Chapter 6 of 22 · 3978 words · ~20 min read

Part 6

»Seht ihr das rote Haus dort? Das ist das Gefängnis. Da sitzen unglückliche Menschen, die das Gesetz nicht achteten, und zählen die Tage, bis sie wieder einmal frei unter anständigen Leuten gehen können. Dort ist der Dom, daneben wohnt der Fürstbischof; in jenem Hause wohnt der oberste General.«

»Und wo wohnen wir?« fragte ein Kind.

»Dort ist der Zobtenberg, den wir auch zu Hause sehen, nur daß er hier etwas anders ausschaut, und wenn ihr links an ihm vorbei in die Ferne seht, da liegt hinter der Himmelslinie unser Dorf.«

Die Kinder bohrten die Blicke in den Dämmerdunst der Ferne, und ob sie natürlich auch nichts von ihrem Dörflein erspähen konnten, sie schauten immer wieder hin und winkten mit den Händen.

»Es ist viel in der Stadt!« hatte ein Kind gesagt. Das war mir genug. Die Kinder hatten einen Eindruck empfangen, wir fuhren nicht leer nach Hause.

Und ein gewaltiges Neues kam noch: die Kinder fuhren mit der Eisenbahn. Auch mancher Erwachsene aus unserer Schar fuhr zum ersten Male mit der Bahn. Wer lächelt darüber? Wie lange fliegen heute schon unsere Luftschiffe? Wer flog mit? Und wer würde heute nicht mit ebenso feierlichem, die Angst schlecht verhehlendem Gesichte im Luftfahrzeug sitzen, wie damals diese Kinder im Eisenbahnzuge? Dem Neuen gegenüber sind wir alle Kinder.

Der Zug flog donnernd dahin, und als wir schon nach kurzer Zeit auf dem Bahnhof der heimischen Kreisstadt anlangten, stiegen alle mit einem frohen Lächeln aus:

»Es ist vorbei! Es ist gut gegangen!« Und sie fingen an zu lärmen und sahen mutig um sich.

Wir suchten den Gasthof wieder auf, in dem uns die Wagen erwarteten, und ich hielt einen Generalappell. Ich zählte die Kinder.

Einundachtzig!

Ich zählte nochmals. Wieder einundachtzig! Da brach mir der Schweiß aus, und ich zählte zum dritten Mal einundachtzig. Mit zweiundachtzig Schülern waren wir fortgefahren, zweiundachtzig hatten wir noch in Breslau in die Eisenbahnwagen hineingezählt, jetzt waren nur einundachtzig.

»Es fehlt jemand. Wer fehlt?« fragte ich.

»Ich nicht! Ich nicht!« schrien etwa zwanzig. Da fuhr ich nervös dazwischen:

»Ihr Schafsköpfe, ich frage nicht, wer ~nicht~ fehlt, ich frage, wer fehlt!«

Der aber, der fehlte, meldete sich nicht. Ich brüllte über den Hof: »Es fehlt ein Kind!« Der Hauptlehrer, der Pfarrer, die Bauern eilten herbei, regten sich auf und suchten. Vergebens!

»Wer fehlt?«

»Ich nicht!« sagte noch einer; der kriegte ein Kopfstück.

Plötzlich kam mir die Erleuchtung.

»Ist Wilhelm Dierschke da? Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!«

Keine Antwort. Nun wußte ich, wer fehlte. Wilhelm Dierschke hatte sich vom Bahnhofe weggeschlichen, um am Oderfluß seine versteckten Stiefel zu suchen. Es ward schon dunkel, die Kinder mußten nach Hause; es war ja noch ein Weg von 2-1/2 Stunden zurückzulegen. Da ließ ich die neunundneunzig in der Wüste, ich ließ sie nach Hause fahren und ging das verlorene Schäflein suchen. Als »guter Hirt« kam ich mir aber gar nicht vor. Ganz im Gegenteil. Ich wußte, daß der Junge seine Stiefel versteckt hatte, ich hätte mir denken müssen, daß er sie suchen würde, da er sie doch wiederhaben wollte, und ich hätte am Bahnhof auf Wilhelm Dierschke besonders aufpassen sollen. Ich hatte es aber unter einundachtzig anderen Sorgen vergessen, und der Junge hatte sich auch so heimlich entfernt, daß nicht ein einziger seiner Kameraden darauf aufmerksam geworden war.

Ich stürmte durch die Stadt, dem Oderstrom zu. Meine Phantasie malte mir gräßliche Bilder. Der täppische Junge ist in der Abenddämmerung an den Fluß gekommen, die Böschung ist steil, er hat gesucht, nicht gefunden, ist ausgeglitten, schwimmt vielleicht jetzt schon weit den Fluß hinunter, und der alte Mann, dessen einziges Lebensglück er ist, wartet daheim, und ich habe den Jungen übernommen.

Einmal mußte ich auf dem kurzen Wege stehen bleiben, um Luft zu schöpfen. Dann endlich war ich am Oderfluß. Ich erkannte die Landungsstelle.

»Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!« rief ich.

Es kam keine Antwort. Ich rief, ich schrie, ich schlängelte mich durch das Ufergebüsch.

Ich lugte ins Wasser.

Ruhig floß der Strom; der Wind wehte durch die Bäume. Immer wieder rief ich -- den Fluß hinauf und hinunter rannte ich -- es war alles umsonst.

Nach einer langen Zeit fragte eine Stimme:

»Wer ruft denn hier?«

Es war ein Fischer. Er sagte, er sei seit vielen Stunden am Fluß, noch lange vor Abend, aber er habe keinen Knaben gesehen. Ob er denn nicht den Fluß absuchen könne, fragte ich in meiner Verwirrung. Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»Wenn er hineingefallen ist,« sagte er mit der rücksichtslose Offenheit so einfacher Leute, »dann ist er hin. Denn es ist hier tief und reißend.«

Tränen würgten mich. Da schüttelte er wieder den Kopf und sagte:

»Gehn Sie doch mal zur Polizei. Ich werd' Ihnen den Weg zeigen.«

Das war ein Rat, der mir einleuchtete. Ich ging mit dem Schiffer nach der Stadt zurück, nicht ohne wiederholt stehen zu bleiben und laut zu rufen. Der Schiffer führte mich einen Weg durch enge Gassen. Und in der allerengsten Gasse, wohin ich selber niemals gefunden hätte -- fand ich Wilhelm Dierschke. Er verteidigte heldenmütig sich und seine kanonenrohrartigen Stiefel gegen eine Schar von Gassenjungen, die das Dorfkind belagerten.

Selig rief ich »Wilhelm! Wilhelm!« und hielt ihn in den Armen samt seinen Stiefeln.

Wir gingen dann miteinander durch die Stadt. Ich fand kein Wort des Vorwurfs; ich sagte dem Jungen nur, die anderen seien schon nach Hause, da es doch bereits spät sei; wir beide würden nun in einem Gasthaus übernachten und morgen früh um 3-1/2 Uhr aufbrechen, da seien wir noch vor Schulanfang zu Haus. Wilhelm schluckte an seinen Tränen, preßte mit jedem Arm einen Stiefel an seine Brust und sagte gar nichts.

Da fiel mir der Großvater ein. Was für ein furchtbarer Jammer, wenn die anderen heimkehrten und allein sein Wilhelm fehlte! Eine telegraphische Nachricht jetzt während der Nacht zu geben, war ganz ausgeschlossen. Da sagte ich: »Wilhelm, wir müssen noch heute Nacht nach Hause gehen; es ist wegen deinem Großvater.«

Der Junge nickte gehorsam, aber ich merkte, er war todmüde. Und ich war auch müde. Da fragte ich den Schiffer, der noch bei uns war, ob er uns wohl eine Fuhre nach dem Dorfe J. besorgen könne. Er fragte, wo J. liege; ich beschrieb es ihm.

»Oh, wer wird jetzt in der Nacht so weit über Land fahren,« sagte er abweisend.

Ich sagte, es müsse sein, und bot zehn Mark Fuhrlohn. Zehn Mark waren damals sehr viel Geld. Da sagte der Schiffer, er habe einen Bruder, der Droschkenkutscher und ein sehr gefälliger Mensch sei; wenn es dieser nicht täte, täte es keiner. Ehe dieser Bruder gefunden war, ehe er eingespannt hatte, vergingen abermals dreiviertel Stunden, viel zu viel Zeit für meine Unruhe.

Endlich fuhr das Wäglein die dunkle Landstraße entlang. Das Kind schlief ein, der Nachtwind kühlte meine heiße Stirn, und ich war glücklich.

Wohl noch eine halbe Meile vor unserem Dorfe hörte ich plötzlich eine Stimme durch die Nacht rufen: »Wilhelm! Wilhelm! Großer Gott! Barmherziger Gott!«

Es war der alte Großvater, der sein Enkelkind suchte. Ich rief zurück, sprang vom Wagen herunter und lief auf ihn zu. Er sah aus wie ein Irrsinniger, das lange weiße Haar flatterte um seinen bloßen Kopf.

»Ist er da? Lebt er?«

»Es ist alles gut, Meister. Da auf dem Wagen sitzt der Wilhelm.«

Der Schneider trat heran.

»Junge!«

»Ich hatte meine Stiefel verloren,« sagte der Kleine mit weinerlicher Stimme.

Ich setzte den Großvater zu dem Jungen in den Wagen und mich beiden gegenüber.

»Ich werd' alles vergelten, Herr Lehrer,« sagte der Schneider mit bebender Stimme.

»Davon ist gar keine Rede, Meister! Sie müssen mir nur versprechen, daß Sie nicht böse sind auf mich.«

Er schüttelte den Kopf und weinte leise. Nach einer Weile sagte er:

»Es ist alles gut. Der Junge ist da.«

»Und«, sagte der Junge, »wir fahren in einem so schönen Wagen, und die Stiefel sind auch da. Ach, Großvater, es war so schön, so sehr schön, daß ich mitgefahren bin.«

Der Alte wollte heftig widersprechen, aber er sah mich an, wollte mich nicht kränken und sagte:

»Ja, es war wohl schön, daß du mitgefahren bist.«

Im Dorfe waren noch alle Leute munter, alle in Aufregung. Wir wurden mit herzlicher Freude empfangen.

* * * * *

Das war der einzige Ausflug, den ich mit Schulkindern als Dorfschullehrer gemacht habe. Schon nach acht Monaten rief mich meine Behörde in eine größere Stadt, wo ich an der Lehrervorbildung mithelfen mußte. Einmal bekam ich einen anonymen Brief, dessen Poststempel leider auch nicht zu entziffern war. In dem Briefe war nichts enthalten als ein Zehnmarkschein. Ich habe noch heute den Verdacht, daß der Brief vom Schneider Dierschke war.

Das Telefon des Bildschnitzers

Eine Bergstadtgeschichte

Alle Sommermärchen sind aus: die, die im Kelch der Rose wohnten wie in einer rotleuchtenden Stadt; die, die um nackte Füßlein spielender Kinder durch den Bach schwammen; die, die auf den tönenden Flügeln des Gartenkonzerts dahinhuschten über glühende junge Wangen und sich im stillen Walde verloren. Alle sind aus.

Es war einmal -- es ist nicht mehr!

Auch das Sommer- und Lebensmärchen des Bilderschnitzers Klemens ist nicht mehr. Sein Junge ist gestorben und begraben worden. Es war ein klarer Herbsttag, als sie den kleinen Hermann in die Grube legten; die Luft war voll Gebet und Liederklang, voll vom Weinen der Weiber und den scheuen Seufzern der Männer; es sangen auch noch ein paar Vögel, mit dem Schnabel nach Süden hin, und die roten Blätter wirbelten, und auf den Kirchturm, von dem die Glocke klang, schwamm von Norden her eine Wolke zu. Ein Weilchen blieb dies Bild stehen mitten im Herbsttag, und dann gingen alle nach Hause.

So war des Bilderschnitzers Sommer- und Lebensmärchen zu Ende.

Manchmal lacht Klemens und hält sich für einen Narren. Die ganze Zeit, als er das Roß mit dem Araber geschnitzt hat, hat er doch gemeint, daß das Roß lebe und der Araber lebe, und hat meist in Hemdsärmeln dagesessen, weil ihm die Glut der Wüstenluft allzu arg zusetzte. Wußte er nicht genau, daß sein Araber gegen Omar ben Alef ansprang, gegen den Prahler, der geschworen hatte, ihn lebend zu fangen und ihm den Bart zu scheren, und den er nun in die Hölle schicken würde? War nicht deshalb der Ansprung des Pferdes so kühn, das Auge des Reiters so erschrecklich, der Arm so wuchtig gehoben, die Beine im Bügel so zum Reißen gestrafft, weil eben alles lebendig gewesen war, als Klemens die Gruppe schuf? Gewiß war es lebendig und ist's auch noch, denn manchmal noch fährt Klemens dem Reiter in die Haare, weil sie ihm nicht vom Schweiß der Anstrengung verklebt genug sind, oder er bringt ein Fältlein im Mantel, das noch zu ordentlich liegt, in flatternden Wurf.

Alles lebt; alles ist wirklich. Aber eines Tages wird ein reicher Mann kommen, von dessen Gunst der arme Klemens leben muß, und ihm den Araber abkaufen, um ihn bei sich daheim auf ein langweiliges Wandbrett zu stellen oder ihn gar seinen verwöhnten Sprößlingen zum Zerbrechen zu geben.

Dann sind Araber und Roß, Omar ben Alef und Wüstenkampf, Palmenwipfel und heiße Luft ein Märchen gewesen, und das Märchen ist aus.

Der Pfarrer hat am Grabe des kleinen Hermann ein paar sehr schöne Sätze gesprochen. Er hat so gesagt:

»Klemens, manche Leute sagen, du seist halt ein Spielzeugmacher oder Bilderschnitzer wie viele in unserer Bergstadt und anderswo. Aber du bist ein Künstler; das wissen alle die, die etwas davon verstehen. Da kommt es wohl öfters vor, daß du an einer Gruppe, die du mit großer Kunst und viel Mühe und Treue geschaffen hast, mit tiefer Liebe hängst. Aber eines Tages kommt ein reicher Mann und kauft dir die Gruppe ab, und du mußt sie ihm hingeben, denn das Leben zwingt dich dazu. Dann bist du wohl traurig in deinem Herzen, aber du tröstest dich in dem Gedanken: der reiche Mann wird mein Werk in einen schönen Saal stellen, wo andere herrliche Kunstwerke stehen, und kluge Menschen werden ihre Freude an dem Werk haben und ganz im geheimen den Mann segnen, der es geschaffen hat. Nun siehe, lieber Klemens, das herrlichste Kunstwerk, das je ein Menschenauge in deiner Werkstatt sah, war dein Sohn. Nicht nur, daß er von dir abstammte; du hast an nichts so viel Sorge, so viel Mühe und Verständnis gewandt wie an dies Kind, das leiblich und seelisch wuchs und wurde zum wunderbaren Kunstwerk. Zehn Jahre lang hast du an ihm gebildet und alle Freuden des schaffenden Künstlers an ihm erlebt. Da kam der reiche Mann -- der reichste Mann der Welt und begehrte den Knaben für sich und sagte: ›Meister Klemens, ich will deinen Hermann für meinen goldenen Himmelssaal. Dort wird er weilen im Licht der Ewigkeiten, und Heilige und Weise, Patriarchen und Engel, der Chor der Jungfrauen und alle Künstler und Könige, die in die Heimat fanden, werden ihn sehen, werden sich seiner Edelgestalt freuen und werden den segnen, von dem er stammt. Und ich selbst werde dich lohnen mit Gütern, die niemand vergeben kann als ich.‹ Die Not des Lebens zwang dich, lieber Meister Klemens, dem reichen Manne dein Kleinod zu geben. Aber wenn du auch traurig bist, sieh ohne Verzweiflung dem entschwundenen Gute nach und tröste dich mit Gedanken von ewiger Schönheit, die über die schmalen Grenzen dieses Lebens hinausgehen und denen du folgen kannst!«

Von diesem starken Trostwort lebte der Bilderschnitzer nun seit drei Monden. Er sprach es sich alle Tage vor, und es tat ihm immer wieder wohl. Aber die trüben, trüben Tage kamen, da die Menschen verdrossen an den Fenstern vorbeigingen, der Regen über die Scheiben weinte und der Efeu frierend in die Stube sah -- die Tage, da alles so furchtbar leer, die Arbeit so zwecklos, das Leben so ohne alle Gnade und Freude war, und dann schrie er nach dem Kinde, dann zerraufte er sich das Haar, da stieß er einmal mit dem Fuße nach seiner schönsten Gruppe, dem heiligen Hubertus, daß dem Jäger die Armbrust brach und der Hirsch mit dem weißen Kreuzlein verwundert auf den tobenden Meister sah.

Als Advent kam, wurde es schlimmer mit Klemens. Da nicht Leute genug in der Bergstadt wohnten, die teure Holzschnitzereien kauften, erwarb der Meister einen Teil seines Lebensunterhaltes dadurch, daß er vor Weihnachten künstlerisches Spielzeug schuf. Ein Hanswurst, den er mit ein paar kräftigen Schnitten aus Tannenholz formte, hatte größeren Kunstwert als viele Goetheköpfe, die aus Marmor sind und in den großstädtischen Bazaren stehen. Das war immer die schönste Zeit des Jahres gewesen, die stillen Novembertage und der verschneite Advent. Dann war's am heimlichsten gewesen in Bildschnitzers Stube, dann war der Junge, der Frühling, Sommer und Herbst auf der Straße war oder über die Stadtmauer kletterte, daheim beim Vater, und er dichtete mit ihm Kunstwerk um Kunstwerk.

»Vater, mach' ein Schiff mit drei Segeln! Ein Mohr und eine schöne Engländerin müssen darin sitzen, und auf dem Mast sitzt ein Affe, der frißt eine Nuß. Der Mohr hat die Engländerin geraubt und der Affe die Nuß.«

Dann guckte der Bilderschnitzer schief über die Brille auf den Jungen, in dessen Kopf es so kurios aussah, und fing an, das Schiff zu schnitzen, den Mohren und den Affen. Der Junge sah zu und war ein so strenger Regisseur und Kritiker, daß der Alte dachte: »Was wird aus ihm werden?« -- »Vater, mach' eine kleine Tonne mit einem Schwimm-Männlein darin, das auf- und abtaucht, und das Schwimm-Männlein muß aussehen wie der Ratsdiener Mathies, der sich zu Tode trinkt.« -- »Vater, bau' ein großes Fernrohr, mit dem man in die Erde gucken kann. Man muß die Bergleute sehen, man muß die Zwergemännchen sehen, wie sie Gold und Silber aushacken, und man muß den Teufel sehen, wie er brennt.«

Ein solches »Fernrohr in die Erde« hat Klemens gebaut, ein Rohr mit auswechselbaren Bildern, und viel Geld damit verdient.

Einmal sagte der Kleine: »Du müßtest eine Wunderschachtel bauen können, in die man hineinspricht, und die Worte müssen darin bleiben, und erst, wenn man den Deckel aufmacht, kommen sie wieder heraus.«

Das Kind hatte nie etwas von Grammophon und Telephon gehört, und Meister Klemens zerbrach sich lange den Kopf, ob er es ermöglichen könne, ein sprechendes Grammophon zu kaufen. Aber es war zu teuer, und so kam Klemens darauf, sich ein Haustelephon zu bauen. Als der Knabe einmal einige Tage verreist war, legte er es an. Es führte vom Atelier des Meisters, das unter dem Dache lag, hinab in die Wohnstube, die zu ebener Erde war. Unten hauste die Frau. Sie war die zweite Gattin des Meisters; Hermanns Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Die zweite war ein stilles Weib, hatte selbst keine Kinder, und wenn sie auch für den Knaben nie stürmische Zärtlichkeiten hatte, so war sie doch immer von gleichbleibender Fürsorge für ihn.

Bei der Mutter war Hermann, als ihm das Wunder des Fernsprechers offenbar wurde. Die Mutter sagte nachmals, sie hätte geglaubt, der Junge bekäme die Krämpfe. Seine Aufregung und Freude begnügte sich aber in Zukunft nicht, mit dem Vater durchs Haus zu sprechen, die Leitung mußte bis ans Ende des Gartens in einen leeren Schuppen verlängert werden. Nun wollte der Junge stundenlang mit dem Vater sprechen, der oben im Hause unter dem Dache saß. Der Alte war selbst ein kindischer Gesell, der solche Dinge liebte, aber mit der Zeit wurde ihm der Spaß zu zeitraubend, und Hermann bestellte sich Freunde nach dem Schuppen, die er vom Atelier aus ansprach. Ihm blieb es immer die gleiche Lust, Worte in die Ferne zu richten. Als er aber einmal einem Kameraden die ganze Geschichte vom ägyptischen Josef durchs Telephon erzählte und am Schluß fragte, ob er auch alles verstanden habe, kam keine Antwort. »Es muß eine Störung in der Leitung sein,« sagte der Vater. Es war aber keine Störung in der Leitung, sondern dem Zuhörer in dem kalten Schuppen war die Geschichte zu lang geworden und er war davongelaufen.

»Er ist ein Esel,« sagte Hermann verächtlich; »ich würde eher erfrieren als von dem Telephon fortgehen.«

Niemals hatte der Junge ein Spielzeug gehabt, das ihn so gefesselt hätte, wie dieses Telephon. Seine Phantasie spielte den ganzen Tag um den Kupferdraht, der das unverstandene Wunder enthielt. Sein Vater erzählte ihm, wie weit andere Leute mit dem Telephon sprechen können -- über Berg und Tal, durch Stadt und Land, ja, übers Meer hinweg. Dann wurden die dunklen Augen des Knaben rein starr.

»Telephoniert der Kaiser auch?« fragte er atembenommen.

»Freilich telephoniert er!«

»Aber -- aber wenn er einmal seinen Soldaten telephoniert -- so zum Beispiel -- wenn er ein wenig böse ist: ›Stillgestanden! Linksum kehrt!‹, und das geht durchs ganze Land, erschrecken da nicht die Leute in den Städten und die Rehe im Walde, wo der Draht hindurchgeht?«

Der Bilderschnitzer brummte, das sei ihm ganz egal, ob die Rehe erschräken oder nicht, und der Junge träumte weiter. Lange Pause.

»Aber wir können doch mit unserem Telephon nur bis in den Schuppen sprechen,« kommt's endlich.

»Wenn der Postmeister drüben über der Straße einen Draht an unser Telephon macht, können wir sprechen, soweit wir wollen.«

Wieder lange Pause.

»Aber wie ist's mit dem lieben Gott? Wenn er alles kann, muß er doch auch telephonieren können.«

»Freilich kann er!«

»Auch mit Draht?«

Dem Bilderschnitzer, der gerade einem alten Landsknecht die Nase mit einer Warze verziert, wird die Fragerei unbequem.

»Ich weiß nicht! Vielleicht knüpft er einen Mondenstrahl an den Draht an.«

»Einen Mondenstrahl!«

Der Junge träumte; er sieht die Leitung bis in den Himmel.

So war's meist, wenn der Bilderschnitzer mit seinem Buben zusammensaß.

* * * * *

Im letzten Advent saßen sie auch so beisammen. Es war schon Abend, das Feuer brannte im Ofen, und es war ganz still in der Stube. Auf einmal geht die Klingel am Telephon.

Die beiden fahren auf und erschrecken sehr.

»Wer kann das sein? Mutter?«

»Mutter ist doch in Bärsdorf und kommt erst mit dem Abendzug zurück.«

»Wer kann es sein?«

Der Bilderschnitzer nimmt den Hörer.

»Holla! Wer ist dort? -- Was? -- Was? -- Ach -- ach -- ich -- oh -- oh Majestät ...«

Er legt bestürzt den Hörer weg.

»Hermann, der Kaiser will dich sprechen.«

»Was? Wer? Mich? -- der Kaiser? O, Vater!«

»Ja -- ja, er ist am Telephon. Komm schnell, du darfst ihn doch nicht warten lassen -- denk' doch, der Kaiser ...«

»Ich kann doch nicht -- ich -- ich hab' ja gar nicht den Sonntagsanzug an.«

»So bitt' halt um Entschuldigung, und nun mach' rasch!«

Der Vater schiebt den Jungen zum Telephon. Der ist feuerrot im Gesicht und zittert mit der Hand, als er den Hörer ans Ohr legt.

»Hier ist der Kaiser!« sagt eine bärentiefe Stimme, »der richtige Kaiser in Berlin. Wer ist dort?«

»Hier -- hier« -- meckert ein Stimmchen, »hier ist -- bin ich!«

»Wer ist ›ich‹?« fragt der Brummbaß unwirsch.

»Bildschnitzers Hermann aus der Bergstadt,« piept das Stimmchen.

»So! Na, dich will ich ja eben sprechen.«

»Ich bitte -- bitte -- um Entschuldigung, weil ich nicht den Sonntagsanzug anhab' -- aber bei uns ist heut erst Donnerstag.«

»So!« lacht der »Kaiser«; »Ihr seid wohl dort ein bißchen zurück? Bei uns in Berlin ist schon Sonnabend.«

»Bitt' um Entschuldigung!« wiederholt das Büblein.

»Geschenkt! Geschenkt!« erwidert der Kaiser. »Dein Anzug ist ja gar nicht so schlecht. Bloß der zweite Knopf an der Jacke fehlt und der Absatz am linken Schuh.«

»Ja, ja,« stottert erschrocken der Junge; »der Müller Eduard hat ihn mir abgerissen.«

»Den Absatz?«

»Nein, den Knopf!«

»So!« sagt der Kaiser; »nun, das wollte ich zuerst wissen. Und nun was anderes. Ich habe gehört, du möchtest gern eine Prinzessin heiraten. Ist das wahr?«

»Bitt' um Entschuldigung; ich hab' bloß Spaß gemacht.«

»Waaas? Bloß Spaß? Erst redste dicke Worte und dann willste kneifen?«

Der Kaiser ist offenbar böse. Da sagt der Bub mutig: »Wenn ich eine kriege, werd' ich sie schon heiraten.«

»Na, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben,« sagt der Kaiser. »Ich laß meine Prinzessinnen nicht gern in unnützes Gerede kommen. Also, was willste für eine -- willste nu eine mit Krone oder eine ohne Krone?«

Der Junge überlegt sich's drei Sekunden lang; dann sagt er:

»Ach, dann bitte eine mit Krone.«

»Hm!« brummt der Kaiser. »Also schön, eine mit Krone! Abgemacht! Grüß deinen Vater, und zu Weihnachten ist die Hochzeit!«

Klinglingling -- das Gespräch ist aus.

Der Junge steht noch ein Weilchen wie erstarrt, dann springt er dem Vater an den Hals: »Der Kaiser hat mit mir telephoniert -- der richtige Kaiser in Berlin -- ich -- ich -- heirat' eine Prinzessin mit einer Krone!«

»Donnerwetter!« schreit der Bilderschnitzer und haut den hölzernen Landsknecht auf den Tisch, daß er beide Beine bricht. Fünf Minuten lang schreien sie beide durcheinander, einer immer aufgeregter als der andere. Sie fuchteln mit den Händen, sie sind krebsrot, sie reden immer beide zu gleicher Zeit. Da wird der Junge ein wenig stiller und sagt:

»Er hat's gesehen, daß mir da -- da -- ein Knopf fehlt -- und (er hebt das Bein) da ein Absatz.«

»Ein scharfes Auge hat der Kaiser!« sagt der Vater bewundernd. »Es ist eigentlich peinlich!«

»Ach,« sagt der Junge, »es schad't nichts, er war ja ganz gemütlich.«

»Hm!« brummt der Vater. Sie sprechen dann mancherlei. Es ist schon am Anfang Dezember und bis Weihnachten kaum drei Wochen. Wer weiß, ob der Stache-Schneider bis dahin noch einen neuen Anzug fertig machen kann. Und ein neuer Anzug muß sein, wenn man eine Prinzessin heiratet. Und dann -- wenn die Prinzessin kommt mit ihrer langen Schleppe und der goldenen Krone und den Hofdamen und Pagen, und drei Automobile und sieben Pferde wird sie gewiß auch haben -- wie bringt man soviel unter in fünf Stuben und einem kleinen Gartenschuppen? Und wenn sie immerfort französisch spricht und den ganzen Tag Champagnerwein trinken will, der so teuer ist?

Es geht lange hin und her, und schließlich meinen beide, Vater und Sohn, diese überstürzte Heirat mit der Prinzessin mache viel Scherereien und allerhand Schwierigkeiten und werde sehr kostspielig sein. Am besten wäre es, man wäre die Geschichte wieder los. Aber wie? Es ist immer leichter, eine zu bekommen, als eine wieder loszuwerden. Und nun gar, wenn es eine Prinzessin ist.