Chapter 10 of 22 · 3971 words · ~20 min read

Part 10

Cyrill benahm sich sehr hoffärtig. Der Frau Bürgermeister, die ihm angeboten hatte, ihrer siebzehnjährigen Else »fortgeschrittenen Klavierunterricht« zu erteilen, wofür eine Mark und fünfundzwanzig Pfennige die Stunde gezahlt werden sollten, hatte Cyrill einen höhnischen Absagebrief geschrieben. Darauf hatte die Frau Fabrikbesitzer Strümpel, die mit der Bürgermeisterin verfeindet war, Herrn Cyrill Dietrich sechs Mark für die Stunde angeboten, wenn er ihre Tochter Thea unterrichten wollte. Cyrill antwortete, wenn er kein Geld mehr haben werde, wolle er sich bei Herrn Strümpel um eine Stelle als Fabrikarbeiter bemühen, keinesfalls aber dem Fräulein Thea Klavierunterricht geben.

Darauf sagten die Leute in Altenroda, Cyrill sei ein Grobian. Nur der Apotheker lobte ihn und nannte ihn einen Charakter.

Jedenfalls hatte sich Cyrill, was seine musikalischen Fähigkeiten und Kenntnisse anlangte, in Respekt gesetzt. Als die »Harmonie« ihr nächstes Konzert gab, räusperte sich ihr Dirigent verlegen, als er Herrn Cyrill im Saale auftauchen sah, und alle Vereinsmitglieder sagten sich im stillen: Heute heißt es aber sich zusammennehmen und das Beste bieten.

Cyrill hörte sich nur die erste Nummer des Konzerts an, dann verließ er behutsam und mit betroffenem Gesichte den Saal.

»Der hat genug!« sagte der Apotheker ziemlich laut, was ein Kichern, aber auch ein verärgertes »Pst! Pst!« zur Folge hatte. Die Sänger auf dem Podium machten erboste Gesichter und es war, als läge ihnen gar nichts mehr daran, weiterzusingen.

Am nächsten Tage suchte der Apotheker Herrn Cyrill auf. »Sie haben gestern das Konzert der ›Harmonie‹ ostentativ verlassen. Das war nicht mehr als recht und billig.«

»Ich wollte die Leute nicht kränken,« erwiderte Cyrill sanft; »ich hielt es nur nicht länger aus.«

»Kann ich mir denken, mir denken! Die Leute haben keine Ahnung vom Singen.«

»Nein,« sagte Cyrill noch sanfter.

»Keine Ahnung von Tonbildung oder richtiger Atmung oder Dynamik. So zum Beispiel singen sie:

›~Stüll ruht da Söö, Die Veeglein schlafähn, Ein Flistarn nua, du merkst es kahum.~‹

Und bei ›Flistarn‹ brüllen sie wie die Stiere. Dabei soll man das Flüstern kaum merken. Ich danke!«

Cyrill lächelte nur schmerzlich.

»Herr Cyrill Dietrich,« nahm nun der Apotheker einen großen Anlauf, »ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, beziehungsweise Ihnen eine Bitte zu unterbreiten. Es ist eine Schande, daß das Musikleben Altenrodas so trostlos daniederliegt. Altenroda ist doch immerhin eine ansehnliche Stadt: Landratsamt, Gymnasium, Fabriktätigkeit, neuerdings sogar Garnison. Also da muß etwas geschehen. Ich hatte mir nun die Sache so gedacht, daß die vier besten Stimmen hier am Ort zu einem Quartett zusammentreten würden: Sopran, Alt, Tenor und Baß, daß Sie, Herr Kapellmeister, die Direktion und vor allen Dingen die Ausbildung des Quartetts übernehmen. Dann würde den Banausen hier endlich einmal klar werden, was singen heißt.«

Der Apotheker machte eine Pause und wartete auf eine Antwort. Er wartete vergebens. Cyrill sah ihn nur düster an. So würde Beethoven ausgesehen haben, wenn man ihm zugemutet hätte, auf einem Jahrmarkte Musik zu machen. Nach einer Weile aber öffnete Cyrill doch die Lippen und sagte mit müder, schleppender Stimme:

»Herr Apotheker, ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Kanarienvogel, dem ging es ganz gut in seinem Bauer; denn er war in der Gefangenschaft geboren. Dann aber kam er in eine Stadtwohnung, wo in dem Zimmer über ihm Gesangunterricht erteilt wurde. Nach drei Wochen war der Kanari tot. Er war nämlich leider musikalisch gewesen. Verstehen Sie, er war musikalisch gewesen, der arme Kanari! Es ist ein Unglück, musikalisch zu sein, Herr Apotheker; man leidet schrecklich darunter!«

Solch abgrundtiefer Hochmut ging nun dem Apotheker doch über die Hutschnur; er erhob sich also von seinem Stuhle und sagte:

»Nun, Herr Kapellmeister, da scheine ich ja mit meinen Bestrebungen bei Ihnen kein Glück zu haben. Ich möchte nur das eine wissen, ob Sie nicht auch mal Unterricht haben mußten, oder ob Sie schon als Meister vom Himmel gefallen sind.«

Cyrill sah ihn ganz verdutzt an und brachte nur zwei Worte heraus:

»Ja -- ich!«

»Ja -- Sie -- Sie!« grollte der Apotheker. »Woher wissen Sie denn, ob die vier, von denen ich sprach, nicht ebenso musikalisch sind wie Sie und Ihr verstorbener Kanarienvogel?«

Cyrill staunte über den Apotheker. Dann ging ein Lächeln über seine Züge, als dächte er bei sich: was für seltsamen Aberglauben gibt es doch in der Welt. In Altenroda soll es Leute geben, die so musikalisch sind wie ich. Dieser Gedanke erheiterte Cyrills Gemüt so, daß er fragte:

»Ich möchte wohl wissen, wer diese großen Talente sind.«

Der Apotheker kam ein wenig in Verlegenheit.

»Nun, nun,« sagte er, »ich will ja nicht zuviel behaupten; aber was das Stimmaterial anlangt, so ist schon alles da, was notwendig ist. Da ist zunächst die Tochter von unserem Kirchendirigenten. Hat einen prachtvollen Sopran -- lerchenklar! Technik hat sie keine. Sie kann nicht piano ansetzen und hat keine Zwerchfellatmung. Atmet einfach durch die Lungen. Das ganze Korsett wackelt, wenn sie singt.«

»Sie wissen etwas von Zwerchfellatmung?« fragte Cyrill mit einigem Respekt.

»Ach, ich weiß wohl dies und das,« fuhr der Apotheker fort. »Also Fräulein Liesel Tilgner wäre der Sopran. Ihr Vater kann mich nicht ausstehen und ich ihn nicht. Aber die Kunst steht über allem Persönlichen. Dann käme der Tenor. Er ist von Beruf nur Dachdeckergehilfe. Aber war nicht der große Wachtel früher Droschenkutscher? Und Slezak, wenn ich nicht irre, Schlossergesell? Unser Tenor heißt August Stumpe (der wird sich ja wohl ein Pseudonym beilegen müssen; denn ›Stumpe‹ klingt nicht). Stumpe hat eine strahlende Höhe. Das +H+ mühelos und crescendofähig. Mittellage etwas rauh. Schade, daß er ein windiger Hund ist.«

»Tenöre sind immer windige Hunde; das gehört dazu,« sagte Cyrill, den die Sache zu interessieren begann.

»Ja, deswegen braucht einer aber noch nicht dem Verein ›Frohsinn‹ anzugehören und vor meinem ehrsamen Hause Schweinereien zu singen. Aber, wie gesagt, die Kunst steht über dem Persönlichen.«

Damit schloß der Apotheker plötzlich seine Rede. Cyrillen interessierte nun die Sache wirklich. Durch sein Hirn war der Gedanke geblitzt: Wie wäre es, wenn ich hier ein Talent entdeckte, ihm die erste Ausbildung gäbe und dann einem Direktor damit unter die Nase führe? Mein Weg als Kapellmeister wäre gemacht.

»Wer sind nun die beiden letzten, der Alt und der Baß?« erkundigte er sich.

Abermals kam der Apotheker in Verlegenheit.

»Ich spreche nicht gern von mir selbst und meiner Familie, es sieht leicht nach Dünkel und Selbstlob aus. Und ich kann es in den Tod nicht ausstehen, wenn jemand eingebildet ist. Echte Talente sind bescheiden.«

Cyrill schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, nur die Lumpe sind bescheiden. Das wußte schon Goethe! Wer was kann, weiß das auch.«

»Also,« atmete der Apotheker schwer auf, »der Alt wäre meine Tochter Sabine, und der Baß wäre ich.«

In Cyrills Miene trat eine gewisse Säure. Zwei Talente in einer Familie schienen ihm von vornherein verdächtig. Aber da ihn, wie schon wiederholt gesagt wurde, die Sache interessierte, forderte er den Apotheker auf, ihm doch etwas vorzusingen, und wies mit einer Handbewegung nach einem alten gelben Piano, das der Tante Cyrills gehörte, bei welcher der junge Künstler wohnte.

Der Apotheker wurde bei der Aufforderung, zu singen, rot wie eine Pfirsichblüte. Aber er erhob sich mutig und sagte:

»Wie ich schon auseinandersetzte, Herr Kapellmeister, an Technik fehlt's. Man weiß, wie es sein soll, aber man kann's nicht!«

»Das ist so wie bei den Kritikern,« warf Cyrill ein.

»Richtig!« stimmte der Apotheker bei, der ein unsinniges Herzklopfen verspürte. Kurz erwog er, ob er den »Schwarzen Walfisch«, den »Grafen von Rüdesheim« oder »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« vortragen solle. Er entschloß sich für das letzte, hochberühmte Lied, da in diesem seine Gefühlswärme und sein schönes Tremolo am besten zur Geltung kamen. Als er aber am Klavier saß, wurde das Herzklopfen noch ärger, und er spürte ein Würgen in der Kehle, das für ein schönes Tremolo keine guten Aussichten bot. Es hätte leicht ein Meckern daraus werden können.

Also präludierte der Apotheker auf dem Klavier ein wenig hin und her und her und hin, erhob sich dann plötzlich und sagte:

»Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister, aber ich kann hier nicht singen, das Klavier ist zu verstimmt.«

Nun wurde Cyrill rot -- nicht wie eine Pfirsichblüte, sondern wie reiner Zinnober.

»Verstimmt?« lachte er etwas albern. »Verstimmt sagen Sie? Natürlich verstimmt! Greulich! Ich aber -- ich wußte das gar nicht. Die alte Kommode gehört meiner Tante. Ich spiele natürlich nie darauf. Nie! Ich habe hier kein anderes Instrument als die Orgel meiner Seele.«

Mit der letzten edlen Phrase hatte Cyrill seine Haltung wiedergewonnen. Der Apotheker kehrte langsam nach seinem Stuhle zurück. Er war ein praktischer Mann, ein Menschenkenner, und so dachte er sich: Aha, der arme Kerl hat das Geld für den Klavierstimmer sparen wollen und die Sache selbst versucht -- und da ist eben ein solches Resultat herausgekommen. Er war boshaft genug, anzufangen vom Klavierstimmen zu reden.

Cyrill lehnte sich stolz zurück.

»Wissen Sie, was das erste Erfordernis für einen sogenannten berufsmäßigen Klavierstimmer ist? Er darf kein musikalisches Gehör haben; sonst taugt er nichts.«

»Nanu!« warf der Apotheker ein.

»Ja,« sagte Cyrill wieder in seinem hochmütigen Tonfall; »ich kann das nicht so kurz erläutern. Dazu gehört die ganze Vorkenntnis vom wohltemperierten Klavier.«

»Kenne ich!« sagte der Apotheker freudig. »Ein ganzer Ton hat neun Grade, +cis+ steht fünf Grade über +c+, des nur vier Grade. +Cis+ ist höher als +des+. Zwischen dem vierten und fünften Grad gehen diese beiden sozusagen Stiefzwillingsschwestern aneinander vorbei. Auf dem Klavier aber müssen +cis+ und +des+ gleich sein. Beide werden mit der gleichen schwarzen Taste getippt. Das ist ein Gehör-Kompromiß.«

»Das ist kein Kompromiß,« sagte Cyrill feierlich, »das ist Sudelei. Für musikalische Menschen eine Qual. Klavier ist Roheit!«

»Dann ist die Orgel auch Roheit!« warf der Apotheker ein; »dann ist jedes Instrument Roheit, das festliegende Töne hat und Kompromiß zwischen +cis+ und +des+ eingehen muß. Dann bestehen nur Streichinstrumente und menschliche Stimme, die diese Unterschiede machen können.«

Cyrill bekam Respekt vor seinem Gegenüber. Dem Apotheker aber schwoll der Kamm.

»Halten Sie Paderewski für einen Künstler?«

»Ja, natürlich!« antwortete Cyrill.

»Paderewski hat mal bei uns ein Konzert gegeben. Seine königliche Kunstmajestät verirren sich auch manchmal in eine kleinere Stadt. Also unsere ›Harmonie‹-Banausen hatten zwar den Mut gehabt, Paderewski ein Heidenhonorar zu garantieren, aber nicht das Geschick, für ihn einen anständigen Flügel zu besorgen. Paderewski kommt an -- es war ein kalter Wintertag -- badet seine Hände eine Viertelstunde lang in warmem Wasser, probiert dann den Konzertflügel und macht ein Gesicht wie ein Löwe, der Krautsalat fressen soll. Kurz und gut, ich hatte damals gerade meinen neuen Blüthner; Paderewski kommt zu mir, ist zufrieden; ich stelle natürlich den Flügel zur Verfügung, und alles wurde ausgezeichnet. Damals hat sich Paderewski auch von meiner Sabine ein Liedchen vorsingen lassen und sie gelobt.«

Cyrill erkannte, daß er besiegt sei. Mit persönlichen Bekannten von Paderewski sich zu entzweien, wäre Wahnsinn.

So bat Cyrill den Apotheker, ihm morgen seinen Gegenbesuch machen und den Paderewski-Flügel probieren zu dürfen. Es könnte dann gleich das Weitere wegen des neuzubildenden Quartetts besprochen werden.

Hochbefriedigt ging der Apotheker nach Hause. Der goldene Kranich über seiner Tür blitzte stolz im Sonnenschein.

* * * * *

Der Apotheker verbrachte eine unruhige Nacht. Es war durchaus nicht leicht, Fräulein Liesel Tilgner und Herrn August Stumpe, die beide feindlichen Vereinen angehörten, für ein Quartett zu gewinnen. Zum ersten Male im Leben wurde der Apotheker, der sonst von grobkörniger Ehrlichkeit war, zum Heuchler. Er schrieb zwei verlogene Briefe, in denen er den Adressaten unmäßiges Lob spendete, insonderheit auch sagte, daß sie in ihren »geschätzten Vereinen« ja schon eine gute Gesangsvorbildung genossen hätten und nun unter der Leitung des Herrn Cyrill Dietrich, eines der gefeiertsten und genialsten Dirigenten Deutschlands, in einem erlesenen Quartett zur letzten Kunstreife geführt werden sollten. Man wollte sie ihren beliebten und geschätzten Vereinen natürlich durchaus nicht abtrünnig machen, im Gegenteil würden diese gewiß eine Förderung erfahren, wenn sie durch ein Mitglied mit dem in Musikkreisen äußerst einflußreichen Herrn Cyrill Dietrich in Verbindung kämen. In aufrichtiger vorzüglicher Hochachtung usw.

Um neun Uhr früh wurde der Laufbursche Fritz beauftragt, die beiden Briefe zu ihren Empfängern zu tragen. Nach einer Stunde schon war er zurück, was für den Laufburschen eine anständige Leistung war, da der Weg, den er zurückzulegen hatte, immerhin unter einer Viertelstunde nicht zu machen war.

Fritz berichtete, bei Fräulein Tilgner hätte er den Brief einfach abgegeben, aber mit dem Dachdecker sei es eine schwere Not gewesen. Der hätte gerade auf einem hohen Dache geklebt. Da hätte er hinaufgebrüllt, er solle doch mal runter kommen, der Herr Apotheker schicke ihm einen Brief.

»Was hat er gesagt?« fragte der Apotheker begierig.

»Ach, gesagt hat er gar nichts,« erwiderte Fritz. »Er hat bloß zu singen angefangen: Es war einmal ein A-a-po-po ...«

Fritz bekam eine Ohrfeige.

»Was hast du mit dem Briefe gemacht?« fauchte der Apotheker.

»Ich bin,« heulte Fritz, »ich bin die Leiter hinaufgestiegen und hab' den Brief in die Dachrinne gelegt.«

Da bekam er eine zweite Ohrfeige.

»Schuft! In die Dachrinne? Und jetzt regnet's! Schreibe ich dafür Briefe?«

Fritz machte, daß er hinauskam. Der Apotheker tobte im Zimmer auf und ab. Nach einer Viertelstunde wurde die Tür aufgerissen, Fräulein Liesel Tilgner stürmte herein und fiel dem Apotheker jubelnd um den Hals.

»Ich freu' mich -- ich freu' mich -- ich freu' mich ...«

»Also Sie machen mit?« fragte der Apotheker befriedigt. »Was sagt denn der Herr Papa?«

»Ach der! Der hat es mir aufs strengste verboten. Also, wann gehen die Übungen an? Ich kann es kaum erwarten. In unserem Kirchenchor ist das ein greuliches Gequieke.«

»Allerdings!« sagte der Apotheker, indem er auf den Brief vergaß, den er erst vor einer Stunde abgeschickt hatte.

Am Nachmittag kam Cyrill. Er vergaß, den Hut abzunehmen, guckte sich nur geistesabwesend im Zimmer um, sah den Blüthner-Flügel, ging mit zitternden, ausgestreckten Armen auf das schöne Instrument los und spielte in seliger Selbstvergessenheit drei Stunden lang, ohne auch nur eine Pause zu machen und den Apotheker zu Worte kommen zu lassen. In der dritten Stunde wurde es dem langweilig, und er ging in den Giftgadern, um einen Schnaps zu trinken. An der Tür traf er seine Tochter Sabine. Diese sagte:

»Das ist ja ein greulicher Kerl. Paß auf, der zerhaut uns noch den Flügel.«

»Schweig!« sagte der Apotheker. »Musiker sind so!«

»Kopfschmerzen hab' ich schon,« schmollte Sabine. »Wenn der es jedesmal so macht, kann's ein schönes Quartett werden.«

»Schweig!« sagte der Vater abermals und trank einen zweiten Schnaps. Dann ging er seufzend nach dem Musikzimmer zurück.

Nach drei Stunden brach Cyrill das Spiel jäh ab.

»Haben Sie Notenpapier?« fuhr er den Apotheker an.

Nein, Notenpapier war nicht im Hause. Da suchte Cyrill verstört nach seinem Hute, fand ihn aber nicht, weil er ihn immer noch auf dem Kopfe hatte, und rannte davon. Der Apotheker sah ihm blöde nach. Vom Quartett war nicht die Rede gewesen ...

Am Abend dieses Tages kamen verdächtige Gestalten die Friedrichstraße herab, steuerten über den Marktplatz und stellten sich vor der Apotheke zum »Goldenen Kranich« auf: August Stumpe, der Tenorist, mit noch acht Mann aus dem Verein »Frohsinn«. Dem Apotheker, der sie kommen sah, lief es eiskalt über den Rücken. Jetzt kam wieder jener elende Schandgesang -- und dann war es mit der Hoffnung, den stimmbegabten Dachdecker für das Quartett einzufangen, vorbei. Das war also die hohnvolle Absage auf seine liebenswürdige Einladung. Bleich vor Ärger zog sich der Apotheker tief ins Zimmer zurück, um wenigstens am Fenster nicht gesehen zu werden. Doch, wie sollte er alsbald erstaunen!

»~Stüll ruht da Söö, Die Veeglein schlafähn ...~«

Mit schmetternden Stimmen und großer Begeisterung wurde das Lied gesungen. Und als die Sänger in der letzten Strophe in Donnertönen beteuert hatten, daß »auch du, auch du wirst schlafen gehn«, gingen sie noch lange nicht schlafen, sondern sangen: »Wenn ich den Wandra frage ...« und dann: »Ich kenn' ein'n hellen Ödelstein ...«

Man brachte dem Apotheker ein ernstgemeintes Ständchen. Das sah er beim dritten Liede ein, freute sich unbändig über das treue deutsche Herz, das sich da draußen vor seiner Haustür offenbarte, trat ans Fenster, öffnete es und klatschte stürmischen Beifall, als die Sänger geendet hatten. Aus jedem Fenster des Marktplatzes hing ein Menschenkopf heraus. Manche Leute klatschten, manche kicherten leise und hofften, daß doch noch die Apothekerhymne kommen würde. Aber sie kam nicht, sondern im Gegenteil:

»~Unsa Kaisa liebt die Blumen, Denn er hat ein samft Gemiet ...~«

Ein paar Hunde eilten herbei und sangen mit. Sie heulten zum Steinerweichen. Darüber faßte einen Bassisten der Zorn. Er ging hin, hieb den Bestien sein Liederbuch um die Ohren und vertrieb sie.

Nach dem schönen Waldmannschen Kornblumenliede trat ein Sänger an das Fenster heran und hielt folgende Ansprache:

»Geehrter, geschätzter Herr Apotheker! Indem wir ja eigentlich bis jetzt einige bedauerliche Differenzen hatten, sind wir gekommen, um Sie mit einem kleinen Ständchen zu beehren; denn wir haben uns gefreut, daß Sie in einem Briefe an unsern Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, unserem geschätzten Vereine Ihre Ehrfurcht ausgesprochen haben. Wir werden unseren Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, für Ihr Quartett gern zur Verfügung stellen und in Ihren Konzerten vollzählig erscheinen. Der Herr Apotheker lebe hoch -- hoch -- hoch!«

Die neun Männer brüllten, aus manchem Fenster wurde auch mitgebrüllt, und die Hunde, die sich in eine Seitengasse zurückgezogen hatten, bellten und heulten. Es war sehr eindrucksvoll.

Der Herr Apotheker erwiderte, daß er sich über das reizende Ständchen außerordentlich gefreut habe, und lud die Herren zu einem Gläschen Wein ins Haus. Die tranken nun im Giftgadern so reichlich, wie es der Gastfreundschaft des Wirtes und ihrem eigenen Appetite entsprach.

Der Laufbursche Fritz aber erlebte an diesem Abend noch ein schmerzliches Abenteuer. Der Apotheker hatte ihn als Eilboten zu Herrn Cyrill geschickt mit der Siegesnachricht: »Unser Quartett ist komplett!« Fritz kam ganz entgeistert zurück. Er sagte, Herr Cyrill hätte ihn erwürgen wollen, weil er ihn beim Komponieren gestört habe.

* * * * *

Am nächsten Abend sollte die Tätigkeit des neuen Quartetts durch den ersten Übungsabend eröffnet werden. Cyrill kam eine halbe Stunde zu spät, grüßte kurz und setzte sich sofort an den Blüthner-Flügel, allwo er mächtig zu präludieren anfing. Der Apotheker saß in Angst und Sorge da, weil er der drei Stunden von gestern gedachte. Er machte einige Versuche, an Herrn Cyrill heranzukommen, der wies ihn aber mit drohender Miene ab und versank immer tiefer in ein Meer von Akkorden, Passagen, Trillern, Stakkaten, Arpeggien und kontrapunktischen Wogengängen.

Nachdem Cyrill so dreiviertel Stunden lang gespielt hatte, nahm der Dachdecker seinen Hut, sagte dem Apotheker ins Ohr: »Ich habe keine Zeit mehr!« und drückte sich zur Tür hinaus. Der Apotheker versuchte vergebens, den Sänger am Jackenärmel zurückzuhalten. August Stumpe hatte »keine Zeit mehr«. Er ging Skat spielen. Der Apotheker war bleich vor Ärger.

»Unser Tenor ist fortgegangen!« sagte er laut.

Cyrill machte eine Pause.

»Wer ist fortgegangen?«

»Unser Tenor! Die Übung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es halb zehn. Herr Stumpe ist ein fleißiger Handwerker, er muß sich seine Zeit genau einteilen; er hatte keine Zeit mehr zu warten.«

»So, so,« sagte Cyrill; »nun, wenn er keine Zeit hat, soll er doch ruhig gehen.«

Und er begann wieder zu spielen. Da brach jemand in ein schallendes Gelächter aus. Cyrill fuhr herum. Wer wagte es, in seiner Gegenwart so unverschämt zu lachen? Ach, er sah in ein blühendes, wonniges Mädchengesicht; er sah den Frühling, die Poesie, die Schönheit in Menschengestalt vor sich; er sah eine strahlende junge Göttin. Seine Blicke verfingen sich, seine Gedanken verwirrten sich, sein Herz stockte. Bleich saß er auf seinem Klaviersessel. Wieder einmal war aus heiterem Himmel jener Blitz gefallen, den die Menschen »Liebe auf den ersten Blick« nennen.

Endlich ermannte sich Cyrill. Er erhob sich und machte eine ganz demütige Verneigung.

»Ich habe leider bisher unterlassen, mich vorzustellen, meine Damen. Cyrill Dietrich! Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn ich an die Musik komme, geschieht es mir wohl, daß ich Raum und Zeit vergesse. Ich durfte aber unmöglich Ihre Gegenwart vergessen. Ich bitte um Entschuldigung.«

Der Apotheker stellte die beiden Damen vor; die größere, etwas massige, war Liesel Tilgner, die kleine, zierliche, braune war Apothekers Sabinchen -- die junge Göttin.

»Schade, daß der Tenor fort ist,« sagte der Apotheker; »wir könnten sonst jetzt anfangen.«

»Wo ist er hin?« fragte Cyrill selbstvergessen. »Ist er dachdecken gegangen?«

Wieder lachte Sabinchen silbrig auf.

»O, Gott! Dachdecken in so finstrer Nacht!«

Der Apotheker sagte, er würde den Ausreißer schon finden und herbeischaffen. Und nun wurde Fritz, der Laufbursche, abermals ausgesandt, und zwar nach dem »Bleiernen Hecht« mit der Botschaft, Herr Stumpe möge kommen; es habe jetzt angefangen.

Nach einer Stunde kam Fritz mit einem kleinen Rausch, aber nicht mit dem Tenor zurück. Der Dachdecker und seine Spielkumpane hatten ihm Schnaps zu trinken gegeben und ließen sagen, zum Singen sei es heute zu spät.

Fritzen wurde für den nächsten Morgen eine Tracht Prügel in Aussicht gestellt, und er ging mit dem bekümmerten Gedanken schlafen, daß es ein hartes Ding um den Dienst der Kunst sei

Im Musikzimmer hatte sich Cyrill inzwischen zur »Prüfung der Stimmen« von dem Apotheker und Liesel Tilgner je ein Lied, von Sabinchen aber vier Lieder vorsingen lassen.

Nach dem vierten Liede sagte Sabinchen:

»Bei mir dauert es wohl am längsten, ehe Sie ein wenig Talent entdecken?«

Cyrill sah sie schmerzlich an.

»Mein gnädiges Fräulein, ich werde kein größeres Glück kennen, als Ihre goldige Stimme ausbilden zu dürfen. Es wird eine schöne Sache werden um unser Quartett. Wenn es den Herrschaften recht ist, beginnen wir morgen mit dem Unterricht pünktlich um acht Uhr.«

Der Apotheker staunte, daß Cyrill jetzt bereits eine ganze Reihe vernünftiger Sätze gesagt hatte, und freute sich.

»Die größte Überraschung werden Sie an August Stumpe erleben,« sagte der Apotheker. »Er ist zwar ein windiger Hund, aber an Stimmaterial ist er uns allen über.«

Am nächsten Abend trat Cyrill Schlag acht Uhr in das Musikzimmer. Er fand das Quartett vollzählig versammelt vor und ließ sich zunächst Herrn August Stumpe vorstellen und prüfte dessen Stimme. Stumpe wählte sich: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.« Als er geendet hatte, sagte Cyrill:

»Sie singen nicht -- Sie brüllen! Aber Sie brüllen schön! Sie brüllen ganz wunderbar!«

Dann begann der Unterricht.

»Zunächst,« sagte Cyrill, »müssen Sie stehen lernen.«

Die Mädchen kicherten.

»Ja, meine Damen,« fuhr Cyrill ernst fort, »stehen lernen! Sehen Sie mal, wie Herr Stumpe dasteht, wie er den Bauch vorstreckt.«

»Ich habe gar keinen Bauch; also kann ich ihn wohl auch nicht vorstrecken,« knurrte der Dachdecker mißmutig.

»Bitte keinen Widerspruch. Sie haben, wie alle homines sapientes, einen Bauch und strecken ihn vor. Außerdem stehen Sie da wie ein Rekrut in Grundstellung und präsentieren ihr Notenblatt wie ein Gewehr. Das wirkt häßlich und lächerlich. Stellen Sie abwechselnd mal den rechten und den linken Fuß etwas vor, haben Sie federnde Leichtigkeit in Füßen und Knieen, halten Sie die Arme anmutig und pressen Sie vor allen Dingen Ihren Adamsapfel nicht zu weit heraus. Auch lassen Sie sich die Haare gut schneiden, den Schnurrbart um drei Viertel verkürzen und putzen Sie alle Tage dreimal Ihre Zähne, früh, nach dem Mittagessen und vor allen Dingen vor dem Schlafengehen.«

Der Dachdecker sah sich nach seinem Hute um und wollte auf und davon. Doch der Apotheker faßte ihn am Arme und sagte:

»Hier muß alles deutlich und ohne Rückhalt zur Sprache kommen. Außerdem sind wir unter uns, und Lehrzeit ist keine Herrenzeit. Ich bitte, Herr Kapellmeister, mir immer die blanke Wahrheit zu sagen, alle meine Fehler rücksichtslos zu rügen.«

Dieser Aufforderung kam Cyrill augenblicklich nach.

»Sie, Herr Apotheker,« sagte er, »sind viel zu dick. Auf der Bühne wären Sie höchstens als Falstaff zu gebrauchen; für das Podium sind Sie unmöglich. Trachten Sie danach, sechzig Pfund abzunehmen.«

»Aber erlauben Sie,« unterbrach ihn der Apotheker denn doch verärgert. »Ich glaubte immer, Bassisten dürften ein gewisses Embonpoint haben.«

»Embonpoint wohl,« erwiderte Cyrill, »aber keinen Speckbauch. Ein Sänger hat ästhetisch zu wirken, und Speckbäuche sind unästhetisch.«

Der Dachdecker freute sich über das, was dem Apotheker widerfuhr, sah ein, daß der Kapellmeister unter den verschiedenen Gesellschaftsschichten, was seine Grobheit anlangte, keinen Unterschied machte, und beschloß, sich in Zukunft durch Kritik nicht mehr beleidigt zu fühlen.