Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurde übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~, _kursiv_ so.
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Das Leben und die Abentheuer ~des~ Armen Mannes _im_ Tockenburg
_Von ihm selbst erzählt_
[Illustration]
1910
Bei Meyer & Jessen Berlin
_Bhd_
Gedruckt in der Buchdruckerei von Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H. in Wittenberg. Titel und Einband zeichnete Lucian Bernhard in Berlin
Vierte durchgesehene Auflage
Zur Einführung
»Kennen Sie den ›armen Mann im Tockenburg‹?« hab' ich wie oft gefragt; Männer und Frauen von allerlei Art. Die Antwort war fast immer: »Wer ist das?« Und doch hat man das Wenige, was wir von ihm haben, seit dem achtzehnten Jahrhundert nicht selten gedruckt; er hat Leser und Freunde gefunden, auch Bewunderer. Immer ist er wieder vergessen worden; auf seinen eigentlichen Platz in unserer Geschichte hat ihn noch niemand gestellt. Darum hat es mich oft hingerissen, in dieser oder jener Gesellschaft, die nichts von ihm wußte, mit so viel Lobpreisung von ihm zu sprechen, daß ich mich hinterdrein wohl fragte: Hast du in deinem Feuereifer nicht zu ~viel~ gepriesen? Wenn diese Aufgestachelten ihn nun lesen werden, werden sie nicht sagen: nun ja, recht hübsch, aber warum ~übertreibt~ er so? -- Dann hab' ich wohl zu Haus den »armen Mann« wieder zur Hand genommen und hier und da aufgeschlagen und gleichsam mit dem Ohr dieser andern hineingehorcht. Zuletzt bin ich lächelnd beruhigt und neu gerührt wieder aufgestanden. Nein! Ich sagte nicht zu viel von ihm. Er ist ein Phänomen, ein Einziger, Unvergleichlicher. Er war kein Fabulierer, kein Fruchtbarer wie Hans Sachs, aber zehnmal mehr Poet. In dem kleinen Schatz, den er uns hinterlassen hat, sind Perlen und Rubinen.
Ulrich oder Uli Braeker kam am 22. Dezember 1735 in dem Schweizer Tal zur Welt, das Tockenburg oder Toggenburg genannt wird; fast sieben Jahre nach Lessing, nicht vierzehn vor Goethe. Die dem Leser hier vorgelegte Geschichte seines Lebens erzählt in entzückender Aufrichtigkeit und poesievoller Lebendigkeit, wie er, eines ewig blutarmen Mannes ewig um sein Dasein kämpfender Sohn, Geißen weidet, liebt, tagelöhnert, webt, handelt, träumt, liest, phantasiert; kurz, wie er das Leben eines zum Dichter geborenen Habenichts führt, der redlich arbeitend, wenig erreichend, oft leichtgläubig, oft betrogen, bald im Elend verzagt, bald sich eine Welt von Luftschlössern bauend, von seiner keifenden Hausehre immer gemeistert, nie an seinem Gott verzweifelnd, sich durch gute und böse Jahre wie ein vielgekrümmter Fluß durch sein Engtal hinwindet; bis er endlich, noch nicht dreiundsechzig Jahre alt, in Gottes Schoß zurückkehrt, als dessen Kind er sich sein Leben lang in immer reinerer und verklärterer Frömmigkeit gefühlt hatte.
Als Zweiunddreißiger begann Uli zu schriftstellern, bald auch Verse zu machen; aber noch mehr einem moralisierenden Nachmittagsprediger gleich; 1770 fing er an ein ~Tagebuch~ zu schreiben, sein dürftiges Leben mit Betrachtungen zu begleiten und jenen Natursinn in sich auszubilden, der allmählich seine schönste Kraft werden sollte und sein holdester Trost. In seiner Prosa wuchs, Gott weiß wie, dieser ganz eigene Duft heran, der seine entbauerte Seele, seinen geadelten Geist zu den wirklichen Poeten gesellt. Er ward ein Dichter und wußte es nicht. Er lernte ohne Lehrer seine Gefühle und Gedanken formen, wie der Bildner Wachs und Ton. Als Dichter schrieb er auch sein Büchlein »Etwas über Shakespeare«, nachdem er in der kleinen Büchersammlung der »Moralischen Gesellschaft« (in dem benachbarten Städtchen Lichtensteig) diesen seinen Abgott kennen gelernt hatte, dem er fortan, wie Faust der Helena »Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn« zollte. Nicht vieles ist so rührend zu lesen, wie diese Ergießungen einer tief verstehend begeisterten, oft feurig beredten, in demutsvoller Andacht hingegebenen Auchdichterseele.
Die Geschichte seines Lebens, die er in den Jahren der Reife, 1781 und weiter, schrieb, gab er hernach seinem Seelenhirten und begönnernden Freund, dem Pfarrer Martin Imhof zu Wattwil, nebst andern Werken seiner Feder zu lesen; durch Imhof kam sie zu H. G. Füßli, dem Inhaber der Buchhandlung Orell Geßner Füßli und Comp. in Zürich, auch Schriftsteller, Lehrer und Staatsmann. Füßli teilte 1788 im »Schweizerischen Museum« das erste Probestück mit, das, wie er selber erzählt, »auch unter den verschiedensten Klassen von Lesern allgemeinen Beifall fand«. »Man mochte die einander ziemlich schnell gefolgten Fortsetzungen kaum erwarten; niemals wurde auch die gespannteste Neugierde getäuscht, und jedesmal nach dem Verfasser lüsterner gemacht.« Durch diesen Erfolg ermutigt gab Füßli 1789 das Ganze als Buch heraus, unter dem Titel: »Lebensgeschichte und Natürliche Abentheuer des Armen Mannes im Tockenburg«. Nur wenige Schilderungen aus dem eigenen Leben gibt es auf der Erde, die an Frische, Natur, Anmut, Poesie mit Ulrich Braekers Werk zu vergleichen sind. Wie er seine Geißhirtenjahre, wie er seine Liebe zu Ännchen erzählt, das ist des größten Künstlers würdig. Aber ~alles~ lebt. Alles blüht auch. Oft reißt uns eine dramatische Kraft mit sich fort. Und ein Wunderding zum Kopfschütteln ist, wie ein Mensch, in dem keine kriegerische Ader lebte, die Lowositzer Schlacht beschrieben hat, in der er (der durch Werberlist Verlockte) desertiert.
Fast um dieselbe Zeit, in der Goethes Prosa sich im »Werther« zu ihrer höchsten Jugendblüte entfaltete, rang sich im alemannischen Gebirge ein ungebildeter Weber zu einem Schriftsteller empor, den man ruhig neben Goethe nennen kann; ja vielleicht steht als Prosadichter niemand dem jungen Goethe so nahe wie er. Es war eine Begabung in ihm, die man immer anstaunen muß, schwer begreifen kann. Er hatte alle Eigenschaften des Dichters, nur Erfindung fehlte; von den Tönen, die unsere ganze Natur mit Kunst ergreifen, hat ihm vielleicht keiner gefehlt. Mitten in musenlosester Umgebung, in allen Bitternissen widerwärtigster Art, in selbstbildender, unberatener Einsamkeit, gewinnt er einen solchen Reichtum an Stimmungen, Vorstellungen, Empfindungen, einen so hohen, unzerstörbar freudigen Lebenssinn, eine solche Stufenleiter von Ausdrucksmitteln, daß man gerührt und beschämt vor diesem Naturwunder steht. Zuweilen, durch irgendein angelesenes Gefühl fortgetragen, zieht er wohl an einem fremden, kunstmäßigen Geläut; im nächsten Augenblick kehrt er zur Natur zurück. Kein Mensch hat lebendiger erzählt als er. Eine der schönsten Erscheinungen in der deutschen Literaturgeschichte; eine allerhöchste Bekräftigung und Bestätigung, daß die große Zeit unsrer Poesie aus der Urkraft unsres Volks hervorgegangen ist.
Für den hier vorliegenden Neudruck der Lebensgeschichte ist eine so wünschens- wie dankenswerte Arbeit gemacht worden: die früheren Ausgaben, die von Füßli und die von Eduard Bülow, sind verglichen und auseinander verbessert oder ergänzt worden, wo es möglich war; da ~beide~ Herausgeber dem Urtext nicht überall treu gefolgt sind, sondern mit persönlicher Willkür gekürzt, auch »verbessert« haben. So ist denn diese Ausgabe, wenn sie auch nicht die verschwundene Urhandschrift zugrunde legen konnte, jedem andern Abdruck vorzuziehen.
~Adolf Wilbrandt~
Das Leben und die Abenteuer des armen Mannes im Tockenburg Von ihm selbst erzählt
Kindheit
[Sidenote: Meine Voreltern]
Meiner Voreltern wegen bin ich so unwissend, als es wenige sein mögen. Daß ich Vater und Mutter gehabt, weiß ich. Meinen seligen Vater kannt' ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern gehabt, kann ich mir einbilden. Aber ich kannte sie nicht und habe auch nichts von ihnen vernommen, außer daß mein Großvater, M. Bräker, aus dem Käbisboden gebürtig gewesen, und meine Großmutter, deren Namen und Heimat ich niemals vernommen, an meines Vaters Geburt gestorben sei. Meinen Vater nahm daher ein kinderloser Vetter im Näbis, der Gemeind Wattwil, an Kindes Statt an, und den hielt und liebte ich nebst seiner Frau für meine rechten Großeltern, so wie sie mich hinwieder auch als Großkind behandelten. Meine mütterlichen Großeltern ab der Laad kannte ich noch wohl.
Mein Vater war sein Tage ein armer Mann; auch meine ganze Freundschaft hatte keinen reichen Mann aufzuweisen. Unser Geschlecht gehört zu dem Stipendigut. Wenn ich oder meine Nachkommen einen Sohn wollten studieren lassen, hätte er sechshundert Gulden zu beziehen. Ich weiß aber noch von keinem Bräker, der studiert hätte. Mein Vater hat viele Jahre das Hofjüngergeld bekommen, ist aber bei einer vorgenommenen Reform nebst andern Geschlechtern, welche wie das seinige, nicht genugsame Urkunden darbringen mochten, ausgemerzt worden. Mit der Genoßsame des Stipendii hingegen hat es seine Richtigkeit, obschon ich nicht recht weiß, wie es gestiftet worden und wer von meinen Voreltern dazu geholfen hat.
Ich habe also nicht Ursach, ahnenstolz zu sein. Alle meine Freunde und Blutsverwandten sind unbemittelte Leute, und von allen meinen Vorfahren hab' ich nichts anderes gehört. Fast von keinem, der das geringste Ämtli bekleidete. Meines Großvaters Bruder war Mesmer zu Kappel, und sein Sohn Stipendipfleger. Das ist alles aus der ganzen weitläufigen Verwandtschaft. Da können wir wohl vor dem Hochmut gesichert sein, der so viele arme Narren anwandelt, wenn sie reiche und angesehene Vettern haben, obgleich ihnen diese keinen Pfifferling geben. Nein! Von uns Bräkers quält diese Sucht, soviel ich weiß, keinen einzigen; und daß sie auch mich nicht plagt, sieht man; -- sonst hätt' ich wenigstens unserm Stammbaum genauer nachgeforscht. Ich weiß, daß mein Großvater und dessen Vater arme Leute waren, die sich kümmerlich nähren mußten, daß mein Vater keinen Pfennig erbte, daß ihn die Not sein Leben lang drückte, und er nicht selten über seine kleine Schuldenlast seufzte. Aber deswegen schäm' ich mich meiner Eltern und Voreltern bei weitem nicht. Vielmehr bin ich noch eher ein bißchen stolz auf sie. Denn, ihrer Armut ungeachtet, hab' ich von keinem Dieb oder sonst einem Verbrecher, den die Justiz hätte strafen müssen, von keinem Lasterbuben, Schwelger, Flucher oder Verleumder unter ihnen gehört, von keinem, den man nicht als einen Biedermann mußte gelten lassen, der sich nicht ehrlich und redlich in der Welt nährte, von keinem, der betteln ging. Dagegen kannt' ich recht manchen wackern, frommen Mann mit zartem Gewissen. Das ist's allein, worauf ich stolz bin und wünsche, daß auch meine Kinder stolz werden, daß wir diesen Ruhm nicht besudeln, sondern denselben fortzupflanzen suchen.
[Sidenote: Mein Geburtstag]
Der für mich wichtige Tag meiner Geburt ist der zweiundzwanzigste Dezember 1735. Ich sei ein bißchen zu früh auf der Welt erschienen, sagte man mir. Meine Eltern mußten sich dafür verantworten. Mag sein, daß ich mich schon im Mutterleibe nach Tageslicht gesehnt habe, und dies nach dem Licht Sehnen geht mir all mein' Tage nach! Daneben war ich die erste Kraft meines Vaters, und Dank sei ihm unter der Erde von mir auch dafür gesagt! Er war ein hitziger Mann, voll warmen Blutes. O, ich habe schon tausendmal drüber nachgedacht, und mir bisweilen einen andern Ursprung gewünscht, wenn flammende Leidenschaften in meinem Busen tobten, und ich den heftigsten Kampf mit ihnen bestehen mußte. Aber sobald Sturm und Wetter vorbei war, dankt' ich ihm doch wieder, daß er mir sein feuriges Temperament mitgeteilt hat, womit ich unzählige schuldlose Freuden lebhafter als so viele andere Leute genießen kann. Genug, an diesem zweiundzwanzigsten Dezember kam ich ans Tageslicht. Mein Vater sagte mir oft, er habe sich gar nicht über mich gefreut, ich sei ein armes, elendes Geschöpf gewesen; nichts als kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Häutchen überzogen; und doch hätt' ich Tag und Nacht ein Zetergeschrei erhoben, das man bis ins Holz hören können. Er hat mich oft recht bös gemacht. Dachte: »Ha, ich werd's auch gemacht haben wie andre neugeborene Kinder!« Aber die Mutter gab ihm allemal Beifall. Nun, es kann sein.
Am heiligen Weihnachtstag ward ich in Wattwil getauft und ich freute mich schon oft, daß es gerad an diesem Tage geschah, da wir die Geburt unsers Erlösers feiern. Wenn's eine einfältige Freude ist, was macht's? gibt's doch gewiß noch viel kindischere! Meine Taufpaten waren ein feuriger reicher Junggesell von Kappel aus der Au und eine bemittelte hübsche Jungfer aus der Schamaten. Er starb ledig; sie lebt noch im Witwenstand.
[Sidenote: Erstes Lebensjahr]
In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenig verzärtelt worden sein, wie's gewöhnlich mit ersten Kindern geht. Doch wollte mein Vater schon früh genug mit der Rute auf mich dar; aber die Mutter und Großmutter nahmen mich in Schutz. Mein Vater war wenig daheim; er brannte hier und da im Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn er dann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich floh ihn. Dies verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mit der Rute zahm machen wollte.
[Sidenote: Mein fernstes Denken]
Ich kann mich beinah bis auf mein zweites Lebensjahr zurückerinnern. Ganz deutlich besinn' ich mich, wie ich auf allen Vieren einen steinigen Fußweg hinabkroch, und einer alten Base durch Gebärden Äpfel abbettelte. -- Ich weiß gewiß, daß ich wenig Schlaf hatte und daß meine Mutter, um hinter den Großeltern einen geheimen Pfennig zu verdienen, des Nachts verstohlner Weise beim Licht gesponnen hat. Wenn ich dann nicht in der Kammer allein bleiben wollte, mußte sie eine Schürze auf den Boden spreiten, worauf sie mich nackt setzte und ich mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. Ich weiß, daß sie mich oft durch die Wiese auf dem Arm dem Vater entgegentrug und daß ich ein Mordiogeschrei anfing, sobald ich ihn erblickte, weil er mich immer rauh anfuhr, wenn ich nicht zu ihm wollte. Seine Figur und Gebärden, die er machte, seh ich jetzt noch lebendig vor mir.
[Sidenote: Zeitumstände]
Um diese Zeit waren alle Lebensmittel wohlfeil, aber wenig Verdienst im Lande. Die Teuerung und der Zwölferkrieg waren noch in frischem Angedenken. Ich hörte meine Mutter viel davon erzählen, das mich zittern und beben machte. Erst zu Ende der dreißiger Jahre ward das Baumwollspinnen in unserem Dorf eingeführt, und meine Mutter mag eine von den ersten gewesen sein, die Lötligarn[1] gesponnen. Unser Nachbar trug das erste um einen Schilling Lohn an den Zürchsee, bis er eine eigne Dublone vermochte. Dann fing er selber an zu kaufen und verdiente nach und nach etlich tausend Gulden. Da hörte er auf, setzte sich zur Ruhe, und starb. In meinen Kinderjahren sind auch die ersten Erdäpfel in unserm Ort gepflanzt worden.
[Sidenote: Schon in Gefahr]
Sobald ich die ersten Hosen trug, war ich meinem Vater schon lieber. Er nahm mich hier und da mit sich. Im Herbst des Jahres 1739 brannte er im Gandten, eine halbe Stunde von Näbis entfernt, Salpeter. Eines Tages nahm er mich mit, und da Wind und Wetter einfiel, behielt er mich zu Nacht bei sich. Die Salpeterhütte war vor dem Tenn,[2] und sein Bett im Tenn. Er legte mich darein und sagte liebkosend, er wolle bald auch zu mir liegen. Unterdessen fuhr er fort zu feuern und ich schlief ein. Nach einem Weilchen erwacht' ich wieder und rief ihm. Keine Antwort. Ich stand auf, trippelte im Hemdli nach der Hütte und um den Gaden[3] überall herum, rief, schrie: nirgends kein Vater. Run glaubt' ich gewiß, er wäre heim zu der Mutter gegangen. Ich also hurtig, legte die Höslin an, nahm das Brusttüchlin übern Kopf, und rannte in der stockfinstern Regennacht zuerst über die nächstanstoßende lange Wiese. Am End derselben rauschte ein wildangelaufener Bach durch ein Tobel.[4] Den Steg konnt' ich nicht finden, und wollte darum ohne weiteres gerade hinüber, dem Näbis zu, glitschte aber über eine Riese[5] zum Bach hinab, wo mich das Wasser beinahe ergriffen hätte. Die äußerste Anstrengung meiner jugendlichen Kräfte half mir noch glücklich davon. Ich kroch wieder auf allen Vieren durch Stauden und Dörn' hinauf, der Wiese zu, auf welcher ich überall herumirrte, und den Gaden nicht mehr finden konnte. Gegen eine Windhelle ward ich zwei Kerls, Birn- oder Apfeldiebe, auf einem Baum ansichtig. Diesen ruft' ich zu, sie sollten mir auf den Weg helfen. Aber da war kein Bescheid; vielleicht, daß sie mich für ein Ungeheuer hielten und oben im Gipfel noch ärger zittern mochten, als ich armer Bube unten im Kot. Inzwischen war mein Vater, der während meinem Schlummer nach einem ziemlich entfernten Haus etwas zu holen gegangen, zurückgekehrt. Da er mich vermißte, suchte er in allen Winkeln nach, wo ich mich möchte verkrochen haben. Er zündete bis in die siedenden Kessel hinein, hörte endlich mein Geschrei, dem er nachging, und machte mich nun bald ausfindig. O, wie er mich da herzte und küßte, mit Freudentränen Gott dankte, und mich, sobald wir zum Gaden zurückkamen, sauber und trocken machte. Ich war mausnaß, dreckig bis über die Ohren, und hatte aus Angst noch in die Hosen ... Morndeß[6] am Morgen führte er mich an der Hand durch die Wiese: ich sollt' ihm den Ort zeigen, wo ich heruntergepurzelt. Ich konnt' ihn nicht finden. Zuletzt fand er ihn an dem Geschlirpe, das ich beim Hinabrutschen gemacht hatte, und schlug die Händ' überm Kopf zusammen, vor Entsetzen über die Gefahren, worin ich geschwebt, und vor Lob und Preis der Wunderhand Gottes, die mich allein erretten können. »Siehst du,« sprach er, »nur noch wenige Schritte, so stürzt der Bach über den Felsen hinab. Hätt' dich das Wasser fassen können, so lägst du dort unten tot und zermürset!« Von allem diesem begriff ich damals kein Wort; ich wußte nur von meiner Angst, nichts von Gefahr. Besonders aber schwebten die Kerle auf dem Baum mir viele Jahre vor Augen, sobald mich nur ein Wort an die Geschichte erinnerte.
[Sidenote: Unsre Nachbarn]
Der Näbis liegt im Berg, ob Scheftenau. Von Kappel hört man die Glocke läuten und schlagen. Es sind nur zwei Häuser. Die aufgehende Sonne strahlt beiden gerad in die Fenster. Meine Großmutter und die Frau im andern Haus waren Schwestern; fromme alte Mütterle, welche von andern gottseligen Weibern in der Nachbarschaft fleißig besucht wurden. Damals gab es viel fromme Leute daherum. Mein Vater, Großvater und andere Männer sahen's zwar ungern, durften aber nichts sagen, aus Furcht, sie könnten sich versündigen. Der Betbeele (seinem Bruder sagte man Schwörbeele) war ihr Lehrer, ein großer langer Mann, der sich vom Kuderspinnen[7] und etwas Almosen nährte. In Scheftenau war fast in jedem Haus eins, das ihm anhing. Meine Großmutter nahm mich oft mit zu diesen Zusammenkünften. Was eigentlich da verhandelt wurde, weiß ich nicht mehr, nur so viel, daß mir dabei die Weil verzweifelt lang ward. Ich mußte mäuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab's unaufhörliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Basen allen, die ich so wenig verstund als eine Katze. Dann und wann stahl mich mein Großvater zum voraus weg, und mußt' ich mit ihm in den Berg, wo unsre Kühe weideten. Da zeigte er mir allerlei Vögel, Käfer und Würmchen, dieweil er die Matten säuberte, oder junge Tännchen, den wilden Seevi[8] und anderes ausraufte. Wenn er alles an einen Haufen warf und es bei einbrechendem Abend anzündete, war's mir erst recht gekocht. Anderer Buben, die etwa dabei sein mochten, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber etlicher halberwachsener Maidlinen, die mit mir spielten. Ich ging damals in mein sechstes Jahr und hatte schon zwei Brüder und eine Schwester, von denen es hieß, daß eine alte Frau sie in einer Butte gebracht.
[Sidenote: Wanderung nach Dreyschlatt]
Mein Vater hatte einen Wandergeist, der zum Teil auch auf mich gekommen ist. Im Jahre 1741 kaufte er ein groß Gut, für acht Kühe Sömmer- und Winterung, Dreyschlatt genannt, in der Gemeind Krinau, zu hinterst in einer Wildnis, nahe an den Alpen. Das nicht halb so große Gütchen im Näbis verkaufte er dafür, weil er, wie er sagte, sah, daß ihn eine große Haushaltung anfallen wolle, und damit er für viele Kinder Platz und Arbeit genug habe, die er in dieser Einöde nach seinem Willen erziehen könne, wo sie vor der Verführung der Welt sicher seien. Auch riet der Großvater, der von Jugend an ein starker Viehmann gewesen, sehr dazu. Aber mein guter Ätti verband sich den unrechten Finger, und watete sich, da er an das Gut nichts zu geben hatte, in eine Schuldenlast hinein, unter welcher er nachwärts dreizehn Jahre lang genug seufzen mußte. Also im Herbst 1741 zügelten wir mit Sack und Pack ins Dreyschlatt. Mein Großätti war Senn, ich jagte die Kühe nach, mein kleiner nur zwanzig Wochen alter Bruder ward in einem Korb getragen. Mutter und Großmutter mit den zwei andern Kindern kamen hinten nach, und der Vater mit dem übrigen Plunder beschloß den Zug.
[Sidenote: Ökonomische Einrichtung]
Mein Vater wollte das Salpetersieden nicht aufgeben, und dachte damit wenigstens etwas zu Abherrschung der Zinse zu verdienen. Aber so ein Gut, wie das Dreyschlatt, braucht Händ' und Armschmalz. Wir Kinder waren noch für nichts zu rechnen; der Großätti hatte mit dem Vieh, und die Mutter genug im Haus zu tun. Es mußten also ein Knecht und eine Magd gedungen werden. Im folgenden Frühjahr ging der Vater wieder dem Salpeterwerk nach. Inzwischen hatte man mehr Küh' und Geißen angeschafft. Der Großätti zog jungen Fasel[9] nach. Das war mir eine Tausendslust, mit den Gitzen so im Gras herumzulaufen, und ich wußte nicht, ob der Alte eine größere Freud' an mir oder an ihnen hatte, wenn er sich, nachdem das Vieh besorgt war, an unsern Sprüngen ergötzte. So oft er vom Melken kam, nahm er mich mit sich in den Milchkeller, zog dann ein Stück Brot aus dem Futterhemd, brockt' es in eine kleine Mutte, und machte ein kühwarmes Milchsüppli. Das aßen ich und er alle Tage. So verging mir meine Zeit unter Spiel und Herumtrillern, ich wußt' nicht wie? Dem Großätti ging's ebenso. Aber, aber -- Knecht und Magd taten inzwischen was sie gern wollten. Die Mutter war ein gutherziges Weib, nicht gewohnt, jemand mit Strenge zur Arbeit anzuhalten. Es mußte allerhand Milch- und Werkgeschirr gekauft werden, und da man viel Weide zu Wiesen einschlug, auch Heu und Stroh, um mehr Mist zu machen. Im Winter hatten wir allemal zu wenig Futter, oder zu viel fressende War. Man mußt' immer mehr Geld entlehen, die Zinse häuften sich, und die Kinder wurden größer, Knecht und Magd feist, der Vater mager.
[Sidenote: Tod des Großvaters]
Er merkte endlich, daß so die Wirtschaft nicht gehen könne. Er änderte sie also und gab das Salpetersieden auf, blieb daheim, führte das Gesind selber zur Arbeit an, und war allenthalben der erste. Ich weiß nicht, ob er auf einmal gar zu streng angefangen, oder ob Knecht und Magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten aus[10] und liefen davon. Um die gleiche Zeit wurde der Großätti krank. Erst stach er sich nur an einem Dorn in den Daumen; der wurde geschwollen. Er band frischwarmen Kuhmist drauf; da schwoll die ganze Hand. Er empfand entsetzliche Hitz; ging zum Brunnen, und wusch den Mist unter der Röhre wieder ab. Aber das hatte nun gar böse Folgen. Er mußte sich bald zu Bett legen und bekam die Wassersucht. Er ließ sich abzapfen; das Wasser rann in den Keller hinab. Nachdem er so fünf Monate gelegen, starb er zum Leidwesen des ganzen Hauses; denn alle liebten ihn, vom Kleinsten bis zum Größten. Er war ein angenehmer, Freud' und Friede liebender Mann. Er hatte an meinem Vater und mir ungemein viel getan, und ich habe nie von einem Menschen Böses über ihn sagen gehört. Mein Vater und Mutter erzählten noch viele Jahre allerhand Löbliches und Schönes von ihm. Als ich ein wenig zu Verstand kam, erinnerte ich mich seiner erst recht, und verehrt' ihn im Staub und Moder. Er liegt im Kirchhof zu Krinau begraben.
[Sidenote: Die nächsten Folgen]