Chapter 20 of 22 · 3981 words · ~20 min read

Part 20

»Von dem, was ich habe, soll ein ganz einfaches Begräbnis bezahlt werden. Was übrig bleibt, vermache ich alles Herrn Ansorge in Altenroda.

Altenroda, den 23. Mai 1910. Anna Lüdke.«

Es war kein Zweifel, das Testament war rechtsgültig. Ein paar alberne Spötter wollten Witze machen; aber sie verstummten bald. Alle Leute fühlten, daß hier eine dankbare Seele ihren letzten Willen kundgetan hatte. Alle Leute waren aber auch neugierig, wie sich Herr Ansorge zu der an ihn gefallenen Erbschaft verhalten werde.

Nun, das Begräbnis der Frau Anna Lüdke wurde wirklich ganz einfach gehalten, so wie sie es bestimmt hatte. Es kostete alles in allem zweihundertachtzig Mark. Einige Weiber in Altenroda rechneten nun damit, daß Ansorge den Rest der Erbschaft unter sie verteilen werde. Aber sie verrechneten sich. Ansorge ließ alles Mobilar und alle anderen Gegenstände in sein Haus bringen, wo er ein eigenes Zimmer damit ausstattete und ein Bild der Anna Lüdke aufhängen ließ. Er saß öfters in diesem Zimmer, arbeitete auch manchmal dort. Das Sparkassengeld hob er für seine eigene Kasse ab. Er achtete die Erbschaft; er trat sie an. Der Anna Lüdke ließ er ein Denkmal setzen. Es war nach Meinung der Leute lange nicht das »schönste« auf dem Friedhof von Altenroda; aber es war das wertvollste, auch bei weitem das teuerste. Ein wirklicher Künstler hatte es geschaffen.

* * * * *

Auch der reinste Tag geht zu Ende. Als Ansorge siebzig Jahre alt war, kam das Sterben an ihn heran. Das Sterben gilt ja für die Menschen alle als die letzte Not. Auch an Ansorge trat die letzte Not, die letzte Sorge heran.

Es wäre auch alles milde und in Frieden verlaufen, wenn +Dr.+ Schicketanz nicht gewesen wäre. Der war schuld, daß Ansorge seine vierte und letzte Sorge schwer wurde. Nicht nur, daß er mit allen medizinischen Künsten und Listen Ansorge das Sterben von Woche zu Woche vereitelte, er griff auch zu absonderlichen Mitteln anderer Art.

Da saß der alte Eisbart an Ansorges Krankenlager und sagte:

»Also, sterben möchtest du, Freundchen? Möchte dir wohl passen! So gar nichts mehr tun als immerfort auf dem Rücken liegen und die Augen zuhaben. Das gibt's aber nicht! Du bist siebzig, ich bin fünfundsiebzig. Du bist in Untertertia kleben geblieben, als ich nach Oberprima versetzt wurde. Nachtragen will ich dir das ja heute nicht mehr; der Fall ist schließlich verjährt, und du hast ja doch die Schule durchgemacht. Aber Komment ist Komment! Erst die Prima, dann die Tertia! Erst ich, dann du! Ich mache mit meinen fünfundsiebzig Jahren noch die Leute gesund, im Hause für zwei Mark und fünfzig Pfennige und in der Sprechstunde für eine Mark. Und du willst einfach so losgehen? Nein! Erst die Prima, dann die Tertia! Erst wird von mir gestorben, dann von dir! Verstanden? Du bist erst fünf Jahre nach mir an der Reihe. Vordrängeln gilt nicht!«

Ansorge lächelte auf seinem Krankenlager und dachte: Er ist ein guter Arzt. Dann sagte er matt:

»Ja, lieber Freund, der Herrgott hat wohl für seine Versetzungen einen anderen Modus als die Oberlehrer. Du wirst es schon nicht ändern können, daß ich das große Abitur ~vor~ dir mache.«

»Das werde ich ändern!« zürnte Schicketanz; »das gebe ich nicht zu!«

Am nächsten Tage sah Schicketanz, daß an Ansorges Schicksal kaum noch etwas zu ändern sei. Und er pflanzte die vierte, die letzte Sorge in Ansorges Leben.

Es war im April, und es herrschte ständig wechselndes, meist böses Wetter. Da sagte +Dr.+ Schicketanz zu seinem Patienten:

»Guck zum Fenster hinaus! Kannst du es verantworten, bei solchem Wetter zu sterben? Was würde dann geschehen? Ganz Altenroda würde mit dir zu Grabe gehen. Du weißt, daß der letzte Teil des Weges zum Friedhof ungepflastert ist. Ich habe mir ihn gestern in deinem Interesse angesehen. Ein Sumpf -- sage ich dir! Na also, was geschieht, wenn du jetzt stirbst? Ganz Altenroda geht mit zu Grabe, und halb Altenroda wird krank. Erkältet sich auf den Tod. Wieviel -- glaubst du -- werden allein an Lungenentzündung deines Begräbnisses wegen sterben?«

Und Ansorge fiel wirklich auf die Praktik dieses geistigen +Dr.+ Eisenbart hinein. Er sagte sich: Es ist richtig, wenn ich jetzt sterbe, ist es ein Unglück oder doch für viele ein schweres Ungemach und für manche eine Gefahr. Wenn ich auch noch letztwillig wünschte, es möge niemand mit mir zu Grabe gehen, es würde nichts nützen. Unheil gäbe es sicher.

So war Ansorges letzte persönliche Sorge die um die Gesundheit seines Leichengefolges.

Doch die Lösung kam.

Schon am nächsten Tage erschien +Dr.+ Schicketanz nicht mehr. Er war an einem Herzschlag verschieden.

»Erst die Prima -- dann die Untertertia,« murmelte Ansorge unter Tränen. »Komment ist Komment!«

Ansorge lebte noch fünf Tage. Er beobachtete immer das Wetter. Ein Barometer wurde auf seinen Befehl an seinem Bette aufgehängt. Er sah oft nach dem schwarzen Zeiger, ob er vorrücke. Der Zeiger blieb stehen. Endlos spritzte der Regen; hart stieß der Nordwind ans Haus. Vier Tage nach +Dr.+ Schicketanz' Tode fing der schwarze Zeiger an Ansorges Barometer langsam an, auf »Schön Wetter« zuzugehen. Ansorge sah es mit wehmütiger Befriedigung.

Bald stand der schwarze Zeiger auf »Beständig«.

In der Morgenstunde ging die Frühlingssonne auf. Auf der goldenen Straße ihrer Strahlen ging Ansorges Seele heim.

Seine letzte persönliche Sorge und alle anderen Sorgen seines Lebens waren vorbei.

Grünlein

72. -- 91. Auflage

Der Soldat und auch der Hund gehören in den Krieg hinein, der Schuljunge, die Großmutter und der Gnom eigentlich nicht; aber da auch diese letzten drei in dieser Geschichte eine Rolle spielen, so mußten sie in der Überschrift mit angeführt werden. Und es wird nachher viele in Erstaunen setzen, daß auch der Gnom in den Krieg zog, obwohl er wegen seiner geringen Größe dienstuntauglich war; denn er war nur so lang, wie eine Ohrfeige und ein Nasenstüber zusammen sind. Und jetzt beginnt das Märchen.

Es war einmal ein schöne goldene Zeit, da noch kein Krieg war im Lande, da der Vater bei seinen Kindern, der Bräutigam bei seiner Braut und der Sohn bei seiner Mutter war. Der König des Landes konnte sich alle Tage, wenn er wollte, seine goldene Krone aufsetzen oder auf die Jagd ziehen oder auf seinem Prachtschiff spazieren fahren oder seine Hofjungfern tanzen lassen; die Bürger lachten, wenn sie Geschäfte machten oder bei Bier und Wein saßen, und die Schulbuben hatten alle Hosentaschen voll Apfel und Butterstullen. Damals ging es in unserem Vaterlande zu wie in Schlaraffenland; wer am Abend zwei Schinkenstullen gegessen und ein Hühnerei geschluckt hätte, wäre noch lange nicht als ein Verschwender angesehen worden; die Bauern konnten soviel Korn auf dem Boden und so viele Schweine im Koben haben, wie sie wollten; die Bäcker buken Tag und Nacht Semmeln und Zuckerringe; die braunen Würste waren auf den Jahrmärkten zahlreicher als die Eicheln im Walde; aus tausend Hähnen floß alle Tage roter und weißer Wein, und jeder Leierkasten spielte zum Tanze.

Das war in der schönen, längst vergangenen Friedenszeit. Alle Leute im Lande dachten, das müsse so sein, und »sie aßen und tranken und hielten Hochzeiten«.

Auf einmal fingen an in den dunklen Hausbalken der Schwarzwaldhäuser und Alpenhütten bis hin zu den Fischerkojen am Meer unheimlich viele Totenuhren zu ticken, und selbst der arme Bauer in Masurenland hörte, wie die schaurige Uhr ging, und fühlte, wie der Wind von Osten her leichenkalt durch die Ritzen seiner Hütte drang. Blutregen fiel, als die Abendsonne über Deutschland stand; alle Vögel flogen aufgeregt um die Spitzen der Kirchtürme; alle Männer hatten sehr blasse oder sehr rote Gesichter.

Der Tod wetzte die allergrößte Sense, die in seiner schwarzen Scheune hängt.

Es wurde Krieg

Im Riesengebirge klettert ein Dorf die Berghänge hinauf, und abseits von ihm liegt eine einsame Mühle. Der Müller wohnte dort mit seiner alten Mutter, seinem achtjährigen Sohne Hubert, mit einer Magd und einem Mühlknecht. Die Frau war tot, aber es wohnte außer den fünf Leuten noch ein kluger Hund namens Wolf in der Mühle, sowie ein kleiner Hausgeist, der das Grünlein hieß.

Grünlein hatte seinen Namen von der grünen Mütze her, die er trug, und hatte ihn also wohl dem Rotkäppchen nachgemacht. Er war der Nachkomme eines uralten deutschen Zwergenvolkes und wohnte schon seit sehr langer Zeit in der Mühle. Schon als Großmutter noch ein kleines Mädel war, war Grünlein dagewesen, und Großmutter war doch schon alt. Bis zu ihrem vierzigsten Jahre hatte sie zweiunddreißig Zähne gehabt. Da war ihr der erste ausgegangen, und sie hatte gesagt: »Jetzt lebe ich noch einunddreißig Jahre.« Richtig war auch alle Jahre immer ein Zahn abhanden gekommen, und jetzt hatte sie noch sieben. Sonntag nachmittags, wenn Hubert ein Vergnügen haben sollte, machte Großmutter den Mund auf, und der Junge zählte die Zähne.

Bei diesem großen Spaß, wenn berechnet wurde, wie lange Großmutter noch zu leben habe, war Grünlein, der Gnom, immer zugegen. Er war überhaupt fast immer dabei, wenn Großmutter und der Junge allein waren. Sonst, wenn die Magd schlechter Laune war und in der Mühle rumorte, oder wenn gar der Knecht fluchte, setzte sich Grünlein seine Tarnkappe auf und verschwand. Er kam dann tagelang nicht zum Vorschein. Aber dann kam wohl ein Abend, wenn die Dämmerschatten langsam vom Tal nach den lichten Höhen krochen, daß der Junge plötzlich zur Großmutter sagte:

»Großmutter, siehst du, daß Grünlein wieder da ist?«

»Ja, ja, ich sehe es schon.«

»Gelt, er sitzt auf dem Fuchsientopf?«

»Ja, ja, und er läutet mit der roten Glocke.«

»Mit der oberen oder mit der unteren?«

»Mit der unteren.«

Da waren sie einig, und Großmutter mußte dem Jungen eine Geschichte erzählen. Grünlein hörte mit zu, und Wolf, der Hund, schlich herbei und hörte auch zu. Wenn der Müller Zeit hatte, setzte er sich auch mit ans Fenster; denn auch er kannte das Grünlein.

Wolf war vielleicht ein richtiger Wolf, er sah nämlich so aus, und Herr Scheibel, der Amtsdiener, von dem ihn der Müller gekauft hatte, machte bei einer Frage nach der Herkunft des Tieres immer ein so geheimnisvolles Gesicht, als ob er sagen wolle, das Tier stamme direkt aus dem russischen Urwald. Herr Scheibel hatte den Wolf als Polizeihund dressiert. Als aber nach langer Zeit in der Gegend endlich einmal ein Mord passiert war und Scheibel seinen Polizeihund auf die Spur des Täters setzte, verbellte das dumme Tier schließlich den Herrn Pfarrer, während der Mörder inzwischen in der Nachbarschaft erwischt wurde. Nach diesem furchtbaren Ärgernis trennte sich der Polizeimann von dem dressierten Hunde und verkaufte ihn in die Mühle, wo sich Wolf als gefräßiges, aber im allgemeinen ganz friedliches Raubtier erwies.

Feierlich schöne Stunden waren es, wenn der Junge, die Großmutter, der Gnom und der Hund so beisammensaßen und die alte Frau Geschichten erzählte. Die Berge atmeten ihren Tannenduft zum Fenster herein, und die alte Mühle surrte ihr Lied von tiefem Frieden.

So war es auch am ersten Augusttage des lange hinter uns liegenden Jahres 1914. Die Großmutter erzählte gerade von einer schönen Himmelsinsel, wo niemand hungert und niemand friert, niemand leidet und niemand stirbt, da trat der Müller, der drunten in der Stadt Hirschberg gewesen war, in die Stube, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte:

»Denkt Euch, es wird Krieg!«

»Um Himmels willen, nein, nein!« rief die Großmutter und schlug die Hände zusammen.

»Krieg wird? Krieg?« schrie der Junge. »Hurra! Das ist schön!«

Grünlein wollte ausreißen, aber er kletterte nur höher ins Gezweig des Fuchsienstrauches und schaute mit großen Augen durch das Geäst.

Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als ob er sich über die Botschaft freue.

»Ja,« sagte der Müller, »und in drei Tagen muß ich fort.«

»Karl -- Karl, ist das wahr?« fragte die Großmutter, und ein Weinen zitterte durch sie.

Der Junge ging auf den Vater zu und sagte mit jäh durchbrechender Angst:

»Vater ... sie werden dich doch nicht totschießen?«

Der Müller zuckte erst die Achseln, dann schüttelte er dreimal hintereinander den Kopf und schlang den Arm um den Jungen.

Der Hund wedelte immer noch mit dem Schwanze, Grünlein guckte mit großen Augen aus dem Gezweig des Fuchsienstrauches.

* * * * *

Als der Müller fortzog, gab es einen schweren Abschied. Der Knecht war schon zwei Tage vorher fort, die Mühle mußte stille stehn. Der Junge weinte laut, der Hund jaulte, die alte Mutter sagte mit gefalteten Händen: »Du bist in Gottes Hand!«

Grünlein aber saß wieder mit großen Augen in den Zweigen des Fuchsienstrauches. Und als der Müller sagte: »Es ist Zeit, ich muß jetzt gehen!« packte es den Gnomen am Herzen, er zog blitzschnell die Tarnkappe über den Kopf, hüpfte auf die Pappschachtel, in der der Müller seine geringe Kriegswanderhabe trug und zog mit.

Grünlein wog allerhöchstens ein halbes Pfund. Aber wie er auf der rückwärtigen Hälfte der Pappschachtel saß, während der Müller den Bergweg hinabstieg, kippte die Schachtel nach hinten, und wie er sich auf die vordere Hälfte der Schachtel setzte, kippte sie nach vorn, und der Müller kam ins Stolpern.

Noch ehe er eine Stunde gegangen war, setzte er sich an den Wegrand, stützte den Kopf in die Hände und dachte, was nun werden solle. Wie war der Weg in den Krieg so lang und schwer! Da hinter ihm lag die Heimat -- mit ein paar Sprüngen war sie zu erreichen -- da vor ihm waren weite, weite Todesstraßen. Ob er die Seinigen wiedersehen würde?

»Vater -- Vater -- ziehe nicht fort!«

Der Junge war ihm nachgelaufen, und der Hund auch.

Nun raffte sich der Müller auf, tröstete den Jungen und verwies es ihm mit Milde, daß er ihm nachgekommen sei. Und er sprach vom Vaterland und vom König und vom Wiederkommen. Als er aber zuletzt sagte: »Nun, Hubert, geh' du mit dem Hunde den Berg hinauf, und ich gehe mit meiner Pappschachtel den Berg hinab,« da war der Junge so leichenblaß, daß Grünlein, der alles miterlebt hatte, von der Pappschachtel auf den Rücken des Hundes sprang und nicht mit in den Krieg zog, sondern zurück nach der Mühle.

Als der Vater schon einige Wochen fort war, sagte die Großmutter zu dem Jungen:

»Hubert, mir sind auf einmal zwei Zähne ausgefallen.«

Der Junge zählte sofort nach und sagte bestürzt:

»Nur noch fünf! Großmutter, da lebst du ja bloß noch fünf Jahre. Das stimmt ja nicht!«

Die Großmutter meinte, Kriegsjahre zählten doppelt, und wenn sie noch fünf Jahre lebe, sei das schon genug; bis dahin sei der Vater schon längst zurück. Aber der Junge war jetzt viel ängstlicher geworden, als er früher war, händigte der Großmutter seinen funkelnden Silbertaler aus, den er in der Sparkasse hatte, und sagte, sie solle sich Zähne einsetzen lassen -- hundert Stück. Das wollte aber die Großmutter nicht.

Wolf, der Hund, hatte seinen Herrn drei Tage lang ehrlich betrauert; am vierten aber hatte er seinen wahrhaften Wolfshunger wieder bekommen und damit alle Traurigkeit abgelegt. Er lag nun in der Sonne, schnappte nach Fliegen, fraß und bellte, als ob überhaupt kein Krieg sei.

Ganz anders war das Hausgeistlein. Wenn jetzt die Großmutter und der Junge beisammen saßen, erzählte die alte Frau keine Märchen mehr; sie und der Junge sprachen nur noch vom Krieg. Und je mehr sie sich um den Vater kümmerten, ein desto schlechteres Gewissen bekam Grünlein, weil er den Müller hatte allein seine schwere Straße wandern lassen.

Gegen Ende des August faßte Grünlein den Entschluß, dem Müller in den Krieg nachzuziehen. Die Großmutter las die zwei Briefe, die inzwischen angelangt waren, dem Jungen jeden Tag vor, und Grünlein wußte, daß der Müller mit den schlesischen Landwehrleuten nach Polen gezogen sei. Wo der Weg nach Polen ging, wußte der Gnom. Wenn man ins Dorf kam, mußte man bei Korbmachers Haus rechts abbiegen, da ging es dann gleich den Berg hinunter nach Polen. Aber wie der arme Schelm mit seinen kurzen Beinen drei Tage und drei Nächte gewandert und nach Hirschberg gekommen war, sah er dort viele Soldaten, die eben nach Frankreich zogen, und meinte, er habe sich gründlich verlaufen; denn über Hirschberg führe der Weg nicht nach Polen, sondern nach Frankreich. Er wanderte nun wieder nach der Mühle zurück und war sehr traurig, daß er den Weg nicht fand; denn es war ihm klar geworden, daß es mit dem Polenland und der Welt überhaupt eine weitläufige Sache sei.

Als er wieder zu Hause war und sich etwas ausgeruht hatte, kam ihm ein guter Gedanke. Er wußte aus den Briefen, daß Polen und Rußland ganz dasselbe ist, und da doch Herr Scheibel, der Amtsdiener, immer gesagt hatte, der Hund Wolf sei ein richtiger Wolf und stamme aus Rußland, so mußte der Köter doch den Weg dahin wissen.

Im Abenddämmern machte sich Grünlein an den Hund heran. Der hatte eben vier Tage und vier Nächte lang mit kurzen Unterbrechungen geschlafen und gähnte müde, als ihn Grünlein fragte, ob er denn wirklich ein richtiger Wolf sei und aus Rußland stamme.

»Das will ich meinen,« sagte das Vieh.

Und nun bat Grünlein mit bewegten Worten, ihm doch den Weg nach Rußland deutlich und bestimmt anzugeben.

Da kratzte sich der Wolf heftig das Fell und sagte dann verlegen:

»Ach, Grünlein, ich will dir im Vertrauen sagen: Rußland ist eine ziemlich große Gegend; an allen Orten bin ich nicht gewesen, und mancherlei habe ich auch wieder vergessen.«

Nach dieser Auskunft schloß Wolf sofort die Augen und tat, als ob er schon wieder ganz fest schlafe. Grünlein aber setzte sich in den Fuchsienstrauch und weinte.

Am selben Abend aber geschah noch etwas Besonderes. Die Großmutter und der Junge hatten vor, dem Vater eine Wurst zu schicken, und die Botenfrau hatte aus der Stadt eine runde Papphülse mitgebracht, in die die Wurst genau paßte.

Die Großmutter, der Junge und die Magd saßen um den Tisch und sprachen darüber, wie diese Wurst nun eine so weite Reise machen, wie sie zum Vater gelangen und ihm gut schmecken werde. Der Wolf sah mit gelb schillernden Augen nach dem Tisch, dem Grünlein aber klopfte das Herz. Die Wurst wurde mit einer gewissen Feierlichkeit in die Hülse gesteckt, die Hülse mit einer Kapsel verschlossen. Die Magd schrieb die Adresse, weil sie von den dreien die schönste Schrift hatte. Dann gingen alle schlafen.

Grünlein klammerte sich an die Zweige des Fuchsienstrauches und kämpfte einen schweren Seelenstreit mit sich aus. Wenn der Hausherr die Wurst bekam, war das schön, aber schöner noch, wenn sein gutes Hausgeistlein zu ihm kam. Da rief Grünlein durch die Finsternis der Stube:

»Pst, Wolf! Friß die Wurst!«

»Es gibt zu viel Hiebe!« knurrte der Hund.

»Es gibt keine Hiebe; denn ich krieche selbst in die Hülse und reise nach Rußland.«

»Du bist nicht gescheit, Grünlein,« sagte der Wolf, kam aber gierig näher.

Grünlein turnte nach dem Tisch, löste die Kapsel, zog mit ungeheurer Anstrengung die Wurst aus der Hülse, löste sie aus dem Papier, in das sie gewickelt war, rollte die Wurst wie einen Baumstamm an die Tischkante, von wo sie auf den Fußboden fiel, wickelte sich selbst in das Umschlagpapier, kroch in die Hülse und zog die Kapsel von innen nach. Grünlein paßte gut in die Umhüllung denn er wog ein halbes Pfund, und die Wurst wog auch ein halbes Pfund.

Wolf roch unterdes an der Wurst herum, sagte bei sich: »Ich bin ganz unschuldig; denn ich habe sowas ganz und gar nicht gewollt!« und dann schlang er die Wurst mit ein paar Bissen hinunter.

Am nächsten Morgen brachte die Botenfrau das Päckchen Bindfaden, das sie am Vortage zu besorgen vergessen hatte. Die Hülse wurde nun so oft verschnürt, daß man von der Adresse fast nichts mehr sehen konnte, und dann setzte sich Hubert mit dem Feldpaket an die Dorfstraße und wartete drei Stunden, bis der Gebirgsbriefträger kam und das Paket mitnahm.

Hubert schaute ihm lange nach und bewunderte die schwarze Tasche, von der aus solch weite Reisen angetreten werden konnten. Ach, wenn er gar gewußt hätte, daß in der Tasche jetzt sein Grünlein steckte, das nach Polen reiste!

* * * * *

Der Briefträger gab die Rolle mit Grünlein auf dem Postamt ab. Als der Gnom gerade an der Wand seines Hauses ein wenig horchen wollte, was draußen los sei, bekam er einen mächtigen Schlag an den Kopf; denn der Beamte stempelte die Rolle. Grünlein kam von dem Postamte nach einem Bahnhof, von da ein Stückchen weiter wieder auf einen Bahnhof und blieb dort schließlich mit anderen Wurst-, Keks-, Schokolade- und Zigarrenpaketen zusammen wochenlang liegen. Endlich ging die Reise weiter. Einmal hörte er einen Beamten zu einem anderen sagen: »Wir fahren eben über die Rheinbrücke, jetzt werden die Leute bald französisch sprechen.« Das alles fiel aber dem Wichtelchen nicht auf; es meinte, das müsse so sein, wenn man nach Rußland reise. Erst in Brüssel nahm ein Beamter die Rolle in die Hand, schimpfte und sagte: die Pakete, die für Regimenter in Polen bestimmt seien, gehörten nicht nach Belgien. Grünlein wurde mit vielen anderen Irrgängern umsortiert und fuhr in wochenlanger Reise wieder auf Schlesien zu. Unterwegs hatte er ein Abenteuer. Auf einer Zwischenstation wollte ein sogenannter freiwilliger Helfer, der aber in Wirklichkeit ein Paketmarder war, die Rolle ihrer vermeintlichen Wurst berauben, nicht wissend, daß diese Wurst längst in den Magen eines Urwaldviehs verschwunden und die Rolle höchst geheimnisvollen Inhalts war. Wie nun der schlechte Mensch den Deckel öffnete, sprang ihm Grünlein mitten ins Gesicht, zertrampelte ihm mit den Füßen die Nase, hieb ihn mit den Fäusten an die Stirn und spuckte ihm in die Augen. Da schnürte der Dieb das Paket, nachdem Grünlein wieder hineingekrochen war, in großer Überraschung wieder zu.

Sechs Wochen und einen Tag, nachdem Grünlein von Hirschberg abgefahren war, landete er auf dem Bahnhof von Tschenstochau, und vier oder fünf Tage danach war er bei seinem Herrn.

Es stellte sich heraus, daß für den Müller, der hier als der Landwehrmann August Liebert geführt wurde, auf einmal zweiundzwanzig Paketchen einliefen. Dem Müller wurden die Augen feucht vor Dankbarkeit, und er sagte:

»So haben mich meine Leute doch nicht vergessen; es hat sich nur alles ein wenig verspätet.«

Ehe der Müller die Pakete öffnete, las er die eingelaufenen Briefe. Und da schrieb ihm sein Bub mit seinen ungefügen, großen Buchstaben auch: »Grünlein ist weg. Ich und Großmutter denken, er ist dir nach. Vielleicht ist er in ein Paket gekrochen.«

So hatte der Junge alles richtig erraten.

* * * * *

Es war Abend. Der Müller saß abseits am Rande des polnischen Flusses. Seine Kameraden hielten ihn für einen Spintisierer. Aber sie hatten ihn doch gern; denn er war ein guter Kamerad und konnte bei Gelegenheit auch lustig sein.

Nun aber saß er versonnen an dem lehmgelben Wasser und hörte zu, wie der Herbstwind durch die gelben Blätter der Erlen ging. Und wie er einmal seufzte und die Augen aufhob, sah er das Grünlein in den Erlenzweigen sitzen. Da freute er sich und sagte:

»Ach, Grünlein, da bist du ja! Hubert hat mir geschrieben, daß du mir nachgereist bist. Erzähle mir, wie es zu Hause geht.«

Grünlein war so bewegt, daß ihm zunächst nichts anderes zu erzählen einfiel, als daß die Großmutter zwei Zähne verloren und der Wolf leider eine schöne Wurst gefressen habe. Doch dann besann er sich auf Besseres und sagte, die alte Mühle stehe noch, die großen Berge ständen auch noch und der Fuchsientopf sei auch noch da. Da wurden dem Müller die Augen heiß, und er sagte:

»Es ist schön zu Hause!«

Das Grünlein sah sich in der Gegend um. Es wies nach vorn über den Fluß hinüber und fragte:

»Was ist das Schreckliches dort drüben?«

»Das ist ein verbranntes Dorf, liebes Grünlein.«

Das Geistlein schauerte in sich zusammen.

»Es müssen sehr schlechte Menschen sein, die das getan haben!«

»Wir haben es getan!«

»Ihr -- o -- du ...«

Grünleins Augen füllten sich mit Tränen des Entsetzens.

»Ja, liebes Grünlein. Wenn wir es nicht getan hätten, wären die Russen gekommen und hätten unsere Mühle verbrannt, deinen Fuchsientopf zerschlagen und die alte Großmutter getötet.«

»Mich friert!« hauchte das erschrockene Grünlein. »Wir wollen nach Hause gehen.«

»Gehen wir nach Hause,« sagte der Müller mit einem schmalen Lächeln, stieg mit dem Grünlein in einen Graben und kroch mit ihm in ein finsteres Loch.

Dort lagen einige Männer auf Stroh und schliefen.

»Hier, liebes Grünlein, bin ich jetzt zu Hause.«