Part 17
»Weiß nicht, Herr Pinkus! Ihnen zuliebe will ich einen letzten Versuch machen.«
Der Musikant zieht ein Stück Kolophonium aus der Tasche, wichst wie rasend den Bogen, rückt den Steg, schraubt an den Wirbeln, geht um die Baßgeige, pocht abermals an ihren Rücken, schüttelt sie heftig hin und her und geigt dann und sagt:
»Es ist beim besten Willen nischt zu machen, Herr Pinkus, der Ton fehlt. Die Baßgeige sieht äußerlich großartig aus, innerlich is sie ein Krüppel!«
»Wieso 'n Krüppel? Wegen den einen Ton?«
»Herr Pinkus, Sie sind ja gewiß sehr musikalisch. Aber haben Sie schon mal die Geschichte vom Stradivarius gehört? Nicht? Also, der Stradivarius war der größte Baßgeigenkünstler, der auf der Welt gelebt hat. Er war ein Spanier. Und er hatte eine Baßgeige, die kostete, sage und schreibe, dreißigtausend Mark. Die hatte ihm die Königin von Spanien von einem alten Zigeunerprimas gekauft. Was ist passiert? Der Zigeuner war ein Lump. Eines Tages stellte sich heraus, daß ein Ton fehlt, und Stradivarius und die Königin von Spanien sitzen blamiert und mit hängenden Ohren da, und die Baßgeige, die dreißigtausend Mark, sage und schreibe dreißigtausend Mark gekostet hat, is keine hundert wert.«
»Aber, das is ja meschugge,« schreit Pinkus. »Das is doch keine reelle Rechnung. Wenn auf einer kompletten Baßgeige fünfundzwanzig Töne sein sollen und einer fehlt, da können doch abgehen höchstens vier Prozent.«
»Nee, Herr Pinkus, bei Baßgeigen is das anders. Wenn da een Ton fehlt, da läßt sich überhaupt keen richtiges Konzert mehr mit machen. Immer, wenn der Ton kommen soll, hüppt die Geschichte, wie bei einer kaputen Leier, und da pfeift einen ein gebildetes Publikum aus. Nich einmal für Tanzmusik auf'm Dorf is so 'ne Baßgeige zu gebrauchen. Die Tänzer kommen ja alle aus 'm Tritt.«
Pinkus schwitzte.
»Mein Lieber,« sagte er; »ich sehe, Se woll'n mir bloß was abschachern. Also sagen wir hundertfünfzig Mark, wie's am Anfang war.«
»Nee, Herr Pinkus, für ein' Musiker is die Baßgeige total unbrauchbar. Ich bin doch nich so dumm wie der Stradivarius! Das Möbel da, das könn' Sie höchstens an einen Holzhändler verkaufen.«
Pinkus dampfte.
»Vielleicht -- vielleicht als Wanddekoration,« keuchte er.
»Na, ja, aber die Leute, die sich die Wände mit Baßgeigen dekorieren, die geh'n ja dünne.«
»Gibt's schon,« sagte Herr Pinkus schnaufend, »gibt's schon! Also, was geben Se freiwillig?«
»Nischt, Herr Pinkus, nischt! Was soll ich mit 'ner kaputen, unvollständigen Baßgeige?«
»Also, geben Se mir achtzig Mark; fertig sind wir!«
»Herr Pinkus! Auf Wiedersehen!«
Er ging wirklich. Pinkus wartete ab; als aber der Musikant um die nächste Ecke verschwand, eilte er ihm nach.
»Also, wenn schon der tiefste Ton fehlt, Se brauchen doch die Baßgeige bloß zur Reserve. Können Se se nich gebrauchen for die höheren Stücke?«
»Höhere Stücke sind bei Baßgeigen sehr selten,« sagte der Musikant kühl. »Aber damit Sie nicht ganz um Ihr Geld kommen, will ich Ihnen zwanzig Mark zahlen.«
»Sagen Se sechzig Mark!«
Sie redeten hin und her und einigten sich schließlich auf dreißig Mark. Der Musikant holte sich die Baßgeige, und Pinkus warf die Tür krachend hinter ihm ins Schloß.
Zwei Idyllen
Der Briefkasten
Hoch am Ochsenkopf und noch dazu abseits vom Hauptwege liegt eine weltverlorene Kolonie, die Weberhäuser. Die Leute, die in den neun verstreuten Häuslein dort leben, haben nur mit Altenroda etliche Verbindung. Was über Altenroda hinausliegt, geht sie nichts an.
Im letzten Jahre aber waren fünf Sommergäste, welche angeblich die absolute Einsamkeit, in Wirklichkeit die absolute Billigkeit suchten, in den Weberhäusern gewesen. Ende August waren die Gäste abgereist und die Weberhäuser waren so einsam wie immer.
Was, dachte der einzige Spatzenmann, der in den Weberhäusern wohnte, am Anfang Oktober, ich mach's wie im vorigen Winter, ich niste in dem Briefkasten. Der Briefkasten ist ein gutes, festes Häuslein, sicherer als diese windigen Starkästen, und ungestört ist man auch. Besprach sich also mit seinem Weibe.
»Blech ist zu kalt,« sagte diese.
»Rede kein Blech, Weib,« sprach der Mann unwillig. »Blech ist fest. Das ist die Hauptsache. Rin in den Kasten!«
Dann krochen sie durch einen Spalt, über dem »Einwurf« geschrieben stand, und sahen sich im Kasten um. Ein reizendes Schlafgemach, von schwach bläulichem Lichte erfüllt. Unten war ein kleines Schild angebracht, wie ein Transparent, da stand »Sonnabend« darauf zu lesen.
»Mann, hier liegt was,« sagte das Weib. Es war ein dicker Brief, auf dem mit roter Schrift stand: »Eilt!«
»Der ist gut,« sagte der Mann, »der ist dick und federt wie eine Matratze.«
Dann flogen sie aus, stahlen Stroh, stahlen Heu, zupften Moos und sammelten Laub, und bald war die Wohnung ausgestattet. Als der Abend kam, und der Wind grimmig pfiff, lachte das Spatzenpaar in seinem sicheren Hause und hörte mit Behagen den Regen auf sein Dach tropfen.
Am selben Abend saß der Weber Bieselt, an dessen Hause der Briefkasten angebracht war, unten in Altenroda im »Bleiernen Hecht« und der Briefträger gab ihm einen Schnaps zum besten und sagte: »Also, Bieselt, wenn diesen Winter wirklich jemand mal bei Euch was in den Briefkasten stecken sollte, da laßt mich's wissen. Ich komm dann rauf, um zu leeren; denn Pflicht ist Pflicht.« Der Briefträger machte ein entschlossenes Beamtengesicht, als er das sagte.
* * * * *
Den Sperlingen ging's gut. Die Kost war schmal, aber das Haus war prächtig. Einmal aber in stiller Nacht, als beide geruhsam schliefen, hörten sie leise Schritte ... eine Hand tastete nach dem Kasten ... ein keuchendes Atmen hörte man ... dann flog ein Brief in den Spalt, flog gerade auf das erschrockene Ehepaar.
»So eine Gemeinheit!« schimpfte der Mann, als er sich von dem schweren Schlage erholt hatte; »ich muß sehen, wer das war.«
Er flog auf Kundschaft und kam bald zurück.
»Die schwarze Liese, die dumme Gans! Der steckt der Dragoner im Kopfe, der auf Ernteurlaub war, und nun schreibt sie ihm. Paßt sich das?«
Nein, nein, schüttelte das Weib ihr Gefieder, das passe sich ganz und gar nicht. Darauf trampelte der Mann wütend auf dem Briefe mit den Füßen herum und sagte:
»Hilf, Weib! Wir buddeln den Brief unter.« Und sie buddelten ihn unter.
Zehn Tage später flog wieder in tiefer Nacht ein Brief durch die Spalte. Der Spatz war rasend, flog auf Kundschaft aus und kam bald zurück.
»Die Hubrichen, die alte Schwarte. Die schreibt gewiß an den Pinkus, daß sie die Zinsen nicht bezahlen kann! Hilf, Weib, wir buddeln den Brief unter!« Und sie buddelten ihn unter.
Am nächsten Freitag, schon vor Aufgang des Mondes, flog abermals ein Brief durch die Spalte. Der Spatz hätte mit den Zähnen geknirscht, wenn er welche gehabt hätte, flog auf Kundschaft aus und kam bald zurück. Er war blaß vor Zorn.
»Die Heinisch Selma, das Schaf, die schreibt auch an den Dragoner, der auf Ernteurlaub da war.« Und in höchster Entrüstung buddelten die beiden den Brief unter.
Zwei Tage später aber sauste schon wieder in später Stunde ein Brief durch die Spalte und eine leise Stimme draußen sagte: »Wenn mich bloß niemand sieht!«
»Das Dorf hat die Schreibwut,« schrie der Spatz, flog auf Kundschaft und berichtete, daß es die Häuslerin Steinert sei, die ohne Wissen ihres Mannes ihrem Jungen Geldbriefe schicke.
Ende November kam ein Kind geschlichen, das einen Brief ans Christkind dem Spatzenpaare auf die Köpfe warf. Alles wurde untergebuddelt.
Als aber Mitte Dezember die Hübner Frieda mit einem Briefe an den Dragoner, der auf Ernteurlaub gewesen war, angeschlichen kam, wurde der Spatz tobsüchtig.
Er riß das Lager auf, Brief um Brief empor und warf unter athletischer Anstrengung sämtliche Briefe mit Hilfe seines Weibes zur Spaltöffnung hinaus.
Am anderen Morgen trat der Weber aus dem Hause, sah die vielen Briefe im Schnee liegen, stieß einen Quieker aus, steckte alle Briefe wieder in den Kasten und sandte drei Tage später einen Eilboten an den Briefträger nach Altenroda.
Dieser kam schon vor Ablauf der nächsten Woche an, den Kasten zu leeren. Die Sperlinge aber waren inzwischen ausgezogen; denn durch die Papierlawine, die der Weber in den Kasten geworfen hatte, wären sie beinahe zerquetscht worden.
Der Briefträger leerte den Kasten, sah den Haufen Stroh, Heu, Federn, Moos und verschiedene andere Andenken der Spatzen und sagte mit einem amtlichen Blick auf den Weber: »Das Einwerfen fremder Gegenstände in öffentliche Postkästen ist verboten!«
Der Weber entgegnete nichts. Der Spatz aber meinte:
»Heutzutage mag der Geier ein Sperling sein. Nicht mal im Briefkasten mehr hat man Ruhe!«
Hero und Leander
Die beiden Esel hießen Hero und Leander. Esel haben oft hochtrabende Namen. Der Kutscher von Hero und Leander hieß Dröselmann. Alle drei waren städtische Angestellte von Altenroda.
Hero und Leander hatten einen kleinen Wagen durch die Anlagen der Stadt zu ziehen, Müll abzufahren, manchmal etwas Gartengerät herbeizuschaffen, auch ein Fuderlein Sand oder Dünger zu befördern, und sie taten unter Führung ihres Kutschers Dröselmann das alles in gemessener, durchaus unüberhasteter Weise. Niemals gingen sie am »Bleiernen Hecht« vorüber. Sie blieben vor dem Wirtshause stehen und zwangen förmlich ihren Kutscher, einzukehren und seinen Schnaps zu trinken. Ein paarmal kam es dann vor, daß die Esel mit dem Wagen allein weiterfuhren und den Grünzeughändlern ihre Geschäftsauslagen, wie Kohlköpfe und Möhren, die vor der Tür ausgestellt waren, auffraßen, was Anlaß zu Geschimpfe und Beschwerden gab. Das alles aber war den Eseln egal. Sie hatten wenig Rechtlichkeitssinn.
Auch an der ersten Promenadenbank blieben die Grauen immer halten. Diese Bank hieß »Neubergers Ruh«. Professor Neuberger hatte viel Verdienste um die städtischen Anlagen von Altenroda, so daß man ihn durch Anbringung einer Tafel geehrt hatte, welche der ersten Promenadenbank seinen Namen gab.
Seit sich der zerstreute Gelehrte einmal auf ein Butterbrot gesetzt hatte, das ein Kind auf der Bank liegen gelassen hatte, versäumten humorliebende Gymnasiasten nie, auf dem Schulwege eine Butterstulle auf »Neubergers Ruh« als Falle zu deponieren, was den hellen Hosen des Professors noch verschiedentlich häßliche Flecken einbrachte.
Die beiden Esel Hero und Leander aber lungerten jeden Morgen auf das, was die anderen Esel, die nun in der Schule festsaßen, auf der Bank hinterlassen hatten. Lohnte sich der Fund, dann machte Dröselmann Halt, kratzte alle Butter mit dem Messer in eine Stullenecke zu einem Schlemmerbissen für sich selbst zusammen und verfütterte das Brot an seine Getreuen. Als die Gymnasiasten von solchem Tun Wind bekamen, ärgerten sie sich und schwuren Dröselmann und seinen Langohren Rache.
An einem wunderschönen Juni-Nachmittage hatte sich Dröselmann, der ein bißchen lange im »Hecht« gesessen hatte, unter einem Baume, der an der Grenze zwischen Promenade und Eulenwald stand, schlafen gelegt. Die beiden Esel versanken in milde Träumereien. Es war alles so friedlich, daß niemand an die Nähe eines bösen Feindes geglaubt hätte. Und doch schlich er heran, und zwar in Gestalt des Obertertianers Müller III. Dieser berühmte Fährtensucher und Krieger, der in seinem Araberstamme den Namen »Vater der Stille« führte (wodurch seine Gewandtheit im Anschleichen angedeutet werden sollte), hatte vom Eulenwalde aus das Gespann und den schlafenden Kutscher erspäht und sich sofort angeschlichen, um festzustellen, ob Dröselmann auch wirklich schlafe, und ob da irgend etwas zu machen sei.
Der Eselmann Leander öffnete das linke Auge zu einem Blinzeln, stellte auch das linke Ohr etwas senkrecht und versuchte mit einem kleinen Schnaufer des linken Nasenloches nach der Richtung, wo Müller III anschlich, Witterung zu bekommen. Die rechte Hälfte Leanders schlief weiter.
»Liebe Frau,« sagte nach einiger Zeit Leander, »ich glaube, es kommt jemand.«
»Laß mich in Ruh,« schimpfte die Frau und schlug dem störenden Eheherrn die Schwanzquaste auf den Rücken.
»Weib, da drüben ist was nicht recht richtig,« flüsterte der Mann.
»Du sollst mich in Ruhe lassen,« schnaubte die Gattin und stieß mit dem Hinterfuße nach dem Manne.
»Aber Herochen,« klagte der Mann, »ich dachte doch nur ...«
»Du sollst nicht denken! Schlaf!«
Und er schlief, sowohl mit der rechten als auch mit der linken Seite; denn er war ein Esel und folgte dem Weibe.
Der »Vater der Stille« war jetzt nur zwei Schritte von dem Kopfe Dröselmanns und überzeugte sich, daß dieser in tiefem Schlafe lag. Dann schlich er zurück und rannte, als er sich sicher glaubte, nach dem Eulenwalde, wo unter der Querkaeiche sein Stamm, die Hullah-Araber, lagen. (Indianer spielen galt den Tertianern von Altenroda für zu albern; so was machten höchsten die Quartaner und die noch tieferstehenden Jahrgänge, mit denen man keine Fühlung hatte. Von Tertia an war man räuberischer Beduine.)
»Hört mich an,« sagte der ›Vater der Stille‹; »ich, euer Scheich, habe erkundet, daß dieser Giaur, welcher sich Dröselmann nennt, schläft. Allah versenkte ihn in den Schlaf der Ungerechten, welche sich mit giftigen Getränken, die uns Rechtgläubigen verboten sind, berauschen. Die Stunde der Rache ist gekommen. Dieser Giaur hat uns wiederholt des täglichen Brotes beraubt, womit wir unseren Erzfeind, den Professor Neuberger, anlocken wollten. Allah schicke den Hund von Professor, der mir erst in der Osterzensur wieder ›mangelhaft‹ in der Naturkunde gab, in die tiefste Dschehenna!«
»Allahu ekber,« murmelten die Krieger.
»Was tut ein freier ben Arab?« fuhr der Scheich fort. »Er nimmt dem Feinde zunächst seine Rosse. Tapfere Krieger, edle Söhne des ruhmbedeckten Stammes der Hullah-Araber, sprecht mit mir die heilige Fatha, die erste Sure des Korans, und dann brecht mit mir auf, daß wir den Sieg an unsere Fersen heften und den Feind seiner Rosse berauben.«
Da rief der ganze Stamm: »Hamdullilah, Hamdullilah!« und tanzte um das Feuer, das entzündet war, in wilder Freude. Hadschi Ali ben Gorah ben Akiba aber, ein sehr betagter Stammesgenosse (er war nämlich in jeder Gymnasialklasse einmal sitzen geblieben), machte ein sorgenvolles Gesicht und sagte:
»Wenn wir, wie unser Scheich sagt, den Sieg an unsere Fersen heften, dann wird der Sieg hinter uns sein, das heißt mit anderen Worten, wir werden davonlaufen und die Sieger werden uns auf den Fersen sein.«
»Schweig, du Vater des vertrockneten Gehirns und Bruder der Kurzsichtigkeit,« zürnte der Scheich, »wie kann Dröselmann, der ein lahmes Bein hat, uns verfolgen, zumal wenn er trunken ist? Stammesgenossen, ich sage euch, schon nach einer halben Stunde werden wir die Sure des Sieges beten!«
»Allah il Allah!« rief der ganze Stamm.
»Laßt uns gehen; denn Asr, die Stunde des Aufbruchs, die beste des ganzen Tages, ist gekommen.«
Sie verbeugten sich in der Richtung gen Mekka und dann brachen sie auf, einer hinter dem anderen, huschend, gebückt, voran der Scheich. Jetzt waren sie vor einer Schonung.
»Gerade aus!« gebot der Scheich leise und kroch in die Pflanzung. Alle Hullah-Araber krochen hinterher, als letzter Hadschi Ali ben Gorah ben Akiba, der ob seiner Erfahrungen immer das Ehrenamt hatte, den Rückzug zu decken, und als Sohn des städtischen Försters auch die genaueste Ortskenntnis besaß.
Plötzlich erdröhnte ganz in der Nähe ein Schuß. Sämtliche Araber flogen auf die Nasen.
»Wartet, ihr Halunken,« donnerte die Stimme des Försters, »euch werde ich lehren, in die Schonung zu kriechen. Ich erschieße die ganze Bande!«
Die Araber fraßen sich vor Angst in den Sandboden ein. Ein zweiter Schreckschuß. Dann die Stimme des Scheichs:
»Der Förster! Er schießt mit Hasenpfeffer! Jungens, lauft!«
Alles rannte. Der Förster fluchte. Am meisten fluchte er, als er seinen eigenen Sprößling unter den Waldfrevlern entdeckte, den Hadschi Ali ben Gorah ben Akiba.
»Na warte, Fritze,« brüllte der Forstmann, »komm du mir nach Hause!«
Im Kastanienwäldchen sammelten sich die Hullahs. Der Scheich fand seine Fassung schnell wieder.
»Tapfere Krieger der Hullahs,« rief; »ihr habt einen heimtückischen Überfall glorreich überwunden. Laßt uns die Sure des Sieges sprechen. Denn der Feind hat trotz seiner Feuerschlünde nichts über uns vermocht. Leider wird er durch seine Schüsse den geweckt haben, den wir überfallen wollten. Wir müssen also unseren Kriegszug für heute abbrechen.«
Er hatte nicht ganz recht. Zwar, als die Schüsse erdröhnten, waren auch Hero und Leander in wilder Flucht davongelaufen, hatten zuletzt den Wagen umgeworfen, die Geschirre zerrissen und waren von dem Förster eingefangen worden. Der Kutscher Dröselmann aber hatte von all diesen Ereignissen nichts bemerkt. Er erfreute sich eines gesegneten Schlafes.
Am nächsten Morgen wurde Dröselmann auf das Rathaus zitiert und ihm daselbst ein wenig freundlicher »Guten Morgen« gesagt.
Fünf Tage später durcheilte die Stadt das Gerücht: die Esel seien schon wieder durchgegangen. Diesmal aber waren sie nicht wieder eingebracht worden, sondern mit Geschirr und Wagen spurlos verschwunden. Das Gespann war offenbar gestohlen worden. Dröselmann mußte wieder aufs Rathaus kommen und wußte von dem ganzen Vorfall nichts zu melden, als daß er ob der ungeheuren Sommerhitze am Wegrande ein wenig entschlummert sei, und daß bei seinem Erwachen die Esel auf und davon waren.
Darauf sagte der Bürgermeister: »Gute Nacht, lieber Dröselmann, wir brauchen Sie fürderhin nicht mehr. Schlafen Sie weiter recht wohl!«
* * * * *
Im Eulenwalde lag ein altes Jagdhaus, das sich ein adliger Herr in früherer Zeit gebaut hatte, das aber nun ganz in Verfall geraten und seit Menschengedenken unbewohnt war. Ein grasverwachsener Waldweg führte zu ihm, der kaum manchmal zu einer Holzfuhre benutzt wurde.
Nach diesem alten Jagdhause schafften die Hullah-Araber ihre Beute, und der Zufall wollte es, daß sie ganz unbemerkt blieben.
Die Hullahs feierten ein großes Siegesfest, und es zeigte sich, daß jeder seinen Karl May gründlich kannte.
»Tapfere Krieger,« rief der Scheich, »seht ihr sie leuchten, die Sonne unseres Ruhmes? Seht ihr sie stehen, die erbeuteten Rosse und Wagen unseres Feindes? In allen Zelten des Morgenlandes, bei den Wachtfeuern der Wüste und an den Ufern des Nils wird man von unserer Großtat sprechen.«
»Allahu ekber!« riefen die Krieger und entzündeten ihre Pfeifen.
»Tapfere Krieger,« fuhr der Scheich fort, »ein echter ben Arab liebt sein Roß; seht, wie ich dem meinen den Kuß des Friedens gebe!«
Er näherte sich dem Kopfe der Eselin und wollte sie küssen. Hero aber schnappte nach ihm; auch bespritzte sie ihn aus ihren Nasenlöchern.
»Dieses Roß,« sagte der Scheich, indes er sich das Gesicht abwischte, »tut noch etwas fremd zu mir. Ich will ihm zeigen, daß ich sein Freund bin.«
Nun brachte er eine Menge Zuckerstücke zum Vorschein, die er den Vorräten seiner Mutter entnommen hatte, und fütterte die Eselin.
»Weib,« sagte der Esel Leander; »lasse dich nicht von einem Manne, der dich hat küssen wollen, mit Zucker speisen.«
»Ach, du bist wohl eifersüchtig?« fragte die Frau und fraß dann erst recht.
Da seufzte der Mann: »So sind die Weiber!« Aber er fügte sich drein; denn er war ein Esel. Hadschi Ali ben Gorah tröstete ihn mit einem Bündel Möhren.
Hadschi Ali stand neuerdings beim Stamme wieder in höchsten Ehren; denn seine Deutung von der Heftung des Sieges an die Fersen hatte sich bewahrheitet, und obwohl sich von väterlicher Seite wegen des Betretens der Schonung der Sieg nachträglich sogar auch noch an Alis Hosenboden geheftet hatte, war der Edle doch dem Stamme treu geblieben und hatte sich an der neuen Kriegstat beteiligt.
Auch die anderen Hullah-Araber hatten für die beiden erbeuteten »Rosse« allerhand Leckerbissen mitgebracht, sogar Weißbrot und Schokolade, so daß Leander seine Hero anschmunzelte und sagte: »Die Lauseigel sind gut. Wir haben unsere Lage verbessert!«
Hadschi Ali ben Gorah aber legte seine sechzehnjährige erfahrene Stirn in Falten und sagte:
»Was fangen wir nun mit den Eseln an?«
»Zuerst müssen wir furagieren,« sagte Mullah ben Nadir, dessen Vater beim Train gedient hatte. »Esel brauchen Heu. Ich weiß eine Wiese in der Nähe, wo Heu zu haben ist. Auch Klee mögen sie.«
Dieser Vorschlag wurde angenommen; der Scheich und zwei Krieger zogen aus, um zu erkunden, ob Wiese, Kleefeld und Weg sicher seien, und dann brach der ganze Stamm auf und schaffte ein Fuder Heu und Klee herbei. In dem alten Jagdschloß waren noch bedeckte Räume genug, daß das Eselpaar einen Stall, der Wagen eine Remise fand.
»Was machen wir nun mit den Eseln?« fragte der weise Ali wieder. »Es genügt nicht, wenn wir sie bloß immerzu füttern.«
»Nein,« sagte Ibn Dschisirah, »wir müssen sie reiten. Esel sind Reittiere.«
»Wir haben keine Sättel,« warf Ali ein.
»Sättel,« höhnte der Scheich; »wie oft ist der große Kara ben Nemsi, den sie im Abendlande Karl May nennen, ohne Sattel geritten! Ich werde es euch zeigen; denn ich bin euer Scheich.«
»Hai! Hai! Der Vater der Stille!« jubelten die Krieger.
Der Scheich schirrte nun die Eselin ab, gab ihr die zärtlichsten Kosenamen, erinnerte sie an den Zucker, den er ihr verehrt hatte, und schwang sich mit einem kühnen Schwunge auf den Rücken des Tieres.
Der Erfolg war ein gewaltiger. Hero drehte erst verwundert den Kopf um, was bedeuten sollte: »Nanu? Was ist das für eine Frechheit?« Dann wippte sie ein wenig mit dem Rücken, dann machte das Vieh unvermutet einen kreuzförmigen Satz, einen wahren Zaubersprung, zugleich nach vorn, hinten, rechts und links, so daß der Scheich wie eine abgeschossene Rakete in die Luft flog.
»Allah kerim!« riefen erschrocken die Krieger.
Der Scheich, der nach glänzender Kurve gelandet war, erhob sich. Er hatte sich gewaltig geschlagen, ließ aber nichts merken, sondern sagte gleichmütig:
»Dieses Roß scheint falsch zugeritten zu sein. Ich will das andere probieren.«
Nun kam Leander an die Reihe. Leander hatte mit Behagen zugesehen, was für Teufelsmätzchen sein Weib mit dem Araber vollführte.
»Ja, ja, lasse sich einer mit der ein, mit der wird kein Esel fertig,« sagte er bei sich. Während sich nun der Scheich mit ihm zu schaffen machte, dachte sich Leander:
»Wie wäre es, wenn ich den Schlingel auf mir reiten ließe? Gewiß bekäme dann das nächste Mal ich den Zucker und das Weib bekäme nichts; das würde sie sehr kränken.«
Aus diesen ehelichen Erwägungen heraus ließ Leander den Scheich aufsteigen und setzte sich in gemütlichen Trab mit ihm.
Die Hullahs waren außer sich vor Entzücken.
»Er reitet! Er reitet wirklich! Er fällt nicht herunter!« riefen sie. Der Scheich aber sagte leuchtenden Auges:
»So reitet ein ben Arab!«
* * * * *
»Was machen wir wegen der Esel?« fragten sich auch die Räte der Stadt Altenroda. Sie empfanden den Verlust der Tiere als eine Schande. Das »Stadtblatt« und einige benachbarte Zeitungen machten in Poesie und Prosa böse Witze über die Affäre. So wurde schließlich auf die Wiedereinbringung der schamlos gestohlenen Esel eine Belohnung von dreihundert Mark gesetzt, die auch bald auf fünfhundert erhöht wurde. Im »Löwen«, im »Roß« und im »Hecht« aber wurde fast von nichts anderem gesprochen als von dem entschwundenen Stadtmarstall, und es wurden große Wetten abgeschlossen, ob die Tiere wiederkommen würden oder nicht. Schließlich erhöhten diejenigen, die auf die Rückkehr der Esel gewettet hatten, die Prämie von sich aus auf tausend Mark. Der abgesetzte Eselskutscher Dröselmann hatte der Stadt den Rücken gekehrt und war nach Berlin gezogen, wo er zwei Brüder hatte, die von ähnlichem Kaliber waren wie er. Seine Frau hatte Dröselmann in Altenroda zurückgelassen.
* * * * *
Den Eseln erging es indessen im Eulenwalde vorzüglich. Wenn sich der Stamm der Hullah-Krieger auch nicht täglich vollzählig versammelte, was wegen verschiedener schwerer Hinderungsgründe nicht immer möglich war (Klavierstunde, Tante zu Besuch, zum Schneider maßnehmen gehen, Strafarbeiten machen, Arrest absitzen und so), es waren doch immer einige der Helden anwesend und vergaßen nie, manches Leckere mitzubringen. Die Esel waren des Nachts angebunden, wurden aber am Nachmittag losgelassen und führten ein freies Leben voller Wonne. Leander, der gutmütige Mann, ließ auf sich reiten, bei Hero, der störrischen Eselin, aber gelang es nur dem Scheich, einen Rekord von elf Sekunden aufzustellen, dann flog auch er unweigerlich.
Manchmal in stiller Nacht, wenn sie allein waren, sagte der Mann:
»Ach, Frau, in diesem verwunschenen Schlosse ist es schauerlich zur Nachtzeit. Hörst du, wie das Käuzchen schreit und wie laut der Bach rauscht? Auch klappert der Wind mit den Dachsparren.«
»Er klappert nicht! Du klapperst! Und zwar mit den Zähnen. Du bist ein Feigling!«
»Ach, Frau, ich wollte gewiß mutig sein wie ein Löwe, wenn ich nur erst wieder bei Papa Dröselmann im Stalle stände. Da wohnten Menschen ringsum und zwei Hunde sind im Hofe, ein Boxer und ein Pinscher, der die ganze Nacht bellt.«
»Du bist ein Esel, darum bist du dumm; wärst du eine Eselin, so wärst du klug. Geh nur zu deinem Dröselmann, lasse dich alle Tage an den Wagen spannen, schleppe Lasten und kriege schlechtes Futter! Geh, geh! Ich bleibe hier. Und wenn du gehst, wirst du noch etwas Dümmeres sein als ein Esel.«
»Nämlich was denn?«
»Ein Witwer!«
»O weh, ein Witwer will ich nicht sein!«
»So halt's Maul! Männer, die nicht Witwer sind, haben das Maul zu halten.«