Part 15
Und er hing sich verzweifelt dem Pferde an den Schweif.
»Du Tölpel,« rief der Ritter, »lauf hinter uns her! Komm auf den Runkelstein!« Hieb dem Pferde die Faust auf den Hals, daß es aufbäumte, ausschlug, davonraste und den armen Kaspar ins Gras schleuderte.
Der lag erst ohnmächtig, dann richtete er sich auf und befühlte seinen Schädel.
»Sie ist fort. Er ist fort. Und ich sitze hier!«
Diese drei Tatsachen stellte Kaspar in tiefer Traurigkeit fest. Er war von so einfacher Wesensart, daß er sich erst bei Tagesgrauen ganz klar wurde, was eigentlich geschehen war.
Da warf sich Kaspar ins Gras und weinte aus Scham und Herzeleid darüber, daß die Rosmarie so schlecht war.
Als die Stadttore geöffnet wurden, ging er nach dem Marktplatze und wartete auf die Ratsherrn. Die kamen heute früher als sonst, und viel Volk war auch schon vor dem Rathause versammelt; denn es war ruchbar geworden, daß der Runkelsteiner aus dem Turme entwichen war.
»Was hast du uns zu sagen?« fragte der Bürgermeister, als Kaspar vor dem Rate stand.
»Ich will mich beklagen,« sagte Kaspar, »über den Junker Ottokar und über das Mädchen Rosmarie. Denn sie haben mich betrogen, und der Rat der Stadt soll sie bestrafen.«
»Was haben sie dir denn getan?«
Nun erzählte der törichte Kaspar alles genau, wie es sich zugetragen hatte, wie er mit dem Mädchen und dem Junker einen Vertrag gemacht habe, daß er den Junker aus dem Kerker lasse und dafür das Mädchen zur Frau kriege, und wie die beiden den Vertrag gebrochen und ihn betrogen hätten. So sollte nun die beiden auch die verdiente Strafe treffen.
Der Rat der Stadt entschied:
»Der Junker Ottokar und das Mädchen Rosmarie haben abscheulich an dem Kaspar gehandelt. Wegen ihrer verwerflichen Gesinnung sollen beide hart bestraft werden, so man ihrer einmal habhaft werden sollte. Der Kaspar aber, der den gefährlichsten Feind der Stadt aus dem Kerker befreit hat, soll gehenkt werden.«
Als der törichte Kaspar dieses Urteil hörte, fiel er um. Sein Herz war so voll Liebe, Zorn und Wehe gewesen, daß er gar nicht daran gedacht hatte, ihm selbst könne wegen seiner Tat auch etwas geschehen.
Nach Tagen erst in der kühlen Kerkerluft ging ihm alles richtig auf. Jetzt dachte er auch daran, daß der Junker gerufen hatte: »Du Tölpel, laufe hinter uns her. Komm auf den Runkelstein!« Das war wegen des Henkens gewesen, und müßte er wohl gar noch dem Junker wegen seines Rates dankbar sein.
Der älteste der Ratsherrn, ein milder Greis, der weit über das Leben sah, rückwärts wie vorwärts, sagte in der nächsten Ratssitzung:
»Kaspar ist eine Einfalt. Die Liebe hat sein armes Gehirn stumpf und seine Augen so blind gemacht, daß er seine Schuld nicht erkannte, wie er ja auch die Gefahr nicht ersah, in die er hineinlief, da er sich selbst bezichtigte. Deshalb, ihr Herren, wollet milde mit ihm verfahren, damit Gott euch genädig sei und ihr eurer Feinde doch noch Herr werdet. Schenket dem Toren die Strafe des Stranges. Sperrt ihn eine Zeitlang in denselben Kerker, aus dem er den Junker entließ, und dann verbannt ihn aus Altenroda. Wer aus einer solchen Heimat verbannt wird, trägt schwere Strafe genug.«
Diesem weisen Rate folgten die Väter der Stadt. Kaspar mußte drei Jahre im Turme sitzen und dann mit einem Stecken aus Haselholz, einem schmalen Ränzel und zehn Groschen Münze für immer die Stadt verlassen.
Kaspar ist hin und hergewandert in der Welt und endlich unter die Söldner eines Fürsten geraten. Auf einem Kriegszuge fand er in einem Straßengraben eine sterbende Soldatendirne. Es war Rosmarie. Der Junker hatte sie eine Zeitlang auf der Burg behalten und dann verstoßen.
Rosmaries Gesicht war ganz häßlich geworden; nur die Haare waren von brauner Seide wie einst.
Als die Arme entschlafen war, grub der Kriegsknecht Kaspar ein Grab, legte Rosmarie hinein und sprach ein Gebet, wobei er sein Gesicht gen Osten wandte, wo in weiter Ferne die Heimatstadt Altenroda lag.
Rauchermärchen
Im Eulenwalde lebte vor ungefähr zweihundertdreizehn Jahren ein Köhler, der als ein guter Mensch anzusprechen gewesen wäre, wenn er nicht so lasterhaft geraucht hätte. Und zwar rauchte er Tabakspfeife. Dieses Teufelsding verbreitete im Eulenwalde auf eine Meile im Umkreis einen solchen Qualm und Gestank, daß die Rehe und Hasen schwarze Felle bekamen, der stickende Brodem den Mäusen verheerend in ihre Erdwohnungen drang und den Eulen und allen Singvögeln des Waldes die Augen tränten. Die garstige Wirkung kam davon her, daß der Köhler nicht nur Tag und Nacht die Pfeife kaum ausgehen ließ, sondern, daß auch sein Tabak von übler Sorte war. Ein Zug, gegen den Wind geblasen, genügte, einem Wanderer der eine Meile weg arglos und gesund seine Straße marschierte, plötzlich den Atem zu verschlagen.
Der Tabak hieß Rippentabak. Er bestand aus in Stücke gebrochenen Stangen, welche die Pestilenz in sich hatten. (Die Gegend, wo dieser Tabak wuchs, ist im Laufe der Zeiten als Strafe Gottes untergegangen.)
Das Schlimmste war, daß der Köhler diese Pestilenz damals nicht etwa hübsch behutsam im engsten Kreise behielt, sondern eitel und leichtfertig in alle Winde blies. Der Köhler war Kunstraucher. Hatte er sich durch einen abgrundtiefen Zug aus seiner Pfeife die Mund-, Nasen-, Ohren- und Stirnhöhlen, die Luftröhre, die Lunge, ja den Magensack voll Dampf gesogen, so ließ er diesen inneren Reichtum langsam und in kunstvollen Formen wieder an die Außenwelt steigen.
Der Köhler rauchte Ringe: kleine, mittlere, große, auch Ringe, die sich ineinander verschlangen, er rauchte aber auch Herzen, manchmal eines, manchmal zwei, die sich miteinander vereinigten; er rauchte eine Mandel Eier; er rauchte die Rechenaufgabe zwei mal zwei gleich vier in der Luft; er rauchte einen Reiter; er rauchte Sonne, Mond und Sterne.
Waldkinder, die auf der Suche nach Pilzen und Beeren waren, sahen dem Köhler manchmal bewundernd zu. Dann sagte er, wenn er wollte, könnte er das ganze Einmaleins rauchen. Das war aber nicht wahr; rauchen hätte er's vielleicht können, aber das Einmaleins selber konnte er nicht. Er konnte nur zwei mal zwei gleich vier.
Am Rande dieses Waldes lebte in einer hohlen Eiche die Baumgöttin Querka. Sie stand bei den Bürgern von Altenroda in hohem Ansehen; denn sie beschützte die Stadt vor Blitz und Hagelschlag. Die Göttin hatte eine empfindliche Nase, also daß sie sich durch die höllischen Rauchschwaden des Köhlers oft belästigt fühlte. Aus großer Gutherzigkeit hatte sie lange geschwiegen. Als aber das jüngste ihrer drei Kinder den Husten bekam, sagte die Göttin: »Da muß etwas geschehen!« -- machte sich auf und ging zum Köhler. Sie war recht lieb und artig mit dem alten Brummbart und fragte ihn nebenher, ob er es denn nicht so einrichten könne, daß er den Rauch zum Himmel hinauf blase, damit er sich dort zu Wolken zusammenballe und vom Winde auf den Großen oder Stillen Ozean getragen werde.
Da sagte der Köhler: »Nein, mein Rauch gehört in den Eulenwald!« -- und da war wohl auch nichts dagegen zu tun.
Die Göttin aber half sich durch eine List. Heimlich sprach sie über die Tabakspfeife einen Zaubersegen, der bewirken sollte, daß alle Figuren, die der Köhler rauchte, in der Luft zu Gold wurden.
Richtig, kaum war die Göttin fort, so begann der Zauber zu wirken. Der Köhler hatte eben einen stattlichen Ring geraucht und sah zu, wie er langsam davonschwamm -- was zu sehen immer des Köhlers größte Freude war -- als der Ring plötzlich in der Luft stehen blieb, zu funkeln anfing und auf einmal -- kling, kling -- auf die Erde fiel. Der Köhler ging herzu, hob einen riesigen goldenen Ring auf, betrachtete ihn, ließ ihn an einem Steine klingen und hing ihn sich endlich um den Hals. Dann setzte er sich auf den Holzblock zurück, auf dem er immer saß, dachte über das Geschehnis nach und rauchte in Gedanken eine Mandel Eier. Als die Eier aber kaum bis an die kleine Birke geschwebt waren, blieben sie stehen, wurden zu Gold und regneten auf die Erde. Der Köhler hob verwundert die Eier unter der Birke auf und sagte: »Nanu!« Darauf ging er wieder nach seinem Holzblock und dachte weiter nach, was zur Folge hatte, daß plötzlich zwei goldene Herzen aus der Luft fielen. Jetzt sagte der Köhler: »Das scheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen.« Aber an sich machte ihm die Sache Freude. Also paffte er sich einen ganzen Berg goldener Ringe, Herzen, Sonnen und Eier zusammen. Nur mit der Rechenaufgabe war es ein verhextes Ding. Jedesmal fielen die Ziffern in falscher Reihenfolge aus der Luft, so daß immer im Grase zu lesen stand: zwei mal vier gleich zwei. Darüber ärgerte sich der Köhler, und als die Aufgabe immer aufs neue mißriet, kam der Mann in so großen Zorn, daß er seine Tabakspfeife faßte und sagte: »Du dummes Ding, wenn du nicht mehr ordentlich rechnen kannst, sollst du verbrennen!«
Damit schleuderte er die Pfeife ins Feuer des Meilers. Nun konnte der Köhler eine ganze Nacht lang nicht rauchen, was ihn so verdroß, daß er nach dem goldenen Berge mit dem Fuße stieß.
Die Göttin drüben am Waldrande aber sagte: »Merkt ihr nicht, Kinderchen, was heute für gute Luft ist?« Das Kleinste hörte auf zu husten, und viele Bäume, die in dem Qualm am Verdorren gewesen waren, schlugen mutig wieder aus.
Am nächsten Morgen, als der Köhler aus seiner Hütte trat, sah er einen fremden Rittersmann bei seinem Goldhaufen stehen und diesen mit Aufmerksamkeit betrachten.
»Was willst du mit dem vielen Golde?« fragte der Ritter.
»Das weiß ich selber nicht!« sagte der Köhler.
»So will ich dir einen guten Vorschlag machen, lieber Mann. Leihe mir das Gold gegen einen Schuldschein. Einen Silbertaler als Zins gebe ich dir im voraus.«
Der Köhler dachte nach, ob das wohl ein gutes Geschäft sei, und kam zu dem Schluß, ein Silbertaler sei nicht zu verachten, da er sich doch eine neue Tabakspfeife kaufen mußte. Also willigte er in den Handel ein. Der Fremde schrieb etwas auf ein Papier, was der Köhler nicht lesen konnte, gab ihm einen Silbertaler und lud das Gold in großen Säcken auf seine Maultiere.
»Leb wohl!« sagte er und stieg auf sein Roß.
»Ach, edler Herr,« sagte der Köhler; »es wäre mir halt lieb, wenn ich Eure Adresse wüßte.«
»Meine genaue Adresse kann ich dir nicht geben,« sagte der Ritter; »ich reite nämlich gerade in den Krieg nach Persien.«
»Ach so,« sagte der Köhler und ließ ihn mit dem Golde ziehen.
Hinterher aber ärgerte er sich und sagte sich, der Fremde habe ihn wohl sicherlich übervorteilt. Doch er tröstete sich, daß er sich ja jederzeit einen neuen Haufen Goldes zusammenrauchen könne.
Die Sache kam aber anders. Der Köhler hatte sich um drei Groschen in Altenroda eine neue Pfeife erhandelt und wollte dem Händler sein goldenes Kunststück vorrauchen. Da kam aber nichts zustande als Rauchringel, die davon schwebten und die ganze Stadt verpesteten.
Der Rat der Stadt, als er die Sache übel in die Nase bekam, schickte eilends seine Büttel aus und ließ den gottlosen Raucher festnehmen. Es war nämlich bei schwerer Strafe verboten, innerhalb von Altenroda bis zwei Wegstunden über die Stadt hinaus Rippentabak zu rauchen.
Der Köhler wurde vor Gericht gestellt, und es wurde der herbe Spruch gefällt: ein ganzes Jahr solle der Sünder im Turme schmachten, bis ein Sommer durch seine Hitze, ein Herbst durch seine Stürme, ein Winter durch seinen Frost und ein Frühling durch seine Düfte die Stadt Altenroda von seinem Tabaksgestank wieder gereinigt habe. Nach zwei Wochen schon kam der Beichtvater des Köhlers zum Rat und bat um Gnade für den Eingesperrten, der im Turm ohne Rippentabak verschmachten müsse, wie ein Fisch ohne Wasser. Der Rat von Altenroda, der immer milde und menschenfreundlich war, bestimmte darauf, man solle dem Köhler fünfundzwanzig Stockhiebe auf seinen ledernen Hosenboden verabfolgen und ihn dann als verwarnt entlassen.
Solches geschah. Als der Köhler sich von den fünfundzwanzig Hieben soweit erholt hatte, daß er wieder laufen konnte, kaufte er sich einen Zentner Rippentabak, das Pfund zu zwei Pfennigen, und wanderte heimwärts.
Im Walde war unterdes große Freude gewesen. Glückselig saß Querka, die Göttin, in ihrem hohlen Baum und atmete köstliche Lüfte, die Mäuse freuten sich, daß es nicht mehr durch die Ofenröhren ihrer Wohnung rauchte, die Felle der Hasen färbten sich auffallend heller und die Augenentzündung der Vögel ließ nach.
»Das habe ich alles mit meinem Zauberspruch getan,« dachte Querka; »denn goldene Ringe können nicht fliegen.«
An einem Abend aber -- was roch Querka? Was rochen ihre Kinderlein? Was schnüffelten die Hasen? Wovor schüttelten die Eulen ihr Gefieder?
Rippentabak!
Es schwebten wieder Herzen, Ringe, Eier und Rechenaufgaben durch den Wald. Die Göttin eilte erschrocken zur Köhlerhütte. Richtig, da saß er und rauchte; rauchte aber nicht Gold, sondern rauchte Rauch -- Rippentabaksrauch.
Die kluge Göttin machte sich nun wieder recht lieb und artig an den alten Schlot heran und fragte ihn, wo denn die goldenen Ringe seien.
Hätte er verliehen, sagte der Köhler und besäße ein Testimonium darüber. Er holte die Quittung des Ritters aus seiner Hütte und zeigte sie der Göttin. Diese las:
»Ich bestätige, daß der Köhler vom Eulenwalde der guten Stadt Altenroda der größte Esel der Welt ist.
Kuno von Bimbim.«
»Das ist die Quittung?« fragte die Göttin, »die Quittung für all' Euer Gold?«
»Ja,« sagte der Köhler stolz; »es hat alles seine Richtigkeit.«
Die Göttin ließ ihn bei dieser fröhlichen Auffassung und fragte schmeichelnd, ob er sich denn nicht etwas gedacht habe, als er plötzlich goldene Ringe rauchen konnte.
»Ja,« nickte der Köhler, »das habt Ihr getan.«
»Und wo ist die verzauberte Tabakspfeife hingekommen?«
Der Köhler wies mit dem Daumen nach dem Meiler.
»Da! Verbrannt! Das dumme Ding konnte nicht mehr rechnen. Es rechnete zwei mal vier gleich zwei. Und das ist falsch. Das ärgerte mich!«
Nun redete die Fee in den lieblichsten Worten auf den Köhler ein, er möge sich doch auch über seine neue Tabakspfeife einen Segen sprechen lassen; aber der Köhler hielt die Pfeife abwehrend beiseite und sagte:
»Nein, ich mag nicht! Meine Ringe und Herzen können fliegen; aber deine goldenen Ringe purzeln auf die Erde. Daß sie fliegen können, das ist das Schöne bei den Ringen. Was habe ich vom Golde, das mir ja doch wieder ein Ritter abborgt, der damit nach Persien reitet.«
Da schlug die Fee trostlos die weißen Hände zusammen.
Nach einiger Zeit fragte sie: »Was ist denn in dem schrecklich großen Ballen da?«
»Rippentabak!« sagte der Köhler. »Ein Zentner. Ich hatte bloß noch einen kleinen Vorrat. Wenn der aufgeraucht ist, kommt der neue Ballen dran.«
Da liefen der Fee heimlich Tränen über das Gesicht. Als aber der Köhler einmal nach der Hütte verschwand, weil er sein kostbares »Testimonium« dort wieder bergen wollte, erhellte sich das Gesicht der Fee; sie trat an den Tabakssack und sprach heimlich und schnell eine Zauberformel, wodurch sich der Rippentabak in Tabak so edler Art verwandelte, wie er nur in den Gärten des Kalifen gedeiht.
»Müssen wir schon Tabaksrauch schlucken, dann doch edlen!« sagte sich die Fee.
Drei Tage später öffnete der Köhler den neuen Tabaksballen. Er verwunderte sich über das Aussehen des Tabaks, der ein krümeliges braunes Gewuschele darstellte, gar keine starken reellen Rippen, stopfte sich aber eine Pfeife, rauchte sie bis zu Ende und spuckte während der Zeit seinen ganzen Meiler aus. Nach der zweiten Pfeife wurde ihm so übel, daß er die kleine Birke, an der er sich festgehalten hatte, umbrach und mit ihr zu Boden fiel. Als er sich erholt hatte, erfaßte ihn großer Zorn. Er nahm den wildesten Eichenprügel, den er besaß, eilte nach Altenroda hinunter, immer schimpfend: »Zwei Pfennige für das Pfund hat mir der Betrüger abgenommen!« kam in den Laden des Kaufherrn, der ihm den Tabak verkauft hatte, und prügelte den mit dem Eichenknüppel, bis er halbtot am Boden lag. Nur den Bemühungen des gelahrten Medikus der Stadt unter Beiziehung des Baders gelang es, den schwerverletzten Kaufmann am Leben zu erhalten.
Dieser mißhandelte Kaufmann aber war eine gewichtige Persönlichkeit. Er besaß ein Grundstück von siebenhundert Gulden im Wert und hatte die Tochter des Bürgermeisters zur Frau. Hauptsächlich aus letzterem Grunde verurteilte der Rat der Stadt den missetäterischen Köhler zum Tode durch den Strick. Der Beichtvater kam zwar wieder und bemühte sich mit ängstlicher Fürsprache, aber das nützte gar nichts; der Köhler sollte hängen.
Waldkinder jedoch, die nach Beeren und Pilzen suchten, erzählten sich von dem traurigen Schicksal, das dem Köhler bevorstand. Und das hörte die Fee. Sie erschrak bis in die Tiefe ihres lichten, lieben Herzens und eilte auf ihren goldenen Schuhen nach Altenroda. Dort trat sie vor den Rat der Stadt und erzählte alles.
»Ihr Herren, ich allein hab' Schuld, ich allein!«
Da traten die Ratsherrn zusammen und sagten sich nach kurzer Beratung:
»Mit der Göttin Querka können wir es nicht verderben. Wer weiß, was sonst, wen das nächste schwere Wetter zwischen Ochsenkopf und Eulenwald hereindringt.«
Also gingen sie wieder in den Sitzungssaal und sagten:
»Hohe Göttin, wir haben beschlossen, dir den argen Sünder zu überantworten. Du selbst fälle das Urteil. Fälle es aber nicht zu milde, fälle es gerecht. Der Rat der Stadt behält sich vor, seine Einwände zu machen.«
Die Göttin ließ sich zu dem Gefangenen führen.
Der saß wie ein Verhungerter und Verdursteter auf dem Boden seiner Zelle.
»Kennst du mich?«
»Ja.«
»Willst du etwas von mir?«
»Ja.«
»Was?«
»Rippentabak!«
»Das geht nicht. Aber was anderes kann ich dir schenken.«
»Was?«
»Das Leben!«
Der Köhler kratzte sich hinter dem Ohr.
»Was ist das Leben ohne Rippentabak!« sagte er trostlos.
Die Göttin staunte diesen Menschen an. Dann kam ihr ein guter Gedanke.
»Sag mir, Köhler, mußt du durchaus im Eulenwalde wohnen, oder könntest du auch anderswo rauchen?«
»Auch anderswo,« sagte der Köhler. »Bloß Rippentabak muß es sein, aber nicht solcher, der runterfällt, sondern solcher, der fliegt.«
Die Göttin fällte den Spruch:
»Der Köhler Jakobus aus dem Eulenwalde der würdigen Stadt Altenroda ist zur Strafe dafür, daß er den ehrenwerten Bürger Bartholomäus Schnürle fast bis zum leiblichen Tode mißhandelt hat, zu lebenslänglicher Verbannung verurteilt. Diese Verbannung soll er auf dem mit ›Ochsenkopf‹ benannten Berge verbüßen, der im Süden der Stadt liegt, gerade auf der Gegenseite der Stadt, wo bisher seine Hausung war. Der Verbrecher ist berechtigt, jede Woche einmal nach Altenroda hinabzusteigen, sich alldorten zehn Pfund Rippentabak sowie sonst zum Leben Zubehör zu kaufen.«
Der Rat von Altenroda bestätigte dieses Urteil, tat aber auch seine Wünsche kund: »Die Köhlerhütte ist ganz auf dem Gipfel des Ochsenkopfes zu errichten, wo der meiste Luftzug ist; auch ist zum Schutze für die Gemarkungen Altenrodas eine steinerne Rauchfeste zu errichten, eine keilförmige Schanze, durch die jeweils der Rauch aus Jakobi Pfeife hinunter nach Wenighofen zieht.«
So geschah es. Wenighofen -- eine feindnachbarliche Stadt von Altenroda -- ist ausgestorben. Wer das nicht glaubt, sehe auf der Landkarte nach. Er wird Wenighofen nicht finden.
Was aus dem Köhler weiter geworden ist, weiß niemand. Aber wenn er nicht gestorben ist, raucht er heute noch.
Rippentabak!
* * * * *
Anmerkung.
Du bekehrst eher zehn Türken zum Christentum als einen Raucher zur Vernunft.
Die drei Geizhälse
In Altenroda lebten drei Geizhälse. Es mögen vielleicht noch mehr geizige Leute in der Stadt gewesen sein, werden doch vom sechzigsten Lebensjahre an die meisten Menschen geizig, was zu den Alterserscheinungen oder, gelehrter ausgedrückt, zu den +vicia aetatis+ gehört; aber die drei, von denen hier die Rede sein soll, waren so auffallend gut geratene Exemplare von Geizkragen, daß sie in ganz Altenroda berühmt oder vielmehr berüchtigt waren. Der Religion nach war der erste evangelisch, der zweite katholisch, der dritte Jude. Geizhälse und Wucherer gibt es unter allen Gattungen der Menschheit, da soll nur die eine der andern nichts vorwerfen. Nun soll alles hübsch der Reihe nach erzählt werden.
Der evangelische Geizhals
Der evangelische Geizhals wurde später Dissident, und sein Abfall von der ursprünglichen Religion hing mit seinem Geiz zusammen. Er hieß Leonhard Fahrig. Fahrig war Kolonialwarenhändler. Solange der Pastor der Gemeinde von seinem geringen Einkommen für seine Familie Kaffee, Zucker, Mehl und Reis, den bescheidenen Tabaksbedarf, sowie jedes Weihnachtsfest eine Flasche Zeltinger bei Leonhard Fahrig kaufte, saß der Kaufmann jeden Sonntag in der Predigt. »Leben und leben lassen!« sagte er manchmal. Kam ein offener Opferteller, so daß der Nachbar vom Nachbar sah, was der auflegte, so warf Fahrig klirrend einen geputzten Nickel auf den Teller, kam aber der verschwiegene Klingelbeutel, so steckte er einen Hosenknopf hinein. Der Glöckner Krause, der ein kluger Mann war, sagte einmal in der Sakristei, als der Ertrag des Klingelbeutels ausgezählt wurde:
»Vier Mark, dreizehn Pfennige und ein Knopf. Herr Pastor, der Hosenknopf ist vom Kaufmann Fahrig. Der Mann macht immer so fummelige Finger, wenn er über den Klingelbeutel greift, und steckt die Hand so tief rein, daß ich nie eine Münze sehen kann. Er ist von Fahrig, der Knopf, da verlasse sich der Herr Pastor darauf!«
»Ausgeschlossen!« sagte der Pastor. »Denken Sie doch, der wohlhabende Mann! Und dann, Hosenknöpfe sind auch etwas Brauchbares. Ich habe zu Hause hundertzwanzig Stück liegen. Wenn Sie einmal Bedarf haben, lieber Krause ...«
Krause schüttelte den Kopf. Er war wieder einmal unzufrieden mit seinem Pastor. Am nächsten Sonntag, als er mit dem Klingelbeutel ging, paßte er vor Fahrigs Kirchenstand auf wie ein Detektiv. Aber Fahrig machte »fummelige Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel, und der Detektiv war geprellt.
Krause, der ein kleine Ackerwirtschaft besaß, dachte während dreier Tage, da er mit seinem Kuhgespann pflügte, an nichts anderes als an den Hosenknopf im Klingelbeutel. Mittwoch abends gegen halb sechs rief er sein »Heureka!« Das hieß diesmal in deutscher Sprache: »Warte, du Lump, ich hab' dich!« Krause erschrak über den erleuchteten Gedanken, der ihm gekommen war, so, daß er mitten in der Furche den leichten Schälpflug wegwarf und sich zitternd vor Aufregung auf den Feldrain setzte. Die Kühe guckten sich verwundert nach ihm um, steckten dann die nassen Schnauzen zusammen und kamen nach einigem Brummgetuschel überein, den Schälpflug hinter sich herzuschleifen und sich an des Nachbars Stoppelklee den Bauch vollzufressen. Krause merkte davon nichts. Er saß auf dem Feldraine, fuchtelte mit den Händen und strampelte mit den Beinen, so daß man solch lebhafte Bewegungen einem würdigen Glöckner nimmermehr hätte zutrauen sollen.
Am nächsten Sonntag saß Leonhard Fahrig auf seinem Stand in der Kirche. (Nebenbei gesagt, es ist nicht ganz richtig, etwas als »Stand« zu bezeichnen, wo man sitzt.) Also Fahrigs »Stand« war in der vierten Reihe der erste Platz, dicht unter der Kanzel. Der Pastor predigte, und als die Einleitung vorbei war, erschien Krause mit dem Klingelbeutel. Leise bimmelte das Glöcklein zu den belehrenden und ermahnenden Worten des Predigers. Als Krause drei Bänke abgesammelt hatte und Leonhard Fahrig als der Nächste sich nun für seine Opfergabe rüstete, hielt der Glöckner plötzlich inne, griff sich an den Kopf, als ob er in der Sakristei etwas vergessen habe, und verschwand. Er ging leise, auf Zehenspitzen, was aber den Pastor doch so störte, daß er einen Bibelvers als aus Galater stammend bezeichnete, während er in Wirklichkeit bei Korinther steht. Bald kam Krause mit dem Klingelbeutel zurück und heischte Leonhard Fahrigs Gabe. Fahrig machte seine »fummeligen Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel und ließ seine Gabe in diese Höhle der Mildtätigkeit hineinsinken.
Plötzlich griff sich der Glöckner Krause abermals an den Kopf und verschwand wieder nach der Sakristei. Den Pastor auf der Kanzel störte das so, daß er in der Predigt stecken blieb, was ihm noch nie passiert war. Auch die Gemeinde machte lange Hälse, zumal als Krause zurückkam, sich zu Leonhard Fahrig beugte und ihm etwas in die Hand drückte. Dann aber ging der Glöckner weiter und sammelte die Gaben der Gemeinde ein. Eine richtige Andacht kam während dieser Predigt weder bei dem Pastor noch bei der Gemeinde mehr auf, zumal alle sahen, daß der sonst so sanfte Glöckner ein feuerrotes Gesicht und wild rollende Augen sowie einen zappeligen Gang hatte, auch aus Versehen des öfteren die Andächtigen mit dem Klingelbeutel ans Ohr oder an die Nase stieß.
In der Sakristei fragte der Pastor streng:
»Krause, was war das heute während der Predigt für allerhand Störung?«
»Bitte um Verzeihung, Herr Pastor, ich mußte es tun; ich mußte ihn entlarven.«
»Entlarven? Wen?«