Part 9
In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen, wo wir konnten; klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt, wie so viele andre, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bei mir im Quartier und mit mir in gleichen Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn der seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vors Haus, fluchte und haselierte da mutterseels allein, schimpfte auf seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen Brandenburgern tausend Millionen Schwernot auf den Hals und fand, wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein recht guter, umgänglicher Bursche: »Kerl!« sagten sie zu ihm, »gewiß wirst du noch ins Tollhaus wandern!« Dieses war nicht weit von uns. Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkchen sitzen, und fragte einst Meewis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie bei der Kompagnie gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger,« antwortete Meewis; »darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er so geschlacht[46] wie ein Lamm sein.« Diese Beschreibung machte mich lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher. Anfangs ging ich nur wie verstohlen bei ihm hin und wieder, sah mit wehmütigem Vergnügen, wie er, seinen Blick bald zum Himmel gerichtet, bald auf den Boden geheftet, melancholisch dasaß, bisweilen aber, ganz für sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien. Schon aus seiner Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm zu setzen. Er sah mich starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war, soviel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nachreu und Heimweh erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch meine Gemütsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen, was er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: »Brüderchen!« sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir: »Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest, und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten, Majoren sind selber seine Bedienten und wir, ach! wir, so hingeworfene, verkaufte Hunde, zum Abschmieren im Frieden, zum Totstechen und Totschießen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst. Aber halt still, Brüderchen! nur nichts erfrettet[47] oder erzwungen, sonst ist's mit einmal aus!« Dergleichen und noch viel anderes sagte er öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er.
[Sidenote: Kriegsgerüchte]
Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter eins gesteckt. Da ging's alle Tag vor die Tore zum Manövrieren, links und rechts avancieren, attackieren, retirieren, pelotons- und divisionsweise chargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte. Endlich gedieh es zur Generalrevue; da ging's zu und her, daß dies ganze Büchelchen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn ich's wollte, so könnt' ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier großenteils zum erstenmal sah. Zweitens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen Lärm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusik, des Rufens der Kommandeurs und dergleichen, daß ich oft hätte bersten mögen. Drittens war mir das Exerziz seit einiger Zeit so widerlich geworden, daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all' die Korps zu Fuß und zu Pferde für Millionszeug machten. Freilich kam mich hernach manchmal große Reue an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen; denn allen meinen Freunden und allen Leuten hierzulande wünscht' ich, daß sie solches nur einen Tag sehen möchten, es würde ihnen zu hundert und aberhundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dies wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwei große Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das grobe Geschütz aufeinander los. Sie avancieren, kommen zum Feuer, und machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben aufeinander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter der ich zu manövrieren die Ehre hatte, bricht Zelte ab und flieht. Doch noch einmal: Ich müßte ein Narr sein, wenn ich glaubte, hier eine preußische Generalrevue beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein Gewäsch nicht länger anzuhören.
[Sidenote: Behüte Gott Berlin!]
[Sidenote: Ausmarsch]
Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und kamen hinwieder andre aus Preußen und Pommern an. Jetzt mußten sich alle Beurlaubten stellen, und in der großen Stadt wimmelte alles von Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einige sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit, sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich alle meine Leibes- und Seelenkräfte auf, mich bei allen Manövers als einen fertigen, tapfern Soldaten zu zeigen, denn einige bei der Kompagnie, die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben. Und nun den einundzwanzigsten August abends spät kam die gewünschte Order, uns auf morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie ging es da her mit Putzen und Packen! Einmal, wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen, hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Bäcker zwei geborgte Brote zu bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistchen zurück; und wenn es der Bäcker nicht abgefordert hat, hab' ich heutigen Tages noch einen Kreditor in Berlin, auch etliche Debitoren für ein paar Batzen, und geht's ungefähr so wett auf. Den zweiundzwanzigsten August morgens um drei Uhr ward Alarm geschlagen, und mit Anbruch des Tages stand unser Regiment Itzenblitz -- ein herrlicher Name! -- das die Soldaten wegen der gewaltigen Schärfe unseres Obristen auch Donner und Blitz nannten, in der Krausenstraße schon Parade. Jede seiner zwölf Kompagnien war hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierten Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preußen, Prinz Ferdinand, Prinz Karl und Prinz von Württemberg, die alle teils vor, teils nach uns abmarschierten, nachwärts aber im Feld meist wieder zu uns gestoßen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen, Tränen von Bürgern, Soldatenweibern, Huren und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die Kriegsleute selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer; die Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich ist unsre Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt, dann die Patrontasche über der Schulter mit einem fünf Zoll langen Riemen; über die andre Achsel der Tornister, mit Wäsche und so weiter bepackt; item der Habersack mit Brot und anderer Furage gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen; Flasche, Kessel, Haken, oder so was, alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal kreuzweis über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, kam ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst.
[Sidenote: Marschroute bis Pirna]
So marschierten wir den ersten Tag (22. August 1756) zum Köpenicker Tor aus, und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo wir zu dreißig bis fünfzig bei Bürgern einquartiert waren, die uns für einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha! da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele, große, hungrige Kerls! Immer hieß es, schaff her, Kanaille, was d' im hintersten Winkel hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt, da lagen wir alle in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich, eine kuriose Wirtschaft! In jedem Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Mannszucht halten sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. Den zweiten Tag ging's zehn Stunden weit bis Fürstenwalde, da gab's schon Marode, die sich auf Wagen packen lassen mußten. Es war auch kein Wunder, da wir diesen ganzen Tag nur ein einzigmal haltmachen, und stehenden Fußes etwas Erfrischung zu uns nehmen durften. Am letztgedachten Orte ging es wie an dem erstern, nur daß hier die meisten lieber soffen als fraßen, und viele sich halbtot hinlegten. Den dritten Tag ging's sechs Stunden bis Jakobsdorf, wo wir drei Rasttage hielten, aber desto schlimmer hantierten und die armen Bauern bis aufs Blut aussogen. Vom siebenten bis vierzehnten Tage kamen wir über Guben, Spremberg und Hoyerswerda bis Kamenz, dem letzten Örtchen, wo wir einquartiert wurden. Von da an kampierten wir im Felde, und machten Märsche und Kontermärsche, so daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bei dunkler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich, daß wir am zehnten September Pirna erreichten, wo noch einige Regimenter zu uns stießen, und wir ein weites, fast unübersehbares Lager aufschlugen, sowie auch das über Pirna gelegene Schloß Königstein diesseits und den Lilienstein jenseits der Elbe besetzten. Denn in der Nähe dieses letzteren Berges befand sich die sächsische Armee, in deren Lager wir gerade übers Tal hinübersehen konnten. Unter uns im Tale an der Elbe lag Pirna, das jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward.
Bis hierher hatte der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja, dacht' ich, das hat er, er wird auch ferner helfen, und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland; denn was gehen mich eure Kriege an?
Mittlerweile ging's, wie's bei einer marschierenden Armee zu gehen pflegt, bunt übereck und kraus, so daß ich alles zu beschreiben nicht imstande bin, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre. Unser Major Lüderiz, denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders Achtung, mag mir oft meinen Unmut aus dem Gesichte gelesen haben. Dann drohte er mir mit dem Finger: »Nimm dich in acht, Kerl!« Schärern hingegen klopfte er bei den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und nannte ihn mit lächelnder Miene einen braven Burschen, denn der war immer lustig und wohlgemuts und sang bald seine Maurerlieder, bald den Kühreih'n. Im Herzen dachte er wie ich, obschon er es besser verbergen konnte. Ein andermal freilich faßt' ich wieder Mut und dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni, der doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war, auf dem Marsch oder im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen besten Freund, wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, die meinige traulich schüttelte, mir mit liebreicher Wehmut gleichsam in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's wird schon besser kommen!« zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu erwarten, dieselbe aus meinem tränenschimmernden Aug' lesen wollte. Oh! ich wünsche dem Mann, wo er immer tot oder lebendig sein mag, noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir nie mehr zu Gesicht gekommen. Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Order erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern Soldaten ein Gerede: »Heute gibt's was! Heut setzt's gewiß was ab!« Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn wir bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten entwischen konnte, denn wir hatten immer feindliche Kürassiers, Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht durchmarschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte etliche Stunden im Wald herum, aber am Morgen war er wieder hart bei uns und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg, er habe beim Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein, und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste was es wolle.
[Sidenote: Das Lager zu Pirna]
Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen Königstein und Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden Sächsischen bei Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Ich schreibe nur, was ich gesehen, was allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst anging. Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker am allerwenigsten, auch kümmerten wir uns nicht viel darum. Mein und so vieler andrer ganzer Sinn war vollends allein auf: Fort, fort! Heim ins Vaterland! gerichtet.
[Sidenote: Lagerleben]
Vom elften bis zweiundzwanzigsten September saßen wir in unserm Lager ganz still, und wer gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's Marketender und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch, nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot, aller Gattung Baum- und Erdfrüchte. Die Wachten ausgenommen, mochte jeder machen was ihm beliebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Der eine beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen, der dritte kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste schnifelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte seine sechs Mann und einen Überkompletten. Unter diesen sieben war immer einer gefreit, dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs übrigen ging einer auf die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack, was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben, Erdbirnen, Hühner, Enten. Wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete. Was das für ein Mordiogeschrei gab, wenn's durch ein Dorf ging, von Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Da mußte alles mit, was sich tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die Äste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hieß es, was einer nicht kann, mag der andre. Da durft' keine Seel' Mux machen, wenn's nur der Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da tat jeder sein Devoir zum Überfluß. Wir drei Schweizer, Schärer, Bachmann und ich, es gab unsrer Landsleute zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie aber nicht, kamen keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf die Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer das Lager bis auf die Vorposten, besonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs Tal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrat: was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder treffen sollten. Aber zur Hauptsache, zum Hinaus fanden wir alle Löcher verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Nacht allein, ohne Bachmann, davon geschlichen, denn wir trauten ihm nie ganz, und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen, hörten Spießrutenmarsch schlagen, und was es solcher Aufmunterungen mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen.
[Sidenote: Einnahme des sächsischen Lagers]
[Sidenote: Marsch und Kontermarsch]
Endlich, den zweiundzwanzigsten September, ward Alarm geschlagen und erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung, in etlichen Minuten war ein stundenweites Lager, wie die allergrößte Stadt, zerstört, aufgepackt und allons, Marsch! Jetzt zogen wir ins Tal hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem Städtchen, dem sächsischen Lager +en front+, eine Gasse wie zum Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch welche viele gefangene Sachsen zu vieren hoch spazieren, vorher aber das Gewehr ablegen, und, man kann sich's einbilden, die ganze lange Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußten. Einige gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild, und noch andre mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern nichts schuldig bleiben wollte. An dem nämlichen Tage marschierten wir noch ein Stück Wegs fort und schlugen unser Lager bei Lilienstein auf. Den dreiundzwanzigsten mußte unser Regiment die Proviantwagen decken. Den vierundzwanzigsten machten wir einen Kontermarsch, und kamen bei Nacht und Nebel, der Henker weiß wohin. Den fünfundzwanzigsten früh ging's schon wieder fort, vier Meilen bis Aussig. Hier schlugen wir ein Lager, blieben da bis auf den neunundzwanzigsten und mußten alle Tag' auf Furage aus. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn aber unsre Artilleristen nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, flog der Feind über Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt, ich wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' oft: Pah! wenn's nur den Weg hergeht, ist's so übel nicht. Den dreißigsten marschierten wir wieder den ganzen Tag und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder. Inzwischen bekamen wir Order, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit anbrechendem Tag unten im Tal gewaltig blitzen und feuern. In dieser bangen Nacht desertierten viele, neben andern auch Bruder Bachmann. Für mich wollt' es sich noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt hätte.
[Sidenote: Die Schlacht bei Lowositz]