Part 2
Und so geschah es auch. Ich wurde wegen Mangel an Talent -- Kritiker. Als solcher habe ich einen riesigen Einfluß gewonnen und mich sogar zum Vorsitzenden der Theaterkommission aufgeschwungen, der daran dachte, Herrn Wawrok als Kritiker »abzusägen«.
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Etwa vier Wochen später beauftragte mich der Theaterdirektor Heilgans, ein eigenes Stück zu dichten.
»Wie lang soll es sein?« fragte ich.
»Drei Akte -- jeder Akt bis fünfzehn Minuten lang.«
»Ernst oder lustig?«
»Beides. Keine Tragödie. Keine Komödie. Ein Schauspiel. Mit befriedigendem Ausgang. Damenrollen höchstens eine. Für Böttger eine besonders wirkungsvolle Rolle. Ein Intrigant muß auch drin vorkommen. In vierzehn Tagen kannst du's wohl machen?«
Ich war in acht Tagen fertig; denn ich hatte es, wie alle jungen Dichter, sehr eilig, auf die Bühne zu kommen. »Magdalena. Ein ländliches Schauspiel.« Der rührende Abschied eines Handwerksburschen von seinem Schatz, einem armen, braven Webermädel. Dann die Not des Vaters. Als Bewerber um die Maid tritt ein halbidiotischer reicher Bauernsohn auf (Herr Böttger); dessen Vater ist der Gläubiger des Webers. Das Mädel mag nicht. Verzweiflungsszenen. Zum Schluß große Zwangsauktion. Des Webers Häuschen wird versteigert. Ein Fremder erwirbt es. Er ist -- na, wer kann es auch sonst sein? -- der heimkehrende besagte Handwerksbursch, der inzwischen reich geworden ist und nun den »befriedigenden Ausgang« macht.
Es war ein voller Erfolg. Heilgans umarmte mich unter Freudentränen. Herr Wawrok schrieb: »Der Monolog der ›Magdalena‹ am Anfang war zwar zu lang, und moderne Dichter sollten überhaupt keine Monologe verwenden, aber dieser Monolog war nur ein Sonnenfleck; denn das Ganze war eine Sonne.«
Dieser letzte Satz söhnte mich mit Herrn Wawrok für alle Zeiten aus.
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Nach mir und Schiller kam zur Abwechselung mal Theodor Körner dran. »Das Fischermädchen« wurde aufgeführt. Ich sehe jetzt noch unseren »Naturburschen« Scholz hinter der Szene Donner und Blitz machen. Die Blitze machte er mit brennendem Kolophonium, in das er blies. Aber die Sache funktionierte nicht, und Scholz verbrannte sich so arg den Mund, daß er während der Vorstellung um Hilfe schrie. Ein reines Wunder ist es, daß bei unseren künstlerischen Experimenten nicht die ganze morsche Seminarbude abgebrannt ist. Die Musen haben uns beschützt.
Aus dem Publikum kamen Anträge an die Theaterkommission, daß man nicht immer nur »klassische Stücke«, sondern auch mal gute Schwänke und Lustspiele aufführen solle. Heilgans wollte anfangs davon nichts wissen; denn er trug sich bereits mit Plänen, zur Oper überzugehen, aber schließlich machte er dem Publikum Konzessionen.
»Ein in Gedanken stehen gebliebener Regenschirm« erweckte Lachstürme auf den Zweipfennig-Plätzen. Das bessere Publikum auf den Zehnpfennig-Plätzen hielt sich reservierter, amüsierte sich heimlich aber auch ganz königlich.
Bei einem Stücke dieser Art geschah es, daß der Naturbursche Scholz vor der Aufführung vor den Vorhang trat und folgende Rede ans Publikum hielt:
»Meine Damen und Herren! (Die Damen existierten nur in Scholzens Phantasie.) Dieses Stück, das wir geben wollen, ist ein Ausstattungsstück. Wir brauchen dazu ein paar Stiefel, die ganz ganz sind. Kann jemand ein paar ganz ganze Stiefel pumpen? Er erhält sie nach der Aufführung gewichst zurück; denn es kommt im Stücke vor, daß die Stiefel gewichst werden.«
Da sich nicht gleich jemand meldete, zog Scholz mir, der ich als Kritiker in der ersten Reihe saß, zwangsweise die Stiefel aus und verschwand damit. Ich erhielt das Schuhwerk nach der Aufführung teilweise arg mit Wichse bekleistert, aber durchaus in ungewichstem Zustande zurück und schrieb daher zornerfüllt in meine Kritik: »Der gestrige Theatertag zeigte, daß das Königliche Seminartheater von seiner hohen Warte herabsinkt und zu einer Schmiere wird.«
Darauf kehrte Heilgans zu den Klassikern zurück und gab zunächst »Wilhelm Tell«. Wie hat Böttger den Tell gespielt! Glänzend! Vor dem Apfelschuß, als er Geßler bestürmte, das grausame Gebot zurückzunehmen, ja, sein eigenes Leben anbot, zitterte er in seiner Vaterangst so, als ob er den Veitstanz hätte. Heilgans (Geßler) aber sagte herrisch und hartherzig: »Iche will dein Leben nicht; iche will den Schoß!«
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Da wir unsere Aufführungen zumeist an den freien Nachmittagen hielten, waren die Lehrer unserem Theater noch nicht auf die Spur gekommen. Einmal aber, als der Oberkursus Examen hatte, dachten wir, die Gelegenheit sei günstig, verließen auf den Zehen unsere Studierstube und schlichen nach dem Himmelssaal, allwo alsbald »Der Lügner und sein Sohn« über die weltbedeutenden Bretter ging. Mitten im Spiel erschien ein Warner mit der Schreckenskunde: »Der Oberlehrer kommt rauf!« Alles meinte, er komme über die Hinterstiege, und eilte nach der Vordertreppe. Und da lief eben alles dem Oberlehrer in die Hände: Heilgans als Heldenvater in Schlafrock und Nachtmütze, Böttger als Stromer, von Schalscha als junges, reizend gekleidetes Fräulein, Bartsch als Sonntagsjäger mit der Flinte.
Der Oberlehrer war starr. Er wußte sich solche Erscheinungen hier in den Schlafsälen an einem Unterrichtsvormittag nicht zu erklären und murmelte: »Bin ich verrückt oder sind Sie verrückt?« Wir stoben zu unseren Büchern zurück. Nach einer halben Stunde sagte einer: »Der Blasel hat sich gerade ankleiden wollen und ist in der Angst in den Unterhosen in die Orgel oben gekrochen.«
Blau gefroren holten wir den Ärmsten aus der Orgel heraus; denn es war ein Wintertag, und die Orgelstube war ungeheizt.
Das erwartete Donnerwetter blieb zunächst aus. Aber es kam später. Auch Heilgans hatte ein Stück gedichtet. Es hieß: »Die Axt des Glückes.« Alle Proben, sogar die Generalprobe, hatte er in der freien Zeit gehalten; nun ritt ihn aber doch einen Tag vor der Aufführung der Teufel, noch eine zweite Generalprobe zu halten, und er verschwand mit seinen Mannen während der vorgeschriebenen Studierzeit nach dem »Himmel«. Dort erwischte ihn der revidierende Lehrer, meldete diesen Fall dem Direktor, und dieser sagte am nächsten Tage:
»Ich habe schon lange gewußt, daß Sie Theater spielen; ich weiß, daß Heilgans der Direktor, Böttger der Regisseur und Keller der Dramaturg ist. Ich habe gedacht: Wenn die jungen Leute nichts Dümmeres treiben als sowas, ist's schon gut, und habe nichts gesagt. Ja, ich hab' mich gefreut. Ich habe gedacht, da gehen die Leute aus sich heraus; es steckt ein idealer Kern drin, und sie lernen auch was dabei. Da Sie aber die Arbeitszeit mißbrauchen, verbiete ich das Theaterspielen ein für alle mal!«
So fiel ein Reif in unsere Frühlingsnacht. Als der Direktor das Zimmer verlassen hatte, bestieg Heilgans das Katheder und sagte:
»Meine Herren! Eingetretener Umstände halber sehe ich mich gezwungen, das Amt eines Theaterdirektors, das ich unter Ihnen zu bekleiden so lange die Ehre und das Vergnügen hatte, niederzulegen. Allein, es muß augenblicklich etwas geschehen, unser getötetes Kunstleben wieder lebendig zu machen.«
Wir schickten eine Bittdeputation zum Direktor, die reumütig Abbitte tat und alles Gute für die Zukunft versprach. Es war umsonst; das Theaterspielen blieb strengstens untersagt. O, diese unglückliche »Axt des Glückes«!
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Um diese Zeit geschah es, daß Heilgans in Liebe verfiel. Abends, wenn er in seinem Bette, dicht an der Feueresse lag, fing er an zu philosophieren, und seine Gedanken bewegten sich immer in demselben Zirkel: »Lieben kann man bloß jemanden, den man kennt. Sie kennt mich nicht; folglich kann sie mich auch nicht lieben.«
»Sie« hatte Heilgans in der Singakademie gesehen, wo wir unsere Übungen hatten. Sie war die Tochter eines Stadtrates, ein schönes, stolzes Fräulein von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Heilgans war neunzehn. Heilgans entwarf nun einen Plan, wie er sich seiner Holden bekannt machen könne, und sagte eines Abends:
»Kinder, ich mach' es einfach so: ich gehe an ihre Entreetür, klingele, und wenn sie herauskommt, frage ich sie, ob in dem Hause nicht ein Doktor Linke wohne. Na, da gibt dann ein Wort das andere. Aber klappen muß es. Wie im Theater. Proben muß man! Wer von Euch spielt mal das Fräulein Grete?«
Keiner erbot sich dazu.
»Nun, da probe ich allein,« sagte Heilgans, der das Theaterspielen nun mal nicht lassen konnte. Er schleppte ein Tafelgestell in die Nähe der Tür, sagte, daß er sich unter diesem Gestell sein Fräulein Grete vorstelle, und guckte dann zur Tür herein:
»Ach Verzeihung, gnädiges Fräulein, wohnt in diesem Hause nicht ein Doktor Linke?«
Flugs stand er darauf hinter dem Gestell und antwortete mit hoher Diskantstimme:
»Nein, mein Herr, ich glaube, in diesem Hause wohnt kein Doktor Linke.«
»Das ist sehr schade, mein gnädiges Fräulein, daß in diesem Hause kein Doktor Linke wohnt. Ich hätte mir auch nicht erlaubt zu fragen nach diesem Doktor Linke, aber ich kenne das gnädige Fräulein von der Singakademie her.«
»Ach, das trifft sich ja gut!«
So wurde der Dialog fortgesetzt, bis sie ihn einlud, »doch mal näherzutreten«.
Leider ist die Aufführung dieser Szene anders ausgefallen als die Probe. Denn als Heilgans wirklich an der Tür des Stadtrats läutete, kam nicht die Tochter, sondern der Vater öffnen. Außerdem aber erschien eine riesige Dogge, die dem liebebrennenden Mann mit dem etwas schlechten Gewissen Schrecken einjagte. Der Schluß war, daß Heilgans dem Stadtrat die auf die Straße entwischte Dogge einfangen helfen mußte, das Töchterlein aber nicht sah. Gebrochen kam der Jüngling heim. Ernst ist das Leben, heiter allein die Kunst.
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Es war tief in der Nacht. Irgendwo in der Ferne summte wohl noch das Lied der Großstadt; im Seminar war Totenstille, selbst die Vorhölle »schlief in himmlischer Ruh«.
Ach, was ist der Schlaf in so jungen Jahren tief und süß! Unser Theatermaler Bentzinger schlief so gern, daß er uns bat, ihn jedesmal zu wecken, wenn mal einer erwache, und ihm dann zu sagen, wie spät es sei. »Es ist mir allerhöchste Wonne,« sagte Bentzinger, »wenn mich jemand um zwei Uhr in der Nacht weckt und mir sagt: jetzt darfst du noch dreieinhalb Stunden schlafen!«
So wurde Bentzinger wirklich fast in jeder Nacht geweckt, oft zwei- oder dreimal, und er war immer dankbar für solchen Freundschaftsdienst. In dieser Nacht wurde auch ich geweckt. Heilgans saß auf meiner Bettkante und seufzte tief und schwer. Ich aber war unwirsch ob der Störung und sagte:
»Heilgans, laß mich jetzt bloß mit deiner Stadtratstochter in Ruh'. Jetzt will ich schlafen. Du kannst mir doch deinen Kummer bei Tage klagen.«
»Es ist nicht die Grete, die mich nicht schlafen läßt,« entgegnete Heilgans, »sondern ich habe einen schwereren Kummer. Das Theater! Wir müssen wieder Theater spielen.«
»Das geht doch nicht!«
»O ja, es muß gehen. Du mußt ein neues Stück schreiben, und wir führen es auf und laden den Direktor dazu ein.«
»Du bist verrückt!«
»Mit nichten! Hör' zu. Der Alte' gibt doch bei uns Psychologie. Du mußt nun ein Thema aus der Psychologie nehmen und dem Alten vorreden, dieses Thema hätte dich in seinem Unterricht so kolossal interessiert, daß du gar nicht hättest anders können, du hättest müssen ein Stück machen, und das solle er sich mal ansehen. Es wäre uns gar nicht um das Theaterspielen, es wäre uns bloß um die Psychologie zu tun.«
»Denkst wohl, der Alte ist so dumm, daß er das glaubt?«
»Das glaubt er bestimmt; denn er wird sich geschmeichelt fühlen, und wenn sich jemand geschmeichelt fühlt, glaubt er alles.«
»Psychologie! Das ist verdammt schwer!«
»Na, du brauchst ja nicht gerade über die Induktion oder die Apperzeption oder solches Gemäre zu dichten. Such' dir halt was. Und in acht Tagen muß es fertig sein. Da beginnen die Proben. Ich und Böttger machen die Hauptrollen. Schalscha muß auch 'ne Rolle kriegen und der Schlolaut auch. Den müssen wir jetzt mal öfters herausstellen. 'n ganz gutes Talent. Und nu denk' nach! Mich friert. Ich weck' jetzt bloß noch den Bentzinger, dann kriech' ich wieder in die Klappe.«
Er schlich davon.
»Bentzinger, wach' auf! Es is dreivierteleins. Fünf Stunden kannst du noch schlafen.«
Bentzinger dehnte sich wohlig. Da sagte ihm Heilgans noch: »Der Keller macht bis über acht Tage 'n psychologisches Drama. Mit dem schlagen wir den Alten breit.«
»Da will ich auch mitspielen,« sagte Bentzinger und schlief augenblicklich wieder ein. Ich aber wälzte mich nun schlaflos im Bett. Heilgans hatte mir keinen schlechten Wurm in den Kopf gesetzt. Ein psychologisches Stück. Für fünf Personen. In acht Tagen. Das war kein Pappenstiel. Und ein solches Stück, das den Direktor milde stimmen sollte! Aber gerade die Grenze, die meiner künstlerischen Freiheit mit den fünf Personen gesteckt war, brachte mich rasch auf einen Gedanken. Ich sprang aus dem Bett und rüttelte Heilgansen munter: »Ich hab's! Ich hab's schon! Die vier Temperamente! Und der fünfte, der macht einen Gemischt-temperamentigen.«
Heilgans rieb sich die Augen.
»Die vier Temperamente? Ja, was -- was hab' ich denn eigentlich für 'n Temperament?«
»Du machst den Melancholiker. Das mußt du ja jetzt nach deiner verkrachten Liebe tadellos können. Der Böttger macht den Phlegmatiker.«
»Großartig!« schrie Heilgans begeistert, hüpfte aus dem Bett und sprang zu Böttgers Lager.
»Böttger, altes Murmeltier, wach' auf; du spielst den Phlegmatiker!«
Böttger begriff nicht, wieso der Phlegmatiker in seine Nachtruhe platzte, als er aber alles gehört hatte, gesellte er sich zu uns beiden, und wir weckten noch den Schalscha, dem wir klar machten, daß er ein tobender Choleriker, sei, und der uns auch wirklich ob der Störung mächtig anschnauzte, den Schlolaut, dem wir erklärten, daß er »gemischttemperamentig« sei, und den Picha, der den Sanguiniker übernehmen sollte. Zuletzt weckten wir den Bentzinger. Der aber hörte von allem nichts, fragte nur, wie spät es sei, rechnete aus, wie lange er noch schlafen könne, und legte sich selig auf die andere Seite.
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»Herr Direktor! Es ist uns nicht um das Theaterspielen. Es ist uns bloß um die Psychologie. Ihr Vortrag über die Temperamente hat mich so interessiert, daß es mir keine Ruhe ließ, bis ich ein Charakterlustspiel gemacht hatte.«
»Was haben Sie gemacht?«
»Ein Charakterlustspiel in einem Akt.«
Der Direktor blinzelte mich an, was so aussah wie: »Spiegelberg, ich kenn dich!« -- aber er sagte:
»Na, was für einen Gedanken haben Sie denn Ihrem Stück zugrunde gelegt?«
»Daß reine Temperamente nicht nebeneinander existieren können, daß sie zu Zank und Streit kommen müssen, daß der gemischt-temperamentige Mensch der glücklichste ist.«
Er brummte befriedigt und sagte: »Na, da legen Sie mir mal Ihr Heft vor.«
Ich holte das Heft, und am selben Abend rief mich der Direktor aus dem Studierzimmer und sagte:
»Spielen Sie das Stück. Aber nicht oben im Schlafsaal. Unten im großen Musiksaal. Ich werde es mir ansehen. Und die Herren Seminarlehrer laden Sie auch ein. Jetzt sagen Sie es den anderen; aber machen Sie es mit dem Indianertanz, der ja nun doch kommen wird, gelinde!«
Es war wirklich ein prächtiger »Alter«, dieser Seminardirektor Ziron. Er wußte, daß wir ihn besiegt hatten, und lud uns zu dem Siegestanze selber ein.
Vielleicht würde er die Erlaubnis aber nicht gegeben haben, wenn er geahnt hätte, daß Böttger und Heilgans in ihrem Enthusiasmus zu einem richtigen »Coiffeur« gingen, sich dort kunstgerecht schminken und zurichten ließen und dann -- Böttger als kahlköpfiger, dickbauchiger Gastwirt, Heilgans als Dorfpoet mit Vatermördern und wallender Haarmähne -- auf den Straßen Breslaus zum Erstaunen des Publikums lustwandelten. Die beiden Künstler erreichten glücklich das Seminar, ehe sie ein Schutzmann wegen Erregung von Straßenaufläufen und groben Unfugs einsperrte. Sie spielten am Abend glänzend. Mir als Autor schlug das Herz bis an den Hals vor Freude und Bewunderung. Das ganze Seminarlehrerkollegium, der Direktor an der Spitze, war erschienen, auch ihre Damen hatten die Herren mitgebracht. Und sämtliche Seminaristen waren da; darunter die Kritiker mit heimlich benutzten Notizbüchern. Böttger, als Phlegmatiker, klagte während des ganzen Stückes über seine »Beene, die ihm so weh täten,« und noch Monate später, ehe wir das Seminar überhaupt verließen, sagte der Direktor: »Böttger, ich wünsche Ihnen, daß Ihnen auf all Ihren Lebenswegen niemals die Beene weh tun mögen.« Aber auch die anderen leisteten Vorzügliches. Heilgans als melancholischer Dorfpoet erntete Stürme von Beifall. Das Endergebnis war: das Theaterverbot war endgültig aufgehoben.
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Heilgansens Geburtstag kam. Wir sagten ihm, daß wir zur Feier des Tages ein »Festspiel« geben wollten; er möge einen Wunsch äußern. Da wählte sich der Schalk -- die Venusbergszene aus dem »Tannhäuser«. Das ging etwas über die Kräfte des Königlichen Seminartheaters. Aber »gegeben« wurde der »Tannhäuser« doch. In einem Klavierzimmer, in dem auch Kleiderschränke standen. Musikmeister Liersch gab den Orchesterpart tadellos; Blasel war ein hellstimmiger Tannhäuser; dagegen rackerte sich der dicke Veith, der auf einem Strohsack lag, vergebens ab, eine verführerische Venus zu sein. Auch die »Nymphen« im Hintergrund waren unter der Kanone; der Naturbursche Scholz, der sich ebenfalls zu einer Nymphenrolle gedrängt hatte, hüpfte und sprang wie ein Waldschrat umher. Für Heilgans aber, den Gefeierten des Tages, war auf einem Kleiderschrank ein »Logenplatz« errichtet, auf dem er thronte. Von da oben sah er mit einem Operngucker interessiert auf die Bühne, und in der Pause »erging« er sich, indem er von einem Kleiderschrank auf den anderen stieg.
Von seiner »Loge« aus hielt er auch eine Rede an die Künstler und das Publikum, in der er sagte: »Neunzehnmal habe ich den ›Tannhäuser‹ gesehen; ganz genossen habe ich ihn aber erst heute.«
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Auch mein Geburtstag kam. An den Feueressen prangten große Zettel: »Festvorstellung. ›Magdalenens‹ Premiere in Posemuckel. Festspiel in zwei Akten von Arthur Heilgans«. Das Stück, das der alte Freund mir zu Ehren gedichtet hatte, spielte bei einer kleinen Theatertruppe in Posemuckel, der es erbärmlich schlecht ging und die sich durch eine wohlgelungene Aufführung der »Magdalena« (meines Erstlingsstückes) finanziell rettete. Am Schluß des Stückes kam der Laternenanzünder zum Direktor und sagte: »Herr Direktor, der Dichter ist in unserm Theater!« »Holt ihn,« rief der Direktor, »wir müssen ihm danken, daß er unser Theater aus schwerer Not errettet hat.«
Und nun wurde ich -- der von allem keine Ahnung hatte -- auf die Bühne geholt, und ich erhielt meinen ersten Kranz. »Paul Keller zum 19. Geburtstag. Gewidmet von seinen Freunden.«
Wenn ich mein ganzes Leben überschaue, ich weiß nicht viele Augenblicke, die so tief an mein Herz rührten wie jener. Ein betäubender Duft stieg aus dem Kranz, den ich in Händen hielt, in meine junge Seele. Heilgans und Böttger standen in ihren Kostümen neben mir. Aber als sie zu mir sprachen fiel alle Theaterei von ihnen ab; die ganze Treue ihrer Herzen, der ganze goldene Idealismus ihrer Jugend sprach aus ihren Worten.
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Ehe wir aus dem Seminar schieden, beschlossen Heilgans, Böttger und ich, uns photographieren zu lassen. Natürlich »in Kostüm«. Ich machte Pläne, Böttger auch, aber Heilgans sagte: »Nur der Faust' ist unser würdig. Wir werden uns nach dem Vorspiel zum ›Faust‹ photographieren lassen als Theaterdirektor, Theaterdichter und Lustige Person.«
So taten wir. Neben dem blauen Bande des Kranzes, den ich damals erhielt und das noch heute an der Wand meines Arbeitszimmers hängt, bildet das Bild ein Erinnerungszeichen an jene schöne Zeit.
Glückselige Zeit! Vielleicht brummt mancher Philister, wir hätten zu viel Zeit »vertändelt«. Er hat unrecht. Vieles, was ich als »unbedingt notwendig« in der Schule lernte, ist längst unter toter Asche versunken; aber was ich im jungseligen idealen Kunstdienst unseres Königlichen Seminartheaters erwarb, besitze ich noch jetzt.
In den Grenzhäusern
Erzählung aus den schlesischen Bergen
Es war in meinen jungen Jahren. Alle Ferientage war ich oben in den Bergen, die ihren gewaltigen Grenzkamm zwischen Preußen und Österreich hinstrecken an die vierzig Meilen lang. Das ging immer hinüber und herüber in den dunklen Wäldern und langgestreckten Tälern, immer auf einsamen, zeigerlosen Wegen, daß man wirklich oft nicht wußte: Bist du nun noch im Vaterland oder bist du schon im »Ausland«? Denn das Volk ist hüben wie drüben -- derb, treuherzig, von derselben Tracht und Sprache und nimmt das Zweimarkstück an Stelle des Guldens diesseits wie jenseits.
An einem trüben Sommerabend kam ich in die »Grenzhäuser«. Die Grenzhäuser lagen noch auf preußischer Seite an einem waldigen Abhang, über dem die Kammlinie aufstieg, an der diesseits das preußische, jenseits das österreichische Zollhaus stand. Drüben über dem Berge das erste böhmische Dorf hieß auch Grenzhäuser. Es war natürlich eine Gemeinde für sich und führte den gleichen Namen nur aus dem einzigen Grunde, weil es eben schwer ist und verdrießliches Kopfzerbrechen macht, immer neue Ortsnamen zu erfinden. In den preußischen Grenzhäusern bestand seit alter Zeit ein Gasthaus, das auf den Namen »Der rote Hahn« getauft war; als viel später in den österreichischen Grenzhäusern auch ein Wirtshaus entstand, nannte es sein Besitzer »Der blaue Hahn«, weil er ein wenig neuerungssüchtig veranlagt war.
Im »Roten Hahn« kehrte ich an jenem Sommerabend ein. Ich war sehr durstig und verlangte ein Glas Bier. Der biedere Wirt betrachtete mich und meine grüne Jugend, schüttelte den Kopf und sagte: »Trink du lieber a Glas Puttermilch, mei Jüngla; Bier ies fer dich zu stork.« Ich ärgerte mich sehr über diese Ansprache; denn ich hielt mich bereits für einen jungen Herrn, aber ich bekam nichts anderes als Buttermilch. Eine Weile darauf kam der Wirt wieder an mich heran und forderte mich auf, eine rotscheckige Kuh suchen zu helfen, die sich in den Wäldern verirrt habe. Innerlich war ich empört und sagte mir, es sei eine Frechheit, einen zahlenden Touristen also zu behandeln; denn was ginge mich die rote Kuh des Wirts an; äußerlich machte ich aber nur eine abgespannte Miene und sagte: Ach, ich sei so weit gegangen an diesem Tag und sehr müde. Da faßte mich der herkulische Mann an der Schulter: »Na marsch, marsch, tu ni erscht so stupide und zimperlich!« und schob mich zur Tür hinaus. Es nutzte nichts, ich mußte dem barfüßigen Hüterjungen und einer Magd die verlorene rote Kuh suchen helfen. Ich tat es mit tiefem Ingrimm und beklagte es, in eine so barbarische Gegend geraten zu sein. Aber wir hatten Glück. Als wir gerade auf die Suche gingen, und zwar nach einem wohlerwogenen Kriegsplan, der Hüterjunge nach Norden, die Magd nach Süden und ich nach Westen, kam die Kuh von der Ostseite her angetrabt und meldete sich mit einem donnernden Gebrüll zur Stelle.
»Na siehste,« sagte der Wirt belehrend zu mir, »wenn man nur die Arbeit nich scheut, bringt se immer ihren Segen.«
Zum Abendbrot bekam ich ein neues Glas Buttermilch, einen Berg von Bratkartoffeln, Butter, Brot, Wurst und Käse vorgesetzt.
Das fand ich nun recht anständig, aber ich dachte an die Kostenrechnung und sagte, so viel könne ich nicht essen. Da nahm mich der Wirt unter die Arme, hob mich ein paarmal in die Höhe und sagte verächtlich:
»Neunzig Pfund hechstens wiegt die Borste. Wie alt bist du denn nu schon?«
»Achtzehn Jahre,« sagte ich. »Ich besuche das Breslauer Seminar und bin schon im zweiten Kursus.« Ich dachte, das würde dem Mann imponieren, aber es war leider nicht der Fall.
»Miserabel siehste aus,« sagte er; »wahrscheinlich haste de Schwindsucht.«
Ich sagte dem Gemütsmenschen beklommen, daß ich zwar ein wenig mager, aber ganz gesund sei. Das glaubte er aber nicht, sondern meinte:
»Das is ja eben das Gutte bei sulchen Leuten, daß se selber nich wissen, wie's um se steht. Meine Schwägerin, die hat's nich geglobt, daß se de Schwindsucht hätte, bis se tot war. Die sah grade su aus.«
Mir wurde plötzlich ganz übel, und ich ließ mutlos den Löffel sinken.
»Ich hab' keinen Appetit mehr,« sagte ich leise.
»Das is bluß wegen deinem verknuchten Gelabere,« fuhr nun die rundliche Wirtin ihren Mann an; »su einem jungen Blutte su an elendiglichen Quatsch vorreden, das is ja a reenes Verbrechen! Junger Herr, hör'n Se bloß nich uff den alen Esel, der weeß nich, was a labert.«
»Nanu,« sagte der Wirt betroffen, steckte die Hände in die Hosentaschen und sah immer verwundert zwischen mir und seinem Weibe hin und her. »Was -- was hab' ich denn etwa verbrochen?«
Die Wirtin stand kirschrot vor ihm.
»Wenn eener wirklich -- nee, nee, du bist ja zu a tummes Luder!«
Sie faßte ihn am Arme und zog ihn hinaus. Ich blieb trübselig hinter dem reichbeladenen Abendbrottisch sitzen. Nach etwa zehn Minuten kam der Wirt wieder herein. Er kratzte sich hinter den Ohren, machte eine sehr verlegene Miene und sagte kopfschüttelnd: