Chapter 18 of 22 · 3986 words · ~20 min read

Part 18

Das tat denn Leander und fürchtete sich in dem einsamen Waldhause halb zu Tode. Erst wenn der Morgen kam, schlief er ein.

* * * * *

An einem Sonntagnachmittage, als fast der ganze Stamm der Hullah versammelt war, sagte der Scheich:

»Tapfere beni Hullah! Es sind zwölf Tage und zwölf Nächte vergangen, seit wir auf unserem glorreichen Kriegszuge die Rosse des Giaurs Dröselmann erbeuteten. Ihr habt gehört, was diesem Vater der Verschlafenheit und Enkelsohne der Kümmelflasche begegnet ist. Sein Mudir (Bürgermeister) hat ihn aller seiner Ehrenstellen entsetzt und seiner Einkünfte entkleidet. Er hat ihn in die Verbannung gejagt, wo ihn die Krokodile der Verzweiflung fressen werden. Allah verbrenne seine Seele in Spiritus. Was uns dieser Giaur geschadet hat, ist gerächt. Der freie Sohn der freien Wüste aber, der ben Hullah, ist großmütig und edel. Wenn seine Rache erfüllt ist, hört er auf, zu strafen.

Nun komme ich auf die Stadt zu sprechen, welche Altenroda heißt. Gewiß, es wohnen in dieser Stadt vielerlei Bösewichte, wozu insonderheit die Professoren der Schule gehören, welche das Gymnasium heißt.«

»Allah! Wallah! Tallah!« knurrten die Krieger.

»Allah,« fuhr der Scheich fort, »wird diese Giaurs samt und sonders an einen Spieß stecken, und über dem tiefsten Schlunde der Feuermolche in der Dschehennah zappeln lassen.«

»Allah! Wallah! Tallah!« heulten die Krieger in wildem Fanatismus.

»Aber, beni Hullah, mein Ohr hat vernommen, daß einige unter euch Verwandte in Altenroda haben, und deswegen wollen wir die Stadt nicht vernichten, sondern ihr Gnade zuteil werden lassen.«

Die Männer brummten irgend etwas Arabisches.

»Ich weiß, teure Stammesgenossen, die Milde fällt euch schwer. Zu arg und schändlich seid ihr in jener Stadt oft erzürnt worden. Aber der Starke sei gnädig dem Schwachen. Um eurer Verwandten willen will ich die Stadt begnadigen und ihr die Esel zurückerstatten, um die sie jammert.«

Unwilliges, ja drohendes Gemurre.

»Hört mich, edle beni Hullah -- ich habe noch andere Gründe für meine Milde. Das größte El Asr des ganzen Jahres, die größte Stunde des Aufbruchs steht bevor. (Der Scheich meinte den Beginn der großen Ferien.) Die Hullah zerstreuen sich dann auf lange Zeit; der eine zieht dorthin, wo auf weiten Steppen die Herden grasen; der andere erklimmt die höchsten Felsengipfel der Welt; der dritte stürzt sich in das Meer, um Perlen zu suchen; ein vierter sucht seinen ruhmreichen Großvater auf. Niemand wird hier bleiben, um unsere Roßherde zu bewachen und sie gegen den Überfall von Feinden oder vor wilden Tieren zu beschützen. Was soll aus ihnen werden?«

Düster sahen die Männer vor sich hin. Ihre herrliche Beute freizugeben, auf den Spaß zu verzichten, alle Tage die Altenrodaer Bürger von den verschwundenen Eseln mirakeln zu hören, sich selbst ihres köstlichen Geheimnisses zu berauben, keine Reittiere mehr zu haben, das alles erschien ihnen Wahnsinn.

»Was du planest, o Scheich,« sagte Omar ben Gandesi zornig, »verhüte der Prophet!«

»So möge eure Weisheit entscheiden,« antwortete der Scheich verstimmt, »was nach dem großen El Asr mit unseren Viehherden geschehen soll!«

Alle versanken in dumpfes Sinnen. Die Pfeifen dampften. Endlich sagte der weise Ali:

»Wenn wir sie schon selbst nicht behalten können, so wollen wir sie doch der feindlichen Stadt Altenroda nicht zurückgeben. Möge diese Stadt zum Gelächter der ganzen Welt die esellose genannt werden in Ewigkeit. Wir werden die Esel aus ihrer schmachvollen Sklaverei erlösen, wir werden ihnen die Freiheit geben. Wald, Feld und Flur sollen ihre Weide sein, der Sternenhimmel ihr Zelt, und zu Mogreb, der Stunde des Frühgebetes, schon möge alltäglich ihr Feierabend beginnen.«

»Wohl gesprochen, edler Ali; auch ich bin für die Freiheit der Esel. Aber bedenke, was aus ihnen werden soll, wenn die Regenzeit eintritt oder wenn feindliche Stämme ihnen nachstellen.«

So sprach der Scheich. Da sprang Omar ben Gandesi erregt auf und rief:

»Ich hab's! Allah hat mein Herz erleuchtet und meinen Verstand scharf gemacht wie die Zähne des Krokodils. Ihr wißt, daß die Obrigkeit von Altenroda auf die Wiedereinbringung der Esel einen Preis von tausend Silberstücken gesetzt hat. Lasset uns mit den Eseln vor das Rathaus ziehen, sagen, wir haben sie im Walde eingefangen, und uns den Preis einfordern. Wenn wir ihn teilen, hat bei El Asr, der Stunde des Aufbruchs, jeder soviel Geld, daß sein Weg mit Rosen bestreut sein wird und sich in allen Herbergen die Diener vor uns reichen Männern neigen werden.«

»Hamdullilah!« schrien die Krieger, und sie reichten sich die Hände und tanzten vor Freude. Nur der Scheich und der weise Ali blieben sitzen.

Als der Tanz aufhörte, sprach der Scheich:

»O, ihr Kinder des Unverstandes und Väter des Leichtsinnes! Was ihr planet, würde unser aller Verderben ein. Man würde euch durchschauen, euch nicht die tausend Silberstücke, sondern die Bastonade geben, sowie auch elendiglich einkerkern.«

»Der Scheich hat recht,« sagte Ali düster; denn er dachte an seinen Vater, den Förster. Da wurden sie alle still, und bleierne Ratlosigkeit lag über der Versammlung.

Endlich stand der Scheich auf und hielt eine Rede von solchem Bilderreichtum und von so hinreißendem Feuer, wie sie eben nur von einem Orientalen gehalten werden kann. Als er geendet hatte, reichten ihm seine Krieger die Hände, und in aller Augen lag hoher Stolz und fester Entschluß.

* * * * *

Die Johannisnacht war gekommen. Auf dem Ochsenkopf wurde ein mächtiges Johannisfeuer angezündet. Goldig flackerte es auf in der pechschwarzen Neumondnacht, und alles Volk aus der Stadt vergnügte sich und hatte sich zum Feste hinaus begeben. Selbst die größeren Kinder genossen in dieser Nacht Freiheit.

Jenseits vom Ochsenkopf aber, im Eulenwalde, im Lager der Hullahs, regte es sich.

»Wir sind vollzählig beisammen,« sagte der Scheich. »Allah hat keinen um die Ehre bringen wollen, an der Heldentat, die wir vorhaben, teilzunehmen. Betet die heilige Fatha!«

Die Krieger verbeugten sich gegen Mekka, was in der herrschenden Finsternis leider nach vier verschiedenen Richtungen geschah, dann wurden die Esel aus dem Stalle geführt und an den Wagen gespannt. Der Scheich mit zwei Spähern ging voraus, der Wagen mit Begleitung folgte. Hadschi Ali ben Gorah kommandierte den Nachschub. Mit allerhöchster Vorsicht schob sich die Karawane weiter. Bei einem Gemüsefelde wurde Halt gemacht. Der Scheich entlehnte sich von einer Vogelscheuche einen alten Frack, einen fürchterlichen Zylinder und ein Halstuch; auch band er sich eine Gesichtslarve vor, die er vom letzten Fasching her besaß. So ausgerüstet, war er schrecklich anzuschauen. Er entließ nun mit einer Handbewegung alle seine Krieger und fuhr ganz allein hinein in die feindliche Stadt. Voller Bewunderung sahen die Hullahs dem unvergleichlichen Helden nach.

Die Stadt war wie ausgestorben. Was nicht zum Johannisfeuer gegangen war, steckte in den Häusern. Nur bei einer Straßenlaterne saßen drei alte Frauen auf den Haustürstufen und schwatzten.

Als sie das gespensterhafte Gefährt daherkommen sahen, schrien sie gellend auf, stürzten ins Haus und warfen die Tür hinter sich zu. Das erste der Weiber wurde ohnmächtig, das zweite schrie in Todesangst fortwährend, es hätte den Leibhaftigen gesehen, das dritte nahm Baldriantropfen.

Fernerhin unbemerkt gelangte der Scheich bis zum Marktplatz. Dort führte er sein Gespann an einen dunklen Straßeneingang, strängte die Esel ab, streichelte sie noch einmal zärtlich und verschwand im Dunkeln.

* * * * *

Vom Ochsenkopf kam mit Marschmusik und Hunderten von Fackeln der Festzug vom Johannisfeuer heim. Voran schritt der Bürgermeister. Es war in Altenroda nicht Sitte, daß, wie anderwärts, die Obrigkeit die Volksfeste nur huldvoll genehmigte, mit Steuern belegte und polizeilich überwachen ließ, sondern sie, die Obrigkeit, mußte mitmachen, sich persönlich beteiligen. Immer mehr Fackeln erfüllten den Marktplatz, die Musik dröhnte, der Bürgermeister erklomm die Freitreppe, um die übliche kleine Ansprache zu halten.

»Bürgerinnen und Bürger unserer lieben Stadt! Der Johannisabend ist für alle ein Fest der Freude!«

»I--a, i--a!« tönte es von irgendwo her. (Das sind wieder Schulbuben, die Unfug treiben, denken alle.)

»Zwar ist es schön und friedlich in den Mauern unserer Stadt, aber herrlich ist es doch, in holder Sommerzeit einmal hinauszuschweifen nach Wald und Berg ...«

»I--a, i--a!«

Plötzlich ein begeistertes, markerschütterndes Schreien.

Und nun folgt ein Hexensabbath: »Die Esel! Die Esel!«

Fackeln drängen nach einer dunklen Ecke.

»Die Esel! Die Esel!«

»Was ist los? Was gibt es?«

»Die Esel sind da! Unsere Esel sind da! Unsere lieben Esel sind da! Unsere Stadtesel sind da!«

Die ganze Menge gerät in Tumult. Der Bürgermeister läßt zwei Trompeter blasen.

»Ruhe! Was gibt es?«

Bäckermeister Chibulke schreit mit seiner Löwenstimme über den Platz:

»Unsere Stadtesel sind da! Hero und Leander. Da stehen sie an der Eulengasse!«

»Herbringen! Zeigen! Die Esel! Die Esel!«

Über den Marktplatz bewegt sich, von vier Männern und zahlreichen Fackeln begleitet, das Eselsgespann. Die Leute staunen sich die Augen aus den Köpfen, sie zappeln, schlagen mit den Händen, schreien.

Vor dem Bürgermeister hält das Gespann. Es tritt tiefe Stille ein. Der Bürgermeister blickt die Esel entgeistert an.

»Wo kommen die her?« fragt er.

»Ich weiß nicht,« sagt der Bäcker. »Am Eingang der Eulengasse haben sie gehalten, ganz ohne Kutscher.«

»Es ist ein Plakat an dem Wagen,« ruft einer.

»Vorlesen! Vorlesen! Ru--uhe!«

Ein Mann liest von der Freitreppe aus das Plakat vor, das an dem Eselswagen war:

»Bürger von Altenroda!

Um eurer zahlreichen Sünden und Missetaten willen seid ihr gestraft worden, daß ihr euer schönes Eselsgespann verloret und die ganze Welt über euch lachte. Diesmal soll Gnade für Recht ergehen, und ihr bekommt euer Gespann wieder. Das nächste Mal fällt es strenger aus! Seid also gut zu euren Armen und nachsichtig mit eurer Jugend! Sonst wehe euch! Die tausend Mark Belohnung soll die Frau Dröselmann bekommen, die durch eure Härte des Ernährers beraubt worden ist. Tut ihr das nicht, so werdet ihr die Esel nicht lange behalten.

Gezeichnet: Die Männer des Rechts.«

Ein ungeheures Gelächter ging los. Nur die Hullahs standen still und stolz da, und ihr Scheich hüllte sich schweigend in seinen Burnus.

* * * * *

Die tausend Mark wurden wirklich an die Frau Dröselmann gegeben. In Altenroda herrschte viel zu viel Humor und Biedersinn, als daß das nicht geschehen wäre. Frau Dröselmann, die ohnehin froh war, daß sie ihr altes Trinkhuhn von Mann los war, schlug selig die Hände zusammen, als sie das Geld bekam, und sagte:

»Gott sorgt! Der Mann ist fort, und die Esel sind da!«

Darob wurde sie zur städtischen Eselkutscherin ernannt. Sie verrichtete ihr Amt ausgezeichnet, hielt vor keinem Wirtshaus, war zuverlässig und betreute ihre Tiere mütterlich ...

Nur wenn sie in die Gegend kam, wo die Promenade an den Eulenwald grenzt, wollten ihr die Grauschimmel allemal durchgehen. Eine unbändige Sehnsucht zog Hero und Leander nach dem alten Jagdhause im Eulenwalde. Und wenn sie eine bunte Gymnasiastenmütze sahen, zitterten sie vor Freude.

Ansorge

Wie Ansorge mit dem Vornamen hieß, wußte in Altenroda kaum ein Mensch. Etwa bis zum vierzehnten Jahre wurde er »Ansorgerle« gerufen; vom vierzehnten bis dreißigsten Lebensjahre hieß er »der junge Ansorge«, von da an schlechtweg »Ansorge« und über das fünfundfünfzigste Lebensjahr hinaus »Vater Ansorge«.

»Ansorge« ist ein unvollkommener Name. Man weiß nicht, ob der Mann, der ihn trägt, reich oder arm »an Sorge« ist. Ist er reich daran, dann ist er natürlich arm; ist er arm daran, so ist er gewöhnlich reich. Eine nur scheinbar verzwickte Geschichte, deren Richtigkeit jeder leicht einsehen wird. Vielleicht kann »Ansorge« auch »Ohnesorge« heißen, wie kluge Sprachler behaupten, aber das trifft auf unseren Mann nicht zu.

Mit diesem Ansorge war die Sache überhaupt nicht so einfach wie mit den Ansorges insgemein; er war nämlich reich an Geldmitteln und trotzdem auch reich an Sorgen. Und die Angelegenheit gestaltet sich noch seltsamer, wenn man hört, daß Ansorge persönliche Sorgen nur viermal im Leben hatte: einmal in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre eine ungetreue Liebste, einmal im siebenunddreißigsten Lebensjahre eine falsch behandelte Zahnfistel, einmal in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahre die Kündigung seines Prokuristen und einmal im siebzigsten Lebensjahre die Sorge um die Gesundheit seines Trauergefolges.

Ansorges Sorgen galten immer anderen Menschen. Weil er sich selber nicht wichtig vorkam, hatte er auch um sich selbst keine Sorgen; aber weil ihm die Schicksale anderer Menschen am Herzen lagen, kam er sein Lebtag aus dem Kummer nicht heraus.

Als Knabe machte sich Ansorgerle Schmerzen darüber, daß Paul Distelfink keinen Springkreisel besaß, da er doch wußte, wie sehr sich der Junge ein solches Spielzeug wünschte. Da bot er eilig und freundlich dem Knaben seinen eigenen Kreisel an. Distelfink aber war ein Ruppsack, sagte, er sei kein Betteljunge, und mochte den Kreisel nicht. Darauf legte Ansorgerle den Kreisel auf Distelfinks Schulweg und paßte, hinter einem Strauche versteckt, auf, ob er ihn finden werde. Distelfink fand den Kreisel und schrie: »Den alten Kreisel trag' ich aufs Fundbüro!«

Das war eine der fremden Sorgen, von denen Ansorge sehr früh erkannte, es sei gar nicht so leicht, ihnen abzuhelfen.

* * * * *

Eine schlimme Sache war das mit der verunglückten Liebe. Ansorge hatte Emma Rillek von seinem siebzehnten Jahre an geliebt und sich mit ihr in seinem zwanzigsten Jahre heimlich verlobt. Emmas Mutter, die Witwe war, durfte nichts wissen. Sie ahnte auch wirklich dann noch nichts, diese strenge Frau, als der junge Ansorge ihrer Tochter zum Geburtstag eine Wäscheaussteuer schenkte, in der allein zwei Schock leinene Handtücher waren, und nächste Weihnachten eine Zimmerausstattung und einen Silberkasten. Die Witwe Rillek war arm. Wie soll eine arme Frau auch gleich auf den Gedanken kommen, ein junger Mann habe mit der Tochter etwas vor, wenn er ihr einmal einige Sachen schenkt? Ansorge freute sich unbändig, daß die Frau so ahnungslos war, und schenkte Kleider, Pelzwaren, Küchengeräte, Halsbänder, eine goldene Uhr und solche Dinge mehr. Die Mutter blieb immer gleich ahnungslos.

Am 6. Mai wollte Ansorge um Emma anhalten. Dann war er fast dreiundzwanzig und sie eben sechsundzwanzig geworden. Das rechte Alter und Verhältnis zum Heiraten.

Am 3. Mai traf sich Ansorge mit Emma im Eulenwalde. Er hatte immer Angst, die strenge Mutter könne hinter diese heimlichen Stelldicheine kommen. Wie schrecklich, wenn sie ihm dann die paar Geschenke, die er Emma gemacht hatte, zurückschickte!

An diesem 3. Mai merkte Ansorge seiner Emma eine gewisse Beklemmung an. Er redete ihr liebevoll zu, sich doch ja keine Sorgen zu machen und ihm alles anzuvertrauen, was sie drücke. Da brachte Emma endlich heraus:

»Ansorge, du könntest mir einmal einen Gefallen tun.«

Er sagte, daß er sich gern gefällig zeigen werde.

»Aber es ist ein großer, schwerer Gefallen!«

»Das tut nichts,« sagte Ansorge und lachte sie aufmunternd an.

Da schluckte sie ein paarmal, wurde knallrot und sagte dann stockend:

»Ich möchte -- daß du einwilligst -- daß ich den Paul Distelfink heirate.«

Erst verstand er sie nicht.

»Wie?« fragte er. »Bitte, sage es noch einmal!«

Da ergoß sich eine Flut von Worten über ihn. Es sei ja bloß deshalb so gekommen, weil sie doch eben Nachbarskinder gewesen seien, der Distelfink und sie, beide -- wie er ja wohl wisse -- in der Gerbergasse aufgewachsen. Da komme halt so was. Und dann, er solle ihr doch den Gefallen tun und einwilligen -- es ginge überhaupt nicht mehr anders.

Er schritt ganz still neben ihr her. Eine große Sorge, ein schwerer Herzenskummer war plötzlich über sein eigenes Leben gekommen. Sie redete immer weiter, weinte, sagte, daß sie todunglücklich würde, wenn er nicht nachgäbe.

Da gab er nach. Beim Abschiede war er freundlich, er tröstete sie und wollte ihr sogar -- wie immer -- ein Goldstück für »kleine Ausgaben« schenken. Aber stolz -- wie ehedem der Knabe Distelfink den Kreisel -- schlug sie das Goldstück aus.

Noch in der Nacht desselben Tages wurde der junge Ansorge sehr krank. +Dr.+ Schicketanz betreute ihn. Schicketanz hatte in Prima gesessen, als Ansorge in der Untertertia sitzen blieb, hatte es aber nicht verschmäht, sich von dem reichlichen Taschengelde des so tief unter ihm stehenden Mitschülers damals immer das Tabaksgeld zu leihen, das er bis heutigen Tags nicht wiedergegeben hatte. Nun war Schicketanz Arzt in Altenroda, Ansorge der Besitzer der von seinen frühverstorbenen Eltern ererbten Fabrik, und nun saß +Dr.+ Schicketanz an dem Krankenlager des Ansorge.

Sie siezten sich. Einer, der schon in Prima war, da der andere in Untertertia kleben blieb, kann unmöglich zu ihm »du« sagen, wenn nicht etwa das Leben es später so besonders eigentümlich gefügt hat.

»Lieber Herr Ansorge,« sagte +Dr.+ Schicketanz nach achttägiger Behandlung, »organisch sind Sie gesund. Ihr ganzes Übelbefinden -- daß Sie nicht essen und schlafen können, daß Sie natürlich dadurch abmagern und schlaff werden, sich elend fühlen -- beruht auf nervöser Grundlage. Zunächst müssen Sie mal erst etwas zu Kräften kommen, dann schicken wir Sie auf Reisen.«

Er ist ein guter Arzt, dachte Ansorge. Was der Grund zu den nervösen Grundlagen seines Todkrankseins war, erzählte er dem Doktor nicht. Das war auch nicht nötig. Ganz Altenroda wußte Bescheid.

In dieser sorgenvollen Zeit seines Lebens quälte sich der junge Ansorge besonders mit der einen Frage: Ob sie mir wohl meine Geschenke zurückschicken werden?

Die Geschenke kamen nicht zurück. Da freute sich Ansorge und sagte zu sich selber: »Es sind doch rücksichtsvolle Menschen. Das tun sie mir nicht an.«

Auch an Distelfink dachte er nun freundlicher. Damals mit der Abweisung des Kreisels hatte ihn Distelfink gekränkt. Nun nahm er -- was ihm gewiß schwer wurde -- die mancherlei Sachen, die er der Emma verehrt hatte, an. Das war nett von dem Distelfink. Überhaupt -- alles hätte er haben können, nur gerade die Emma hätte er ihm nicht nehmen sollen.

Über die Bitternis dieses Gedankens kam Ansorge wochenlang nicht hinweg, und +Dr.+ Schicketanz hatte zu tun, ihn aufrecht zu erhalten.

Dann ging der junge Ansorge zwei Jahre auf Reisen.

Als er gesund und kräftig zurückgekommen war, erschien eines Tages Paul Distelfink in seinem Privatkontor und sagte:

»Alter Freund, ich komme mit einer Bitte. Emma und ich haben gestern das dritte Kind bekommen. Es ist unser erster Junge. Nun wollen wir dich herzlich bitten, Pate zu sein. Es soll ja Glück bedeuten und eine Ehre sein, wenn man beim ersten Jungen aus einer Ehe Pate ist. Nun, Ehre und Glück hast du ja wohl nicht nötig, aber uns nähmst du halt eine Sorge ab, wenn du Pate wärst.«

Ansorge sah den Bittsteller mit seinen stillen Augen an. Er überlegte. Er überlegte lange. Dann sagte er sich: »Warum soll ein kleiner unschuldiger Junge keinen Paten haben?« Und er sagte zu.

Zwei Tage nach der Taufe kam die Mutter Emmas, die Witwe Rillek, ins Privatkontor, flennte und sagte:

»Ach, Herr Ansorge, Sie sind gewiß der beste Mensch von der Welt. Meine Emma, meine Emma, nein, diese schreckliche Gans. Ich muß mich einmal aussprechen zu Ihnen, Herr Ansorge, sonst drückt es mir noch das Herz ab. Ich denke immer, Sie könnten eine schlechte Meinung von mir haben. Aber ich war unschuldig, Herr Ansorge, ganz unschuldig. Ich habe schon, als Sie siebzehn Jahre alt waren und die Emma zwanzig, gemerkt, daß Sie wohl dem Mädel gewogen waren, und es war mein Stolz. Aber das dumme Ding, das vermaledeit dumme Ding, und der Kerl, der Distelfink, der keine drei Taler in der Tasche hat -- o, Herr Ansorge, wenn Sie wüßten, wie oft ich das dumme Mädel gehauen und ihr immer gesagt habe: daß du ja den Ansorge nimmst, der ein so anständiger Mensch ist und dir so noble Geschenke macht! Sie hat's nicht getan!«

Ansorge saß ganz still da. Das war also die gestrenge Mutter, vor der er sich gefürchtet hatte!

»Womit könnte ich Ihnen denn dienen, Frau Rillek?«

»Ach Gott, Herr Ansorge, sehen Sie mal, wie halt doch das Leben teuer ist, und dann die vielen Krankheiten! Die Älteste von der Emma, die Pauline, hat dreimal Zahnkrämpfe gehabt. Die zweite, die Meta, haben wir impfen lassen müssen, Distelfink war drei Wochen in Behandlung wegen eines Nackengeschwürs, und ich mußte auch ein paarmal zum Arzt wegen meines Reißens. So haben sich halt beim +Dr.+ Schicketanz -- er verteuert ja die Leute -- hundertzehn Mark angesammelt, und nun, wo wir schon wieder das dritte haben -- die Hebamme, das unverschämte Weib, hat zwanzig Mark verlangt -- wer soll nun die hundertzehn Mark an Schicketanz bezahlen?«

»Die bezahle ich!« sagte Ansorge.

»Ich danke!« sagte Frau Rillek und flennte.

So war die Geschichte von Ansorges Liebe zu Ende und seine erste persönliche Sorge vorbei.

* * * * *

Die zweite persönliche Sorge hatte Ansorge im siebenunddreißigsten Lebensjahr durch ein Zahngeschwür. Er hatte einen Freund, der ein guter Zahnarzt war. Doktor Neumann hieß er. Als Ansorge aber eines Tages heftige Zahnschmerzen bekam, überlegte er tagelang, ob er zu +Dr.+ Neumann gehen solle. Es wohnte nämlich an der nächsten Straßenecke ein Dentist, ein junger Anfänger, mit dem es nicht vorwärts ging und der Ansorge auf der Straße immer mit einem demütig bittenden Blick ansah, aus dem deutlich zu lesen war: »Sei doch so gut, du reicher Mann, kriege einmal Zahnschmerzen und komme dann zu mir!« Also, +Dr.+ Neumann hatte eine große Praxis und war wohlhabend, der Dentist war ein armer Teufel. Vertrauen hatte Ansorge zu dem jungen Manne nicht, aber die Menschenliebe gebot ihm, den armen Anfänger zu unterstützen. Er ging mit seinen verschleppten Zahnschmerzen zu ihm.

Am dritten Tage, an dem der Dentist den sehr schwierig liegenden Fall Ansorges behandelte, geriet der Patient in Lebensgefahr. Es trat schwere Blutvergiftung ein. +Dr.+ Neumann und eine eiligst aus der Hauptstadt herbeigerufene medizinische Größe hatten Mühe, das Leben Ansorges zu erhalten. Furchtbare Qualen hatte der Arme bereits ausgestanden; nun wurde ihm durch eine Operation der Kiefer zerstemmt, die Wange geschlitzt.

Wochenlang war Ansorge schwer krank. Als er genas und im Spiegel sein verunstaltetes Gesicht sah, das bisher immer so hübsch rund und so glatt rasiert gewesen war, beschloß er, sich einen Vollbart wachsen zu lassen. Er hatte sein Lebtag Vollbärte nicht ausstehen mögen, aber nun war es nötig, das Wundmal durch einen Bart zu verdecken, damit die Leute nicht immer an den Mißerfolg des Dentisten erinnert wurden und der arme Schlucker am Ende seine geringe Praxis ganz einbüßte.

Der Dentist aber war so wie so pleite. Kein Mensch suchte ihn mehr auf; denn ganz Altenroda sprach von dem schweren Unfall Ansorges. Da kam der Zahnheilkünstler eines Tages zu Ansorge und bat ihn ganz zerknirscht um Verzeihung.

»Ich bin selber halb gestorben vor Angst um Sie, Herr Ansorge! Ich habe mich zu zeitig selbständig gemacht; daran liegt's. Ich hätte lieber, was die Zahnheilkunde betrifft, noch manches dazu lernen sollen.«

»Ja!« sagte Ansorge leise.

»Von Altenroda muß ich weg,« fuhr der Dentist betrübt fort. »Die Leute haben das Vertrauen zu mir verloren. In Magdeburg könnte ich eine Gehilfenstelle bekommen und vieles lernen; aber ich habe Schulden. Wenn ich jetzt meine Instrumente verkaufe, kann ich später nicht mehr neu anfangen; denn diese Sachen werden von Tag zu Tag teurer.«

»Wie viel haben Sie denn Schulden?« fragte Ansorge nebenher.

»Tausend Mark,« sagte der Dentist und errötete.

»Und dann brauchen Sie ja wohl noch Geld für die Übersiedelung nach Magdeburg?«

Der Dentist nickte und seufzte.

»Ja, das ist schlimm,« sagte Ansorge und stand auf. Er setzte sich aufs Sofa, wo, wie immer, sein Dachshund lag, und kraute in Gedanken dem Hunde die Kehle. Der knurrte nach dem Dentisten hinüber. Das sollte heißen:

»Wenn du willst, beiße ich ihn hinaus!«

Ansorge steckte dem Köter ein Stück Zucker ins Maul, das er für solche und ähnliche Fälle immer in der Rocktasche hatte, trat ans Fenster und sah auf die Straße. Die Höllenqualen, die er ausgestanden hatte, fielen ihm ein, die schwere Operation, die Verunstaltung des Gesichtes, der Vollbart, der spitz, lückig und unschön um seinen Mund sproßte, schließlich auch die hohe Rechnung, die die medizinische Größe aus der Großstadt geschickt hatte. »Lieber Herr Dentist Hornriegel,« wollte er sagen, »ich trage Ihnen nichts nach. Für Magdeburg wünsche ich Ihnen viel Glück; weiter kann ich aber nichts für Sie tun.«

Als er sich jedoch umwandte und das zerknirschte Gesicht des jungen Mannes sah, sagte sich Ansorge, es sei unrecht, in einem solchen Falle hartherzig zu sein. So sagte er etwas ganz anderes, als er sich vorgenommen hatte:

»Na, in Gottes Namen, Herr Hornriegel, da werde ich Ihnen halt tausendfünfhundert Mark leihen; da wird's wohl reichen.«

Aus Hornriegels vielen mit Tränen betauten Dankesworten blieb Ansorge nur die ständig wiederkehrende Beteuerung im Sinn:

»Sie werden sehen, Herr Ansorge, ich bin kein Unwürdiger. Ich bin strebsam; ich werde noch ein tüchtiger Dentist werden. Und Ihr Geld kriegen Sie wieder!«