspielte, zwischendurch mal in einer Familie zur Hochzeit oder beim fünfzigsten Geburtstag und sich sonst durch Privatstunden (zu sechzig Pfennigen) sein tägliches Armeleutebrot zusammenfingerte.

Und nun kommt die Geschichte.

Pinkus hatte eine Baßgeige gekauft. Er hatte zwar keine Ahnung von Musikinstrumenten, aber warum sollte er auf der Auktion die Baßgeige nicht kaufen, wenn er sie billig bekam?

Es hatte aber auf der Auktion auch ein Musikant auf die Baßgeige gesetzt. Sechzig Mark hatte der arme Teufel im Beutel, und als Herr Pinkus einundsechzig Mark bot, mußte der andere das hübsche Instrument im Stich lassen. Traurig erzählte der Musikus im »Bleiernen Hecht« sein Mißgeschick den Kameraden.

»Laß mich nur machen,« sagte nach einer Pause tiefen Nachsinnens der eine.

Nächsten Tag ging dieser Mann zu Pinkus.

»Herr Pinkus,« sagte er, »ich bin ein Musiker und habe gehört, daß sie eine Baßgeige zu verkaufen haben. Ich habe zwar schon eine gute Baßgeige, aber ich möchte eine -- sozusagen -- eine zweite Baßgeige als Reserve anschaffen.«

»Reserve is gut gesprochen,« sagte Herr Pinkus; »jeder gediegenete Musiker hat Baßgeige auf Reserve. Sie soll'n se sehen.« Und er zeigte ihm die Baßgeige und sprach dazu: »Ein hochmodernes, ein haltbares und elegantes Instrument. Kostet mich auf Ehrenwort selber hundertzwanzig Mark ohne die Spesen, aber weil ich sehe, daß Sie sind ein begabter junger Musiker, will ich Ihnen verkaufen die Baßgeige mit minimalem Profit for hundertdreißig Mark.«

»Für hundertdreißig Mark ist so ein Instrument geschenkt«, sagte der Käufer, wobei sich Pinkus erschrocken ins Bein zwickte.

»Aber,« fuhr der Musikus fort, »probieren muß ich die Baßgeige erst. Denn die Hauptsache ist der Ton, und den kann man von außen nicht so genau beurteilen.«

»Sie soll'n se probieren. So e feine Baßgeige nach der letzten Mode, wo Sie selber haben gesagt, ich bin e Dammel, daß ich se for hundertdreißig Mark losschlag'! Geigen Se los!«

Der Musiker nahm die Baßgeige und fing an, darauf herumzugeigen. Pinkus machte ein verklärtes Gesicht.

»Klingt se nicht lieblich? Klingt se nich schick und adrett? Sitzt nich jeder Ton wie angegossen? Meiner Lebtage habe ich noch kei so feine Musik gehört.'s Herz im Leibe lacht einem. Na, was zulegen werden Se. Sagen wir rund hundertfünfzig Mark; ich seh', Sie sein e anständiger Mensch und e gediegener Musikus, Se verlangen nischt umsonst.«

»Für hundertfünfzig Mark ist das Instrument geschenkt,« sagte der Musiker und wieder kniff sich Herr Pinkus wütend ins Bein.

»Ausgemacht is noch nischt,« rief er; »ich hab' überhaupt keine festen Preise. Geben Se dreihundert und Se sollen de Geige haben!«

Der Musikant nickte nur, ganz in sein Spiel versunken, mit dem Kopfe.

Plötzlich stutzte er ...

Holloh, was ist das ...?

Er spielte die letzte Passage noch einmal -- Nanu? Zum Donnerwetter, das ist ja -- Er spielte die Passage zum dritten Male ...

»Alle Hagel!«

»Was is denn? Was tun Se sich denn?«

»Herr Pinkus, ich glaube, ich glaube ...«

»Was glauben Se? Was glauben Se uff eemal von de gute Baßgeig'?«

»Herr Pinkus, Herr Pinkus, mir ahnt was Schreckliches!«

Der Musikant spielte noch einmal -- zweimal, drei-, viermal eine fürchterliche Passage, dann sagte er erbleichend:

»Herr Pinkus, es fehlt ein Ton!«

»Was fehlt?«

»Ein Ton! Es ist ein Ton zu wenig auf der Baßgeige! Und gerade der wichtigste. Sie ist unvollständig!«

»Sind Se meschugge, Mensch? Uff so eener feinen Baßgeige wird e Ton fehlen? Sie, Sie, Sie -- Musikus Sie!«

»Herr Pinkus, ich kann mir nicht helfen -- er fehlt.«

»Nu, zum Deixel, da sehn Se doch erst mal genauer nach.«

»Das will ich gerne tun, Herr Pinkus, gerne!«

Und der Musikant rasselt noch einmal die Passage ab, schüttelt den Kopf, steht auf, geht rund um die Baßgeige herum, betrachtet sie von allen Seiten, klopft ihr schließlich auf den Rücken und geigt wieder.

»Er fehlt, Herr Pinkus, er fehlt! Aber warten Sie noch! Gedulden Sie sich noch!«

Er schraubt an den Wirbeln, geigt, probiert, schraubt wieder, zerrt an den Saiten, geigt nochmals ...

»Nichts zu machen, Herr Pinkus, der Ton fehlt!«

»Aber -- aber zum Deixel, was denn fer e Ton? Wieviel Tön' gehören denn zu e Baßgeige?«

»Fünfundzwanzig, Herr Pinkus! Fünfundzwanzig! Und da sind bloß vierundzwanzig, hören Sie, der fehlt!«

Er geigt langsam vierundzwanzig Töne, dann rutschen seine Finger herunter, und er summt nur mit dem Munde was Tiefes, Brummiges.

»So, der fehlt! Der fünfundzwanzigste. Der tiefste und gerade für die Baßgeige der wichtigste -- der fehlt! Das ist schrecklich!«

»Aber wieso? Wie kann er fehlen? Wo ich das Instrument aus einer der besten, leistungsfähigsten neuzeitlichen Firmen for Musik bezogen habe. Wie kann er fehlen?«