Chapter 11 of 22 · 3890 words · ~19 min read

Part 11

Mit den Damen verfuhr Cyrill viel höflicher. Er empfahl ihnen, vor dem Spiegel ihre angeborene natürliche Anmut bis zur größten Wirkung zu steigern und sich möglichst immer individuell zu kleiden und zu frisieren, jedenfalls dabei aber auch dem Zeitgeschmack durch eifriges Studium der apartesten Modezeitschriften Rechnung zu tragen.

»Und nun, bitte, setzen Sie sich!«

Cyrill musterte die vier vor ihm Sitzenden und sagte: »Es kommt vor, daß man auf dem Podium auch mal sitzen muß, z. B. wenn man die Einzelnummer eines anderen abzuwarten hat. Wenn Sie, Herr Stumpe, dann mit so weit vorgestrecktem Gebein dasäßen wie eben jetzt, würden die Konzertbesucher der ersten Reihe befürchten, Sie wollten ihnen ins Gesicht treten.«

Der Dachdecker zog erschrocken seine Pedale ein und sah sich wieder nach seinem Hute um.

»Sie werden zunächst sprechen lernen,« fuhr Cyrill fort (ohne daß jemand lachte). »Erst muß man sprechen können, dann erst kann man singen lernen. Von hundert Sängern, die in Deutschland singen, kann nicht ein halber richtig sprechen. Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß ein guter Schauspieler, der etwa bei einer Sterbeszene auf der Bühne im leisesten Flüstertone spricht oder singt, im vierten Stock oben auf der Galerie richtig verstanden wird, während einen sogenannten Volkssänger, der keine Ahnung vom Sprechen hat, oft die Nahesitzenden schon nicht verstehen, auch wenn er brüllt, daß ihm beinahe die Lungen platzen? Das macht die vorhandene oder fehlende Sprechtechnik. Wir fangen natürlich ganz von vorne an, mit der lautreinen Aussprache der Vokale: a, e, i, o, u. Herr Apotheker, sagen Sie ›a‹!«

Der Apotheker sagte »a«.

»Sagen Sie wiederholt ›a‹ hintereinander.«

Der Apotheker wurde rot, und auch der Dachdecker dachte sofort an die Apothekerhymne, die er ja so oft mitgesungen hatte.

»A--a--a--a--a,« sagte der Apotheker mit Todesverachtung.

»Nun sagen Sie wiederholt ›a‹, Herr Stumpe!«

Stumpe sagte: »A--a« und mußte sehr an sich halten, daß er nicht, wie gewohnt: »popo -- thethe -- kerker« dazusetzte.

»Nun, meine Herrschaften,« griff Cyrill wieder ein, »haben Sie ein ›a‹ gehört? Nicht ein richtiges ›a‹!« Der Herr Apotheker sagt ein Gemisch von ›a‹ und ›o‹, weil er die Zunge zu hoch wölbt, Herr Stumpe sagt ›ä‹, weil er den Mund zu breit macht und zu wenig öffnet. Bei beiden kommen die Vokale gequetscht aus der Kehle. O, diese Kehltöne -- dieses Gutturale! Wenn es möglich wäre, müßte man allen Gesangsschülern die Gurgel abschneiden, damit sie das Kehlsprechen verlieren, das der Tod allen Sprechens und Singens ist. Vorn an den Zähnen wird der Ton gebildet, nicht hinten, da, wo die Mandeln rötlich blühen.«

Die vier Gesangsschüler sahen beschämt und betroffen vor sich nieder, während Cyrill mit dem Fünfzackenkamm der rechten Hand seine Haarmähne durchharkte.

»Bitte, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹!«

Liesel Tilgner war ganz verängstigt und sagte:

»Ich kann es nicht!«

»Sehen Sie,« triumphierte Cyrill, »bisher haben Sie geglaubt, Sie seien eine Sängerin und könnten Gott weiß was für schwere Lieder singen, und nu können Sie nicht einmal ›a‹ sagen. Aber die Erkenntnis seiner Unzulänglichkeit ist der Kreuzpunkt, von da aus die Straße nach oben führt.«

Nach dieser Sokratischen Sentenz machte Cyrill eine Pause, damit alle Anwesenden über sein Wort nachdenken könnten. Dann wiederholte er:

»Und nun, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹.«

Liesel Tilgner sagte ›a‹.

»Es ist ›ä‹,« urteilte Cyrill düster; »›ä‹ wie bei Herrn Stumpe. -- Darf ich nun Sie bitten, Fräulein Sabine?«

Sabinchen lachte erst etwas geniert, dann sagte sie klar und deutlich ›a‹!

Cyrill klatschte in die Hände.

»Herrlich! Kristallklar! Direkt echt! Bühnenecht! O, bitte, Sie müssen in diesem Falle unser Vorbild sein. Vielen Dank, Fräulein Sabine! Und nun kommt das Experiment. Fräulein Sabine! Sie müssen also sozusagen unser Anschauungsmaterial sein. Bitte, stellen Sie sich dicht an den Kronleuchter. Und Sie, Herr Apotheker, kommen Sie her und schauen Sie Ihrem Fräulein Tochter in den Mund hinein, wenn sie ›a‹ sagt. Es kommt ganz auf die Lage der Zunge an und wie der Atem darüber hinweggeht, erst in zweiter Linie auf die Öffnung der Lippen. Geben Sie genau acht. Wer nicht ›a‹ sagen lernt, dem bleibt das ganze Alphabet der Gesangskunst verschlossen.«

Der Apotheker nahm vor seinem Töchterlein Aufstellung, guckte ihr dicht mit seinem Brillengläsern auf den Mund und sagte:

»Sprich ›a‹.«

Das Mädel lachte zuerst, dann sagte sie ›a‹.

Der Apotheker guckte und guckte, dann wandte er sich um und sagte:

»Ich seh nichts! Rein nichts! Wissen Sie, Herr Kapellmeister, wenn man mit so dickem Kopf vor so kleinem Schnabel steht, dann ist man sich selbst im Lichte. Der Kronleuchter nutzt dann gar nichts; es bleibt finster in der Höhle.«

»Das ist richtig!« sagte Cyrill und dachte nach.

»Machen Sie's doch!« sagte der Dachdecker dreist zu Cyrill. »Sie haben ja einen viel größeren Mund; da sieht man vielleicht eher etwas.«

Cyrill warf ihm als Antwort nur einen verächtlichen Blick zu und dachte weiter nach. Endlich verklärte sich seine Miene.

»Man bringe eine elektrische Taschenlampe,« sagte er.

Nach einigem Hin und Her wurde die Lampe herbeischafft. Sie stammte von dem Laufburschen Fritz und funktionierte wider alles Erwarten der Leute, die über Fritzens sonstige Ordnungsliebe eingeweiht waren.

»So,« sagte Cyrillus Triumphator; »ich möchte die Schwierigkeit sehen, die bei festem Willen nicht zu überwinden wäre. Also Fräulein Sabine, sagen Sie fortgesetzt ›a‹, und Herr Apotheker, schauen Sie Ihrem Fräulein Tochter in den Mund und achten Sie vor allem darauf, wie die Zunge liegt.«

Der Apotheker begab sich wieder auf Beobachterposten, Sabinchen sagte ›a‹, und Cyrill trat mit der elektrischen Taschenlampe heran und blitzte plötzlich auf.

Vater und Tochter fuhren zurück und rieben sich die Augen.

»Sie blenden einen ja!« rief der Apotheker und riß sich die Brille ab.

»Gott -- o Gott -- bin ich erschrocken!« seufzte das Sabinchen.

Cyrill stand mit seiner Lampe da als ein geschlagener Held.

Der Dachdecker faßte sich zuerst.

»Es wird nichts nützen,« sagte er, »wenn wir sehen sollen, wie Fräulein Sabine ›a‹ sagt, muß sie einige Leuchtkäfer kauen. Oder sie muß ein Feuerfresser werden.«

Der Dachdecker war ein dreister Mensch, der es mit der Kunst nicht ernst nahm. Das empfanden alle. Nur Sabinchen lachte über seinen Scherz.

Es ging noch lange mit dem »a« sagen, dann kamen »e« und »i« an die Reihe. Bei letzterem mußte der Mund unnatürlich breit gemacht werden.

»Das ›i‹ muß man sich gewissermaßen mit beiden Mundwinkeln in die eigenen Ohren hineinsagen,« lehrte Cyrill.

Die richtige Rundung beim »o« brachte Fräulein Liesel am besten heraus, und den Unterkiefer streckte beim »u« der Apotheker am besten vor.

Nach eineinhalb Stunden sagte Cyrill:

»Das wäre der Anfang. Die Übungen im lautreinen Sprechen der Vokale werden den Anfang jeder Unterrichtsstunde bilden. Es ist wie das Einmaleins beim Rechnen. Heute üben wir nur den flüssigen Konsonanten ›l‹ noch ein, damit Sie ihn in Verbindung mit den Vokalen auf die ersten fünf Töne der Tonleiter zu Hause üben können; also la, le, li, lo, lu -- lu, lo, li, le, la und umgekehrt al, el, il, ol, ul -- ul, ol, il, el, al.«

Es gab noch greuliche Mühen diesen Abend. Der Konsonant »l« hat es, was die Zungenhaltung anlangt, in sich, und daß er zwei Millimeter über der oberen Zahnreihe mit der Zungenspitze angesetzt werden muß, ist auch nicht so einfach, wenn man es bisher falsch gemacht hat.

Am Schlusse der Unterrichtsstunde sagte Cyrill:

»Nun noch eine kleine Aufgabe. Sprechen Sie: ›Rabe, Rebe, Robe‹ -- oder ›Aber, Eber, Ober‹! Es handelt sich um das Zungen-R.«

Es stellte sich heraus, daß nur der Dachdecker das Zungen-R hatte, alle anderen sprachen Gaumen-R.

»Nun, dieses vermaledeite Gaumen-R wird uns allein monatelang aufhalten,« seufzte Cyrill.

Der Apotheker lud alle Teilnehmer an dem Unterricht zum Abendbrot ein.

Der Einladung wurde gern entsprechen. Nur der Dachdecker sagte, er hätte keine Zeit mehr, und ging in den »Bleiernen Hecht«.

»Nun, wie war's?« fragten ihn dort seine Freunde.

»Feezig,« antwortete der Sängersmann. »Ich kann beinahe ›a‹ sagen.«

»Was habt ihr denn gesungen?«

»Gesungen? Ihr habt eine Ahnung! Singen werden wir, wenn wir werden richtig sprechen können. Und das wird vor Ablauf des fünfzehnten Unterrichtsjahres wohl nicht der Fall sein. Wißt ihr, was ihr seid -- stumm seid ihr! Nicht einen Buchstaben könnt ihr sprechen, geschweige ein Wort.«

Sie lachten, daß es dröhnte.

Der Dachdecker ließ sie lachen, war an diesem Abend beim Spiele nicht ganz bei der Sache und sang am nächsten Tage, als er das Dach des Rathauses ausbesserte, so beharrlich la, le, li, lo, lu und alle Umkehrungen dieser schönen Übung, daß das Sabinchen ans Fenster trat und ihm lachend zunickte. Alle anderen Leute aber meinten, der Dachdecker hätte den Sonnenstich bekommen, und man solle die Feuerwehr alarmieren und ihn herunterholen.

* * * * *

Es war fast jeden Abend Unterricht.

Man mußte es Herrn Cyrill lassen, daß er als Lehrer an Fleiß und Hingebung kaum übertroffen werden konnte. Alle vier Schüler erwiesen sich als über das Mittelmaß begabt. Der bei weitem Begabteste war der Dachdecker; er faßte alles spielend auf, und was ihm einmal korrigiert wurde, machte er nie wieder falsch. Er kleidete sich neuerdings gut, ging ordentlich frisiert und rasiert, hatte blitzblanke Zähne und benahm sich immer tadelloser. Wenn ihn der Apotheker einmal einlud, hatte er Zeit dazubleiben. Seine Freunde im »Hecht« freilich waren mit ihm höchst unzufrieden.

Die Lautbildungslehre ging weiter; die Schüler erfuhren, daß der schöne Name Hedwig nicht wie Het-wick ausgesprochen wird, sondern He-dwich, daß es nicht »daas Grapp«, sondern umgekehrt »daß Graab« heiße, nicht Entschuldijunk, sondern Entschuldi-gung mit der nasalen Verbindung von n und g, nicht selbstvastäntlich, sondern selbstverstän-dlich. Und so vieles andere, was damit zusammenhängt. Die Betonungslehre kam daran, schließlich die Tonfärbelehre, die schon ins Künstlerische hineinragt, und daneben gingen meist unter endlosen Solfeggien: do, re, mi, fa ... die eigentlichen Gesangsübungen.

Sämtliche Teilnehmer mußten musikalische Bücher lesen, auch Biographien von großen Musikern; es wurden drei Musikzeitschriften mitgehalten und vor allen Dingen auch die konzertkritischen Artikel aus den Tageszeitungen studiert und erläutert. Es wurde mit Feuereifer gearbeitet. Nach drei Monaten sagte Cyrill: »Zur Belohnung für Ihren Fleiß und Ihre Ausdauer wollen wir es jetzt mit dem ersten Quartett versuchen. Ich habe dafür das Volkslied: ›In einem kühlen Grunde‹ ausgewählt.«

Cyrill hielt eine Ansprache über dieses Lied. Er sprach mit großer Liebe und Verehrung von Eichendorff.

»Ein Heiligtum ist dieses Lied, ein Nationalschatz. Und doch, der Schatz wäre beinahe verloren gegangen. Eichendorff hatte das Lied aus göttlicher Eingebung heraus geschrieben und es von Königsberg nach Schwaben an seinen Freund Justinus Kerner gesandt. Der las das Gedicht, erkannte, daß er ein Juwel ohnegleichen in Händen hatte, und lief aus seinem Arbeitszimmer hinaus, um alle Hausgenossen zusammenzurufen, ihnen dieses Juwel zu zeigen. Als Justinus Kerner an seinen Schreibtisch zurückkehrte, war die Eichendorffsche Handschrift, die er dort zurückgelassen hatte, spurlos verschwunden. Das Zimmer wurde durchsucht. Umsonst. Das Fenster stand offen. Ein Luftzug mußte das kostbare Blatt entführt haben. Justinus war in Verzweiflung. Er wußte, daß Eichendorff keine Abschriften anfertigen ließ, daß das Juwel verloren war, wenn sich das Blättlein Papier, an das es gefesselt war, nicht wiederfand. Justinus Kerner ließ fünf Tage lang seinen Garten und das angrenzende Gelände absuchen. Das Blatt war verschwunden. Seinem Freunde Eichendorff den Verlust zu melden, wagte Kerner nicht.

Und da geschah das Wunder. Ein Händler kam in Kerners Haus, ein Mann, der einen Korb mit allerlei ›Kurzsachen‹ feilbot: Tabaksdosen, Broschen, Kinderspielzeug. Er bot auch Kerner seine Waren an. Und da sieht der -- zum Herzstillbleiben ist es gewesen -- Eichendorffs Handschrift um eine Kinderklapper gewickelt.

›In einem kühlen Grunde ...‹

Ein Griff. Justinus Kerner hatte das Lied.

›Wo haben Sie dieses Papier her?‹ fragte er den Händler mit bebender Stimme.

Der Händler guckte sich das Blättlein an.

›Ach Gott,‹ sagte er, ›das fand ich auf einem blühenden Flachsfeld. Es war gutes Papier, auf einer Seite ganz unbeschrieben, und da brauchte ich es zum Einpacken.‹

Weit über eine deutsche Meile weg war das blühende Flachsfeld, auf das der Wind Eichendorffs unsterbliches Lied aus Kerners Wohnung getragen hatte!

Können Sie sich denken, wie Justinus Kerner vor Weh und Freude geweint hat, als er dieses Blättlein Papier wieder hatte? Ahnen Sie, was das ist um ein unwiederbringliches Heiligtum aus dem Tempel der Menschheit? An diesem einfachen Liede, das doch ein Diamant unsagbaren Wertes ist, haben sich arme Prinzessinnen, die an ungeliebte Prinzen verkuppelt wurden und einen Leutnant von der Schloßgarde liebten, berauscht; dieses Lied ist wie eine Mahnerin zum Ernst in Trinkgelage von Schlemmern hineingekommen; dieses Lied hat arme Wäschermädel in ganz weite Höhen geführt; einsame alte Junggesellen haben das Lied auf frostigen Buden gesungen; versonnene Bauernmädel am Brunnentrog haben es angestimmt in stiller Abendstunde; ein einsamer Wanderer auf mondbeschienener Landstraße hat es gesummt; ein alter Gelehrter nach langer Geistesarbeit ist an seinen Flügel geschlichen und hat mit müden Fingern die alte, liebe Weise noch einmal gespielt. Das Lied vom deutschen Walde, von der deutschen Mühle, von der Liebe, vom zerbrochenen Ringlein, vom Aufbäumen des verwundeten Herzens und vom Sterbenwollen. Sehen Sie, meine Zuhörer, der ganz große Geist, der Beethoven hieß, der hat seine unsterbliche neunte Symphonie geschrieben. Um den ganzen Erdball herum können Sie suchen, über der Erde und unter der Erde -- einen so großen Demantklotz finden Sie niemals mehr wie diese ›Neunte‹! Was will Beethoven in seiner Neunten sagen? Es war ein Mensch, der durch Schuld und Nichtschuld, kurz, durch sein Leben an allem verzweifelte. Dann suchte er Erlösung in wilder Lust. Er fand sie nicht. Er fand sie endlich erst in der reinen Freude Götterfunken. Eichendorffs kleines Lied führt nicht so weit -- es führt ins Sterbenwollen, aber doch auch durch die ganze Staffel des Liebens und Leidens hindurch. Ihnen, meine Zuhörer, will ich nur das eine einprägen: Ehrfurcht -- Ehrfurcht vor einem Kunstwerk, ob es eine Symphonie ist oder ein Volkslied.«

Als einige Tage später die Stimmen des Quartetts zum ersten Male zusammenklangen, hatte Cyrill Tränen der Freude in den Augen.

»So schön,« sagte er, »ist in Altenroda noch niemals gesungen worden ...«

Und auch hier kam die Liebe und mischte sich ins schöne Spiel. Wenn Cyrill seinen Unterricht gab, war er streng sachlich und hütete sich wohl, von seinen Gefühlen für das Sabinchen etwas zu verraten. Er wußte, daß er anfänglich auf der gefährlichen Bahn gewesen war, sich vor der Geliebten lächerlich zu machen, und daß nichts der Erfüllung heißer Liebessehnsucht so hinderlich ist, als sich in ein lächerliches Licht zu stellen.

So war Cyrill ein gewissenhafter, ja gestrenger Lehrer und sah auch dem Sabinchen keinen Fehler nach, wenngleich er bei seinen Korrekturen an ihr eine gewisse sanfte Zartheit nicht verbergen konnte, die er ja für den Dachdecker, den Apotheker und auch für Fräulein Liesel Tilgner nicht übrig hatte.

Zu Hause in seiner armseligen Stube aber litt Cyrill oft die größte Liebesnot und hatte Kummer aller Art. Von dem schmalen elterlichen Erbteil besaß er noch tausend Mark. Wenn die weg waren, stand er vor dem Nichts. Die Tante, seine einzige noch lebende Verwandte, bei der er wohnte, war selbst wenig bemittelt und außerdem äußerst geizig. Was sollte werden aus Cyrill? Der Dachdecker selbst war reicher als er; er hatte ihm einmal anvertraut, daß er ein kleines Erbteil und etwas Erspartes von zusammen dreitausend Mark besitze. Er hatte das wohl in der gutmütigen und doch für Cyrill demütigenden Absicht gesagt, ihm seine Hilfe anzubieten, wenn er mal in finanzieller Verlegenheit wäre. So sah wohl jedermann schon von weitem Cyrill den armen Hungerleider an.

Was sollte werden aus Cyrill? Nichts gelang. Er hatte weder eine Stelle als Kapellmeister bekommen, noch hatte sich ein Theater gefunden, das seine Oper aufführen wollte. Nur einige kurze Liedkompositionen hatte er bei Verlegern angebracht, diese aber auch nur gegen winziges Honorar. Aber Cyrill freute sich, wenn die vierseitigen Blätter herauskamen, die seinen Namen trugen und ein Kindlein seines Geistes bargen, und trug sie alle zu Sabine. Einmal gab Cyrill ein neues Lied heraus und hatte kühn auf das Titelblatt drucken lassen:

»~Sabine gewidmet~ ...«

Der Text des Liedes lautete:

~Daß ich Dich liebe ... Es wissen es alle Blumen der Au, Es weiß es die Dämmerung, die Nebelfrau, Die Vögel zwitschern's vom hohen Dach, Die Wellen im Bache schwatzen es nach, Der Hahn auf dem Kirchturm möchte es schrei'n Hoch in den blauen Himmel hinein; Im Walde tuschelt es Baum zu Baum, Die Bienen summen's am Wiesensaum; Bald wissen's wohl alle Leute der Stadt, Als ständ' es geschrieben im Wochenblatt; Es weiß es die Nacht und das Morgenlicht -- Nur Du weißt es nicht!~

Für dieses Lied hatte Cyrill bei seinem Verleger der »besseren Ausstattung« wegen auf jedes Honorar verzichtet, ja selbst zugezahlt. Und als nun die ersten Exemplare vor ihm auf dem Tische lagen, auf dem Titelblatt sein Name und der des geliebten Mädchens, umrahmt von roten Rosen, faßte ihn heiße Angst. Gewiß, Sabine brauchte den Text durchaus nicht auf sich zu beziehen; solche Liedtexte sind neutral, können dahin oder dorthin oder ganz ins Blaue gezielt sein, aber sie konnte das Lied auf sich beziehen und dann konnte sie sich kompromittiert fühlen. »Bald wissen es alle Leute der Stadt, als ständ' es geschrieben im Wochenblatt ...« dem Mädel mußte ja himmelangst werden, wenn sie das las. Und dann war es durch die Schuld seiner aufdringlichen Huldigung gewiß aus und vorbei mit aller Hoffnung. Cyrill telegraphierte an seinen Verleger, er ziehe das Lied aus dem Musikhandel zurück. Der Verleger antwortete: »Nur gegen Übernahme der ganzen Auflage. Dreiunddreißigeindrittel Prozent Rabatt vom Originalpreis. Fünf Exemplare bereits verkauft.«

So opferte Cyrill einen großen Teil seines bißchen Vermögens und hatte bald einige hundert gedruckte Lieder in seiner Wohnung aufgetürmt, für die er keine Verwendung besaß.

»Die Nacht wußte es und das Morgenlicht,« was Cyrill um Sabine litt. Hoffnungslos. Er, der arme Musiker, sie das einzige Kind eines reichen Mannes!

* * * * *

Und noch ein zweiter litt um Sabine: der Dachdecker. Was ist doch Frau Musika für eine arge Kupplerin. Wie geht sie mit leisen Hexenschritten um die Menschen herum, kreist sie ein, läßt sie aus überquellenden Tonbechern süßes Gift schlürfen, nach fremden Rhythmen atmen, in fremden Melodien fühlen. Wie kann sie zwei Menschen in alle Tiefen und Höhen führen, Geheimsprache reden vor tausend Ohren, unsichtbare Liebeslauben bauen vor tausend Augen. Wie kann sie streicheln und quälen, erheben und erniedrigen, werben und verderben.

Der schlichte Sohn des Volkes, der übermütige Bursch, war zum Träumer geworden. Wenn er auf einem hohen Dache saß, irrten seine Augen immer wieder über das Häusermeer dahin, wo auf dem Marktplatz neben dem Rathausturme das Apothekerhaus mit dem goldenen Kranich war. Dieses Haus war ihm zur wahren Heimat geworden. Das war licht und schön, anders als seine arme Handwerkerstube, und ein Engel von himmlischer Anmut lebte darin.

Oft saß der Dachdecker auf einem schwindeligen Platz in tiefen Gedanken. Manchmal, wenn die Glocken so feierlich klangen, weinte er. So viele Dächer, und keines das seine; aus so vielen Schornsteinen weißer Rauch, und sein eigen kein Herd, an den er ein geliebtes Weib führen konnte.

Von hohen Dachfirsten sah er über die Stadt hinweg ins freie Land hinaus. Straßen führten in weite Fernen. Er könnte wandern, könnte sich loslösen von seiner Pein. Aber er würde wohl rückwärts gehen, um immer noch die liebe Stadt zu sehen, und wenn ihr letztes Dach verschwände, würde er von Sehnsucht überwältigt nach Hause laufen. Was blieb dem armen Dachdecker anderes übrig, als eines Tages abzustürzen und »in Ausübung seines Berufes« ehrenvoll den Hals zu brechen!

* * * * *

Cyrill war eines Nachts auf einen Rettungsgedanken verfallen, auf einen Gedanken, den er allerdings früher schon einmal gehabt hatte. Er mußte August Stumpe ausbilden, mit diesem wirklich ganz außergewöhnlichen Gesangstalent eines Tages einem Opernhausdirektor unter die Nase fahren und so Stumpe als Sprungbrett für die eigene Kapellmeisterlaufbahn benutzen.

Cyrill war immer noch nicht ohne Hochmut. In Marienwerder war ihm eine Kapellmeisterstelle angeboten worden. Es war zum Lachen. Als ob er nach Marienwerder aussähe! Als ob Sabine je die Frau eines mit dreitausend Mark dotierten Kapellmeisters in Marienwerder werden würde. Abgesagt! Die Agentur schrieb ihm darauf, daß sie vorläufig für ihn nichts wisse.

Cyrill sagte Stumpe August einmal auf dem Heimwege unter ehrenwörtlicher Zusicherung absoluter Verschwiegenheit: er wolle ihn zum Opernsänger ausbilden und schon dafür sorgen, daß er im ersten Fach unterkomme. August Stumpe lachte erst blöde, dann sagte er, er habe nicht recht verstanden. Worauf Cyrill noch einmal seine Absicht aussprach. Darauf sagte der Dachdecker, Herr Cyrill möge entschuldigen, ihm sei nicht gut, es werde ihm so komisch. Und er ging beiseite und lehnte den Kopf an einen Zaun. Eine Hand preßte er aufs Herz und eine auf den Magen, und es würgte ihn zum Erbarmen.

»Brechen Sie nur! Brechen Sie nur!« riet Cyrill. »Sie sind der rechte Mann. Es packt Sie. Sie nehmen es ernst!«

Es war ein stilles Heldentum, das die beiden von nun an verrichteten. Alle Abende, die nicht dem »Quartett« gewidmet waren, saßen sie in Cyrills Stube, studierten und übten oft bis tief in die Nacht. Alle Sonntage waren dem eifrigsten Studium geweiht. Selbst nach den Quartettabenden nahm Cyrill den Dachdecker oft mit in seine Klause. Er lieh ihm Bücher. Selten hatte ein eifriger Lehrer einen so eifrigen Schüler.

Der ersehnte Preis all dieser Mühen war für beide der gleiche.

Sabine!

Die armen Burschen wußten es nicht und gewannen sich nach und nach lieb.

Hätten sie sich durchschaut, sie hätten sich gehaßt und gegenseitig zu verderben gesucht.

So wanderten sie beide dem selben Lichte zu und keiner sah von dem andern, daß er die gleiche Straße zog.

* * * * *

Anfang November wollte das Quartett sein erstes Konzert geben. Wenn aber ein Quartett ein Konzert geben will, muß es einen Namen, eine Firma haben, schon der Anschlagsäulen und der Zeitungsnotizen wegen.

Es wurde eine Beratung abgehalten. Wer je einer Beratung beigewohnt hat, in der ein neuer Name gefunden werden soll, weiß, daß das ein schwieriges Geschäft ist, ganz gleich, ob es sich um eine Gesangsvereinigung, um eine literarische Zeitschrift, um eine Aktiengesellschaft, um ein neues Insektenpulver oder um ein kleines, manchmal noch gar nicht geborenes Kind handelt. Namengebung ist immer schwer und verantwortlich.

»Ich bitte um Vorschläge,« sagte Cyrill; »ich selbst werde meine Meinung zuletzt sagen, um niemand zu beeinflussen. Bitte, Fräulein Tilgner!«

»Ich hatte mir gedacht,« sagte Fräulein Tilgner, »da wir doch vier sind -- im Quartett sind ja wohl immer vier -- also da könnten wir uns ›Quartett Jahreszeiten‹ nennen. Der ›Frühling‹ ist natürlich Sabinchen, ich selbst bin ja etwas älter und könnte als der ›Sommer‹ gelten; Herr Stumpe müßte den ›Herbst‹ darstellen, und der Herr Apotheker, wenn er so gut sein wollte, den ›Winter‹.«

»Danke!« sagte der Apotheker verdrossen; »so eisgrau bin ich noch nicht! Fünfundfünfzig bin ich! Und dann -- wieso Herr Stumpe mit sechsundzwanzig Jahren ›Herbst‹? Und wieso überhaupt vier? Sind wir nicht fünf? Zählt der Dirigent nicht mit? Der Name ist einfach unmöglich.«

»Bitte um Entschuldigung!« sagte Fräulein Tilgner kleinlaut und setzte sich.

»Nun Ihren Vorschlag, Fräulein Sabine,« forderte Cyrill auf.

»Ich hatte,« sagte das Sabinchen, »auch an die Zahl vier gedacht, und da wollte ich vorschlagen, wir nennen unser Quartett ›Kleeblatt‹. Es gibt ja übrigens auch fünfblättrige Kleeblätter.«

Der Apotheker erhob sich.

»Meine liebe Tochter, erstens sind Kleeblätter in erdrückender Majorität dreiblättrig. Vierblättrige sind eine Seltenheit, und es wäre arrogant, wenn wir uns als Seltenheit hinstellen wollten. Das würde eine boshafte Kritik sofort aufgreifen. Eine boshafte Kritik würde aber noch etwas anderes sofort aufgreifen; nämlich sie würde sagen: Kleeblatt? Wieso? Es liegt hier eine Beleidigung des Publikums vor. Denn wem werden Kleeblätter vorgesetzt? Doch nur Rindviechern! Der Name ›Kleeblatt‹ ist ganz unmöglich.«

»Nun, dann mache doch selbst einen Vorschlag, Papa!«